Die Schule der Unaufrichtigkeit

Dr. habil. Heike Diefenbach liest derzeit Robert Spaemann, mit viel Spass und der Konsequenz, dass in der Redaktion von ScienceFiles oft über Spaemann und seine Philosophie gesprochen wird, denn: Seine Ideen sind bemerkenswert und seine Philosophie ist eine faszinierende, stringent argumentierte Philosophie.

Robert Spaemann ist ein deutscher Philosoph, der in den wissenschaftlichen Anstalten Deutschlands kaum rezipiert wird, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das seiner Philosophie und seiner Arbeit gerecht werden würde. Dagegen sind die Arbeiten von Spaemann ins Englische übersetzt und Spaemann gewinnt international die Anerkennung, die ihm in Deutschland bislang versagt bleibt.

Der Grund dafür, dass Spaemann’s Werk in Deutschland nur selten rezipiert oder bearbeitet wird, liegt wohl in der Geradlinigkeit seiner Argumentation und den Inhalten seiner Argumentation, die Gutmenschen und allen, die sich als gut inszenieren wollen, und davon gibt es in Deutschland wahrlich Legionen, nicht gefallen können.

Spaemann_moralische GrundbegriffeSo ist Spaemann der Ansicht, dass Handlungen, Einzelhandlungen, zwar in einem Kontext erfolgen, immer aber für sich stehen und als solche „diskrete Entitäten“ alleine die Möglichkeit eröffnen, ethische Urteile über die Handlungen anderer Menschen, über die Sittlichkeit von deren Handlung zu sprechen.

Dies kann Leuten nicht in den Kram passen, die Dritte z.B. dazu zwingen wollen, etwas zu tun, was diese Dritten nicht tun wollen und dies damit rechtfertigen, dass die Handlung das Beste für diese Dritten sei. Als Einzelhandlung betrachtet, stellt der Handlungszwang, dem Dritte unterworfen werden, eine unmoralische Handlung dar und führt dazu, wie Spaemann stringent argumentiert, dass das entsprechende ethische Urteil über den Zwingenden oder den Gutmenschen in unserer Diktion negativ ausfallen muss, mehr noch: die Behauptung eine schlechte Handlung sei im Rahmen eines größeren guten Kontextes notwendig, wird von Spaemann im Anschluss an Pascal als „Schule der Unaufrichtigkeit“ offengelegt.

Wir geben im Folgenden Teile seines Beitrags über Einzelhandlungen wider, in dem Spaemann diese Argumentation ausbreitet.

„Wir fragen uns nicht ganz allgemein ‚Wohin soll mein Leben gehen?‘, sondern: ‚Was soll ich jetzt tun?‘. Und diese Frage beantworten wir durch Benennung eines bestimmten Inhalts, der eine bestimmte Handlung zu dem macht, was sie ist, eines bestimmten ‚Objekts‘, wie es in der Sprache der Scholastik hieß. Dieser Inhalt der Handlung ist es, der sie zu einer solchen Handlung macht, und nur indem sie eine solche Handlung ist, ist sie überhaupt eine identifizierbare Handlung.
Nur über solche, durch Universalien bestimmte und identifizierbare Handlungen können wir uns miteinander verständigen. Und nur solche Handlungen können wir voreinander rechtfertigen. Rechtfertigung aber ist jedenfalls dort unverzichtbar, wo andere von den Folgen meines Handelns betroffen sind. Wäre nur das Ganze einer Lebenspraxis beurteilbar, und dies zudem nur unter dem Gesichtspunkt einer universellen Optimierungsstrategie, dann wäre ein die Praxis begleitender sittlicher Diskurs, dann wären auch sittliche Äußerungen wie Lob und Tadel gar nicht möglich. Wir könnten einander nicht in die Karten schauen, und auch jede Mitteilung über den Sinn unseres Handelns, ja jede Kommunikation stünde, statt unter dem Wahrheitsanspruch, unter dem Gebot der Weltoptimierung, also unter einer strategischen Absicht.
[…]
Die menschliche Lebenspraxis aber ist eine Form von Sprache. Handelnd geben wir einander etwas zu verstehen. Ja, handelnd lernen wir erst, uns selbst zu verstehen.
[…]
Im übrigen herrscht eine eigentümliche Asymmetrie zwischen Wahrheit und Falschheit. Für die Wahrheit komplexer Sätze gilt: Eine Konjunktion von Teilsätzen wird durch die Falschheit eines Teilsatzes als Ganze falsch, durch die Wahrheit eines Teilsatzes aber nicht wahr.
[…]
Eine ihrem Typus nach schlechte Einzelhandlung kann nicht durch einen übergreifenden Kontext gutgemacht werden, wohl aber die übergreifende, von einer guten Absicht geleitete Handlungssequenz durch eine schlechte Einzelhandlung schlecht. Mit – ihrem Typus nach – guten Einzelhandlungen verhält es sich umgekehrt: Sie werden durch den schlechten Charakter der Handlungssequenz – also durch deren schlechten ‚Zweck‘ – selbst korrumpiert, statt umgekehrt den sittlichen Charakter des Komplexes zu sanieren. Mit anderen Worten, der schlechte Zweck verdirbt das gute Mittel, aber der gute Zweck heiligt nicht das schlechte.
[…]
Es gibt Handlungen, deren moralische Verwerflichkeit deshalb ohne Ansehung des Kontextes von außen beurteilbar ist, ohne dass deshalb über die Gesinnung, also die moralische Qualität der handelnden Person, ein definitives Urteil gefällt werden muss. Über die Lobwürdigkeit einer Handlung kann – aufgrund des Handlungstypus – häufig ebenfalls von außen geurteilt werden, allerdings nur im Sinne eines prima facie Urteils, das durch die Aufdeckung eines korrumpierenden Kontextes revisionsbedürftig werden kann. Worauf es mir ankommt ist, zu zeigen, dass die Annahme von Einzelhandlungen als diskreten Entitäten die Bedingung eines die Lebenspraxis begleitenden ethischen Diskurses ist.
[…]
Fast jede Handlung steht in einer Anzahl verschiedener Kontexte. […] Jeder dieser Kontexte kann dazu dienen, die Handlung zu beschreiben. Komplexe Handlungen sind Handlungen, die wir beschreiben, indem wir sagen, dass jemand etwas tut, indem er etwas anderes tut oder unterlässt.
[…]
Spaemann personenWichtig ist hier, dass es sich nicht um eine zeitliche Folge von Ursachen und Wirkungen, von Mitteln und Zwecken handelt, sondern um eine Integration von Bedeutung. Das Gelingen des Lebens verhält sich zu den Handlungen, die diesem telos dienen, nicht wie der Zweck zu den Mitteln, sondern wie das Ganze zu den Teilen. Die Teile erfüllen eine Funktion für das Ganze, aber sie bilden zusammen selbst dieses Ganze. Die einzelne Handlung aber ist nur dadurch Teil des Ganzen eines gelungenen Lebens, dass sie selbst bereits ein Ganzes ist, indem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt die handelnde Person zur Erscheinung bringt. Der Mensch ist der, der dies – und das heißt, der ’so etwas‘ – tut.
Die Beschreibung der Handlung, also die Definition des ’so etwas‘ kann, wie wir sahen, verschieden sein, aber sie ist nicht beliebig. Ich kann, …, von jemandem sagen: ‚Er hat Peter eine Mitteilung gemacht‘ oder ‚er hat Hans beleidigt‘ oder ‚er hat sich gerächt‘. Aber diese Beschreibungen stehen in einem eindeutigen Verhältnis der Über- und Unterordnung zueinander. Er hat sich gerächt, indem er Hans beleidigte, und er hat Hans beleidigt, indem er gegenüber Peter bestimmte Äußerungen tat. Diese Reihenfolge ist nicht umkehrbar. Vor allem aber: die jeweils spätere Beschreibung hebt die jeweils frühere, grundlegendere nicht auf. Man kann mit Bezug auf sie nicht, wie es der amerikanische Moraltheologe McCormick tut, von einem ‚expanded object‘ sprechen, das es erlaubt, eine an sich unsittliche Handlung umzudefinieren und in eine sittliche zu verwandeln: so also zum Beispiel die Handlung der Tötung von zehn unschuldigen Menschen in die Handlung der Rettung von 100 anderen, die, wenn diese Tötung verweigert worden wäre, hätten sterben müssen. Diese konsequentialistische oder ‚proportionalistische‘ Sicht läßt nicht nur die identifizierbaren Einzelhandlungen in einem Bedeutungskontinuum untergehen, sie ist auch, worauf schon Pascal hinwies, eine Schule der Unaufrichtigkeit. Die Kunst, die sie lehrt ist: ‚diriger l’intention‘. Wem es am besten gelingt, dem, was er tun will, eine gute Absicht zu unterlegen und alles andere zu verdrängen, der hat einen Freibrief, zu tun, was er will. Die einzelne Handlung hat als solche gar keine Identität und daher auch keine sittliche Qualität.“

Aus: Spaemann, Robert (2000). Einzelhandlungen. Zeitschrift für philosophische Forschung 54(4): 514-531.

Über Michael Klein
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11 Responses to Die Schule der Unaufrichtigkeit

  1. rote_pille sagt:

    Genauso ist es auch falsch Enteignungen durchzuführen um Leute vor dem Verhungern zu retten oder ihre Armut zu reduzieren.

  2. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Die Schule der Unaufrichtigkeit

  3. heter sagt:

    Eine kurze Frage:
    Wie habe ich mir ein System ausschließlich guter Handlungen vorzustellen, welches als ganzes schlecht wird. Beziehungsweise wie kann dieses System durch eine schlechte Absicht schlecht werden.
    Ein konkretes Beispiel würde mir vielleicht helfen. Bis jetzt finde ich dies eher widersprüchlich.

    • rote_pille sagt:

      Sehr gute Frage. Muss ich meine Zwecke vor jemandem rechtfertigen? Das geht wieder Richtung Gutmenschentum.

    • Chaeremon sagt:

      @heter, zu „kurze Frage“: ich versuch es ‚mal, lasse aber einiges an Beiwerk weg.

      Wunschgemäss ein Beispiel: die Psychoschamanen und Sozioschamanen behaupten gerne sie können Talent beurteilen, aber was sie dafür messen ist eine Leistung (technisch: ein Proxy).

      Ich zeige gleich den offen heimtückischen Widerspruch, füge aber noch ein dass diesem Proxy per numerologischer Heuchelei etwas zugedacht wird, um das schamanische Verfahren auszubauschen, analog wie kürzlich hier auf ScienceFiles zum Begriff „repräsentativ“.

      Denn was tatsächlich gemessen wird ist das Versagen eine Leistung erbringen zu können: bei den üblichen Examen in Isolation sind das die „schlechten“ Zensuren im Zeugnis.

      Ich lasse der Kürze wegen weg was+wann Talentsuche eigentlich suchen und beurteilen muss. Aber SCNR: „the absence of evidence is the evidence of absence“, jedenfalls bei den Schamanen und ihrer Numerologie.

  4. Emil Kriemler sagt:

    M.M.n. muss die Handlung für sich selbst stimmig und ethisch sein. Andernfalls wird sich das Unterbewusstsein unangenehm bemerkbar machen. Das persönliche Umfeld wird sich (hoffentlich) auch bemerkbar machen.

    „Der Zweck heiligt die Mittel“ geht ja auf Macciavellis „der Fürst“ zurück. Richtiger ist es allerdings auch nach Jahrhunderten nicht.
    Ich denke diese Personen wissen durchaus dass ihre Handlungen nicht korrekt sind, unterdücken es aber.
    Mir scheint man sieht es ihnen auch an.

  5. Roland sagt:

    Das klingt für mich recht idealistisch angehaucht. Sicherlich liegt das an der kurzen Zitation. Was soll eine einzelne Handlung „als solche“ sein? Und selbst wenn es möglich sein sollte einzelne Handlungen „als solche“ oder „ihrem typus nach“ zu erkennen (was ich schlicht als idealistischen Unsinn beziffere), wie hat so eine diskrete Entität plötzlich eine sittliche Qualität? Also eine Handlungen die per se in allen möglichen Welten schlecht ist?

    Ich bezweifle, dass moralische Urteile über Einzelhandlungen verallgemeinerbar sind.

    Insofern Robert Spaemann nicht tiefere Einsichten in die Wahrheit hat als alle anderen Menschen (was im Grunde ja der Fehler aller Ideologen ist), dann bleibt die Frage woher ein moralisches Urteil über eine einzelne Handlung seine Geltung bezieht unbeantwortet.

    Eine Welt in der alle damit einverstanden sind, dass der vermeintlich gute Zweck alle Mittel heiligt, ist sicherlich keine wünschenswerte, aber doch zumindest vorstellbar (und es wurde im 20Jhd. ja auch oft genug praktiziert). Ebenso ist ein Gutmensch überzeugt davon gutes zu tun und die gute Sache zu realisieren unabhängig davon, wieviel Leute sein Verhalten für unmoralisch halten.

    Ferner frag ich mich wie groß Speamann eine diskrete Handlung sieht? Bereits Fußball spielen ist in unendlichen Einzelhandlungen unterteilbar für die ebenso Benennungen gefunden werden können, aber genauso gut kann ich das gesamte Wirken und Leben eines Menschen durch eine einzigen Nennungsakt auf eine Einzelhandlung kondensieren. Dies lediglich als extremes Beispiel.

  6. Sven Kuchary sagt:

    Herr Spaemann scheint Mittel und Zweck sauber zu trennen, und liefert dazu eine Theorie durch sein Konzept der Einzelhandlungen. Ich finde die Argumentation „Eine ihrem Typus nach schlechte Einzelhandlung kann nicht durch einen übergreifenden Kontext gutgemacht werden“ sehr interessant in Hinsich auf die Entstehung von Ideologien, wo sich das Mittel als Zweck verselbständigt.
    Ich nenne als zwei Beispiele den Kommunismus, der urspr. ein Mittel war, um Arbeitern zu mehr Wohlstand zu verhelfen, in dessen Namen aber als Zweck seiner selbst Millionen umgebracht wurden. Oder die Euro-Rettung. Eigentlich war der Euro mal ein Mittel für etwas, z. B. erleichterten Zahlungsverkehr, aber kein Zweck. – Jetzt gehen wir weiter, und denken über den Staat nach: Zweck oder Mittel…

  7. Armin Decker sagt:

    Ein wesentlicher Grund dafür, dass Spaemann in Deutschland nicht gebührend rezipiert wird, dürfte sein, dass er bekennender und praktizierender Katholik ist. Auch in diesem Blog erschien schon ein Beitrag, gemäss dem es offenbar mit sozialwissenschaflichen Methoden nachweisbar ist, dass gläubige Menschen durchschnittlich etwas minderbemittelt sind. Also gehört Spaemann wohl dazu, zusammen mit Heisenberg, Pasteur, Blaise Pascal, Josef Ratzinger, Einstein (umstritten, ob er religiöse war; immerhin hat er die Existenz Gottes als Möglichkeit betrachtet), Sören Kierkegaard und vielen Anderen.

    • Noch ein Fehlschluss. Der Beitrag, auf den Sie sich beziehen, hat von einer Korrelation berichtet, nicht von einer Kausalität. Insofern ist der zweite Teil Ihres Kommentars umsonst, denn niemand hat bestritten, dass es intelligente Katholiken gibt.

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