Gehört der Nationalsozialismus zu Deutschland?

Die Epoch Times berichtet heute von einer natürlich repräsentativen Befragung, die INSA für die BILD Zeitung durchgeführt hat. Befragt wurden 1000 Personen ob sie der Ansicht seien, dass der Islam zu Deutschland gehöre. 60%, teilten diese Aussage nicht, 24% gaben an, die Aussage zu teilen.

INSA scheint sich darauf spezialisiert zu haben, die Frage nach der Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland zu stellen. Vor einigen Wochen wurde dieselbe Frage im Auftrag des Cicero gestellt:

„Das Ergebnis damals: Nicht einmal jeder sechste Deutsche (17,9 Prozent) ist der Meinung, dass der Islam zu Deutschland gehört. Zwei Drittel der Befragten (64,2 Prozent) lehnen diese Aussage des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff und der Bundeskanzlerin Angela Merkel ab. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag von Cicero hervor.“

Nun addieren sich beide Male die Anteile nicht auf 100%, so dass man sich fragt, was ist mit den fehlenden einmal 16% und einmal 17,9% passiert? Haben die Befragten keine Meinung oder wohin sind sie verschwunden? Es gehört schon lange nicht mehr zur Lauterkeit der Berichterstattung, den Lesern genau mitzuteilen, wie die Frage, deren Ergebnisse verbreitet werden, eigentlich formuliert wurde und welche Antwortalternativen es gab.

Nach aller Erfahrung kann man davon ausgehen, dass die Frageformulierung durch INSA in etwa so aussieht:

Wie sehr stimmen Sie der Aussage: „Der Islam gehört zu Deutschland“ zu?
Voll und ganz, eher, eher nicht, überhaupt nicht.
Der Witz an solchen Frageformulierungen ist die Abstufung der Antwortmöglichkeiten. Genau diese Abstufung geht regelmäßig verloren, wenn die Ergebnisse berichtet werden.

Aber lassen wir das.
Fragen wir lieber: Was misst die Frage eigentlich?
Was ist der Gehalt der Aussage, der Islam gehört zu Deutschland?

Ist die Aussage normativ? Soll gemessen werden, ob die Befragten der Ansicht sind, dass Deutschland und Islam kompatibel oder eben nicht kompatibel sind?

Ist die Aussage deskriptiv? Soll geprüft werden, ob die Befragten wissen, dass in Deutschland rund 4,5 Millionen Muslime leben und damit zwangsläufig ein Teil Deutschlands sind, eben weil sei auf dem deutschen Staatsgebiet leben?

Wenn die Aussage deskriptiv ist, dann folgt aus der Verteilung der Antworten, dass gut 60% der Befragten nichts über das Land, in dem sie leben, wissen.

Wenn die Aussage normativ ist, dann wissen wir jetzt, dass gut 60% der Befragten es ablehnen, den Islam als Bestandteil von Deutschland anzusehen.

Aber was ist mit Deutschland gemeint?

Das Staatsgebiet? Die Nation?

Die deutsche Kultur, also alle kulturellen Leistungen, die z.B. von Deutschen geschaffen wurden und die nun als die deutsche Kultur konstituierend angesehen werden, von den schwäbischen Maultauschen über Ernst Schrödinger bis zu VW?

Das deutsche Narrativ, also das, was den Staat Deutschland als solchen konstituiert, die historischen Begebenheiten, die zusammengenommen die Existenz von Deutschland nach sich gezogen haben, von der Schaffung der Bonner Republik durch die West-Alliierten über den Vereinigung der beiden Deutschlands bis zum Verzicht auf Kernenergie?

Wozu gehört der Islam nach Ansicht der Mehrheit der Deutschen also nicht oder was um aller Götter willen wurde hier gemessen?

Zyklon b gehört zu Deutschland.

Rechtlich und formal haben Religionen überhaupt nichts mit Deutschland zu tun, denn Deutschland ist ein säkularer Staat. Konsequenterweise gehören auch das Christentum und das Judentum nicht zu Deutschland.

Kulturell ist das anders. Die deutsche Kultur enthält christliche und jüdische Elemente, sie enthält aber auch arabische Elemente, z.B. den Döner oder die Algebra. Kultur ist offensichtlich fluide und längst voller arabischer Einflüsse, z.B. in gerösteter und aufgebrühter Form. Folglich wäre es abermals sinnlos, den arabischen Beitrag zur deutschen Kultur zu leugnen. Hier stellt sich natürlich die Frage, ob man arabische Kulturleistungen zu 100% mit dem Islam gleichsetzen kann.

Bleibt der politische Narrativ, der letztlich das demokratische Deutschland zum Gegenstand hat, seine Normen und die Werte, auf denen es aufbaut. Abermals sind diese Normen flüssig. Der Kampf, den Homosexuelle und Feministen führen, ist ein Kampf, der das demokratische Deutschland, wie man es aus den 1950er Jahren kennt, verändern soll. Witziger weise stehen Muslime mit den Werten, die sie mehrheitlich teilen, zumeist in Opposition zu der Gesellschaft, die Feministen und Homosexuellen vorschwebt, sind sie mit ihren Moralvorstellungen eher Vertreter der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland.

All die Versuche, die so pauschal formulierte Frage mit Sinn zu füllen, scheitern, weil man letztlich zu der Einsicht kommt, dass es „den Islam“ nicht gibt. Es gibt eine Vielzahl von Vorstellungen über den Islam, und niemand weiß, welche Vorstellung derjenige, der gerade sagt, er sei eher der Ansicht, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, hat. Fragen wie die dargestellte, sind absoluter Unsinn und nur da denkbar, wo Sozialforschung eher daran interessiert ist, Beiträge zum Populismus zu erbringen, als daran, wissenschaftliche Ergebnisse zu produzieren.

Variieren wir die pauschale Frage, und ihre Nutzlosigkeit wird sehr deutlich:
Wie sehr stimmen Sie den folgenden Aussagen zu?

  • Der Nationalsozialismus gehört zu Deutschland.
  • Deutsch Südwest-Afrika gehört zu Deutschland.
  • Die Zeugen Jehovas gehören zu Deutschland.
  • Die Bader-Meinhof-Gruppe gehört zu Deutschland.
  • Der Genderismus gehört zu Deutschland.
  • Hein Rühmann gehört zu Deutschland.
  • Die SED gehört zu Deutschland.
  • Der Marxismus gehört zu Deutschland.
  • Die Franziskaner gehören zu Deutschland.
  • Der Holocaust gehört zu Deutschland.
  • Die Münchner Räterepublik gehört zu Deutschland.
  • Das Oktoberfest gehört zu Deutschland.
  • Die Olympischen Sommerspiele von 1972 gehören zu Deutschland.
  • Stechmücken gehören zu Deutschland.
  • Der Kaiser gehört zu Deutschland.
  • Die Polen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ins Ruhrgebiet eingewandert sind, gehören zu Deutschland.
  • Die Polen, die in den letzten Jahren zugewandert sind, gehören zu Deutschland.
  • Rußlanddeutsche gehören zu Deutschland.
  • Der 30jährige Krieg gehört zu Deutschland.
  • Die Aufklärung gehört nicht zu Deutschland.
  • Kritischer Rationalismus gehört zu Deutschland.
  • Kapitalisten gehören zu Deutschland.
  • Pfälzer gehören nicht zu Deutschland.
    Usw.

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3 Responses to Gehört der Nationalsozialismus zu Deutschland?

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Gehört der Nationalsozialismus zu Deutschland?

  2. Gereon says:

    Es ist, wie schon einmal erwähnt , ein Unterschied, ob sich etwas in Deutschland befindet, anwesend ist oder dazugehören soll.
    Eine fremde Ideologie, von außen hereingebracht und mit Geldmitteln von außen befördert ist zwar im Lande, wird aber als Fremdkörper wahrgenommen. Wie lage es braucht, bis ein Imlantat Teil des Körpers ist, hängt von der Natur des Implantates ab. Bei den Polen des 19. Jhrdts. hat es zwar etwas gedauert, aber die haben die deutsche Umgebung auch nicht abgelehnt und versucht, ein zweites Polen aufzuziehen und genau darin liegt der Unterschied.
    Wenn ,manche hierherkommen, nur um die Zustände einer Heimat herzustellen, vor denen man (angbl.) weggelaufen ist, ein Tatbestand erfüllt, der mit I anfängt.

  3. Pingback: franquia 2018

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