Antisemitismus hat zugenommen? Junk Studie zeigt genau das nicht [SF-Faktenfinder]

Im Tagesspiegel: Studie zu Judenhass: Antisemitismus im Internet nimmt massiv zu

Frankfurter Rundschau: Antisemitismus im Netz nimmt zu

Potsdamer Neueste Nachrichten: Studie zu Judenhass: Antisemitismus im Internet nimmt massiv zu

Deutschlandfunk: Studie der TU-Berlin: Antisemitismus im Internet wächst

FAZ: Echte Bedrohung: Antisemitismus im Internet nimmt zu

Süddeutsche Zeitung: Antisemitismus im Netz wächst dramatisch

Wir könnten die Liste der Medien, die sich gerne als Qualitätsmedien bezeichnen, fortsetzen. Die Meldung ist einheitlich: Antisemitismus im Netz steigt. Die Studie, auf die sich die Meldung bezieht, ist immer dieselbe: Eine Studie der TU-Berlin. Die Fähigkeiten der jeweiligen Journalisten, Junk von Wissenschaft zu unterscheiden, sind wie gewöhnlich nicht vorhanden. Ob dies darauf zurückzuführen ist, dass bei manchen der Sabber läuft, wenn sie derartige Meldungen aus dem Ticker nehmen, Meldungen über das furchtbare Internet, in dem die Rechtsextremen mit ihrem Antisemitismus allgegenwärtig sind, wenn es nach den feuchten Phantasien der entsprechenden Journalisten geht, das wissen wir nicht, aber wir vermuten es.

Und wenn es darum geht, nützlichen Junk zu posten, dann fehlt natürlich die von Steuerzahlern finanzierte Amadeu-Antonio-Stiftung auch nicht:

Alle Meldungen beziehen sich auf eine angebliche Studie, die am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin durchgeführt wurde. Die Studie trägt den Titel “Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses. Verantwortlich ist Monika Schwarz-Friesel, die in der Fachwelt nicht unbedingt als Größe der empirischen Sozialforschung bekannt ist. So wie Linguisten im Allgemeinen nicht dadurch auffallen, dass sie soziale Fakten untersuchen, geschweige denn, mit den Methoden der empirischen Sozialforschung hantieren. Die Not bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ihr Geld zu verpulvern, muss groß sein, wenn derartiger Junk, wie der aus Berlin, gefördert wird.

Wir wollen uns gar nicht mit der qualitativen Herangehensweise aufhalten, denn die ist nachgeordnet. Alles, was Schwarz-Friesel und die Journalisten, die durch keinerlei Urteilsvermögen getrübt, über die Ergebnisse von Schwarz-Friesel berichten, behaupten, hängt an den Ergebnissen, die in Kapitel 3.1 beschrieben und im ersten Satz der Zusammenfassung wie folgt formuliert sind.

„Antisemitismen haben im digitalen Zeitalter signifikant zugenommen (s. 3.1).“

Es zeichnet die Ahnungslosen und Inkompetenten regelmäßig aus, dass sie von ihrer Ahnungslosigkeit zu Gigantismus geführt werden, der schon mit gesundem Menschenverstand zu widerlegen ist, denn das digitale Zeitalter, in dem Antisemitismen angeblich zugenommen haben, es findet nicht nur in Deutschland statt. Es gibt auch noch Franzosen, Briten, Amerikaner, ja selbst Inder und Chinese und Palästinenser und Israeli im Internet. Studien aus Deutschland können also nichts über Antisemitismen im digitalen Zeitalter aussagen.

Natürlich ist diese unsinnge Behauptung, die alleine schon ausreicht, um Schwarz-Friesel jede Kompetenz in Sozialforschung und eigentlich auch in Linguistik bestreiten zu können, das einzige, was es in die deutschen Journalistengehirne geschafft hat: Mehr Antisemitismus im Internet …
Aber betrachten wir näher, was Schwarz-Friesel angestellt hat und schaudern wir, ob ihrer methodischen Inkompetenz.

„Die Longitudinalstudie zu Internetkommentaren belegt einen starken Anstieg von antisemitischen Texten in den Kommentarbereichen der Online-Qualitätsmedien von 2007 bis 2017“.

Diesen Satz finden wir auf Seite 15 des Junks, den die DFG gefördert hat.

Longitudinalstudie, eigentlich Longitudinaldaten, ist ein Begriff aus der empirischen Sozialforschung und bezieht sich auf Individualdaten: Er beschreibt das Forschungsdesign einer empirischen Studie. Ein longitudinales Forschungsdesign sagt, dass DIESELBEN Befragten zu MEHREREN Zeitpunkten befragt werden. Das Sozio-ökonomische Panel des DIW in Berlin ist ein longitudinaler Datensatz. Das, was Schwarz-Friesel als Datensatz zusammen gefrieseltpfriemelt hat, ist es nicht.

Schwarz-Friesel hat nicht dieselben Befragten im Datensatz.
Schwarz-Friesel hat nicht einmal indivdiduelle Personen befragt und entsprechend keine individuell zuordenbaren Daten. Schwarz-Friesel hat Kommentare aus dem Internet gesammelt, Kommentare, die zu sechs Zeitpunkten von ganz unterschiedlichen Kommentatoren im Internet zu ganz unterschiedlichen Themen hinterlassen wurden:

  • Im Jahre 2007 sind es 1.318 Kommentare zur Oettinger-Filbinger Affäre. Wie sie ausgewählt wurden? Niemand weiß es. Warum sie ausgewählt wurden? Niemand weiß es. Aus welcher Menge von möglichen Kommentar-Subjekten sie ausgewählt wurden? Niemand weiß es. Man weiß, die Kommentare stammen aus den Kommentarspalten von Welt, Focus, Spiegel, FAZ, SZ, Tagesspiegel und taz. Warum aus den Kommentarspalten dieser Tageszeitungen? Niemand weiß es. Ob die Kommentarspalten der Zeitungen für Kommentare, die im Internet abgegeben werden, repräsentativ sind? Niemand weiß es. Es ist schon erfrischend zu sehen, wie unbedarft Schwarz-Friebel an empirische Sozialforschung herangeht, so, als gäbe es die Methodenkenntnisse, die mittlerweile ganze Reihen in Universitätsbibliotheken mit Lehrbüchern füllen, gar nicht.
  • Im Jahr 2009 sind es 380 Kommentare zur Gaza-Krise. Wie sie ausgewählt wurden? Niemand weiß es. Warum sie ausgewählt wurden? Niemand weiß es. Aus welcher Menge von möglichen Kommentar-Subjekten sie ausgewählt wurden? Niemand weiß es … Sie kennen das.
  • Im Jahr 2010 sind es 198 Kommentare zu Charlotte Knobloch (warum auch nicht). Einmal mehr : Wie sie ausgewählt wurden? … [oben lesen].
  • Im Jahr 2012 sind es 1.119 Kommentare zur Beschneidung. Wie sie ausgewählt wurden? … [oben lesen].
  • Im Jahr 2014 sind es 2.166 Kommentare zur nächsten Gaza-Krise. Wie sie ausgewählt wurden? … [oben lesen].
  • Im Jahr 2017 sind es 994 Kommentare zum Israelbesuch von Sigmar Gabriel. Wie sie ausgewählt wurden? … [oben lesen].

Die entsprechenden Kommentare will Schwarz-Friebel mit MaxQDA, einer qualitativen Krankheit die Programm geworden ist und qualitative Sozialforscher mit der Illusion, sie hätten Daten bearbeiten, versorgt, ausgewertet und einen Anstieg, nein: “einen starken Anstieg von antisemitischen Texten“ festgestellt haben.

Das ist so großer methodischer Schwachsinn, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Fangen wir mit dem ehrgeizigen Ziel an, das man nur haben kann, wenn man methodisch ahnungslos ist: Im Zeitverlauf eine Veränderung messen und auf eine Grundgesamtheit hochrechnen.

Wie macht man das?

Mit einem longitudinalen Datensatz, der es erlaubt, auf Grundlage der Daten, die man für dieselben Befragten zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhebt, Aussagen über Veränderungen zu machen, die man als repräsentativ für eine Grundgesamtheit ansehen kann. Wir sind hier also wieder in der Diskussion darüber, ob es möglich ist, eine repräsentative Stichprobe zu ziehen. Wenn wir einmal das Methoden-Textbuch-Wissen zur Anwendung bringen, dann setzt dies voraus, dass alle Elemente der Grundgesamtheit, und zwar zu jedem Befragungszeitpunkt, dieselbe Wahrscheinlichkeit haben, in den Datensatz zu gelangen. Es ist schon bei einer Stichprobenziehung zu einem Zeitpunkt ein Riesenproblem, eine repräsentative Ziehung zu gewährleisten und – wie wir hier argumentieren – weitgehend unmöglich. Wer von den Schwierigkeiten, mit denen die Mitarbeiter der Datenabteilung beim DIW versuchen, ihr Panel repräsentativ zu halten, einen Eindruck gewinnen will, der kann sich einmal durch die Methodenberichte lesen, diesen hier zum Beispiel. Triggerwarnung: Die Berichte sind sehr mathematiklastig, nichts für schwache Gender-Hirne.

Aber die Probleme, die wir hier ansprechen, sie verhalten sich zu dem, was Schwarz-Friebel gemacht hat, wie eine Diskussion über Hilbertsche Probleme zu einfacher Addition ganzer Zahlen.

Schwarz-Friebel ist nicht einmal in der Nähe von Daten, die generalisierte Aussagen erlauben.

  • Sie hat zu unterschiedlichen Zeitpunkten, zu unterschiedlichen Themen, Kommentare von unterschiedlichen Kommentatoren gesammelt.
  • Sie kennt weder die Grundgesamtheit aller Kommentare.
  • Noch kennt sie die Grundgesamtheit aller Kommentatoren.
  • Noch kennt sie den Anteil judenfeindlicher Kommentare an allen Kommentaren.
  • Noch den Anteil von Kommentatoren, die mindestens einen judenfeindlichen Kommentar abgegeben haben.

Und damit sind wir gar nicht bei Problemen der Kodierung, wie sie sich bei qualitativen Studien regelmäßig ergeben und zu Willkürlichkeit und nicht Replizierbarkeit der Ergebnisse führen.

Auf Grundlage ihrer Daten kann Schwarz-Friebel nur Aussagen wie die folgenden machen:

  • Unter den 1.318 für das Jahr 2007 analysierten Kommentaren fanden sich 7,51%, also 99 Kommentare, die als antisemitisch kodiert wurden. Das sagt über die Menge der antisemitischen Kommentare im Jahr 2007 ÜBERHAUPT nichts aus.
  • Unter den 994 für das Jahr 2017 analysierten Kommentaren fanden sich 30,18% Kommentare (also 300), die als antisemitisch kodiert wurden. Das sagt über die Menge der antisemitischen Kommentare im Jahr 2017 ÜBERHAUPT nichts aus und kann auch mit den Ergebnissen von 2007 nicht verglichen werden, denn:

Niemand weiß, in welchem Verhältnis die 2007 zum Thema “Oettinger-Filbinger” ausgewählten Kommentare aus dem, was Schwarz-Friebel für Online-Qualitätsmedien hält, zu allen in diesem Jahr im deutschsprachigen Internet gemachten Kommentaren steht (für 2017 gilt dasselbe in Bezug auf die Israelreise Gabriels). Niemand weiß, warum das Thema „Oettinger-Filbinger“ im Jahre 2007 und das Thema „Israelbesuch Gabriel“ im Jahr 2017 ausgewählt wurde, um Kommentare zu sammeln. Niemand weiß, wer zu den entsprechenden Themen kommentiert hat. Niemand weiß, in welchem Verhältnis diejenigen, die zu dem Thema kommentiert haben, zu allen potentiellen Kommentatoren im deutschsprachigen Internet stehen, geschweige denn zur Grundgesamtheit derer, die in den entsprechenden Kommentarspalten schon einmal kommentiert haben.

Kurz: Mit den Ergebnissen von Schwarz-Friesel kann man den Reißwolf füttern. Die Studie ist Junk. Das Design ist Junk. Die Auswertung ist Junk. Die Interpretation ist Junk.

Sozialforschung kann eben nicht jeder.

Und da Linguisten nicht dafür bekannt sind, dass sie Methoden der empirischen Sozialforschung überhaupt im Curriculum haben, ist dies auch nicht verwunderlich.

Verwunderlich ist die Nonchalance, mit der sich Personen wie Schwarz-Friesel an Themen wagen, die ihre Kompetenzen um ein Vielfaches übersteigen.

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