Uniformierung des sozialen Charakters: Wie hergestellte Gleichheit Freiheit zerstört

Dr. habil. Heike Diefenbach hat eine wahre Perle deutscher Sozialforschung aufgetan, die zeigt, dass Sozialwissenschaftler sehr wohl dazu in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen vorherzusagen.

Im Jahr 1961 hat der bekannte deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf ein Buch mit dem Titel „Gesellschaft und Freiheit“ veröffentlicht, indem er die damalige westliche Gesellschaft einer soziologischen Analyse unterzogen hat. Im diesem Zusammenhang hat er auch das Verhältnis zwischen Gleichheit und Freiheit betrachtet. Was er damals diesbezüglich geschrieben hat, scheint in der heutigen Gesellschaft, in der aus der Gleichheit der Bürgerrechte Gleichstellung von Bevölkerungsgruppen, teilweise durch Quotensetzungen, geworden ist, wieder hochrelevant.

Dahrendorf unterscheidet bei seiner Durchsicht der Gesellschafts- und Freiheitstheorien vorheriger Philosophen drei Arten von Gleichheit:

(1) „Gleichheit des staatsbürgerlichen Status“, mit der Dahrendarf Gleichheit vor dem Gesetz inklusive gleichen Wahlrechts – und Chancengleichheit beschreibt, d.h. „Menschen sind gleich als Staatsbürger, wenn sie die gleiche Chance haben, ein bestimmtes Einkommen zu verdienen oder einen bestimmten Ausbildungsstand zu erreichen“ (Dahrendorf 1961: 388);

(2) „Gleichheit des sozialen Status bezeichnet im Gegensatz zu staatsbürgerlicher Gleichheit eine Nivellierung der Weisen sozialer Teilnahme. Sie bezieht sich nicht auf die Basis, sondern auf die Formen der sozialen Existen. Menschen sind gleich in ihrem sozialen Status, wenn sie tatsächlich alle 400 DM verdienen oder das Abitur haben“ (Dahrendorf 1961: 388). Diese Form der Gleichheit wird heute oft als Ergebnisgleichheit bezeichnet;

(3) „Gleichheit des sozialen Charakters“ (Dahrendorf 1961: 404), wobei Dahrendorf an John Stuart Mill anschließt, der als „Tyrannis der Gesellschaft“ eine Tendenz der Gesellschaft bezeichnet hat, „ihre eigenen Ideen mit anderen Mitteln als gesetzlichen Strafen denen als Verhaltensregeln aufzuzwingen, die anderer Meinung sind; die Entwicklung und Bildung jeder Individualität, die nicht mit ihren Weisen harmonisiert, zu stören und nach Möglichkeit zu verhindern und alle Charaktere zu zwingen, sich nach dem Modell ihres eigenen Charakters auszurichten“ (Mill, zitiert nach Dahrendorf 1961: 404).

Die Herstellung der „Gleichheit des sozialen Charakters“ geht weit über Konformismus als solchen, den jedes gesellschaftliche Zusammenleben in einem Mindestmaß erfordert hinaus. Sie involviert „extrem starke Kontrolle und extrem weitgehende[…] Regelung“ (Dahrendorf 1961: 406), die wiederum ins Privatleben hineinreicht und Menschen, deren Überzeugungen oder Verhaltensweisen abweichen, mit beruflichen oder rechtlichen Schwierigkeiten bedroht (Dahrendorf 1961: 405). „Gleichheit [des sozialen Charakters] entsteht … dann und dort, wo das notwendig konforme, also gesellschaftlich geregelte und kontrollierte Verhalten des Einzelnen zugleich uniform wird, wo also Inhalte des gesellschaftlich verlangten Verhaltens auf wenige Alternativen oder gar eine einzige Möglichkeit verengt erscheinen, so dass jede Individualität in dem allgemeinen grauen Brei des konformen Verhaltens verschwindet. Ist nicht nur von jedem etwas, sondern von allen dasselbe verbindlich verlangt, dann entsteht jene Form der Gleichheit, die sich als Gleichheit des sozialen Charakters beschreiben lässt“ (Dahrendorf 1961: 406).

Gleichheit des staatsbürgerlichen Status“ ist heute und war auch im Jahr 1961 in westlichen Gesellschaften sehr weitgehend gegeben und wird von Dahrendorf zurecht als „… mit der (Möglichkeit der) Freiheit nicht nur vereinbar [betrachtet]; sie ist Bedingung der Möglichkeit der Freiheit aller Menschen … Die Gleichheit des staatsbürgerlichen Status ist der Gesellschaftsvertrag freier Menschen; durch sie, und nur durch sie wird die Chance der Selbstverwirklichung von Privileg weniger Auserwählter zum Rechtsanspruch jedes Menschen. Ohne diese Form der Gleichheit ist allgemeine Freiheit nicht denkbar“ (Dahrendorf 1961: 386).

Gleichheit des sozialen Status“ hat Dahrendorf nicht mit der heutige Politik anleitenden Vorstellung verbunden, dass die Gesellschaft in Bevölkerungsgruppen mit partikularen Interessen zerfällt, sondern mit der Vorstellung individueller Gleichheit mit Bezug auf sozialen Status. Diesbezüglich sieht Dahrendorf keinen nennenswerten Anlass, politisch einzugreifen. Dahrendorf betrachtet „sozialen Status“ als aus vier Faktoren bestehend, nämlich Erziehung und Ausbildung, Sozialprestige, Einkommen und Eigentum. Was die ersten beiden betrifft, so hält er den Gedanken, sie im Interesse der Gleichheit nach oben beschneiden zu wollen, für „lächerlich[…]“ (Dahrendorf 1961: 392):

„Es dürfte schwer sein zu zeigen, dass die lange und gründliche Spezialbildung der Wenigen die Freiheit der Vielen beschneidet [, denn] [e]s gibt kein Monopol auf Wissen …“ (Dahrendorf 1961: 392), und „[d]urch das hohe Prestige des Arztes, des Richters und (in Deutschland) [damals, im Jahr 1961] des Universitätsprofessors dürften sich viele belustigt, aber wenige bedroht fühlen“ (Dahrendorf 1961: 393). Von Einkommenungleichheit sieht Dahrendorf auch keine Gefahr ausgehen, weil „[d]as Einkommen […] zu einer möglichen Bedrohung der Freiheit [anderer] erst dann [wird], wenn es sich als Eigentum in ein Instrument der Macht verwandelt“ (Dahrendorf 1961: 394). Aber auch im Fall des Eigentums gilt, dass es „… nicht eigentlich die Ungleichheit der vordergründigen Status-Kriterien [ist], sondern der Sprung von diesen zur Macht bzw. Herrschaft, der den Ruf nach einer gewissen[!] sozialen Gleichheit nach oben laut werden lassen könnte[!]“ (Dahrendorf 1961: 394).

Von den drei genannten „Gleichheiten“ ist die Gleichheit des sozialen Charakters diejenige, die „in besonderem Maße die Chance der Freiheit bedroht“ (Dahrendorf 1961: 404), und zwar deshalb, weil „Freiheit […] [die] Chance der menschlichen Selbstverwirklichung [ist]; Gleichheit des sozialen Charakters aber heißt, dass der Mensch, was immer er tut, stets in seinem Tun nur die Gesellschaft um ihn bestätigt und verwirklicht“ (Dahrendorf 1961: 409). Gleichheit des sozialen Charakters unterdrückt also das Individuelle per se, das Individuelle in jedem einzelnen Menschen:

„Wo die Gleichheit des sozialen Charakters mit einschneidenden Mitteln der sozialen Kontrolle gekoppelt erscheint, wird jedes Fünkchen Spontanität zur Bedrohung der sozialen Existenz; denn in der Gesellschaft gilt nur die Maske, und diese ist für alle gleich“ (Dahrendorf 1961: 408).

Aber nicht nur Spontanität als individuelle Seins-Äußerung wird durch Gleichheit des sozialen Charakters im Keim erstickt.

„Das Element der Freiheit, die Ungleichheit der menschlichen Natur im Hinblick auf die Weisen der Existenz, wird zum Tabu: Persönliche Talente, Wünsche und Interessen müssen verdrängt, nicht entwickelt werden, um dem Anspruch der Gesellschaft zu genügen. Zwischen der (Möglichkeit der) Freiheit aller und der Gleichheit des sozialen Charakters gibt es daher kein verbindendes Glied. Menschen können frei sein in dem Maße, in dem sie in ihrem sozialen Charakter ungleich sein dürfen; Menschen sind unfrei in dem Maße, in dem ihre sozialen Charaktere einander gleichen“ (Dahrendorf 1961: 409).

Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht daran, dass er als „Rassist“ gelten kann, wenn er jemanden mit dunkler Hautfarbe und offensichtlich nicht-europäischen Zügen danach fragt, woher er komme, oder dafür lobt, dass er gut Deutsch spreche? Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht daran, dass er von Arbeitskollegen beim Vorgesetzen gemeldet werden kann, wenn er sich über die Arbeitsleistung des weiblichen Kollegen oder des Kollegen mit Migrationshintergrund negativ äußert? Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht daran, dass er zum Menschenfeind per se erklärt wird, wenn er als AfD-Wähler identifiziert wird? Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht an „edit wars“ z.B. in der Wikipedia, an das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, an die Gleichschaltung der öffentlich-rechtlichen Medien und ihre systematischen Informationsunterschlagungen? Tatsächlich hat Dahrendorf im Jahr 1961 Anzeichen dafür gesehen, dass es so weit kommen könnte wie es inzwischen gekommen ist. Er schrieb im Jahr 1961: „Indes liegt die Vermutung nahe, dass mehrere Gesellschaften der Gegenwart durch eine Tendenz zur Uniformierung des sozialen Charakters gekennzeichnet sind“ (Dahrendorf 1961: 408).

Mit Dahrendorf halten wir fest:

Gleichheit des staatsbürgerlichen Status ist weitgehend verwirklicht. Auch dann, wenn angesichts ständiger Veränderungen immer wieder neu verhandelt werden muss, wer als Staatsbürger gilt und wer nicht, ändert das nichts daran, dass, wer Staatsbürger ist, dieselben staatsbürgerlichen Rechte hat wie andere, die Staatsbürger sind.

Gleichheit des sozialen Status ist weitgehend irrelevant insofern als Ungleichheit des sozialen Status die Freiheit der Menschen nicht negativ beeinflusst. Diesbezüglich ist also keine politische Intervention notwendig. (Insbesondere die Intervention zugunsten bestimmter Gruppen, z.B. durch Quotierungen, in der Gesellschaft ist problematisch, eben weil sie die Freiheit des Individuums – und es gibt Menschen nur in Form von bestimmbaren Individuen! – einschränkt.) Falls soziale Ungleichheit jemandem ermöglicht, sich Macht oder Herrschaft zu erkaufen, dann wird dies häufig Korruption u.ä. Machenschaften involvieren, die strafrechtlich relevant sind. Selbst dann, wenn sie (eine zeitlang) nicht entsprechend verfolgt werden, erregen sie früher oder später den Unmut und Widerstand der Bevölkerung, die eben an der Tatsache, dass die Macht oder Herrschaft auf der Basis von Eigentum erkauft wurde, Anstoß nehme wird. Eine solche Macht oder Herrschaft dürfte daher immer prekär und nicht stabil sein.

Gleichheit des sozialen Charakters stellt eine grundlegende Bedrohung der Freiheit aller Menschen in einer Gesellschaft dar, und sie ist diejenige Form von Gleichheitsherstellung, mit der wir uns heute in westlichen Gesellschaften von Seiten der Politik am stärksten konfrontiert sehen. Es geht dabei um nicht mehr und nicht weniger als die Frage, inwieweit wir für unser Recht einstehen wollen, nicht nur Menschen zu sein, sondern unterschiedliche Menschen zu sein, d.h. diejenigen Menschen zu sein, die wir sind, geworden sind und sein wollen, und uns als diese Menschen, in unserer Individualität, auszudrücken. Dahrendorf hat seine Betrachtungen mit dem folgenden Satz abgeschlossen: „Sozialliberale Politik muss vor allem liberal sein, denn die gleiche Freiheit ist vor allem Freiheit“. Wir würden leicht umformulieren bzw. ergänzen wollen: „Politik muss grundsätzlich liberal sein, denn es ist nicht Ungleichheit, sondern künstlich hergestellte Gleichheit der Menschen, die ihre Freiheit bedroht. Ungleiche Menschen haben gleichermaßen ein Recht auf gleiche Freiheit, d.h. auf Freiheit per se.

Dahrendorf, Ralf, 1961: Gesellschaft und Freiheit: Zur soziologischen Analyse der Gegenwart. München: Piper & Co.

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