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Mediale Desinformation über „Flüchtlinge“: Plötzlich gibt es keine Diversität mehr

Die Medien, die in Deutschland haarklein sogar nach sexueller Orientierung differenzieren, sind merkwürdig undifferenziert, wenn es um Flüchtlinge geht. Dann spielt Diversität plötzlich keine Rolle mehr.

„600 afrikanische Flüchtlinge“ haben nach Angaben von Spiegel-Online, den Grenzzaun zur spanischen Enklave Ceuta „gestürmt“.


Afrika ist ein großer Kontinent. Die Fragen, von wo genau, die 600 afrikanischen Flüchtlinge kommen, geschweige denn, wovor sie geflohen sind, also die menschlichen Schicksale hinter der Flucht interessieren Spiegel Online offensichtlich nicht. Es sind eben 600 Flüchtlinge mehr für eine Statistik.

„600 Migranten“ sind nach Informationen der WELT, „gewaltsam in die spanischen Exklave Ceuta gelangt“. Bei den Migranten, so wird man im Text belehrt, handle es sich um einen Teil der 10.000 „notleidenden Afrikaner, vorwiegend aus Sub-Sahara-Afrika“, die in Marokko leben sollen. Wir nähern uns an. Die Flüchtlinge, Migranten oder Zuwanderer, stammen also aus Sub-Sahara-Afrika.

Ob es zum Not leiden gehört, Grenzzäune zu stürmen und dazu Behelfs-Flammenwerfer zu bauen, ist eine andere Frage.

Im Stern sind es „mehr als 700 Flüchtlinge“, die den „Grenzzaun bei Ceuta“ überwunden haben. Einfach so. Woher auch immer sie stammen mögen. Beim Stern setzt man sich gerne dadurch von der Konkurrenz ab, dass man 100 mehr Flüchtlinge oder ein paar Tagebücher von Hitler dazu erfindet.

Die Deutsche Welle berichtet von 400 bis 600 Afrikanern, die “plötzlich und mit viel Gewalt” den Grenzzaun bei Ceuta gestürmt haben. Interessanter Weise bezieht sich die Deutsche Welle auf die spanische Presse, die die Herkunft der „Hunderten von Migranten“ mit „Westafrika“ angibt.

Das Neue Deutschland berichtet von „mehr als 700 Menschen, die den Grenzzaun der spanischen Nordafrika-Enklave Ceuta überwunden“ haben. Im Text werden die Menschen dann zu Geflüchteten, das ist alles, was sie charakterisiert: Mensch und geflüchtet. Woher sie kommen, wer sie sind, das interessiert das Neue Deutschland nicht. Das Neue Deutschland als ehemaliges (?) SED-Blatt hat nach wie vor ein gestörtes Verhältnis zu Grenzzäunen und entsprechenden Rechtssätzen.

Wollte man auf Grundlage von Medienberichten zusammenklauben, woher diejenigen kommen, wie viele es sind und wer diejenigen sind, die den Grenzzaun zur spanischen Exklave Ceuta gestürmt haben, man hätte die folgenden Angaben:

  • 400-600 Afrikaner aus Westafrika;
  • 600 Migranten;
  • 600 afrikanische Flüchtlinge, Zuwanderer aus Sub-Sahara Afrika;
  • Mehr als 700 Flüchtlinge;
  • Mehr als 700 Menschen, Geflüchtete:

Die Variation in den Worte macht die Desinformation, die immer dann einsetzt, wenn es um Migranten geht, sehr deutlich. Afrikaner aus Westafrika sind nicht generell Migranten, Migranten sind keine afrikanischen Flüchtlinge aus Sub-Sahara Afrika, aber alle sind Menschen. Das Neue Deutschland treibt die Desinformation auf die Spitze und weigert sich, jede Form einer Beschreibung derer vorzunehmen, die nach Ceuta eingedrungen sind.

Wir wollen hier rekonstruieren, wer die Flüchtlinge, Migranten, Afrikaner, Geflüchteten, Zuwanderer, Menschen sind.
Beginnen wir mit der Frage, wo sich Ceuta eigentlich befindet. Ceuta liegt an der Straße von Gibraltar im Norden Afrikas und grenzt an Meer und Marokko.

Um nach Ceuta zu gelangen, muss ein Westafrikaner oder ein Afrikaner aus Sub-Sahara-Afrika entweder die Sahara überwinden oder mit dem Boot die Küste entlang z.B. nach Marokko fahren.

Aber wo kommen die Westafrikaner aus Sub-Sahara-Afrika eigentlich her?

Wir haben uns diese Frage, die in den deutschen Medien niemanden zu interessieren scheint, obwohl doch alle so an „den Menschen“ interessiert, an ihrem Wohlergeben interessiert sind, gestellt und beantworten sie vor dem Hintergrund der folgenden Erwägungen:

Jemand, der sich auf den Weg nach Ceuta macht, um von dort in die EU zu gelangen, jemand, der sich auf den Weg nach Libyen macht, um von dort in die EU zu gelangen, muss entsprechend motiviert sein, d.h. er muss hoffen, trotz der Mühsal, die der Weg nach Ceuta oder nach Libyen mit sich bringt, eine Verbesserung seiner Lebensumstände herbeiführen zu können, und er muss die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Hoffnung erfüllt, hoch einschätzen.

  • Kriterium 1: Lebt in schlechten Lebensumständen;
  • Kriterium 2: Ist in der Lage, die Strecke nach Ceuta oder nach Libyen oder Marokko körperlich zu bewältigen;
  • Kriterium 3: Muss erwarten, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung seiner Lebensumstände hoch ist;

Die drei Kriterien werden am ehesten von jungen Männern erfüllt, die sich in den Ländern, in denen sie lebten, bevor sie sich auf den Weg nach Europa gemacht haben, keine wirtschaftliche Existenz aufbauen konnten oder wollten; Die arbeitslos waren. Die keine oder keine Ausbildung haben, die nachgefragt wird. Die aus anderen Gründen keinen Zugang zu einem lokalen Arbeitsmarkt finden.

Vor den entsprechenden jungen Männern, bei denen es sich um klassische niedrig-qualifizierte Arbeitsmigranten handelt, wissen wir, dass sie aus Sub-Sahara- oder Westafrika kommen. Zur Verdeutlichung haben wir auf der folgenden Karte dargestellt, um welche Länder es sich dabei handelt.

Alle Länder, die in gelber Farbe dargestellt sind, zählen zu Westafrika. Alle Länder, die sich unter oder unterhalb der rot straffierten Fläche befinden, zählen zu Sub-Sahara-Afrika.

Es ist also ein himmelweiter Unterschied zwischen der Aussage, die Migranten kämen aus Westafrika und der Aussage, die Migranten kämen aus Sub-Sahara-Afrika.

Junge Männer, die die oben genannten Kriterien erfüllen, finden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem der vielen Flüchtlingscamps, die sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in einer Reihe von Ländern West- und Sub-Sahara-Afrikas befinden. Wir haben unsere Darstellung auf die Flüchtlingslager beschränkt, die die wahrscheinlichsten Ausgangspunkte für die Migranten, die nach Ceuta oder Libyen oder Marokko aufbrechen, sind.

Dabei handelt es sich um Flüchtlingslager in

  • Ghana,
  • Guinea,
  • Kamerun,
  • Kenia,
  • Mauretanien,
  • Tansania,
  • dem Tschad und
  • Uganda.

Um einen Eindruck davon zu gewinnen, von wo die Flüchtlinge kommen, die in den einzelnen Lagern oft seit Jahrzehnten leben, haben wir ein paar Informationen zu den größten Flüchtlingslagern zusammengestellt:

Im Osten von Kamerun finden sich eine Reihe von Flüchtlingslagern, namentlich: Gado Badzere, Borgop, Ngam, Timangolo, M‘bilé, und Lolo. Die Lager im Osten werden durch das Lager Minawao im Norden von Kamerun ergänzt. Schätzungen zufolge befinden sich rund 275.000 Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik in den Lagern im Osten des Landes.

Im M’Bera Flüchtlingslager in Mauretanien leben rund 50.000 Flüchtlinge aus Mali.

Die größten Flüchtlingslager finden sich in Kenia. Dadaab, Kakuma, Hagadera, Dagahaley und Ifo. Die Mehrzahl der Flüchtlinge stammt aus Somalia und dem Süden des Sudan.

In Zahlen:

  • Dadaab: ca. 250.000 Flüchtlinge;
  • Kakuma: ca. 185.000 Flüchtlinge;
  • Hagadera: ca. 106.000 Flüchtlinge;
  • Dagahaley: ca. 88.000 Flüchtlinge;
  • Ifo: ca. 84.000 Flüchtlinge;

In Tansania findet sich das Nyarugusu Flüchtlingscamp, eines der größten in Afrika. Neben Nyarugusu gibt es noch zwei weitere Flüchtlingscamps in Tansania: Katumba und Mishamo sind die beiden anderen. In allen drei Camps leben vorwiegend Flüchtlinge aus Burundi und der Zentralafrikanischen Republik;

In Zahlen:

  • Nyarugusu: ca. 150.000 Flüchtlinge;
  • Katumba: ca. 67.000 Flüchtlinge;
  • Mishamo: ca. 65.000 Flüchtlinge;
Hagadera in Kenia Source

Die Camps haben einen mehr oder weniger dauerhaften Charakter, die Flüchtlinge, die dort leben, haben in der Mehrzahl die Staatsbürgerschaft von Tansania erhalten.

Die folgende Zusammenstellung basiert auf Angaben von UNHCR, dem UN-High Commissioner for Refugees. Die Liste stellt die größten Aufnahmeländer und nur die Anzahl der Flüchtlinge, die aus anderen Ländern in Flüchtlingslager dieser Länder zugezogen sind, dar. Die Liste enthält keine so genannten IDPs, also „internally displaced persons“ und keine Asylsuchenden. Sie gibt die Menge der Personen an, aus deren Mitte nach unserer Einschätzung am ehesten ein Zuzug nach Europa von jungen Männern, wie man ihn in Libyen und in Ceuta beobachten kann, zu erwarten ist. Die Darstellung ist zudem auf die Länder am Horn von Afrika und Westafrika beschränkt.

Land Anzahl von externen Flüchtlingen
Burkina Faso 24.155
Ghana 12.156
Guinea 5.300
Kamerun 314.406
Kenia 431.901
Niger 165.732
Senegal 48.064
Tansania 308.528
Tschad 411.482
Uganda 1.350.504
Summe 3.072.228

Das Gesamtpotential, aus dem sich nach unserer Ansicht die derzeitige Welle von Arbeitsmigranten, die auf dem Weg nach Europa sind, speist, beträgt somit rund 3 Millionen Menschen. Die Annahme, dass diejenigen, die über Libyen nach Europa kommen wollen oder gerade den Grenzzaun von Ceuta gestürmt haben, aus einem der Lager stammen, stellt einen Analogieschluss zur Flucht von Syrern dar, die in vielen Fällen aus Flüchtlingslagern in Jordanien nach Europa gekommen sind.

Es wäre natürlich ein Leichtes, Informationen über die Herkunft und Beweggründe der Personen, die z.B. nach Ceuta eingedrungen sind oder in der Vergangenheit von vermeintlichen Rettern im Mittelmeer aufgesammelt wurden, vor Ort und in den Aufnahmebehörden zusammenzustellen. Aber das macht seltsamerweise niemand. Die Informationen und die Berichterstattung zu Flüchtlingen, Migranten, Zuwandern, Geflüchteten oder Menschen ist erstaunlich undifferenziert und uninformiert. Ausgerechnet diejenigen, die Gesellschaften entlang unzähliger Linien in Gruppen trennen, sprechen undifferenziert von Flüchtlingen, Zuwanderern, Migranten oder ganz allgemein von Menschen, berauben die entsprechenden Menschen ihrer Motive und Ziele und machen sie zu einem Objekt der Zuwendung für diejenigen, die mit der entsprechenden Zuwendung ihr Auskommen verdienen.

Es ist an der Zeit, den Diskurs über Migranten aus Afrika auf eine informierte Grundlage zu stellen. Wir haben hier einen Anfang gemacht und die Annahme dargelegt, dass die Mehrzahl der afrikanischen Migranten, die in z.B. Libyen, Marokko und Ceuta ankommen, aus Flüchtlingslagern in West- und Sub-Sahara-Afrika stammen. Bei ihnen handelt es sich entsprechend weder um Flüchtlinge, denn der Krieg, der sie in die entsprechenden Lager gebracht hat, ist oftmals beendet. Bei ihnen handelt es sich auch nicht um Migranten im allgemeinen Sinne des Wortes, sondern um Arbeitsmigranten, die auf der Suche nach einem Auskommen sind. Diese Hypothese deckt sich mit der einzigen wissenschaftlichen Untersuchung, die sich bislang für die Herkunft derjenigen interessiert hat, die über das Mittelmeer nach Italien oder Griechenland fliehen wollen.

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