Zurück ins Mittelalter: Universität Hohenheim feiert den öffentlichen Pranger

Im Jahr 1979 hat der Jurist Wilhelm Haubrichs ein Buch mit „Die Verschwendung: Der Missbrauch unserer Steuergelder“ betitelt. Haubrichs war von Hause aus Jurist, auf das Steuerrecht spezialisiert und hatte von 1969 bis 1982 eine entsprechende Professur an der Universität des Saarlandes inne. Fünf Jahre früher haben Rolf Borell, Günter Hartkopf, Alfred Krause und Hans Koschnick in einem Beitrag für den Wirtschaftsdienst die Frage nach „Verschwendung im öffentlichen Dienst“ gestellt und auch beantwortet. In den 1970er Jahren gab es unter Wissenschaftlern ein Bewusstsein dafür, dass es in Deutschland nicht nur eine Steuerpflicht, sondern auch eine Pflicht zum sorgsamen Umgang mit Steuergeldern gibt. Wissenschaftler in den 1970er Jahren waren sich auch darüber bewusst, dass sie gegenüber denen, die sie finanzieren, eine Bringschuld haben, die z.B. darin besteht, auf Fehlentwicklungen, die sie bei Forschungen in ihrem Feld auf- oder entdecken, hinzuweisen.

Als kleine Aufgabe für Leser, die sich dafür interessieren: Versuchen Sie einen deutschen Wissenschaftler zu finden, der sich mit der Verschwendung von Steuergeldern durch Politiker, Ministerien oder Verwaltungen oder mit politischer Korruption, z.B. der Selbstbedienung der Parteien befasst und darüber nach 2000 in deutscher Sprache publiziert hat.

Springen wir in das Jahr 2019.

Im Jahr 2019 verbreitet der Informationsdienst Wissenschaft eine Presseerklärung der Universität Hohenheim, in der das Lob des (Online-)Prangers gesungen wird. Das ist kein Scherz!

Quelle

„Der Pranger: Schon damals im Mittelalter ein Mittel, um Schimpf und Schande über einzelne Personen bis ganze Familien zu bringen. Und auch heute, im digitalen Zeitalter, kann die Methode des Public Shamings erfolgreich eingesetzt werden – zum Beispiel bei der Eintreibung von Steuergeldern“.

Mit 217.360 Steuereuro hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft Dr. Nadja Dwenger und Lukas Treber vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Hohenheim unter die Arme gegriffen, damit beide untersuchen können, ob ein Online-Pranger, der in der Slowakei eingeführt wurde, um Personen, die Steuern nicht in der Höhe entrichten, wie ihr Staat es gerne hätte, öffentlich zu demütigen, effektiv ist. Ergebnis: Oh, Wunder, es ist effektiv. Unternehmen, die das Kapital haben, um sich den Ablass zu erkaufen, kaufen sich vom Online-Pranger frei. Unternehmen und Privatpersonen, die dieses Kapital eben nicht haben, werden öffentlich diskreditiert. Für die Unternehmen, die das Kapital für den Ablass nicht aufbringen, weil es ihnen offenkundig wirtschaftlich schlecht geht, bedeutet der Pranger damit ein beschleunigtes Ende (was ihre Gläubiger vermutlich nicht freuen wird), für die Privatpersonen, die der Online-Pranger beschämen soll, sind die Folgen unbekannt, jedenfalls nicht im 217.360 Euro teuren Projekt untersucht worden.

Fazit des Projekts: „Ein gewisser sozialer Druck ist ein wichtiger Faktor bei der Steuerehrlichkeit. Außerdem geben die Online-Listen den Steuerbehörden ein kostengünstiges Werkzeug in die Hand, das – richtig eingesetzt – funktioniert“, so frohlockt Dwenger über den Online-Pranger.

Die Gesellschaft zerfällt für staatsdienliche Professoren wie Dwenger in Staat und Steuerschuldner. Steuerschuldner sind ärgerlich und nach der Ansicht, die man in Hohenheim vertritt, Schuld an der Staatsschuldenkrise in Griechenland 2010. Diese Ansicht vertritt zwar sonst niemand, die meisten Ökonomen sind der Ansicht, Griechenland habe zu sehr auf Pump, über Staatsanleihen beschafftes Geld gelebt und entsprechend höhere Zinsen nicht mehr tragen können, aber in Hohenheim dreht man Geschichte nicht nur zurück, man schreibt sie offensichtlich auch um. Um zu verhindern, dass Staaten Steuern, die ihnen nach Ansicht von Dwenger wohl als quasi-natürliches Recht und ohne Rücksicht auf deren Verwendung zustehen, nicht in voller Höhe erhalten, werden mittelalterliche Formen der Bestrafung gelobt und die Sippenhaft befürwortet.

In der Pönologie wird es gemeinhin als Fortschritt gefeiert, archaische Formen der Bestrafung, vom Teeren und Federn, über das Vierteilen bis hin zum Pranger und zur Sippenhaft überwunden zu haben. In Hohenheim sieht man dies offensichtlich anders. Dort werden mittelalterliche Strafformen befürwortet, um dem Staat zu Steuern zu verhelfen, die säumigen Steuersünder öffentlich zu „shamen“, wie es nun heißt. Demütigen, wäre das deutsche Wort, das sich Dwenger offensichtlich nicht in den Mund zu nehmen traut. Sie versteckt sich lieber hinter „shamen“, um nicht in ihrer mittelalterlichen Strafphilosophie bloßgestellt zu werden.

Frühere Formen öffentlicher Pranger

Natürlich funktioniert die Methode des Prangers nur, wenn es genug Geiferer gibt, die sich an dem, der gedemütigt wird, erfreuen oder andere niedrige Instinkte an seinem Elend befriedigen wollen. Pranger appellieren an die niedersten Instinkte der Spezies Mensch, die man in Europa nach dem Bann auf Sklaverei eigentlich überwunden zu haben glaubte. Die Humanisten früherer Tage haben ihre Rechnung ohne den Steuersklaven gemacht, der niedere Instinkte über die Instrumentalisierung von Schadenfreude und Neid zu ganz neuen Höhen führt. Die Universität Hohenheim stellt dabei eine Art Avantgarde der Niedertracht, gekauft mit 217.360 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, deren Forschungsförderung auch immer mehr in den Bereich der Staatsdienlichkeits- und Legitimationsforschung abgleitet.

Da jeder zumeist das bekommt, wofür er bezahlt, erhält die DFG nun retardierte Andienforschung die nicht davor zurückschreckt selbst Sippenhaft zu rehabilitieren und der gegenüber selbst Revisionismus ein Zukunftsprojekt ist.

An deutschen Universitäten ist eine Generation von angeblichen Wissenschaftlern herangezogen worden, deren devote Haltung gegenüber allem, was von staatlichen Organen kommt, nur Verachtung hervorrufen kann. Dass die Devoten zumeist weiblich sind, ist keine Überraschung. Schon Horkheimer hat in seinem langen allgemeinen Teil zur Autorität in der Familie geschrieben, dass in Abhängigkeit sich definierende Frauen ein Interesse daran haben, sich mit der Staatsmacht zu verbünden, um allem Neuen, allem, was ihre momentane Situation gefährden kann, zu begegnen.

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