Raucher-Kriminelle: Rauchen als abweichendes Verhalten

Umfasst die Freiheit von Menschen auch die Freiheit, sich mit einem bestimmten Verhalten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, selbst zu schädigen?

Die Antwort auf diese interessante Frage, fällt je nach Gegenstand unterschiedlich aus. Die vielen Gutmenschen, die sich so rührend und so mittelmäßig bezahlt um ihre Mitmenschen kümmern, ihnen das Trinken und das Rauchen madig und dass Essen von Chips vergällen wollen, sie bejahen die Intervention in Anderer Freiheit, wenn es um das für diese Menschen vermeintlich Beste geht. Dieselben Gutmenschen haben Probleme mit Quoten an Hochschulen für Kinder aus Arbeitnehmerhaushalten, um die soziale Schieflage, die vornehmlich Beamtenkinder und Kinder aus der prekären Mittelschicht studieren sieht, zu beseitigen. Und natürlich wird sich auch kein Gutmensch je die Freiheit nehmen, um eklatante Ungerechtigkeiten wie sie z.B. durch die öffentliche Finanzierung von Studienplätzen dann entstehen, wenn die armen Menschen aus der Unterschicht auch noch steuerlich gemolken werden, um die Studienplätze für die Kinder aus der Mittelschicht zu finanzieren, zu beseitigen.

Die Antwort auf die oben gestellte Frage, sie ist eine, die davon abhängt, welche Vorteile sich die Antwortgebenden selbst versprechen. Die Eingriffe in die Freiheit anderer sind deshalb immer da am heftigsten, wo man sich in Eintracht mit anderen gutmeinenden Egoisten befindet, die den Schutz Dritter vor deren Verhalten zu ihrem Verdienst- oder Unternehmensmodell gemacht haben.

Das ist so beim Trinken.
Das ist so wenn nicht gesittet im Restaurant, sondern mit Fingern bei McDonalds gegessen wird.
Das ist so, wenn zu viel vom Falschen, also Korn statt Prosecco getrunken wird.
Das ist so, wenn Menschen, die man zur Bewegung angehalten hat, sich falsch bewegen, also nunmehr in die Kneipe laufen, anstatt zu fahren oder im Wald zu rennen.
Das ist so, wenn geraucht wird.

Rauchen ist zum abweichenden Verhalten geworden.

Wer Filme aus den 1940er oder 1950er Jahren ansieht, dem muss die Normalität auffallen, mit der zur Zigarette gegriffen wird. Menschen in dieser Zeit waren frei, zu rauchen wie ein Schlot, die nächste mit der letzten Zigarette anzuzünden, im Auto, auf der Straße, in der Kneipe, in ihrer Wohnung, im Kino, im Theater, im Flugzeug zu rauchen. Rauchen war ein Ausdruck von Freiheit, eine Funktion, die es heute bestenfalls noch für Jugendliche erfüllt.

Heute ist Rauchen ein abweichendes Verhalten. Als abweichendes Verhalten ist eine Handlungsweise definiert, die vom normativen Konsens einer Gesellschaft abweicht. Früher war Homosexualität als deviant, als abweichendes Verhalten definiert. Darüber war sich die Mehrheit der Gesellschaft einig. Deviant war es, von anderen zu schmarotzen, Drogen zu nehmen, zu lügen und zu betrügen. Das verweist darauf, dass deviantes Verhalten eine Schnittstelle mit delinquentem Verhalten aufweist. Homosexualität war oftmals beides, deviant und delinquent.

Die Antwort auf die Frage, wo die Grenze zwischen deviantem Verhalten und delinquentem Verhalten verläuft, ist normalerweise das Ergebnis von Verhandlungen und Diskussionen innerhalb einer Gesellschaft. Normalerweise. Seit es Gutmenschen und u.a. ihre WeltGutmenschenOrganisation WHO gibt, ist dies jedoch anders. Seither werden Normen einfach gesetzt.

Organspende wird von Gutmenschen als wünschenswert angesehen, obwohl es eine seltsame Form des Recyclings ist und eigentlich ein Indikator für einen Markt der Ausbeutung, wenn Güter, die für Dritte einen Wert darstellen, an denen sie verdienen oder aus denen sie einen Vorteil beziehen, von denen, die sie bereitstellen, umsonst abgegeben werden müssen. Aber Gutmenschen-Organisationen versuchen dennoch, die Organspende zur Norm zu machen und nicht-Spender als deviant zu stigmatisieren.

Die Beispiele für die Versuche, bestimmte Verhaltensweisen zur Norm zu erklären und diejenigen, die sich anders verhalten, als deviant zu stigmatisieren, sie sind zahlreich. Sie ranken sich in der Regel um die Begriffe „sozial“, „gerecht“ und „gleich“. Sieht man sich als Empfänger, an den diese Begriffe gerichtet werden, dann ist immer Vorsicht geboten.

Und natürlich ist die Stigmatisierung eines Verhaltens als deviant die Vorstufe zur Kriminalisierung des entsprechenden Verhaltens. Diesen Prozess der Kriminalisierung kann man derzeit im Hinblick auf das Rauchen beobachten. Die Freiheit von einst ist zum fast schon delinquenten Verhalten geworden, die Grenze zur Kriminalität überschreitet der bereits, der in einer nicht zum Rauchen freigegebenen Zone oder in einem Ministerium zum Glimmstängel greift.

Leider müssen wir einmal mehr feststellen, dass diejenigen, die sich mit Methoden des Freiheitsentzugs für Dritte beschäftigen, in der institutionalisierten Wissenschaft zu finden sind. An der Vorderfront wenn es darum geht, freie Menschen zu bevormunden und ihr Verhalten zu stigmatisieren, finden sich regelmäßig Ärzte, denen es offensichtlich nicht genug ist, zu heilen. Sie wollen auch missionieren. Vielleicht wollen sie auch missionieren, weil das Heilen nur selten gelingt …

Wie dem auch sei. Die medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf vertreten durch Daniel Kotz, Melanie Böckmann und Sabrina Kastaun tut sich im Ärzteblatt vom 5. April 2018 mit einem Artikel hervor, der mit „Nutzung von Tabak und E-Zigaretten sowie Methoden zur Tabakentwöhnung in Deutschland“ überschrieben ist. Der Artikel ist das, was man früher als deskriptiven Beitrag bezeichnet hätte, der aber in seiner aktuellen Variante nicht ohne Wertung und nicht ohne Kniefall vor der Obrigkeit auskommt (soviel zur Unabhängigkeit der Wissenschaft).

Wir berichten mit Zwischenüberschriften (von uns):

Deviantes Verhalten:

„Immer noch greifen 25% der Bevölkerung über 15 Jahre zur Zigarette oder zu anderen Tabakprodukten“, so entrüsten sich die Autoren.

Gutmenschen-Allüren:

Vor allem „sozial schwächere Bevölkerungsgruppen“ rauchen häufiger und sind „weniger erfolgreich“ mit dem Versuch, sich das Rauchen abzugewöhnen. Die CareArbeit, sie macht erst richtig Spaß, wenn man sich nicht nur bevormundend, stigmatisierend und mit ausreichend Entrüstungspotential über das Verhalten Anderer echauffieren kann, sondern wenn diese Anderen einer sozialen Klasse zugeordnet werden können, die man unter sich wähnt. Da kommt Freude auf.

Kontrollfreude im O-Ton:

„Die WHO empfiehlt, das Rauchverhalten in der Bevölkerung zu überwachen“ (235). Und natürlich machen sich Kotz, Böckmann und Kastaun gerne zu Blockwarts, die das Überwachungsbedürfnis der WHO in die Tat umsetzen. Nicht nur, sind sie Gutmenschen, die sich über das Verhalten Dritter (das sie überhaupt nichts angeht) echauffieren, nicht nur laben sie sich an der Tatsache, dass sie diese devianten Anderen in einer sozialen Klasse unter der ihren verorten, nein, sie sind auch auf der Seite ihrer Obrigkeit.

Andienen bei der Obrigkeit:

Das wahre Gutmenschentum zeigt sich nicht nur darin, Andere zu stigmatisieren und denen, die man für die Obrigkeit hält, in den Allerwertesten zu kriechen, es zeigt sich auch darin, Gesetzesverschärfungen, Verbote zu fordern, Kriminalisierung durchzusetzen. So:

„Der Tabakkonsum resultiert unter anderem vermutlich aus einer unzureichenden Umsetzung von Tabakkontrollmaßnahmen in Deutschland. Deutschland ist beispielsweise das einzige EU-Land, in dem Außenwerbung für Tabakprodukte noch erlaubt ist. … Der Nichtraucherschutz in Deutschland ist noch vergleichsweise schlecht umgesetzt: So wurden etwa in Italien, Irland oder Finnland bereits Rauchverbote in Autos eingeführt, wenn Kinder mitfahren“ (239).

In Kurz: Wir wissen nichts Genaues, aber wir wollen verbieten. Man muss Gutmenschen langsam Einhalt gebieten, bevor sie die Welt in ein Gefängnis verwandelt haben.

Der Andien-Beitrag, den wir unter Legitimationsforschung ablegen, er wird seinen Niederschlag in den Medien der prekären Mittelschicht finden, denn dort sind diejenigen beschäftigt, die sich ihr karges Salär dadurch gutschreiben müssen, dass sie sich als den „sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen“ überlegen und normenkonform darstellen. Denn die WHO hat gesagt: Du sollst nicht rauchen. Also rauchen sie nicht.

Geschrieben wurde dieser Beitrag übrigens von einem Nichtraucher, der sich mit dem Gedanken trägt, aus Renitenz mit dem Rauchen zu beginnen, er ist alt genug, um mit den Folgen noch lange genug leben zu können.

Kotz, Danile, Böckmann, Melanie & Kastaun, Sabrina (2018). Nutzung von Tabak und E-Zigaretten sowie Methoden zur Tabakentwöhnung in Deutschland. Deutsches Ärzteblatt 115(14): 235-242.


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Diesel, Stickoxid: 6000 [t]Tote (Gehirnzellen) – Methoden, sich vor Manipulation zu schützen

Das Schema, das für den Versuch benutzt wird, Menschen zu manipulieren ist in der Regel dasselbe.

  • Ein Thema taucht plötzlich in den Medien auf – vermutlich wird es von Lobbyisten oder Politikern über ihre medialen Handlanger lanciert.
  • Das Thema wird bewertet.
  • Ist das Thema bewertet, dann dauert es nicht lange, bis eine angebliche „Studie“ veröffentlicht wird, in der angeblich gezeigt wird, dass die Bewertung des Themas richtig ist.

Die Themen, die auf diese Weise zur Hysterie aufgebaut werden sollen, auf deren Grundlage dann Gesetze erlassen oder verschärft werden können, sind zahlreich:

Glyphosat: Auf Grundlage von keinerlei Nachweis angeblicher Gefahren und auf Grundlage einer unterirdisch schlechten Studie, soll Glyphosat verboten werden.

Atomkraft / Erneuerbare Energie: Auf Grundlage von einseitigen Betrachtungsweisen und falschen Risikoszenarien, wird Angst erzeugt, um den Ausstieg aus der effizienten und billigen Kernenergie zu Gunsten der teuren und ineffizienten Erneuerbaren Energieformen zu forcieren.

Rechtsextremismus: Auf Basis von wenigen Fallstudien wird ganz Ostdeutschland zur rechtsextrem verseuchten Zone erklärt und nach Gesetzesverschärfungen gerufen.

Diesel: Auf Grundlage einer angeblichen Studie des Umweltbundesamts wird hochgerechnet, dass durch Stickoxid 6000 Menschen pro Jahr in Deutschland sterben. Ein hanebüchener Unfug, den man nur geistig Behinderten andrehen kann. Nichtsdestotrotz gibt es Gerichte, die Fahrverbote für Dieselfahrzeuge zulassen.

Es gibt wenige, die sich diesem Tsunami der politischen Idiotie (Ideologie war gestern, heute ist Idiotie) entgegenstellen. ScienceFiles gehört zu den wenigen, der Psychologe Gerd Gigerenzer, der Statistiker Walter Müller und der Ökonom Thomas Bauer gehören auch dazu. Die drei zuletzt Genannten veröffentlichen seit 2012 die Unstatistik des Monats und versuchen damit, einen Pflock der Rationalität in den politischen Sumpf der Dummheit einzuschlagen.

Diesen Monat haben sie sich die 6000 Toten vorgenommen, die angeblich von Dieselfahrern ermordet werden. Grundlage dieser Behauptung ist eine Junk Studie, die im „Auftrag des Umweltbundesamts“ erstellt wurde. Auch dies ist ein Trend, den wir mit Sorge und seit einiger Zeit beobachten. Verantwortliche in Ministerien und Ämtern bestellen Studien, um damit ihre politischen Ziele zu legitimieren und institutionalisierte Wissenschaftler machen sich zu Steigbügelhaltern ihrer Auftraggeber.

Gigerenzer, Krämer und Bauer haben diese Studie, die man nicht lesen muss, um zu wissen, dass sie Junk ist (schon weil man von Abgaswerten nicht auf Tote hochrechnen kann, methodisch nicht und nur dann, wenn man eine ganze Reihe von Annahmen macht, die in der Regel wie Dominosteine fallen, wenn man sie näher betrachtet…), zur Unstatistik des Monats März erklärt.

„Die Zahl 6000 ist das Produkt einer reinen Modellrechnung; es gibt zwar die Vermutung, aber KEINEN NACHWEIS, dass NOx (Stickoxid) zum Tod durch Herz-Kreislauferkrankungen führt“. Aber mehr eben nicht. Es gibt auch die Vermutung, dass psychischer Stress das Leben verkürzt. Junk Studien verursachen psychischen Stress. Ergo verkürzt das Bundesumweltamt das Leben von Deutschen.

Die Versuche der Manipulation, wie man sie bei Politikern findet, sie lassen uns regelmäßig die Frage stellen, ob Politiker so dumm sind oder ihre Bevölkerung für so dumm halten, dass sie denken, sie kämen mit Unsinn wie dem oben behaupteten Zusammenhang durch.

Manipulationsmethoden, wie die, die das Umweltbundesamt gerade erfolglos durchzusetzen versucht hat, leben davon, dass die Adressaten das, was behauptet wird, nicht hinterfragen, sondern für bare Münze nehmen.

Wer hinterfragt, kommt schnell bei Dingen an, wie sie Gigerenzer, Krämer und Bauer beschreiben:

„Die Stickstoff-Debatte läuft einseitig und mit Gedächtnisverlust: Früher haben wir uns um CO2 und das Ozonloch gesorgt und deswegen den Diesel gepriesen; heute sorgen wir uns um NOx und preisen das Elektroauto. Dabei übersehen wir, dass jede Technik Vor- und Nachteile hat, wie eine frühere Veröffentlichung des Umweltbundesamtes veranschaulicht. Ein Elektroauto mit 250 km Reichweite verursacht in Deutschland derzeit weit mehr Treibhausgasemissionen als ein Diesel, vor allem wegen der Strombereitstellung und des Energieaufwands für die Produktion (in Frankreich ist das wegen des Atomstroms anders, aber dieser ist in Deutschland mehrheitlich unerwünscht). Auch ohne Elektroautos schätzt das Umweltbundesamt, dass die NOx Emission der herkömmlichen Kraftfahrzeuge bis 2030 um 56 Prozent niedriger sein wird als im Jahr 2014 und die Feinstaub-Emission sogar um 82 Prozent niedriger – alleine durch die Verbreitung der Euro-6 Norm und Partikelfilter. Sollte es 2030 sechs Millionen Elektrofahrzeuge geben, wie im Nationalen Entwicklungsplan angestrebt, dann fällt dies vergleichsweise wenig ins Gewicht, mit einer zusätzlichen Abnahme von 12 und 4 Prozentpunkten bei NOx und Feinstaub.“

Wenn ein Amt oder ein Ministerium eine Maßnahme treffen, dann ist es immer gut, zu betrachten, wer die Begünstigten dieser Maßnahme sind und sie im Hinblick auf die Schäden, die durch die Maßnahme abgewehrt werden sollen, zu analysieren, also im vorliegenden Fall mit Diesel zu vergleichen. Und siehe da: das gepriesene Elektroauto ist eine größere Dreckschleuder als es ein Diesel je sein könnte. Lobbyisten leben davon, dass sie Menschen den Blick auf Alternativen verstellen und ihre Affekte benutzen, um ihre Ziele zu erreichen.

Bei Aussagen, wie XY führt zum Tod von 6000 Menschen, kann man getrost davon ausgehen, dass sie Unsinn darstellen, denn mit den Ausnahmen von Mord und Totschlag ist die Todesursache nicht eindeutig bestimmbar. Wer will entscheiden, ob der Fleischkonsum, der Bewegungsmangel, das Rauchen oder NOx für den Herzinfarkt von Andreas K. verantwortlich ist, der zu dessen Tod geführt hat. Was schon im täglichen Leben nicht funktioniert, funktioniert in einer hochtrabend als „Simulation“ bezeichneten Modellrechnung voller Annahmen schon gar nicht, weder für den Klimawandel noch für die Berechnung von Todesursachen.

Ernsthafte Wissenschaftler werden deshalb in Wahrscheinlichkeiten sprechen, also davon, dass etwas die Wahrscheinlichkeit des Todes um, sagen wir 5% erhöht. Aber von Wahrscheinlichkeiten zu sprechen macht natürlich deutlich, dass etwas sein kann, aber nicht muss. Das ist nicht, was die Manipulateure im Umweltbundesamt gebrauchen können. Sie wollen Tote sehen, am besten in den Tausendern, keine Wahrscheinlichkeiten.

Ein weiteres Mittel, sich gegen Manipulationsversuche zu schützen, besteht darin, Behauptungen in einen Zusammenhang zu stellen, so wie die drei von der Unstatistik des Monats dies hier tun:

„Die großen Killer heutzutage sind Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und ungesundes Essen. Die von Umweltschützern immer wieder betonten Gefahren durch Feinstaub oder Pflanzengifte sind dagegen in Deutschland relativ klein. In dieser Debatte gibt es nur zwei Fakten, die von niemandem zu bestreiten sind: Die Belastung durch Umweltschadstoffe einschließlich Stickstoff nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten ab, und die Deutschen leben im Durchschnitt immer länger. Diese Erfolge sollten wir würdigen, statt uns durch Schreckensnachrichten und Panikmache verunsichern zu lassen.“

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Von der Wissenschaft zur Staatsforschung: Universitäten als ideologische Haftanstalten

Pressmeldungen wie die folgende, sind leider zur Normalität geworden.

An der Universität (!sic) Hohenheim findet am 12. und 13. März ein Symposium „Glücksspiel“ statt. Im Vorfeld dieses Symposiums hat sich Dr. Tilman Becker, „Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim“ schon einmal verbal als guter Vasall seines Staates zu erkennen gegeben und sich bei seinem örtlichen Finanzamt und beim noch zu benennenden Finanzminister, sofern es in der 19. Legislaturperiode einen Finanzminister geben wird, angedient.

Deutschland, so befindet Herr Becker, sei „DAS Paradies für illegale Glücksspielanbieter … Schuld daran sei das Versagen der Länder bei der Glücksspielregulierung … Dem Staat sind 2015 Einnahmen von 490 Millionen Euro entgangen“.

Man stelle sich das einmal vor. Da gibt es Menschen in Deutschland, die gehen Online um dort an Glücksspielen teilzunehmen. Nicht genug damit, dass sie das in sie gesetzte Vertrauen, das mit der Gewährung eines Online-Zugangs, wenn auch eines sehr langsamen im europäischen Vergleich, in sie gesetzt wurde, missbrauchen, um Glück zu spielen, sie tun es auch noch bei illegalen Anbietern, also bei solchen, die nicht durch ein Bundesland lizensiert sind, die in Deutschland keine Ertrags-, Umsatz- und Vergnügungssteuer abführen, die die 20%, die z.B. auf den Einsatz beim Lotto als Steuer erhoben werden, nicht an den Fiskus abführen. Schlimmer noch: Der Staat hat keinerlei Zugriff auf die Gewinne, kann entsprechend keine Einkommenssteuer einfordern.

Das ist, was die, die sich derzeit den Hintern auf einer institutionellen Position in den Wissenschaften wärmen, für bedenklich halten: Menschen tun etwas, worüber ihr Staat keine Kontrolle hat. Sie tun etwas, das niemanden schädigt, das ihnen offensichtlich Spaß macht, aber woran ihr Staat nichts verdient. Und das findet Herr Becker bedenklich.

Alle Worte, die uns einfallen, um unsere Verachtung für eine derartige Andienforschung auszudrücken, sind nicht dazu geeignet, hier veröffentlicht zu werden. Deshalb belassen wir es bei einem Blick auf das, was die institutionellen Mundstücke des Staates, die von sich denken, sie seien Wissenschaftler, zerstört haben.

In den 1970er Jahren gab es Forscher wie Johannes Fesst und Erhard Blankenburg, die sich in Polizeiautos gesetzt haben, um herauszufinden, ob die Polizei als staatliche Institution Strafverfolgung differenziert durchführt. Stimmt es, dass man die Kleinen hängt und die Großen laufen lässt?

In den 1970er und 1980er Jahren haben eine Reihe von Kriminologen um Fritz Sack eine vollkommen verquere und falsche aber zumindest engagierte Version des Labeling Approach nach Deutschland gebracht und untersucht, ob Strafgesetze als Herrschaftsinstrumente einer sozialen Klasse eingesetzt werden, um ihre eigene Position in der sozialen Hierarchie zu sichern.

In den 1990er Jahren hat die Kommission des Sechsten Familienberichts einen Bericht erstellt, der im Bundesministeriums für Familie und all die anderen Missfallen erregt hat, da er sich kritisch mit den dortigen Politiken auseinandergesetzt hat.

Von den 1970er bis in die 2000er Jahre haben sich Wissenschaftler wie Hans Herbert von Arnim gegen die politische Korruption gewendet, die in Parteienklüngeln, den politischen Stiftungen der Parteien, die keine Stiftungen, sondern eingetragene Vereine sind und im Speckgürtel um Parteien und Ministerien, mit all ihren vielen Mäulern, die gestopft werden wollen, endemisch ist, und die Fehlentwicklungen in zahlreichen Publikationen kritisiert.

Beginnend mit den 1990er Jahren haben sich in Deutschland sogar Verwaltungswissenschaftler gefunden, die den Ansatz des New Public Managements, der nicht nur mehr Rechenschaft und Transparenz von Verwaltungen verlangt, sondern Wettbewerb einführen wollte, so dass selbst ein pomadiger Beamter noch auf Trap gebracht werden konnte, nach Deutschland übertragen wollten, um u.a. den Wildwuchs nutzloser Verwaltungsstellen einzudämmen.

Wissenschaftler wie Hartmut Esser oder Heike Diefenbach haben sich mit Regierenden angelegt und wieder und wieder darauf hingewiesen, dass die Politik im Bezug auf Migranten, die Bildung, die Bevorzugung von Frauen und vieles mehr, verfehlt ist. Andere wie Karl-Dieter Opp haben einen sehr mächtigen Erklärungsansatz mit Rational-Choice entwickelt, dem es zu verdanken ist, dass Soziologie und Politikwissenschaft an die Tür einer Normalwissenschaft geklopft haben, bevor sie von Gender Studies und Sozialismen aller Art in den Naturzustand einer nicht einmal Vorwissenschaft zurückgeworfen wurden.

Und was haben wir heute?
Heute haben wir politische Angestellte an Universitäten, die über staatliche Förderprogramme an Universitäten gehievt wurden, damit sie dort jederzeit instrumentalisiert werden können, um für Ministerien nützliche angebliche Forschung zu betreiben, also Papier zu füllen, auf das Ministerien dann verweisen können, um ihre Politiken zu legitimieren.

Wir haben Ministerien, die Wissenschaftler auffordern, sich an Projekten des Ministeriums zu beteiligen, nicht ohne diese Aufforderung mit den gewünschten Inhalten des angeblichen Projekts zu verbinden. Wir haben Legitimationsforscher, die sich beeilen, die Ergebnisse zu produzieren, die ihre politischen Herren von ihnen verlangen, so wie es z.B. die Abhängigen im Institut für Demokratieforschung in Göttingen getan haben, nur um dann einen Tritt in den Hintern zu bekommen, wenn der politische Auftraggeber mit seiner beabsichtigten Manipulation der Öffentlichkeit auf Grundlage der angeblichen Studie aus Göttingen nicht durchkommt.

Wir haben angebliche Wissenschaftler, die Konzepte wie Nudging erfinden, um dem Staat eine Handhabe zur Manipulation seiner Bevölkerung zu geben und darauf auch noch stolz sind.

Und wir haben Finanzbeamte wie Herrn Becker, die es nicht in die Oberfinanzdirektion geschafft haben und ihre Enttäuschung nun dadurch zu verarbeiten suchen, dass sie sich als Hilfsbeamten beim Finanzministerium andienen und allzeit bereit sind, die Seite des Staates gegen seine Bürger zu vertreten.

Und das ist, was am beklagenswertesten ist.

Die Wissenschaft als emanzipatorische Kraft ist in Deutschland nicht mehr vorhanden. Sie ist umfunktioniert worden zur dritten Kolonnen derjenigen, die gerade am Ruder sind und für die Dienste, die die Wissenschaftssklaven freiwillig erbringen, gerade bezahlen. Die Kritik, die Wissenschaft ausmacht, ist durch Anbiederung ersetzt. Die offene Forschung ist zur Legitimationsforschung verkommen. Die Suche nach Erkenntnis zur Fabrikation von Bestätigung für staatliche Vorgaben. Universitäten sind nicht mehr Stätten, an denen Ideen ausgetauscht werden, an denen die Freude am verfolgen neuartiger Gedanken herrscht, Universitäten sind zu ideologischen Haftanstalten geworden, an denen Gedanken den Ketten der politischen Korrektheit anheim gestellt sind. Die Insassen der Haftanstalten verdingen sich als Legitimationsbeschaffer, als Finanzbeamte, als Krämer für die Sache des Staates, sie schleimen und dienen sich bei der politischen Klasse an und verraten diejenigen, die sie finanzieren und denen sie eigentlich im Kampf um individuelle Freiheit und gegen den Staat beistehen müssten, wüssten sie noch, was die Idee der Wissenschaft ausmacht.

Aber das haben die meisten vergessen. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, sich anzubiedern, anzudienen, immer in der Hoffnung, ihre Talente zum Schleimen würden eines Tages erkannt und mit einer Stelle in einem Ministerium belohnt.

Universitäten waren einst Orte, an denen große Ideen entwickelt wurden, Träume verwirklicht wurden. Heute sind sie Orte, an denen die Familie mit dem Beruf vereinbart wird, die Lehre nur stattfinden kann, wenn der Universitätskindergarten seinen Lärmpegel auf unter 90 Dezibel senkt und Orte, an denen die Träume der Beschäftigten bei der Verbeamtung enden.

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Macht Politiker persönlich verantwortlich: „Skin in the Game!“

Allen, die es noch nicht kennen, sei an dieser Stelle das politisch höchst unkorrekte Buch von Nassim Nicholas Taleb „Antifragile“ empfohlen. Es ist ein Genuss zu lesen. In diesem Buch entwickelt Taleb nicht nur eine Vielzahl von neuen Ideen, die alle auf seinem Konzept der Antifragilität basieren, er hat darin auch ein Kapitel, das sich mit opportunistischem Verhalten beschäftigt, wie es z.B. Politiker Wählern gegenüber zeigen, deren Steuergelder sie aus dem Fenster werfen, deren politischen Willen, sie nach Wahlen mit Füßen treten, deren Meinung ihnen nur so lange wichtig ist, solange sie dem entspricht, was sie für die korrekte Meinung halten usw.

Eine kleine Kostprobe aus „Antifragile“.

Eines der vielen Probleme moderner Gesellschaften, so argumentiert Taleb, sei das Verschwinden von Heldentum. Heldentum zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass Einzelne große Risiken, die große Auszahlungen versprechen, eingehen und die Folgen ihrer Entscheidung, das entsprechende Risiko einzugehen, selbst tragen. Statt dieses Heldentums gibt es heute eher ein Maulheldentum, das sich dadurch auszeichnet, dass unter anderem Politiker Handlungsentscheidungen treffen, deren Folgen nicht sie, sondern andere zu tragen haben.

Taleb im Original:
„I am even more distraught for the future of the human race when I see a nerd behind a computer in a D.C. suburb, walking distance from a Starbucks coffeehouse, or a shopping mall, capable of blowing up an entire battalion in a remote place, say Pakistan, and afterwards going to the gym for a ‘workout’ (compare his culture to that of knights or samurai). Cowardice enhanced by technology is all connected: society is fragilized by spineless politicians, draft dodgers afraid of polls, and journalists building narratives, who create explosive deficits and compound agency problems because they want to look good in the short run” (379).

Das, was Taleb hier als Agency Problem beschreibt, besteht darin, dass Politiker KEINE Kosten für ihre Entscheidungen tragen. Alle anderen tragen die Kosten, nicht sie. Auch eine Abwahl oder ein Ausscheiden aus dem Amt hat keine Kosten für Politiker, sondern eine Pension und eine oft über Jahre andauerte Fortsetzung ihrer Bezüge zur Folge. Um Politiker zu sein, muss man keine Kompetenzen oder Befähigungen vorweisen, man kann Entscheidungen ohne Risiko treffen und hat keinerlei ernstzunehmende Folgen zu fürchten, selbst dann nicht, wenn man den Ruin einer Gesellschaft zu verantworten hat.

Um diesem Free Rider-Tum ein Ende zu setzen, fordert Taleb, Skin in the Game: D.h. Politiker müssen durch die Entscheidungen, die sie treffen, das Risiko eingehen, an den Kosten der Entscheidung beteiligt zu werden. Wer Steuerzahler schädigt, weil er z.B. Studien in Auftrag gibt, um seinen politische Launen zu frönen oder Bekannte zu versorgen, der muss dann, wenn Junk herauskommt, zur Rechenschaft ziehbar sein, der muss die Kosten, die er produziert hat, tragen.

Nehmen wir z.B. die unsägliche Junk-Studie des Instituts für Demokratieforschung in Göttingen, in der alle Ostdeutschen rundweg zu Rechtsextremisten erklärt werden.

Iris Gleicke hat die Studie in Auftrag gegeben. Nicht weil diese Studie notwendig oder auch nur wichtig gewesen wäre, sondern weil Gleicke sich als Kämpfer gegen den Rechtsextremismus, und zwar auf Kosten der Steuerzahler inszenieren will.

Wir haben die Studie als erste zerlegt, die methodischen Mängel angesprochen, darauf hingewiesen, dass qualitative Interviews mit ein paar Hanseln, die derselben ideologischen Couleur angehören, wie die Autoren der Studie und Beobachtungen in drei sächsischen Gemeinden nicht die Datengrundlage darstellen, auf der man Schlüsse auf „die Ostdeutschen“ ziehen kann. Wir haben die gewürgte Art und Weise, in der die Autoren versuchen, Rechtsextremismus zu finden, kritisiert, das Fehlen jeglicher Methode, jeglicher begründeter Auswahl angemerkt und darauf hingewiesen, dass ernsthafte Zweifel bestehen, dass die qualitativen Interviews, die angeblich geführt worden sein sollen, auch tatsächlich geführt wurden.

Und Gleicke hat die Studie verteidigt.
Zunächst.

Dann haben Medien unsere Kritik aufgenommen.
Und Gleicke ist eingeknickt.

Die deutsche Übersetzung. Der idiotische Untertitel lässt nichts Gutes erwarten…

Plötzlich war die Ostbeauftragte der Ansicht, die Studie, die sie bestellt hat und deren angebliche Ergebnisse ihr nicht nur gut in den Kram gepasst haben, sondern auch wenige Tage zuvor noch korrekt vorkamen, sei voller Fehler und eine „schlicht nicht hinnehmbare Schlamperei“. Gleicke ist einer der Politdarsteller, die alles behaupten würden, um eine eigene Verantwortung an andere abschieben zu können.

Weil die Wogen ob des Versuchs, alle Ostdeutschen auf einen Schlag zu rechtsextremisieren, weiter hoch geschlagen sind, hat sich Gleicke zudem genötigt gesehen, die Rückforderung der 129.391,86 Steuereuro in den Raum zu stellen, die die „nicht hinnehmbare Schlamperei“ gekostet hat.

Die WELT, bei der sich manch einer noch oder inzwischen wieder an das erinnert, was Journalismus ausmacht, hat das gemacht, was Journalismus ausmacht: Nicht locker gelassen und nachgefragt. Wie ist das nun mit der Rückforderung der Steuereuros für „die nicht hinnehmbare Schlamperei“?

Nichts ist damit. Offensichtlich der Ansicht, dass die Wogen, wenn sie sich einmal geglättet haben, die Junk-Studie aus Göttingen als solche der Vergessenheit anheim gefallen ist, dann wird sich, so das Kalkül, das falsche Kalkül, auch niemand mehr an die 129.391,86 Steuereuro erinnern, die für die „nicht hinnehmbare Schlamperei“ aus dem Fenster geworfen wurden.

Aber bei der WELT hat sich Marcel Leubecher erinnert und nachgefragt. Hier die Antwort, die er bekommen hat: Man habe eine Korrektur der [Junk-]Studie gefordert, die Ende 2017 abgeschlossen worden sei. Die korrigierte [Junk-]Studie werde jedoch nicht mehr veröffentlicht. Dafür werden die 129.391,86 Steuereuro in voller Höhe überwiesen. Denn: Man höre und staune: nach reiflicher Erwägung scheut man im Wirtschaftsministerium, dem Gleicke angebiedert ist, die Kosten für einen Rechtsstreit. Das muss man sich einmal vorstellen: Der Riese Bundeswirtschaftsministerium hat Angst vor dem Göttinger Zwerg.

Die Begründung ist offensichtlich vorgeschoben. Die Versorgung der alten Getreuen in Göttingen ist wichtiger als der verantwortliche Umgang mit Steuergeldern. Und warum liegt es Politikern näher, Steuereuro zu verschwenden als sie verantwortungsvoll einzusetzen? Sie haben keine Kosten, kein „Skin in the Game“, wie Taleb es formuliert. Alles sähe ganz anders aus, wenn die 129.391,86 Steuereuro, die für eine „nicht hinnehmbare Schlamperei“ aus dem Fenster geworfen wurden, nunmehr von Gleicke in die Steuerkasse zurückerstattet werden müssten. Immerhin hat sie den Missbrauch der Steuergelder zu verantworten bzw. ist sie dafür verantwortlich, dass die Steuereuro nicht zurückgefordert werden.

Wären Politiker an den Kosten ihrer Handlungen direkt beteiligt, müssten sie damit rechnen, dann, wenn sie Steuergelder zur Befriedigung ihrer ideologischen Grillen einsetzen oder dazu, Bekannte zu finanzieren, zur Verantwortung gezogen zu werden, der Umgang mit Steuereuros wäre ein anderer. Deshalb ist es an der Zeit, Politiker persönlich haftbar zu machen, sie in die Verantwortung für das, was sie tun, zu nehmen.

Wer geht voran und stellt eine Petition online, Zweck: Gleicke auf die Rückerstattung von 129.391,86 Steuer-Euro zu verklagen? Der Erfolg der Petition ist gesichert, denn im Bundeswirtschaftsministerium scheut man rechtliche Auseinandersetzungen.

Hier der Gang der Dinge zum Nachlesen:

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Das miese Spiel mit der Kinderarmut

Kinderarmut ist wohl das Thema, mit dem zur Zeit am meisten Schindluder getrieben wird. Kaum eine Symbolik scheint so geeignet, um der Welt darzustellen, was für ein guter Mensch man doch ist, wie Kinderarmut. Jeder, der Kinderarmut anprangert, der gegen Kinderarmut anschreibt, der sie beklagt, der, nein etwas tun ist nicht das, was den wahren Kämpfer gegen die Kinderarmut auszeichnet, meint damit, sich als Guter zu inszenieren, seinen Wert, seine besondere Tugendhaftigkeit zu signalisieren. Deshalb spricht James Bartholomew im Hinblick auf diejenigen, die versuchen, sich als besonders wertvolle Teile der Spezies Mensch zu inszenieren, vom Virtue Signalling.

Die Meute der Guten, sie kommt regelmäßig dann in Wallung, wenn ein neuer Bericht zur Kinderarmut ansteht. Kinderarmt ist natürlich nicht die Armut von Kindern, sondern die Armut der Eltern, Eltern, die keine Arbeit, keine Einkommensquelle besitzen, die sich nicht aus Transferleistungen speist und dennoch Kinder haben, wobei die Tatsache, dass Kinder als solche eine Einkommensquelle, ein Mittel, um weitere Transferleistungen in Form von Vergünstigung und Zahlungen zu erhalten, sicher eine Rolle spielt.

Nun reichen Transferleistungen des Staates nicht dazu aus, ein Leben zu führen, wie es z.B. die Familie eines Facharbeiters, der bei der BASF Schicht arbeitet, auf Grundlage von dessen Einkommen führen kann. Entsprechend gibt es Unterschiede im Einkommen. Wenn diese Unterschiede im Einkommen das Einkommen des Facharbeiters, der Schicht arbeitet, um eine bestimmte Grenze unterschreiten, dann will es die Konvention, dass bei manchen Statistikern, die sich unter der staatlichen Fuchtel finden, von Armut gesprochen wird, eigentlich wird von relativer Armut gesprochen, also weniger haben als jemand anderes, aber dass „relativ“ wird regelmäßig weggelassen, denn es ist hinderlich. Wenn man sich als Guter inszenieren will, dann als absoluter, nicht als relativer Guter.

In Zahlen gilt als relativ arm, wer 60% des Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat. Das Nettoäquivalenzeinkommen ist als der Median der Einkommensverteilung definiert. D.h. es teilt die Einkommen in Deutschland in zwei gleichgroße Teile. Den Median benutzt man deshalb, weil er regelmäßig und deutlich unter dem Mittelwert liegt. So beträgt das Nettoäquivalenzeinkommen gemessen am Median im Jahr 2016 21.275 Euro, während der Mittelwert der Einkommensverteilung bei 24.020 Euro im Jahr 2016 liegt. Es macht sich einfach besser zu behaupten, jemand der im Monat ein Einkommen von 1.064 Euro (60% vom Median) zur Verfügung hat, sei relativ arm, als jemand, der 1.201 Euro (60% vom Mittelwert) hat. Tatsächlich fallen eine große Zahl von Rentnern in die Kategorie derer, die als relativ arm gelten, denn die durchschnittliche Rentenzahlung beträgt derzeit 1.003 Euro monatlich, die durchschnittliche Altersrente 1.078 Euro. Aber wir reden natürlich nicht von armen Alten, die man nach einem Erwerbsleben in relativer Armut geparkt hat, wir reden von Kindern, die in Familien von Hartz IV aufwachsen, entweder bei Alleinerziehenden oder in einer Familie in jedem Fall aber bei Eltern, die keinerlei Arbeit nachgehen, wie auf Seite 24 des Berichts der Bertelsmann-Stiftung nachzulesen.

Deren Kinder gelten als arm, über sie wird medial mit großer Aufregung berichtet, nicht etwa über die Alten, die nach einem Arbeitsleben in relativer Armut versinken oder die Gründe, warum die Eltern Kinder trotz Arbeitslosigkeit produzieren oder keine Arbeit finden, um ihren Kindern den Lebensstandard bieten zu können, den z.B. ein Facharbeiter der BASF, der Schicht arbeitet, seinen Kindern bieten kann. Denn, wie gesagt, mit Kindern und deren vermeintlicher Armut kann man sich gut produzieren, während Alte, die in Armut leben, in Deutschland keinen Medienhund hinter dem Ofen hervorlocken.

Nun enthält die Studie der Bertelsmann-Stiftung unvorsichtiger Weise ein Liste von Gütern, auf die Kinder, die jahrelang in Armut leben, wie es bei der Tagesschau heißt, obwohl relative Armut gemessen wurde, verzichten müssen. Etwas nicht haben, was andere haben, gilt heute als Armut, das muss man sich einmal vorstellen.

Wir haben uns die Liste der Güter, auf die die armen Kinder wegen Armut nach Ansicht von Bertelsmann verzichten müssen, genauer angesehen und auf Grundlage von Tabelle 11 in der Bertelsmann-Studie rekonstruiert, was die Bertelsmann-Stiftung verschweigen will, um die Schlagzeile: Kinder von Eltern, die dauerhaft nicht gesichert sind (also dauerhaft Hartz-IV beziehen und in der Regel alleinerziehend sind), müssen in Deutschland auf 7,3 der 23 „abgefragten Güter“ verzichten: „Armut bedeutet laut Bertelsmann-Stiftung für die Kinder Verzicht“.

Verzicht worauf?

7,3 Güter sind es, auf die die entsprechenden Kinder durchschnittlich verzichten müssen.
Rekonstruieren wir, worauf (auf Grundlage von Tabelle 11, Seite 50).
Sie müssen auf die eines der folgenden Güter verzichten:

  • Eine Wohnung ohne feuchte Wände oder Fußböden
  • Eine Wohnung, die mindestens so viele Zimmer hat, wie dort Personen wohnen.
  • Ein separates Badezimmer mit Badewanne oder Dusche in der Wohnung.
  • Eine Toilette innerhalb der Wohnung.
  • Ein Garten, ein Balkon oder eine Terrasse.
  • Sich ab und zu neue Kleidung kaufen können, auch wenn die alte noch nicht abgetragen ist.
  • Mindestens einmal täglich eine warme Mahlzeit haben.

Auf eines der oben genannten acht Güter müssen Kinder, die als arm verkauft werden sollen, damit sich Gutmenschen inszenieren können, verzichten. Verzichten müssen Sie auch auf 3 der folgenden vier Güter:

  • Einmal im Monat Freunde zum Essen zu sich nach Hause einladen können.
  • Einmal im Monat zum Essen in ein Restaurant gehen können.
  • Mindestens einmal im Monat ins Kino, Theater oder Konzert gehen können.
  • Eine mindestens einwöchige Urlaubsreise pro Jahr.

Schlimm, wenn man nicht mindestens einmal im Monat ins Kino oder ins Restaurant gehen kann. Das ist Armut!

Damit nicht genug, denn für die Kinder von Eltern, die sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten auf Basis von Hartz-IV, Kindergeld und sonstigen Transferzahlungen durchschlagen (müssen), gibt es noch mehr Verzicht. Nicht nur das monatliche Essen im Restaurant ist in Frage gestellt, auch drei der folgenden 11 Güter können nicht konsumiert werden bzw. sind nicht vorhanden:

  • Eine Waschmaschine
  • Ein Fernseher
  • Ein Auto
  • Ein Computer mit Internetanschluss
  • Ein Videorekorder mit DVD-Player
  • Die Miete für die Wohnung bzw. die Zinsen für das Wohneigentum immer pünktlich zahlen können
  • Die Gas-, Wasser-, Heizungs- und Stromrechnung immer pünktlich zahlen können;
  • Einen festen Betrag im Monat sparen können;
  • Behandlungen in Anspruch nehmen können, die von der Krankenkasse nicht vollständig bezahlt werden, wie z.B. Zahnersatz oder Brille
  • Unerwartet anfallende Ausgaben mit eigenem Geld bezahlen können, z.B. eine kaputte Waschmaschine ersetzen;
  • Abgenutzte, aber sonst noch brauchbare Möbel durch neue ersetzen.

Dass der Besuch des Theaters, der nicht gemacht werden kann, oder die Einladung eines Freundes zum Essen für jedes Kind einen Verzicht darstellt, das ist natürlich die Phantasie der Bertelsmann-Stiftung. Niemand hat die Kinder gefragt, ob sie überhaupt ein gemeinsames Essen mit Freuden UND ELTERN oder einen monatlichen Theaterbesuch wollen. Hier scheint ihre Mittelschichtssozialisation mit den Bertelsmännern durchgegangen zu sein. Mit ihrem Ergebnis bestätigen sie entsprechend das, was die andere Stiftung aus Berlin herausgefunden haben will: Man findet immer, was man sucht, was nicht unbedingt das ist, was ist oder relevant ist. [Wenn man schon nach Theaterbesuchen und Computern mit Internetanschluss fragt: Um wie viel plausibler ist es, dass sich Rentner keinen Theaterbesuch leisten können (von dem sie etwas hätten im Gegensatz zu z.B. achtjährigen Kindern, die nicht ruhig sitzen bleiben) und wie viele Rentner leben wohl ohne Balkon und Terrasse, ohne Auto, Computer mit Internetanschluss, ohne monatlichen Restaurantbesuch und Sparvertrag, mit abgenutzten Möbeln und in feuchten alten Wohnungen und gelten dennoch nicht als arm, weil sie bekommen ja Rente?]

Tatsächliche Armut

Und für Deutschland 2017 hat dies folgende Konsequenz: Arm soll sein, wer nicht einmal im Monat ins Restaurant gehen kann, wer nicht monatlich mindestens einmal ins Kino oder Theater gehen kann, nicht mindestens eine Woche in Urlaub fahren kann, kein Auto hat, zwar Hauseigentum hat, aber die Zinsen darauf nicht zahlen kann, in einer feuchten Wohnung lebt und keinen festen Betrag im Monat sparen kann.

Arm soll auch sein, wer neben den Verzichten auf Restaurant, Kino und Urlaub, noch brauchbare Möbel nicht ersetzen kann, keinen Computer mit Internetanschluss, kein Auto, keinen Balkon, keinen Garten und keine Terrasse hat.

Wie man sieht, schrecken gute Menschen in ihrem Kampf gegen die Kinderarmut auch nicht davor zurück, sich lächerlich zu machen und das Konzept von Armut von jedem Sinn zu entleeren.

Wo sich inszeniert wird, da fallen eben Späne.

Eigentlich müssten die Ergebnisse der Bertelsmann-Stiftung dazu führen, dass man es feiert, dass nicht einmal Kinder von dauerhaften Hartz-IV-Beziehern in Armut leben und ihnen deshalb nichts Wesentliches zu einer gesunden und unbeeinträchtigten Entwicklung fehlt. Aber das ist natürlich nicht das, was guten Menschen wie den Bertelsmännern den Warm Glow verschafft, gegen die furchtbare Kinderarmut, die monatliche Theaterbesuche verhindert, vorgegangen zu sein, bloß verbal versteht sich.

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