Jahrzehntelang waren Werbekunden für Medien die Einkunftsquelle. Sie waren so wichtig, dass so mache Zeitschrift, wie z.B. das SPD-Blatt „Öko-Test“ mal eben die Reichweite um ein paar 10.000 Leser erhöht hat, um höhere Preise für Werbeplatz verlangen zu können. Die ZEIT hat ein eigenes Modell, um die Reichweite zu erhöhen: Probe-Abos und Geschenk-Abos und andere Formen von „Gratis-Abos“ werden genutzt, um die Reichweite zu erhöhen, um die Preise für Werbeanzeigen auf hohem Niveau halten zu können.
Mit dem Internet, pardon: der Digitalisierung hat sich das alles geändert. Die „Informationsflut“, die mittlerweile beklagt wird, und die leichte Vergleichsmöglichkeit von Inhalten, die Online-Lesern schnell gezeigt hat, dass man in allen Mainstream-Medien dieselbe Meldung von dpa lesen kann, wurde nicht nur die Frage aufgeworfen, was denn nun das „Alleinstellungsmerkmal“ von ZEIT, Spiegel, WELT, FAZ oder taz sei, wegen dem man das entsprechende Medium lesen soll, auch das Finanzierungsmodell der Mainstream-Medien wurde in Frage gestellt.
Hinzu kommen technische Möglichkeiten, wie der Ad-Blocker, der weithin Verwendung findet und dazu führt, dass die Online-Auftritt der meisten Tageszeitungen wenig bis gar nicht rentabel sind. Die Suche nach neuen Möglichkeiten, die eigenen Leistungen zu finanzieren, kommt regelmäßig bei Club-Modellen an, also bei Texten, die hinter Bezahlschranken verborgen werden und nur dem zugänglich sind, der Eintritt bezahlt, am besten in Form einer Dauerkarte.
Indes, diese Lösung führt zurück nach Los, wo abermals die Frage, warum man eine Dauerkarte zur Lektüre von Alpenprawda, WELT, Bild, Spiegel, taz, FAZ oder ZEIT erwerben soll, darauf wartet, beantwortet zu werden. Manche Blätter, wie die taz oder der Spiegel versuchen, Nachrichten mit ideologischer Einfärbung zu ihrem „Trademark“ zu machen. Der Erfolg ist mäßig. Die Abonnentenzahlen weiterhin schwindend.
Im Wettbewerb mit neuen Formen der Informationsvermittlung, wie sie auf YouTube, Facebook, in Blogs und Vlogs zu finden sind, bleiben die traditionellen Mainstreammedien zurück, auch Versuche, Inhalte aus Twitter und Facebook, von YouTube oder Instagram in die eigenen Angebote zu integrieren, sind weitgehend erfolglos geblieben.
Was tun?
Beispiele, die die „Ethik der Aufmerksamkeit“ verdeutlichen sollen, sind derer zwei: Hartnäckigkeit, am Thema bleiben, und ein Bewusstsein für die Wünsche der Leser: „Ist dieser Inhalt die wertvolle Zeit der Leser wert?“, so schreibt Fischer, und wir wünschten er hätte sich diese Frage auch mit Bezug auf seinen Beitrag gestellt, der nun wirklich die „wertvolle Zeit der Leser“ nicht wert ist, empfiehlt er doch alte Ladenhüter und lauwarme Wadenwickel um Leser zu gewinnen.
Der Beitrag von Fischer ist aber dennoch interessant, interessant für diejenigen, die wissen wollen, ob in absehbarer Zeit bei Mainstream-Medien eine durchgreifende Änderung zu erwarten ist, z.B. in Form einer nicht-ideologisch eingefärbten Berichterstattung oder auch nur dem rudimentären Versuch, zu recherchieren anstelle von phantasieren oder relotieren, wie es heute heißt.
Die Antwort ist ein klares nein. Die vermeintlichen Vordenker, die „Medientrainer im In- und Ausland“, die „Dozenten für Digital Journalism“, sie zeichnen sich durch denselben ideologischen Bias aus, der die Mehrheit ihrer Kollegen auszeichnet und die Mehrheit ihrer ehemaligen Leser vergrätzt hat.
Ein paar Kostproben.
Bei Fischer findet sich das Opfer-Lied: Journalisten, zum eigenen Denken und Urteilen in seiner Welt offenkundig nicht in der Lage, würden von Politikern (ausgerechnet) instrumentalisiert, klagt er, und führt Frank Magnitz als Beispiel an. Daraus muss man dann wohl schließen, dass Frank Magnitz in der Vorstellung von Fischer, dem Dozenten an der Universität der Künste in Berlin, den Überfall auf seine Person inszeniert hat, bloody good enactment …
Was man von Unsinn wie diesem zu halten hat, dass es kein unbedachter Unsinn, sondern geplanter Unsinn ist, der insinuieren und manipulieren will, wird ein paar Zeilen weiter deutlich. Dort schreibt Fischer das Folgende:
„Die Rolle die Nachrichten im Netz hat sich aber erweitert. Über eine Überschrift wie „Nazis rein“ hätte man sich früher vielleicht als durchschnittlicher Spiegel-Leser kurz geärgert und weitergeblättert. Heute werden solche Inhalte in rechtspopulistischen Online-Communities herumgereicht und als Triumph gefeiert nach dem Motto: „Seht, selbst der Mainstream feiert uns.“ Auch der WDR tappte in diese Falle mit der Einladung von David Berger, einem der reichweitenstärksten Stimmen der Neuen Rechten. Im Format „Tischgespräch“ konnte er ungestört seine Legendenbildung vorantreiben. Diese ‚Auszeichnung‘ der Qualitätsmedien wird seinen Namen noch bekannter machen. Die Berichterstattung trägt mittelbar dazu bei, Falschnachrichten zu verbreiten, die immer wieder auf seinem Blog veröffentlicht werden.” [Rechtschreib- und Grammatikfehler stammen aus dem Original]
Wir wissen nicht, welcher rechtspopulistischen Online-Community Herr Fischer angehört, aus der er die geradezu esoterische Kenntnis gewonnen hat, dass es in alternativen Medien als Erfolgsauszeichnung gilt, ausgerechnet in den a-sozialen Medien zitiert zu werden. Tief kann Fischer nicht in die Materie eingedrungen sein. In der Szene, die wir kennen, zugegeben, es ist nicht die rechtspopulistische Szene, in der Fischer sich zu bewegen scheint, gilt es eher als Makel, in Mainstream-Medien positiv besprochen zu werden.
Unvermeidlich ist wohl auch, dass Fischer sich an David Berger, dem Betreiber von Philosophia Perennis, und dessen Interview mit WDR5 abarbeitet, das in den linken Echozimmern so große Wellen geschlagen hat, dass es selbst dem verträumtesten Sozialpsychologen möglich ist, den linken Minderwertigkeitskomplex, der mit der Hoffnung, man könne Leser über die eigenen Medien beeinflussen, verbunden ist, zu greifen. Einen Auftritt in dem, was nur noch Ewiggestrige als „Qualitätsmedien“ [Qualität – gemessen woran?] ansehen, als „Auszeichnung“ zu bezeichnen, das kommt schon der Ansicht gleich, dass der König der Bettler auch ein König sei.
Dass es mit der „Ethik der Aufmerksamkeit“, die Fischer verbreiten will, nicht weit her ist, dass die „Verantwortung für die eigene Berichterstattung“ bestenfalls als schlechter Witz angesehen werden kann, belegt der letzte Satz, in dem David Berger vorgeworfen wird, er verbreite auf seinem Blog Falschnachrichten. Zum Beleg wird ein Link gesetzt, den diejenigen, die sich über die Falschnachrichten, die Berger angeblich verbreitet, informieren wollen, anklicken können. Wir wollten uns informieren.
Die Behauptung, Berger würde „reihenweise Falschmeldungen“ publizieren, schmilzt hier auf zwei Fehler zusammen, die man auf Mainstream-Medien mit Sicherheit ebenso finden könnte, wenn man danach suchen würde. Wer z.B. die Fehler des Faktenfinders der ARD nachlesen will, der kann dies bei uns tun. Doch zurück zu Berger. Er hat einen Bulgaren als Nordafrikaner bezeichnet. Als er seinen Fehler bemerkt hat, hat er den entsprechenden Beitrag gelöscht. Zudem hat er zwei Inder fälschlicherweise als Amokfahrer in Münster bezeichnet. In Deutsch: Er hat vermutlich zu schnell ein Video auf Philosophia Perennis geteilt, das nicht zeigte, was er dachte, dass es zeigen würde und was behauptet wurde, dass es zeigen würde. Das sind die „Falschnachrichten“ bzw. die „reihenweisen Falschmeldungen“, die David Berger zu Last gelegt werden.
Blogs der alternativen Medien werden nicht von Gebührenzahlern finanziert. Blogs der alternativen Medien werden nicht von Parteien oder Stiftungen ausgehalten, wie dies für viele derer, die sich als Faktenchecker verdingen der Fall ist. Blogs der alternativen Medien sind in der Regel wenige-Mann-Betriebe. Angesichts der beschränkten Ressourcen, die alternativen Medien zur Verfügung stehen, ist nicht erstaunlich, dass sie Fehler machen, sondern dass sie so wenige Fehler machen.
Nicht erstaunlich ist auch, dass auch die „Ethik der Aufmerksamkeit“, die Frederik Fischer verbreiten will, nur ein Aufguss der üblichen Versuche der Diskreditierung der erfolgreicheren Konkurrenz ist. Innovation, neue Formate und witzige Ideen finden sich eben nicht in den verkrusteten Strukturen von Medien, die jenseits der Behauptung „Qualitätsmedien“ zu sein, nichts zu bieten haben. Sie finden sich bei alternativen Medien. Vielleicht wäre diese Wahrnehmung der Realität erst einmal wichtiger als eine „Ethik der Aufmerksamkeit“.
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