Robert K. Merton, Soziologe extraordinaire: Wissenschaft braucht eine liberale Gesellschaft

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Wie wir aus den Reaktionen vieler unserer Leser auf Sciencefiles wissen, haben sehr viele Menschen den Eindruck, dass Sozialwissenschaften oder (besonders) die Soziologie keine Wissenschaft/en sind, sondern akademisierte Schwatzbuden, in denen in neuerer Zeit dem Unverständlichen oder Sinnlosen von Ideologen die ein oder andere Unterstellung oder Beleidigung hinzugefügt wird, um „die Menschen“ oder „die einfachen Leute“, die man sozial und kognitiv unter sich wähnt, oder diejenigen, die als politische oder weltanschauliche Gegner aufgebaut werden, zu diskreditieren, wo Argumente fehlen.

Wie wir ebenfalls aus den Reaktionen von Lesern wissen, gelingt es uns wenigstens im Ansatz, bekannt zu machen, dass diese Wahrnehmung von Sozialwissenschaften bzw. Soziologie leider nicht falsch ist, aber sehr einseitig. Es trifft zu, dass die Sozialwissenschaften/Soziologie derzeit häufig missbraucht werden, aber es trifft auch zu, dass es nach wie vor Sozialwissenschaftler, darunter Soziologen, gibt, die es mit dem Wortteil „-wissenschaften“ ernst meinen, und über Dekaden hinweg das Verständnis von Soziologie als einer Wissenschaft sowohl bei Soziologen als auch in der Öffentlichkeit geprägt haben.

Wir haben das auf Sciencefiles schon häufig angesprochen und in der letzten Zeit damit begonnen, Soziologen vorzustellen, deren Arbeit nicht nur zeigt, wie man als wissenschaftlich arbeitender Soziologie vorgeht, sondern selbst dazu beigetragen hat, dass sich die Soziologie zur/als Wissenschaft weiterentwickeln und etablieren konnte.

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Heute wollen wir wieder einen solchen Soziologen vorstellen und würdigen, und zwar den U.S.-amerikanischen Soziologen Robert K. Merton, der am 5. Juli 1910 geboren wurde, also heute seinen 109. Geburtstag gefeiert hätte, wäre er nicht im Februar 2003 im Alter von 92 Jahren gestorben.

Robert K. Merton, der als Meyer R. Schkolnick in Philadelphia geboren wurde und den Namen Robert King Merton im Zuge seiner Betätigung als Amateur-Magier im Teenager-Alter entwickelte, kann als einer der Riesen bezeichnet werden, auf dessen Schultern nicht nur Zwerge, sondern auch andere Riesen in der Soziologie standen – Merton hat übrigens selbst ein Buch über die Geschichte der Redensart von den Zwergen, die auf den Schultern von Riesen stehen, geschrieben (Merton 1965): Seine empirischen, theoretischen und methodischen Beiträge zur Soziologie oder den Sozialwissenschaften allgemein sind so zahlreich und einflussreich wie diejenigen kaum eines anderen Soziologen oder Sozialwissenschaftlers.

Von Merton stammt eine ganze Reihe von Konzepten, die er im Rahmen seiner empirischen Forschungen entwickelt hat und die heute selbstverständlich zu den Fachbegriffen der Sozialwissenschaften gehören und teilweise über sie hinaus gebraucht werden, darunter die Begriffe „role model“ (Merton, Reader & Kendall 1957: 137; 138; 139) bzw. „Rollenmodell“, „self-fulfilling prophecy“ (Merton 1948) bzw. „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ (neben der „self-destroying prophecy“) und „Dysfunctions“, z.B. mit Bezug auf „… patterns of behavior, belief, and organization …“ (Merton 1976: 37), wie z.B. die Bürokratie (Merton 1973: 251).

Merton hat im Zusammenhang mit empirischer Forschung in verschiedenen inhaltlichen Feldern Enormes geleistet, aber auch im Bezug auf Theoriebildung, Methodologie und Forschungsmethoden. So hat Merton den Ausdruck „theories of the middle range“ bzw. „Theorien mittlerer Reichweite“ geschaffen, d.h.

„theories that lie between the minor but necessary working hypotheses that evolve in abundance during day-to-day research and the all-inclusive systematic efforts to develop a unified theory that will explain all the observed uniformities of social behaviour, social organization and social change” (Merton 1949: 5),

um einerseits sicherzustellen, dass sich die Soziologie nicht in der mehr oder weniger spontanen und wenig aufschlussreichen Sammlung von statistischen Einzelbefunden über irgendwelche Zusammenhänge erschöpft, andererseits sicherzustellten, dass die Soziologie sich nicht in der Wortwelt der “großen Theorie” verliert, also niemals den Bezug zu den empirisch beobachtbaren Fakten, den Daten, verliert. Die zentrale Bedeutung von Theorien mittlerer Reichweite kann man angesichts des derzeitigen Zustandes weiter Teile der Sozialwissenschaften heutzutage nicht genug betonen.

Eine solche Theorie mittlerer Reichweite, die Merton selbst formuliert hat, ist seine Anomietheorie, deren Kern wiederum Mertons Allgemeine Drucktheorie („General Strain Theory“) (Merton 1938) ist; sie hat die Kriminologie und die Soziologie abweichenden Verhaltens wie kaum eine andere Theorie geprägt.

Im Bereich konkreter Forschungsmethoden hat Merton die Soziologie um das „[f]ocused interview“ (Merton, Fiske & Kendall 1956) („fokussiertes Interview“) bereichert. Es ist durch vier Merkmale charakterisiert, die Merton und Kendall in einem Ausatz aus dem Jahr 1946 beschrieben haben:

„1. Persons interviewed are known to have been involved in a particular concrete situation: they have seen a film; heard a radio program; read a pamphlet, article or book; or have participated in a psychological experiment on in an uncontrolled, but observed, social situation. 2. The hypothetically significant elements, patterns, and total structure of this situation have been previously analyzed by the investigator. Through this content analysis he has arrived at a set of hypotheses concerning the meaning and effects of determinate aspects of situations. 3.On the basis of this analysis, the investigator has fashioned an interview guide, setting forth the major areas of inquiry and the hypotheses which locate the pertinence of data to be obtained in the interview. 4. The interview itself is focused on the subjective experiences of persons exposed to the preanalyzed situation. The array of their reported responses to this situation enables the investigator a) To test the validity of hypothesis derived from content analysis and social psychological theory [!], and b) To ascertain unanticipated responses to the situation, thus giving rise to fresh hypotheses” (Merton & Kendall 1946; 541: Hervorhebungen im Original).

Das so beschriebene fokussierte Interview ist immer ein leitfadengestütztes Interview mit Personen, die zuvor demselben Stimulus ausgesetzt wurden. Es basiert auf zuvor formulierten Hypothesen, deren Validität anhand des Interviews überprüft werden soll, und dient außerdem dazu, vorher nicht erwartete Reaktionen auf den Stimulus in neuen, zusätzlichen Hypothesen zu formulieren. Es ist also meist nicht identisch mit dem, was als allgemein oder zur Bezeichnung sehr verschiedener Dinge als „Fokusgruppeninterview“ bezeichnet wird, und der Begriff „Fokusgruppe“ stammt auch nicht von Merton, und es gibt (schon deshalb) keine „Methode der Fokusgruppe (nach Merton et al., 1956)“, wie z.B. Misoch (2015) meint – und mit ihr eine Reihe anderer Autoren, die sich zum Thema „Qualtiative Interviews“ äußern.





Es ist bedauerlich, dass Merton anscheinend zumindest im deutschsprachigen Raum inzwischen nur sehr selten gelesen wird, denn Merton ist ein sehr produktiver und innovativer Soziologe gewesen – und ein analytischer Geist, dessen Überlegungen nicht durch ideologische Bindungen eingeschränkt wurden. So hat er angesichts der zunehmenden Bürokratisierung moderner Gesellschaften Fragen danach aufgeworfen, ob und ggf. wie mit ihr bestimmte Persönlichkeitsmerkmale der in Verwaltungen Beschäftigten zusammenhängen:

„Inasmuch as ascendancy and submission are held to be traits of personality, despite their variability in different stimulus situations, do bureaucracies select personalities of particularly submissive or ascendant tendencies? And since various studies have shown that these traits can be modified, does participation in bureaucratic office tend to increase ascendant tendencies? Do various systems of recruitment (e.g. patronage, open competition involving specialized knowledge or “general mental capacity,” practical experience) select different personality types?” (Merton 1940: 568).

Es ist für die meisten unserer Leser vermutlich nicht überraschend, dass sich so gut wie kein Sozialwissenschaftler gefunden hat, der sich dieser Fragen angenommen hätte; eine Suche nach „Merton ‚bureaucratic structure and personality‘“ in Google Scholar ergibt genau einen Eintrag, und bezieht sich auf den Text von Merton selbst.

Das ideologisch unabhängige Denken Robert Mertons zeigt sich auch darin, dass er für einen „Kommunismus“ in der Wissenschaft votierte, womit er im Kern meinte, dass Wissenschaft keine „Geheimgesellschaft“ sein kann, d.h. Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich sein müssen, dass Wissenschaftler das kulturelle Erbe, auf dem sie aufbauen und insbesondere die Arbeiten anderer Personen, auf denen ihre eigene Arbeit aufbaut, angemessen würdigen (Merton 1973: 274-275) und dass Technologien als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung nicht per Patent zum Privateigentum gemacht werden sollten, wobei Merton allerdings weniger den exklusiven Profit der/des Erfinder/s aus der Technologie im Auge hat, sondern „nonuse“ bzw. „suppression of inventions“ (Merton 1973: 275), d.h. die Nicht-Nutzung oder Unterdrückung von Erfindungen.

Gleichzeitig machte er “Disinterestedness” zum grundlegenden Merkmal von Wissenschaft, wobei er mit „Disinterestedness“ nicht auf die Motivation von Wissenschaftlern abstellte, zu tun, was sie tun, sondern auf Wissenschaft als Institution (Merton 1973: 275), die „disinterested“ in dem Sinn ist, dass ihre Behauptungen und Erkenntnisse jederzeit der oben bereits angesprochenen öffentlichen Verfügbarkeit und der Testbarkeit unterworfen sein müssen: „The demand for disinterestedness has a firm basis in the public and testable character of science …“ (Merton 1973: 276).

Eng mit der “Disinterestedness” von Wissenschaft hängt Mertons Feststellung zusammen, dass Wissenschaft eine liberale Gesellschaft als Randbedingung erfordert, d.h. nur in einer liberalen Gesellschaft tatsächlich Wissenschaft sein kann, und zwar deshalb, weil nur eine liberale Gesellschaft die Normen, die wissenschaftliches Arbeiten anleiten und die Wissenschaft ausmachen, als in ihrem eigenen Recht existierend akzeptiert, während in totalitären Gesellschaften die Wissenschaft notwendigerweise den Zwecken des Staates geopfert wird, also die Normen, die Wissenschaft zugrundeliegen, zurücktreten müssen hinter diejenigen, die die „guten“ Sache, zu denen die Anliegen des totalitären Staates erklärt werden, anleiten. Merton erläutert dies anhand des Beispiels „Wissenschaft in Nazi-Deutschland, aber dasselbe trifft z.B. auf die Unterwerfung der Wissenschaft unter den „Marxismus-Leninismus“ in der DDR zu:

„An Analysis of the role of science in the Nazi state uncovers the following elements and pressures. The spread of domination by one segment of the social order – the State – involves a demand for primary loyalty to it. Scientists, as well as others, are called upon to relinquish adherence to all institutional norms that, in the opinion of political authorities, conflict with those of the State. The norms of the scientific ethos must be sacrificed, insofar as they demand a repudiation of the politically imposed criteria of scientific validity or of scientific worth … From the sociological point of view, the place of science in the totalitarian world is largely the same as that of all other institutions except the newly dominant State. The basic change consists in placing science in a new social context where it appears to compete at times with loyalty to the state. Thus, cooperation with non-Aryans is redefined as a symbol of political disloyalty. In a liberal order, the limitation of science does not arise in this fashion. For in such structures, a substantial sphere of autonomy – varying in extent, to be sure – is enjoyed by non-political institutions” (Merton 1973: 257-258; Hervorhebung d.d.A.).

Wenn Wissenschaft oder Wissenschaftler sich nicht dem totalitären Staat unterwirft/unterwerfen, wann immer droht, den staatlich verordneten Kurs in Frage zu stellen, gilt/gelten sie im totalitären Staat als politischer Gegner, der eine Behandlung erfahren muss wie jeder andere politische Gegner, d.h. unterdrückt oder bestraft werden muss.

Es mag vor diesem Hintergrund sein, dass das Ausmaß, in dem sich Regierungen oder Ministerien in wissenschaftliche Angelegenheiten einmischen, insbesondere das Ausmaß, in dem sie „Studien“, Studienfächer oder Studiengänge oder vermeintlich wissenschaftliches Personal im Zuge besonderer Programme finanzieren, die sich ihren Anliegen widmen, einen sehr guten Maßstab dafür abgibt, ob wir es mit einer liberalen oder einer totalitäeren Gesellschaft zu tun haben. Betrachten Sie z.B. Deutschland und urteilen Sie selbst!


Literatur:

Merton, Robert K., 1976: Social Dysfunctions. In: Merton, Robert K. & Nisbett, Robert A. (eds.), 1976: Contemporary Social Problems: An Introduction to the Sociology of Deviant Behavior and Social Disorganization. London: Harcourt, Brace. Jovanovich, pp. 37-40.

Merton, Robert K., 1973: The Sociology of Science: Theoretical and Empirical Investigations. Chicago: University of Chicago Press.

Merton, Robert K., 1965: On the Shoulders of Giants: A Shandean Postscript. New York: The Free Press.

Merton, Robert K., 1957: The Role-Set: Problems in Sociological Theory. The British Journal of Sociology 8, 2: 106-120.

Merton, Robert, K., 1949: Social Theory and Social Structure: Toward the Codification of Theory and Research. Glencoe, Ill.: The Free Press.

Merton, Robert K., 1948: The Self-Fulfilling Prophecy. The Antioch Review 8, 2: 193-210.

Merton, Robert K., 1940: Bureaucratic Structure and Personality. Social Forces 18, 4: 560-568.

Merton, Robert K., 1938: Social Structure and Anomie. American Sociological Review 3, 5: 672-682.

Merton, Robert K., Fiske, Marjorie & Kendall, Patricia L., 1956: The Focused Interview. Glencoe/Ill. : The Free Press.

Merton, Robert K., Reader, George. G. & Kendall, Patricia L., 1957: The Student Physician: Introductory Studies in the Sociology of Medical Education. Cambridge/Mass.: Harvard University Press.

Misoch, Sabina, 2015: Qualitative Interviews. Berlin: Walter de Gruyter.


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