Grund zur Panik? Tuberkuloseausbruch in Baden-Württemberg kein Grund zu Leichtfertigkeit

Nach letzter Zählung haben sich an der Michael-Ende-Schule in Bad Schönborn mindestens 109 vornehmlich Schüler einer achten Klasse (also 14jährige) mit Tuberkulose angesteckt, vier Schüler sind bislang an Tuberkulose erkrankt. „Erreger der Tuberkulose sind“, so heißt es beim Robert-Koch-Institut, „aerobe, unbewegliche, langsam wachsende, stäbchenförmige Bakterien der Familie Mycobacteriaceae“. Wie bei aeroben Erregern meist üblich, erfolgt die Übertragung der Tuberkulose durch erregerhaltige Tröpfchenkerne, die ausgehustet werden und über die Luftwege von einem Anwesenden aufgenommen werden. Die Inkubationszeit nach Aufnahme der Erreger beträgt sechs bis acht Wochen. Die Schüler, bei denen nun eine Infektion mit Tuberkulose festgestellt wurde, darunter die vier, die bislang an Tuberkulose erkrankt sind, haben sich wohl bereits vor den Pfingstferien infiziert. 

Inzidenz der Infektion mit Tuberkulose (Angaben per 100.000 Einwohner); Quelle

Zu einer Übertragung von Tuberkulose kommt es in der Regel, wenn ein an offener Tuberkulose Erkrankter über einen relativ langen Zeitraum viel Gelegenheit hat, andere Anwesende mit seinen Erregern zu penetrieren. Die Gefahr, sich anzustecken, hängt also von der eigenen Empfindlichkeit und vor allem der Häufigkeit und Dauer ab, die jemand dem Erkrankten ausgesetzt war.

Wie aus Bad Schönborn bekannt ist, hatte der Ground Zero, also der Schüler, der zuerst an Tuberkulose erkrankt war, wohl viel Gelegenheit und Zeit, seine Mitschüler anzustecken. Allein dies ist ein Grund, eher den Panikmodus als den Beschwichtigungsmodus einzulegen.

Dennoch ist der Baden-Württembergische Minister für Soziales und Integration im Beschwichtigungsmodus unterwegs. Er warnt sogar explizit vor „Panikmache“. Er könne die „Sorgen von Eltern und Lehrern im Umfeld der betroffenen Schüler“ zwar verstehen, so schreibt Manne Lucha in einer Presseerklärung, aber das mit der Tuberkulose ist eigentlich gar nicht so schlimm, so muss man daraus schließen, dass er weiter schreibt, dass “nur” bei einem Anteil der mit Tuberkulose Bakterien, also mit „M. tuberculosisM. bovisM. africanum, M. microti, M. canetti und M. pinnipedii  (Anmerkung von uns) Infizierten die Tuberkulose auch ausbreche. Von 5% bis 10% infizierten Erwachsenen, weiß Lucha, bei denen die Tuberkulose auch ausbreche, bei Kindern, so weiß er weiter, “liegt der Anteil etwas höher“. Was „etwas“ ist, sagt er nicht.

Die Mortalität bei Tuberkulose beträgt im Übrigen rund 2% bei Erwachsenen und 0,4% bei Kindern (das sind in der Statistik Personen unter 15 Jahren).

Tuberkulose, so fährt Lucha fort, sei einerseits selten, komme anderseits „jedoch immer wieder vor“, was zur logischen Konsequenz hat, dass sie nicht selten sein kann, denn wäre sie selten, sie käme nicht „immer wieder vor“. Es ist, so die Meldung von Lucha, alles nicht so schlimm, alles kaum der Rede wert und überhaupt, „zwischen 681 und 792 Fälle pro Jahr“ traten in den letzten Jahren in Baden-Württemberg auf, so schreibt es der Baden-württembergische Minister für Soziales und Integration und so findet es sich im Wesentlichen beim Spiegel, einem Profi-Journal für das Abschreiben ministerialer Pressemeldungen.





Bei den 681 bis 792 Fällen, das haben der Minister und der Spiegel offenkundig übersehen (wollen), handelt es sich natürlich um die Gesamtzahl der Tuberkulose-Fälle für Baden-Württemberg.

Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes weist für das Jahr 2017 und für Baden-Württemberg 1024 Fälle der Tuberkulose nach, also deutlich mehr als dem Minister bekannt sind oder sein wollen. Unter diesen 1024 Fällen befinden sich 61 erkrankte Kinder also unter 15jährige. Der Anteil der Gruppe der unter 15jährigen, für die allein in Bad Schönborn schon mehr als 100 Fälle gezählt wurden, betrug demnach 2017 5,95% landesweit, 61 von 1024 Tuberkulosefällen. Die Angaben von Spiegel und Lucha führen nicht nur in die Irre, sie sind klar manipulativ mit dem Ziel, eine reale Gefahr herunterzuspielen. Geht man davon aus, die 100 Fälle aus Bad Schönborn seien 2019 die einzigen Fälle von Tuberkulose in der Gruppe der unter 15jährigen, die in Baden-Württemberg auftreten, eine an sich schon unrealistische Annahme, dann ergäben sich nach der Argumentation des Ministers für Soziales und Integration rund 1681 Fälle von Tuberkulose landesweit bereits zur Mitte des Jahres 2019.

Das tatsächliche Ausmaß des Problems, das sich in Bad Schönborn entwickelt, kann man der folgenden Abbildung entnehmen, in der wir die korrekte Vergleichsbasis für die Tuberkulosefälle, nämlich die entsprechenden Fälle für unter 15jährige (8 Klässler sind in der Regel 14 Jahre alt) herangezogen haben.

Wie man sieht, liegt die Fallzahl in Bad Schönborn, die wir mangels transparenter Daten mit 100 Kindern angenommen (und damit unterschätzt) haben, deutlich über der Anzahl von Tuberkulose-Fällen, die in den letzten Jahren LANDESWEIT in Baden-Württemberg gemeldet wurden.

Es gibt somit keinen Grund für Beschwichtigung, zumal Beschwichtigung damit einhergeht, ernsthafte Probleme auf die leichte Schulter zu nehmen. Tuberkulose ist ein ernsthaftes Problem. Diejenigen, bei denen die Tuberkulose ausbricht, sehen einer monatelangen Behandlung in Krankenhausquarantäne entgegen, diejenigen, die sich infiziert haben, der Ungewissheit, die sich daraus ergibt, dass die Tuberkulose bei rund 10% der Infizierten im Verlauf ihres Lebens ausbricht und sie nicht wissen, ob sie zu diesen 10% gehören werden. Alles kein Grund zur Sorge für den Minister des Sozialen und der Integration, Manne Lucha, bei dem man schon nach dem Vornamen weiß, zu welcher Partei er gehört.

“Aber auch Jahrzehnte nach der Infektion kann es noch zu einer Erkrankung an Tuberkulose kommen (sogenannte Reaktivierung), insbesondere dann, wenn das Immunsystem geschwächt ist.” (Robert-Koch-Institut)

Bei all der Beschwichtigung vergisst man fast die Frage danach, wie ein Achtklässler wohl wochenlang vor sich hin husten kann, ohne dass seine Erkrankung an Tuberkulose erkannt wird.

Das effektivste Mittel, Tuberkulose zu erkennen, ist die Röntgendiagnostik.

„Die Röntgendiagnostik spielt bei der Erkennung der Lungentuberkulose und der Verlaufsbeurteilung unter Therapie auch weiterhin eine entscheidende Rolle. Sie gehört neben der Anamnese und der bakteriologischen Diagnostik zu einer vollständigen differenzialdiagnostischen Abklärung des Krankheitsbildes. Darüber hinaus ist sie zur Früherkennung bzw. zum Ausschluss einer behandlungsbedürftigen Tuberkulose bei THT- und/oder IGRA-positiven Kontaktpersonen hilfreich.“ (Robert-Koch-Institut)

Baden-Württemberg gehört zu den Bundesländern, die Zuwanderer ab dem 16. Lebensjahr mit Röntgendiagnostik auf das eventuelle Vorhandensein einer Erkrankung an u.a. Tuberkulose untersuchen. Ein erweitertes Screening für Kinder findet in Baden-Württemberg nicht statt. Die Quelle der Infektion von mehr als 100 Schülern in Baden-Württemberg ist ein Jugendlicher unter 15 Jahren. Vielleicht sollte man in Baden-Württemberg und anderswo ganz unabhängig davon, ob es in Bad Schönborn irgend einen Zusammenhang zwischen Migration und Tuberkulose-Erkrankung gibt, darüber nachdenken, die Bevölkerung wirksamer vor vermeidbaren Infektionen zu schützen, denn wenn der Fall aus Bad Schönborn eines zeigt, dann die Schnelligkeit, mit der mehr als 100 Kinder und Erwachsene mit Tuberkulose infiziert werden können.

Auch ein Grüner Minister für Soziales und Integration sollte versuchen, die Bevölkerung seines Bundeslandes vor einer vollkommen vermeidbaren Ansteckung mit Infektionskrankheiten, die in den Katalog der Krankheiten fallen, die die WHO ausrotten will, zu schützen.

Beschwichtigung hilft dabei nicht weiter, Aufklärung, Transparenz, Ehrlichkeit hilft dabei weiter.


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