Wahl zum Vollpfosten der Woche, Sozialdarwinismus, Intelligenz-Gap – COVID-19 update

Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Kubicki, FDP, kritisiert gegenüber dpa das Robert-Koch-Institut:

“Er wies insbesondere auf die Reproduktionszahl hin, die nach RKI-Angaben bundesweit von 0,9 auf 1,0 gestiegen ist. Während Ministerpräsident Markus Söder für Bayern, das Land mit den meisten Infektionen, einen R-Wert von 0,57 verkünde, melde das RKI bundesweit einen Wert von 1, sagte Kubicki:”Woher dieser Wert bei sinkenden Infektionsraten kommen soll, erschließt sich nicht einmal mehr den Wohlmeinendsten.”

Offenkundig hat der Vizepräsident des Deutschen Bundestages nicht die geringste Spur einer Ahnung davon, wie die Reproduktionszahl des RKI zustande kommt. Er kann es bei uns lernen. Wir haben es hier erklärt. Seine Behauptung, die er bar jeder Kenntnis aufstellt, ist offenkundig eine politische Aussage. Kubicki meint auch nicht “Infektionsraten”, sondern die Anzahl der positiv Getesteten. Das ist etwas vollkommen anderes, schon weil die Infektionsrate im Gegensatz zur Anzahl der positiv Getesteten unbekannt ist.



In Großbritannien führt Mike Graham wöchentlich eine Wahl zum “Plank of the Week” durch, was man wohl am besten mit “Vollpfosten der Woche” übersetzt. Einen deutschen Kandidaten für die nächste Sendung hätten wir bereits.

Es ist kein Geheimnis, dass Politdarsteller viel zu Dingen zu sagen haben, von denen sie in der Regel nur wenig, wenn überhaupt Ahnung haben. Es ist dennoch erstaunlich, wie unbekümmert sie das tun. Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass sie es gewohnt sind, ihre unfundierte und auf nichts gestützte Meinung zum Besten zu geben ohne als die Schwätzer bloßgestellt zu werden, die sie sind.


Auf Other Life hat Justin Murphy gerade die These aufgestellt, dass Intelligenz ein neues Cleavage, eine neue Konfliktlinie begründet, die Gesellschaften durchzieht. Auf ScienceFiles hat Dr. habil. Heike Diefenbach mit dem wichtigen Beitrag “Klassenkampf 2.0” eine ähnliche Hypothese aufgestellt, allerdings bezieht sich Dr. Diefenbach nicht auf Intelligenz, sondern auf Produktivität und trennt die Mehrwert Schöpfenden, die den Laden am Laufen halten, von den Mehrwert Abschöpfenden, die durchgefüttert werden müssen. Justin Weber trennt aufgrund von Intelligenz. Um im Wettbewerb erfolgreich zu sein, so schreibt er, benötigt man Ideen und Intelligenz. Keine Intelligenz benötigt man, um in Bürokratien und anhängenden Jobs erfolgreich zu sein. Intelligenz ist seiner Ansicht nach nachgerade schädlich:

“If your income is earned through a bureaucratic office of any kind, success in that office increasingly requires opposition to intelligence as such. Unions were always essentially anti-intelligence structures, defending humans from innovative insights that threatened to displace them. But unions were defeated by the information revolution, which was a kind of global unleashing of distributed intelligence. Now, atomized individuals within bureaucratic structures spontaneously converge on anti-intelligence strategies, in a shared sub-conscious realization that their income and status will not survive any further rationalization.”

Soziologisch gesprochen, hat Murphy eine Erklärung für den Umstand angeboten, dass Institutionen degenerieren und zu ideologischen Schwatzbuden verkommen, die nur noch dem Selbsterhalt gewidmet sind. Intelligenz ist hier nur hinderlich, denn sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, eine neue Idee, am Ende noch eine, mit dem Potential von Veränderung in sich, zu entwickeln.

Das ist gefährlich …



Der Spiegel war schon immer selbstreferentiell…

An Theatern scheint es mit der Intelligenz auch nicht soweit her zu sein. Heute hat Frank Castorf im Pornoblatt der Verklemmten, dem Spiegel, zum “republikanischen Widerstand gegen die Pandemie-Maßnahmen” aufgerufen. Er sei kein Mediziner, kein Biologe, arbeite im Theater und dort habe man noch die “Bereitschaft zum Fantasieren”. Also fantasiert Castorf, dass er in einer Zeit von massiver Migration, Klimawandel und sozialer Not lebe. Er kann seinen Katechismus schon fast fehlerfrei aufsagen, lediglich bei der Wahl von Adjektiven greift er daneben, z.B. wenn er sagt, dass ihn “schon die Worte ‘Lockdown’ und ‘Shutdown’ bösartig” machen. Er meint natürlich, dass sie ihn böse machen, vielleicht meint er auch bösartig, aber dann muss er weggeschlossen werden, in einer entsprechenden Anstalt. Warum der Spiegel seinen Lesern die “Rantings” eines Theatermenschen zumutet, der von sich gleich eingangs sagt, dass er das, was er nun beurteilen wird, gar nicht beurteilen kann und außerdem den Vorsatz hat, zu fantasieren, das ist das Geheimnis des Spiegels. Vielleicht hat man dort vor, neben der Pornographie für Verklemmte im angeblichen Kulturteil noch ein Panoptikum zu betreiben. Vielleicht ist der Spiegel mittlerweile, in der nach Relotius Zeit, in der schon auf Ehemalige von t-online zurückgegriffen werden muss, eine geschlossene Anstalt, eine Art, IQ-freie Zone, in der allen Ernstes so etwas gedruckt wird:

“Wenn das Robert Koch-Institut klar sagen könnte, dass wir ohne drakonische Maßnahmen in wenigen Wochen 600.000 bis 1,5 Millionen Tote hätten, würde ich sofort einsehen, dass wir einen Ausnahmezustand haben”.

Weniger dürfen es nicht sein…
600.000 Tote, das wären immerhin 0,7% der Bevölkerung, die die Castorf-Grenze bilden, aber drunter geht gar nichts. Wenn, ja, wenn das RKI in die Zukunft schauen könnte und aus dieser Vorherschau die Erkenntnis mitbrächte, dass die Castorf-Grenze spielend genommen wird, dann wäre der Herr vom Theater bereit, drakonische Maßnahmen (seine eigenen Werke sieben Tage die Woche, 12 Stunden am Tag zu betrachten, Folter) zu dulden. Ja. Das wäre er. Aber was, so fragen wir uns, würde er tun, wenn das RKI die gewünschte Vorhersage aus der Zukunft mitbrächte, die Gegenwart von Castorf folglich voller drakonischer Maßnahmen wäre und er in der Zukunft bemerken würde, dass er vom RKI in der Vergangenheit angeschmiert wurde? Ob Dummheit zur Erkenntnis befähigt? Eine spannende Frage, über die man lange diskutieren kann. …

Aber das lassen wir jetzt. Zu viel Castorf ist schlecht für die geistige Gesundheit, vor allem, wenn man noch einen Palmer vor sich hat.


Der deutsche Boris, der von unserem Boris nicht verschiedener sein könnte, hat heute gesagt:

“Der Grünen-Politiker Boris Palmer hat den weltweiten Lockdown der Wirtschaft wegen der Corona-Krise erneut scharf kritisiert. „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“, sagte der Tübinger Oberbürgermeister am Dienstag im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben.”

Der 80jährige, der in Deutschland aktuell stirbt, gilt dem Palmer aus Tübingen somit weniger als die Kinder, von denen die UN behauptet, dass sie vielleicht sterben könnten. Das hat einen einfachen Grund: Sozialdarwinismus. Für Palmer ist ein Leben, das erst beginnt, wichtiger, wertvoller und schützenswerter, als ein Leben, das vielleicht demnächst endet. Ihm ist das Leben, in das noch investiert wertvoller muss, wichtiger als das, das an der Gesellschaft mitgearbeitet und mitgebaut hat. Jemand, der nur noch sechs Palmer-Monate zu leben hat, ist es nicht wert, gerettet zu werden. Er hat seine gesellschaftliche Schuldigkeit getan, er kann gehen. Er hat für die Gesellschaft keinen Wert mehr.

Dieses Denken unterscheidet sich in NICHTS von dem Denken, das im Dritten Reich in Mode war und in der Tat könnte man mit Palmer und logisch äquivalent argumentieren, dass die ganze Aufregung über den Holocaust umsonst ist, da die Opfer der Nazis ohnehin irgendwann gestorben wären. Man kann diese Argumentation erweitern, auf die Alliierten und die Landung in der Normandie in Zweifel ziehen, denn möglicherweise retten die alliierten Soldaten, von denen viele dabei ihr Leben verlieren, viele Franzosen, Belgier und Deutsche, “die in einem halben Jahr sowieso tot wären”? Wozu also der ganze Aufwand mit Millionen Mann, tausenden Schiffen und Flugzeugen? Hätten Sie besser gelassen, die Alliierten – oder?
Ob Boris Palmer weiß, was er sagt? Oder ob er die Denkbehinderung aufweist, die Kollektivisten immer haben, denen das real-existierende “lumpige Individuum” nichts, und die eingebildete Utopie alles gilt.


Dieser Post ist ein typisches Beispiel für eine sich entwickelnde Erzählung, bei der zu Beginn eine Idee eingesprengselt wird, die am Ende wieder aufgenommen wird, ohne dass dies am Anfang beabsichtigt war. Die Idee von Mike Graham: Plank of the Week von uns für deutsche Verhältnisse adaptiert und unseren Lesern zur Abstimmung vorgeschlagen: Wer ist der Vollpfosten der Woche?

  • Boris Palmer,
  • Frank Castorf oder
  • Wolfgang Kubicki?

Leider sind Mehrfachnennungen ausgeschlossen.

Zu statistischen Zwecken sei noch erwähnt, dass mittlerweile 3.105.224 Menschen weltweit positiv auf COVID-19 getestet wurden. Davon sind 214.372 verstorben und 944.116 genesen, was auch immer das im Kontext von COVID-19 bedeutet (dazu bald mehr). Die aktuellen Zahlen für Deutschland sehen 158.758 positiv Getestete und 6.126 offiziell Verstorbene.

Und nun zur Wahl des Vollpfostens der Woche.

Coming Soon
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