Vitamin D gilt vielen als Gesundheits-Versicherung gegen Infektionen aller Art.
Vor 2022 zeigten viele Studien, dass von Vitamin-D, vor allem im Hinblick auf schwere Erkrankungen ein Schutz auszugehen scheint. Vitamin-D galt als Hausmittel zur Prophylaxe. Dann erschienen in kurzer Folge Studien, die Zweifel an der Wirksamkeit des Hausmittels gegen Erkältung und im Wesentlichen Atemwegserkrankung anmeldeten. Wir dokumentieren einen eigenartigen Umschlag der Beleglage in einem Bereich der wissenschaftlichen Forschung, in dem unterschiedliche Interessen, die der Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln und die von Pharmafia aufeinander treffen.
13 Studien fanden sich in der damaligen Meta-Analyse, mit einer Ausnahme zeigten alle, dass Vitamin-D vor Infektion mit SARS-CoV-2 und Erkrankung an COVID-19 schützt:
Ein Vitamin-D-Mangel erhöht nicht nur das Risiko einer Infektion mit SARS-CoV-2, sondern auch das Risiko einer Erkrankung an COVID-19.
Personen mit Vitamin-D-Mangel haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an COVID-19 zu erkranken. Sie sind zudem häufiger übergewichtig oder adipös als Personen, die keinen Vitamin-D-Mangel aufweisen. Übergewichtigkeit ist ein weiterer Risikofaktor, der einer Erkrankung an COVID-19 Vorschub leistet.
Vitamin-D-Mangel ist bei älteren Menschen ausgeprägter als bei jüngeren, was zum einen damit zusammenhängt, dass ältere Menschen ohnehin in der Regel ein schwächeres Immunsystem haben als jüngere und häufig Medikamente gegen vorhandene Leiden einnehmen, die sich negativ auf ihren Vitamin-D-Spiegel auswirken.
Die Dosis, von der eine präventive Wirkung ausgeht, die also vor einer Erkrankung an COVID-19 schützt, liegt zwischen 2000 IU/Tag und 10000 IU/Tag, Letztere ist wohl nur ratsam, wenn eine schnelle Beseitigung eines Vitamin-D-Mangels angestrebt wird.
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und einer höheren Wahrscheinlichkeit, mit COVID-19 hospitalisiert zu werden, längerer Krankheitsdauer und einem höheren Versterberisiko.
Seit dieser Studie sind eine Reihe anderer hinzugekommen, die die beschriebenen Effekt bestätigt haben:
Yang et al. (2025) sammeln Meta-Analysen zum Thema, als Studien, in deren Ergebnis bereits mehrere Studien zum Thema eingegangen sind und kommen zu Ergebnissen, die bestätigen, was wir oben mit Bezug auf Szarpak et al. (2021) berichtet haben:
Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel erhöht das Infektionsrisiko mit SARS-CoV-2 um das 1,26- bis 2,18-fach, das Risiko schwerer Erkrankung wird um das 1,5- bis 5,57-fache erhöht. Die Wahrscheinlichkeit, mit COVID-19 auf einer Intensivstation zu landen, ist um mehr als das 2-fache höher, wenn Vitamin-D-Mangel vorliegt und die Sterblichkeit um 1,22- bis 4,15-fache. Eine Supplementierung mit Vitamin-D kann die Schwere der Erkrankung und die Dauer des Aufenthalts im Krankenhaus reduzieren, die Effekte einer nachträglichen Sublementierung mit Vitamin-D auf Infektion und Sterblichkeit sind nicht so eindeutig.
Kow et al. (2024) berichten auf Basis von 19 klinischen Trials, in denen die Wirkung von Vitamin-D getestet wurde und an denen insgesamt 2.495 Probanden teilgenommen haben, von einer signifikanten und erheblichen Reduktion des Sterberisikos bei Erkrankung an COVID-19. Das relative Risiko sinkt bei Vitamin-D Einnahme um 28% bei Sterblichkeit und um 43% bei der Wahrscheinlichkeit, eine schwere COVID-19 Erkrankung zu erleiden.
Eine ganze Reihe weiterer Meta-Analysen auf Basis von Studien oder klinischen Trials kommt zu übereinstimmenden Ergebnissen: eine präventive Einnahme von Vitamin-D senkt das Risiko einer schweren Erkrankung oder gar eines Versterbens an COVID-19 und wirkt sich auf die Erfolgswahrscheinlichkeit aus, mit der sich SARS-CoV-2 festsetzen kann.
Wir haben uns bewusst auf neuere Meta-Analyse beschränkt, die nach dem Jahr 2022 liegen, denn seit dem Jahr 2022 wird der Nutzen von Vitamin-D, Infektionen zu verhindern und vor schwerer Erkrankung zu schützen, generell in Zweifel gezogen, ungeachtet der Tatsache, dass die genannten Studien einen solchen Schutzeffekt belegt haben.
Die folgende Tabelle dient dazu, den Bruch, der 2022 erfolgt ist, zu dokumentieren. Verzeichnet sind ausschließlich Meta-Studien und die Reduktion des relativen Risikos schwer an einer Infektionskrankheit zu erkranken.
Das Bild, das sich ergibt, wenn man weitere Studien hinzuzieht, ist dasselbe: Vor dem Wendepunkt des Jahres 2022 zeigen Studien im Wesentlichen einen Schutzeffekt, der von Vitamin-D auf Infektionserkrankungen und vor allem die Schwere einer nachfolgenden Erkrankung ausgeht.
Nach 2022 zeigen sie das nicht mehr.
Nach 2022 zeigen Studien, die auf dem Prinzip “Wir-sind-mehr” basieren und vor allem große klinische Studien mit vielen Teilnehmern berücksichtigen, keinen signifikanten Effekt mehr, während kleine Trials mit wenigen Teilnehmern (Autier) weiterhin einen positiven Effekt zeigen. Davon irgendwie unberührt steht die Eingangs dargestellte Evidenz dafür, dass Vitamin-D vor Infektion mit SARS-CoV-2 und schwerer Erkrankung und Tod an COVID-19 schützt, Evidenz, die auf vielen Teilnehmern, auf klinischen Trials und auf Studien basiert, also “große Trials” umfasst.
Der Bruch in der Vitamin-D Erzählung, wie man sie in wissenschaftlichen Arbeiten nachlesen kann, erfolgt um das Jahr 2022 und lässt sich am besten an den beiden Arbeiten von Jolliffe et al. darstellen.
Zwischen beiden Studien liegen ein paar Jahre, 3 klinische Trials, rund 13.000 Probanden und ein um 0,02 veränderter Effekt. Die 0,02 veränderte Effektstärke macht aus einem signifikanten, ein nicht signifikantes Ergebnis und aus einem Fazit, das 2021 noch lautetet: mehr oder weniger kleiner, aber signifikanter Schutz durch Vitamin-D einen nicht mehr vorhandenen Effekt.
43 klinische Trials bilden die Grundlage der 2021 veröffentlichten Meta-Studie, 46 sind es 2025. Die Ergebnisse basieren 2021 auf 48.488 Probanden und 2025 auf 61.589. Aus einer Odds Ratio von 0,92 im Mittel und für 2021 (8% gesicherte Risikoreduktion – Effektstärken in Meta-Studien sagen nicht allzuviel aus, weil sie unterschiedliche Randbedingungen zumeist bügeln), ist eine Odds Ratio von 0,94 geworden, deren Vertrauensintervall nicht mehr, wie 2021 von 0,86 bis 0,99 reicht, sondern von 0,94 bis 1,00 und die Parität verletzt. 0,01 / 0,02 Veränderung, große Wirkung.
Ist das Ergebnis reliabel?
Interessant am Vergleich der beiden Studien, die Jolliffe et al. im Abstand von vier Jahren veröffentlicht haben, ist das, was sich nicht geändert hat. 2021 fanden die Autoren einen positiven Effekt für Dosen von 400–1000 IU pro Tag, der sich bei Kindern zwischen einem und 15 Jahren noch verstärkte. 2025 finden sie genau denselben Effekt mit genau denselben Effektstärken, verwerfen dieses Ergebnis aber, weil ihr globales Maß über alle Studien und ohne Rücksicht auf Subgruppen-Verluste nicht mehr signifikant ist: wegen 0,01-Veränderung im Vertrauensintervall.
Ähnliche Ergebnisse finden sich seit 2022 in anderen Studien, immer ist es eine kleiner Koeffizient, der in einer großen Stichprobe große Wirkung entfaltet, einer, der mit einem mehr als seltsamen Ergebnis einhergeht, das Autier et al. veröffentlicht haben.
Autier et al. (2025) nutzen 37 klinische Trials, im Wesentlichen den Datensatz, den Jolliffe et al. (2021) genutzt haben, replizieren den von Jolliffe et al. (2021) gefundenen Nutzen von Vitamin-D und unterteilen die klinischen Trials dann nach Größe in Trials mit weniger als 249 Befragten und Trials mit mehr als 248 Befragten. Kleine Trials zeigen einen hohen Schutzeffekt für Vitamin-D (OR: 0,69), große Trials überhaupt keinen Effekt (OR: 0,98).
Man kann aus diesem Ergebnis viele Schlussfolgerungen ziehen. Die Schlussfolgerung, die sich seither nach meiner Einschätzung am häufigsten findet, passt zum Mindset der “Wir-sind-mehr”-Fraktion: Kleine Studien werden als fehleranfällig und den Effekt überschätzend eingestuft, große Studien als heiliger Gral etabliert, nach dem Motto: mehr sagt mehr.
Indes, ein kleiner Blick auf die Studien, die Autier (2025) mit dem Datensatz von Jolliffe (2021) re-analysiert zeigt, dass keinerlei Unterscheidung dahingehend gemacht wird, ob die Probanden bevor sie am entsprechenden Trial teilgenommen haben, an Vitamin-D-Mangel litten, keinerlei Versuch unternommen wird, das aktuell vorhandene Niveau von 25(OH)D, 25-hydroxyvitamin D, zu bestimmen, kurz: Es wird keinerlei Versuch unternommen, vermutlich zwischen kleinen und großen Trials sehr unterschiedlichen Populationen Rechnung zu tragen.
So wie man behaupten kann, die Ergebnisse von Autier et al. (2025) würden zeigen, dass kleine Studien den Effekt von Vitamin-D überschätzen, kann man argumentieren, dass große Studien einen vorhandenen Effekt von Vitamin-D verwässern, im Meer repleter-Probanden, also Probanden, die über ausreichend Vitamin-D verfügen, die entsprechend keinerlei Nutzen von zusätzlichen Gaben haben, ertränken.
Aber: Wir leben in einer Zeit, in der nicht nur der Machbarkeitsglaube bei manchen eine Form angenommen hat, die man nur mit Größenwahn bezeichnen kann, wir leben in einer Zeit, in der statistische Unkenntnis mit dem Glauben einhergeht, mehr sei besser als weniger, ein Glaube, der große Zahlen zu einem Fetisch der gerne daran glauben-Wollenden gemacht hat.
Was uns angeht, wir haben uns heute unsere tägliche Ration von Vitamin D (und K) eingeworfen, denn wir vertrauen den Ergebnissen der kleinen Studien, in denen vor Beginn der Vitamin-D-Mangel bei Probanden festgestellt wurde mehr als den großen Studien, die alle über eine Kante schlagen in der Hoffnung, dass viel viel zeigen kann.
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