„The Times They Are A Changing“: Versuche, die Wissenschaft wiederzubeleben, spenden Licht am Ende des Tunnels

von Dr. habil. Heike Diefenbach

„The Times They Are A Changing“, so titelte Bob Dylan im Jahr 1964, und obwohl Dylan, der der civil rights-Bewegung nahestand, deshalb gerne von der ideologischen Linken vereinnahmt wird, handelt der Text seiner Lieder gewöhnlich und besonders der Text dieses Liedes von grundlegenden Einsichten in die conditio humana. Dies wird deutlich, wenn Dylan „The Times They Are A Changing“ mit den folgenden Worten beginnt:


Come gather around people, wherever you roam

And admit that the waters around you have grown
And accept it that soon you’ll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin’
Then you better start swimmin’ or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin’

Come writers and critics, who prophesize with your pen
And keep your eyes wide, the chance won’t come again
And don’t speak too soon, for the wheel’s still in spin
And there’s no tellin’ who that it’s namin’
For the loser now will be later to win”.

Alles ist im Fluß, alles verändert sich ohne Unterlass, und es hat nicht nur keinen Sinn, sich gegen Veränderungen zu stemmen, sondern verursacht unnötige Probleme und Leiden für viele Menschen.

Und dieser Prozess nimmt keine Rücksicht auf den jeweiligen Inhalt dessen, was werden soll, dann ist, dann vergeht, während etwas anderes wird. Die ständige Veränderung wischt Apartheit—Gesellschaften ebenso weg wie utopische Entwürfe vom aus Füllhorn gespeisten all-inklusiven Gesellschaften, in der die große Gleichheit bis zur Ununterscheidbarkeit der Menschen vorangetrieben werden soll.

Dylan spricht in seinem Lied direkt die schreibende Zunft, Politiker und Eltern an. Aber ich vermute, er hätte keine Einwände dagegen, wenn man eine Strophe für Wissenschaftler bzw. solche, die Stellen innehaben, die dazu gedacht sind, der Wissenschaft zu dienen, hinzufügen wollte, sofern man sie nicht ohnehin der schreibenden Zunft zuordnen möchte.

Und tatsächlich verändern sich die Verhältnisse in den institutionalisierten Wissenschaften, wie wir derzeit beobachten können. So haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, dass tatsächlich, aber weitaus häufiger: angeblich wissenschaftliche Publikationen den Modethemen der ideologischen Linken huldigen und dementsprechend zukünftige Katastrophen aller Art, –ismen aller Art und „fake news“ aller Art in die Existenz schreiben wollen oder Anleitungen darüber geben möchten, wie angebliche „fake news“ über die Modethemen der idologischen Linken zu bekämpfen seien, und haben dementsprechend die derzeit bestehende institutionalisierte Wissenschaft verloren gegeben.

Aber es wird immer schwieriger, den Widerstand, der sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen regt, als letzte Zuckungen der Wissenschaft unter dem massiven Angriff durch Willkür, Subjektivität, Aktivismus und Interessenpolitik anzusehen. Die zunehmende Häufigkeit, mit der man Publikationen von Wissenschaftlern begegnet, die versuchen, in diese Fehlentwicklungen korrigierend einzugreifen, lässt statt Todeszuckungen eine Art Wiederauferstehung bzw. Erneuerung vermuten.



Da sind nicht nur die Gruppen von Wissenschaftlern, die sich gegen den Mißbrauch derselben durch Klimawandel-Apologeten und nunmehr auch gegen die faktisch unvernünftige politische Instrumentalisierung von Covid-19 wenden und die trotz der Versuche, sie unhörbar zu machen oder sie zu diskreditieren eine vergleichsweise große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren.

Da sind auch die Publikationen von einzelnen Fachvertretern in Fachzeitschriften, die gewöhnlich unterhalb der Informations- oder Aufmerksamkeitsschwelle der Öffentlichkeit bleiben, aber sich gleichermaßen darum bemühen, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zu markieren und zu hinterfragen und sich ggf. zu fragen, wie ihnen entgegengewirkt werden kann.

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Ein Fach, in dem die zunehmende Häufigkeit solcher Publikationen besonders auffällt, ist die Sozialpsychologie, in der man nicht mehr länger die Augen vor der Politisierung des Fachs verschließen will und z.B. Sammelbände veröffentlicht, in denen Texte zu lesen sind, die sich mit „The Politics of Social Psychology“ (Crawford & Jussim 2018) auseinandersetzen. Teilweise werden in solchen Publikationen konkrete inhaltliche (Fehl-/)Entwicklungen thematisiert. Z.B. haben sich Ceci und Williams (2018) – die auch einen Text zum übrigens sehr lesenswerten genannten Sammelband von Crawford und Jussim beigesteuert haben – gefragt: „Who Decides What Is Acceptable Speech on Campus?”, und sie haben sich bemüht zu zeigen, “[W]hy Restricting Free Speech Is Not the Answer“.

Zunehmend häufig behandeln solche Publikationen aber auch Überlegungen darüber, was im Fach getan werden soll oder kann, um es als ein wissenschaftliches Fach zu retten. In ihnen geht es also nicht um einzelne inhaltliche (Fehl-/)entwicklungen. Ein Beispiel für eine solche Publikation ist diejenige von Edlung et al. (2021), die derzeit noch nicht gedruckt ist, aber im Online first-Service der Zeitschrift „Perspectives on Psychologicial Sciencegelesen werden kann.

Die Publikation trägt den vielsagenden Titel „Saving Science Through Replication Studies“ und beginnt mit den Worten:

„Is the reputation of science in a crisis moment? Numerous recent studies have highlighted examples of corruption of the scientific enterprise, ranging from questionable statistical analyses and reporting … to the falsification of sources …, data … and peer review … , among other problems … Given such issues, some authors have argued that the scientific enterprise is truly corrupt and needs wholesale changes …” (Edlund et al. 2021: 1).

Die Autoren dieses Textes schlagen vor, die Qualität der Wissenschaft und damit das Vertrauen in die Wissenschaft dadurch wiederherzustellen, dass empirische Befunde systematisch in Replikationsstudien überprüft werden:

„… engaging in replications and having discourse surrounding the outcomes of replication attempts may signal to others in the scientific community, and the public, that science can monitor and correct findings. Indeed, replications can be strong indicators to other scientists, the public, and policymakers that things are working as they should. As mentioned above, because replications can ensure sound results and spark conversations about the research findings, they can propel science forward. However, it is important that scientists come to a broad agreement that replications are an important tenet of science and that conducting them is worth their time and effort. By valuing replications in our scientific communities, we normalize replications as part of the scientific process, allowing for beliefs to be modified as evidence emerges” (Edlund et al. 2021: 5).

M.E. wäre es in der Tat wichtig, dem guten alten Instrument der Replikationsstudie zu neuen Ehren zu verhelfen, aber wie dies in der institutionalisierten Wissenschaft, die allen möglichen außer-wissenschaftlichen Interessen Rechnung tragen soll – sei es, weil in der Realität gewöhnlich gilt: „Wer bezahlt, bestimmt“, sei es, weil schon bestimmte Forschungsfragen den „safe space“ zu verletzen droht, den Universitäten inzwischen oft darstellen –, funktionieren kann, darüber schweigen sich die Autoren (bis auf Weiteres?) aus.

Aber Überlegungen zur Re-Verwissenschaftlichung der institutionalisierten Wissenschaft kommen auch aus anderen Disziplinen. Im Folgenden etwas ausführlicher wird uns ein ebenfalls brandneuer und bislang nur im „Online first“-Service von „„Perspectives on Psychologicial Science“ nachlesbarer Text von Phoebe C. Ellsworth (2021) beschäftigen.

Ellsworth ist eine Frank Murphy Distinguished University Professor Emerita of Law and Psychology an der Law School der Universität von Michigan, die über reichhaltige Erfahrung in verschiedenen Gremien, darunter der American Academy of Art and Sciences und das Board of Directors of the Death Penalty Information Center, verfügt und Trägerin verschiedener Auszeichnungen und Preise ist.

Sie geht bei ihren Überlegungen zum Verhältnis von „Truth and Advocacy“ – zu Deutsch etwa: Wahrheit und Anwaltschaft oder das Eintreten für eine Sache“ – in der Wissenschaft davon aus, dass in den angewandten Wissenschaften häufig eine ungute Mischung von wissenschaftlicher Tätigkeit und bestimmten Erwartungen an und Präferenzen für empirische Ergebnisse besteht:

„Scientists who do what is called applied research often study issues that they care about … Often they have strong expectations about the likely outcomes of their studies, strong preferences about how they want their studies to come out, and strong motivation to persuade people that their ideas are true. Most scientists who study climate change believe that the earth is getting warmer, that this may have devastating consequences, and that changes in human behavior and public policy can at least slow down the process and possibly stop it. Most nutritionists believe that a healthy diet can build resistance to a variety of diseases and prolong life. Most scientists who study race, gender, or cultural diversity believe that the inclusion of diverse points of view can improve group performance. They hope that more people will ride their bikes to work and use renewable sources of energy, eat more fruits and vegetables and less processed food, or include a wider variety of people in their decision-making groups. They hope that their government will take measures to reduce carbon emissions, discourage consumption of junk food, and reward schools and companies that take steps to increase their inclusion of underrepresented minorities. The problem of course is that these convictions and prejudices can undermine our ability to discover the truth. They create obstacles to our ability to design and conduct unbiased research, our ability to recognize the truth in our own and other people’s data, and our ability to truthfully communicate our knowledge” (Ellsworth 2021: 1; Hervorhebung d.d.A.).

Um Voreingenommenheit mit Bezug auf die Planung, Durchführung, Auswertung und Interpretation von Forschung zu politisch relevanten Themen einzuschränken, macht Ellsworth Vorschläge dazu, was man anders als bisher machen könnte in den Bereichen (1) Einschätzung von Studien oder Studienvorhaben, vor allem im Rahmen des sogenannten peer review-Verfahrens, (2) Durchführung von empirischer Forschung und (3) Kommunikation von Studienergebnissen.

(1) Einschätzung von Studien oder Studienvorhaben

Zum ersten Punkt, der Einschätzung von Studien oder Studienvorhaben, schlägt Ellsworth vor allem Veränderungen des peer review-Verfahrens vor, das bekanntermaßen – gelinde gesagt – schwerwiegende Mängel hat.

U.a. schlägt sie vor, Publikationen über Forschungen oder Forschungsvorhaben einem peer review-Verfahren zu einem Zeitpunkt zu unterziehen, zu dem die Daten noch nicht gesammelt worden sind, so dass ein Gutachter seine Einschätzung der Forschung nicht aufgrund der dadurch erzielten Ergebnisse vornehmen kann (Ellsworth 2021: 7). Ein Gutachter könnte unter diesen Umständen also keine schlecht gemachte Studie (dennoch) zur Publikation empfehlen, nur, weil ihm die Ergebnisse gefallen, oder umgekehrt: er könnte dann nicht von der Publikation einer noch so gut gemachten Studie abraten, nur, weil er die erzielten Ergebnisse nicht mag. Ich halte diesen Vorschlag für bestechend einfach, sinnvoll und praktikabel und würde ihn in der Praxis gerne ausprobiert sehen. (Zu dumm, dass er nicht mir selbst eingefallen ist!)

Allgemein, also nicht nur bezogen auf den peer review-Prozess, schlägt Ellsworth vor, sich in kontrafaktischem Denken zu üben, wenn es darum geht, eine Studie, auch eine eigene Studie, einzuschätzen:

„… we might ask, ‘What sort of empirical evidence might make me change my mind about my hypothesis?’ If the answer is ‘none’, we should seriously question our ability to separate our scientific judgments from our values. Note that this is not the same question as ‘What sort of empirical evidence might make me change my values?’ We may feel that our values are important enough to us that we will keep them even if some of the possible scientific reasons for believing in them are false. It is important to distinguish between these two questions …” (Ellsworth 2021: 7).

Hier geht es also darum, sich von der Vorstellung loszumachen, dass die eigenen Werte unbedingt wissenschaftlich gestützt werden müssten oder im Einklang mit wissenschaftlichen Befunden stehen müssten. Dies ist nicht der Fall, und entsprechende Ängste sind fehl am Platz. Die eigenen Werte stehen nicht jedes Mal dann in Frage, wenn eine Forschung Ergebnisse erbringt, die ihre Sinnhaftigkeit in bestimmter Hinsicht in Frage stellt. Für mich persönlich bedeutet das z.B., dass ich auch dann Vegetarier sein und bleiben würde, wenn sich empirische Befunde dafür, dass eine Ernährung, die Fleisch beinhaltet, in irgendeiner Hinsicht gesünder sei, als eine, die Fleisch nicht beinhaltet, finden. Das ist deshalb so, weil meine Vegetarier-Sein nicht vorrangig durch Gesundheitsaspekte motiviert ist, sondern durch ethische Aspekte, die mit der Instrumentalisierung von Lebewesen als bloße Fortpflanzungsmaschinen und Nahrungsmittelproduzenten zu tun haben. Das könnte für andere Vegetarier oder Veganer anders ein, was zeigt, dass Werte unterschiedliche motiviert sein können bzw. unterschiedliche Aspekte haben, deren persönliche Relevanz von Mensch zu Mensch variieren können. Je nachdem, wodurch ein Wert motiviert ist, kann er durch ein empirisches Ergebnis in Frage gestellt werden oder nicht. Wie jemand darauf reagiert, ist seine persönliche Angelegenheit, gibt aber jedenfalls keinen Grund dafür ab, sich gegen bestimmte Forschungsfragen oder – ergebnisse zu wenden. Persönliche Werte und der Umgang damit sind außerwissenschaftliche Dinge.

Ellsworth hat noch mehr gute Ideen. So sieht sie es als ein großes Problem an, dass Wissenschaftler ihre Annahmen oder Hypothesen so selbstverständlich vorkommen, dass sie sich nicht vorstellen können, dass man sich demselben Phänomen mit ganz anderen Hypothesen nähern könnte, um es zu erklären. Sie empfiehlt deshalb ein systematisches Training von Studenten, das dazu anhält, sich bewusst darum zu bemühen, sich möglichst viele alternative Hypothesen zur Erklärung eines Phänomens auszudenken.

Sie meint, dass diese Strategie allgemein von jedem Wissenschaftler angewendet werden sollte, der eine Studie einschätzen soll, sieht aber das Problem, dass sich Wissenschaftler, die sich für bestimmte Themen interessieren, häufig in einer Echokammer bewegen, so dass Wissenschaftler in der Realität wenig Gelegenheit oder Anlass haben, sich alternative Hypothesen auszudenken oder sie in Erwägung zu ziehen:

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„The same tactic can be used in evaluating research. If we find an article that seems to provide support for our point of view, a useful technique is to discuss it (or the general issue) with someone who does not share our point of view. Duarte and his colleagues .. suggested that this may be hard to do because almost all of our colleagues who study social issues are liberals who are likely to share our perspective. So we must try to look beyond our like-minded colleagues” (Ellsworth 2021: 7; Hervorhebung d.d.A.).

Ellsworth scheut sich nicht davor, ihren „liberalen“ Kollegen („liberal“ nur im Sinn amerikanischer Politik- und Parteipräferenzen) zu empfehlen, bewusst den Austausch zu suchen mit

„… people who work at conservative think tanks who disagree with us about the merits of studies on different sides of an issue. Asking them their opinion about some line of research could be very valuable in revealing biased assumptions or methodological flaws that we are likely to overlook” (Ellsworth 2021: 7).

Und sie schreibt ihren “liberalen” Kollegen ins Buch oder hier genauer: in den Fachzeitschriften-Artikel, dass sie ihre Vorurteile nicht vorschützen sollten, um dem Kontakt mit konservativ orientierten Kollegen aus dem Weg gehen zu können:

„When I propose this ideal to colleagues, they sometimes say that ‚those people‘ would not be interested in communicating with us or that they are so biased that they would have nothing useful to say. This attitude is easy to maintain if we never even try to communicate with them in the first place” (Ellsworth 2021: 7-8).

Ich für meinen Teil kann sagen, dass es mir eine Freude wäre, ein Feedback zu leisten, würden Vertreter der sogenannten Gender Studies bei mir wegen eines solchen zu einer ihrer Studien anfragen, ist es doch so, dass

„[p]eople who do research on social issues sometimes find that their friends are a greater problem than their enemies. Enemies can make us aware of the weaknesses or the arguments that favour our side and thus suggest areas in which further research should be done: Ideally, they force us to think. But many of the people who agree with us are not scientists but people whose primary identity is as advocates and who see research more as a potentially useful tool for persuasion than as an effort to discover truth. These are members of non-profit organizations, advocacy groups, and other entities whose primary mission is to change policy. They conduct ‘research’, but the methods they choose and the data they report are driven by the conclusions they want to promote … The result is defective research that apparently supports a conclusion we believe” (Ellsworth 2021: 8).

Ellsworth setzt sich auch dafür ein, in der Kommunikation mit den Medien aufrichtig zu sein und Studien, deren Ergebnisse Medien berichten, die aber theoretisch oder methodisch schlecht sind, auch also solche zu bezeichnen und nicht zu versuchen, sie entweder für sich oder gegen Anders-Meinende zu instrumentalisieren, denn solche Studien bestätigen nichts und widerlegen nichts, sprechen für nichts und gegen nichts; sie sind einfach ohne Aussage:

„If a methodologically inadequate study claims to show that women’s scientific intuition is superior to men’s, or that eating meat lowers IQ, or that the death penalty causes more homicides than it deters, or any other result that supports our own point of view, we have the duty to say that it provides no evidence for the conclusion, that we know nor more than we did before the study was done …. no study is perfect, and there are many that are flawed but not worthless, so our evaluation usually has to be somewhere between incontrovertible evidence and no evidence at all … On the other hand, no evidence at all is just that: no evidence. It is not evidence against our theory …. It is not evidence of anything. It is as though the study had not been done” (Ellsworth 2021: 8).

Das heißt, nicht jeder als Studienergebnis berichtete statistische Zusammenhang – und insbesondere nicht solche, die ideologisch motiviert zu sein scheinen und keine theoretische Basis haben – verdient unsere Aufmerksamkeit, und sie verdient auch kein höfliches Schweigen auf Seiten von Wissenschaftlern, auch dann nicht, wenn der konstruierte Zusammenhang dem ein oder anderen Wissenschaftler gefallen mag.

(2) Durchführung von empirischer Forschung

Diesbezüglich bemerkt Ellsworth, dass es selbstverständlich sein sollte, dass gerade an Forschungen in den Sozialwissenschaften die höchsten Qualitätsstandards angelegt werden sollten (Ellsworth 2021: 10), weil Forschungen in den Sozialwissenschaften normalerweise stärker von vorgefassten Meinungen und kognitiven Verzerrungseffekten aller Art beeinflusst sein dürften als Forschung in den Naturwissenschaften. Das bedeutet u.a., dass sozialwissenschaftliche Forschungen, wann immer möglich, auf einem experimentellen Design inklusive einer (oder mehrerer) sorgfältig ausgewählter Kontrollgruppe(n) basieren sollten, und es bedeutet außerdem, dass die in Forschungsprojekten erhobenen Daten öffentlich oder zumindest Fachkollegen zugänglich sein müssen, damit die erzielten Ergebnisse von Anderen überprüft werden und ggf. Fehler oder Irrtümer und bestehende Probleme mit den Daten identifiziert werden können (Ellsworth 2021: 9).

Ellsworth ist auch der Meinung,

„… that we should avoid attacking the personality characteristics of our opponents“ (Ellsworth 2021: 9).

Damit meint sie nicht, dass man es unterlassen sollte, Effekte bestimmter Persönlichkeitsmerkmale zu untersuchen. Vielmehr meint sie, dass es bei solchen Untersuchungen nicht vordergründig oder allein darum gehen sollte, jemanden oder eine Gruppe von Menschen durch die Beschreibung ihrer oder ihnen zugeschriebener Persönlichkeitsmerkmale zu diskreditieren. Ellsworth greift in diesem Zusammenhang auf Einstellungen zur Todesstrafe zurück:

„During my whole career studying attitudes toward the death penalty, a majoritiy of Americans have favored capital punishment, with the majority ranging from a little over 50% in favor to somewhere around 80%. From time to time over this period, I have reviewed articles claiming to demonstrate that people who favour the death penalty suffer from various psychological disorders, such as extreme authoritarianism. For the 20% to accuse the 80% of being deviant or crazy hardly makes the 20% look like responsible scientists; it is embarrassing” (Ellsworth 2021: 9).

Was unterscheidet die schlichte Attacke auf Persönlichkeitsmerkmale von Befürwortern der Todesstrafe nun von einer akzeptablen Untersuchung, die Persönlichkeitsmerkmale mit Einstellungen in Verbindungen bringt? Ellsworth erklärt:

„… if I think that people who favor the death penalty are ignorant or biased or unwilling to consider information that contradictd their views, an obvious alternative hypothesis is that everybody who has a strong attitude about the death penalty is ignorant or biased or unwilling to consider contradictory information, and my study can include measures on which people who oppose the death penalty are likely to give the wrong answer … That way, the same design can show that proponents are more biased, opponents are more biased, both groups are biased in proportion to the strength of their attitudes, or even that neither group is biased” (Ellsworth 2021: 9-10).

Was die Attacke auf Personen mit bestimmten Einstellungen aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale von der Forschung über Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Einstellungen unterscheidet, ist also die Ausweitung des Blicks auf die gesamte Breite der zur Sache möglichen Einstellungen, statt des eingeschränkten Blicks auf bloß eine Seite. D.h. man untersucht z.B. nicht nur die Einstellungen von “Rechten” zu einer Sache und deren Persönlichkeitsmerkmale, sondern ebenso die Einstellungen von „Linken“ zur selben Sache und deren Persönlichkeitsmerkmale. Nur auf diese Weise ist es möglich, festzustellen, ob z.B. extremen Einstellungen von „Rechten“ und „Linken“ dieselben Persönlichkeitsmerkmale zugrundliegen oder nicht, ob also Extremismus mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängt und nicht bloß Einstellungen von „Rechten“ oder von „Linken“ mit deren Persönlichkeitsmerkmalen.

Der inhaltlich fixierte Blick geht zwangsläufig einher mit einem mangelhaften Forschungsdesign, in dem keine Vergleichs- oder Kontrollgruppen berücksichtigt sind. Hierin liegt der Sinn des Bestehens auf methodisch sauberer Forschung; es geht bei ihr niemals nur um die Einhaltung eines aus irgendwelchen Gründen einmal für qualitätvoll erklärten Forschungsstandards, sondern es geht darum, dass nur Forschung, die bestimmte formale Anforderungen erfüllt, im Stande ist, zuverlässig Aufschluss über inhaltliche Fragestellungen zu geben.

Für Ellsworth gehört hierzu, dass eine Forschungsfrage auf bestimmte Weise formuliert wird: Statt zu fragen, ob X (für etwas) besser ist als Y oder ob Y durch X verursacht wird, also Forschungsfragen zu stellen, die eine ja/nein-Antwort oder eine richtig/falsch-Antwort provozieren, sollten Forschungsfragen so formuliert werden, dass sie Raum lassen für verschiedene Zusammenhangsmuster, etwa indem gefragt wird: „Wie unterscheidet sich X von Y (mit Bezug auf etwas)?“ oder „Was passiert, wenn X oder wenn Y in einen Gesamtzusammenhang eingeführt wird?“ (Ellsworth 2021: 9). Das bedeutet nicht, dass man sich auf entdeckende Forschung beschränken müsste und keine Hypothesen über erwartete Zusammenhänge aufstellen und prüfen solle. Es bedeutet vielmehr, dass so formulierte Forschungsfragen es erlauben, eine Reihe von alternativen Hypothesen simultan zu prüfen:

„Questions like these suggest multiple possible outcomes and designs that allow us to test multiple hypothesis … If there are theories that predict different patterns of results, they can be tested simultaneously. These designs allow the possibility of several different informative patterns of results, rather than a simple true-false outcome, and they are more likely to suggest interesting follow-up questions” (Ellsworth 2021: 9).

Ellsworth empfiehlt mit Bezug auf die Durchführung der Forschung ansonsten noch, was sie bereits mit Bezug auf die Einschätzung von Studien oder Studienvorhaben empfohlen hat, nämlich die bewußte Kooperation mit Kollegen, die vermutlich oder bekanntermaßen die eigenen theoretischen Präferenzen oder auch nur Denkgewohnheiten nicht teilen. Sie bezeichnet es als den „gold standard“ für eine Forschung, wenn sie auf der systematischen Zusammenarbeit von Forschern „…with their enemies“, d.h. mit ihren (weltanschaulichen, theoriebezogenen) Feinden, erfolgt:

„If two people with different theories or hypothesis can plan a study that they both believe is a fair test of their competing viewpoints, the result my be a gold standard for their field, …” (Ellsworth 2021: 10).

(3) Kommunikation von Studienergebnissen

Ellsworth stellt eine ganze Reihe von Problemen bei der Kommunikation – vor allem: eigener – Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit oder besser: an die Medien in ihrer Vermittlerrolle an die Öffentlichkeit zusammen, wie z.B. unser aller Neigung, bei der Vermittlung Verkürzungen vorzunehmen und dabei ggf. Dinge auf unzulässige Weise miteinander zu vermischen, also z.B. von „Konservativen“ zu sprechen statt von „Menschen, die gegen positive Diskriminierung von Minderheiten sind“ (das Beispiel stammt von Ellsworth selbst; s. Ellsworth 2021: 11).

Als Empfehlung gibt Ellsworth unter diesem Punkt, wenn nötig klarzustellen, dass Wissenschaft nicht dasselbe ist wie feststehendes Wissen:

„The public and those who communicate with them also tend to equate science with certainty and to believe that when something is ‚scientifically proven‘, it is immutably true. Scientists know that the opposite is the case, that the excitement of a scientific discovery is not that a question is settled forever but that new questions are raised that we could not have thought of before” (Ellsworth 2021: 11-12).

Der Verweis auf angeblichen wissenschaftlichen Konsens ist dementsprechend immer ein klarer Hinweis auf die Verbreitung von Fehlinformation.

Weiter empfiehlt sie, sich darauf zu beschränken, zu sagen: „Das ist, was ich gemacht habe, hier ist, was ich festgestellt habe, das ist, wie ich meine Daten interpretiere, und hier sind die Fragen, denen man sich in diesem Zusammenhang als nächstes widmen sollte“ (Ellsworth 2021: 12), sich also nicht dazu verführen zu lassen, die Grenzlinie zwischen Ergebnis und Verallgemeinerung, zwischen Ergebnis und Spekulation zu überschreiten, ohne darauf hinzuweisen, wo das eine endet und das andere beginnt.

Insbesondere sollten Wissenschaftler bei der Wissenschaftskommunikation darauf achten, dass sie als Wissenschaftler keine Aussagen machen über Dinge, die sie nicht getestet haben oder nicht testen können, inklusive aller Wertfragen. Ergebnisse empirischer Untersuchung sollten als Fakten getrennt behandelt werden von den Werten, auf die sie normalerweise bezogen werden, wenn es um die Diskussion konkreter Politiken geht.

„It is not our job as scientists to advocate for particular values, and it is definitely not our place to blur the distinction between facts and values …“ (Ellsworth 2021: 13).

All diese Vorschläge, die Ellsworth macht, und andere Vorschläge anderer Autoren zum Thema, sind Soll-Normen, von denen die jeweiligen Autoren hoffen, dass sie auf offene Ohren bei ihren Kollegen treffen und dann dazu beitragen, Wissenschaft als Instrument zur Gewinnung von Wissen zu erhalten bzw. zu verhindern, dass Wissenschaft gänzlich zur Dienstmagd partikularer Interessen oder ideologischer Auseinandersetzungen degeneriert.

Ist diese Hoffnung realistisch?

Ich meine, dass sie es sicherlich nicht in dem Sinn ist, dass Personen, die die erkenntnistheoretischen und methodischen Grundlagen dessen, was Wissenschaft ausmacht, ohnehin nicht teilen oder aktiv bekämpfen, Wissenschaft also durch etwas anderes ersetzen möchten, das weiterhin „Wissenschaft“ genannt wird, um an deren Verdiensten nutznießen zu können, oder Personen, denen es allein darum geht, Wissenschaft für etwas anderes als Wissensgewinnung zu instrumentalisieren, durch die gemachten Vorschläge Gewissensbisse bekommen und sich eines Besseren besinnen.

M.E. besteht der Wert dieser Vorschläge darin, dass sie die Diskussion darum, was Wissenschaft ausmacht und wo die Grenze zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft verläuft, wachhalten oder wieder stärker in Bewegung bringen. Diese Vorschläge geben Maßstäbe an die Hand, die in der Auseinandersetzung um (tatsächlich oder angeblich) wissenschaftliche Erkenntnisse sowohl von Wissenschaftlern als auch von der interessierten Öffentlichkeit als Leitlinien genutzt werden können – Leitlinien für die Beurteilung der Qualität dessen, was als Forschung jeden Tag auf uns kommt. Damit wiederum wird – nicht nur interner, also auf Wissenschaftseinrichtungen beschränkter, sondern eben auch zunehmend öffentlicher – Begründungsdruck bei all denjenigen geschaffen, die sich diesen Vorschlägen aus den verschiedensten Gründen, die zum größten Teil außerwissenschaftliche Gründe sein werden, verschließen wollen. Letztlich können diese Vorschläge daher dazu beitragen, solche Personen aus dem Wissenschaftsbetrieb auszusondern, denen andere Dinge als die Wissenschaft am Herzen liegt.

Diejenigen Wissenschaftler, die in diesen Zeiten, in denen es möglich ist, Morddrohungen zu erhalten, weil man der Covid-19-Hysterie nicht das Wort redet, Vorschläge dazu machen, wie dies gelingen kann, haben unser aller Anerkennung und unseren Respekt verdient, die wir täglich von den Leistungen qualitätvoller wissenschaftlicher Arbeiten profitieren. Sie sind das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels, und des scheint, dass es immer mehr von ihnen gibt.


Literatur:

Ceci, Stephen J., & Williams, Wendy M., 2018: Who Decides What Is Acceptable Speech on Campus? Why Restricting Free Speech Is Not the Answer. Perspectives on Psychological Science 13(3): 299-323. doi:10.1177/1745691618767324.

Crawford, Jarret T., & Jussim, Lee, (Hrsg.) 2018: The Politics of Social Psychology. New York: Psychology Press.

Edlund, John E., Cuccolo, Kelly, Irgens, Megan S., et al., 2021: Saving Science Through Replication Studies. Perspectives on Psychological Science. Online First. March 2021. doi:10.1177/1745691620984385

Ellsworth, Phoebe C., 2021: Truth and Advocacy: Reducing Bias in Policy-Related Research. Perspectives on Psychological Science. Online First. February 2021. doi:10.1177/1745691620959832.


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