Doppelt so hohe Mortalität: Intensivmediziner in Deutschland bringen mehr ECMO-Patienten um die Ecke als anderswo

ECMO – Extracorporeal membrane-oxigenation sieht so aus:

Im Wesentlichen beschreibt ECMO eine Methode, Blut von Patienten abzulassen, mit Sauerstoff und Heparin (= Blutverdünner, damit es nicht gerinnt), anzureichern und über eine Halsschlagader wieder in den Patienten einzuführen.  Auf diese Weise soll die Funktion von Herz und Lunge bei Patienten unterstützt werden, die von einem aktuten Lungenversagen bedroht sind. ECMO ist im Rahmen der Behandlung von COVID-19 Patienten auf Intensivstationen weltweit häufig eingesetzt worden.

In Deutschland, so zeigen Daten der AOK, die Christian Karagiannidis, Stephan Strassmann, Michaela Merten, Thomas Bein, Wolfram Windisch , Patrick Meybohm und Steffen Weber-Carstens ausgewertet haben, wurden von Februar 2020 bis Dezember 2020 768 Versicherte der AOK an ECMO angeschlossen, 73% davon sind verstorben. Eine Erfolgsquote von 27% ist nicht unbedingt das, was man vorzeigen will, aber natürlich handelt es sich bei ECMO um eine Behandlungsmethode, die bei Patienten eingesetzt wird, deren Heilerfolg ohnehin in Frage steht. Indes, vergleicht man den Heilerfolg durch ECMO, der in anderen Ländern erreicht wird, dann wird es düster: Kollegode Ramanathan et al. (2021) haben eine Meta-Analyse durchgeführt, in die 1.896 Patienten aus unterschiedlichen Studien (in unterschiedlichen Ländern ohne Deutschland) eingegangen sind, die allesamt an ECMO angeschlossen wurden. Die Sterberate beträgt 37%, d.h. wird ein Patient außerhalb von Deutschland an ECMO angeschlossen, dann hat er eine um das doppelte höhere Wahrscheinlichkeit, zu überleben. Anders ausgedrückt, auf deutschen Intensivstationen sterben doppelt so viele Patienten an ECMO als in anderen Ländern.

Ramanathan, Kollengode, Kiran Shekar, Ryan Ruiyang Ling, Ryan P. Barbaro, Suei Nee Wong, Chuen Seng Tan, Bram Rochwerg et al.  (2021). Extracorporeal membrane oxygenation for COVID-19: a systematic review and meta-analysis.“ Critical Care 25(1): 1-11.


Die hohe Mortalität ist nicht etwa durch eine selegierte Patientenpopulation zu erklären, was z.B. dann der Fall wäre, wenn die Patienten, die in Deutschland an ECMO angeschlossen werden, älter wären als in anderen Ländern. Bekanntermaßen ist Alter der beste Prediktor für Mortalität an COVID-19. Tatsächlich finden Kariagiannidis et al. (2021) in den Daten der deutschen AOK-Patienten eine höhere Sterberate der ECMO-Patienten durch alle Altersgruppen: 56% der 18 bis 49jährigen, 67% der 50-59jährigen, 83% der 60-69jährigen und 88% der über 69jährigen, die an ECMO angeschlossen wurden, sind verstorben.

Wie erklärt man ein solches Ergebnis?

Sind deutsche Intensivärzte mehr damit beschäftigt, Patienten um die Ecke zu bringen als in anderen Ländern?
Gibt es in Deutschland Anreizstrukturen, die dafür sorgen, dass ein mehr oder minder ausschweifender Einsatz von ECMO stattfindet, unabhängig davon, ob er angezeigt und sinnvoll ist oder nicht, Anreizstrukturen, wie sie z.B. in Vergütungsvereinbarungen zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen festgeschrieben sind?Die Autoren scheinen in eine solche Richtung zu denken, wenn sie schreiben:

„Further reasons for the high in-hospital mortality might be that indications for the insertion of ECMO are still influenced by individual attitudes, emotions, and the health cars systems’s strategies (resources, reimbursement, or expectations by the media).“

Was auch immer die Anreize sein mögen, sie sorgen dafür, dass in Deutschland durch eine offenkundig leichte Zugänglichkeit und gute Verfügbarkeit ein sehr schneller und umfassender Einsatz von ECMO erfolgt, der in einer hohen Mortalitätsrate resultiert, während in Ländern, deren Intesivärzte mit begrenzteren Ressourcen auskommen müssen, ECMO offenkundig viel bedachter eingesetzt wird, was sich in einer viel geringeren Sterberate niederschlägt.

So betrachtet muss man fast davon ausgehen, dass deutsche Intensivärzte durch leichtfertigen Einsatz von ECMO ein unnötiges Todesurteil über viele ihrer Patienten gesprochen haben.

Karagiannidis, Christian et al. (2021). High In-Hospital Mortality in COVID Patients Receiving ECMO in Germany – A Critical Analysis. American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine.


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13Comments

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  1. 1
    Tannenherz

    High, vielleicht braucht man auch hier die Todeszahlen um die Panik, die man ja wohl will, genug schüren zu können. Freundlichst Fiete

  2. 3
    Frau Schwarz

    Ich bin mit dem letzten Absatz nicht ganz d’accord. Ich denke eher, dass die gute Verfügbarkeit (und möglicherweise auch abrechnungstechnische Vorteile) dazu führen, dass ECMO auch noch bei Patienten angewandt wird, die sich schon in einem solch schlechten Zustand befinden, dass die Erfolgsaussichten von vorneherein sehr schlecht sind. Solche Patienten würden in anderen Ländern eine ECMO Therapie gar nicht erhalten, aus Ressourcen-Gründen. Dass man mit voreiliger ECMO-Therapie ein unnötiges Todesurteil über sonst gut therapierbare Patienten gesprochen hat, finde ich zu weit hergeholt. Als Medizinerin beobachte ich seit vielen Jahren eine immer ausuferndere (u. a.) apparative medizinische Überversorgung von Patienten, die sehr sehr alt und krank sind, oft ist vehementes Beharren auf sinnlose (nicht) lebensverlängernde Luxusmaßnahmen durch Angehörige der Grund.

    • 4
      Michael Klein

      Wenn Sie Recht haben, dann stellt sich die Frage, warum ECMO entgegen den Empfehlungen auch bei Patienten angewendet werden, die davon keinen Nutzen mehr haben. Damit haben wir eine neue interessante Frage.

      • 5
        F. Hoffmann

        Naja, ob ECMO noch einen Nutzen hatte, weiß man leider erst nach der Anwendung. Es ist letztlich ein letzter Versuch, Sauerstoff in den Körper zu bringen.

        • 6
          Martin Schneider

          das sehe ich auch so. Das ist ein Cofounder in Deutschland. 3 ECMO Plätze in Italien, 15 in Deutschland. In Italien werden sie nicht an die ECMO angeschlossen, fallen erst gar nicht in der Statistik auf.

          Zumal die Entscheidung auch subjektiv ist. Nehme ich JEDEN oder den, den ich eventuell noch vor weiteren Schäden bewahren kann. Genug Ressourcen im Vergleich zu anderen Ländern sind ja vorhanden.

          ECMO ist die letzte verfügbare Möglichkeit. Es ist ein extrem belastendes Verfahren für den Patienten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Indikation leichtfertig getroffen wird.

          Das mal abrechnungstechnisch zur Überwachung ein Patient von Normalstation in ein Intensivbett zur „Sicherheit“ geholt wird, ja, das kommt vor.

          Wobei es eine „Übertherapie“-Grenze in Deutschland auch gibt, die manchmal durchbrochen wird, auch aus monetären Gründen. (Knie/Schulter-Ops, Herzkatheter,etc.)

    • 7
      Corvusalbusberlin

      „…..lebensverlängernde Luxusmaßnahmen durch Angehörige der Grund.“

      Es gibt aber auch gegenteilige Verhaltungsweisen. Vor einigen Jahren in der Charité.
      Die Mutter lag im Koma und alle Kinder versicherten, dass ihre Muter an keine Geräte angeschlossen werden wollte. Hat alles nichts genutzt.
      Sie haben ihre Geräte angeschlossen, weil die Mutter keine aktuele Pateientenverfügung hinterlassen hatte.

      Schließlich müssen die Geräte sich ja auch rentieren.

  3. 9
    Reinhard

    Mein Vertrauen in die dt. Ärzteschaft hielt sich schon immer in Grenzen. Glücklicherweise benötigte ich bisher keinen Arzt zu bemühen und ich hoffe es bleibt auch so.
    Nur zwei Beispiele in meiner nächsten Umgebung:
    Meine Frau hatte eine Zahnbehandlung (Stiftzahn) und der Zahnarzt (übrigens eine lokale Größe)
    vergass den überschüssigen Zahnzement gründlich zu entfernen. Eine Entrzündung breitete sich aus und führte wegen der in Mitleidenschaft gezogenen Speicheldrüsen zu einer extremen Mundtrockenheit. Es begann ein Spießrutenlauf zu HNO-Ärzten, Biopsien in der Lippe, Rheumatologen etc. Ihr wurden massiv völlig sinnlose Medikamente verabreicht, bis schließlich ein anderer Zahnarzt das Übel beseitigte….
    Ein anderer Fall bei unserer Nachbarin. Brav mit Comirnaty geimpft, ließ sie sich vom Hausarzt dazu überreden, preventiv eine Gürtelrose-Impfung zu machen. Der Mann in Weiß ist natürlich eine Respektperson und die Nachbarin machte mit. Fazit: Seit einer Woche geht es ihr ziemlich schlecht, ist zeitweise bettlägerig. Ein befreundeter Arzt sagte mir, es sei leichtsinnig nach einer Covid-Impfung eine andere Impfung zu verabreichen…
    Noch dazu wo Wechselwirkungen nie bisher untersucht wurden (lt. Beipackzettel von Comirnaty der EMA).

    • 10
      F. Hoffmann

      Nun ja, eine missglückte Zahnbehandlung und eine ultima ratio in der Intensivmedizin sind doch ein bissel unterschiedliche Dinge…
      Laut Empfehlung des RKI soll man planbare Impfungen mindestens 2 Wochen vor bzw. frühestens 2 Wochen nach Comirnaty durchführen. Zum Thema, wen man gegen Herpes Zoster impfen soll, gibt es Empfehlungen der STIKO. Der meistens angewandte Totimpfstoff kann ordentliche Nebenwirkungen haben. Und ja, selbstverständlich weiß man noch nichts über Interaktionen. Die Anwendung der „neuen Impfstoffe“ ist unter verschiedenen Aspekten (auch Langzeitwirkungen etc.) letztlich ein Experiment.

      • 11
        Reinhard

        Sicherlich kann man die Zahngeschichte nicht mit Intensivbehandlung vergleichen.
        Das war als Beispiel genannt, dass es sehr oft ein Glückspiel ist, welchen „Spezialisten“ da man in die Hände fällt.
        Zum Thema missglückte Zahnbehandlung möchte ich noch nachschicken, dass keiner der in der Folge involvierten Ärzte, auch nur im Entferten die Zahnbehandlung, obwohl darauf hingewiesen, in seine Diagnose einbezog. Für den HNO war es klar, dass es sich um eine Degenaration der Speicheldrüsen handelte, also schmerzhafte Extraktion einiger Drüsen an der Unterlippe zwecks Untersuchung. Behandlung mit massiven Dosen an Cortison. Ergebnis gleich Null. Also Empfehlung einen Rheumatologen aufzusuchen. Der konstatierte eine rheumatische Erkrankung, verordnete massive Dosen an Quensyl (Hydroxychloroquin), ohne Ergebnis, aber mit regelmäßiger Kontrolle der Augen, da Quensyl in dieser Hinsicht nicht ohne sein kann.
        Erst als nach knapp 3/4 Jahren meine Frau wiederum zu einem Zahnarzt musste, erkannte dieser die Ursache des Übels. Seitdem ist der Speichelfluß wieder normal.

  4. 12
    Wolpertinger, alt-testamentarischer

    Ich hatte vor ca. 15 Jahren akutes Lungenversagen (ARDS). Damals lag die Chance das nicht zu überleben bei etwa 50-70%. Inzwischen ist die Lethalität bei ARDS etwas gesunken, ist aber nach wie vor hoch. Ob ich ECMO bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Wohl eher nicht, da es damals noch nicht so üblich war.

    Zum Thema: ECMO wird bei Leuten mit (s)ehr ungünstigen Ausgangsbedingungen eingesetzt. Das sind Leute, bei denen die sonst üblichen Beatmungsmethoden nicht genug Wirkung zeigen. Entsprechend wären die ohne ECMO vermutlich sowieso schon auf sicherem Weg in die Holzkiste.
    Da man in Dtl. mehr dieser Geräte hat als andernorts, sind dann auch die Kapazitäten dafür vorhanden, um auch bei scheinbar aussichtslosen Fällen doch noch eine Behandlung zu versuchen. Anderswo gibt es diese Möglichkeit nicht.
    Aus diesen Gründen ist eine höhere Lethalität nicht überraschend.
    Kurz:
    Ohne ECMO-Behandlung: hochwahrscheinlich tot.
    Mit ECMO-Behandlung: wahrscheinlich tot.

    Der Versuch, selbst „aussichtslose“ Fälle zu behandeln, ist gut und sollte auch weiterhin beibehalten werden. Manch sicher Totgesagte lebt dann doch. Gleichgültig, ob da nun ökonomische Anreize für eine Behandlung bestehen, oder ob es der behandelde Mediziner als „sinnlosen Luxus“ betrachtet. Das sind ethische und zivilisatorische Grundlagen.
    Würde ich erfahren, dass ein Mediziner mir (oder jemandem mir nahestehendes) aus Bullshitgründen lebensrettende Maßnahmen verweigert hat, oder sonstwie versucht hat, mich zu schädigen, würde ich ihm persönlichen Anschauungsunterricht an ihm selbst in dem erteilen, was er bei mir versucht hat.

  5. 13
    Nachdenklicher

    Ich neige auch zu Zweifeln i.S. von Frau Schwarz. Auch wenn der Effekt über die Altersgruppen gleich verteilt ist, so bleibt dennoch der Punkt zu klären, was über die Gesamtmenge der Patienten geschieht, ob hier evtl. eine Triage bezüglich der Ressourcen geschieht, die in Deutschland weniger nötig ist. Vielleicht spielen – so man mit einer Ressource großzüger umgehen kann auch andere Aspekte eine Rolle:
    Meine Lebensgefährtin bekam im Rahmen einer Corona-Infektion eine Lungenentzündung, welche beinahe tödlich von Hausarzt und Sanitäter verschleppt wurde. Sie lag im Krankenhaus isoliert und alleine auf dem Zimmer. Der Arzt kam zur Besprechung der invasiven Beatmung. Da sie sich kategorisch weigerte, sich so beatmen zu lassen (schlimmer Erfahrung mit verstorbener Freundin), kam man mit dem erst neu gelieferten Gerät nach der Methode aus Moers an. Ganz offensichtlich hatte man damit noch keine Routine, oder sie war sogar die Erste. Dieses Gerät erforderte ein häufigeres und aufwendiges Nachsehen mit Umkleiden unter Hygienebedingungen etc. Also neues Gerät, noch nicht damit vertraut, höherer Aufwand. Dagegen stand weniger personalintensive invasive Beatmung mit ruhig gestelltem Patient und einfacherer Monitorüberwachung. Ihr Sohn und ich gehen stark davon aus, dass ihr ihre Weigerung (hatte schon belastete Lunge, nimmt einmal täglich Asthmaspray) ihr das Leben gerettet hat.
    Also einerseits könnte ECMO in Deutschland auch bei viel geringeren Chancen des Patienten eingesetzt worden sein, evtl. aber auch der Einfachheithalber zu früh. Dieser Punkt bleibt mangels Daten offen. Beides ergibt aber eine höhere Sterblichkeit in der Menge der behandelten.

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