Ernst Jünger und „Der Arbeiter”: Augur eines „Great Reset“

Jünger hat nicht das Dritte Reich, sondern einen “Great Reset” vorweggenommen.

Ernst Jüngers Essay mit dem Titel „Der Arbeiter: Herrschaft und Gestalt“ (1981), das im Jahr 1932 erstmals veröffentlicht wurde, hat in den nachfolgenden Jahrzehnten zu vielen Diskussionen und Spekulationen hinsichtlich der Weltanschauung und politischen Orientierung von Jünger geführt. So wurde es als „… unfreiwillige Parallelbildung zu den Propagandamaßnahmen“ des Dritten Reiches bezeichnet (von Wolfgang Kämpfer 1990, zitiert nach Stöckmann 2000: 5), und als Entwurf für den „nationalsozialistischen Staat[es]“ (von Jürgen Manthey 1990, zitiert nach Stöckmann 2000: 5), während Günter Figal (1995; zitiert nach Stöckmann 2000: 5) meinte, dass es ein „gern kolportiertes Gerücht“ sei, „dass der Arbeiter die programmatische Vorwegnahme des Nationalsozialismus“ sei, „von dem man sich endlich verabschieden sollte“. Ingo Stöckmann (2000: 9) sieht im Arbeiter – m.E. zutreffendeine „avantgardistische Phantasie“, eine „sich als Weltrevolution verstehende[…] Sozialutopie“. Stöckmann nimmt anscheinend an, dass sie von Jünger angestrebt, begrüßt, positiv bewertet werde, denn er spricht auch von „Jüngers Arbeiter-Projekt“ (Stöckmann: 2000: 9), suggeriert also, es handle sich bei dem, was Jünger beschreibt, um sein eigenes oder zumindest um ein von ihm mitgetragenes „Projekt“, an dem er arbeite.

Wer den Arbeiter (ganz) liest, kann diesen letzteren Eindruck aber schwerlich teilen. Da ist zunächst Jüngers eigene Beschreibung seines „Projektes“ im Vorwort zur Ersten Auflage des Arbeiters:

„Da es sich hier weniger um neue Gedanken oder ein neues System handelt als um eine neue Wirklichkeit, kommt alles auf die Schärfe der Beschreibung an, die Augen voraussetzt, denen die volle und unbefangene Sehkraft gegeben ist“ (Jünger 1981[1932]: 4; Hervorhebung d.d.A.).

Damit sollte klar sein, dass es Jünger darum geht, Entwicklungen und Zustände zu beschreiben, die er als die „neue Wirklichkeit“ beobachtet. Und was die notwendige „unbefangene Sehkraft“ betrifft, so wird an mehreren Stellen im Arbeiter erkennbar, dass Jünger politische Ideologien oder – ggf. damit verbunden – bestimmte Lebenslagen im sozialen Gefüge, allen voran: die bürgerliche Sicht- und Lebensweise, als Brillen aufgefasst hat, die die „unbefangene Sehkraft“ einschränken.

Wenn Jünger an vielen Stellen im Arbeiter mit dem Bürgertum hadert, dann tut er das aufgrund von dessen Feigenblattfunktion für „die wahren Machtverhältnisse“, die das Bürgertum „verdeckt“ (Jünger 1981[1932]: 79) und aufgrund der Schwäche des Bürgertums und ihres Verrates an der Gesellschaft, die Ersteres – die Feigenblattfunktion – möglich gemacht hat:

„Als Stand in diesem besonderen Sinne hat sich vielmehr nur das Bürgertum empfunden; es hat dieses Wort, das von sehr alter und guter Herkunft ist, aus seinen gewachsenen Zusammenhängen gelöst, seines Sinnes entkleidet und zu nichts anderem als zu einer Maske des Interesses gemacht“ (Jünger 1981[1932]: 8),

und:

„Nicht in der zeitlichen Folge der Herrschaft, nicht im Gegensatze zwischen Alt und Neu liegt der wesentliche Unterschied, der zwischen dem Bürger und dem Arbeiter besteht. Daß matt gewordene Interessen durch jüngere und brutalere [!] Interessen abgelöst werden, ist zu selbstverständlich, als daß man sich bei der Betrachtung darüber aufhalten darf“ (Jünger 1981[1932]: 8).

Wenn Jünger dem Bürger den „Arbeiter“ entgegenstellt, meint man vielleicht spontan, er spräche von der Arbeiterklasse oder –schicht, aber diese Auffassung vom „Arbeiter“ als einem „Stand“ kennzeichnet Jünger als eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts:

„Es ist das 19. Jahrhundert, das den Arbeiter als den Vertreter eines neuen Standes, als den Träger einer neuen Gesellschaft und als ein Organ der Wirtschaft gedeutet hat. Diese Deutung weist dem Arbeiter eine Scheinstellung an, innerhalb derer die bürgerliche Ordnung in ihren entscheidenden Grundsätzen gesichert ist. Jeder Angriff aus dieser Stellung kann infolgedessen nur ein Scheinangriff sein, der zu einer schärferen Ausprägung der bürgerlichen Wertungen führt … Die Vorstellungen, unter deren Bann man den Arbeiter zu bringen suchte, reichen jedoch zur Lösung der großen Aufgaben eines neuen Zeitalters nicht aus.“ (Jünger 1981[1932]: 14-15).

Der „Arbeiter“, von dem Jünger spricht, ist

„…weder [als] ein Stand im alten Sinne noch eine Klasse im Sinne der revolutionären Dialektik des 19. Jahrhunderts zu verstehen […] (Jünger 1981[1932]: 38;

vielmehr ist er die für dieses neue Zeitalter passende – und notwendige – „Gestalt“:

„… wir werden sehen, daß in der Epoche, in die wir eintreten, die Prägung des Raumes, der Zeit und des Menschen auf eine einzige Gestalt, nämlich auf die des Arbeiters, zurückzuführen ist“ (Jünger 1981[1932]: 15).

Jünger will mit der Gestalt des Arbeiters einen bestimmten „Menschenschl[a]g[…]“ (Jünger 1981[1932]: 19) benennen, der gleichzeitig Erfordernis und Produkt des neuen Zeitalters ist, das Jünger heraufziehen sieht. An anderer Stelle beschreibt er den „Arbeiter“ als einen Menschen mit einer bestimmten Haltung:

„Dies liegt, wie noch ausgeführt werden soll, einmal daran, daß schon der Name »Arbeiter« nichts anderes andeuten kann als eine Haltung, die ihren Auftrag, und daher ihre Freiheit, in der Arbeit erkennt. Zum andern aber kommt hier sehr deutlich zum Vorschein, daß nicht Unterdrückung, sondern ein neues Gefühl der Verantwortung die wesentliche Triebfeder ist und daß wirkliche Arbeiterbewegungen nicht, wie es der Bürger tat, gleichviel ob er sie bejahte oder verneinte, als Sklaven-, sondern als verkappte Herrenbewegungen aufzufassen sind. Jeder, der dies erkannt hat, erkennt auch die Notwendigkeit einer Haltung, die ihn der Führung des Arbeitertitels würdig macht” (Jünger 1981[1932]: 21).

Wer meint, damit sei die Lust eines Menschen, der sich als Arbeiter versteht, einem für gut oder würdig befundenen Führer zu dienen, verbunden, der irrt sich gründlich, denn was folgt, ist eben keine Brandrede für die fraglose Unterwerfung unter den Willen eines Führers, der den „Arbeitern“ zu Weltgeltung verhilft, sondern eine, wenn man so sagen kann: essayistische Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse oder Entwicklungen – fast so, wie Ulrich Beck das Jahrzehnte später z.B. in seiner „Risikogesellschaft“ getan hat, und ganz so, wie Jünger es im Vorwort zur Ersten Auflage des Arbeiters angekündigt hat (s.o.).

Er benutzt dabei stellenweise eine Sprache, die auf mich wie bitterste Ironie eines in mancher Hinsicht gebrochenen Menschen wirkt, der gleichzeitig Rationalisierung von und „Abrechnung“ mit seinen eigenen Erfahrungen ver-/sucht, aber nachvollziehbarerweise den Eindruck erwecken kann, er schreibe dem Faschismus oder einer allgemeinen Menschenverachtung das Wort, wie z.B. dann, wenn er schreibt:

„Ein Einschnitt, der tief genug ist, um uns der alten Nabelstränge zu entledigen, kann in der nötigen Schärfe nur gezogen werden durch ein starkes Selbstbewußtsein, das in einer jungen und rücksichtslosen Führerschaft verkörpert ist. Je weniger Bildung im üblichen Sinne diese Schicht besitzt, desto besser wird es sein. Leider hat uns das Zeitalter der allgemeinen Bildung einer tüchtigen Reserve von Analphabeten beraubt – – ebenso wie man heute mit Leichtigkeit tausend gescheite Leute über die Kirche räsonieren hören kann, während man die alten Fels- und Waldheiligen vergeblich sucht“ (Jünger 1981[1932]: 105-106).

Zumindest vom Letzteren lässt sich klar belegen, dass es nicht als Ausdruck romantischer Neigungen des Autors aufgefasst werden darf, sondern als Sarkasmus gelten muss, denn an anderer Stelle hat Jünger zur Romantik Folgendes zu sagen wird:

„Der Romantiker versucht, die Wertungen eines elementaren Lebens einzusetzen, dessen Gültigkeit er ahnt, ohne seiner teilhaftig zu sein, und daher kommt es, daß der Betrug oder die Enttäuschung nicht ausbleiben kann. Er erkennt die Unvollkommenheit der bürgerlichen Welt, der er doch kein anderes Mittel als die Flucht entgegenzustellen weiß” (Jünger 1981[1932]: 26).

Im oben stehenden Zitat (dem bis hierhin vorletzen) ist u.a. die Verwendung des Wörtchens „uns“ geeignet, Unklarheit zu schaffen, aber m.E. handelt es sich hierbei um eine einigermaßen zynisch formulierte Beschreibung dessen, was die Zukunft für „uns“ alle gleichermaßen – ob wir sie begrüßen oder nicht – bereithält bzw. welche Erfordernisse diese Zukunft an „uns“ stellt und inwieweit die Vorbedingungen bereits gegeben sind, damit sich „unsere“ Zukunft einstellt.

Meine Interpretation kann sich auf viele Formulierungen im Arbeiter stützten, eine davon sei hier noch angeführt, eine, die ein „wir“ in ähnlicher Weise benutzt wie das „uns“ im obenstehenden Zitat benutzt wird und „uns“ als eine Art Schicksalsgemeinschaft ausweist, der ein Entkommen aus dem vorgezeichneten Schicksal nicht möglich ist. Im Schluss-Abschnitt schreibt Jünger:

„Wir sehen, daß die Völker an der Arbeit sind, und wir begrüßen diese Arbeit, wo immer sie geleistet wird. Der eigentliche Wettkampf gilt der Entdeckung einer neuen und unbekannten Welt – einer Entdeckung, vernichtender und an Folgen reicher als die Entdeckung Amerikas. Nicht anders als mit Ergriffenheit kann man den Menschen betrachten, wie er inmitten chaotischer Zonen an der Stählung der Waffen und Herzen beschäftigt ist und wie er auf den Ausweg des Glückes zu verzichten weiß“ (Jünger 1981[1932]: 153),

und dieser anscheinend glühenden Befürwortungsrede folgt der Nachsatz:

„Hier Anteil und Dienst zu nehmen: das ist die Aufgabe, die von uns erwartet wird“ (Jünger 1981[1932]: 153; Hervorhebung d.d.A.).

Stellen wie diese sind m.E. selbstredend, und m.E. hat Jünger die Bezeichnung „heroischen Realismus“ für die Haltung, die den Menschen im neuen Zeitalter bzw. den „Arbeiter“auszeichnet, mit Bedacht gewählt:

„Aus dieser Haltung, die weder dem Idealismus noch dem Materialismus vollziehbar ist, sondern die als ein Heroischer Realismus angesprochen werden muß, ergibt sich jenes äußerste Maß an Angriffskraft, dessen wir bedürftig sind. Ihre Träger sind vom Schlage jener Freiwilligen, die den großen Krieg mit Jubel begrüßten und die alles begrüßen, was ihm folgte und folgen wird“ (Jünger 1981[1932]: 17),

egal, was dies sein mag; auf „den Ausweg des Glückes“ hat der „Arbeiter“ ja ohnehin zu verzichten gelernt (s.o.).

In einem Brief vom 10. Oktober 1980 schreibt Jünger:

„Die Gestalt steht in ihren titanischen Anfängen. Wer sich mit ihr beschäftigt, muß sich über jedes historische System hinauswagen. Die Umwertung der Werte genügt dazu nicht mehr. Die alte Moral vermag die Tatsachen nicht zu bewältigen, doch vor einer neuen Moral, die den Tatsachen entspräche, schrecken wir mit Recht zurück … Mit diesen Notizen will ich andeuten, daß sich in dem, was ich als Gestalt bezeichnet habe, noch viel Ahnung verbirgt. Sie ist also schwer festzulegen, nicht historisch und noch weniger politisch – wo sich dort anknüpfen läßt, dürfte ich mich noch nicht genügend von überkommenen Vorstellungen gelöst haben. Die Entwicklung seit 1932 verläuft programmatisch, wenn auch nicht angenehm. Wie ich schon schrieb, liegt das Thema hinter mir. Vielleicht würde ich mich heute weniger passioniert verhalten, denn es gibt eine Differenz zwischen dem Genuß an der Logik in Machtfragen und dem, was uns persönlich als recht und billig oder auch als angenehm erscheint“ (Jünger 1981[1932]: 197; Hervorhebungen d.d.A.).

Dies sollte hinreichend deutlich machen, dass Jünger im Arbeiter keine Lobrede auf eine Utopie halten wollte. Aber wie dem auch sei – Jüngers politische oder weltanschauliche Gesinnung soll uns hier nicht weiter beschäftigten. Was uns weiter beschäftigen soll, ist Jüngers essayistische Gesellschafts“analyse“, die sich in der Rückschau in vieler Hinsicht als eine zutreffende Prophezeiung erweist, als eine Prophezeiung über einen „great reset“ im Allgemeinen, aber teilweise auch im (relativ) Konkreten, wie er denjenigen vorschwebt, die heute meinen, ein „neues Zeitalter“ herbeiführen – oder seine Ankunft beschleunigen – zu müssen.

Im Zentrum der essayistischen Analyse von Jünger stehen die Entwicklungen, die das neue Zeitalter ankündigen und in deren Zuge sich eine „Umbildung“ der „nationalen Demokratien“ (Jünger 1981[1932]: 157) in einen „Arbeitsstaat“ – wohlgemerkt: nicht „Arbeiterstaat“ – vollzieht. Im Arbeitsstaat herrscht nicht der „Arbeiter“, sondern die Arbeit, oder genauer: es herrschen, wenn man so sagen will: die von Technik und Arbeitswelt geschaffenen Strukturen. Das neue Zeitalter ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihr die Arbeitswelt nicht dominiert, sondern die einzige Welt ist, in der gelebt werden kann; sie ist eine totale bzw. totalitäre Welt:

„Wir stehen vor einer Neuordnung der großen Gebilde des Lebens, in die mehr als Kultur, nämlich die Voraussetzung auch der Kultur eingeschlossen ist. Diese Neuordnung erfordert die Integration aller Einzelgebiete, die ein abstrakter Geist immer mehr verselbständigt und dem Zusammenhange entzogen hat. Wir leben in Zuständen, die auf Spezialisierung angewiesen sind, aber es kommt auch gar nicht darauf an, diese Spezialisierung zu beseitigen. Es kommt vielmehr darauf an, daß jede spezielle Anstrengung als Teil einer totalen Anstrengung gesehen und daß der verräterische Charakter jeder Bestrebung, die sich diesem Vorgange zu entziehen sucht, begriffen wird. Diese totale Anstrengung ist nichts anderes als Arbeit im höchsten Sinne, das heißt: Repräsentation der Gestalt des Arbeiters“ (Jünger 1981[1932]: 105; Hervorhebung).

Stöckmann (2000: 7) hat hierfür den Ausdruck „Totalformierung der sozialen und diskursiven Bestände“ geprägt, den er wie folgt erläutert:

„‘Arbeit‘ ist der unablässige, gleichsam auf Dauer gestellte Prozeß der integrativen Totalformierung aller sozialen, diskursiven und industriellen Ressourcen, die in nichts mehr an die bürgerliche ‚erwerbsideologische‘ Vergangenheit des Begriffs erinnern soll.“

Und Jünger selbst schreibt im Arbeiter:

„Arbeit ist also nicht Tätigkeit schlechthin, sondern der Ausdruck eines besonderen Seins, das seinen Raum, seine Zeit, seine Gesetzmäßigkeit zu erfüllen sucht. Daher kennt sie keinen Gegensatz außer sich selbst; … Der Arbeitsraum ist unbegrenzt, ebenso wie der Arbeitstag vierundzwanzig Stunden umfaßt. Das Gegenteil der Arbeit ist nicht etwa Ruhe oder Muße, sondern es gibt unter diesem Gesichtswinkel keinen Zustand, der nicht als Arbeit begriffen wird. Als praktisches Beispiel dafür ist die Art zu nennen, in der schon heute vom Menschen die Erholung betrieben wird. Sie trägt entweder, wie der Sport, einen ganz unverhüllten Arbeitscharakter, oder sie stellt, wie das Vergnügen, die technische Festivität, der Landaufenthalt, ein spielerisch gefärbtes Gegengewicht innerhalb der Arbeit, keineswegs aber das Gegenteil der Arbeit dar. Hiermit hängt die wachsende Sinnlosigkeit der Sonn- und Feiertage alten Stiles zusammen – jenes Kalenders, der einem veränderten Rhythmus des Lebens immer weniger entspricht“ (Jünger 1981[1932]: 44).

(Das Arbeiten von Zuhause, das für viele „white collar“-Angestellte während der vergangenen zwei Jahre zur Normalität geworden ist, verwischt die Grenzen zwischen Arbeitsort und Ruheort (weiter)).

Sinn – soweit er überhaupt noch nachgefragt wird – ergibt sich im Arbeitsstaat (bzw. der Phase, die seine Vollendung vorbereitet) durch das Eingefügt-Sein in eine „organische[…] Konstruktion“:

„Daß die Kräfte, die solche Gruppierungen veranlassen, andersartige geworden sind, deutet sich vielfach schon in einer Veränderung der Namen an. »Aufmarsch« statt »Versammlung«, »Gefolgschaft« statt »Partei«, »Lager« statt »Tagung« – darin drückt sich aus, daß nicht mehr der freiwillige Entschluß einer Reihe von Individuen als die unausgesprochene Voraussetzung der Zusammenkunft betrachtet wird. Diese Voraussetzung klingt vielmehr, wie es in Worten wie »Verein«, »Sitzung « und anderen deutlich wird, bereits das Belanglose oder das Lächerliche an. Einer organischen Konstruktion gehört man nicht durch individuellen Willensentschluß, also durch Ausübung eines Aktes der bürgerlichen Freiheit, sondern durch eine tatsächliche Verflechtung an, die der spezielle Arbeitscharakter bestimmt. So ist es, um ein banales Beispiel zu wählen, ebenso leicht, in eine Partei einzutreten oder aus ihr auszutreten, wie es schwierig ist, aus Verbandsarten auszutreten, denen man etwa als Empfänger von elektrischem Strom angehörtÜberhaupt besteht ein einfaches Mittel, festzustellen, in welchem Umfange man noch von der Welt des 19. Jahrhunderts in Anspruch genommen wird, darin, zu untersuchen, welche von den Verhältnissen, in denen man sich vorfindet, aufkündbar sind und welche nicht” (Jünger 1981[1932]: 58; Hervorhebung d.d.A.).

Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung meinen, dass Jüngers Bescheibung diesbezüglich übertrieben ist, nicht ganz „passt“, dass sich unsere Gesellschaft vielmehr durch das Gegenteil auszeichnet, d.h. durch eine weitgehende Aufkündbarkeit von allen möglichen sozialen Beziehungen und Mitgliedschaften (von der Ehescheidung über die Abtreibung bis hin zur Zugehörigkeit zu einem der beiden biologischen Geschlechter u.ä.m.). Aber tatsächlich wechselt man mit jeder „Aufkündigung“ von Beziehungen, Mitgliedschaften oder sozialen Rollen nur seinen verwaltungstechnischen Status, z.B. vom Ehemann zum Unterhaltsverpflichteten oder vom Eintrag im Personalausweis als „weiblich“ (oder „männlich“) in „divers“, vom Angestellten eines Betriebes (und Kollegen) zum Elternzeit-Nehmer, für den das Arbeitsverhältnis ruht.

Bereits heute gibt es kaum eine Tätigkeit oder Eigenschaft, geschweige denn: eine soziale Beziehung, die nicht dokumentiert, katalogisiert und ggf. gesetzlich geregelt wäre: Im umfassenden Bestandskatalog aller erdenklicher Eigenschaften und Beziehungen kann man nicht einfach eine „Nullnummer“ sein, irgendwo ein unausgefülltes Feld aufweisen. Keine Angabe über eine Eigenschaft oder eine Beziehung ist immer eine Angabe, die „fehlt“ – oft mit Konsequenzen, die es unmöglich machen, sich im sozialen Raum zu bewegen, wie es z.B. der Fall ist, wenn physische Freizügigkeit – vom Überschreiten einer Staatsgrenze bis zum Besuch eines Restaurants – an den auf die vorhergesehene Weise erfolgten Nachweis mehrfacher Impfung gegen Covid-19 geknüpft wird. Die Angbabe „fehlt“ so lange, bis eine im Bestandskatalog vorgesehene inhaltliche Angabe gemacht ist, die ihrerseits mit einer ganzen Reihe anderer Einträge verknüpft ist, die jedoch kein bloßer Kategorisierungsakt bleiben, sondern oft hohe lebenspraktische Relevanz haben.

Man kann diesbezüglich mit Jünger – und in Übereinstimmung mit der etwa seit den 1990er-Jahren systematisch betriebenen Identitätspolitik – von einem „Schwund der Individualität“ (Jünger 1981[1932]: 68) bzw. einer „Repräsentation des Typus, nicht aber des Individuums“ (Jünger 1981[1932]: 64) in gesellschaftspolitischer und verwaltungstechnischer Hinsicht, die alle Bereiche des Lebensvollzugs betrifft, sprechen. Nach Jüngers Auffassung wird die „Repräsentation des Typus“ statt des Individuums nicht bloß durch die gesellschaftlichen Verhältnisse erzwungen; vielmehr wird sie durch den Einzelnen selbst verinnertlicht oder zumindest mitgetragen und damit für jeden sichtbar ausgedrückt:

„Was zunächst rein physiognomisch auffällt, das ist die maskenhafte Starrheit des Gesichtes, die ebensowohl erworben ist, wie sie durch äußere Mittel, etwa Bartlosigkeit, Haartracht und anliegende Kopfbedeckungen, betont und gesteigert wird. Daß in dieser Maskenhaftigkeit, die bei Männern einen metallischen, bei Frauen einen kosmetischen Eindruck erweckt, ein sehr einschneidender Vorgang zutage tritt, ist schon daraus zu schließen, daß sie selbst die Formen, durch die der Geschlechtscharakter physiognomisch sichtbar wird, abzuschleifen vermag“ (Jünger 1981[1932]: 59)

– dabei konnte Jünger schwerlich vorausahnen, dass die physiognomische Veränderung des „Geschlechtscharakter[s]“ bis hin zur willentlichen Schaffung eines transgegenderten Körpers reichen würde.

Die Gegenwart gibt Jünger auch mit Bezug auf eine andere Beobachtung Recht, die sich auf die Bedeutung der Maske bzw. Maskenhaftigkeit, die die Individualität zerstört, bezieht:

„Nicht zufällig ist, nebenbei bemerkt, die Rolle, die seit kurzem die Maske wieder im täglichen Leben zu spielen beginnt. Sie tritt in mannigfaltiger Weise in Erscheinung, an Stellen, an denen der spezielle Arbeitscharakter zum Durchbruch kommt, sei es als Gasmaske, mit der man ganze Bevölkerungen auszurüsten sucht, sei es als Gesichtsmaske für Sport und hohe Geschwindigkeiten, wie sie jeder Kraftfahrer besitzt, sei es als Schutzmaske bei der Arbeit im durch Strahlen, Explosionen oder narkotische Vorgänge gefährdeten Raum. Es ist zu vermuten, daß der Maske noch ganz andere Aufgaben zufallen werden, als man sie heute ahnen kann – etwa im Zusammenhange mit einer Entwicklung, innerhalb deren die Photographie den Rang einer politischen Angriffswaffe gewinnt“ (Jünger 1981[1932]: 59-60; Hervorhebung d.d.A.)

– oder als hygienischen oder Schutzmaßnahmen im Rahmen der Inszenierung von Pandemien.

Die Maskenhaftigkeit des Einzelnen sieht Jünger aber nicht nur hinsichtlich ihres Gesichtes, ihrer Mimik oder dem Verbergen des Gesichtes eben durch Masken,

„sondern an seiner ganzen Figur. So ist zu beobachten, daß der Durchbildung des Körpers, und zwar einer ganz bestimmten, planmäßigen Durchbildung, dem Training, große Aufmerksamkeit gewidmet wird. In den letzten Jahren haben sich die Anlässe vervielfacht, durch die man das Auge an den Anblick nackter, sehr gleichmäßig gezüchteter Körper gewöhnt” (Jünger 1981[1932]: 60).

In der Gegenwart ist der Anspruch auf körperliche „Gleichschaltung“ der Menschen sehr weit gediehen, und er wird eingebettet in einen Kontext, den man sozialhygienisch nennen könnte. So werden Blutdrucktabletten verschrieben, weil Meßwerte nicht den diesbezüglich relevanten Durchschnitsswerten entsprechen, weitgehend unabhängig von einem Beschwerdebild des „Patienten“, und das gute alte Übergewicht ist dem Krankheitsbild der Fettleibigkeit gewichen, und sie wird weniger als ein individuelles Risiko, z.B. Diabetes zu entwickeln, behandelt, sondern – ganz wie Covid-19 – als eine Pandemie, die ein Problem für die allgemeine Kranken-Pflicht-Versicherung darstellt oder in Zukunft darstellen wird, wohlgemerkt ohne kritische Neubewertung des Sinns und Unsinns von allgemeinen bzw. verpflichtenden Krankenversicherungen.

In der Inszenierung eines körperlich perfekten Menschen als „Standard-Menschen“ kommt nach Jünger ein „Ethos der Sterilität“ zum Ausdruck:

„Auch hier ist eine nihilistische Oberhaut – Hygiene, flache Sonnenkulte, Sport, Körperkultur, kurzum: ein Ethos der Sterilität, ausgebildet, das der Betrachtung nicht lohnt, wie denn überhaupt für diese Zeit ein seltsames Mißverhältnis zwischen der strengen Aufeinanderfolge der Tatsachen und den sie begleitenden moralischen und ideologischen Begründungen kennzeichnend ist. Jedenfalls leuchtet ein, daß hier von Beziehungen zwischen Individuen nicht mehr die Rede sein kann. Die Kennzeichen, auf die Wert gelegt wird, haben sich verändert; sie sind von jener einfacheren, dümmeren [!] Natur, die darauf hindeutet, daß hier ein Wille zur Rassenbildung lebendig zu werden beginnt – zur Erzeugung eines bestimmten Typus, dessen Ausstattung einheitlicher und den Aufgaben innerhalb einer Ordnung angemessen ist, die der totale Arbeitscharakter bestimmt. Dies hängt damit zusammen, daß die Möglichkeiten des Lebens überhaupt sich in zunehmendem Maße verringern, im Interesse einer einzigen Möglichkeit, die alle übrigen gleichsam verzehrt und Zuständen einer stählernen Ordnung entgegeneilt. Diese Zukunft schafft sich die Rasse, deren sie bedarf,  … Dies ist eine der Arten, in denen das Individuum stirbt, und vielleicht die farbloseste; ihre Begründung ist individueller Natur, ihre Praxis begrüßenswert. Was jedoch unter dem Wuste juristischer und medizinischer Debatten noch nicht im vollen Umfange geahnt werden kann, das ist die Möglichkeit neuer, furchtbarer Einbrüche des Staates in die private Sphäre, die unter der Maske der hygienischen und sozialen Fürsorge im Anzuge sind.” (51-52; Hervorhebung d.d.A.),

ganz so, wie dies die staatlichen Maßnahmen mit Bezug auf Covid-19 gezeigt haben. Und die Diskussion um diese staatlichen Maßnahmen hat auch gezeigt, dass der Berufung des Einzelnen auf individuelle Rechte, individuelle Verantwortung, individuelle Freiheit, wenn es darum geht, über die Integrität des eigenen Körpers zu entscheiden, eine Pflicht zur „sozialen Fürsorge“, eine Verantwortung für ein „Kollektiv“ entgegengestellt wird, wobei das Individuum dem „Kollektiv“ umstandslos untergeordnet wird, so, als wäre dies auf irgendeine Weise selbstverständlich, faktisch begründbar oder auch nur moralisch vertretbar.

„In demselben Grade, in dem sich die Individualität auflöst, verringert sich der Widerstand, den der Einzelne seiner Mobilmachung entgegenzustellen vermag. Immer wirkungsloser verhallt der Protest, der der privaten Sphäre entsteigt. Ob der Einzelne will oder nicht – er wird bis zum letzten für die sachlichen Zusammenhänge verantwortlich gemacht, in die er einbezogen ist“ (Jünger 1981[1932]: 43; Hervorhebung d.d.A.).

Und wer sich dagegen wehrt, wird (heute wieder) sozial stigmatisiert und z.B. im Zusammenhang mit einer persönlichen Entscheidung gegen eine Impfung gegen Covid-19 a priori als Oma-Mörder o.ä. beschimpft, was nur auf der Basis möglich ist, dass er „bis zum letzten für die sachlichen Zusammenhänge verantwortlich gemacht [wird], in die er einbezogen“ wird (ich halte an dieser Stelle ein „wird“ für treffender als das „ist“, das im Zitat von Jünger steht).

Quelle: Berliner Wespen Untertitel: “Wie ich sehe, ist die Freiheit etwas zu groß. Das wollen wir gleich zu Ihrer Zufriedenheit abändern”.

Und

„[d]iese Art der Einbeziehung setzt andere Eigenschaften, andere Tugenden des Menschen voraus. Sie setzt voraus, daß der Mensch nicht isoliert, sondern eben einbezogen erscheint. Damit aber bedeutet Freiheit nicht mehr ein Maß, dessen Urmeter durch die individuelle Existenz des Einzelnen gebildet wird, sondern Freiheit besteht in dem Grade, in dem in der Existenz dieses Einzelnen die Totalität der Welt, in die er einbezogen ist, zum Ausdruck kommt. Hiermit ist die Identität von Freiheit und Gehorsam gegeben – eines Gehorsams allerdings, der voraussetzt, daß die alten Bindungen bis auf die letzte Spur abgetragen sindDer Typus ist aber keineswegs bindungslos; er untersteht den eigentümlichen und strengeren Bindungen seiner Welt, innerhalb deren kein andersartiges Gefüge geduldet werden kann. Das Erlebnis des Typus ist, wie gesagt, nicht einmalig, sondern eindeutig; hiermit hängt es zusammen, daß der Einzelne nicht unersetzbar, sondern durchaus ersetzbar ist, …“ (Jünger 1981[1932]: 43; Hervorhebung d.d.A.).

Wir alle haben erlebt, dass während der vergangenen beiden Jahre und bis heute Gehorsam gegenüber den staatlichen Vorgaben – angeblich oder tatsächlich mit Bezug auf Covid-19 – als der einzig gangbare Weg in eine zumindest teilweise rückzuerstattende Freiheit dargestellt wurde. Aktuell wird davon gesprochen, dass Freiheit neu gedacht oder um das „richtige Verhältnis von Freiheit und Solidarität“ oder um das „Verhältnis von Freiheit und Gesundheitssschutz“ gerungen werden müsse , dies alles mit dem klar erkennbaren Tenor, dass es mindestens ebenso Wichtiges gebe wie Freiheit, dass Freiheit überall dort zur Disposition gestellt werden könne oder sogar sollte, wo „Solidarität“ gefordert wird, z.B. wenn es um „Gesundheitsschutz“ geht, wobei dies alles eine kollektivistische Ideologie voraussetzt, um einigermaßen Sinn machen zu können.

Viele Menschen hatten und haben mit der Einschränkung ihrer Freiheit – bis hin zum Verbot, die Wohnung zu verlassen – keine nennenswerten Schwierigkeiten. Sie waren/sind bereit, sich in alles zu fügen, was ihnen als „notwendig“ dargestellt wird und entsprechen insofern dem „Typus“ wie Jünger ihn auf der Basis seiner Beobachtung der Menschen in seiner eigenen Zeit beschreibt:

„Der Typus ist in einer ganz anderen Weise auf die Tugenden der Ordnung und Unterordnung angewiesen, und die unsere Übergangsepoche kennzeichnende Unordnung aller Lebensverhältnisse erklärt sich daraus, daß die Wertungen des Individuums noch nicht eindeutig, noch nicht als Stil, durch die andersartigen Wertungen des Typus abgelöst worden sind. Daß Diktatur in jeder Form immer notwendiger gefunden wird, ist nur ein Sinnbild dieses Bedürfnisses. Die Diktatur aber ist nur eine Übergangsform. Der Typus kennt keine Diktatur, weil Freiheit und Gehorsam für ihn identisch sind“ (Jünger 1981[1932]: 74; Hervorhebung d.d.A.).

Vor diesem Hintergrund mag es sein, dass die globale Inszenierung einer Covid-19-Pandemie die Summe „… nationale[r] Anstrengung[en]…“ im Rahmen eines „umfassende[n] Werkvorgang[s] und in Richtung einer „… organischen Konstruktion der Welt“ gewesen ist, für die der Typus des gehorsamen „Arbeiters“ eine entscheidende Rolle spielt. Jünger beschreibt dies – gemäß seines eigenen zeitgenössischen Kontextes – am Beispiel des namenlosen Soldaten wie folgt:

„Eines der ersten Beispiele für den Repräsentanten des aktiven Typus verkörpert der namenlose Soldat – ein Beispiel, in dem übrigens auch der kultische Rang der Arbeit bereits recht deutlich zum Ausdruck kommt. Der Weltkrieg stellt, insofern er dem 20. Jahrhundert angehört, nicht etwa eine Summe von Nationalkriegen dar. Er ist vielmehr als ein umfassender Werkvorgang zu betrachten, bei dem die Nation in der Rolle der Arbeitsgröße erscheint. Die nationale Anstrengung mündet aus in ein neues Bild, nämlich in die organische Konstruktion der Welt. So kommt es, daß der Held dieses Vorganges, der namenlose Soldat, als der Träger eines Höchstmaßes von aktiven Tugenden, von Mut, Bereitschaft und Opferwillen erscheint. Seine Tugend liegt darin, daß er ersetzbar ist und daß hinter jedem Gefallenen bereits die Ablösung in Reserve steht. Sein Maßstab ist der der sachlichen Leistung, der Leistung ohne Redensarten, daher ist er im eminenten Sinne ein Träger der Revolution sans phrase. Infolgedessen treten alle anderen Gesichtspunkte, tritt sogar die Front, in der gefochten und gestorben wird, in den zweiten Rang zurück” (Jünger 1981[1932]: 75-76; Hervorhebung d.d.A.).

Für Jünger führt der Weg zum „Arbeiter“ direkt über den – zunächst blinden – Gehorsam und hin zur „Weltherrschaft“:

„Während auf der untersten Stufe der Rangordnung die Gestalt des Arbeiters als gleichsam blinder Wille, als planetarische Funktion den Einzelnen ergreift und sich unterordnet, stellt sie ihn auf der zweiten Stufe als Träger des speziellen Arbeitscharakters in eine Mannigfaltigkeit von planmäßigen Konstruktionen ein. Auf der letzten und höchsten Stufe jedoch erscheint der Einzelne, indem er unmittelbar zum totalen Arbeitscharakter in Beziehung steht. Erst mit dem Eintritt dieser Erscheinungen wird Staatskunst und Herrschaft im größten Stile, das heißt: Weltherrschaft, möglich sein“ (Jünger 1981[1932]: 76),

bzw.

„Die Repräsentation der Gestalt des Arbeiters führt mit Notwendigkeit Lösungen von planetarisch-imperialen Ausmaßen zu (Jünger 1981[1932]: 105),

und zwar, weil vom „Arbeiter“ „Eindeutigkeit der Betrachtung“ und „sichere[…] Wertung“ samt eines „Gefühl[s] der Überlegenheit“ „zu erwarten“ ist, also in meinem Verständnis: weil vom neuen Typus zu erwarten ist, dass er hinreichend stupide und gehorsam ist, um keine eigenen Überlegungen anzustellen, Zweifel zu hegen oder zu erkennen, dass alles (mindestens) zwei Seiten hat, geschweige denn: über sich selbst oder seine eigene Position in der Gesellschaft nachzudenken, und statt dessen die Sinnhaftigkeit oder Legitimation jeder Diskussion ausschließt, ganz so, wie wir es heute im Zuge einer weltanschaulichen Polarisierung beobachten können:

„Die wesentliche Kraft des Typus liegt darin, daß er sich auf eine andere Gegenwart, einen anderen Raum, ein anderes Gesetz beruft, als deren Mittelpunkt die Gestalt gegeben ist – kurzum, daß er eine andere Sprache spricht. Wo aber eine andere Sprache gesprochen wird, ist die Debatte geschlossen, und es beginnt die Aktion“(Jünger 1981[1932]68; Hervorhebung d.d.A.).

Das gilt besonders dann, wenn diese „andere“ Sprache die „primitive“ „Sprache der Arbeit“ ist,

„… die bestrebt ist, sich in alles zu übersetzen, was gedacht, gefühlt, gewollt werden kann“ (Jünger 1981[1932]: 48),

d.h. eine totalitäre Sprache – die sich vielleicht anschickt, vorzugeben, welche Personalpronomen wann wie und mit Bezug auf wen oder was tolerierbar sind und welche nicht, um bei Nicht-Befolgung Sanktionen anzudrohen, z.B. im Rahmen von „hate speech“-Gesetzen!?

Der „Arbeiter“ nimmt seine sprachliche und kognitive Abgeschlossenheit nicht als Anzeichen einer minderintelligenten Abkürzung zur Orientierung in der Welt wahr. Vielmehr nimmt er seine kognitive Abgeschlossenheit als ein Zeichen von „Überlegenheit“ und „Originalität“ wahr:

„In dem gleichen Augenblick, in dem wir zum Bewußtsein unserer eigentümlichen und aus andersartigen Quellen gespeisten Produktivkraft kommen, wird auch ein völliger Umbruch der Geschichtsbetrachtung und der Würdigung und Verwaltung der historischen Leistungen möglich sein. Hierzu gehört ein Gefühl der Überlegenheit und das Bewußtsein einer Originalität, wie es dem Bürger freilich fehlt, der ja nicht Sicherheit besitzt, sondern sucht, und daher auch über Sicherheit des Urteils nicht verfügt … Man muß jedoch wissen, daß der Sieger die Geschichte schreibt und seinen Stammbaum bestimmt. Da der Arbeiter, wie wir sahen, als Typus rassemäßige Qualität besitzt, ist von ihm jene Eindeutigkeit der Betrachtung zu erwarten, die zu den Kennzeichen der Rasse gehört und die Voraussetzung jeder sicheren Wertung ist – im Gegensatz zu einem Genießertum, das im kaleidoskopischen Anblick der Kulturen schwelgt“ (Jünger 1981[1932]: 105).

(Es wäre interessant zu überprüfen, inwieweit der so beschriebene Typus dem Persönlichkeitssyndrom des (verletzlichen) Narzissten entspricht, aber dies würde einen eigenen Text erfordern.)

Während in den 1990er-Jahren vielleicht noch die Rede davon sein konnte, dass es ein gewisses Schwelgen im „kaleidoskopischen Anblick der Kulturen“ gegeben hat, ist dies seitdem immer mehr einer mehr oder weniger unverhohlen auftretenden Version vom einzig richtigen Leben und den einzig richtigen Verhältnissen für alle Menschen auf der Welt und für Angehörige aller Kulturen gewichen. Dass es heute um nichts weniger als die „richtige“ Behandlung des Planeten geht, die kulturelle Variationen nur in irrelevanten Hinsichten zulässt, erkennt man leicht z.B. an der „2030 Agenda for Sustainable Development“ der Vereinten Nationen. In der Resolution, durch die sie am 25. September 2015 angenommen wurde, heißt es dementsprechend gleich auf der ersten Seite:

“All countries and all stakeholders, acting in collaborative partnership, will implement this plan. We are resolved to free the human race from the tyranny of poverty and want and to heal and secure our planet. We are determined to take the bold and transformative steps which are urgently needed to shift the world on to a sustainable and resilient path. As we embark on this collective journey, we pledge that no one will be left behind”.

Es geht hier um die Befreiung der Menschheit von Armut und “want”, d.h. „Mangel“ oder „Bedürfnissen“, um die „Heilung“ des Planeten, und darum „die Welt“ auf einen „nachhaltigen“ Weg zu bringen, und zwar durch „kühne“ und „transformatorische“ Schritte, und dies alles wird von den Vereinten Nationen als eine „kollektive Reise“ bezeichnet, auf der „niemand zurückgelassen wird“, was für mich wie eine direkte Drohung gegenüber jedem gilt, der meint, sich von diesem Plan zurückziehen zu können, damit nichts zu tun haben zu wollen. Festhalten kann man jedenfalls, dass heute der Anspruch auf „Heilung“ von „Welt“ und „Menschheit“ – wohlgemerkt „Menschheit“ , nicht : „Menschen“ – uneingeschränkt und unverblümt angemeldet wird, und dabei „kühne“ Schritte angedroht werden, die „alle“ „Länder“ und „stakeholders“ implementieren „werden“. Jünger hat die Anzeichen hierfür bereits im Jahr 1932 gesehen:

„Der natürliche Raum, auf den sich Herrschaft und Gestalt des Arbeiters beziehen, besitzt planetarische Dimension. Es ist der Erdball, den ein neu aufkeimendes Erdgefühl als Einheit begreift – ein Erdgefühl, das kühn genug zu großen Konstruktionen und tief genug zur Umfassung seiner organischen Spannungen ist. Der Angriff hat bereits begonnen, und obwohl seine revolutionären Phasen noch im Ablauf sind, so ist doch auch hier seine planetarische Anlage nicht zu übersehen“ (Jünger 1981[1932]: 113).

Ob hier Platz ist oder sein kann für nationale Regierungen und Parlamente, kulturelle (oder irgendeine andere Form von) Eigenständigkeit und den Menschen als Individuum, erscheint sehr fragwürdig.

„Es gibt keinen Raum, kein Leben, das sich diesem Vorgange entziehen kann, … Schrecklich sind in diesem Raume die Opfer, und groß ist die Verantwortung. Aber gleichviel, wer triumphieren, wer untergehen möge: Untergang und Triumph künden die Herrschaft des Arbeiters an” (Jünger 1981[1932]: 113).

Vermutlich entspricht die diesbezügliche Auffassung der Vereinten Nationen der folgenden Beobachtung Jüngers:

„Herrschaft, das heißt die Überwindung der anarchischen Räume durch eine neue [bei den Vereinten Nationen: ‚nachhaltige‘] Ordnung, ist heute nur möglich als Repräsentation der Gestalt des Arbeiters, die Anspruch auf planetarische Gültigkeit stellt” (Jünger 1081[1932]: 100),

Dem „Arbeiter“ als dem Typus, der dem Arbeitsstaat als Weltstaat entspricht, gesellt sich die Technik als das „große[s] Instrument“, das es ermöglicht, „Herrschaft zu verwirklichen“ hinzu:

„Ebenso schreitet sie [die Technik] über ihre wirtschaftlichen Träger, über freie Konkurrenz, Truste und Staatsmonopole hinweg der Vorbereitung einer imperialen Einheit zu. Ferner gehört es hierher, daß sie, je deutlicher sie in ihrer Einheit als »großes Instrument« erscheint, auf um so mannigfaltigere Weise zu steuern ist. In ihrer vorletzten, eben erst sichtbar werdenden Phase erscheint sie als die Dienerin der großen Pläne, gleichviel ob diese Pläne sich auf den Krieg oder auf den Frieden, auf die Politik oder auf die Forschung, auf den Verkehr oder auf die Wirtschaft beziehen. Ihre letzte Aufgabe aber besteht darin, an jedem beliebigen Orte und zu jeder beliebigen Zeit in jedem beliebigen Maße Herrschaft zu verwirklichen” (Jünger 1981[1932]: 87; Hervorhebung d.d.A.).

In der letzten Phase, im verwirklichten planetarischen Arbeitsstaat, ermöglicht ein „totale[r] technische[r] Raum eine totale Herrschaft“, während umgekehrt „nur eine solche Herrschaft über die Technik wirklich Verfügungsgewalt [besitzt]“ (Jünger 1981[1932]: 90).

Ein totaler technischer Raum ist einer, in dem die Technik „den höchsten Grad an Selbstverständlichkeit erreicht“ (Jünger 1981[1932]: 92) hat bzw. in dem sie mit dem Menschen verschmolzen ist, so sehr, dass die Technik „Organ“ wird (Jünger 1981[1932]: 92):

„Wir streiften bereits den Begriff der organischen Konstruktion, die sich in bezug auf den Typus äußert als enge und widerspruchslose Verschmelzung des Menschen mit den Werkzeugen, die ihm zur Verfügung stehen. In bezug auf diese Werkzeuge selbst ist von organischer Konstruktion dann zu sprechen, wenn die Technik jenen höchsten Grad von Selbstverständlichkeit erreicht, wie er tierischen oder pflanzlichen Gliedmaßen innewohnt“ (Jünger 1981[1932]: 92).

Das impliziert nichts weniger als Transhumanismus, der sich derzeit bei einer ganzen Reihe von Menschen, die sich für Vor-Denker halten (aber sich nicht unbedingt als Nachdenker qualifizieren), großer Beliebtheit erfreut. Für die Übergangsphase hin zum Arbeitsstaat dürfte aber bedeutsamer sein, dass

„… jedes technische Mittel geheimen oder offenen kriegerischen Rang besitzt“ (Jünger 1981]1932]: 94).

Das gilt auch für die Medien bzw. alle Techniken der Sprach- oder Schriftübertragung, denn

„… keine Macht [kann] auf die Anwendung der spezifischen Mittel auch in der Meinungsbildung verzichten […]. Von dort strahlt Überzeugenderes aus als durch die Aussage – noch ungesonderte, rhythmisch anflutende und aufleuchtende Potenz. Das überwiegt die formulierte Meinung und ihre Zwiste, denn Technik ist die Sprache des Arbeiters; sie ist die Weltsprache. Nicht, was in ihr verhandelt und ausgetragen wird, bestimmt die Richtung, sondern der Sieg gehört von vornherein dem, in dessen Sprache verhandelt wird, auch wenn dieser noch schwer zu fassen, schwer zu erkennen ist. Darin liegt seine Macht“ (Jünger 1981[1932]: 189 Hervorhebung d.d.A.).

Und weil nach Jünger

„[a]llein für den Typus […] [d.h. den „Arbeiter“] die Bedienung dieser [d.h. der technischen] Mittel den Sinn eines Herrschaftsakts [besitzt] [und] […] sich die Presse aus einem Organ der freien Meinung in das Organ einer eindeutigen und strengen Arbeitswelt [verwandelt]” (Jünger 1981[1932] 138),

muss man befürchten, dass der Typus ein besonderes Interesse daran hat, dass „in [seiner] Sprache verhandelt wird“; heute würde man sagen: dass er die Deutungshoheit über das „Was“, vor allem aber über das „Wie“ von dem, was eine öffentliche Diskussion hätte sein können, erlangt und erhält.

Demgegenüber betrachtet Jünger Zensur als ein „unzureichende[s] Mittel[…]“, weil sie :

„… sogar eine Verfeinerung und wachsende Bösartigkeit des individualistischen Stiles hervorzurufen vermag. [Wir würden heute diesbezüglich eher von „Reaktanz“ sprechen.] Der Typus verfügt jedoch über umfassendere Mittel als jene, mit denen der absolute Staat sich zur Wehr zu setzen suchte, als seine Zeit abgelaufen war. Viel mehr als die Tatsache, daß er sich in den Besitz der großen Nachrichtenmittel zu setzen vermag, kommt es ihm zugute, daß der Stil der individuellen Meinungsäußerung langweilig und abgestanden zu werden beginnt … Lehrreich in diesem Zusammenhange ist einerseits der Verfall des Leitartikels und der Kritik, andererseits das wachsende Interesse für alle Sparten, in denen, wie etwa im Sportteil, die individuelle Meinungsverschiedenheit eine weit geringere Rolle spielt – ebenso für die Berichterstattung durch die Photographie. Dieses Interesse kommt bereits der Anwendung von Mitteln entgegen, wie sie dem Typus im besonderen eigentümlich sind“ (Jünger 1981[1932]: 137).

Ohnehin ist nach Jüngers Beobachtung

 … die öffentliche Meinung … nicht mehr die Meinung einer Masse, die sich aus Individuen zusammensetzt, sondern das Lebensgefühl einer sehr abgeschlossenen, sehr gleichartigen Welt. Was hier fesselt, ist weit weniger der Standpunkt des Betrachters als die Sache oder das Ereignis selbst, und entsprechend verlangt man vom Bericht, daß durch ihn das Gefühl der unmittelbaren zeitlichen und räumlichen Präsenz vermittelt wird.“ (Jünger 1981[1932]: 138).

Und selbst dann, wenn eine Masse von Menschen ihre Meinung öffentlich wirksam kundtun wollte –:

„Die Bewegungen der Masse haben überall, wo ihnen eine wirklich entschlossene Haltung entgegengesetzt wird, ihren unwiderstehlichen Zauber verloren – ähnlich wie zwei, drei alte Krieger hinter einem intakten Maschinengewehr auch durch die Meldung nicht zu beunruhigen waren, daß ein ganzes Bataillon im Anrücken sei. Die Masse ist heute nicht mehr fähig anzugreifen, ja sie ist nicht einmal mehr fähig, sich zu verteidigen“ (Jünger 1981[1932]: 56).

(Es mag sein, dass die Trudeau-Regierung den Kanadiern diese Lektion anläßlich der Proteste, in deren Zentrum der Freedom-Convoy nach Ottawa stand, bewusst erteilen wollte.)

Die Äußerung von Meinungen bzw. ihre Darstellung in den Medien ist nach Jünger auch deshalb zum kurzlebigen Spektakel ohne Reflexions- und Handlungsrelevanz geworden, weil sie inflationiert worden ist:

„Es handelt sich hier um Organe [der Meinungsäußerung], die ein andersartiger Wille sich zu schaffen beginnt. In diesem Räume sind die Atome nicht in jener latenten Anarchie gelagert, die die Voraussetzung der freien Meinung ist und die endlich zu Zuständen geführt hat, in denen die Wirkung dieser Meinung sich selbst aufhebt, weil das allgemeine Mißtrauen größer als die Aufnahmefähigkeit geworden ist. Man hat sich daran gewöhnt, jede Nachricht bereits unter der Voraussetzung des Dementis aufzunehmen, das ihr folgen wird. Wir haben eine Inflation der freien Meinung erreicht, in der die Meinung schneller entwertet wird, als sie gedruckt werden kann. Die Lagerung der Atome also nimmt vielmehr jene Eindeutigkeit an, die im elektromagnetischen Kraftfelde herrscht. Der Raum ist von einer geschlossenen Einheit, und es besteht ein schärferer Instinkt für Dinge, die man wissen, und für solche, die man nicht wissen will“ (Jünger 1981[1932]: 139: Hervorhebung d.d.A.).

Deshalb erweist sich

„[a]lles, was hier bloße Meinung ist, […] als im höchsten Maße unwesentlich“ (Jünger 1981[1932]: 139),

ein Satz, den Jünger angesichts von institutionalisierten „Experten“-Runden in „beratender“ Funktion, auf die sich heutzutage politisch Verantwortliche gerne stützen, vermutlich in hohem Ausmaß bestätigt sehen würde insofern die „… soziale[…] Diskussion durch die technische Argumentation“ (Jünger 1981[1932]: 136) ersetzt wird. Und Jünger würde vielleicht hinzugefügt haben: Und deshalb ist es wichtig, dass in den Medien bestimmte Meinungen als „mehr“ als Meinungen, als „Konsens“ o.ä. dargestellt werden. Der „entscheidende[..] Vorgang[…]“ ist hier die Verwandlung der Medien, die einmal „Gesellschaftsinstrumente[…]“ waren in

„… Staatsinstrumente, welche der aktive Schlag [von Typus des ‚Arbeiters‘] als Träger des Staates bedient“ (Jünger 1981[1932]: 140).

Jünger nennt den Arbeitsstaat, den er sich ankündigen sieht, eine „Arbeitsdemokratie“, was den Leser einigermaßen erstaunen dürfte, entspricht Jüngers Beschreibung des Arbeitsstaates doch in vieler Hinsicht der einer Diktatur. Nach Jünger ist der Arbeitsstaat die verwirklichte organische Konstruktion aller möglichen Zusammenhänge in einem „totalen Raum“. Insofern ist der Arbeitsstaat totalitär, aber keine Diktatur, denn in diesem totalen Raum gibt es keinen Mittelpunkt, keine Residenz, hier: eines Diktatoren oder einer diktatorischen Clique (Jünger 1981[1932]: 139). Eine Didaktur erfordert nach Jünger eine „diktatorische[…] Gewalt“, die der Arbeitsstaat sozusagen gar nicht nötig hat, denn er basiert auf der Verwirklichung des Typus des „Arbeiters“:

„Der Typus ist den Ordnungen der liberalen Demokratie, aus denen er hervorgeht, nicht deshalb überlegen, weil er »die Macht ergreift«, sondern deshalb, weil er über einen neuen Stil verfügt, also Macht repräsentiert. Aus diesem Grunde ist die Arbeitsdemokratie auch dort nicht mit einer Diktatur zu verwechseln, wo auf die Anwendung plebiszitärer Mittel verzichtet worden ist. Als Träger einer rein diktatorischen Gewalt ist jede beliebige Macht denkbar, während die Arbeitsdemokratie nur durch den Typus verwirklicht werden kann. Der Typus kann auch nicht zu beliebigen Maßnahmen greifen – er kann ebensowenig etwa eine Monarchie wiederherstellen, wie er eine reine Agrarwirtschaft einrichten oder sich auf eine klassenmäßige Militärherrschaft stützen kann. Die große Stoßkraft, die ihm zur Verfügung steht, wird durch die Mittel und Aufgaben der Arbeitswelt begrenzt … Die Aufgabe des Arbeiters besteht in der Legitimation der technischen Mittel, durch die die Welt mobilisiert, das heißt, in den Zustand einer uferlosen Bewegung versetzt worden ist. Das reine Vorhandensein dieser Mittel steht zum bürgerlichen Freiheitsbegriff und den ihm angemessenen Lebensformen in einem wachsenden Gegensatz; …” (Jünger 1981[1932]:140).

Eine diktatorische Gewalt im engeren Sinn ist daher gar nicht notwendig, während eine diktatorische Gewalt im weiteren Sinn sozusagen unterhalb der Bewusstseinsschwelle der Menschen wirkt, deren „Typus“ dieser Gewalt aber nicht nur unterworfen ist, sondern sie überhaupt erst hervorbringt und legitimiert. Der Arbeitsstaat ist deshalb nach Jünger nicht angemessen als eine Diktatur zu beschreiben, sondern als Verwirklichung eines großen „Planes“ des Menschentums. Und die Bedingungen für seine Verwirklichung waren nach Jüngers Beobachtung schon zu seiner Zeit günstig:

„Was die Verhältnisse anbetrifft, auf die ein zur Durchführung großer Pläne entschlossenes Menschentum stößt, so liegen sie insofern günstig, als die Auflösung aller gewachsenen Bindungen durch den bürgerlichen Freiheitsbegriff einen Zustand der Einebnung geschaffen hat, der es gestattet, die neuen Grundrisse quer durch die alten Ordnungen zu ziehen. Die Auflösung der alten Werte hat eine Lage hervorgebracht, in der der kühne Zugriff auf ein Mindestmaß an Widerstand trifft. Überall, wo die Welt leidet, hat sie eine Verfassung erreicht, in der das Messer des Arztes als das einzig mögliche Mittel empfunden wird“ (Jünger 1981[1932]: 141-142).

Und heute (wie vermutlich damals auch) wird diese „Verfassung“ durch bestimmte apokalyptische Erzählungen wie z.B. von der drohenden Auslöschung der Menschheit durch einen Atomkrieg, die nächste [!] Pandemie, Klimawandel systematisch gefördert, die als ein „Mehr“ als Meinung (bzw. Befürchtung) dargestellt werden und darauf abzielen, das

„… Lebensgefühl [in] einer sehr abgeschlossenen, sehr gleichartigen Welt“ (Jünger 1981[1932]:138).

zu kultivieren.

In einer solchen Welt sind politische Ideologien irrelevant geworden bzw. gehören sie in den Bereich der Inszenierung von Meinung, die als solche irrelevant ist:

„Ebenso, wie es ganz gleichgültig war, ob das Individuum in seinem einzelnen Exemplare sich konservativ oder revolutionär gebärdete, lieht im reinen Auftreten des Typus eine Bestätigung der Arbeitswelt, gleichviel auf welchem Gebiete sich dieses Auftreten vollzieht“ (Jünger 1981[1932]: 138).

Womit Jünger den Leser im Arbeiter konfrontiert, ist also keine drohende Machtergreifung irgendwelcher Diktatoren gleich welcher ideologischer Ausprägung, sondern eine sich anscheinend zwanghaft vollziehende technologisch bestimmte Daseinsform, die als solche – wenn auch indirekt, über das Funktionieren des „Typus“ des Arbeiters – die Herrschaft ausübt, während politische Ideologien keine Relevanz mehr haben, sondern bestenfalls noch Übungen im Bereitstellen von medial vermittelten „Erlebnissen“ sind, wie das für alle „Meinungen“ gilt.

Wer den Arbeiter liest, kann wie bereits gesagt schwerlich das Gefühl haben, Jünger bringe in ihm seine Begeisterung für eine bestimmte Utopie zum Ausdruck. Er wird vermutlich aber auch nicht das Gefühl haben, dass Jünger hier einer Dystopie Ausdruck verleihen würde. Es ist schlimmer: Jünger beschreibt im Arbeiter Entwicklungen, die er beobachtet und die neue Wirklichkeit, eine Art „Great Reset“, zu denen diese Entwicklungen seiner Auffassung nach führen. Jünger betätigt sich im Arbeiter also als ein Augur, durchaus vergleichbar den Auguren im antiken Rom, die den Willen der Götter anhand von Zeichen wie der Form des Vogelfluges oder der Formen von Blitz und Donner interpretierten, um ihm entsprechen zu können, denn: Widerstand gegen das letzte Gesetz ist sinnlos, und sei es dasjenige, nach dem die Geschichte der Menschheit ein Ende erreicht.

Aber:

Der Augur hatte im antiken Rom ein Amt inne, das von einiger politischen Wichtigkeit war, und so scheint es, dass die Geschicke der Menschheit doch in erheblichem Maß davon beeinflusst werden können, wie die „Zeichen der Zeit“ interpretiert werden. Solange es Menschen gibt, dürfte also noch Hoffnung bestehen – trotz der Angriffe auf bürgerliche Freiheiten durch die Vereinten Nationen, die WHO, Klaus Schwab und seine Zöglinge im WEF sowie unserer eigenen nationalen Regierungen und uns selbst insofern wir dem „Typus des „Arbeiters“ nach Jünger bereits entsprechen, und auch im Weltstaat oder einem Arbeitsstaat nach gemäß der Vorstellung Jüngers.

Wie Stöckmann (2000: 13) uns erinnert,

„[hat] Jünger selbst [….] die Konzeption des ‚Weltstaates‘ an anderer Stelle insofern relativiert, als der Weltstaat zwar eine mögliche, allerdings nur stationäre und episodische Ordnung innerhalb des nachgeschichtlichen Raumes bildet … . ‚Vermutlich [so Jünger] wird der ‘Weltstaat’ einen Status, eine Station bezeichnen, deren Formen und Dauer nicht abzusehen sind”.


Literatur:

Jünger, Ernst, 1981[1932]: Der Arbeiter. Sämtliche Werke. Zweite Abteilung. Essays Band 8. Essays II Der Arbeiter. Stuttgart: Klett-Cotta.

Stöckmann, Ingo, 2000: „… Prosa, die von uns gedeutet und beherrscht werden will.” Über Ernst Jüngers politische Essayistik.The Germanic Review: Literature, Culture, Theory 75(1): 3-19.


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