Vielleicht hat sich der eine Leser oder die andere Leserin schon gefragt, wie lange es dauern würde, bis wir in unserer Serie über pflanzliche Heilmittel auf Möglichketen der Vorbeugung oder Bekämpfung von Harnwegsinfektionen zu sprechen kommen würden, denn
„Unkomplizierte Harnwegsinfektionen (HWI) gehören zu den häufigsten Infektionen im ambulanten Bereich. Sie sind nach den Atemwegsinfekten der häufigste Grund für Antibiotikaverschreibungen. Zu den unkomplizierten HWI zählen die akute unkomplizierte Zystitis [Blasenentzündung] … und die akute unkomplizierte Pyelonephritis [Nierenbeckenentzündung] … Das Resistenzniveau von Erregern unkomplizierter HWI hat sich in letzter Zeit signifikant erhöht“,
so schrieben Wagenlehner et al. bereits im Jahr 2011, und an diesem Befund scheint sich seitdem nicht viel geändert zu haben. So halten Kranz et al. (2020: 1480) in einem im Jahr 2020 veröffentlichten Text fest, dass „Harnwegsinfektionen (HWI) […] sowohl im ambulaten als auch im stationären Bereich zu den häufigsten bakteriellen Infektionen in Deutschland [zählen]“, aber tatsächlich existieren überraschenderweise keine aktuellen öffentlichen Statistiken über die Häufigkeit von Harnwegsinfektionen (und schon gar nicht nach Geschlecht, Alter, Komorbiditäten, Ursachen …), – beim Robert Koch Institut findet man in der Rubrik „Gesundheit A-Z“ u.a. Einträge für „Aktivität“, „Alleinerziehende“ und „Doping“, aber keine Einträge für „Blasenentzündung“, „Harnwegsinfektion“ oder „Zystitis“. (Auch unter der Rubrik „Frauengesundheit“ findet man keine Hinweise auf Harnwegsinfektionen, obwohl Frauen von ihnen deutlich häufiger betroffen sind als Männer, besonders junge, sexuell aktive Frauen und Frauen in der Menopause.) Daher mussten Kranz et al. in ihrem Text auf Versichertendaten der Barmer GEK Krankenkasse aus dem Jahr 2012 zurückgreifen, die u.a. zeigten, dass in diesem Jahr bei 8,7 Prozent aller weiblichen dort Versicherten ab 12 Jahren die Diagnose einer akuten Zystitis … gestellt wurde.
Auch sogenannte chronisch rezidivierende bzw. phasenweise wiederkehrende Harnwegsinfektionen, die dreimal, viermal oder noch häufiger in einem Jahr auftreten, sind keine Seltenheit: Vahlensieck et al. haben ihre Inzidenz im Jahr 2015 mit einem bis fünf Prozent bei Frauen angegeben, womit sie bei Frauen „… eine sehr häufige Erkrankung dar[stellen]“ (Vahrensieck et al. 2015).
Ein relativ aktueller Indikator für die Verbreitung von Harnwegsinfektionen stammt aus der Verbrauchs- und Medienanalyse (VuMA), die gezeigt hat, dass es
„[i]m Jahr […] in der deutschsprachigen Bevölkerung [Deutschlands] ab 14 Jahre rund 250.000 Personen [gab], die 1- bis 2-mal im Monat Mittel gegen Harnwegsinfektionen verwendeten“ (zitiert nach statista).
Damit ist der Verzicht auf die Einnahme von Antibiotika impliziert, die bei Harnwegsinfektionen in der Vergangenheit routinemäßig ärztlich verschrieben wurden, weil Harnwegsinfektionen in den bei weitem meisten Fällen bakteriellen Ursprungs sind und dabei in der großen Mehrheit der Fälle von dem gramnegativen Bakterium Escherichia coli (E. coli) verursacht sind (Fazly Bazzaz et al. 2021: Seite 1 von 13: Magistro 2023: 2549), selten jedoch von Pilzen oder Viren (Olin et al. 2015: 721). Antibiotika sind aufgrund der zunehmenden Entstehung von antibiotika-resistenten Bakterien jedoch weit weniger bzw. weit weniger häufig wirksam bei der Behandlung bakterieller Infektionen als sie es in der Vergangenheit waren (Magistro 2023: 2547), so dass Alternativen zur Behandlung von Harnwegsinfektionen (und anderen bakteriell verursachten Infektionskrankheiten) dringend notwendig sind.
Die Tips, die zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen gemeinhin gegeben werden, beziehen sich auf die Einhaltung bestimmter hygienischer Standards, die Gesunderhaltung der Darmflora durch die Einnahme eines Probiotikums, die Sicherstellung einer angemessenen Versorgung mit den Vitaminen C, A und D sowie mit den Mineralien Zink, Selen und Kupfer, und dies alles leistet tatsächlich einen wichtigen Beitrag zur Gesunderhaltung (oder ggf. Gesundung) des Harntraktes (Fazly Bazzaz et al. 2021 erklären die Gründe hierfür und benennen die entsprechenden wissenschaftlichen Studien). Wer jedoch gegen eine chronisch rezividierende Harnwegsinfektion zu kämpfen hat oder gegen eine akute Harnwegsinfektion, benötigt gewöhnlich über diese Maßnahmen hinausgehende (Ab-/)Hilfe.
Bei einer relativ leichten akuten Harnwegsinfektion oder Episode im Rahmen einer chronisch rezidivierenden Harnwegsinfektion oder dann, wenn die ersten Anzeichen einer (drohenden) Harnwegsinfektion zu spüren sind, wird häufig empfohlen, sich – zusätzlich zu den oben genannten Maßnahmen – einer Kur durch Einnahme von D-Mannose zu unterziehen. Auch, wenn diese Empfehlung gewöhnlich ohne die Angabe entsprechender wissenschaftlicher Belege für die Wirksamkeit gegeben wird, wäre es falsch, zu meinen, dass D-Mannose nur ein Hausmittel von fragwürdigem Status sei, denn tatsächlich sind die Wirkung und die Wirkungsweise von D-Mannose auf die Harnwege wissenschaftlich erforscht und belegt.
D-Mannose ist ein Einfachzucker, der natürlicherweise vom Körper aus Glukose produziert wird. Er kommt in den Körperzellen und in einigen Lebensmitteln vor:
D-Mannose hat sich nicht nur zur Vorbeugung gegen Episoden im Rahmen chronisch rezidivierenden Harnwegsinfektionen bewährt (Lenger et al. 2020; de Nunzio et al. 2021), sondern hilft auch bei der Bekämpfung der Symptome einer akuten Harnwegs- oder Blaseninfektion. Das jedenfalls hat die systematische Übersicht von Parazzini et al. (2022) über sieben Querschnittsstudien, Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien oder klinische Studien ergeben, deren Probanden Frauen mit Symptomen einer Harnwegsinfektion oder Blasenentzündung waren, die D-Mannose – allein oder zusammen mit anderen Mitteln wie Preiselbeer- oder Granatapfel-Extrakt – einnahmen (Parazzini et al. 2022: ):
Die Autoren weisen darauf hin, dass die Anzahl der betrachteten Studien und die Anzahl der Probanden in diesen Studien gering ist, dass die meisten dieser Studien in Italien durchgeführt worden waren, dass nur englischsprachige Publikationen berücksichtigt worden waren u.a.m. und man deshalb vorsichtig dabei sein müsse, diese Ergebnisse zu verallgemeinern (Parazzini et al. 2022: 9). Aber sie bemerken auch, dass
“… from a biological point of view, our findings have a rationale, …”(Parazzini et al. 2022: 9),
d.h.
„… vom biologischen Standpunkt aus betrachtet sind unsere Ergebnisse begründet, …“ (Parazzini et al. 2022: 9),
nämlich aufgrund des oben berichteten Bindungsmechanismus, so dass es keinen vernünftigen Grund dafür gibt, zu bezweifeln, dass die Einnahme von D-Mannose die Symptome einer akuten Harnwegsinfektion oder Blasenentzündung nur in den betrachteten Studien und nicht allgemein bzw. in den meisten Fällen lindern kann.
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Wir werden auch weiterhin unser Beiträge frei zur Verfügung stellen, weil wir wollen, dass unsere Texte von Nutzen für möglichst viele Leser sind, und weil wir darauf vertrauen, dass unsere Leser unsere einmaligen Angebote zu schätzen wissen und uns deshalb im angemessenen Ausmaß unterstützen werden, und in der Hoffnung, dass wir diese Serie, für die wir Mitarbeiter tagelang freistellen müssen, weiterführen können.
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Die Einnahme von D-Mannose bei akuten Harnwegsinfektionen oder Blasenentzündung ebenso wie bei chronisch rezidivierenden Harnwegsinfektionen kann also grundsätzlich empfohlen werden: sie ist wirksam, ungefährlich auch über einen längeren Zeitraum, führt nicht zu einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels, führt nicht zur Entwicklung von Resistenz gegen Antibiotika und kann gleichzeitig mit Antibiotika erfolgen bzw. erhöht den Erfolg einer gleichzeitigen Behandlung mit Antibiotika (Kuzmenko et al. 2019; Marchiori & Zanello 2017), sofern Letztere für notwendig oder sinnvoll erachtet wird.
Eine Pflanze, die in Europa traditionell Verwendung gegen eine Reihe von Erkranlungen oder Beschwerden gefunden hat, ist der Gemeine Wacholder (juniperus communis), und einigen gilt der Gemeine Wacholder oder genauer: ein alkoholisches Extrakt aus den Beeren der Pflanze als Königsweg bei der Bekämpfung von Harnwegsinfektionen durch pflanzliche Medizin. So schreibt Stephen Harrod Buhner, einer der weltweit führenden Experten für angewandte Pflanzenmedizin und Autor einer Reihe von entsprechenden Büchern (der leider im Dezember 2022 im Alter von siebzig Jahren verstorben ist), über den Gemeinen Wacholder:
“If you have a resistant UTI [urinary tract infection], this is the one plant you want to be sure to use for it” (Buhner 2012: 187),
d.h.
„Wenn Sie eine resistente UTI [Harnwegsinfektion] haben, ist dies die Pflanze, die Sie unbedingt dafür verwenden sollten“ (Buhner 2012: 187).
Tatsächlich haben sowohl die Blätter als auch die Beeren, aber besonders die Beeren, des Gemeinen Wacholders antimikrobielle Eigenschaften, d.h. sie sind gegen Mikroorganismen wirksam, und zwar sowohl gegen eine ganze Reihe von Bakterien, darunter Staphylococcus aureus, Enterobacter cloace, Klebsiella pneumoniae, Pseudomonas aeruginosa, Acinetobacter baumanii, Listeria monocytogenes, Escherichia coli und Listeria monocytogenes als auch – aber mit weniger starkem Effekt – gegen verschiedene Arten von Candida-Pilzen sowie das Herpes-Simplex-Typ-1-Virus (Demir 2021: 149; Gonçalves et al. 2022: 13-14, Table 2; Minami et al. 2003; Pepeljnjak et al. 2006; Sati & Joshi 2010). Der Gemeine Wacholder, vor allem seine Beeren, wirkt harntreibend, ohne dabei den Elektrolytgehalt in der Blutbahn zu reduzieren, und ist im Stande, Harnsteine (zumindest in in vitro-Studien) aufzulösen (Gonçalves et al. 2022: 42). Extrakte aus Beeren des Gemeinen Wacholder wirken außerden gegen oxidativen Stress (Elmastaş et al. 2006), der für die Entstehung von Krankheiten, darunter Krebs und alle möglichen Arten von Entzündungen, also auch Entzündungen der Harnwege oder der Blase, eine wichtige Rolle zu spielen scheint (Allameh & Salamzadeh 2016: 79).
In der Literatur begegnet man ab und zu dem Verdacht, dass der Gemeine Wacholder bzw. Auszüge aus seinen Blättern oder Beeren aufgrund seiner ätherischen Öle die Nieren schädigt, und wer Probleme mit seinen Nieren oder nur noch eine Niere o.ä. hat, dem sei zur Vorsicht bei der Verwendung von Wacholder geraten. Grundsätzlich gilt jedoch:
Zu diesem Thema äußert sich auch der Assessment Report on Juniperus communis L., aetheroleum” der European Medicines Agency (EMA) bzw. Europäischen Arzneimittel-Agentur vom 25. November 2010, insbesondere auf den Seiten 14 bis 16.
Der oben bereits zitierte Stephen Harrod Buhner hält aufgrund seiner langjährigen praktischen Erfahrungen fest:
Halten wir also fest: Schwangeren sei von der Verwendung von Wacholder auf jeden Fall abgeraten, Nierengeschädigten, Diabetikern und Personen mit anderen Vorerkrankungen, wie z.B. neurologischen, sei zur Vorsicht geraten und noch mehr als allen anderen dazu, Wacholder in Absprache mit einem Mediziner oder Heilpraktiker zu benutzen. Ebenfalls abgeraten sei davon, selbst Extrakte aus Bestandteilen des Gemeinen Wacholders zwecks Selbstmedikamentierung zuzubereiten, weil die Wirkung der Pflanze u.a. davon abhängt, wo sie wächst, und die Dosierung in kommerziellen Wacholder-Extrakten standardisiert ist, während es schwierig sein kann, die entsprechende Dosierung in selbst zubereiteten Extrakten zu erzielen. Der verantwortliche Umgang mit Wacholder-Extrakten kann hiervon abgesehen jedem empfohlen werden, der unter Harnwegsinfektionen leidet. Aufgrund ihrer antimikrobiellen Wirkung, gepaart mit seiner harntreibenden Wirkung, können sie als eine Art Desinfektionsmittel für die Nieren, die Harnwege und die Blase angesehen werden.
Literatur
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Buhner, Stephen Harrod, 2012: Herbal Antibiotics: Natural Alternatives for Treating Drug-Resistant Bacteria. North Adams: Storey Publishing.
Demir, Hülya, 2021: Antimicrobial Activities of Juniper Berries (Juniperus Communis), Bottle Brust (Equisetum Arvense), Star Anise (Illicium Verum) and Uvez (Cormus Domestica), S. 131-156 in: Bozdoğan, Ali Musa, Bozdoğan, Nigar Yarpuz, Özrenk, Koray, & Uçak, Ali Beyhan (Hrsg.): Research and Reviews in Agriculture, Forestry, and Aquaculture Sciences – I (September 2021). Ankara: Gece Publishing. https://www.gecekitapligi.com/Webkontrol/uploads/Fck/agriculture1.pdf#page=137
Di Martino, Patrick, Agniel, Remy, Kallend, David, et al., 2006: Reduction of Escherichia coli Adherence to Uroepithelial Bladder Cells after Consumption of Cranberry Juice: a Double-blind Randomized Placebo-controlled Cross-over Trial. World Journal of Urology 24(1): 21-27
Elmastaş, Mahfuz, Gülçin, Ilhami, Beydemir, Šükrü, et al., 2006: A Study on the In Vitro antioxidant Activity of Juniper (Juniperus communis L.) Fruit Extracts. Analytical Letters 39(1): 47-65
Fazly Bazzaz, Bibi S., Darvishi Fork, Sareh, Ahmadi, Reza, & Khameneh, Bahman, 2021: Deep Insights into Urinary Tract Infections and Effective Natural Remedies. African Journal of Urology 27(6). https://doi.org/10.1186/s12301-020-00111-z
Gonçalves, Ana C., Flores-Félix, José David, Couthino, Paula, et al., 2022: Biomedical Activities: A Review on Recent Trends. International Journal of Molecular Sciences 23(6): 3197. doi: 10.3390/ijms23063197
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Scaglione Francesco, Musazzi, Umberto M., & Minghetti, Paola, 2021: Considerations on D‑mannose Mechanism of Action and Consequent Classification of Marketed Healthcare Products. Frontiers in Pharmacology 12: 636377. doi: 10.3389/fphar.2021.636377
Wellens, Adinda, Garofalo, Corinne,Nguye, Hien, et al., 2008: Intervening with Urinary Tract Infections Using Anti-Adhesives Based on the Crystal Structure of the FimH– Oligomannose-3 Complex. PLoS ONE 3(4): e2040. doi:10.1371/journal.pone.0002040
Yarnell, Eric, 2002: Botanical Medicines for the Urinary Tract. World Journal of Urology 20(5): 285–293.
Bislang in unserer Reihe alternativer Medizin / Behandlungsmethoden erschienen:
- Gibt es gute Gründe für die Einnahme von Extrakt aus Wildem Yams?
- CBD: Das Cannabinoid der Cannabis sativa-Pflanze wirkt anti-inflammatorisch und anti-viral – und ist auch wirksam gegen eine Infektion mit SARS-CoV-2
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