Y Garn Goch, der Rote Hügel, oft auch einfach Garn Goch genannt und in der Literatur auch als Garn Coch oder Carn Goch geschrieben, ist ein schroffer Hügel, der eines der größten der bekannten „hillforts“ in Wales trägt, deren Zahl in verschiedenen Quellen mit 700 bis 1.000 angegeben wird. „Hillforts“, wörtlich: „Hügelfestungen“, heißen im Deutschen gewöhnlich „Ringwall-Anlagen“, „Ringwälle“ oder „Wallburgen“. Ringwall-Anlagen wurden typischerweise in vor-römischer Zeit errichtet, auf den Britischen Inseln zumeist in der britischen Eisenzeit, etwa zwischen dem 8. Jahrhundert v. Chr. und der Eroberung durch die Römer seit dem Jahr 43 n.Chr. (und in Wales im Jahr 78 n.Chr.). Garn Goch liegt in einem abgelegenen Teil des Brecon Beacon-Nationalparks, südlich eines Weilers namens Bethlehem, zwischen Llandeilo und Llangadog in Carmarthenshire im Südwesten von Wales.
Machen wir uns also auf den Weg:
Ringwall-Anlagen wurden gewöhnlich auf Hügeln errichtet und auf der Britischen Insel auch auf Steilküsten, die einen guten Überblick über das Land in der Ebene bzw. das Umland und das Meer boten. Garn Goch liegt auf einem Hügel, 213m über dem Meeresspiegel, von dem aus man nicht nur das gesamte Tal des Flusses Towy überblicken kann, sondern auch die Ausläufer der Brecon Beacons im Blick hat.
Obwohl ihre deutsche Bezeichnung Anderes vermuten lassen würde, sind „Ringwall-Anlagen“ nicht immer ringförmig; vielmehr folgen sie der Form, die der Hügel an seiner Oberfläche hat, weshalb es mehr oder weniger ringförmige, ovale und sogar fast rechteckige Wall-Anlagen gibt. Ringwall-Anlagen können aus einfachen Erdaufschüttungen bestehen, Konstruktionen aus Erdwällen und Holzpfosten oder aus Steinmauern mit oder ohne Holzkonstruktionen, vor allem: aufgesetzten Palisaden, sein. (Die sogenannten Pfostenschlitzmauern, die aus eisenzeitlichlichen Ringwall-Anlagen in Mitteleuropa bekannt sind, sind Konstruktionen, bei denen in regelmäßigen Abständen vertikale Holzpfosten in eine steinerne Mauer eingefügt wurden, so dass eine Gitterstruktur entsteht, die mit Erde oder Geröll aufgefüllt wurde.) Ringwall-Anlagen können einen, zwei oder mehrere Ringe umfassen, zwischen denen Gräben liegen, die manchmal unregelmäßig, wie ein Labyrinth, um die Hauptanlage herum führen.
Ringwall-Anlagen können also eine große Vielfalt aufweisen, weshalb Barry Cunliffe, Prof. emeritus für europäische Archäologie und Autor mehrerer Bücher über die Kelten feststellte, dass es so etwas wie eine typische Ringwall-Anlage vielleicht gar nicht gebe (https://the-past.com/feature/what-are-hillforts-investigating-one-of-the-most-misunderstood-monuments-in-britain-and-ireland/).
Wie dem auch sei – Garn Goch ist in jedem Fall eine untypische Ringwall-Anlage. Da ist zuerst die Tatsache, dass es sich bei Garn Goch um eine fast rechteckige Wall-Anlage aus Steinen handelt, die 16,6 Hektar oder 166.000 Quadratmeter umfasst und von einem 1.700 Meter langen Wall aus Geröll umgeben ist, dessen Außenseite ursprünglich ummauert war. An einigen Stellen im Wall ist die eisenzeitliche Ummauerung noch zu sehen.
Diese Größenangaben beziehen sich auf die Hauptanlage von Garn Goch, Y Gaer Fawr, (d.h. „Die große Mauer/Festung/Burg/Zitadelle“). Auf einem direkt benachbarten Gipfel gibt es noch eine kleinere Ringwall-Anlage (Y Gaer Fach, d.h. „Die kleine Mauer/Festung/Burg/Zitadelle“) und ein kleineres Camp oder Lager, das sich weiter westlich auf privatem Land befindet.
Von wem die verschiedenen Anlagen wann – gleichzeitig, nacheinander? – errichtet wurden und wozu sie gedient haben, ist unklar. Nach Informationen auf der Webseite, die von Llandeilo, dem nächstgelegenen Städtchen, über Garn Goch bereitgesetellt wird, steht sie an der Grenze zwischen dem eisenzeitlichen Stammesgebiet der Dematae und der Silures, der beiden Gruppen, die in der Eisenzeit Süd-und Südwest-Wales dominierten. Wer Garn Goch in der Eisenzeit genutzt hat, ist also unklar.
Unklar ist auch die Baugeschichte der Anlagen von Garn Goch. Der insgesamt deutlich schlechtere Erhaltungszustand der kleinen Ringwall-Anlage (Gaer Fach) im Vergleich zur Hauptanlage (Gaer Fawr) könnte z.B. dadurch zu erklären sein, dass ihr existierender Wall abgetragen und später im Wall der Hauptanlage verbaut wurde. Es ist aber auch möglich, dass die kleinere Ringwall-Anlage niemals vollendet wurde, weil die Erbauer sich entschlossen, statt dessen die Hauptanlage zu bauen. Vielleicht sind die beiden kleineren Anlage Siedlungen gewesen, während die Hauptanlage ein Handels- oder Versammlungsplatz gewesen ist. Dafür, dass die Hauptanlage keine Siedlung gewesen ist, spricht, dass auf der Fläche, die der Wall umfasst, so gute wie keine Spuren von Hütten-Plattformen gefunden werden konnten:
Auch die Tatsache, dass Garn Goch neben zwei Haupteingängen im Nordosten und im Südwesten des Walls sechs weitere Eingänge aufweist und Archäologen vermuten, dass noch mehr Eingänge unter dem Geröll in dem Bereich verschüttet liegen, der keiner archäologischen Ausgrabung unterzogen wurde, spricht gegen die Funktion von Garn Goch als Siedlung, denn so viele Eingänge in einer Ringwall-Anlage, die ihre Bewohner samt ihrer Tiere schützen soll, wären ein unnötiges Sicherheitsrisiko. Der Luftbildarchäologe und Autor einer Reihe von Büchern über die vorrömische Geschichte von Wales Toby Driver (2023: 281) hält fest:
„Only four hillforts in Britain have more entrances than Garn Goch and one of these, Carn-ingli in Pembrokeshire with nine, is an uncertain count due to the ruinous nature of the rampart“,
d.h.
„Nur vier Ringwall-Anlagen in Großbritannien haben mehr Eingänge als Garn Goch, und bei einer davon, Carn-ingli in Pembrokeshire mit neun Eingängen, ist die Zählung aufgrund des ruinösen Zustands des Walls unsicher“.
Dagegen gehört einer der Eingänge von Garn Goch, der noch heute mit einem 1,5 Meter hohen Portalstein aufwarten kann, zu den besterhaltenen eisenzeitlichen Toranlagen in Wales. Ein Bild von diesem Eingang können Sie unter dieser Adresse ansehen.
Viele Eingänge sind notwendig, wenn viele Menschen gleichzeitig in eine Anlage strömen, so dass die vielen Eingänge von Garn Goch ein Hinweis darauf sein mögen, dass die Anlage als Treffpunkt zu bestimmten Anlässen bzw. Zeiten für viele Menschen diente, also als Versammlungsort oder Handelszentrum.
Garn Goch hält eine weitere Überraschung bereit. Auf das weitgehend leere Innere der Anlage wurde bereits hingewiesen:
Der „Cairn“ von Garn Goch (mit einer Person, um die Größe des „Cairn“ einigermaßen erkennbar zu machen)
Der „rote Hügel“ leitet seinen Namen von diesem „cairn“ ab, denn das walisische Wort „garn“ bedeutet „cairn“, und „goch“ oder „coch“ bedeutet „rot“. Der Bezug auf rote Farbe könnte der Tatsache geschuldet sein, dass der Hügel dicht von Farn bewachsen ist, der im Herbst eine rote Farbe annimmt und den gesamten Hügel rot erscheinen lässt.
Garn Goch im Herbst zu besuchen, ist deshalb ein besonderes Erlebnis. Aber auch zu anderen Jahreszeiten ist Garn Goch ein Platz, an dem sich die Vergangenheit näher anfühlt, wie es auf der web-Seite der Verwaltung des Brecon Beacon-Nationalparks über Garn Goch heißt:
Nicht nur die Vergangenheit ist hier zum Greifen nah:
Bisher in der Reihe „Roving Welsh“ erschienen:
- St Davids: Die Alten wussten, wo es schön ist [Roving Welsh]
- Herbert’s Quarry – ein magischer Ort am Rande der Brecon Beacons [Roving Welsh]
- Roving Welsh – Burgentour: Auf den Spuren von William Marshal, Henry Tudor und William de Carew
- Roving Welsh: Ein Fest für die Sinne – Bosherston – Broad Haven – St Govan’s Chapel
- Dinefwr: Geschichtsträchtiges in Llandeilo – The Roving Welsh
- The Roving Welsh – Aberglasney in Carmarthenshire
Alle Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Credits:
Drive into Sunset: „Sunset Fields“ by Aleksandr Nakarada
Literatur
Driver, Toby, 2023: The Hillforts of Iron Age Wales. Eardisley: Logaston Press.
Pannett, Amelia, 2014: Y Garn Goch, Carmarthenshire. Archaeological Watching Brief. Report No. 1284. Llanidloes, Powys: Archaeology Wales Limited. https://coflein.gov.uk/media/47/865/awp_036.pdf

