Ein demokratisches System lebt von der Diskussion.
Diskussion dienen immer einem von den Diskutanden geteilten Ziel.
Es mag konkret sein, wenn z.B. die Frage diskutiert wird: „Sollen wir für den Freitag abend einen Tisch im italienischen Restaurant oder im China- Restaurant buchen?“ oder „Sollte man bei der nächsten Wahl für die CDU wählen?“, oder relativ abstrakt, wenn zur Diskussion z.B. die Frage steht, ob oder in welcher Variante oder unter welchen Umständen ein Gleichheitsprinzip mit einem Gerechtigkeitsprinzip vereinbar ist.
Aber immer müssen Diskutanden eine geteilte Vorstellung vom Ziel der Diskussion haben und davon, was zum zu diskutierenden Thema gehört und was nicht, im Restaurant-Beispiel von oben z.B. dahingehend, dass der Besuch von McDonald’s an der Autobahnzufahrt von vornherein nicht in Frage kommt, weil die Diskussion sonst, statt zu einem Ergebnis zu führen, sich in eine andere Diskussion verwandelt, nämlich in eine Diskussion darüber, was überhaupt als Restaurant, in dem man essen gehen kann, zählt bzw. zählen soll und was nicht.
Ein Beispiel hierfür sind Bürgeranhörungen bei strittigen Fragen, z.B. darum, ob oder wo Wald abgeholzt und Fläche versiegelt werden soll, um Windräder (die dennoch irgendwie als umweltverträglich dargestellt werden) aufgestellt werden sollen.
Man würde meinen, dass die Diskussion in einem demokratischen System kultiviert und gefördert wird, wo und wie immer möglich. Derzeit ist dies in den westlichen Gesellschaften, die sich nach wir vor als demokratische Systeme verstehen (oder ausgeben?), – und nicht nur dort – aber nicht (mehr) der Fall.
Derzeit wird sowohl die gesellschaftliche als auch die private Diskussion von zwei Seiten behindert, nämlich vom Subjektivismus-Relativismus bzw. der Willkür auf der einen Seite und der Informations-Technokratie mit Anspruch auf hochrationale Politikplanung, -gestaltung und –durchführung, der jedoch in der Praxis schnell in eine Hyperrationalität bzw. Über(triebene)-Rationalität führt, auf der anderen Seite.
Subjektivismus/Relativismus
Auf der einen Seite stehen diejenigen, die jede Auffassung und alle Äußerungen für prinzipiell gleichermaßen berechtigt (aber anscheinend niemals als gleichermaßen unberechtigt!) ansehen, weil sie objektivierbare oder zumindest intersubjektiv geteilte Wahrheit als solche bestreiten und jede Wahrheit, jedes Faktum, jede Tatsache – seltsamerweise oft mit Ausnahme sozialer Tatsachen, deren objektive Existenz ggf. vehement behauptet wird – als rein oder vorrangig subjektiv betrachten, gewöhnlich einfach nur deshalb, weil Wahrheit, Fakten und Tatsachen oft in Konzepten ausgedrückt werden oder in Terminologien eingeordnet sind. Aus dem Konstruktionscharakter von Begriffen und Konzepten wird – logisch falsch – abgeleitet, dass sie nichts Reales, Faktisches, Tatsächliches, Wahres bezeichnen könnten. Verständigung ist dann lediglich möglich auf der Basis, dass sich Gleichgesinnte zusammenfinden oder dass Nicht-(gänzlich)Gleichgesinnte ihre subjektive „Wahrheit“ mehr oder weniger unverbunden nebeneinander stehen lassen unter der Maßgabe, dass jeder nur „von seinem Standort aus“ fühlt, denkt, „weiß“.
Eine Diskussion ist aber auch nicht möglich, weil jeder „Standort“ eben dieser „Standort“ ist und von subjektiven „Standorten“ aus überhaupt erst (zumindest z.T.) geteilte Ziele und Spielregeln erarbeitet werden müssten, bevor man überhaupt über irgendetwas diskutieren könnte. Beispielsweise müsste erst einmal geklärt werden, ob logische Argumente in der Diskussion zulässig sind oder nicht, denn es könnte durchaus sein, dass die „Standorte“ bestimmer potenzieller Diskutanden, z.B. „als Feministin“ oder „als Aktivist“, es nicht erlauben, sich auf logisch korrekte Argumente zu verpflichten, können die Einen sie doch ablehnen, weil sie Logik als (vermeintlich) geistiges Produkt weißer Männer rundweg ablehnen, und die Anderen, weil Logik um der „guten Sache“, der gesellschaftlichen Transformation o.ä.m. willen, „überwunden“ werden müsse.
Hyperrationalität
Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die einer übertriebenen Rationalität das Wort reden, wobei die Übertreibung in verschiedenen Hinsichten bestehen kann: Elster (1989: 17) bezeichnet als „Hyperrationalität“ bzw. Über-Rationalität oder übertriebener Rationalität den ins Irrationale übergeschlagenen Glauben an die Allmacht der Venunft („[t]he irrational belief in the omnipotence of reason“). An anderer Stelle beschreibt Elster „Hyperrationalität“ als „Wollen, was nicht gewollt werden kann“ oder genauer: Wollen, was durch Wollen nicht erreicht werden kann“:
„… willing what cannot be willed – using instrumental rationality to achieve benefits which are essentially linked to behaviour undertaken for other purposes than that of achieving these benefits“ (Elster 1987: 82),
d.h.
„… Wollen was nicht gewollt werden kann – mit instrumenteller Rationalität Nutzen zu erzielen, die im Wesentlichen mit Verhalten verbunden sind, das für andere Zwecke als die Erreichung dieser Nutzen unternommen wird“ (Elster 1987: 82).
„First, one tries to will an empty mind, to blot out all preoccupying thoughts. The attempt, of course, is self-contradictory and doomed to fail, since it requires a concentration of mind that is incompatible with the absence of concentration one is trying to bring about …“ (Elster 1983: 45),
d.h.
„Zuerst versucht man, einen leeren Geist zu wollen, um alle Gedanken, die einen beschäftigen, auszulöschen. Der Versuch ist natürlich in sich widersprüchlich und zum Scheitern verurteilt, da er eine Konzentration des Geistes erfordert, die mit der Abwesenheit von Konzentration, die man herbeizuführen versucht, unvereinbar ist …“ (Elster 1983: 45).
Ein Beispiel für „Wollen, was nicht gewollt werden kann“ aus dem Bereich der Politik wäre die Werbung für Organspenden: Durch allerlei Appelle an das Mitgefühl der Leute sollen sie dazu bewegt werden, Organe zu spenden, aber dass die Appelle auf fruchtbaren Boden fallen, setzt voraus, dass die Leute bereits ein hinreichendes Mitgefühl haben. Bei denjenigen, die es bereits haben, sind die Appelle überflüssig, bei denen, die es nicht haben, nutzlos. Nicht umsonst sind viele Regierungen dazu übergegangen, jeden in ihrer Bevölkerung per se als Organspender anzusehen, bis er dem explizit widerspricht, was wiederum zu Reaktanz führt, die dazu führt, dass auch Menschen, die aus Mitgefühl Organe gespendet hätten, sich nunmehr entschließen, nicht mehr als Organspender zur Verfügung zu stehen, weil sie sich von ihrer Regierung bevormundet oder gegängelt fühlen.
Für Lenz und Lyles (1983) ist „Hyperrationalität“ eine Fehlentwicklung vernünftiger Planung in Betrieben oder Verwaltungen:
Bereits im Jahr 1979 hat Roberts – wieder mit Bezug auf Planung in Unternehmen oder Verwaltungen – von der „hyperrationality trap“, d.h. der „Hyperrationalitätsfalle“ geschrieben:
Auch der bereits erwähnte Jon Elster sieht Rationalität an dem Punkt in Hyperrationalität, an dem die (durchaus korrekte) Regelbefolgung sich gegenüber einer Entscheidung auf der Basis von Urteilsvermögen verselbständigt; aus dem übertriebenen Versuch, rationale Entscheidungen zu treffen, resultieren irrationale Entscheidungen:
„Some people do indeed have a craving to make all decisions on the basis of ‚just‘ or sufficient reasons. That, however, makes them irrational rather than rational. A rational would know that under certain conditions it is better to follow a simple mechanical decision rule than to use more elaborate procedures with higher opportunity costs“ (Elster 1999: 290-291),
d.h.
„Einige Menschen haben in der Tat ein Verlangen, alle Entscheidungen auf der Grundlage von ‚richtigen‘ oder ausreichenden Gründen zu treffen. Das macht sie jedoch eher irrational als rational. Eine rationale Person würde wissen, dass es unter bestimmten Bedingungen besser ist, einer einfachen mechanischen Entscheidungsregel zu folgen, als aufwändigere Verfahren mit höheren Opportunitätskosten [das sind Kosten im Sinn von entgangenem Nutzen, z.B. dadurch, dass man Zeit mit aufwändigen Verfahren verbringt, die ihrerseits keinen zusätzlichen Nutzen zu einer durch einfachere Verfahren getroffene Entscheidung bringen] zu verwenden“ (Elster 1999: 290-291).
Aber nicht nur eine mangelnde Würdigung der Umstände, unter denen was wie machbar ist und des Aufwandes, der unnötigerweise bei einer Entscheidungsfindung betrieben wird, ist ein weiteres Merkmal von Hyper-Rationalität.
Auf das in unserem Zusammenhang wichtigste Merkmal von Hyper-Rationalität hat Callan (1998) hingewiesen. Er betrachtet sie als chauvinistisch insofern als sie jede Auseinandersetzung, alle widerstreitenden Positionen oder Argumente, als bloß auf Voreingenommenheiten, Irrationalität oder Denkfehlern basierend ansieht. Anders ausgedrückt: es gibt keine nach dem Vernunftkriterium zulässige andere Meinung. Weicht eine Meinung vom Ergebnis der „hyper-rational“ getroffenen Entscheidung ab, wird ein Einwand formuliert, ein Gegen-Argument vorgebracht, dann ist diese Meinung, dieser Einwand, dieses Gegen-Argument, per definitionem falsch, eben weil an der „hyper-rational“ getroffenen Entscheidung als solcher, eben weil sie als höchst rational angesehen wird, keine vernünftige Kritik möglich ist; Kritik an „hyper-rationalen“ Entscheidungen kann nur irrational sein, und wer eine solche Kritik vorbringt, ist automatisch voreingenommen („biased“), dumm (ein „deplorable“) oder böse (z.B. „rechts“). Mit der Unmöglichkeit, (zumindest vielleicht) vernünftige Einwände zu erheben, vernünftige Gegenargumente vorzubringen, entfallen sowohl die Möglichkeit für als auch die Notwendigkeit von Diskussionen automatisch.
Soziopathische Gesellschaft, widersprüchliche Politiken
Und damit führen beide Extreme, Subjektivismus/Relativismus auf der einen Seite und Hyper-Rationalität auf der anderen Seite, zum selben Ergebnis, nämlich zur Unmöglichkeit einer ernsthaften Diskussion, der Subjektivismus/Relativismus, weil er die Werte, Empfindungen, Erfahrungen, Eindrücke und Meinungen von Personen verabsolutiert und als solche nebeneinander stehen lassen muss, die Hyper-Rationalität, weil die Werte, Empfindungen, Erfahrungen, Eindrücke und Meinungen von Personen gegenüber der technokratischen, faktenbasierten (d.h. auf einigen Fakten, aber nicht anderen, basierten) Entscheidungsfindung, nicht nur für irrelevant erklärt werden, sondern als Quellen von allerlei „Verzerrungen“, Irrtümern, Fehlern.
Man kann vor diesem Hintergrund sagen, dass wir derzeit in einer soziopathischen Gesellschaft leben. In einer soziopathischen Gesellschaft existieren Menschen unverbunden nebeneinanderher; die geteilte Menschlichkeit wird in Frage gestellt, entweder, weil damit der reinen Subjektivität allen Seins Gewalt angetan wird (gemäß dem Subjektivismus/Relativismus) oder weil eine kleine Gruppe von nach eigener Anschauung allein qualifizierten Technokraten, die allein im Stande sind, „richtige“ Entscheidungen zu treffen, einer Masse von Dummen, Bösen oder sonstwie Unqualifizierten gegenüberstehen. Damit fehlt auf grundlegende Weise die Voraussetzung dafür, miteinander reden zu können oder zu sollen/zu müssen, die letztlich irgendeine Art von Gemeinsamkeit sein muss. Ehninger (1992: 154) hält dementsprechend fest:
Die Chancen für Demokratie, die von der Diskussion lebt, muss man unter diesen Umständen bzw. in dener soziopathischen Gesellschaft wohl als relativ schlecht einschätzen. Es mag aber sein, dass in dem Angriff auf Diskussion von zwei Seiten, dem Subjektivismus/Relativismus und der Hyper-Rationalität, eine Chance für die Diskussion und damit für die Demokratie besteht: Es ist ja nicht nur so, dass sich jede der beiden Varianten der Soziopathie für sich genommen in der Realität als dysfunktional erweist: Subjektivismus/Relativismus lähmt jede Entscheidung und führt lediglich zu einer Spirale von gegenseitigen Ansprüchen, während Hyperrationalität zu nicht praktikablen oder in ihren Folgen unbefriedigenden, wenn nicht fatalen, Entscheidungen führt. Die beiden Varianten der Soziopathie sind auch miteinander unvereinbar: Identitätspolitik, die dem Subjektivismus/Relativismus das Wort redet, ist unvereinbar mit technokratischen Entscheidungsverfarhen, wie sie evidenzbasierter Politik zugrunde liegen, oder Vorstellungen von Expertentum als Entscheidungsgrundlage.
Regierungen, die sich (angeblich oder tatsächlich) beidem verschrieben haben, können nicht anders, als inkonsistent, wenn nicht als bigott, dazustehen. Sie werden zwischen ihren Widersprüchen (von „innen“ wie von „außen“) zerrieben, während das Bedürfnis nach Diskussion in der Gesellschaft wächst – angesichts zunehmend dringlicher Mißstände, die ihrerseits Sorgen um das eigene Leben – aufgrund fortwährend steigender Lebenshaltungskosten, aufgrund von Inflation, aufgrund von Kriegstreiberei, aufgrund von immer mehr Kriminalität, die ungeahndet bleibt, aufgrund von aus Laboren entweichenden Viren etc. – und letztlich Zielvorstellungen zur Sicherung des eigenen Lebens hervorbringen, die ein sehr großer Teil der Bevölkerung bereits jetzt miteinander teilt.
Literatur
Callan, Eamonn, 1998. The Politics of Difference and Common Education, S. 145-158 in E: Carr, David (Hrsg.): Education, Knowledge and Truth: Beyond the Postmodern Impasse. London: Routledge & Kegan Paul.
Ehninger, Douglas, 1992: Argument as Method: Its Nature, Its Limitations, and Its Uses, S. 145-159 in: Benoit, William L., Hample, Dale, & Benoit Pamela J. (Hrsg.): Readings in Argumentation. (Studies in Argumentation in Pragmatics and Discourse Analysis: Volume 11). Berlin: Walter de Gruyter.
Elster, Jon, 1999: Alchemies of the Mind: Rationality and the Emotions. Cambridge: Cambridge University Press.
Elster, Jon, 1989: Solomonic Judgments: Studies in the Limitations of Rationality. Cambridge: Cambridge University Press.
Elster, Jon, 1987: The Possibility of Rational Politics. European Journal of Sociology 28(1): 67-103.
Elster, Jon, 1983: Sour Grapes: Studies in the Subversion of Rationality. Cambridge: Cambridge University Press.
Lenz, R. T., & Lyles, Marjorie A., 1983: Crippling Effects of „Hyper-Rational“ Planning. Bureau of Economic and Business Research (BEBR), College of Commerce and Business Administration at the University of Illinois. Faculty Working Paper No. 956.
Roberts, John, 1979: The „Hyper-Rationality“ Trap. INFOR: Information Systems and Operational Research 17(1): 73-75.
