Am 17. Mai diesen Jahres hat die Universität von Salento in Lecce, Italien, eine Pressemeldung veröffentlicht, in der von einem Fund berichtet wurde, der im Rahmen einer archäologischen Grabung in Djarkutan, einer bronzezeitlichen Siedlung im heutigen südöstlichen Usbekistan, die als eines der wichtigsten proto-städtischen Zentren der Oxus-Kultur (auch „baktrisch-margianische Oasenkultur“ genannt) gilt, gemacht wurde.
The archaeological site of Djarkutan. Credit: Guanhan Chen et al.
Die Oxus-Kultur wird auf die Zeit zwischen 2500 und 1500 v. Chr. datiert und erstreckte sich geographisch besehen über das heutige Usbekistan, Turkmenistan und Nordafghanistan mit „Ablegern“, die bis zum östlichen Iran und die Küsten des Persischen Golfs reichten. Die Grabung in Djarkutan erfolgt im Rahmen eines Forschungsprojektes, das unter der gemeinsamen Leitung von Enrico Ascalone von der Universität von Salento und Alisher Shaidullaiev von der Universität von Termez in Zusammenarbeit mit dem archäologischen Institut von Samarkand (unter der Leitung von Komil Rakhimov) seit 2024 durchgeführt wird.
Die Grabungssaison diesen Jahres hat den Fund zutrage gefördert, über den in der Pressemeldung berichtet wird; es handelt sich dabei um die nebeneinander liegenden Skelette zweier kleiner Kinder, die bei ihrem Tod etwa fünf bzw. drei Jahre alt gewesen sind und von denen eines ein Loch im Schädel aufweist, dessen Beschaffenheit klar auf einen chirurgischen Eingriff hinweist, nämlich auf eine vor etwa 4.000 Jahren durchgeführte Schädeltrepanation.
Bei einer Schädeltrepanation, auch „kraniale Perforation“ oder „Kraniotomie“ genannt, handelt es sich um die mechanische Öffnung des Schädels durch Abschaben, Einstechen oder Aufbohren der Schädeldecke, wobei die dura mater, d.h. die harte äußerste Hirnhaut, die das Gehirn und das Rückenmark im Inneren des Schädels umschließt, in der Regel freigelegt, nicht verletzt oder durchdrungen wird.
Credit: University of Salento, Italian Archaeological Mission in Uzbekistan
Die Schädeltrepanation ist heute ein relativ unkomplizierter Eingriff, der regelmäßig vorgenommen wird, um Blutungen oder Tumore im Gehirn zu behandeln, den Schädelinnendruck nach einem Trauma zu senken u.a., aber die Frage ist erstens, ob sie auch vor 4.000 Jahren als ein relativ unkomplizierter Eingriff angesehen werden konnte (oder angesehen wurde), und zweitens, ob sie denselben Zwecken wie heute oder anderen Zwecken diente.
Was die erste Frage betrifft, so kann man trotz der Tatsache, dass noch im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts eine Sterberate von über 50 Prozent nach Schädeltrepanation (meist aufgrund einer Entzündung der Wunde) zu verzeichnen war, nicht davon ausgehen, dass der Eingriff vor 4.000 Jahren per se einem Flirt mit dem Tod gleichgekommen wäre. Der Fund aus Djarkutan liefert nämlich zwar den ältesten Beleg für die Durchführung eines chirurgischen Eingriffs in ganz Zentralasien und ist insofern vor großem archälogischen Interesse, aber es handelt sich keineswegs um den einzigen Fund seiner Art, und er stellt auch nicht die früheste bekannte Schädeltrepanation der Menschheitsgeschichte dar.
Tatsächlich reicht die Praxis zurück bis in die Mittlere Steinzeit, wie Lillie (1998) anhand zweier Skelettfunde aus der heutigen Ukraine zeigen konnte. Beide Schädel zeigten die Spuren einer Schädeltrepanation, und bei dem älteren von beiden kann eindeutig festgestellt werden, dass der Träger des Schädels, ein Mann, der zum Zeitpunkt seines Todes, etwa 50 Jahre alt war, den Eingriff für lange Zeit überlebt hat:
„The aperture has a pronounced raised border of remodelled bone, and ‘stepping’ in the central area reflects the progressive stages of closure during life. The central area of the depression is about 6 mm in diameter and the remodelled surface is extremely thin (less than 1mm) at this point“ (Lillie 1998: 854),
d.h.
„Die Öffnung weist einen deutlich erhobenen Rand aus umgestaltetem Knochen auf, und ‘stepping’ [d.h. ungleichmäßiges, abgestuftes Wachstum] im zentralen Bereich spiegelt die fortschreitenden Phasen des Verschlusses im Laufe des Lebens wider. Der zentrale Bereich der Vertiefung hat einen Durchmesser von etwa 6 mm und die umgestaltete Oberfläche ist an dieser Stelle extrem dünn (weniger als 1 mm)“.
Dagegen ist das Loch in der Schädeldecke des zweiten Skeletts nicht geheilt:
„In this second instance, however, the lesion does not exhibit remodelling to the same extent …, suggesting that this individual did not survive the surgery for any great period of time“ (Lillie 1998: 854),
d.h.
„In diesem zweiten Fall zeigt die Läsion jedoch nicht die gleiche Umgestaltung …, was darauf schließen lässt, dass diese Person die Operation nicht über einen längeren Zeitraum überlebt hat“ (Lillie 1998: 854).
Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass diese Person an den Folgen der Schädeltrepanation gestorben ist; es bedeutet nur, dass diese Person nach der Schädeltrepanation nicht „für einen längeren Zeitraum“ weitergelebt hat.
Bis zur Veröffentlichung der Befunde von Lilie lieferte ein Skelettfund aus dem Elsaß den ältesten Beleg für die Durchführung einer Schädeltrepanation, oder vielmehr: gleich zweier Schädeltrepanationen – die der „Patient“ überlebt hat:
„In 1996 an exceptionally well preserved skeleton was excavated at the stone age burial site of Ensisheim (Alsace). The cranium of the buried individual shows clear evidence of two trepanations ( surgically created holes in the skull). Signs of long-term healing indicate that this type of intra vitam surgical intervention was skilfully practised more than 7,000 years ago. Our findings from the Ensisheim skeleton represent the earliest unequivocal evidence of healed trepanations yet discovered“ (Alt et al. 1997: 360),
d.h.
„Im Jahr 1996 wurde an der steinzeitlichen Begräbnistätte Ensisheim (Elsass) ein außergewöhnlich gut erhaltenes Skelett ausgegraben. Der Schädel des begrabenen Individuums weist deutliche Hinweise auf zwei Trepanationen (chirurgisch geschaffene Löcher im Schädel) auf. Anzeichen einer langfristigen Heilung deuten darauf hin, dass diese Art des chirurgischen Eingriffs am lebenden Subjekt vor mehr als 7.000 Jahren geschickt praktiziert wurde. Unsere Funde aus dem Ensisheim-Skelett stellen den frühesten eindeutigen Beweis für verheilte Trepanationen dar, der bisher entdeckt wurde“ (Alt et al. 1997: 360).
Von der Jungsteinzeit an war die Schädeltrepanation nachweislich ein relativ häufig vorgenommender Eingriff, wie Faria bereits im Jahr 2015 festhielt:
„More than 1500 trephined skulls have been uncovered throughout the world, from Europe and Scandinavia to North America, from Russia and China to South America (particularly in Peru). Most reported series show that from 5-10% of all skulls found from the Neolithic period have been trephined with single or multiple skull openings of various sizes“ (Faria 2015: page 1 of 4),
d.h.
„Mehr als 1.500 trepanierte Schädel wurden auf der ganzen Welt [im Rahmen archäologischer Grabungen] freigelegt, von Europa und Skandinavien bis Nordamerika, von Russland und China bis Südamerika (insbesondere in Peru). Die meisten berichteten [Fund-]Serien zeigen, dass 5-10% aller aus der Jungsteinzeit gefundenen Schädel mit einzelnen oder mehreren Schädelöffnungen unterschiedlicher Größe trepaniert wurden“.
Das ist ein erheblicher Anteil, der schwerlich erklärbar wäre, wenn die Schädeltrepanation in der Jungsteinzeit regelmäßig mit einem hohem Sterberisiko verbunden gewesen wäre. Und das scheint tatsächlich nicht der Fall gewesen zu sein.
Moghaddam et al. (2015: 56) berichten von einer Fundserie aus Münsingen-Rain in der Nähe von Bern aus der Zeit zwischen 420-240 v.Chr., also der späten Eisenzeit, das Folgende:
„In Switzerland, 34 individuals with trepanations have been published. As a tendency, the survival rate appears to be relatively high from the Neolithic to Late Antiquity but then decreases until Pre-Modern times. The 78% survival rate in Late Iron Age Switzerland indicates that the surgery was often performed successfully“,
d.h.
„In der Schweiz wurden [Berichte über] 34 Individuen mit Trepanationen veröffentlicht. Die Überlebensrate scheint vom Neolithikum bis zur Spätantike tendenziell relativ hoch gewesen zu sein, nimmt dann aber bis zur Vormoderne ab. Die Überlebensrate von 78% in der Schweiz der späten Eisenzeit weist darauf hin, dass die Operation oft erfolgreich durchgeführt wurde“.
Dieses Ergebnis lässt sich sicherlich nicht auf neolithische Trepanationen überall auf der Erde verallgemeinern, aber es belegt, dass „Chirurgen“ der Jungsteinzeit hohe Erfolgsraten bei Schädeltrepanationen erzielen konnten und jedenfalls an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten unter bestimmten Bedingungen erzielt haben.
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In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Technik des Abschabens der Schädeldecke die älteste Technik ist, die zur Schädeltrepanation verwendet wurde, und zwar nicht die einzige Technik ist, die bereits im Neolithikum verwendet wurde, aber diejenige, die am häufigsten im Neolithikum verwendet wurde (Gualdi-Russo et. al. 2024: 132). Interessant ist das, weil das Abschaben im Vergleich zu anderen Methoden der Trepanation in der vorgeschichtlichen Zeit die höchsten Erfolgsquoten gehabt zu haben scheint:
„The highest number of signs of long term healing in the Anatolian trepanations was observed in cases where the scraping technique was applied, as also witnessed in other parts of the world“ (Erdal & Erdal 2011: 527),
d.h.
„Am häufigsten wurden Anzeichen einer langfristigen Heilung bei den anatolischen Trepanationen in Fällen beobachtet, in denen die Schabtechnik angewendet wurde, wie dies auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist“.
Die Abschabetechnik scheint eine vergleichsweise sichere Technik zu sein insofern als der „Chirurg“ seinen Fortschritt während des gesamten Prozesses beobachten und seine Vorgehensweise anpassen kann. Wenn der Knochen dünner wird, nimmt der Widerstand ab und der „Chirurg“ kann den Druck, den er ausübt, verringern und einen plötzlichen (und weniger kontollierten) Durchbruch der Schädeldecke verhindern. Gegenüber dem Druchbohren der Schädeldecke – vor allem dem Durchbohren mit Steinbohrern, wie sie im Neolithikum verwendet worden sein müssen, also alles anderem als Präzisionsbohrern! – birgt das Abschaben auch ein deutlich geringeres Risiko, die dura mater zu verletzen. Es ist also möglich, dass eine vergleichsweise hohe Erfolgsrate von Schädeltrepanationen in Vor- und Frühgeschichte der Menschheit der Tatsache geschuldet war, dass sie überwiegend mittels der Abschaberechnik durchgeführt wurden.
Aber warum haben Menschen von der Mittleren Steinzeit an überall auf der Erde überhaupt Schädeltrepanationen vorgenommen? Wir können es nicht wissen, aber es gibt Indikatoren, die darauf hinweisen, dass Schädeltrepanationen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten – und vielleicht sogar zur gleichen Zeit am gleichen Ort – verschiedenen Zwecken dienten.
Mumie von Yanhai Cemetery; By HaziiDozen – This image has been extracted from another file, CC BY-SA 4.0, Link
Die Tatsache, dass viele der etwa 1.500 trepanierten Schädel, die bislang gefunden und analysiert wurden, Anzeichen von Frakturen aufweisen, und dass die Mehrzahl der trepanierten Schädel von erwachsenen Männern stammen (Faira 2015: 2 von 4), weist darauf hin, dass Schädeltrepanationen dazu dienten, Druck, der durch Hirnödeme und Hirnblutungen infolge einer Schädelfraktur (die ihrerseits eine Kampf- oder Jagdverletzung gewesen sein mag) entstanden war, zu lindern (Han & Chen 2007: 26). Ein Beispiel hierfür bietet ein der trepanierte Schädel eines erwachsenen Mannes aus der späten Bronzezeit, der in China gefunden wurde:
„The cranium was found from Yanghai cemetery in Xinjiang, an important locale for the era of shamanism in China during the Late Bronze Age (800–750 BCE). Results indicated that the individual suffered from blunt force trauma on the left side of the head during his lifetime. Subsequently, a surgeon performed a therapeutic craniotomy including trepanation and bone flap to treat the hematoma. The surgical area showed signs of well-preserved healing, and the individual survived at least eight weeks. This case from Yanghai cemetery was revolutionary for its time by the combination of trepanation and bone flaps; it is the most advanced and skilled craniotomy ever found in the Xingjiang regions as well as the rest of the Eurasian Steppe. This complicated surgical procedure suggested the general anatomical knowledge and high surgical skill of the surgeon, most probably a shaman-doctor. This complicated yet successful craniotomy case from the Yanghai cemetery not only provides archeological evidence of refined neurosurgery but also embodies shamanistic medicine“ (Sun et al. 2023: 1).
D.h.
„Der Schädel wurde auf dem Yanghai-Friedhof in Xinjiang gefunden, einem wichtigen Ort für die Ära des Schamanismus in China während der Spätbronzezeit (800–750 v. Chr.). Die Ergebnisse zeigten, dass die Person im Laufe ihres Lebens an einem Trauma durch stumpfe Gewalteinwirkung auf der linken Kopfseite litt. Anschließend führte ein Chirurg eine therapeutische Kraniotomie einschließlich Trepanation und Knochenlappen durch, um das Hämatom zu behandeln. Der Operationsbereich zeigte Anzeichen einer gut erhaltenen Heilung und die Person überlebte mindestens acht Wochen. Dieser Fall vom Yanghai-Friedhof war für seine Zeit durch die Kombination von Trepanation und Knochenlappen revolutionär; es handelt sich um die fortschrittlichste und geschickteste Kraniotomie, die jemals in den Xingjiang-Regionen sowie im Rest der eurasischen Steppe gefunden wurde. Dieser komplizierte chirurgische Eingriff deutete auf das allgemeine anatomische Wissen und die hohen chirurgischen Fähigkeiten des Chirurgen hin, höchstwahrscheinlich eines Schamanenarztes. Dieser komplizierte, aber erfolgreiche Kraniotomiefall vom Friedhof von Yanghai liefert nicht nur einen archäologischen Beleg für eine verfeinerte Neurochirurgie, sondern ist auch Ausdruck schamanistischer Medizin“.
Trepanation bei Schädeln, die keine Frakturen aufweisen, mag ebenfalls praktische Gründe gehabt haben; sie kann der Versuch gewesen sein, chronische Kopfschmerzen, Epilepsie u.ä.m. zu lindern oder zu heilen, wie das z.B. bei Hippokrates der Fall war (s. hierzu: Tsoucalas et al. 2017).
Schädeltrepanation kann auch an Toten vorgenommen worden sein: eine Scheibe ihres Schädelknochens kann jemand anderem als Amulett gedient haben, das eine Art Segen bringen sollte, vor bösen Geistern bewahren sollte oder vielleicht als Andenken an die verstorbene Person getragen wurde. Hierfür gibt es keine zwingenden Belege, aber Funde von vom Schädel abgelösten Schädelknochenscheiben und möglichen ornamentartigen Modifikationen dieser Scheiben sind im Prinzip in diesem Sinn interpretierbar (Anuchin 1895, zitiert nach Gresky et al. 2016: 2; Oeftinger & Wahl 2000).
Oder sie kann an Toten vorgenommen worden sein, um der Seele des Verstorbenen den Austritt aus dem toten Körper zu ermöglichen (Zhou et al. 2020: 176), immer vorausgesetzt, dass ein Glaube an die Existenz einer vom Körper unabhängig existierenden Seele vorhanden war (s hierzu Hultkrantz 2003).
Nicht belegt, aber auch nicht ausgeschlossen, werden kann, dass (manche) Schädeltrepanation an lebenden Menschen im Zusammenhang mit rituellen oder magischen Praktiken gestanden haben. Die Grenzziehung zwischen Medizin und Ritual, Magie oder Religion (im weiten Sinn des Wortes) dürfte über den weitaus größten Zeitraum in der Menschheitsgeschichte hinweg ohnehin nicht getroffen oder nicht klar getroffen worden sein. So ist es durchaus möglich, dass Schädeltrepanation durchgeführt wurden, um reale Beschwerden zu beheben, die nach herrschenden kulturellen Vorstellungen von bösen Geistern verursacht wurden, die auf diese Weise aus dem Körper entlassen werden sollten.
Manche Schädeltrepanationen können an Menschen vorgenommen worden sein, die als besonders oder besonders begabt gegolten haben mögen, vielleicht im Rahmen von Übergangs- oder Einweihungsritualen. So kann jemand, der als Schamane initiiert werden sollte, einer Schädeltrepanation unterzogen worden sein, um ihm die Kommunikation mit übernatürlichen Wesen oder Kräften zu erleichtern oder zu ermöglichen. Diese Vorstellung ist nicht so exotisch, wie sie dem ein oder anderen Leser dieses Textes hier im zeitgenössischen Westen vorkommen mag, denn damit ist nicht unbedingt auf eine vergleichsweise primitive Vorstellung von einem Loch im Schädel als Ein- oder Ausgang im eigentlichen Sinn verwiesen; sie kann vielmehr Ausdruck komplexer(-/er) Überzeugungssysteme sein.
So gab es in den Jahrzehnten etwa von 1960 bis in die 2000er-Jahre hinein eine Reihe westlicher Autoren und Gruppierungen wie die von Peter Halvorson im Jahr 1997 gegründete International Trepanation Advocacy Group (ITAG) (die seit den 2020er-Jahren aber nicht mehr zu existieren scheint, jedenfalls keine öffentliche Präsenz mehr hat), die Schädeltrepanation für einen Weg zur Bewußtseinserweiterung oder zur Förderung der Gehirnfunktion hielten/halten und sogar „Do-It-Yourself“-Anleitungen zur Schädeltrepanantion zur Verfügung stellen (André 2017; s. hierzu auch). Die Idee war anscheinend hinreichend populär, um dazu zu führen, dass das British Medical Journal im Jahr 2000 einen Text veröffentlicht hat mit dem Titel „Ärzte warnen vor den Gefahren der Schädeltrepanantion“, wobei sie sich auf die Gefahren der selbstdurchgeführten Schädeltrepanantion bezogen.
Es ist sicherlich ein Teil der Faszination, die viele Menschen – archäologische Laien, aber auch Archäologen selbst, wenn man nach den Anzahl der Publikationen zu diesem Thema urteilen darf – mit Bezug auf Schädeltrepanationen in Vor- und Frühgeschichte der Menschheit fühlen, dass wir die Gründe für ihre Durchführung letztlich niemals vollumfänglich kennen werden und unsere Spekulationen immer ein Abbild unserer Vorstellungen davon ist, was das Mensch-Sein ausmacht.
Ebenso faszinierend ist – jedenfalls für mich – die Fähigkeit unserer vergleichsweise sehr technikarmen Vorfahren eine chirurgische Leistung wie die Schädeltrepanation nicht nur durchführen zu können, sondern sie auch mit einer Erfolgsquote durchführen zu können, die zumindest teilweise deutlich über derjenigen gelegen hat, die Jahrtausende später im europäischen Mittelalter bis in die europäische Moderne hinein erreicht wurde. Das demonstriert auf eindringliche Weise, wie Erfahrungswissen zu bemerkenswerten kulturellen Leistungen führen kann: ohne kumuliertes Erfahrungswissen gab und gibt es weder Erkenntnis- noch technischen Fortschritt.
Zitierte Literatur
Alt, Kurt W., Jeunesse, Christian, Buitrago-Téllez, et. al., 1997: Evidence for Stone Age Cranial Surgery. Nature 387: 360. https://doi.org/10.1038/387360a0
André, Charles, 2017: Evolving Story: Trepanation and Self-trepanation to Enhance Brain Function. Arquivos de Neuro-Psiquiatria 75(5): 307-313
Erdal, Yılmaz Selim, & Erdal, Ömür Dilek, 2011: A Review of Trepanations in Anatolia with New Cases. International Journal of Osteoarchaeology 21: 505-534
Faria, Miguel A., 2015: Neolithic Trepanation Decoded – A Unifying Hypothesis: Has the Mystery as to Why Primitive Surgeons Performed Cranial Surgery Been Solved? Surgical Neurology International2015 May 7;6: 72. doi: 10.4103/2152-7806.156634.
Gresky, Julia, Batieva, Elena, Kitova, Alexandra, et al., 2016: New Cases of Trepanations from the 5th and 3rd Millennia BC in Southern Russia in the Context of Previous Research: Possible Evidence for a Ritually Motivated Tradition of Cranial Surgery? American Journal of Physical Anthropology 160(4): 665-682.
Gualdi-Russo, Emanuela, Lefebvre, Pauline, & Arnaud, Julie, 2024: Cranial Surgery in Antiquity: The Size of Trepanations During the Neolithic Period in France. World Neurosurgery 190: 131-140
Han, Kangxin, & Chen, Xingcan, 2007: The Archaeological Evidence of Trepanation in Early China. Bulletin of the Indo-Pacific Prehistory Association 27: 22-27
Hultkrantz, Åke, 2003: The Relation between Medical States and Soul Beliefs Among Tribal Peoples. S. 385-395 in: Selin, Helaine (ed.): Medicine Across Cultures: History and Practice of Medicine in Non-Western Cultures. New York: Kluwer Academic Publishers
Lillie, Malcolm C., 1998: Cranial Surgery Dates Back to Mesolithic. Nature 391(6670): 854-854
Moghaddam, Negahnaz, Mailler-Burch, Simone, Kara, Levent, et al., 2015: Survival after Trepanation – Early Cranial Surgery from Late Iron Age Switzerland. International Journal of Paleopathology 11: 56-65
Oeftinger, Claus, & Wahl, Joachim, 2000: Eine schnurkeramische Zierscheibe aus menschlichem Schädelknochen – Versuch einer Interpretation. Fundberichte aus Baden-Württemberg 24: 177-190.
Sun, Xiaofan, Zhang, Qunachao, Wang, Ping, et al., 2023: A Shaman’s Surgical Art? A Neurosurgical and Osteoarchaeological Study of a Therapeutic Trepanation from the Yanghai Cemetery in Turpan Basin, China. Archaeological and Anthropological Sciences 15: 155. https://doi.org/10.1007/s12520-023-01856-8
Tsoucalas, Gregory, Spengos, Konstantinos, Panaxiotakopoulos, George, et al. 2017: Epilepsy, Theories and Treatment Inside Corpus Hippocraticum. Current Pharmaceutical Design 23(42): 6369-6372
Zhou, Yawei, Lin, Shuang, Gu, Wanfa, et al. 2020: Early evidence of trepanation along the Yellow River Basin in Neolithic China. Archaeological and Anthropological Sciences 12: 176. https://doi.org/10.1007/s12520-020-01151-w
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… und frustrierend zugleich, weil man nicht weiss noch (vermutlich) je wissen wird, was sich die menschen dazumals daber gedacht haben ( ausnehmlich der Fälle, wo es hinreichend klar ist und rein praktischen Hintergrund gehabt hat, wie im genannten Beispiel mit der Operation nach erlittenem Trauma durch stumpfen Gegenstand )
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