„Remigration“, so sagt Kanzler Merz im Bundestag, sei nichts anderes in Richtung der AfD „als ein Synonym für ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“.
Der Mann steht mit dem Rücken zur Wand.
Seine Tage sind gezählt.
Und dennoch ist die Aussage, die Rückführung abgelehnter Asylbewerber und anderer Leute, die sich ohne legalen Aufenthaltsgrund in Deutschland herumdrücken, in manchen Zirkeln als „Re-Migration“, als Umkehrung der ursprünglichen Zuwanderung bezeichnet, sei ein Synonym für „Ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“ so weit unter der Gürtellinie angesiedelt, dass man sich fragen muss, in welcher Liga der Unanständig- und Ekelhaftigkeit Merz eigentlich spielt, welche Art von Gossen-Politik er betreibt.
Abgesehen davon ist die Aussage „ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“ Blödsinn, denn es ist eine ethnische Säuberung, d.h. die ausschlaggebende Variable ist ETHNISCHE ZUGEHÖRIGKEIT. Sorben gelten gemeinhin als „ethnische Gruppe“. Versuchen Sie, Sorben anhand von Hautfarbe und Herkunft aus Deutschland zu säubern. Das dürfte ein Problem sein, das bereits bei der Identifikation von Sorben beginnt.
Herr Merz scheint in seinem Denken den Begriffsbedeutungen vergangener „Großreiche“ eng verbunden zu sein und sein Versuch, über die Bestimmung nach „Hautfarbe und Herkunft“, einen vermummten Rassismus-Vorwurf zu erheben, fällt mehr oder weniger auf ihn zurück, denn der Mann weiß in seinem Bemühen, andere zu beleidigen, nicht, wovon er redet.
Ethnie stammt vom griechischen Wort éthnos und steht von daher für Volk oder Stamm (Eine habilitierte Ethnologin in der Redaktion hilft ungemein). Der Begriff ist in seiner heutigen Verwendung ein Flüchtling aus den Sozialwissenschaften, den Leute wie Merz aufgrund ihrer Einbildung, die Bedeutung zu kennen, aufgreifen und für sich instrumentalisieren wollen. Allerdings: In den Sozialwissenschaften wird mit Ethnie eine abgrenzbare Menschengruppe bezeichnet, die sich durch ein gemeinsames Wir-Gefühl als zusammengehörig VERSTEHT.
Das, was dieses Zusammengehörigkeitsgefühl auslöst, ist in seiner Unterschiedlichkeit kaum mehr steigerbar, reicht von der Sprache über Kultur (Bräuche, Lebensweisen) und Religion bis zu einer gemeinsamen Geschichte oder einem gemeinsamen „Schöpfungsmythos“. Wichtig ist nur, dass diejenigen, die sich zu einer Ethnie rechnen, ein entsprechendes Zugehörigkeitsgefühl teilen. Eine Ethnie hat demnach nichts mit einem Staat oder einem Staatsvolk, nichts mit biologischer Rasse oder Herkunft und nichts mit einem fest bestimmbaren, für alle gültigen Merkmal zu tun. Es handelt sich bei Ethnien um soziale Gebilde, die durch Zuschreibung entstehen und über eine solche Zuschreibung verändert werden können.
Es wäre wirklich schön, wenn Begriffs-Dilettanten wie Merz den Mund nicht mit Begriffen vollnehmen würden, die sie nicht bedienen können.
Und obschon Merz den Begriff offenkundig nutzt, um an das Dritte Reich anzuknüpfen, hat der Begriff überhaupt nichts mit Nazis zu tun. Die hatten eigene Begriffe wie die „völkische Flurbereinigung“, von der Himmler gesprochen hat.
Der Begriff „ethnische Säuberung“ ist jedoch viel jünger. Er hat im Jahr 1992 das Licht der Weltbühne entdeckt, wurde im selben Jahr zum Unwort des Jahres gekührt, und zwar mit der Begründung, er stelle eine „Beschönigung schlimmster Menschenrechtsverletzungen wie Vertreibung und Massenmord“ dar. Will Merz der AfD tatsächlich beabsichtigten Massenmord unterstellen, ist das eine Phantasie, die sich in seinem Hirn, das man dann wohl als ziemlich krank ansehen müsste, eingestellt hat oder nutzt er den Begriff in umfassender Unkenntnis und ausschließlich wegen des affektiven Gehalts, den er „ethnischer Säuberung“ zuweist?
Keine Antwort auf diese Frage macht ihn als Bundeskanzler geeignet.
Serbische Nationalisten haben den Begriff etničko čišćenje / „ethnisch reines Kosovo“ in den 1980er Jahren, also nach dem Ableben von Josip Broz Tito auf- und gegen Kosovo-Albaner in Stellung gebracht. Der Begriff ist in seiner damaligen Bedeutung ein Kampfbegriff, der mit der Behauptung einer gewaltsamen Vertreibung von Serben durch Kosovo-Albaner einhergeht. Erst mit dem Krieg in Bosnien, ab April 1992 erblickt der Begriff die Weltbühne, und zwar in umgekehrter Verwendung: nunmehr sind es Bosnier und Kroaten, die systematisch durch Serben vertrieben werden: Westliche Journalisten und die UN übersetzten etničko čišćenje als ethnic cleansing / ethnische Säuberung und übernehmen damit, unkritisch wie die Unwort Redaktion feststellen wird, einen Begriff, der eine Massenvertreibung und Massenmord verniedlicht.
Ich weiß nicht, welche Absicht Merz zur Verwendung des Begriffes der ethnischen Säuberung getrieben hat, um eine auf legaler Definition – nicht vorhandener dauerhafter und legaler Aufenthaltsstatus – basierende Rückführung der dadurch Beschriebenen auf eine Stufe mit der systematischen Ermordung der unterschiedlichsten Menschen im Bosnienkrieg zu stellen. In jedem Fall zeigt seine Verwendung, dass er auf einer moralischen Stufe vegetiert, die man als Normalsterblicher eigentlich vermeiden möchte.
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