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Dummheit ist schlimmer als Bösartigkeit

Dietrich Bonhoeffer über die Dummheit

Wie kann ein zivilisiertes Land, ein kulturell entwickeltes Land in Barbarei und Dummheit retardieren?

Man betrachtet Polit-Darsteller und denkt, man habe es eher mit einem Bot als einem Menschen zu tun. Man sieht Parolen und Floskeln absondernde Aktivisten in aller Öffentlichkeit ihre Dummheit zur Schau stellen, betrachtet mit Sorge die Methoden, mit denen einst “blühende Landschaften”, in verelendete Einöden verwandelt werden und fragt sich, wie konnte es soweit kommen? Man beobachtet fassungslos die Selbstdegradierung von Individuen, die ihre Agency freiwillig aufgeben, um “wir-sind-mehr”-Dazuzugehören, um zum willenlosen Mitläufer jeder Idiotie, die gerade in Mode ist, zu werden.

Und dann liest man Dietrich Bonhoeffers “Von der Dummheit” und findet in ihm jemanden, der mit demselben Unglauben, demselben Unverständnis der Entwicklung seiner Zeit gegenüber gestanden hat:

Dietrich Bonhoeffer um 1938; By Wissen911 – Bettina Rott: Wilhelm Rott, 1908–1967: Lebenszeugnis, Pro Business Verlag, 2008, CC BY-SA 3.0, Link

“Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.

Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt.

Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.

Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden.

Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.”

Quelle

So beginnt das kurze Essay, das Bonhoeffer um die Jahreswende 1942/43 für Freunde im Widerstand geschrieben hat, wenige Monate vor seiner Verhaftung im April 1943. Er nimmt diesen Anfang zum Ausgangspunkt, um das Phänomen der Dummheit zu ergründen.

Bonhoeffer hält Dummheit nicht (in den meisten Fällen nicht) für angeboren, nicht für einen genetischen, sondern einen menschlichen, einen moralischen Defekt: Menschen lassen sich verdummen oder verdummen sich selbst, wollen dumm sein. Dummheit, so verstanden, ist ein Gruppenphänomen, Gegenstand der Erforschung sozialer Interaktion, ein Ergebnis, des sich gegenseitig in seiner jeweiligen Dummheit Bestätigens, wie es in Parteien und NGOs und unter Aktivisten so weit verbreitet ist.

“Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen”, so schreibt Bonhoeffer und fährt fort:

“Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.”

Quelle

Heute redet man von Gruppendruck und hat in vielen Situationen den Eindruck, mit Sektenmitgliedern konfrontiert zu sein, die aufgehört haben, eigene Gedanken zu formulieren. Bar jeder eigenen Agency sind sie zu Absonderanlagen für Parolen und Schlagworte geworden, die ihnen vorgegeben werden. Das ist unsere aktualisierende Formulierung dessen, was Bonhoeffer schreibt, dessen Beobachtungen eine entnervende Übereinstimmung mit den unseren aufweisen. Auch Bonhoeffer sieht zum willenlosen Instrument verkümmerte Existenzen, reine Durchlauferhitzer für ihnen Vorgegebenes, die fähig sind, zu “jedem Bösen”, wie Bonhoeffer schreibt.

Für Bonhoeffer als Mitglied der Bekennenden Kirche besteht die Überwindung von Dummheit nicht in Belehrung oder Lernen, er hat Dummheit als soziales Phänomen gefasst, womit Lernen und Belehrung ausscheiden. Notwendig ist für ihn ein Akt der Befreiung, ein Bewusstwerden der eigenen Verkümmerung …

Eine typische Lösung für einen Mann, der glaubt, an einen Gott glaubt. Ein wenig Erfolg versprechender Weg für Leute, die nicht auf transzendentale Hilfe von außen hoffen und sich seit Jahren fragen, wie man dem Wahnsinn anders als mit Gewalt Einhalt gebieten könne, ihn beendet könne, bevor die Vertreter des Wahnsinns alles für uns alle beenden.

Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbrück erhängt, nachdem ihn einer derjenigen, die er oben als zu allem Bösen fähig bezeichnet hat, nämlich der SS-Richter Otto Thorbeck, in einem Verfahren, in dem Bonhoeffer keinerlei Verteidigung hatte und auf Basis von Behauptungen ohne Beleg, zum Tode verurteilt hat. Thorbeck ist einer der im letzten Beitrag beschriebenen Psychopathen, die Positionen, in denen sie Dominanz über andere ausüben können, benutzen, um anderen maximal zu schaden. Personen, die in einer zivilisierten Gesellschaft kein Bleiberecht haben können.


 

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