50 bis 80 Personen pro Baracke.
Rund 200 Personen insgesamt.
100 Wachmänner und Beamte.
Ein Schlafsack mit Holzspänen, zwei Decken.
Ein Fass, das als Toilette dient, in jeder Baracke.
250 Gramm Brot pro Tag. Ein Löffel Marmelade pro Woche, ein kleines Stück Wurst.
Und wässrige Suppe.
Die Angaben stammen aus einem Bericht von Mathilde Wurm, die 1921 als Reichstagsabgeordnete der USPD aus Berlin nach Stargard in Pommern gereist war, um dort ein, in den Worten des Preußischen Innenministers, Carl Severing (SPD), “Konzentrationslager” zu besichtigen, in dem “lästige Ausländer”, das waren vor allem Ostjuden, die kein Recht zum Aufenthalt im Deutschen Reich hatten, aber nicht abgeschoben werden konnten, interniert waren.
Wenn wir heute den Begriff “Konzentrationslager” hören, dann denken die meisten von uns an Nationalsozialisten, das Dritte Reich und den Holocaust.
Konzentrationslager sind jedoch keine Erfindung der Nationalsozialisten, sie sind ein Mittel, dessen erste deutsche Verwendung aus Deutsch Südwestafrika berichtet wird. Dort wurden Konzentrationslager als “humanere” Methode eingesetzt, um den Schießbefehl auf Angehörige der Herero und Nama durch eine Internierung an den Rändern von Windhoek oder auf der berüchtigten Haifischinsel zu ersetzen. Die Ergebnisse waren in vielen Fällen dieselben: Tod. Dafür sorgten Hunger, Kälte und eine große Zahl unterschiedlicher Krankheiten.
1921 nahmen die Preußischen Innenminister Carl Severing (SPD) und Alexander Dominicus (DDP) die Idee auf, um sich “lästiger Ausländer” zu entledigen. Zwei Lager sind in den frühen 1920er Jahren auf dem Gebiet von Preußen entstanden. Stargard in Pommern, von dem bereits berichtet wurde und Cottbus-Sielow, das größere von beiden, in dem neben Juden und Zigeunern auch Polen untergebracht waren.
Beide Lager fanden sich an der Stelle ehemaliger Kriegsgefangenenlager und waren schnell berüchtigt, ob der in ihnen herrschenden Zustände, die mit Misshandlungen einhergegangen sind. Beide Lager wurden 1923 geschlossen. Grund dafür waren nicht entsprechende Forderungen der Parteien, die sich in Opposition zur in Preußen regierenden Weimarer Koalition aus SPD, ZENTRUM und DDP befanden, sondern die Inflation, die Hyperinflation, die den Unterhalt der beiden Lager zu teuer hatte werden lassen.
Konzentrationslager in Plaszow, Polen; Public Domain, Link
Im Jahre 1929 erlebte die Idee eines Konzentrationslagers in Frankfurt eine Neuauflage. In diesem Jahr wurde eine Akte im Magistrat angelegt, die den Titel “Bekämpfung der Zigeunerplage – Konzentrationslager an der Friedberger Landstraße” trugt. Die Akte ging auf einen entsprechenden Beschluss der Stadtverorndetenversammlung zurück, der wiederum auf einem Antrag der SPD-Fraktion basierte. Hintergrund war der Versuch, Zigeuner, die im Stadtgebiet von Frankfurt im Wohnwagen lebten, aus dem Stadtbild zu entfernen, um vermutlich das ästethische Empfinden der erstaunlich biederen Sozialdemokraten zu streicheln.
Das “Zigeunerlager mit Umzäunung”, wie es im Antrag der SPD-Fraktion im Stadtrat hieß, wurde in die Tat umgesetzt und bis 1935 tatsächlich betrieben, allerdings entwickelte sich das Ganze in eine andere, als die beabsichtigte Richtung. Zunächst weigerte sich die Polizei von Frankfurt, Zigeuner aus der Stadt und in das neue “Zigeunerlager mit Umzäunung” zu bringen, da zum einen die meisten Wohnwägen auf privatem Gelände standen und zum anderen keinerlei Straftat vorlag. Die biederen Sozialdemokraten musste administrative Kriegsführung einsetzen, um das Lager, das schon nach kurzer Zeit in Morast versank, zu füllen.
Stellplätze wurden gekündigt, Druck auf private Vermieter entsprechender Flächen ausgeübt, ein wenig Angst verbreitet, was man als Sozialdemokrat halt so tut, um seinen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Am Ende fanden sich ein paar Hundert Zigeuner nebst Wohngefährt im “umzäunten Lager” ein, stellten schnell fest, dass zwar viel Wasser im Boden, aber wenig in einer entsprechenden Wasserversorgung vorhanden war. Kinder wurden monatelang nicht beschult und mussten anaschließend mit eigenen Bussen in die Innenstadt verbracht werden.
Ein administratives Fiasko, wie es vor allem planwütige Gutmenschen zustande bringen, eines dem die Nationalsozialisten dann ein Ende setzten, sichtbar ein einem 1937 eingerichteten Zwangslager für Zigeuner (Zwang, nicht Konzentration !). Abgesehen davon wurde das Zigeunerlager an der Friedberger Landstraße schnell zum Wahlfahrtsort für all diejenigen, die an Vorhersagen in die eigene Zukunft interessiert waren…
Als die Nationalsozialisten damit begonnen haben, Konzentrationslager einzurichten, haben sie einmal mehr keine eigene Idee umgesetzt, sondern angewendet, was es längst gab, was der “einstweiligen Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Hererovolkes” diente, wie es der damalige Reichskanzler Bernhard von Bülow im Bemühen, dringend erforderliche Arbeitskräfte vor dem schießwütigen Lothar von Trotha zu retten, in einem Brief an eben diesen, geschrieben hat, was dazu gedacht war, “der lästigen Ausländer” Herr zu werden, genutzt wurde, um “die Zigeunerplage” zu bekämpfen, was bereits etabliert war als Ort, an dem Personen gesammelt werden, die zu den Randständigen einer Gesellschaft gehören oder erklärt wurden.
Dass die Nationalsozialisten in “ihren” Konzentrationslagern dann weit über das hinausgegangen sind, was aus historischen Vorläufern, vielleicht mit Ausnahme der Lager in Deutsch-Südwestafrika bekannt war, ist eine andere Geschichte. Die hier erzählte Geschichte hat die Gutmenschen zum Ziel, die der Ansicht sind, man könne die Trennung zwischen Guten und Bösen immer fein säuberlich durch die Geschichte ziehen und generell alle, die Links sind, von der SPD bis zur KPD auf die Seite der Guten ordnen.
Das kann man nicht.
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