Die Glyphosat-Files: Ein Wissenschaftskrimi um Gier, Lügen und Reiz-Reaktions-Deppen

Unsere Geschichte beginnt im März 2015, genau am 20. März 2015. An diesem Tag veröffentlicht die IARC, die International Agency for Research in Cancer, ein Teil des Weltunternehmens UN, eine Monographie mit dem Titel: „Some Organophosphate Insecticides and Herbicides“ (Monograph 112). Darin wird Glyphosat in die Gruppe 2A eingeordnet, als Substanz, die möglicherweise bei Menschen Krebs hervorrufen kann. Neben Glyphosat wurden noch Malathion und Diazinon als möglicherweise für Menschen krebserregend eingestuft. Aber von Malathion und Diazinon wurde seither nichts mehr gehört. Keine NGO schickt Aktivisten auf die Straße um gegen die Verwendung von Malathion oder Diazinon, beides Insektizide, die z.B. eingesetzt werden, um Moskitos oder Flöhe zu bekämpfen und entsprechend eine viel höhere toxische Wirkung auf Menschen haben können als Glyphosat, das auf Äcker ausgebracht wird, zu demonstrieren. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass Malathion und Diazinon nicht von Monsanto hergestellt werden, wie dies für Glyphosat der Fall ist.

Schon Charles Dickens kannte die Art von Anwalt, die sich so lange für die Sache des Mandanten einsetzt, bis die Sache des Mandanten in den Besitz des Anwalts übergegangen ist.

Und hier beginnt der Wissenschaftskrimi, den wir u.a. auf Basis von Veröffentlichungen im Blog „Risk-Monger“, auf den uns ein Leser hingewiesen hat und den wir jedem Leser wärmstens empfehlen können, rekonstruiert haben.

Hauptdarsteller: Christopher Portier.

Christopher Portier ist der Aktivist, DER Aktivist gegen Glyphosat. Er ist als Lobbyist in die Hauptstädte Europas gereist, hat Parlamente, darunter den Bundestag besucht, die EU-Kommission bearbeitet, er hält Vorträge und nicht zuletzt ist Christopher Portier der einzige, der als externer Experte an der Erstellung von Monograph 112 durch die IARC beteiligt war. Er ist maßgeblich für die Einordnung von Glyphosat als möglicherweise krebserregend verantwortlich.

Portier ist jedoch, wie umfangreiche Recherchen von David Zaruk, der u.a. als Professor an den Brüsseler Universitäten Saint Louis und KUL lehrt, belegen, nicht nur ein „externer Experte“, der sich mit der Toxikologie von u.a. Organophospaten auskennt.

Tatsächlich kennt sich Portier nicht sonderlich damit aus. Er ist Statistiker und hat keine Geschichte als Erforscher der Toxikologie von Pestiziden. Das hat Portier selbst zugegeben. In seiner außergerichtlichen Anhörung als Zeuge in eigener Sache am 5 September 2017 in New York. Dort hat Portier eingeräumt,

  • nie mit Glyphosat gearbeitet zu haben;
  • nie einige der Belege für die angeblich krebserregende Wirkung von Glyphosat selbst geprüft zu haben;
  • Er ist, wie David Zaruk schreibt, Statistiker, der in der Vergangenheit zu einer Vielzahl von Themen gearbeitet hat, darunter Mobiltelefone.

Der externe Experte, auf den die Einstufung von Glyphosat als krebserregend durch die IARC zurückgeht, ist demnach gar kein Experte. Was ist er dann?

Portier ist ein Aktivist.

Er hat jahrzehntelang für die US-amerikanische NGO „Environmental Defense Fund“ gearbeitet. Der Environmental Defense Fund agitiert seit den 1960er Jahren gegen die Verwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft.

Er steht auf der Gehaltsliste der US-Amerikanischen Anwaltskanzleien Lundy, Lundy, Soleau & South, sowie Weitz und Luxenberg. Mit ersteren hat Portier einen Vertrag als „Consultant“. Pro Stunde erhält er 450 US-Dollar für seinen wissenschaftlichen Rat. Nach Recherchen von Zaruk, die auf Aussagen von Portier in seiner Anhörung beruhen, hat Portier bislang 160.000 US-Dollar für Beratungsleistungen abgerechnet. In den 160.000 US-Dollar sind unter anderem 8.550 US-Dollar enthalten, die Portier Lundy, Lundy, Soleau & South für die Lektüre eines technischen Dokuments von 2-3 Seiten in Rechnung gestellt hat. 19 Stunden für 2-3 Seiten! Die Zusammenarbeit mit der Anwaltskanzlei ist für Portier sehr lukrativ und sie beginnt vor der Veröffentlichung des Monographs der IARC, in dem Glyphosat als krebserregend eingestuft wird.

Diese Einstufung, an der Portier wesentlich beteiligt ist, ist für die Anwaltskanzlei bares Geld wert, denn Lundy, Lundy, Soleau & South gehören zu den Kanzleien, die ihr Geld damit verdienen, Unternehmen zu verklagen. Sie sammeln arme Opfer ein, denen sie versprechend, dass ihnen keine Kosten entstehen und erstreiten in deren Namen hohe Entschädigungszahlungen vor US-Amerikanischen Gerichten. Lundy, Lundy, Soleau & South klagen u.a. gegen Monsanto, wie Zurak aufgezeigt hat, weil Glyphosat angeblich krebserregend ist. Und wo wäre die Erfolgsaussicht dieser Klagen ohne die Einordung von Glyphosat als krebserregend durch die IARC.

Wir haben bislang somit eine US-Amerikanische Anwaltskanzlei, die ihr Geld u.a. damit verdient, Unternehmen wie Monsanto zu verklagen, weil deren Produkte möglicherweise den Krebs ihrer Mandanten, die sie zuvor oft genug mit dem Versprechen, dass sie die Klage nichts kostet und sie eine hohe Entschädigung erhalten, von der sich die Anwaltskanzlei dann zuweilen die Hälfte selbst gönnt, eingesammelt hat (Zaruk belegt dies am Beispiel einer Konferenz, die von Naomi Oreskes organisiert wurde, um nach dem Ende der Möglichkeit, Tabakhersteller erfolgreich vor US-Gerichten zu verklagen, herauszufinden, „how to ‚tobacconise‘ other industries“).

Dieselbe Anwaltskanzlei, die ihr Geld u.a. mit Schadensersatzklagen gegen Monsanto verdient, weil Glyphosat angeblich oder möglicherweise zu Krebs bei Mandanten der Kanzlei geführt hat, bezahlt Christopher Portier insgesamt 160.000 US-Dollar für Beratungsleistungen. Das Vertragsverhältnis zwischen beiden beginnt bevor Portier sich als „Key to the Glyphosate Ban“ erweist und die Einstufung von Glypohosat als krebserregend durch die IARC erreicht.

Ein wahrer Wissenschaftsthriller.
Fassen wir bis hierhin zusammen.

  • Eine Agentur der UN, IARC, ein kleiner Laden in Lyon, der wohl die üblichen Strukturen nepotistischer Inzucht aufweist, macht Christopfer Portier zum einzigen externen Experten im Hinblick auf die Einschätzung möglicherweise krebserregender Folgen durch die Verwendung von u.a. Glyphosat.
  • Portier war Lobbyist für die US-NGO „Environmental Defense Fund“, die seit Jahrzehnten gegen den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft Kampagnen durchführt.
  • Portier wird von einer US-Amerikanischen Anwaltskanzlei als Berater bezahlt. Insgesamt erhält er 160.000 US-Dollar für Beratungsleistungen, die z.B. darin bestehen, 19 Stunden zwei Seiten Text zu lesen.
  • Dieselbe Anwaltskanzlei vertritt Personen, die gegen Monsanto wegen der krebserregenden Wirkung von Glyphosat klagen.
  • Die Erfolgsaussichten der entsprechenden Klage sind durch die Einstufung von Glyphosat als krebserregend durch die IARC erheblich gestiegen.
  • Die Einschätzung von Glyphosat als krebserregend steht im Widerspruch zu allen wissenschaftlichen Fakten, im Widerspruch zur Einschätzung des Bundesamts für Risikobewertung (BfR) und der EFSA (European Food Safety Authority). Die Einschätzung der beiden Agenturen beruht auf den Ergebnissen einer Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen.
  • Die Einschätzung der IARC basiert letztlich auf dem Verdikt eines externen Experten, der noch nie zu Glyphosat geforscht hat und der sich einen Namen damit gemacht hat, die wissenschaftliche Forschung als von der Industrie finanzierte Forschung zu denunzieren, derselbe Forscher, der von einer Anwaltskanzlei bezahlt wird, für die die Einstufung von Glyphosat als krebserregend bares Geld wert ist.

Das Skript könnte von der Mafia stammen.

Zentral für das Skript sind emotionale Kampagnen, denn Aktivisten, vor allem Umweltaktivisten leben von Emotion, es ist deren Substitut für Erkenntnis. Und Emotion ist, was ihnen geliefert wird. Aber, die NGO lebt nicht von der Emotion allein. Entsprechend sind NGOs ständig auf der Suche nach lukrativer Gutheit, die die Spendenkasse füllt, durch wen auch immer. Für die Sache lukrativer Gutheit werden die eigenen Aktivisten ins Feld geschickt, um eine öffentliche Meinung so zu manipulieren, dass sich kaum mehr jemand traut, öffentlich eine von der Sache lukrativer Gutheit abweichende Meinung zu vertreten. Eine Situation, die es wiederum Anwaltskanzleien erlaubt, ihre Klagen vor US-Gerichten, in denen sich 12 Juroren ein Urteil bilden müssen, ohne großen Widerstand und ohne die Gefahr, auf Fakten zu treffen, durchzubringen und die große „Corporate Bonanza“ einzufahren.

Die Mobilisierung des Aktivistenmobs in Europa, das letzte, was noch zu erklären ist, wird von Zurak als „Carpetbagger“ Ansatz zum Lobbying bezeichnet. Im Englischen bezeichnet man einen Politiker, der in einem Wahlkreis kandidiert, zu dem er keine lokale Verbindung hat, als Carpetbagger. Man übersetzt den Carpetbagger wohl am besten als Profiteur lokaler Besonderheiten. Die lokalen Besonderheiten, die US-Aktiviten, die genveränderte Organismen oder Pestizide in der Landwirtschaft bekämpfen, in Europa ausnutzen wollen, werden von Zurak mit dem Begriff des „more fertile precautionista lobbying terrain“ umschrieben. In Deutsch: In Brüssel und in Europa insgesamt, ist mehr Potential für Hysterie. Hier kann man leichter einen öffentlichen Wutausbruch der Gutmenschen provozieren bzw. zu Wege bringen und die Aktivisten, denen man die Emotion geliefert hat, zu unwissentlichen Wasserträgern der eigenen Interessen machen, sie in ihrer Neigung, sich zum Reiz-Reaktions-Deppen der Interessen anderer instrumentalisieren lassen, abholen und ausnutzen. Und überhaupt: Wir leben in einer globalisierten Welt. Europäische, selbst deutsche Idiotien finden ihren Weg auch nach Nordamerika und helfen dort, Konzerne zu erpressen und auszupressen.

Eine Meute von Anwälten lebt in den USA davon (oder schmarotz daran). Europäische NGO-Aktivisten und sonstige Gute, sie machen es möglich.

Und Aktivisten wie Christopher Portier zerstören die Wissenschaft, ihre Reputation und ihren Leumund. Aber in Zeiten der Gender Studies ist das fast schon normal.

Wir empfehlen allen Lesern den Post von David Zaruk. Manchem, der Kognition vor Emotion stellt, wird dabei ein Licht aufgehen, vielleicht sogar ein Kronleuchter.

Der Krimi wird zur Serie und geht weiter: Glyphosat: Alles Lug, Trug und Manipulation

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Unsinn der Woche: Die Wahrscheinlichkeit, im Statistischen Bundesamt an Gehirn-Krebs zu sterben

Das Statistische Bundesamt hat am 31. Mai eine Pressmeldung  veröffentlicht, die die gewöhnliche, unhinterfragte Verbreitung in deutschen Medien, wie z.B. der Rheinischen Post und der Berliner Zeitung gefunden hat. Dem genderistisch, politisch-korrekten Betroffenheitskanon entsprechend, ist die Meldung des Statistischen Bundesamts mit “Immer mehr Frauen sterben an den Folgen des Rauchens” überschrieben. Aus Mangel an Manpower und Zeit hat man bei der Rheinischen Post den ersten Absatz der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes weitgehend komplett übernommen (mit einer interessanten Nuance, die ich der aufmerksamen Lektüre der Leser überlasse), während die Eigenleistung der Berliner Zeitungsjournalisten in der Feststellung besteht: “Besonders betroffen sind Frauen”. Die nun folgende Analyse wird zeigen, dass die ursprüngliche Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes hart an einer Verfälschung von Daten entlangschrammt, dass die politisch korrekte Erweiterung der Berliner Zeitung “besonders betroffen sind Frauen” ein ausgemachter Unsinn ist und dass das Fälschen von Statistiken doch nicht so einfach ist, wie manche gerne behaupten.

Hier der erste Absatz der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes:

“Im Jahr 2010 starben 13 815 Frauen an Krebserkrankungen, die in einem engen Zusammenhang mit dem Konsum von Tabakprodukten gebracht werden können. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) zum Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2012 mitteilt, waren dies rund 36% mehr als zehn Jahre zuvor. Der Frauenanteil an den insgesamt durch Erkrankungen wie Lungen-, Bronchial-, Kehlkopf- und Luftröhrenkrebs verursachten Todesfällen (44 457) des Jahres 2010 betrug rund 31%. Im Jahr 2001 lag der Anteil noch bei 25% von insgesamt 40 053 Gestorbenen. Im Vergleich zu Männern verlieren Frauen durch die genannten Krebsarten mehr Lebensjahre: Während Männer im Durchschnitt 2,9 Jahre früher starben, verkürzte sich das Leben der Frauen im Durchschnitt sogar um 10,5 Jahre.

Vorab ist festzustellen, dass das Leben von Frauen offensichtlich höher zu gewichten ist, als das Leben von Männern, denn Frauen verlieren sogar 10,5 Jahre an Lebenszeit, während Männer, wie man schließen muss: nur 2,9 Jahre verlieren. Allerdings muss man diese verkürzte Lebenszeit, die auf Aggregatebene berechnet wurde, mit ihrer Ausgangsbasis in Verbindung bringen: der durchschnittlichen Lebenserwartung. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt im Jahre 2010 77,51 Jahre für Männer und 82,59 Jahre für Frauen. Zieht man von beiden die verlorenen Lebensjahre ab, dann werden männliche Raucher durchschnittlich 74,61 Jahre und weibliche Raucher durchschnittlich 72,09 Jahre alt. Die Differenz beträgt entsprechend 2,52 Jahre und nicht 7,6 Jahre wie vom Statistischen Bundesamt suggieriert. Diese Differenz ist jedoch nur dann aussagekräftig, wenn man bereit ist, den Fehlschluss der Bejahung des Konsequens, den das Statistische Bundesamt in seiner Pressemeldung macht, mitzugehen. Zu Beginn der Pressemeldung ist sich der Verfasser der Meldung noch darüber im Klaren, dass die von ihm genannten Krebsarten nur in einem Zusammenhang mit Rauchen gebracht werden können, im Verlauf der Pressemeldung vergisst er dies und behauptet, einen direkten und kausalen Zusammenhang zwischen z.B. Lungenkrebs und dem Rauchen. Da es aber Patienten gibt, die an Lungenkrebs versterben ohne jemals eine Zigarette geraucht zu haben (aber dafür z.B. unter Tage gearbeitet haben) besteht die behauptete Äquivalenz zwischen Rauchen und Lungenkrebs nicht: Nicht jeder, der an Lungenkrebs verstorben ist, war ein Raucher.

Nun zu dem Zahlenwerk. Die Angaben des Statistischen Bundesamts sind recht bruchstückhaft. Der Pressemeldung kann man entnehmen, dass 2010 13 815 Frauen an Krebserkrankungen verstorben sind, die vom Statistischen Bundesamt mit Rauchen in Zusammenhang gebracht werden, dass 2010 insgesamt 44 457 Todesfälle durch die entsprechenden Krebserkrankungen zu verzeichnen waren, während es in 2001 noch 40 053 Todesfälle durch die entsprechenden Krebserkrankungen  waren. Die Anteile von Frauen an den Verstorbenen betrugen im Jahre 2010 31% und 2001 25%. In der folgenden Tabelle habe ich auf Grundlage dieser Angaben, die fehlenden Werte ergänzt und ein paar kleine Berechnungen durchgeführt, um die berichteten Zahlen in einen Zusammenhang zu stellen und natürlich um der z.B. im Gleichstellungsgesetz für Bundesverwaltungen geforderten Gleichbehandlung der Geschlechter zum Durchbruch zu verhelfen und gegen die Diskriminierung von Männern in Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes vorzugehen. Die fettgesetzten Werte sind die Werte, die in der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes angegeben wurden, den Rest habe ich auf der Basis der genannten Zahlen berechnet.

2001 2010 2010-2001
N % N % N %
Krebstote 40053 44457  4404  11
Männer 30040 75 30642 69 602 2
Frauen 10013 25 13815 31 3802 38

Vor dem Hintergrund der in der Tabelle zusammengestellten Daten müsste die Pressemeldung, wäre sie nicht durch eine Fixierung auf weibliche Geschlechtsteile und Lungen beeinträchtigt, lauten: Im Vergleich der Jahre 2010 und 2001 (warum eigentlich 2010 und 2001, warum nicht 2010 und 2005 oder 2009? Wäre beim entsprechenden Vergleich die “Opferrolle” von Frauen nicht in gleicher Weise herausmanipulierbar gewesen?), im Vergleich also der Jahre 2010 und 2001 ist die Anzahl der Krebstoten, deren Ableben mit “Rauchen” in Zusammenhang stehen könnte, um 11% (4.404) gestiegen. Die Steigerung bei weiblichen Krebstoten ist dabei mit 38% (3.802) höher ausgefallen als die Steigerung bei männlichen Krebstoten mit 2% (602). Nach wie vor ist die Anzahl der Männer, für die eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie aufgrund ihres Zigarettenkonsums vorzeitig sterben mit 30.642 Toten um das 2,2fache höher als die entsprechende Anzahl wahrscheinlich krebsbedingter Sterbefälle bei Frauen (13.815).

Nun zurück zur Pressemeldung und dem, was in der der Berliner Zeitung daraus geworden ist: “Noch immer greift knapp jeder dritte Erwachsene regelmäßig zur Zigarette. Besonders betroffen sind Frauen, seit 2001 steigt die Zahl der Todesfälle um 36% an”. Wie man der Tabelle entnehmen kann, ist es blanker Unsinn zu behaupten, Frauen seien besonders vom rauchenden Krebstod betroffen. Dies ist nicht der Fall, zum einen deshalb nicht, weil 30.642 tote Männer mehr sind als 13.815 tote Frauen, zum anderen weil es nach wie vor ein Fehlschluss ist, zu denken, dass jeder an z.B. Lungenkrebs Verstorbene ein Opfer seiner glimmenden Sargnägel geworden ist (,die er im übrigen freiwillig konsumiert). Zudem sind Frauen nicht “besonders betroffen”, weil die Krebsarten, die das Statistischen Bundesamt berücksichtigt hat, mit nichten die häufigsten Krebsarten darstellen, an denen Männer oder Frauen versterben, wie die folgende Abbildung zeigt.

Robert Koch Institut (2012), S.13

Wie man der Abbildung entnehmen kann, sind von Lungenkrebs, Kehlkopf- oder Luftröhrenkrebs nicht “vor allem” Frauen, sondern “vor allem” Männer betroffen. Nur bei Männern spielt Lungenkrebs, im Vergleich zu den anderen Varianten, an Krebs zu versterben, die herausragende Rolle, die in der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes behauptet wird. Wichtiger als Kehlkopfkrebs oder Krebs der Luft-/Speiseröhre sind indes Darmkrebs, Prostatakrebs, Krebs an der Bauchspeicheldrüse, Magenkrebs, Leberkrebs und Leukämien bei Männern. Für Frauen gilt, dass die häufigste Todesform durch Krebserkrankung Krebs der Brustdrüse ist, gefolgt von Darmkrebs und Lungenkrebs. Und nahezu alle sonstigen Krebserkrankungen sind als Todesursache für Frauen relevanter als Kehlkopfkrebs oder Krebs der Luft-/Speichelröhre.

Das Beispiel zeigt deutlich, was dabei herauskommt, wenn man anlässlich des Weltnichtrauchertages (wer erfindet eigentlich einen solchen Unsinn und wer profitiert davon finanziell?) eine politisch korrekte Pressemeldung veröffentlichen will, die an der richtigen Stelle den Zeigefinger hebt und zudem dem genderistisch, politisch-korrekten Betroffenheitskanon entspricht: Blanker Unsinn auf der einen Seite, und eine Verharmlosung der Krebsarten, die für Männer wie für Frauen mit erheblichen Mortalitäten verbunden sind, auf der anderen Seite. Wieder einmal zeigt sich, dass politische Korrektheit mit der Realität nicht viel zu tun hat, wieder zeigt sich, dass von politischer Korrektheit ein konkreter Schaden ausgeht, wieder zeigt sich, dass politische Korrektheit nur durchzuhalten ist, wenn man gewillt ist, logische Fehler zu machen, wieder zeigt sich, dass entgegen allen anders lautenden Überzeugungen, das Fälschen von Statistiken doch nicht so einfach ist, wie von manchen angenommen, und leider zeigt sich auch einmal mehr, dass Journalisten ihre Hauptaufgabe darin zu sehen scheinen, Pressemeldungen entweder unkritisch zu übernehmen oder durch eine politisch-korrekte Eigen”leistung” noch weiter von der Realität zu entfernen als sie es eh schon ist.

Robert Koch Institut (2012). Krebs in Deutschland 2007/2008. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: Robert Koch Institut.

Die Grenzen des Paternalismus

Viele westliche Regierungen und allen voran die deutsche Regierung haben es in ihren Bemühungen, ihr Paradies auf Erden herbeizuregulieren und ihren Bürgern die Last eigener Entscheidungen weitgehend abzunehmen, recht weit gebracht: Raucher werden kontinuierlich, über Steuern und Warnhinweise auf die Schädlichkeit ihres Tuns aufmerksam gemacht, Atomkraftwerkebetreiber gelten nach Bankern als die größten Volksschädlinge, Männer, deren Lebenserwartung um rund fünf Jahre hinter der von Frauen zurückbleibt, werden zum Sport treiben animiert, denn der Mangel an Bewegung bedingt die kürzere Lebenserwartung. Glühbirnen, Bananen, Benzin, Fettsäuren, einfach alles, was von den unmündigen Bürgern in der falschen Weise gebraucht oder verbraucht wird, wird zu deren Wohl und damit sie sich um die richtige Nutzung keine Sorgen machen müssen, aus dem Verkehr gezogen, besteuert, standardisiert oder einfach verboten. Im so begrenzten Angebot müssen sich “die Bürger” dann keine Sorgen mehr über die richtige Wahl machen, denn das, was es zu wählen gibt, ist von “wohlmeinenden” Staatslenkern vorsortiert.

Der staatliche Großversuch “Paradies durch Regulierung” erfährt Unterstützung nicht nur von denen, die seit je her den Hauptzweck ihres Daseins darin gesehen haben, Pläne für andere aufzustellen und anderen dabei zu helfen, ihr vermeintlich falsches Bewusstsein zu überwinden, auch Autoren, die sich für liberal erklären, entdecken den Paternalismus und neuerdings gibt es den Paternatlismus auch in seiner “bourgeoisen” Variante. Egal, von welchem ideologischen Aussichtspunkt Paternalismus betrieben wird, immer zielt er darauf, individuelle Wahlfreiheit zu begrenzen und immer verspricht er den so Bevormundeten das bessere Leben. Dieses Versprechen setzt voraus, dass die Versprecher sich im Besitz der Formel zum Lebensglück, zum besseren Leben wähnen (nicht befinden), und es setzt voraus, dass sie bestimmen können, was der Sinn des Lebens nicht nur für sie selbst, sondern vor allem für andere ist. Und gerade an diesem Punkt zeigt das Projekt “Paternalismus” doch erstaunliche Lücken, gerade wenn es darum geht, die Gefahren für das Leben bzw. die als richtig angesehene Länge des Lebens zu beseitigen, sind Rezepte und Zielgruppen der Lebenslängeverbesserungs-Projekte, wie man in der Statistik sagt, doch sehr verzerrt.

So zum Beispiel beim Thema Krebs und Herzkreislauferkrankungen. Haupttäter in der Herbeiführung von Ersterem ist angeblich  Rauchen, Raucher entsprechend geächtet, als Hauptursache für Letzteres gilt gemeinhin Bewegungsmangel, Jogging- oder Quer-Feldein-Radfahr-Verweigerer sind entsprechend bedenklich. Die Mission für ein gesünderes Leben, die Regierung, Krankenkassen und Verbände aller Art in trauter Eintracht gegen Raucher und Bewegungsmuffel vorgehen lässt, lenkt indes den Blick von einem weiteren Spielfeld für den Paternalismus ab: dem Fleischkonsum.

Eine nagelneue Studie eines Forscherteams von der Harvard School of Public Health kommt zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Schweinefleisch, Rinderfleisch, Kalbfleisch oder Lammfleisch in behandelter oder nicht behandelter Form das Risiko an Krebs oder an einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zu sterben, erheblich erhöht: “…we found that a higher intake of red meat was associated with a significantly elevated risk of total CVD [cardio-vascular disease] and cancer mortality, and this association was observed for unprocessed and processed food” (An, 2012). In aller Kürze: Wer viel Schweine-, Rinder, Kalb- oder Lammfleisch isst, ist auf gutem Weg sein Leben nicht nur vorzeitig, sondern durch entweder Krebs oder eine Herzkreislauferkrankung zu beenden.

Die Studie aus Harvard ist insofern ein Schwergewicht unter der mittlerweile großen Zahl von Studien zu den Ursachen von Tod durch Krebs- und Herzkreislauf-Erkrankungen, als:

  • die Studie auf einer Grundgesamtheit von 121.342 Männern und Frauen basiert,
  • für diese 121.342 Männer und Frauen Daten seit 1986 vorhanden sind und im Abstand von jeweils zwei Jahren Daten erhoben wurden;
  • der Zeitraum, für den die Untersuchung Daten zur Verfügung hat, somit von 1986 bis 2006 reicht,
  • in diesem Zeitraum 23.926 Befragungsteilnehmer verstarben, 5.910 an einer Herzkreislauf-Erkrankung und 9.464 an Krebs,
  • aus den Ergebnissen die Effekte, die z.B. von Rauchen, Trinken oder Übergewicht auf die Sterbewahrscheinlichkeit ausgehen, herausgerechnet wurden,
  • die Ergebnisse aus einer durchdachten und sehr genauen statistischen Analyse resultieren.

Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der Studie können nicht von der Hand gewiesen werden. Und im Wesenlichen besagen die Ergebnisse, dass die Esser von Schweine-, Rind-, Kalb- oder Lammfleisch ein um 16% höheres Risiko als Nicht-Esser der genannten Fleischsorten haben, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu versterben und ein um 10% höheres Risiko an Krebs zu sterben. Wer die genannten Fleischsorten in verarbeiteter Form zu sich nimmt, der hat ein um 21% höheres Risiko an einer Herzkreislauf-Erkrankung zu sterben und ein um 16% höheres Risiko wegen Krebs das Dieseits zu verlassen als jemand der keine dieser Fleischsorten isst (An, 2012).

Damit haben sich Schweine-, Rind-, Kalb- und Lammfleisch in die Reihe der “Killer”, der Lebensverkürzer eingereiht. Sie stehen mit Rauchen und dem Konsum von Alkohol in einer Reihe und bereiten Paternalisten aller Provenienz Kopfzerbrechen. Was tun? Packungsaufdrucke der Art: “Schweinefleisch tötet” oder “Der Verzehr von Rindfleisch erhöht ihr Risiko, an Krebs zu sterben”? Steuern auf Schweine, Rind-, Kalb- und Lammfleisch, um die unmündigen Konsumenten vom Kauf dieser von der Fleischindustrie in böser Absicht angebotenen Todesursachen abzuhalten? Ein Verzehrverbot für alle genannten Fleischsorten? Man kann die paternalistischen Köpfe bereits rauchen sehen, rauchen im metaphorischen Sinne natürlich – oder auch nicht? Denn immer dann, wenn die Resultate paternalistischer Eingriffe in die Wahlfreiheit von Konsumenten zu nahe an den Lebensstil der Regulationen erlassenden Mittelschicht gelangen, ist es merkwürdig still, wenn es zur Regulation kommt. Wie viel einfacher ist es, dem Arbeiter seinen Korn, dem Dicken aus der Unterschicht seine fetten Pommes oder dem Maurer am Bau seine Zigarette zu besteuern oder madig zu machen als dem gesitteten Besucher des Italieners an der Ecke seinen Grappa oder Valpolicella? Und wenn es an das Sirloin oder Filet-Steak geht, dann ist Schluss mit Paternalismus – wetten?

Salmonella

Aber nein, so ganz können Paternalisten das paternalistisch sein nicht lassen. So hat unlängst das Robert-Koch-Institut vor dem Verzehr von rohem Fleisch gewarnt. Beim Bundesamt für Risikoforschung hat diese Warnung Niederschlag unter der Überschrift “Hackepeter und rohes Mett sind nichts für kleine Kinder!” gefunden. Die Überschrift wird gefolgt von einer höchst unappetitlichen Beschreibung der Inhaltsstoffe rohen Fleisches (Campylobacter, Salmonella Enteritidis, Yersina enterocolitica usw.), gefolgt von einer nicht weniger ekeligen Beschreibung der Folgen, die der Verzehr der genannten Inhaltsstoffe nach sich zieht. Aber: Entwarnung ist angesagt, Salmonellen sind offensichtlich in der Lage, nach Alter zu diskriminieren und so schadet Hackepeter nicht dem gemeinen Menschen, sondern nur kleinen Kindern (und Schwangeren versteht sich). Das mag den Erwachsenen ein Trost sein, die mit den einschlägigen Folgen einer “milderen” Salmonellenvergiftung konfrontiert sind, die sich in allen Richtungen des Verdauungsweges Bahn brechen. Meldungen wie diese lassen vermuten, dass es noch ein weiter Weg ist, bis sich die paternalistischen Schutzmaßnahmen auch auf den Konsum von Fleisch erstrecken – immer vorausgesetzt, es werden keine Kinder oder gar Schwangere durch den Verzehr von Fleisch nachweislich und in großer Zahl geschädigt. Und so zeigt sich der Paternalismus als das, was er ist, en Herrschaftsinstrument, mit dem vermeintlich wohlmeinende Gutmenschen einen Herrschaftsanspruch begründen wollen, mit dem sie den Lebensstil anderer kontrollieren und beschränken, und das die nette Nebenwirkung mit sich bringt, den eigenen Lebensstil für sakrosankt zu erklären.

Literatur
An, Pan, Qi, Sun, Bernstein, M. Adam, Schulze, Matthias B., Manson, JoAnn E., Stampfer, Meir J., Willett, Walter C. & Hu, Frank B. (2012). Red Meat Consumption and Mortality. Archive of Internal Medicine; Online First.

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