Forscher belegen Betrug durch gesetzliche Krankenkassen

Die Analyse, deren Ergebnis wir nun berichten, muss man auf sich wirken lassen.

Die Analyse stammt von deutschen Wissenschaftlern, die am Center for Global Development in Washington, in der Staatskanzlei von Nordrhein-Westfalen, im Bundesversicherungsamt und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigt sind (noch).

Sie wurde unter dem Titel „Plan Responses to Diagnosis-Based Payment: Evidence from Germany’s Morbidity-Based Risk Adjustment“ veröffentlicht.

Zunächst die Einzelheiten.

Seit 2009 erhalten gesetzliche Krankenkassen im Rahmen des Risikostrukturausgleichs mehr Geld für die Behandlung von Krankheiten, mit denen eine höhere finanzielle Belastung für die Krankenkassen einhergeht, z.B. weil sie langwierig sind, die Behandlungen sehr teuer sind. Beispiele sind Diabetes und Hämophilie. Insgesamt sind 80 Krankheiten im Risikostrukturausgleich enthalten.

Damit die Krankenkassen in den Genuss von mehr Geld im Rahmen dieses Risikostrukturausgleiches kommen, ist es notwendig, dass ein niedergelassener Arzt bestätigt, dass die Diagnose von z.B. Diabetes gesichert ist. Derzeit gibt es vier Stufen für die Bewertung von Diagnosen. Neben der gesicherten Diagnose gibt es noch den Verdacht oder den Ausschluss von Krankheit X als Diagnose und es gibt die Rekonvaleszenz, also den Zustand nach Behandlung von Krankheit X.

Relevant für den Risikostrukturausgleich sind nur gesicherte Diagnosen. Nur für gesicherte Diagnosen erhalten die Krankenkassen zusätzliches Geld aus den Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung, damit sie im Wettbewerb, wie es so schön heißt, nicht schlechtergestellt sind.

Einem Ökonomen, der ein solches Arrangement sieht, stehen die Haare zu Berge, denn die zusätzlichen Mittel, die an Krankenkassen für gesicherte Diagnosen in rund 80 Fällen langwieriger oder teurer Erkrankung fließen, sind geradezu eine Einladung zum Betrug oder zum opportunistischen Verhalten, wenn einem diese Formulierung besser gefällt.

Entsprechend würde man erwarten, dass Krankenkassen die Wege nutzen, die ihnen zugänglich sind, um Diagnosen niedergelassener Ärzte in den Fällen, in denen deren Einstufung als „gesicherte“ Diagnose bares Geld für die Krankenkassen wert ist, zu beeinflussen.

Das haben sich auch die vier Wissenschaftler Sebastian Bauhoff, Lisa Fischer, Dirk Göpffarth und Amelie Wuppermann gedacht und auf Basis von 1,19 Milliarden Diagnosen für 43,7 Millionen Patienten untersucht, ob sich nach der Einführung der finanziellen Anreize zum Betrug, wie sie oben beschrieben wurden, also des Risikostrukturausgleichs, wie es in der Amtssprache heißt, Veränderungen ergeben haben, die es nicht geben dürfte, wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde.

Und in der Tat: es gelingt den Autoren Unregelmäßigkeiten, also Betrug nachzuweisen, denn die Häufigkeit der 80 Krankheiten, für die Krankenkassen dann mehr Geld bekommen, wenn ihre Diagnose als gesichert gilt, sie ist im Vergleich zu Krankheiten, für die nicht mehr Geld an die Krankenkassen überwiesen wird, überproportional gestiegen.

Der Anstieg der gesicherten Diagnosen für die 80 Krankheiten, die bei gesicherter Diagnose mit einer erhöhten Vergütung der Krankenkassen einhergehen, liegt zwischen 2.6% und 3.6% höher als der Anstieg bei anderen Krankheiten. Das klingt zunächst nach wenig, tatsächlich ist es beträchtlich, wie die folgende Abbildung zeigt.

Betrug durch gesetzliche KK.jpg

Der Anstieg kann sowohl mit einer veränderten Einstufung der Diagnose erklärt werden, d.h. Ärzte haben nicht gesicherte Diagnosen zu gesicherten umgewidmet, als auch mit einem überproportionalen Anstieg der gesicherten Diagnosen. Der Anstieg, darüber sind sich die Autoren sicher, ist ein nomineller, kein realer, d.h. der Zuwachs bei gesicherten Diagnosen auf Diabetes, wie ihn die Daten der Krankenkassen für den Zeitraum von 2008 bis 2013 ausweisen, geht in Teilen auf Betrug, nicht darauf zurück, dass mehr Personen mit Diabetes diagnostiziert worden wären.

Nun stellt sich die Frage, wer für diesen Betrug verantwortlich ist.

Niedergelassene Ärzte sind die erste Adresse, an die man denkt. Immerhin sind Ärzte für die Einstufung z.B. einer Diagnose auf Diabetes als gesichert verantwortlich. Allerdings bringt eine derartige Veränderung im Einstufungsverhalten Ärzten keinerlei Vorteil. Sie werden für Behandlungen nicht für Einstufungen oder Diagnosen bezahlt. Es bleiben die gesetzliche Krankenkassen. Für gesetzliche Krankenkassen ist jede Einstufung von Diabetes als gesicherte Diagnose bares Geld wert, denn mit jeder gesicherten Diagnose erhalten die gesetzlichen Krankenkassen Geld aus dem Risikostrukurausgleich.

Um den Verdacht, dass Krankenkassen hinter dem nominellen, also nicht realen Anstieg von z.B. Diabetes stecken, zu erhärten, haben sich die vier Autoren gefragt, welche Möglichkeiten den gesetzlichen Krankenkassen offenstehen, um Ärzte und vor allem die Einstufung von Krankheiten durch Ärzte zu beeinflussen. Nun, es sind deren einige, die von der „Schulung“ der Ärzte im Hinblick auf die Kunst der richtigen Einstufung von Krankheiten, über die Anregung, die Einstufung der Diagnosen des letzten Jahres noch einmal zu überprüfen, und zwar dahingehend, ob nicht eine Einstufung als gesicherte Diagnose sinnvoll sei, bis zu finanziellen Anreizen für Ärzte geht, wenn sie bestimmte Diagnosen liefern. Tatsächlich hat das Bundesversicherungsamt, wie die Autoren schreiben, mehrfach interveniert, um entsprechende Anreize zur Beihilfe zum Betrug zu unterbinden. Wie es scheint, mit wenig Erfolg.

Wie hoch der finanzielle Schaden ist, der Beitragszahlern durch die Betrügereien entstanden ist, ist unklar, dass es sich dabei nicht um Peanuts handelt, dürfte klar sein, wir sprechend wohl von Summen, die im mehrstelligen Millionenbereich liegen.


Hinweise für ScienceFiles?
Schreiben Sie uns.

Gibt es ein Recht auf Krankenversicherung?

Ein Beitrag in einem unserer Lieblingsblogs „LewRockwell.com“ hat zur Folge, dass wir unsere Leser heute mit der Frage konfrontieren, ob es ein Recht auf Krankenversicherung gibt.

Viele sogenannte Errungenschaften werden mit der Zeit zu Selbstverständlichkeiten, die einfach da sind. Sie werden nicht mehr hinterfragt, jedenfalls nicht mehr von denjenigen, für die sie zur festen Randbedingung ihres Handelns geworden sind. Die gesetzliche Krankenversicherung ist einfach da. Die Sozialversicherungspflicht sorgt dafür, dass jeder, der einer Tätigkeit nachgeht, Beiträge an die gesetzliche Krankenversicherung zahlt und damit automatisch krankenversichert ist. Aber: Die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung sind allerdings nicht auf diejenigen beschränkt, die Beiträge entrichten.

Ganz im Gegensatz zu den Anfängen der Krankenversicherung unter Bismarck. Damals war die Krankenversicherung noch eine Versicherung, in die zunächst Arbeiter einbezahlen mussten, die im Jahresverdienst unter 2000 Reichsmark blieben. Dafür wurden 13 Wochen lang die Kosten für Arzt und Arzneimittel übernommen, und es gab 13 Wochen lang die Hälfte des Gehalts, das ein Tagelöhner bezogen hat. Ein Drittel der Beiträge zur Krankenversicherung bezahlten die Arbeitgeber, zwei Drittel die Arbeitnehmer. Das war 1883.

In der Zwischenzeit hat sich die Krankenversicherung von einem Solidarsystem, dessen Nutzen denen zu gute kam, die es finanziell getragen haben, zu einem umfassenden Transfersystem verändert, das zwar immer noch von denen getragen wird, die einer nun sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen, aber auch Gesellschaftsmitgliedern zu gute kommt, die nicht in die gesetzliche Krankenversicherung einbezahlen, sei es über die Mitversicherung von Familienmitgliedern, sei es über die freie ärztliche Versorgung von z.B. Migranten.

Aus dem Solidarsystem ist ein Transfersystem geworden, und diejenigen, die unentgeltlich in den Genuss einer von anderen finanzierten Krankenversicherung kommen, sehen die entsprechende Krankenversicherung zwischenzeitlich als ihr gutes Recht an.

Aber hat ein Individuum ein Recht darauf, gegen Krankheit versichert zu sein?

Die Antwort auf diese Frage ist recht einfach. Wir wollen sie mit Andrew P. Napolitano geben, der sie in besagtem Text auf LewRockwell wie folgt gegeben hat:

Government help“Is healthcare a right in America?

In a word, no. Rights are either natural immunities — existing in areas of human behavior that, because of our nature, must be free from government regulation, such as life, liberty and the pursuit of happiness, as well as speech, the press, religion, travel, self-defense and what remains of privacy — or legal claims that we qualify or bargain for, such as the right to vote, which the Constitution presumes, and the right to use your property to the exclusion of all others and the right to purchase a good that you can afford.

But the federal government cannot create a right that the Constitution does not authorize. It can’t constitutionally transfer wealth from taxpayers or employers to others and then claim that the others have a right to the continued receipt of the transfers.”

Was in den USA gilt, gilt auch in Deutschland. Keine Regierung kann Rechte für alle verteilen, deren Finanzierung von nur einem Teil der Bevölkerung geleistet werden muss. Denn wäre dies so, es würde ein Recht zum Nutznießen begründen und damit das Fundament von Gesellschaften beseitigen, denn warum soll ein rationaler Akteur einer Arbeit nachgehen, wenn er ein Recht hat, von der Arbeit anderer zu leben?

Wenn es aber kein Recht zum Nutznießen gibt, wenn es kein Recht gibt, das, was Erwerbstätige erwirtschaften, in Teilen zu enteignen, um nicht-Erwerbstätigen damit eine Krankenversicherung zu gewähren, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten, die entsprechende Enteignung und den damit verbundenen Transfer dessen, was Erwerbstätige erarbeitet haben, zu begründen: Zwang oder Altruismus.

“Genau dieser Punkt führt zu der kontroversen Einschätzung, ob ein Zwang zur Krankenversicherung rechtens ist: Für die einen hat er nichts mit gleicher Freiheit zu tun und bevormundet freie Bürger, für die anderen gehört das Gut der Gesundheit zu den Bedingungen sozialer Autonomie, so dass es nötigenfalls mit Zwang für alle bereitgestellt werden darf.“

Ayan rand intellectualsDieses Zitat stammt aus einer Pressemeldung zur Dissertation von Andreas Braune, der sich mit Freiheit und vor allem mit Zwang, also der Abwesenheit von Freiheit auseinandersetzt. Es stellt zwei Alternativen dar, die man als falsche Alternativen bezeichnen kann, denn die Kosten der Entscheidung einer Krankenversicherung für alle tragen nicht alle, sondern nur die Erwerbstätigen. Die Interessen der Nutznießer einer Krankenversicherung haben daher keine Relevanz, wenn es darum geht, die Frage danach, ob es ein Recht auf Krankenversicherung gibt, zu entscheiden.

Das schließt den zweiten Punkt im obigen Zitat aus: Ob Gesundheit zu den Bedingungen sozialer Autonomie gehört, ist eine Frage, die im Hinblick auf das Recht auf auf Krankenversicherung irrelevant ist, denn jeder hat die Möglichkeit durch Arbeit die Beiträge zu erwirtschaften, die seine Mitgliedschaft in einer solidarischen Krankenversicherung ermöglichen. Deshalb ist es ein Übergriff auf die Freiheit von Menschen, sie in eine Krankenversicherung zu zwingen, und es ist ein Übergriff auf die Freiheit von Erwerbstätigen, sie für die Gesundheit derer, die nicht in eine Krankenversicherung einbezahlen, in kollektive Haft zu nehmen.

Aber, so werden viele Aufgebrachte sagen, aber was ist mit den Kindern? Kinder in die Welt zu setzen, ist eine private Entscheidung. Wer sie trifft, hat sicher über die Kosten, die damit einhergehen, nachgedacht, so dass Eltern sicher bereit sind, ihr Gehalt nicht nur für den Kauf eigener Ansprüche auf eine Krankenversicherung einzusetzen, sondern auch dafür, die Ansprüche ihrer Kinder zu finanzieren. Der oben genannte Altruismus trifft hier zu.

Somit steht am Ende dieser kurzen Diskussion die Erkenntnis, dass es

  1. Kein Recht auf Krankenversicherung gibt;
  2. Zwang zur Durchsetzung eines Transfersystems, das Krankenversicherung für alle auf Kosten von wenigen, vorsieht, nicht legitim ist;
  3. Deshalb Krankenversicherung nur für diejenigen gegeben sein kann, die in eine Krankenversicherung einbezahlen und 
  4. niemand an Altruismus gehindert wird, also daran, sein Einkommen dafür einzusetzen, Anteile in Krankenversicherungen für mehrere Personen zu erwerben.

Letzteres erfolgt als freie Entscheidung, nicht unter Zwang!

Sozialistische Planwirtschaft: Nebenwirkungen der Bürgerversicherung

buergerversicherungDie Tage hat das Rheinsch-Westfälische Institut eine Untersuchung der gesellschaftlichen Folgen eines Instruments sozialistischer Planwirtschaft, nämlich der so genannten Bürgerversicherung veröffentlicht (Augurzky & Felder, 2013). Wie nicht anders zu erwarten, kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis, zu dem bislang noch alle Untersuchungen, die sich mit Instrumenten der sozialistischen Planwirtschaft beschäftigt haben, gekommen sind: Eine Bürgerversicherung wirkt sich negativ auf die Beschäftigung, das Bruttoinlandsprodukt und “die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt” aus.

buergerversicherungndEigentlich muss man kein Prophet sein, um zu sehen, warum sozialistische Planwirtschaft nicht funktionieren kann. Bereits Friedrich A. von Hayek hat in seinem Road to Serfdom darauf hingewiesen, dass sozialistische Planer so wenig in die Zukunft sehen können, wie normale Menschen auch und entsprechend regelmäßig hinter ihren eigenen Planzielen zurückbleiben müssen, weil sich Unvorhergesehenes ereignet (das ist nun einmal so im Leben). Die Geschichte der Fünf- bzw. Siebenjahrespläne in der DDR ist ein beredtes Zeugnis des Versagens sozialistischer Planwirtschaft, und sie zeigt die beiden Hauptgründe, warum sozialistische Planwirtschaft regelmäßig scheitern muss:

“Die Planung der Wirtschaft bringt die Notwendigkeit mit sich, eine umfangreiche Bürokratie aufzubauen, denn die Planung muss bis auf die unterste Ebene erfolgen. Entsprechend muss die zentrale Planbehörde u.a. die Produktions- und Distributionsabläufe in den Unternehmen bis ins Detail festlegen und die Koordination einer Vielzahl von wirtschaftlichen Teilvorgängen bewerkstelligen. Bereits an diesen beiden Aufgaben ist die zentrale Planbehörde gescheitert, weil sie (1) nicht im Besitz aller notwendigen Informationen war und (2) die notwendigen Kalkulationen die Planbehörde schlichtweg überfordert haben.” (Sass, 1968, S.24.)

Und:

Der sozialistische Arbeitermensch strebt nicht nach mehr als ihm per Plan zugestanden wird. Er hat keine „ordinären Konsumwünsche“, beschränkt seine Konsumwünsche auf das Notwendige und ist am Wohlergeben des Kollektivs interessiert. (dazu: Roesler, 2005, S.40-42)

.

Hayek KnechtschaftIm Wesentlichen führt sozialistische Planwirtschaft zum Aufbau einer immensen Bürokratie, die alles um sie herum in Regelungen erstickt und über kurz oder lang den Zweck ihres Daseins mutiert und nur noch am Selbsterhalt interessiert ist. Fast noch wichtiger: sozialistische Planwirtschaft scheitert regelmäßig am wirklichkeitsfremden Menschenbild, das an die Planbarkeit und Vorgebbarkeit individueller Bedürfnisse glaubt und Menschen kaum mehr zugesteht, als dass sie steuerbare Einheiten sind, die ihre Bedürfnisse, Träume und Wünsche dem anpassen, was ihnen vorgegeben wird. In der DDR war “das Kollektiv” der Hort alles Guten, an dem Individuen ihre Bedürfnisse und Wünsche auszurichten hatten, heute ist es die Solidarität mit der Gemeinschaft, die von Linken, die immer noch an die Planbarkeit des Unvorhersehbaren und des Glücks glauben, ins Feld geführt wird.

Muss man den Planern in der DDR attestieren, dass sie immerhin versucht haben, die widrigen Auswirkungen einer nicht vorhersehbaren Zukunft zu begrenzen, so belasten sich linke Parteien der Jetztzeit nicht mehr mit derartigem Ballast. Warum auch? Realität, reale Menschen, deren Verhalten, Bedürfnisse und Wünsche stehen sozialistischen Plan-Wolkenkuckucksheimen im Weg und sind entsprechend nur hinderlich dabei, wenn man z.B. die Einführung einer Bürgerversicherung fordert, Natürlich wird die Einführung einer Bürgerversicherung unter dem Banner der Solidarität und mit Bezug auf die Gemeinschaft gefordert, wie dies bei Sozialisten so üblich ist.

Die LInke

So fordert die Linke die Einführung einer Bürgerversicherung und die Abschaffung der privaten Krankenversicherung. Beiträge zur Bürgerversicherung sollen entsprechend des Einkommens erhoben werden, wobei Löhne, Honorare, Miet-, Pacht- und Kapitalerträge als Einkommen zählen. Der Vorschlag läuft auf die Schaffung eines zweiten Finanzamts hinaus, denn ein solches wäre notwendig, um die Einkommen von Personen zu veranschlagen und den Bürgerbeitrag zu erheben. Die Linke geht davon aus, dass Beitragszahler, die mehr Beitrag entrichten, dennoch mit derselben “Grundversorgung” zufrieden und glücklich darüber sind, dass sie die Gemeinschaft und vor allem alle nicht-Beitragszahler durchfüttern dürfen.

grueneAuch die Grünen wollen die private Krankenversicherung abschaffen, allerdings schrittweise, indem sie den Neuabschluss von Verträgen privater Krankenversicherung untersagen wollen. Alle Bürger sind in der Bürgerversicherung pflichtversichert. Die Beitragshöhe richtet sich nach dem Gesamteinkommen, wie bei der Linken auch, mit denselben Folgen. Besonders interessant sind die Regelung der Mitversicherung: Kinder sind unentgeltlich mitversichert, Ehegatten bzw. Lebenspartner, die Kinder erziehen, sind unentgeltlich mitversichert, wer Pflegeleistungen zuhause erbringt, ist unentgeltlich mitversichert und um die Höhe der Beiträge zu berechnen, wird das Haushaltseinkommen durch zwei geteilt. Auch in der Grünen Gesellschaft sind alle glücklich, mehr zu bezahlen und die gleiche Leistung zu erhalten wie diejenigen, die gar nichts beitragen. Auch bei den Grünen stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen Solidarität, Ausnutzung und Nutznießen verläuft. Aber das ist eine Frage, die gerade Politiker sich eher nicht stellen.

SPDDie SPD will private Krankenversicherungen nicht verbieten, aber auf zusätzliche Leistungen beschränken. Alle Deutschen sind nach den Plänen der SPD in einer Bürgerversicherung pflichtversichert. Die Beitragshöhe zur Pflichtversicherung richtet sich nach der Höhe des durch selbständige oder unselbständige Arbeit erzielten Einkommens. Obwohl der moderateste Plan, wird auch die SPD Variante der Bürgerversicherung über kurz oder lang das Ende des Wettbewerbs zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung herbeiführen und abermals steht die Frage im Raum, wo Solidarität aufhört und blankes Ausnutzen und Nutznießen anfängt.

Die Vorschläge der linken Parteien, die darauf abzielen, eine gesetzliche Krankenversicherung zu retten, die in Kürze unbezahlbar werden wird, zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie die Menschen, die Politiker so gerne im Mund führen, nicht in Rechnung stellen. “Die Menschen”  werden im Aggregat nicht in Rechnung gestellt, als Bevölkerung, die einer demographischen Entwicklung unterliegt, und sie werden als Individuen, die auf Randbedingungen reagieren, nicht in Rechnung gestellt. So zeigt die Geschichte, dass immer dann, wenn Menschen mit den gierigen Fingern sozialistischer Staaten in ihren Taschen und mit den Knappheiten sozialistischer Planwirtschaft konfrontiert waren, Schattenwirtschaften entstanden sind, individuelle Absprachen getroffen wurden, um das System zu unterlaufen oder, ganz krude, die Flucht in eine bessere Welt unternommen wurde, entweder spirituell, in dem derjenige, der viel verdient, viel Beitrag bezahlt und wenig davon hat, seinen Job an den Nagel hängt und sich zukünftig weigert, Zahlvieh zu spielen, oder die materielle Flucht durch Auswandern in eine nicht-sozialistische Gesellschaft. Im Ende sind es immer die vom sozialistischen Plan abweichenden Handlungen der Menschen gewesen, ihre nicht plankonformen Bedürfnisse, die das Ende der sozialistischen Planspiele herbeigeführt haben.

DDR MangelwirtschaftEntsprechend muss man, wie gesagt, kein Prophet sein, um das Ende auch des sozialistischen Planspiels der “Bürgerversicherung” vorherzusehen. Schade ist nur, dass der Schaden, den die entsprechenden Spiele anrichten, erst eintreten muss, der wirtschaftliche Niedergang, die steitige Verschlechterung der Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung, die kontinuierliche Reduzierung des Leistungsniveaus, die Abwanderung der Leistungsträger, die Demotivation der Bürger, die noch leistungswillig waren usw. damit das Scheitern so offenkundig wird, dass man es nicht mehr wegreden kann oder mit Solidaritätsaufrufen übertünchen. Und so bedarf es wohl wieder eines Zusammenbruchs, einer heruntergewirtschafteten Wirtschaft bevor manche einsehen, dass man die Zukunft nicht planen kann, dass man Menschen nicht vorgeben kann, wie sie zu sein haben und einmal mehr, dass man vor allem Leistungsträger auf Händen tragen muss, denn die Gemeinschaft lebt von ihnen und nicht von denen, die von ihnen nutznießen.

AnthemNatürlich gibt es Mittel, diese Probleme, die letztlich von abweichenden Wünschen, Bedürfnissen und Handlungen ausgehen, zu behandeln. Man kann Abweicher dämonisieren, als Egoisten oder Feinde am Volkskörper, man kann potentielle Auswanderer mit Mauern und Selbstschußanlagen abschrecken und die Probleme der eigenen Wirtschaft widrigen Umständen, die natürlich von Systemgegenern, von Kapitalisten von Nichtsozialisten zu verantworten sind, unterschieben. Man kann Gulags und Lager bauen, um Renitenz zu behandeln und Helden der Arbeit ausloben, um der Demotivation von Leistungsträgern einen unwirksamen Anreiz zu setzen. Nur eines kann man nicht: Die Wünsche und Bedürfnisse von Menschen kontrollieren. Man kann Menschen nur bedrohen und ihnen die Kosten dafür hochsetzen, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse artikulieren. Gemeinhin bedarf es dazu einer Form der Terrorherrschaft, die Abweichungen von vorgegebenen Bedürfnissen als Entartung darstellt und verfolgt. Geschichte wiederholt sie eben doch – ständig.

Literatur

Augurzky, Boris & Felder, Stefan (2013). Volkswirtschaftliche Kosten und Nebenwirkungen einer Bürgerversicherung. Essen: RWI.

Roesler, Jörg (2005). Massenkonsum in der DDR: zwischen egalitärem Anspruch, Herrschaftslegitimation und ‘exquisiter’ Individualisierung. Prokla, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 138: 35-52.

Sass, Peter (1968). Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftspolitik in der DDR. Gewerkschaftliche Monatshefte 21-26.

Translate »
error: Content is protected !!
Skip to toolbar