Pilgern gegen Straftaten (Unsinn der Woche)

Man muss es Sozialpädagogen lassen: Wenn es darum geht, an das Geld von Steuerzahlern zu kommen, dann sind sie findig, wie sonst kaum jemand. Was Sozialpädagogen alles an Therapien und Maßnahmen in öffentlich finanzierte Programme eingeschleust haben, vom betreuten Wohnen auf dem Bauernhof bis zum Antigewaltkurs, bei dem aus dem notorischen Schläger der liebende Nächste werden soll … Respekt.

Findig wie sie sind, haben sie sich eine neue Masche einfallen lassen, um denjenigen ein Auskommen zu verschaffen, die von Universitäten und Fachhochschulen in immer größerer Zahl auf den Markt der Sozialpädagogik drängen:

Lamnek_abweichendes VerhaltenPilgern mit Straftätern, nein mit „Menschen … die an sich oder der Gesellschaft verzweifelt sind, denen Arbeitslosigkeit, Armut oder Gefängnis drohen“. Denn siehe, wenn Ede in Dein Haus einsteigt und Deinen Mammon mit nimmt, dann liegt das nicht daran, dass Ede ein Einbrecher ist, nein, es ist ein Akt der Verzweiflung. Überhaupt ist delinquentes Verhalten nicht dem zuzurechnen, der es zeigt, sondern der Gesellschaft. Linke randalieren durch Berlin: Die Gesellschaft ist schuld. Jugendliche schlagen einen noch jugendlicheren krankenhausreif: Die Gesellschaft ist schuld. Ein Angestellter im Finanzdienstleistungsgewerbe überweist das Geld seiner Kunden auf sein eigenes Konto: Er ist an sich verzweifelt oder es drohte ihm die Armut, wer weiß. Ein Nazi schlägt einen Asylbewerber: auch ein Verzweifelter der Gesellschaft, dem nun Gefängnis droht.

Oder schlimmer noch: Es droht ihm und allen, die aus Verzweiflung strafrechtlich in Erscheinung getreten sind, also Omas Handtasche gestohlen oder Polizisten mit Pflastersteinen beworfen haben, das Pilgern. Das betreute Andächtigsein auf dem Weg nach Santiago de Compostella oder Lourdes oder nach Jerusalem (oder nach Mekka?).

Gottfredson crimeDas macht sicher Spaß. Vor allem denen, die betreuend mitlaufen, wenn die Straftäter sich auf die Pilgerschaft machen.
Einst hat ein Leipziger Landrichter eine Geschichte zum Besten gegeben, die aus einer Zeit stammt, als er fast, aber noch nicht ganz Landrichter war. Er war zum Urlaub in Neuseeland, hat sein Erspartes dafür aufgebraucht, um die atemberaubende Natur von Neuseeland zu sehen und zu bewundern. Er war dort nicht allein. Ein Sozialarbeiter mit einem jugendlichen Straftäter hat seinen Pfad gekreuzt. Steuerzahler hatten beiden die Reise und den vierwöchigen Aufenthalten bezahlt. Und beide waren bemüht, in Zukunft ein straffreies Leben zu führen, Neuseeland soll dabei irgendwie helfen. Das hat auf den angehenden Landrichter abschreckend gewirkt. Anschließend wollte er um keinen Preis mit jugendlichen Straftätern etwas zu tun haben. Er sei nach der Erfahrung einfach nicht mehr neutral, so hat er gerne gesagt.

So wie die vierwöchige Reise nach Neuseeland beim Versuch, nicht an sich zu verzweifeln und in Zukunft keine Straftaten mehr zu begehen, vielleicht helfen kann, so kann vielleicht auch die Pilgerschaft nach Lourdes, Mekka, oder Jerusalem helfen. Vielleicht. Vielleicht wird der Schläger aus Berlin zu einem heiligen Mann, wenn er in Lourdes angekommen ist, geht in ein Kloster und verprügelt fortan nur noch sich selbst: Selbstkasteiung. Vielleicht wird der Serieneinbrecher zu einem ehrbaren Menschen, wenn er die (Pilger-)Reise nach Jerusalem erfolgreich bestanden und mit dem Leben davon gekommen ist. Manche Erfahrungen sollen Menschen ja verändern.

Manche, vielleicht. Und genau hier liegt das Problem der sozialpädagogischen Ansätze: Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass Straftäter, die auf Pilgerschaft gehen oder irgend einer anderen sozialpädagogischen Maßnahme unterzogen werden, deshalb nicht mehr straffällig sind bzw. werden. Es gibt keine Untersuchung, die den Erfolg von sozialpädagogischen Interventionen evaluiert: Es gibt keine Untersuchung, die sich dafür interessiert, wie die Jugendlichen, die man durch den Erlebnispark in Haßloch gescheucht hat, ihre Erfahrung in ihrem täglichen Leben umsetzen. Denn niemand interessiert sich für die Jugendlichen, die verzweifelt an der Gesellschaft oder sich selbst, ihr Heil im blauen Auge des Gegenüber suchen. Die meisten Sozialpädagogen sind eher daran interessiert, Maßnahmen durchzuführen, eher nicht daran, die Maßnahmen dahingehend zu evaluieren, ob sie außer Sozialpädagogen auch anderen etwas bringen.

Es geht um rent seeking, darum, sich ein Auskommen auf Kosten der Allgemeinheit zu verschaffen, mit Programmen, Maßnahmen und Aktionen, die Steuerzahler Geld in einer Höhe kosten, die vermutlich in keinem Verhältnis zum Erfolg steht.

Cornish Clarke crimeAber vielleicht tun wir den Sozialpädagogen, die am 15. September in Dresden über die Nutzung der Pilgerschaft zur Bekämpfung von Delinquenz diskutieren wollen, ja unrecht. Vielleicht sind sie ja gar nicht der Meinung, dass die Pilgerschaft etwas bringt, sondern die Drohung, dass man, wenn man eine Straftat begeht, auf eine Pilgerschaft geschickt werden kann. Das wäre dann im Einklang mit der am besten empirisch bewährten Theorie, die die Kriminologie zu bieten hat: Abschreckung. Je wahrscheinlicher eine Bestrafung für delinquentes Verhalten, je höher bzw. empfindlicher die Strafe und je schneller sie die Straftäter trifft, desto geringer die Gefahr einer Wiederholung delinquenten Verhaltens.

Aber hier sind wir wieder beim vielleicht, vielleicht kennen Sozialpädagogen kriminologische Theorien, vielleicht auch nicht. Wir tendieren dazu Letzteres zu vermuten und empfehlen daher eine Pilgerschaft in die nächste Universitätsbibliothek: Siegfried Lamnek ist ein guter Anfang, Gottfredson und Hirschi eine gute Fortsetzung und Cornish und Clarke ein guter Abschluss.


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Forscher der Uni Bonn: Wir züchten den neuen, nein: den richtigen Menschen

Falls Sie es noch nicht gewusst haben: Der moderne, der richtige Mensch ist prosozial. Prosozial zu sein ist wichtig, gut, richtig, denn: “[p]rosociality is a particularly important aspect of human personality and affects a wide range of economic decisions and outcomes” (Kosse et al. 2015: 1). Prosozialität ist also richtig und wichtig. Warum? Ja, weil Prosozialität eben richtig und wichtig ist, Prosozialität, Sozialität eben – verstanden?

white mouseDie Erforschung von “Prosozialität” ist das neueste Steckenpferd des Bonner Professors Armin Falk, der ansonsten dadurch auffällt, dass er hilflose Mäuschen im Namen der Sozialforschung ermordet (wohl eher ermorden lässt). Mit der Prosozialität hat er nun noch eine Schippe draufgelegt: Die Anleitung zur Züchtung des richtigen Menschen.

Und so geht’s (Im Folgenden stellen wir die Methode “Falk” zur Bestimmung der Prosozialität vor. Sie kann hier nachgelesen werden.):

Schritt 1:

Also Liebe Leser, stellen Sie sich vor, sie haben sechs Goldbarren und müssen sich nunmehr dreimal hintereinander entscheiden, ob sie zwei Goldbarren für sich behalten oder einen Goldbarren behalten und einen an einen armen Menschen in Köln oder Stuttgart oder in Lome, Togo abgeben.

Wenn Sie sich dreimal hintereinander entscheiden, alle Goldbarren für sich selbst zu behalten, dann schreiben Sie sich jetzt bitte sechs Punkte gut. Wenn Sie sich entscheiden, dreimal zu teilen, dann schreiben Sie sich bitte keinen Punkt gut, und wenn Sie einmal so und zweimal anders entscheiden, egal wie, dann schreiben Sie sich 100 Punkte gut

Schritt 2:
Das ist einfach. Stimmen Sie den folgenden Aussagen zu oder nicht:

    • Anderen Menschen kann man trauen.
    • Andere Menschen haben gute Absichten mir gegenüber.
    • Man kann sich auf andere Menschen verlassen, auch wenn man sie nicht gut kennt.

Wenn Sie alle drei Fragen verneint haben, dann schreiben Sie sich bitte 6 Punkte gut, wenn sie alle drei Fragen bejaht haben, dann schreiben Sie sich 0 Punkte gut, und wenn Sie alterniert haben, wie auch immer, dann schreiben Sie sich 3000 Punkte gut.

Schritt 3:
Noch ein paar Fragen. Was meinen Sie, wie andere Sie einschätzen. Auch dieses Mal können sie einfach mit ja oder nein antworten:

        Wie werden Sie von anderen eingeschätzt?

      • Geht rücksichtsvoll mit den Gefühlen anderer um.
      • Teilt bereitwillig mit anderen.
      • Hilft, wenn jemand verletzt oder verärgert ist oder sich schlecht fühlt.
      • Ist nett zu anderen.
      • Bietet sich freiwillig an, um anderen zu helfen.

Wenn Sie fünfmal mit nein geantwortet haben, schreiben Sie sich bitte wieder 6 Punkte zu, wenn sie fünfmal mit ja geantwortet haben, dann schreiben Sie sich bitte 0 Punkte gut und wenn sie alterniert haben, dann schreiben sie sich dieses Mal 50000 Punkte zu.

Und nun addieren Sie die Punkte aus den drei Runden.

Ethik fuer dummiesDer korrekte, der neue Mensch, den die Bonner züchten wollen, er ist die glatte Null. Alle, die insgesamt 0 Punkte erreicht haben, sind optimal und dürfen sich freuen, denn ihnen bleibt die Umerziehung erspart. Alle, die 18 Punkte erreicht haben, sind asoziale Schweine, die den Zweck des Lebens nicht verstanden haben, denn der Zweck des Lebens, er besteht darin, sich wie Schritt 1 zeigt, als irrationaler Akteur zu erweisen, der mit Leuten teilt, die er nicht kennt, von denen er nichts weiß und die er anhand keiner Kriterien von anderen differenziert.

Als ein solcher irrationaler Akteur legen Sie keinen Wert auf Leistung, gehen davon aus, dass jeder Mensch gleichviel Anspruch auf ihren Goldbarren hat und machen entsprechend keinerlei Unterschiede. Sie sind ein wahrer Heiliger, der mit dem Raubmörder in gleicher Weise teilt, wie mit dem netten Typen von nebenan, der ihnen immer den Wasserkasten schleppt.

In Schritt zwei haben sie sich darüber hinaus als vertrauensseliger Naivi erwiesen, den man perfekt ausnehmen kann, von dem in keiner Weise Widerspruch oder gar Widerstand zu erwarten ist, wenn ihn sein Staat zum Teilen der Wohnung oder des Autos oder zur Abgabe seines kompletten Eigentums auffordert. Sie sind voller Vertrauen, dass es damit schon seine Richtigkeit haben wird. Bürger wie sie braucht das Land.

Schließlich haben Sie sich im dritten Schritt als wirklich Heiliger erwiesen, der kein ich kennt und dessen ganzes Leben aus dem Opfer des eigenen Daseins für andere besteht. Egal, welches Leiden die anderen haben, egal, welche Probleme andere drücken, Sie sind da und helfen, umsonst natürlich, in freiwilliger Selbstverpflichtung und im ehrenamtlichen Engagement. Sie sind nützlich, heilig und naiv.

Kurz: Der neue Mensch ist ein irrationaler, naiver Heiliger, der von anderen optimal ausgenutzt werden kann und sich perfekt instrumentalisieren lässt, weil er in seiner Heiligkeit nicht merkt, wenn man den Affen mit ihm macht. Das also ist er, der neue Mensch.

beakerUnd es gibt ihn bereits häufiger in den mittleren und höheren sozialen Schichten, so haben Falk und seine Kumpane herausgefunden. Nur in der Unterschicht, da hat man noch den eigenen Vorteil im Blick, ist rational und denkt man müsse Unterschiede zwischen Menschen machen, denn nicht alle Menschen sind gut und entsprechend kann man nicht allen Menschen trauen. Und zudem denken Unterschichtler, dass nicht jeder es verdient, geholfen zu bekommen, dass es Ausnutzer und Faulenzer gibt, die sich auf Kosten anderer, anderer Naiver ein gutes Leben verschaffen wollen, am besten ohne Arbeit und hinter einem Schreibtisch in einem Amt, in dem man über die Unterschicht wachen kann.

Aber, auch das haben Falk und seine Kumpane herausgefunden, der Unterschicht kann geholfen werden. Werden Kinder bereits in der Grundschule in ein Mentorenprogramm gesteckt, dann entwickeln sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zum richtigen Menschen, zum neuen Menschen, den Falk und Kumpane gerne züchten wollen: Sie erinnern sich, der irrationale, vertrauensselige, heilige Depp, den man so trefflich ausnutzen kann.

Entsprechend lautet die Auflösung unseres kleinen Experiments:

    • 0 Punkte – Bei Ihnen ist jede Hoffnung verloren. Sie sind schon der richtige Mensch, der Zombie der Moderne.
    • 18 Punkte – Sie gehören zum rationalen Widerstand, zum Kreis derer, die noch wissen, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt.
    • mehr als 100, 3000 oder 50000 Punkte, es besteht noch Hoffnung für Sie, aber die Hoffnung sie schwindet mit der Höhe der Punktzahl.

Es wird niemanden verwundern, dass die Mitglieder der ScienceFiles-Redaktion, wohl geprägt von ihrer Herkunft aus der Arbeiterschicht, alle zu denen gehören, für die keine Hoffnung mehr besteht, zum richtigen Menschen wie Armin Falk ihn will, zu werden. Prosozialität ist bei uns dem Realismus gewichen: Wir sind der rationale Widerstand!

Wer sich dafür interessiert, wie Armin Falk und seine Kumpane Grundschulkinder manipulieren und für ihre politisch-korrekte Anbiederungsforschung missbrauchen, der kann sich hier davon überzeugen, dass es keine Ethikkommission gegeben hat, die dem Missbrauch an Grundschulkindern einen wie auch immer gearteten Riegel vorgeschoben hätte.

Kosse, Fabian, Deckers, Thomas, Schildberg-Hörisch, Hannah & Falk, Armin (2015). The Formation of Prosociality: Causal Evidence on the Role of Social Environment.

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“Kindeswohlgefährdung” – Entmündigung von Eltern

Ein Hilferuf, der auf Politaia veröffentlicht wurde, und von dem wir im Zusammenhang mit dem Beitrag über Schulsozialarbeit erfahren haben, hat uns für Jugendämter und ihre Tätigkeiten, vor allem die Grundlage ihrer Tätigkeit sensibilisiert. Dies auch vor dem Hintergrund, dass unlängst, am 29. Juli 2013 das Statistische Bundesamt meldete, dass deutsche Jugendämter im Jahre 2012 107.000 Gefährdungseinschätzungen für Kinder durchgeführt haben. (Keine Pressemeldung war dem Statistischen Bundesamt die Veröffentlichung der Statistik zu “Vorläufigen Schutzmaßnahmen” wert, der man entnehmen kann, dass 2012 insgesamt 40.227 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen wurden, 18.435 (46%) davon auf Betreiben des Jugendamts und.)

“Die Gefährdungseinschätzung”, so heißt es in der Pressemeldung des Statistischen Bundesamts, “wird vorgenommen, wenn dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines … Minderjährigen bekannt werden…”

Im angesprochenen Hilferuf, so kann man dem verlinkten Beitrag entnehmen, geht es um ein offensichtlich minderjähriges Mädchen, das wohl länger als 12 Tage dem Schulunterricht fern geblieben ist. Entsprechend hat “das Jugendamt” veranlasst, dass morgens um 6.55 Uhr die Tür zur Wohnung der Mutter des Mädchens aufgebrochen und das Mädchen in die Jugendpsychiatrie Regensburg eingewiesen wurde.

Jugendamt_-_Unterstuetzung_die_ankommtEin solches brachiales Vorgehen, zu dem es offensichtlich nur wenig Anlaß braucht, weckt – zumindest bei kritischen Gemütern – die Frage, welche Vollmachten Jugendämter auf welcher rechtlichen Grundlage haben. Wir haben auf ScienceFiles schon häufiger die Ansicht geäußert, dass der vorgebliche Schutz von Kindern und Jugendlichen im Rahmen einer staatsfeministischen Ideologie genutzt wird, um Freiheitsrecht, in diesem Fall die Rechte von Eltern einzuschränken bzw. zu beseitigen. So wird der Jugendschutz genutzt, um Zugang und Freiheit des Internet zu beschränken oder um Konsumgewohnheiten Erwachsener zu illegalisieren uvm. Entsprechend stellt sich uns die Frage, ob Vorgehen wie das beschriebene, das in die Klasse der “Inobhutnahmen” fällt, einen Einzelfall darstellen, systematisch zu finden sind, um z.B. Eltern aus der Unterschicht zu terrorisieren, die vom Mittelschichtsideal der “Elternschaft” abweichen, oder um z.B. Kinder, die nicht dem Schülerideal der öffentlichen Schule entsprechen unter die Ägide staatlicher Instanzen zu stellen und aus ihrem Elternhaus zu entfernen und – vor allem – mit welchen rechtlichen Grundsätzen sie legitimiert werden.

Die oben angesprochene Statistik des Statistischen Bundesamtes hilft schon ein wenig weiter. Die 107.000 Einschätzungen der Gefährdung des Kindeswohls sind eigentlich 106 623. In 16.875 Fällen kamen die Einschätzer vom Jugendamt zu dem Ergebnis, dass eine aktue Gefährdung des Kindeswohls vorliegt, in 21.408 Fällen haben sie eine latente Gefährdung ausgemacht. Der Unterschied zwischen beiden besteht, soweit sich feststellen lässt, darin, dass im ersten Fall, das vermeintlich gefährdete Kind aus der Familie entfernt wird, während im zweiten Fall die gesamte Familie unter die Aufsicht des Jugendamtes gestellt wird. Für einen Sozialforscher ist zunächst jedoch interessant, dass die Einschätzer der Kindeswohlgefährdungen in 68.340 oder 64,1% der Fälle, die ihnen bekannt werden, eine Familie heimsuchen, bei der sich keine Kindeswohlgefährdung feststellen lässt. Eine Fehlerquote von 64% ist normalerweise Anlass, das Prozedere zu hinterfragen. Im vorliegenden Fall sollte es daher Anlass sein, die Frage zu untersuchen, welche “Verdachtsmomente” Jugendamtsmitarbeitern zur Intervention in Familien ausreichen, denn ganz offensichtlich sind die entsprechenden “Verdachtsmomente” zu vage, um die großflächige Intervention, über die das Bundesamt Statistik führt, zu legitimieren.

Davon abgesehen stellt sich die Frage, was man unter “Kindeswohl” und einer Gefährdung des Kindeswohls zu verstehen hat. Wie immer, wenn es um Kinder, Jugendhilfe oder irgend etwas geht, was mit Sozialer Arbeit, Pädagogik oder Sozialpädagogik zu tun hat, trifft man zunächst auf eine erstaunliche Leere. Eine konkrete Definition dessen, was man als akute Kindeswohlgefährdung anzusehen hat, ist nicht auffindbar. Eine Broschüre des BMFSFJ, die in Kapitel 7 verspricht anzugeben, wie sich Kindeswohlgefährdung erkennen lasse, zeigt eine Vielfalt körperlicher Verletzungen, also Belege für eben keine Gefährdung, sondern für eine erfolgte Schädigung. Wie so oft, betreiben öffentliche Institutionen eine Vermengung von tatsächlichen Ereignissen und möglichen Ereignissen. Wie so oft, steht dahinter eine Agenda von Herrschaft und Kontrolle.

DJI HandbuchLetzteres wird deutlich, wenn man die Publikation des Deutschen Jugendinstituts mit dem Titel “Handbuch Kindeswohlgefährdung” zu Rate zieht und den darin von Heike Schmidt und Thomas Meysen verfassten Beitrag mit dem Titel “Was ist unter Kindeswohlgefährdung zu vestehen?” liest. Das erste Indiz dafür, dass hier Herrschaft und Kontrolle unter dem Deckmantel des Kinderschutzes ausgeübt werden soll, findet sich darin, dass das Verständnis von Kindeswohlgefährdung nicht an konkreten Tätigkeiten, die das Kindeswohl gefährden, gebunden ist, sondern an juristische Sprachspiele.

So stellen Schmidt und Meysen zunächst fest, dass es drei Kriterien sind, die eine Kindeswohlgefährdung bestimmen:

  • eine gegenwärtig vorhandene Gefahr,
  • die Erheblichkeit der Schädigung und
  • die Sicherheit der Vorhersage.

Bereits in dieser Auflistung ist deutlich, dass es nicht um aktuelles Kindeswohl oder den Schutz von Kindern gehen kann. Man lasse sich nicht täuschen, von der “Erheblichkeit der Schädigung”, denn damit ist kein Zustand gemeint, der eingetreten ist, sondern einer, der eintreten könnte, wie sich zeigt, da die Sicherheit der Vorhersage der Gefährdung eine Rolle spielen soll.

Gefährdung des Kindeswohls ist eine subjektive Variable, die von Beobachtern, die nicht Familie und nicht das betroffene Kind sind, objektiviert werden soll, in diesem Fall vom Jugendamt. Entsprechend ist die Einschätzung einer “gegenwärtig vorhandenen Gefahr” der Dreh- und Angelpunkt der Kindeswohlgefährdung. Eine gegenwärtig vorhandene Gefahr kann ein Jugendamtsmitarbeiter bereits orten, wenn elterliches Tun oder Unterlassen aus seiner Sicht inadäquat ist, konkrete Lebensumstände nicht der Norm entsprechen bzw. die Entwicklung des Kindes von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Wie sehr diese drei Kriterien der Willkür oder der Tageslaune von Jugendamt und Familienrichter ausgeliefert sind, zeigt sich an den folgenden beiden Zitaten aus dem Beitrag von Schmid und Meysen:

“In der Praxis wird es in vielen Fällen jedoch darauf ankommen, Lebensumstände bzw. Tun oder Unterlassen der Eltern mit den Bedürfnissen des Kindes in Beziehung zu setzen … Da die Bedürfnisbefriedigung des Kindes … maßgeblich ist, muss ein solches elterliches Tun oder Unterlassen gegenüber dem Familiengericht in der Regel nicht mit dem gleichen, sehr hohen Beweisstandard nachgewiesen werden.” (2-5)

Die Kindesbedürfnisse werden in diesem Fall selbstverständlich von den Mitarbeitern des Jugendamts definiert, die sich zum Anwalt der Kinder machen, um deren Bedürfnisse nicht nur zu definieren, sondern auch gegen die Eltern der Kinder zu vertreten. Die jugendamtliche Phantasie darüber, in welchem Maße die vom Jugendamtsmitarbeiter für wichtig befundenen und den Kindern zugeschriebenen Bedürfnisse von den Eltern nicht erfüllt werden, reicht dann aus, um vor Gericht eine Inobhutnahme zu erwirken, denn nichts anderes sagen die “nicht gleichen … Beweisstandards” aus.

“Ein Verzicht auf eine konkret benennbare gefährdungsursächliche Einzelhandlung ist dann möglich, wenn bei der Suche nach der Ursache für die Gefahr im Rahmen der Fallkategorie des “unverschuldeten Versagens” argumentiert werden kann, dass die betroffenen Sorgeberechtigten aufgrund persönlicher, familiärer oder im Kind bzw. in der wechselseitigen Beziehung begründeter Umstände in einem derartigen Ausmaß in ihrer Entwicklungsfähigkeit eingeschränkt sind, dass das Auftreten einer Gefährdung mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden kann”.

Jugendamt nein dankeWenn also ein Jugendamtsmitarbeiter der Ansicht ist, ein Sorgeberechtigter sei überfordert mit der Erziehung seines Kindes, aus persönlichen, familiären Gründen oder weil die Beziehung zu seinem Kind belastet ist, wodurch auch immer, der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, dann kann er aus seiner unbegründeten Meiunung eine Prognose für die Zukunft ableiten und eben einmal annehmen, dass das “Auftreten einer Gefährdung mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden kann”. Angesichts der prognostischen Fähigkeiten, die Mitarbeitern in Jugendämtern hier eben einmal zugeschrieben werden, fragt man sich, warum die Mitarbeiter es nötig haben, Mitarbeiter des Jugendamts zu sein, denn da sie offensichtlich in die Zukunft blicken können und damit das können, was trotz elaborierter statistischer Verfahren Sozialforschern nur mit Wahrscheinlichkeit möglich ist, sollten Sie Lotto spielen und den Hauptgewinn nutzen, um sich lebenslang nach Mallorca abzusetzen.

achtung_jugendamtWieder einmal steht am Ende einer Analyse, die nach der Basis erheblicher Eingriffe gesucht hat, die z.B. das Aufbrechen einer Haustür und der damit einhergehende Übergriff auf die Unverletztlichkeit der Wohnung, sowie die Verfrachtung eines Kindes in die Kinderpsychiatrie darstellt, die Feststellung, dass die entsprechenden Eingriffe auf Willkür und Mutmaßung basieren. Abermals muss festgestellt werden, dass Unsicherheit, die daraus entsteht, der Willkür und Mutmaßung öffentlicher Institutionen und ihrer Bediensteter ausgesetzt zu sein, das ist, was faschistische Systeme auszeichnet. Abermals muss festgestellt werden, dass Kinder zum Staatsgut geworden sind und Eltern ihre Erziehungsrechte solange ausüben dürfen, so lange sie nicht den Argwohn der Schergen ihres Staates erregen. Und um es noch einmal zu sagen: Wer in Kenntnis dieser Umstände Kinder in die Welt setzt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Schulsozialarbeit – Der totale Durchgriff des Staates auf die Familien

Wer genau hinschaut, findet im 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung unter 10.6.2 den 14-Kinder-und-JugendberihtPunkt “Schulsozialarbeit”. Schulsozialarbeit ist ein Wachstumsgewerbe für Sozialpädagogen. Die Zahl der Schulsozialarbeiter ist von 755 im Jahre 1998 auf 3025 im Jahr 2010 angestiegen, wie der Kinder- und Jugendbericht auf seiner Seite 329 zeigt. Die 3025 Schulsozialarbeiter sind zu 83% weiblich, die Quote ist hier also gleich doppelt erfüllt. 62% der Schulsozialarbeiter sich Sozialpädagogen. Wenn es darum geht, sich Stellen zu schaffen, dann gehören Sozialpädagogen zu den erfolgreichsten Lobbyisten in Deutschland.

Ist es recht einfach, das rasante Wachstum der Zunft der Schulsozialarbeiter zu zeigen, so ist es deutlich schwieriger herauszufinden, was die entsprechenden Schulsozialarbeiter in ihrer sozialen Arbeit in der Schule eigentlich so treiben. Auch darin haben sich Sozialpädagogen als ware Meister erwiesen, weder soziale Arbeit noch Schulsozialarbeit hat eine konkrete Bestimmung erfahren. Vielmehr befinden sich beide im Zustand des “anything goes”, des von Steuerzahlern finanzierten “anything goes”.

Die merkwürdie Leere, die einem erwartet, wenn man untersuchen will, was Schulsozialarbeiter und Sozialarbeiter nun konkret machen, worin ihr konkreter Nutzen besteht, könnte nicht besser aufgezeigt werden als durch das Zitieren der “Definition” von Schulsozialarbeit, die sich in den meisten Büchern zum Thema Schulsozialarbeit findet (z.B. im von Speck und Olk 2010 herausgegebenen Sammelband oder in Rademackers Beitrag zu Pötter und Segels 2009 herausgegebenen Sammelband):

“Schulsozialarbeit umfasst alle Formen der kontinuierlichen Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule, die eine Tätigkeit von sozialpädagogischen Fachkräften am Ort Schule und die Zusammenarbeit mit Lehrkräften dort zur Wahrnehmung von Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe für die … Schüler zum Ziel haben” (Rademacker, 2009, S.13).

Wer gedacht hat, Definitionen seien dazu da, einen Gegenstand inhaltlich zu bestimmen, etwa in der Art: Fussball ist ein Mannschaftsspiel, bei dem je 11 Akteure nach festen Regeln versuchen, einen Ball in einen rechteckigen mit einem Netz begrenzten Bereich zu befördern, der sieht sich getäuscht. Die vermeintliche Definition von Schulsozialarbeit ist eine administrative Positionsbestimmung, die einem Schulsozialarbeiter einen Platz zwischen Schule und Jugendamt zuweist. Eine solche Bestimmung ist ausreichend, wenn es in erster Linie darum geht, eine Position zu schaffen, ohne der Frage, wofür die entsprechende Position geschaffen wurde, allzu viel Gewicht beizumessen. Es ist eben eine Beschäftigungsmöglichkeit für Sozialpädagogen, aber nicht nur das.

SchulsozialarbeitDas Stichwort “Beschäftigung” bringt mich zurück zu der Frage, was Schulsozialarbeiter machen, was genau ihr Zweck und Nutzen ist? Der oben angesprochene Sammelband von Speck und Olk hilft hier schon weiter. Darin haben Speck und Olk (2010, S.114) für Sachsen-Anhalt 2432 Schüler, 738 Lehrer und 57 Schulsozialarbeiter befragt und herausgefunden, dass alle mit der Schulsozialarbeit “zufrieden” waren. Viel Aufwand für wenig Ertrag, und ein beredtes Zeugnis für eine bestimmte Form “wissenschaftlicher Begleitforschung”, die man besser als Legitimationsforschung bezeichnen würde. Wir wissen zwar nach wie vor nicht, was Schulsozialarbeiter so den lieben langen Tag über machen, aber wir wissen, dass sie selbst, die Lehrer an ihrer Schule und die meisten Schüler mit dem, was sie machen, zufrieden sind. Na dann!

Aber, ein Sammelband hat den Vorteil, dass noch mehr Beiträge versammelt sind, und so lernen wir von Lang und Vogel (2010, S.71-72), dass Schulsozialarbeiter “vertrauliche Gespräche” führen, worüber auch immer, Beistand leisten, wobei auch immer, persönlichen Kontakt zu Schulschwänzern halten, wozu auch immer und “Veränderungsprozesse in der Verwantwortung der Klienten” initiieren. Alles vermutlich sehr sinnvolle Tätigkeiten, wenngleich nicht gesagt werden kann, worin sie eigentlich bestehen. Und dann kommen im Beitrag von Lang und Vogeln (2010, S.72) doch noch zwei Tätigkeiten von Schulsozialarbeitern, die aufhorchen lassen:

    • “Einleitung von Interventionen in akuten Krisen (Inobhutnahme)
    • Schaffung von Freiräumen außerhalb des familiären Klimas von Kontrolle, Gewalt, Misstrauen, familiärer erzieherisch organisierter Abhängigkeiten”

Oha, denkt man, hier wird eine Erziehungsinstanz neben den Eltern aufgebaut. Hier wird der Überwachungsarm des Jugendamtes in die Schulen ausgedehnt, und hier wird eine “Bildungsinstanz” unabhängig von Schulen geschaffen, die genutzt werden kann, um Inhalte, die in Schulen nicht vermittelt werden, die dem Jugendamt oder wem auch immer wichtig sind, zu verbreiten. Mit anderen Worten, hier werden Indoktrinierungsstrukturen geschaffen, die den totalen Zugriff von Ämtern auf Kinder und ihre Familien ermöglichen.

Die Grundlage und Legitimation dazu findet sich zur Beruhigung von Sozialpädagogikstudenten, die es vielleicht etwas problematisch gefunden hätten, in die Leben anderer Menschen zu intervenieren, im Lebensweltansatz, der letztlich nichts anderes sagt, als dass Menschen von ihrem Alttag geprägt werden. Eine heftige Trivialität, die man allerdings prima zur Legitimation sozialpädagogischer Eingriffe in alle Lebensbereiche nutzen kann.

SGBVIIIWie die Definition oben zeigt, ist Schulsozialarbeit eine administrative Funktion, der lange Arm des Jugendamts in die Schule, wenn man so will. Entsprechend findet sich eine weitere Grundlage der Tätigkeit von Schulsozialarbeitern im so genannten Gesetz zur Neuordnung des Kinder- und Jugendhilferechts, das als Achtes Buch Eingang in das Sozialgesetzbuch gefunden hat. Dort steht in den Paragraphen 1 und 13:

§1:
“(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. (3) Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere 1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen …”

§13:
“(1) Jungen Menschen, die zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind, sollen im Rahmen der Jugendhilfe sozialpädagogische Hilfen angeboten werden, die ihre schulische und berufliche Ausbildung, Eingliederung in die Arbeitswelt und ihre soziale Integration fördern.”

InobhutnameMan beachte dreierlei: (1) werden in Deutschland nur Rechte eingeräumt, damit sich Horden von Dritten darum kümmern können, dass die Rechteinhaber die Rechte auch so ausüben, wie diese Dritte denken, dass es richtig ist. Rechte sind also keine individuellen Ermächtungen, sondern gerade im Gegenteil individuelle Entmündigung, werden doch Dritte damit beauftragt, sozialpädagogische Hilfen (von denen wir immer noch nicht wissen, wie sie aussehen) bereitzustellen; (2) stellt Sozialarbeit im Allgemeinen und Schulsozialarbeit im Besonderen ein Vehikel zur Kontrolle von Familien dar, die als nicht-gesellschaftskonform eingeschätzt werden, was gewöhnlich in den Begriffen sozialer “Benachteiligung” und der “Bildungsferne” seinen Niederschlag findet, aber natürlich generell auf alle nicht passenden Familien erweiterbar ist. (3) stehen Eltern unter Aufsicht der “staatlichen Gemeinschaft” (was auch immer das sein mag) bzw. der Erfüllungsgehilfen der staatlichen Gemeinschaft, der Schulsozialarbeiter bzw. aller sonstigen sozialen Arbeiter.

1984Deutlicher kann man den Durchgriff des Staates auf die Erziehung von Kindern nicht mehr machen, und deutlicher kann man auch nicht mehr sagen, dass Schulsozialarbeit eine zusätzliche Kontroll- und Überwachungsinstanz des Staates in Schulen ist, deren Zweck darin besteht, abweichende Kinder aus abweichenden Familien zu identifzieren und ihnen “zu helfen”. Wie die Tätigkeiten, die bei Lang und Vogel (2010, S.72) beschrieben werden, deutlich machen, besteht die Hilfe darin, die Kinder in “Obhut” zu nehmen, also ihren Eltern zu entziehen, oder einen Keil zwischen die Kinder auf der einen Seite und die “familiär erzieherisch organisierten Abhängigkeiten” auf der anderen Seite zu treiben. Bei George Orwell werden Kinder in Informanten der Partei/des Staates umfunktioniert, vor denen ihre eigenen Eltern Angst haben – Die Dystopie ist Wirklichkeit geworden. Und man kann nur abschließend und abermals feststellen: Wer unter diesen Umständen in Deutschland Kinder in die Welt setzt oder kritik- und widerstandslos und sehenden Auges in staatliche Bildungsanstalten schickt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. (Dabei könnten sich Eltern in Deutschland ein Beispiel an Eltern in den USA nehmen, die bereits auf die Barrikaden gehen und ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken, wenn versucht wird, ihnen vorzuschreiben, was ihre Kinder in der Schule zu essen haben und was nicht.)

AUFRUF

Wer konkrete Beispiel für die Tätigkeit von Schulsozialarbeitern beisteuern kann, zeigen kann, worin konkrete Schulsozialarbeit besteht, der möge sich doch an uns wenden .

“Mütterliche” und “väterliche Erziehung”: Sinnvolles Konzept oder deutscher Schwulst?

Wolfgang Tischner hat in einem Sammelband zum Thema „Konfrontative Pädagogik“ einen interessanten Beitrag veröffentlicht. Der Beitrag ist wichtig, setzt er doch einen Kontrapunkt zur in Deutschland unter vielen Pädagogen herrschenden Überzeugung, Erziehung erledige sich eigentlich von selbst. Man müsse gar nicht erziehen, denn das einem Kind inhärente Wesen werde sich schon von selbst zu Gutem ausprägen – tut es das nicht, ist die Gesellschaft schuld. In den Worten von Tischner bezeichnet dies eine Variante von Erziehung, die „in ihrer extremen Variante, Erziehung in ihrem Kern abschaffen [will] und das Erwachsenwerden des Kindes der Selbstentfaltung und Selbstregulation seiner Kräfte überlassen zu können [glaubt]. Jede gegenwirkende erzieherische Intervention … wird in völlig lebensfremder Weise abgelehnt, der Umgang des Erwachsenen mit dem Kind, der einen ‚partnerschaftlichen‘ Charakter haben soll, auf verständnisvolles Bestätigen und unterstützende Akte reduziert“ (Tischner, 2010, S.63).

Gegen diese Form der Erziehung setzt Tischer eine Erziehung, die Kindern Grenzen zieht, auf die Einhaltung von Normen dringt, und das Verhalten von Kindern an gesellschaftlichen Regeln ausrichtet: „… Kinder und Jugendliche benötigen einen besonders klaren und verbindlichen Ordnungsrahmen“, der ihnen „Halt und Orientierung“ gibt. Die Verbindlichkeit dieses Ordnungsrahmens, so Tischner weiter, könne nur gewährleistet werden, wenn auf jeden Verstoß gegen ihn mit aller Deutlichkeit reagiert werde (Tischer, 2010, S.70).

Den beiden Erziehungsstilen, die Tischner identifiziert, ordnet er im Rahmen seines Beitrags eine Reihe von Attributen zu: den erstgenannten Erziehungsstil nennt er die „mütterliche Seite der Erziehung“, den letztgenannten Erziehungsstil die „väterliche Seite der Erziehung“. Es zeichnet die mütterliche Seite der Erziehung nach Ansicht von Tischner aus, dass sie „das Kind prinzipiell mehr in seiner Individualität und seinem subjektiven Eigenleben, dem sie fortwährend in einfühlender und bestätigender Weise auf der Spur ist, um es zu pflegen und zu bewahren“ sieht (Tischner, 2010, S.63). Es zeichnet die väterliche Seite der Erziehung aus, dass sie auf die Willensbildung durch die Gemeinschaft für die Gemeinschaft ausgerichtet sei. Väterliche Erziehung hat somit einen betont kollektivistischen Impetus. Väterliche Erziehung zieht Grenzen und bereitet „das Kind … auf die in späteren Jahren immer stärker an es herandrigenden Anforderungen des öffentlichen Lebens vor“ (Tischner, 2010, S.63).

Dieser Gegensatz zwischen einer individualistisch-mütterlichen Erziehung und einer kollektivistisch-gemeinschaftlich väterlichen Erziehung scheint mir mehr dem deutschen Schwulst u.a. eines Friedrich Schleiermacher, von dem sich Tischner inspirieren lässt, geschuldet zu sein, als dass es sich in der Realität finden lassen würde.

Tischner geht davon aus, dass die deutsche Realität in Gesellschaft und vor allem in der Pädagogik durch eine Hegemonie der mütterlichen Erziehung geprägt ist, die sich folglich in einer Individualisierung und Verhätschelung von Kindern niederschlagen soll. Während man z.B. im Jugendstrafrecht, in dessen Rahmen ein Jugendlicher erhebliche Mühe aufwenden muss, um erst nach Begehung einer erheblichen Anzahl von Straftaten überhaupt mit einer ernsthaften Sanktion belegt zu werden, eine Verhätschelung wie von Tischner beschrieben, finden kann, ist es mit der Individualisierung nicht so weit her. Dies zeigt sich bereits daran, dass sich die Fürsorge der mütterlich Hegemonialen vornehmlich auf Mädchen erstreckt und Nachteile von Jungen, wie z.B. bei der Schulbildung unbeeindruckt hingenommen werden. Da ist eine kollektivistisch-differenzierende „hegemoniale Mütterlichkeit“, nicht eine individualistisch sich kümmernde „hegemoniale Mütterlichkeit“. Zudem stellt sich die Frage, ob eine biologische Fundierung von Erziehung, eine Trennung in eine Sphäre der „Mütterlichkeit“ und eine Sphäre der „Väterlichkeit“ überhaupt Sinn macht, ob es, anders formuliert, nicht sinnvoller wäre anzunehmen, dass herrschende Erziehungsstile Ergebnis einer spezifischen Konstellation von Interessen sind, die weniger an „väterlichen“ oder „mütterlichen“ Biologismen als an handfesten Vorteilen für die Durchsetzung der eigenen Interessen interessiert sind.

Entsprechend hätte z.B. in der Pädagogik einfach ein Wachwechsel stattgefunden. Während Erziehung früher als Normen durchsetzende Tätigkeit angesehen wurde und wer in der Erziehungsindustrie voran kommen wollte, gut daran getan hat, sich an der Durchsetzung von Normen zu beteiligen, hat im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine kindlich-naive Welle Erziehung zur eingriffsfreien Zone umgedeutet und damit eigentlich ad absurdum geführt. Wer also heute in der Erziehungsindustrie vorankommen will, tut gut daran, sich als offen, guter Kumpel und überhaupt nicht hegemonial bevormundend zu geben.

Stützen kann man diese Hypothese damit, dass die letzten Jahrzehnte einen Boom pädagogischer Programme gesehen haben: Kinder werden schon im Vorschulalter nach ihrer Tauglichkeit in Gruppen geteilt und sozial-, oder sonderpädagogischen Maßnahmen zugeführt. Im Verlauf der Schulzeit werden sie für Unauffälligkeit prämiert, fallen sie in der ein oder anderen Weise auf, dann werden sie zum Fall für den Schulpsychologen oder zum Gegenstand einer sonderpädagogischen Behandlung auf der Sonderschule. Kinder und Jugendliche, die gegen strafrechtliche Normen verstoßen, sind ein gefundenes Fressen für Pädagogen aller Art, die ihre Konzepte der Erlebnispädagogik, der konfrontativen Pädagogik, der Kuschelpädagogik und welcher Pädagogik auch immer an ihnen ausprobieren und sich selbst damit ein Auskommen schaffen. Jugendliche fallen Weiterbildungs-Trägern zum Opfer, die häufig unbrauchbare Inhalte vermitteln, die die entsprechenden Jugendlichen Zeit kosten, aber ihnen keinen besseren Stand auf dem Arbeitsmarkt verschaffen, und wer sich in den Beruf gerettet hat, wird von Pädagogen und Coaches verfolgt, die sich um seine Gesundheit, seine Teamfähigkeit, sein Verhalten am Arbeitsplatz oder sein nichtvorhandenes Engagement für seine Familie sorgen, wobei vor allem in Letzterem vom Schulpsychologen in Übereinstimmung mit dem Familientherapeuten der Grund dafür gesehen wird, dass das mittlerweile vorhandene Schulkind sich auf dem Schulhof geprügelt hat. Dieser Zustand ist besser mit einer Pädagogisierung der Gesellschaft beschrieben als mit hegemonialer Mütterlichkeit und dass Inhalte sich als erfolgreich erwiesen haben, die eher die stereotypen Erwartungen an „Mütterlichkeit“ als die stereotypen Erwartungen an „Väterlichkeit“ erfüllen, liegt nach meiner Auffassung daran, dass die vermeintlichen mütterlich-pädagogischen Interventionen aufgrund ihrer nicht vorhandenen Ausrichtung an einem sichtbaren Ergebnis nicht auf ihre Nützlichkeit evaluiert werden können. Wenn versucht wird, durch ein pädagogisches Programm die Einhaltung von Normen zu gewährleisten, dann lässt sich der Erfolg des Programms leicht daran messen, dass die entsprechenden Normen auch eingehalten werden. Wenn dagegen im Rahmen eines erlebnispädagogischen Projekts, straffällige Jugendliche Spaß im Zeltlager haben und auch „gut über den Film „Wut“ diskutiert haben, hinterher aber dennoch damit fortfahren, straffällig zu sein, dann ist nicht das pädagogische Programm gescheitert, sondern der individuelle Jugendliche wird einfach als uneinsichtig gestempelt. Entsprechend besteht der Unterschied zwischen den beiden Pädagogiken nicht darin, dass die eine väterlich, die andere mütterlich ausgerichtet ist, der Unterschied besteht darin, dass erstere sich an Kriterien ausrichtet und messen lässt, während letztere es ablehnt, überhaupt Kriterien gelten zu lassen – was insofern optimal ist als man sich selbst ein pädagogisches Auskommen schaffen kann, ohne an Maßstäben wie Erfolg, Wirksamkeit oder gar gesellschaftlicher Nutzen gemessen zu werden.

Konfrontative Pädagogk

Konfrontative Pädagogik

Entsprechend läuft die gute Idee Tischners, deren Einzug in die Pädagogik Deutschland auf den Stand dessen heben würde, was international als feststehendes Wissen gilt (Bornstein (2010); Lamb (2004) vor allem Seite 4; Roopnarine & Carter, 2002), Gefahr im biologistischen Schwulst unterzugehen, was umso bedauerlicher ist als es auch in Deutschland bereits seit langem vorliegende Forschungsergebnisse gibt, die zeigen, dass soziale Lagen mehr als alles andere für die von Individuen genutzten Strategien und daraus resultierende Interessen verantwortlich sind. So hat bereits Max Horkheimer in seiner Untersuchung über die Familie Folgendes festgestellt: „In doppelter Weise stärkt die familiale Rolle der Frau die Autorität des Bestehenden. Als abhängig von der Stellung und vom Verdienst des Mannes ist sie darauf angewiesen, dass der Hausvater sich den Verhältnissen fügt, unter keinen Umständen sich gegen die herrschende Gewalt auflehnt, sondern alles aufbietet, um in der Gegenwart vorwärts zu kommen. Ein tiefes ökonomisches, ja physiologisches Interesse verbindet die Frau mit dem Ehrgeiz des Mannes, vor allem ist es ihr jedoch um die eigene ökonomische Sicherheit und die ihrer Kinder zu tun (Horkheimer, 1987 [1936], S.68)“. Heute, da der Staat an die Stelle des Hausvaters getreten ist und das Jugendamt die Auszahlung staatlicher Transferleistungen von permissivem Verhalten abhängig macht, richtet sich das Interesse von allen, die am staatlichen Tropf hängen, seien es die Empfänger staatlicher Leistungen, seien es die pädagogischen Projektanbieter darauf, im Einklang mit den nun geforderten Erziehungsidealen zu stehen. Dies macht überdeutlich, dass die herrschenden Erziehungsideale Ausdruck von Interessenlagen sind, die mit „mütterlichen“ und „väterlichen“ Seiten von Erziehung rein gar nichts zu tun haben. Daher wäre es gut, Wolfgang Tischner würde seine guten und wichtigen Ideen vom deutschen Muff befreien.

Auf den Stand der internationalen Diskussion hat mich Dr. habil. Heike Diefenbach versetzt, die sich einmal mehr als wandelndes wissenschaftliches Kompendium erwiesen hat.

Literatur

Bornstein, Marc H. (ed.)(2010). Handbook of Cultural Developmental Science. New York: Taylor & Francis.

Horkheimer, Max (1987 [1936]) Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie. Allgemeiner Teil. In: Horkheimer, Max, Fromm, Erich & Marcuse, Herbert (Hrsg.): Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Lüneburg: Dietrich zu Klampen Verlag, S.3-76.

Lamb, Michael E. (ed.) (2004). The Role of the Father in Child Development. Hoboken: Wiley.

Roopnarine, Jaipaul L. & Carter, D. (2002). Parent-Child Socialisation in Diverse Cultures. Annual Advances in Applied Developmental Psychology. Norwood: Ablex.

Tischner, Wolfgang (2010). Konfrontative Pädagogik – Die vergessene ‚väterliche Seite‘ der Erziehung. In: Weidner, Jens & Kilb, Rainer (Hrsg.). Konfrontative Pädagogik. Konfliktbearbeitung in Sozialer Arbeit und Erziehung. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.61-85.

Bildnachweis: My Bookreview

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