“Mütterliche” und “väterliche Erziehung”: Sinnvolles Konzept oder deutscher Schwulst?

Wolfgang Tischner hat in einem Sammelband zum Thema „Konfrontative Pädagogik“ einen interessanten Beitrag veröffentlicht. Der Beitrag ist wichtig, setzt er doch einen Kontrapunkt zur in Deutschland unter vielen Pädagogen herrschenden Überzeugung, Erziehung erledige sich eigentlich von selbst. Man müsse gar nicht erziehen, denn das einem Kind inhärente Wesen werde sich schon von selbst zu Gutem ausprägen – tut es das nicht, ist die Gesellschaft schuld. In den Worten von Tischner bezeichnet dies eine Variante von Erziehung, die „in ihrer extremen Variante, Erziehung in ihrem Kern abschaffen [will] und das Erwachsenwerden des Kindes der Selbstentfaltung und Selbstregulation seiner Kräfte überlassen zu können [glaubt]. Jede gegenwirkende erzieherische Intervention … wird in völlig lebensfremder Weise abgelehnt, der Umgang des Erwachsenen mit dem Kind, der einen ‚partnerschaftlichen‘ Charakter haben soll, auf verständnisvolles Bestätigen und unterstützende Akte reduziert“ (Tischner, 2010, S.63).

Gegen diese Form der Erziehung setzt Tischer eine Erziehung, die Kindern Grenzen zieht, auf die Einhaltung von Normen dringt, und das Verhalten von Kindern an gesellschaftlichen Regeln ausrichtet: „… Kinder und Jugendliche benötigen einen besonders klaren und verbindlichen Ordnungsrahmen“, der ihnen „Halt und Orientierung“ gibt. Die Verbindlichkeit dieses Ordnungsrahmens, so Tischner weiter, könne nur gewährleistet werden, wenn auf jeden Verstoß gegen ihn mit aller Deutlichkeit reagiert werde (Tischer, 2010, S.70).

Den beiden Erziehungsstilen, die Tischner identifiziert, ordnet er im Rahmen seines Beitrags eine Reihe von Attributen zu: den erstgenannten Erziehungsstil nennt er die „mütterliche Seite der Erziehung“, den letztgenannten Erziehungsstil die „väterliche Seite der Erziehung“. Es zeichnet die mütterliche Seite der Erziehung nach Ansicht von Tischner aus, dass sie „das Kind prinzipiell mehr in seiner Individualität und seinem subjektiven Eigenleben, dem sie fortwährend in einfühlender und bestätigender Weise auf der Spur ist, um es zu pflegen und zu bewahren“ sieht (Tischner, 2010, S.63). Es zeichnet die väterliche Seite der Erziehung aus, dass sie auf die Willensbildung durch die Gemeinschaft für die Gemeinschaft ausgerichtet sei. Väterliche Erziehung hat somit einen betont kollektivistischen Impetus. Väterliche Erziehung zieht Grenzen und bereitet „das Kind … auf die in späteren Jahren immer stärker an es herandrigenden Anforderungen des öffentlichen Lebens vor“ (Tischner, 2010, S.63).

Dieser Gegensatz zwischen einer individualistisch-mütterlichen Erziehung und einer kollektivistisch-gemeinschaftlich väterlichen Erziehung scheint mir mehr dem deutschen Schwulst u.a. eines Friedrich Schleiermacher, von dem sich Tischner inspirieren lässt, geschuldet zu sein, als dass es sich in der Realität finden lassen würde.

Tischner geht davon aus, dass die deutsche Realität in Gesellschaft und vor allem in der Pädagogik durch eine Hegemonie der mütterlichen Erziehung geprägt ist, die sich folglich in einer Individualisierung und Verhätschelung von Kindern niederschlagen soll. Während man z.B. im Jugendstrafrecht, in dessen Rahmen ein Jugendlicher erhebliche Mühe aufwenden muss, um erst nach Begehung einer erheblichen Anzahl von Straftaten überhaupt mit einer ernsthaften Sanktion belegt zu werden, eine Verhätschelung wie von Tischner beschrieben, finden kann, ist es mit der Individualisierung nicht so weit her. Dies zeigt sich bereits daran, dass sich die Fürsorge der mütterlich Hegemonialen vornehmlich auf Mädchen erstreckt und Nachteile von Jungen, wie z.B. bei der Schulbildung unbeeindruckt hingenommen werden. Da ist eine kollektivistisch-differenzierende „hegemoniale Mütterlichkeit“, nicht eine individualistisch sich kümmernde „hegemoniale Mütterlichkeit“. Zudem stellt sich die Frage, ob eine biologische Fundierung von Erziehung, eine Trennung in eine Sphäre der „Mütterlichkeit“ und eine Sphäre der „Väterlichkeit“ überhaupt Sinn macht, ob es, anders formuliert, nicht sinnvoller wäre anzunehmen, dass herrschende Erziehungsstile Ergebnis einer spezifischen Konstellation von Interessen sind, die weniger an „väterlichen“ oder „mütterlichen“ Biologismen als an handfesten Vorteilen für die Durchsetzung der eigenen Interessen interessiert sind.

Entsprechend hätte z.B. in der Pädagogik einfach ein Wachwechsel stattgefunden. Während Erziehung früher als Normen durchsetzende Tätigkeit angesehen wurde und wer in der Erziehungsindustrie voran kommen wollte, gut daran getan hat, sich an der Durchsetzung von Normen zu beteiligen, hat im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine kindlich-naive Welle Erziehung zur eingriffsfreien Zone umgedeutet und damit eigentlich ad absurdum geführt. Wer also heute in der Erziehungsindustrie vorankommen will, tut gut daran, sich als offen, guter Kumpel und überhaupt nicht hegemonial bevormundend zu geben.

Stützen kann man diese Hypothese damit, dass die letzten Jahrzehnte einen Boom pädagogischer Programme gesehen haben: Kinder werden schon im Vorschulalter nach ihrer Tauglichkeit in Gruppen geteilt und sozial-, oder sonderpädagogischen Maßnahmen zugeführt. Im Verlauf der Schulzeit werden sie für Unauffälligkeit prämiert, fallen sie in der ein oder anderen Weise auf, dann werden sie zum Fall für den Schulpsychologen oder zum Gegenstand einer sonderpädagogischen Behandlung auf der Sonderschule. Kinder und Jugendliche, die gegen strafrechtliche Normen verstoßen, sind ein gefundenes Fressen für Pädagogen aller Art, die ihre Konzepte der Erlebnispädagogik, der konfrontativen Pädagogik, der Kuschelpädagogik und welcher Pädagogik auch immer an ihnen ausprobieren und sich selbst damit ein Auskommen schaffen. Jugendliche fallen Weiterbildungs-Trägern zum Opfer, die häufig unbrauchbare Inhalte vermitteln, die die entsprechenden Jugendlichen Zeit kosten, aber ihnen keinen besseren Stand auf dem Arbeitsmarkt verschaffen, und wer sich in den Beruf gerettet hat, wird von Pädagogen und Coaches verfolgt, die sich um seine Gesundheit, seine Teamfähigkeit, sein Verhalten am Arbeitsplatz oder sein nichtvorhandenes Engagement für seine Familie sorgen, wobei vor allem in Letzterem vom Schulpsychologen in Übereinstimmung mit dem Familientherapeuten der Grund dafür gesehen wird, dass das mittlerweile vorhandene Schulkind sich auf dem Schulhof geprügelt hat. Dieser Zustand ist besser mit einer Pädagogisierung der Gesellschaft beschrieben als mit hegemonialer Mütterlichkeit und dass Inhalte sich als erfolgreich erwiesen haben, die eher die stereotypen Erwartungen an „Mütterlichkeit“ als die stereotypen Erwartungen an „Väterlichkeit“ erfüllen, liegt nach meiner Auffassung daran, dass die vermeintlichen mütterlich-pädagogischen Interventionen aufgrund ihrer nicht vorhandenen Ausrichtung an einem sichtbaren Ergebnis nicht auf ihre Nützlichkeit evaluiert werden können. Wenn versucht wird, durch ein pädagogisches Programm die Einhaltung von Normen zu gewährleisten, dann lässt sich der Erfolg des Programms leicht daran messen, dass die entsprechenden Normen auch eingehalten werden. Wenn dagegen im Rahmen eines erlebnispädagogischen Projekts, straffällige Jugendliche Spaß im Zeltlager haben und auch „gut über den Film „Wut“ diskutiert haben, hinterher aber dennoch damit fortfahren, straffällig zu sein, dann ist nicht das pädagogische Programm gescheitert, sondern der individuelle Jugendliche wird einfach als uneinsichtig gestempelt. Entsprechend besteht der Unterschied zwischen den beiden Pädagogiken nicht darin, dass die eine väterlich, die andere mütterlich ausgerichtet ist, der Unterschied besteht darin, dass erstere sich an Kriterien ausrichtet und messen lässt, während letztere es ablehnt, überhaupt Kriterien gelten zu lassen – was insofern optimal ist als man sich selbst ein pädagogisches Auskommen schaffen kann, ohne an Maßstäben wie Erfolg, Wirksamkeit oder gar gesellschaftlicher Nutzen gemessen zu werden.

Konfrontative Pädagogk
Konfrontative Pädagogik

Entsprechend läuft die gute Idee Tischners, deren Einzug in die Pädagogik Deutschland auf den Stand dessen heben würde, was international als feststehendes Wissen gilt (Bornstein (2010); Lamb (2004) vor allem Seite 4; Roopnarine & Carter, 2002), Gefahr im biologistischen Schwulst unterzugehen, was umso bedauerlicher ist als es auch in Deutschland bereits seit langem vorliegende Forschungsergebnisse gibt, die zeigen, dass soziale Lagen mehr als alles andere für die von Individuen genutzten Strategien und daraus resultierende Interessen verantwortlich sind. So hat bereits Max Horkheimer in seiner Untersuchung über die Familie Folgendes festgestellt: „In doppelter Weise stärkt die familiale Rolle der Frau die Autorität des Bestehenden. Als abhängig von der Stellung und vom Verdienst des Mannes ist sie darauf angewiesen, dass der Hausvater sich den Verhältnissen fügt, unter keinen Umständen sich gegen die herrschende Gewalt auflehnt, sondern alles aufbietet, um in der Gegenwart vorwärts zu kommen. Ein tiefes ökonomisches, ja physiologisches Interesse verbindet die Frau mit dem Ehrgeiz des Mannes, vor allem ist es ihr jedoch um die eigene ökonomische Sicherheit und die ihrer Kinder zu tun (Horkheimer, 1987 [1936], S.68)“. Heute, da der Staat an die Stelle des Hausvaters getreten ist und das Jugendamt die Auszahlung staatlicher Transferleistungen von permissivem Verhalten abhängig macht, richtet sich das Interesse von allen, die am staatlichen Tropf hängen, seien es die Empfänger staatlicher Leistungen, seien es die pädagogischen Projektanbieter darauf, im Einklang mit den nun geforderten Erziehungsidealen zu stehen. Dies macht überdeutlich, dass die herrschenden Erziehungsideale Ausdruck von Interessenlagen sind, die mit „mütterlichen“ und „väterlichen“ Seiten von Erziehung rein gar nichts zu tun haben. Daher wäre es gut, Wolfgang Tischner würde seine guten und wichtigen Ideen vom deutschen Muff befreien.

Auf den Stand der internationalen Diskussion hat mich Dr. habil. Heike Diefenbach versetzt, die sich einmal mehr als wandelndes wissenschaftliches Kompendium erwiesen hat.

Literatur

Bornstein, Marc H. (ed.)(2010). Handbook of Cultural Developmental Science. New York: Taylor & Francis.

Horkheimer, Max (1987 [1936]) Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie. Allgemeiner Teil. In: Horkheimer, Max, Fromm, Erich & Marcuse, Herbert (Hrsg.): Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Lüneburg: Dietrich zu Klampen Verlag, S.3-76.

Lamb, Michael E. (ed.) (2004). The Role of the Father in Child Development. Hoboken: Wiley.

Roopnarine, Jaipaul L. & Carter, D. (2002). Parent-Child Socialisation in Diverse Cultures. Annual Advances in Applied Developmental Psychology. Norwood: Ablex.

Tischner, Wolfgang (2010). Konfrontative Pädagogik – Die vergessene ‚väterliche Seite‘ der Erziehung. In: Weidner, Jens & Kilb, Rainer (Hrsg.). Konfrontative Pädagogik. Konfliktbearbeitung in Sozialer Arbeit und Erziehung. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.61-85.

Bildnachweis: My Bookreview

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