„Psychopathologisch gestörte links-grüne Gutmenschen“: Ein Xing-Sturm im deutschen Kindergarten

Man könnte auch sagen, Linke entdecken die Vorteile des freien Marktes, denn diejenigen, die beleidigt sind, weil Jürgen Fritz auf Tichys Einblick argumentiert hat, dass [die meisten, viele, alle???] grünen und linken Gutmenschen psychopathologisch gestört sind, sie verlassen XING, löschen dort ihr Profil, denn XING betreibt auch XING News, und XING News wird von Roland Tichy herausgegeben, der auch Tichys Einblick herausgibt. Auf Tichys Einblick wiederum wurde der Beitrag von Jürgen Fritz veröffentlicht, jener Beitrag, in dem grüne und linke Gutmenschen als psychopathologisch gestört bezeichnet werden und in dem in einer Mischung aus Erkenntnistheorie und Freud argumentiert wird, warum (1) Fritz der Ansicht ist, grüne und linke Gutmenschen seien psychopathologisch gestört und (2) warum man deshalb nicht mit den psychopathologisch Gestörten reden soll.

Die Vergangenheitsform „wurde veröffentlicht“ ist hier auch insofern relevant, als der Beitrag zwischenzeitlich verschwunden ist. An seiner Stelle steht nun:

„Der Beitrag
“Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“
hätte hier nicht erscheinen dürfen.
Unterstellung von Pathologie ist für TE keine politische Diskussionsbasis. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich.
Roland Tichy und Redaktion bedauern das und bitten um Entschuldigung.“

Das ist schade. Doch der Reihe nach.

Zunächst einmal: Dass alle, die sich irgendwie von dem Beitrag, den Jürgen Fritz auf Tichys Einblick veröffentlicht hat, angesprochen fühlen, nun Xing verlassen, ist ihr gutes Recht. In einer freien Marktwirtschaft wird niemand gezwungen, Produkte zu kaufen, die er nicht will. Wer also nicht mehr Mitglied bei XING sein will, weil auf der Seite von Roland Tichy ein Beitrag von Jürgen Fritz veröffentlicht wurde, der ist zwar nicht unbedingt ein logischer Zeitgenosse, aber das ändert nichts daran, dass er seine Mitgliedschaft jederzeit beenden kann. Diese Freiheit hat er z.B. den zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Verurteilten voraus, die – selbst wenn sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nutzen, sich ihm entziehen, weil sie Beiträge, die dort veröffentlicht werden, nicht mögen, keine Möglichkeit haben, ihre Zwangsmitgliedschaft im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu beenden. Demgemäß müssten eigentlich all diejenigen, die nun ihre Mitgliedschaft bei XING beenden, für eine Abschaffung der GEZ-Zwangsgebühren eintreten, um die Freiheit auch denen zu verschaffen, die nicht in die Vorzüge des freien Marktes privater Unternehmen kommen.

Dann muss man jedoch feststellen, dass all diejenigen, die, weil Jürgen Fritz auf Tichys Einblick von „psychopathologisch gestörten Gutmenschen“ geschrieben hat, nun ihre Mitgliedschaft bei XING kündigen, weil XING News von Roland Tichy herausgegeben wird, mehrere Fehlschlüsse begehen. Denn auf XING News ist in der Vergangenheit offensichtlich kein Beitrag erschienen, der ihren ideologischen Groll geweckt hat, denn wäre in solcher Beitrag erschienen, dann hätten sie ihre Mitgliedschaft ja bereits in der Vergangenheit gekündigt. Sie bestrafen somit XING, obwohl XING gar nichts dafür kann. Damit liegt ein Verstoß gegen die erste der drei Regeln für die Überprüfung der Gültigkeit von Syllogismen vor, der besagt: „Der Mittelausdruck muss genau einmal distribuiert sein“. Für alle die es nachvollziehen wollen. Wer in Salmon Wesleys „Logik“ die Seiten 104 bis 110 liest, und zwar vor dem Hintergrund, dass die Aussagen „Roland Tichy ist Herausgeber der XING News“ und „Roland Tichy ist Herausgeber von Tichys Einblick“ Mittelausdrücke darstellen, dem sollte es nicht schwerfallen, nachzuvollziehen, warum die Kündigung der XING-Mitgliedschaft auf einem Fehlschluss beruht.

Wenn es also das Ergebnis eines Fehlschlusses darstellt, XING dafür abzustrafen, dass Jürgen Fritz auf Tichys Einblick einen Beitrag veröffentlicht hat, der den Abstrafern nicht gefällt, dann stellt sich die Frage, was sie erreichen wollen, denn die einzig logisch korrekte Reaktion wäre gewesen, Tichys Einblick nicht mehr zu lesen. Entsprechend wollen diejenigen, die XING kündigen, weil Tichy Herausgeber ist, wohl erreichen, dass XING seinerseits Tichy kündigt. Letztlich wollen die Abstrafer also gar nicht XING kündigen. Vielmehr hoffen sie, durch ihre Kündigung XING dazu zu veranlassen, Tichy zu kündigen.

Da es, wie oben festgestellt wurde, bislang keinen Artikel auf XING News und unter der Verantwortung von Roland Tichy gegeben hat, der als Anlass für eine aufgeregte und empörte Kündigung der XING Mitgliedschaft hätte dienen können, muss man schließen, dass der Beitrag von Jürgen Fritz auf Tichys Einblick als willkommener Vorwand benutzt wird, um die eigene Abneigung gegen Roland Tichy als Herausgeber von XING News publikumswirksam zu inszenieren. Trifft dies zu, dann haben wir es mit gefühlsgeleiteten, nicht rationalen (was schon durch den Fehlschluss eigentlich belegt ist) Akteuren zu tun, was wiederum die Argumentation von Jürgen Fritz bestätigen würde.

Die Argumentation von Jürgen Fritz: Man muss sie nicht teilen. Man muss sie nicht gut finden. Man muss sie nicht einmal lesen. Aber man sollte doch den Anstand aufbringen, (1) den eigenen Ärger darüber, dass etwas veröffentlicht wurde, was einem ideologisch nicht passt, nicht an unschuldigen Dritten auszuleben, (2) den eigenen Ärger, der sich am Begriff „grün–linke psychopathologisch gestörte Gutmenschen“ entzündet, zu begründen und (3) sich nicht als beleidigte Leberwurst im Kinderzimmer einzuschließen, sondern sich wie ein vernünftiger Mensch zu verhalten, wenn man nicht den Schluss nahelegen will, man sei psychologisch gestört.

Und aus diesen drei Gründen ist es schade, dass der Beitrag von Jürgen Fritz von Tichy gelöscht wurde und nur noch im Webcache (und in unserer Sicherung) zu finden ist.

Wir können uns noch an unsere Schulzeit erinnern, in der das Bonmot der „Streitkultur“, der „deutschen Streitkultur“ verbreitet war. Deutschland, so die Behauptung, sei eine Demokratie, in der man sich über alles, was begründet wurde, auseinandersetzen und streiten könne. Deutschland habe eine öffentliche Streitkultur.

Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein, als die Idee, in Deutschland gäbe es eine irgendwie geartete Streitkultur.

Es gibt in Deutschland bestenfalls eine „Beleidigte-Leberwurst-Kultur“. Wir können Sie derzeit auf Twitter im vollen Schwung sehen und XING sieht an der Zahl der Kündigungen von Mitgliedschaften, welche Ausmaße die Beleidigte-Leberwurst-Kultur hat.

Wenn alle, die in öffentlich-rechtlichen Medien als Wutbürger beschimpft wurden, als Problembürger abgestempelt wurden, die von Politikern als Pack bezeichnet oder als rechter Bodensatz abgekanzelt wurden, sich derart zieren wollten, wie es derzeit diejenigen tun, die auf Grundlage von Fehlschlüssen und motiviert über psychologische Befindlichkeiten, ihre XING Mitgliedschaft kündigen, was wohl in Deutschland los wäre. Derartige psychologische Befindlichkeiten, meint Fritz wohl, wenn er schreibt: „Grün-linke Gutmenschen meinen, wenn sie die Vorstellung unterschiedlicher Bewertungen, damit auch der Wertigkeit, mithin das Negieren von etwas zulassen, dass dann das Negative in sie hineinkäme und dies ihr Harmoniebedürfnis und ihr Bedürfnis mit allem verbunden, mit allem eins zu sein … und das eigene ich aufzulösen, konterkariert…“.

Wir stimmen mit dieser Argumentation insofern nicht überein als wir das Bedürfnis, die Umwelt so zu kontrollieren, dass Kritik und Argumente, die das ideologische Gefühlchen des Möchtegern-Kontrolleurs stören, beseitigt oder (auch beliebt) geblockt werden, nicht oder nicht nur das Ergebnis einer Psychopathologie darstellt. Es beschreibt zudem das, was Wilhelm Heitmeyer eine mangelnde Ambiguitätstoleranz genannt hat. Derartige Menschen sind nicht in der Lage, andere Meinungen und Ansichten, andere Deutungen und Theorien über die Welt zuzulassen, die die eigene gefährden. Sie sind deshalb nicht dazu in der Lage, weil sie kognitiv nicht in der Lage sind, ein Argument für die Richtigkeit der eigenen Weltsicht, die eigene Ideologie zu machen. Deshalb lehnen sie alles ab, was ihrer Weltsicht widerspricht, unabhängig davon, ob es argumentiert und begründet ist oder nicht.

Jürgen Fritz hat sich bemüht zu argumentieren. Er behauptet nicht einfach „grün-linke Gutmenschen“ wie er schreibt, seien psychopathologisch, er begründet dies. Damit geht er weit über das hinaus, was diejenigen dargeboten haben, die Menschen pauschal als Wutbürger bezeichnet haben oder bezeichnen. Bis heute gibt es keinerlei Versuch, die Behauptung X seien Wutbürger auch nur ansatzweise zu begründen. Fritz versucht dagegen, seine Ansicht zu begründen.

 

Wenn man also, wie viele derjenigen, die nun ihre XING Mitgliedschaft kündigen, tatsächlich einen Grund zur Kündigung hat, ob der begründeten Bewertung grün-linker Gutmenschen als psychopathologisch gestört, der jenseits des Beleidigten-Leberwurst-Syndroms liegt, der jenseits des Opportunismus liegt, der die Gelegenheit nutzt, um Tichy bei XING News auszuboten bzw. Druck auf XING auszuüben, um einen, den man ideologisch nicht mag, auszuboten, dann läge nichts näher, als sich argumentativ mit dem auseinanderzusetzen, was Jürgen Fritz schreibt, seine Prämissen zu hinterfragen, seine Schlüsse zu prüfen, die Schwächen an seinem Beitrag offenzulegen, die es in einiger Menge gibt (z.B. weil nicht klar ist, gegen wen sich Fritz genau wendet und was einen grün-linken Gutmenschen nach seiner Ansicht auszeichnet – außer der Beschreibung, die Fritz vornimmt), dann läge nichts näher als den Text von Fritz zu kritisieren, den Beitrag öffentlich zu widerlegen, die Aussagen über die Realität, die Fritz aus seinen Hypothesen über grün-linke Gutmenschen ableitet, zu falsifizieren, den logischen Zusammenhang seiner Argumentation zu hinterfragen…

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Wer sich um die öffentliche Kultur in Deutschland verdient machen will, dazu beitragen will, dass die vielbeschworene Streitkultur der 1980er Jahre zumindest in Ansätzen Wirklichkeit wird, der kann sich jederzeit mit dem Beitrag von Fritz auseinandersetzen und zeigen, dass alles, was Fritz schreibt, falsch ist. Wer den Beitrag nur dazu nutzt, seine Empörung zu veröffentlichen und sich zum XING-Selbstmörder zu machen, der sein Konto kündigt, um seine reine Gesinnung zur Schau zu tragen, der ist offensichtlich nicht daran interessiert, in Deutschland einen Dialog zu etablieren, eine Streitkultur, in der man auch über pointierte Texte diskutieren kann, die Begründungen und eine Argumentation enthalten. Er ist vielmehr daran interessiert diesen Dialog gerade zu unterbinden und sich in seine Schmollecke zurückzuziehen, in der Hoffnung, dass das große XING nun den bösen Roland in die Wüste schickt, so dass man mit zufrieden-verschlagener Miene wieder aus der Schmollecke in die ideologisch gesäuberte XING-Welt zurückkehren kann.

Willkommen im offenen ideologischen Vollzug Deutschlands, an dem sich leider auch Tichy durch die Löschung von Beiträgen und halbwarme Begründungen für die Löschung beteiligt.

Wikipedia ist hauptsächlich ein Todesanzeiger

Das PewResearchCenter hat gerade die Liste der jeweils 10 am häufigsten gelesenen Artikel auf Wikipedia veröffentlicht, und zwar nach Sprachen getrennt.

Auszählungen zum Leseverhalten sind immer aufschlussreich, lassen sie doch Schlüsse über die Wahrnehmung von Informationsquellen und über die Interessen derjenigen, die die entsprechenden Informationsquellen nachfragen, zu.

WischopediaUnd entsprechend wissen wir, dass Wikipedia für 20.264.610 englischsprachige, 5.694.946 deutschsprachige und 2.514.702 russischsprachige Nutzer ein Todesanzeiger ist. Sie lesen den Nekrolog für 2015 bzw. die Liste der Toten pro Jahr, interessieren sich also in erster Linie für Todesanzeigen. Entsprechend muss man schließen, dass für viele Wikipedia so etwas wie ein Zentralanzeiger der Verstorbenen ist, ein Ort, ein virtueller Friedhof, auf dem man zwar keine Grabsteine betrachten, aber doch die Namen der Toten bestaunen oder bewundern kann.

Ob sich die Online-Enzyklopädie ob dieser Entwicklung auch offiziell ein neues Image, sagen wir ein morbides oder nekrophiles Image gibt, wird abzuwarten bleiben.

Ein Blick auf die sonstigen Suchbegriffe bzw. die Kategorien, denen die einzelnen Artikel zugerechnet werden können, hat – unterschieden nach Sprachen, folgendes Aussehen:

  • Englischsprachige Leser:
    • Todesanzeigen
    • Film und Fernsehen
    • Soziale Medien
    • Islamischer Staat
    • Landeskunde
  • Spanischsprachige Leser:
    • Sport
    • Weltkriege
    • Chemie
    • Landeskunde
    • Film und Fernsehen
  • Deutschsprachige Leser:
    • Todesanzeigen
    • Landeskunde
    • Film und Fernsehen
    • Islamischer Staat
    • Computer IT
  • Russischsprachige Leser:
    • Soziale Netzwerke
    • Landeskunde
    • Todesanzeigen
    • Politik
    • Film und Fernsehen
  • Französischsprachige Leser:
    • Islamischer Staat
    • Soziale Medien
    • Film und Fernsehen
    • Französische Autoren
    • Landeskunde
  • Italienischsprachige Leser:
    • Film- und Fernsehen
    • Landeskunde
    • Politik
    • Islamischer Staat
    • Astronomie

Wikipedia ist neben Todesanzeiger also noch ein Blatt für Fernseh- und Filmnachrichten. Wissenschaftliche Themen schaffen es in den wenigsten Sprachen in die Top-10 der Beiträge, Themen der Politik ebenso selten. Lediglich der Islamische Staat hat es geschafft, intensiv genug auf sich aufmerksam zu machen, so dass er in die Phalanx aus Todesanzeigen, Film- und Fernsehnachrichten, die die Leser von Wikipedia dort nachfragen, einbrechen konnte.

Irgendwie stellt man sich unter einer Enzyklopädie etwas anderes als einen Todesanzeiger und ein Programmheft für Film- und Fernsehen vor…

Gewalt-Computerspiele machen hilfsbereit!

Es ist an der Zeit, dem Chor der Besorgten, die sich um die Folgen des Spielens von Gewalt-Computerspielen wie Ego-Shooter Spielen, von Call of Duty, Black Ops und wie sie alle heißen, sorgen, etwas entgegen zu setzen. Der Chor der Besorgten geht z.B. so:

Schulministerium NRW„Laut Spitzer vermindert das Spielen die Fähigkeit zum Mitgefühl. Und er weist außerdem auf die zahlreichen gesundheitlichen Nebenwirkungen des Computerspiels hin, wie Fettleibigkeit, Diabetes, Schmerzen im Spielerarm und Rückenbeschwerden. Hinzu träten, und dies ist für die Schulzeit bedeutsam, Störungen der Aufmerksamkeit, Lese- und Rechtschreibschwächen sowie verminderte Leistungen in der Schule. [zu Kausalität und Korrelation schreibe ich heute nichts…]“

Zu finden ist dieses Zitat auf einer Seite des Schulministeriums Nordrhein-Westfalen, und angereichert ist der Text, in dem die negativen Folgen von Gewalt-Computerspielen beschrieben werden, mit einer Herzschmerz-Geschichte von Sven, der vom abhängigen Killerspieler zum korrekten Mitglied der Gesellschaft geworden ist, wie man es sich beim Schulministerium NRW wünnscht:

„Sven hat das Killerspiel zwar nicht aus der Bahn geworfen. Er hat seinen Schulabschluss in der Tasche und lernt nun Bürokaufmann. Süchtig ist er nur nach Zigaretten. Doch nicht alle, die Glücksgefühle beim virtuellen Töten suchen, haben so viel Glück im Leben wie er. ‚Ich kenne Kollegen, die ein Jahr in der Schule wiederholen mussten, weil sie so intensiv gespielt haben‘, sagt er.“

Call of Duty Black OpsNa, wenn das kein Beleg für die schädliche Wirkung von „Gewalt“-Computerspielen ist, dass „Sven“ Kollegen kennt! Der vom Schulministerium NRW zitierte Manfred Spitzer, der Zeuge für die schädliche Wirkung von u.a. Gewalt-Computerspielen sein soll, hat ein Buch namens „Vorsicht Bildschirm“ geschrieben, in dem er – übrigens nicht auf Basis von entsprechenden Experimenten – die Folgen von Computerspielen, Werbung im Fernsehen und all den anderen Dingen beschreibt (wie sie ihm vorkommen), vor denen zu warnen sich der Chor der Besorgten vorgenommen hat, vor allem im Hinblick auf Kinder (vermutlich, weil viele oder doch zumindest manche Erwachsene sich wehren, wenn man ihnen sagt, was sie nicht mehr machen sollen/dürfen). Und das Warnen an sich ist schon wichtig, egal, ob es eine empirische Fundierung hat. Wer warnt, ist gut. Und hat es nicht den Todesschützen von Erfurt gegeben, der ein Ego-Shooter-Spieler war, weiß das Schulministerium in NRW festzustellen. Na, wenn das kein Beleg ist!

Dagegen erscheint die Seite der Bundesprüfstelle Computer & Konsolenspiele richtig wissenschaftlich informiert. Nicht nur ein Buch von einem Warner wird hier zitiert, sondern das Ergebnis von Studien, von denen die Bundesprüfstelle freilich nicht verrät, wie sie ausgewählt wurden. Richtig differenziert berichtet die Bundesprüfstelle, dass die Forschung zur Frage, wie Gewalt-Computerspiele wirken, wenn sie denn überhaupt wirken, uneinheitlich ist, um es vorsichtig auszudrücken.

Bundespruefstelle„Die Untersuchungen, die sich gezielt mit der kurzfristigen Wirkung gewalthaltiger Computerspiele befassen, zeigen relativ eindeutige Ergebnisse. In der wissenschaftlichen Fachwelt anerkannte Studien, die die Ergebnisse methodisch überzeugender und seriöser Forschungsprojekte ausgewertet haben, belegen: Gewalthaltige Computerspiele fördern kurzfristig aggressives Verhalten, aggressive Wahrnehmung und aggressive Gemütszustände.“

Selbst wenn man der Bundesprüfstelle diese Aussage durchgehen lässt, wenngleich ich so meine Zweifel habe, dass die Studien, die von der Bundesprüfstelle als seriös und methodisch überzeugend betrachtet werden, in jedem Fall einer Kritik standhalten würden, dann gibt es doch ein kleines Problem: Um eine kausale Verbindung zwischen dem Spielen von „Call of Duty“ und der Körperverletzung, die ein Call of Duty Spieler am nächsten Mittag in der Schule begeht, herzustellen, müsste man das Konzept einer kurzfristigen Wirkung doch massiv ausdehnen, was die Frage aufwerfen würde, was dann unter einer langfristigen Wirkung zu verstehen ist.

Ah, die langfristige Wirkung. Mit der langfristigen Wirkung, also der Wirkung von Gewalt-Computerspielen, die auch noch eine halbe Stunde nach der Beendigung des Spiels vorhanden ist, gibt es ein Problem:

„Ob und wie der eindeutig nachgewiesene kurzfristige Effekt von Computerspielgewalt auch bei häufiger Nutzung von gewalthaltigen Computerspielen eine langfristige Änderung des Verhaltens nach sich zieht, ist sicher noch nicht abschließend untersucht. Es sind noch Fragen offen, wie nachhaltig die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit durch gewalthaltige Computerspiele beeinflusst werden. Aufgrund der derzeit vorzufindende Forschungslage ist jedoch davon auszugehen, dass tatsächlich ein langfristiger, durch die Nutzung gewalthaltiger Computerspiele hervorgerufener negativer Effekt zu beobachten ist.“

Call of duty IIDas ist so ungefähr die Art und Weise, in der sich das Gros derer, die sich im Chor der Warner vor Gewalt-Computerspielen befinden, über die Tatsache hinwegsetzen, dass es keine eindeutigen oder gar verlässlichen Befunde darüber gibt, ob das Spielen von „Call of Duty“ auch noch eine halbe Stunde nach Beendigung irgendeinen Effekt hat. Aber, wenn man als Warner mit so einem Problem konfrontiert ist, dann macht man eben den Wunsch zum Vater des Gedankens: Wir wissen zwar nichts, aber wir nehmen an, dass wir alles wissen, also: Computer-Gewaltspiele machen, was auch immer, in jedem Fall haben sie einen negative Wirkung, und deshalb sind sie zu bekämpfen.

Dass in manchen Studien ein negativer Effekt von Gewalt-Computerspielen gefunden wurde und in anderen Studien nicht, also der Zustand, in dem sich die Forschung zu negativen Effekten von Gewalt-Computerspielen derzeit präsentiert, mag darin begründet sein, dass die entsprechende Forschung doch sehr begrenzt, sehr engstirnig und vor allem darauf ausgerichtet ist, negative Effekte zu finden.

Mit diesem Manko hat eine Untersuchung von Morgan J. Tear und Mark Nielsen nun aufgeräumt. Sie haben untersucht, wie sich das Spielen von „Gewalt“-Computerspielen auf prosoziales Handeln auswirkt. Und sie haben gleich noch ein Problem bisheriger Forschung ausgeräumt und in ihrer Untersuchung nicht nur Gewalt-Computerspiele, sondern auch prosoziale, antisoziale und nicht-Gewalt-Computerspiele berücksichtigt.

Das pfiffige Design, dem 64 Studenten unterzogen wurden, sah vor, in vier Gruppen Computerspiele zu spielen (Gewalt-, pro-sozial, anti-sozial und nicht-Gewalt) und in verschiedenen Experimentalsituationen die folgende Episode einzustreuen:

Der Leiter der Experiments teilt dem Teilnehmer, der gerade dem Experiment unterzogen wird mit, dass er vergessen hat, dass er am anderen Ende des Campus eine Prüfung abnehmen muss. In aller Eile und Hektik packt er seine Papiere und Stifte zusammen und eilt zur Tür. Auf dem Weg zur Tür lässt er Papier und Stifte fallen und wartet fünf Sekunden, fünf entscheidende Sekunden, wie Greitemeyer und Osswald (2010), die dieses Design ausgetüftelt haben, meinen, denn wer helfen will, dem reichen diese fünf Sekunden, um zu helfen. Dem armen Leiter des Experiments dabei zu helfen, seiner Habschaften Herr werden, gilt im Experiment als pro-soziales Verhalten.

Tatsächlich zeigten Probanden, die mit dem Spielen von Gewalt-Computerspielen beschäftigt waren, die größte Bereitschaft aller vier Spielergruppen (pro-sozial, anti-sozial, Gewalt-, nicht-Gewalt), dem armen Experimentator zu helfen. Dieser Befund ergab sich unter verschiedenen Bedingungen, er ergab sich während und einige Zeit nach dem Spielen der entsprechenden Spiele, so dass man konservativ mit Tear und Nielsen formulieren kann:

„Three experiments failed to find a detrimental effect of violent video games on prosocial behavior, despite using contemporary and classic games, delayed and immediate test-phases, and short and long exposure“ (Tear & Nielsen, 2013, S.5)

Man kann auch offensiv formulieren und sagen: Das Spielen von Gewalt-Computerspielen wirkt sich positiv auf soziales Verhalten aus.

Und als Effekt kann man den Chor der Warner hören: Nur 64 Befragte, Studie in den USA, nur eine Studie, und alles, was sie sagen, stimmt, aber erstens, sind es dieselben Warner, die Ergebnisse, die nicht vorhanden sind, einfach einmal erfinden, wie z.B. die Bundesprüfstelle, zum anderen verbreiten Sie „Erkenntnisse“ aus genau einem Buch als Stein der Weisen, wie die Schulbehörde in NRW, so dass auf das Glashaus verwiesen werden muss, aus dem heraus besser keine Steine geworfen werden.

Logik der ForschungAber, wir sind ja kritische Rationalisten, und deshalb muss konstatiert werden: Nach der Untersuchung von Tear und Nielsen ist die Welt nicht mehr, wie sie vorher war: Dass Gewalt-Computerspiele nur oder überhaupt zu anti-sozialem oder gewalttätigem Verhalten führen, ist falsifiziert, dass vorhergehende Untersuchungen durch ihre Versuchsanlage Ergebnisse vorherbestimmt haben und entsprechend Artefakte produziert haben, ist eine naheliegende Schlussfolgerung, die nunmehr und zur Prüfung u.a. einer Meta-Analyse bedarf, und dass man sich nicht mehr hinstellen kann und sagen „Gewalt-Computerspiele sind schädlich“, das ist nach der Studie von Tear und Nielsen ein Faktum, und am Ende erweisen sich die Spieler von Gewalt-Computerspielen noch als die besseren Menschen?

Greitemeyer, Tobias & Osswald, Silvia (2010). Effects of Prosocial Video Games on Prosocial Behavior. Journal of Personality and Social Psychology 98(2): 211-221.

Tear, Morgan J. & Nielsen, Mark (2013). Failure to Demonstrate That Playing Violent Video Games Diminishes Prosocial Behavior. Plos One.

Vorsicht vor sozialen Medien

twitterFacebook und Twitter, die beiden Speerspitzen im Bereich sozialer Medien, so behaupten zwei neue Studien aus den USA, sind mit Vorsicht zu genießen. Von wegen „sozial“, so meine Zusammenfassung der Wertung der Inhalte beider Studien durch die jeweiligen Autoren: Facebook wirkt sich negativ auf junge Beziehungen aus und Facebook wie Twitter befördern die Selbstverliebtheit ihrer Nutzer. Auf den Punkt gebracht: Soziale Medien machen asozial oder haben das Potential dazu – so zumindest die Behauptung.

Die erste der beiden Untersuchungen stammt von Elliot T. Panek, Yiordis Nardis und Sara Konrath und wird in der Septemberausgabe von Computers in Human Behavior zu finden zu sein. Die Untersuchung trägt den Titel: „Mirror or Megaphone?: How Relationships between Narcissism and Social Networking Site Use Differ on Facebook and Twitter“. Die Untersuchung basiert auf zwei Experimenten, die die Nutzung von Facebook und Twitter von je 486 Studenten bzw. von 93 Erwachsenen analysieren. Interessiert haben sich die Autoren für die Verbindung von Narzismus, also von Selbstverliebtheit, die man in diesem Kontext wohl besser als Hang zur Selbstdarstellung bezeichnen muss und der Nutzung von Facebook und Twitter. Herausgekommen ist dabei:

  • Studenten, stellvertretend für junge Menschen, nutzen Twitter häufig um sich zu produzieren als Mittel, um die eigene angenommene Überlegenheit über andere in die Welt zu posaunen (das ist meine Übersetzung).
  • Junge Menschen, so schließen die Autoren, haben es demnach notwendig, das eigene Profil durch z.B. Twitter erst zu schaffen. Sie nutzen Twitter entsprechend, um ihre Egos zu befördern.
  • Erwachsene nutzen häufiger Facebook als Twitter, und sie benutzen Facebook eher als Spiegel. Sie polieren ihre Erscheinung in sozialen Netzwerken und versuchen, die eigene Erscheinung für andere zu optimieren.

Facebook und Twitter sind demnach Mittel des narzistischen Selbstauslebens: Twitter dient dabei mehr als Posaune, als Megaphone, wie die Autoren sagen, Facebook als Spiegel, den man täglich polieren muss.

savage narcissismBeides, Posaunen wie Polieren, benötigt Zeit, Zeit, die an anderer Stelle fehlt. Und wenn diese Zeit Personen fehlt, die gerade eine neue Beziehung eingegangen sind, wobei „gerade“ bedeutet, dass die Beziehung nicht älter als drei Jahre ist (Warum? Keine Ahnung, vermutlich ein Ergebnis aus der Kategorie „data-speek-to-me“.), dann sind soziale Netzwerke im Allgemeinen und dann ist Facebook im Besonderen häufig ein Beziehungskiller. Dieses Ergebnis steht am Ende einer Untersuchung von Russel B. Clayton, Alexander Nagurney und Jessica R. Smith, die zur Veröffentlichung in Cyberpsychology, Behavior and Social Networking ansteht.

Unter dem Titel „Cheating, Breakup, and Divorce: Is Facebook Use to Blame?“ haben die Autoren die Ergebnisse einer Untersuchung der Facebook-Nutzung von 205 Erwachsenen im Alter von 18 bis 82 Jahren veröffentlicht. Untersucht haben die Autoren, wie die Häufigkeit, sich mit seinem Partner zu streiten oder seinen Partner zu betrügen, mit der Häufigkeit der Aktivitäten auf Facebook zusammenhängt (warum auch nicht?). Dabei ist Folgendes herausgekommen:

Individuen, die viel Zeit in Facebook stecken, stehen in der Gefahr, ihre Partner zu vernachlässigen, sie stehen in der Gefahr, z.B. durch Facebook-Kontakte mit früheren Partnern Eifersucht bei jetzigen Partnern zu bewirken, und sie sind in der ständigen Gefahr, durch ihre jetzigen Partner und in Facebook überwacht zu werden.

vintage-social-networkingMan sieht, zuviel soziale Netzwerke sind nicht gut. Entweder machen Twitter und Facebook narzistisch oder beide werden vornehmlich von narzistischen Persönlichkeiten genutzt, so genau sagt Untersuchung 1 dazu nichts aus, oder Facebook gefährdet die Qualität und den Bestand der eigenen (jungen) Beziehung (Beziehungen, die älter als drei Jahre sind, sind offensichtlich Facebook-resistent). Und weil das alles noch nicht reicht, empfehlen Clayton, Nagurney und Smith Facebook-Nutzern, die sich in einer Beziehung von weniger als drei Jahren Dauer befinden, ihre Facebook-Nutzung zurückzufahren und sich nur moderat auf Facebook zu engagieren.

Ja. Wenn man diese Ergebnisse verdaut hat, dann kommen zunächst die folgenden Fragen: Wenn die Beziehungs-Probleme aus der Facebook-Nutzung, die in Untersuchung 2 beschrieben sind, hauptsächlich daraus entstehen, dass die Facebook-Aktivitäten eines Partners durch den anderen Partner überwacht werden, dann setzt dies logisch voraus, dass sich beide Partner mehr für Facebook als für ihren jeweiligen Partner interessieren, was an sich schon darauf hindeutet, dass die Partnerschaft nicht mehr so thrilling sein kann, wie sie einmal war, wenn sie es jemals war.

Im Hinblick auf Untersuchung 1 stellt sich die Frage, ob narzistische Selbstdarstellung etwas ist, das mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke auf uns gekommen ist oder ob es nicht etwas ist, das soziale Beziehungen zu allen Zeiten ausgemacht hat. Angesichts der Mühe, die sich Menschen geben, um z.B. ihre Nachbarn zu beeindrucken, scheint mir die Annahme, Twitter und Facebook seien etwas anderes als neue Medien, die zur Auslebung sozialer Bedürfnisse genutzt werden, mehr als naiv zu sein. Folglich bleibt von Untersuchung 1 nicht viel an Neuigkeitswert übrig, denn dass Menschen neue Möglichkeiten zur Selbstdarstellung nutzen, ist nun wirklich nicht überraschend. Es kann nur denjenigen überraschen, der entweder ein Mauerblümchendasein führt oder das Führen desselben von anderen erwartet, was wiederum die Frage aufwirft, was derjenige wohl denkt, was soziale Beziehungen ausmacht.

Beide Untersuchungen gehören in einen rasch wachsenden Korpus von Untersuchungen, die neue Medien und vor allem „neue soziale Medien“ problematisieren, denn offensichtlich ist die Form von Sozialität, die in neuen sozialen Medien stattfindet, für viele der zu diesem Korpus beitragenden Autoren die falsche Form von Sozialität. Falsch ist demnach, mit Freunden auf Facebook zu chatten, sich auf Twitter mit Neuigkeiten aus aller Welt zu versorgen, oder sich in sozialen Netzwerken um den Aufbau eines eigenen Profils, einer Form von Persönlichkeit zu bemühen. Richtig wäre wohl, im Kreis der (Groß-)Familie gepflegt über den Nachbarn zu tratschen oder sonstigen Gossip auszutauschen, die Neuigkeiten, die die ARD für berichtenswert hält, aus dem Fernsehen zu beziehen und sich ansonsten moderat gekleidet zum jährlichen Dorffest in der Turnhalle einzufinden – natürlich mit Partner und in gesicherter Beziehung, auch wenn dieselbe weniger als drei Jahre alt ist.

Offene GesellschaftOffensichtlich hadern die Autoren, die sich mit den vermeintlichen Problemen oder Gefahren sozialer Netzwerke auseinandersetzen, damit, dass sich die Welt ändert, dass alles im Fluss ist, ein Zustand, der schon Heraklit zuwider war. Und weil sich die Welt ändert, weil das, was gestern noch als die richtige Form, in der soziales Verhalten stattfindet, gegolten hat, morgen schon überholt sein kann, fürchten die entsprechenden Veränderungs-Ängstlichen, dass die Welt die sie kennen, in sich zusammenfällt, dass Beziehungen durch Facebook gefährdet werden, dass Selbstdarstellung in Twitter zum Lebenszweck werden kann oder dass Ehen geschieden werden, weil beide Partner mehr Zeit damit verbringen, sich auf Facebook gegenseitig zu überwachen als damit, miteinander zu reden.

Als in den 1960er Jahren das Fernsehen aufgekommen ist, haben damalige Kommentatoren das Ende der sozialen Beziehungen vorher gesehen und den Verfall der Formen des Zusammenlebens, wie sie sie bis dahin kannten, befürchtet. Heute wiederholt sich das Lamento im Hinblick auf das Internet und die Nutzung sozialer Netzwerke. Und dabei entpuppt sich dieses Lamento als nichts anderes als die Angst vor Veränderung, die all diejenigen regelmäßig befällt, die fürchten, auf der Strecke zu bleiben.

Clayton, Russell B., Nagurney, Alexander & Smith, Jessica R. (2013). Cheating, Breakup, and Divorce: Is Facebook Use to Blame? CyberPsychology, Behavior and Social Networking. Online First.

Panek, Elliot T., Nardis, Yiordyos & Konrath, Sara (2013). Mirror or Megaphone? How Relationships between Narcissism and Social Networking Site Use Differ on Facebook and Twitter. Computers in Human Behavor 29(5): 2004-2012.