Gepflegte Wissenschaftsmythen: Die Arbeiterbewegung ist links (FakeGeschichte)

Vom 22. bis zum 24. Juni findet an der Universität Jena eine Konferenz statt, bei der sich Ahnungslose treffen, um gegenseitig über ihre jeweilige Ahnungslosigkeit zu staunen.

Weber Geschichte der DDR.jpgHermann Weber, einer der Wissenschaftler, die den Kommunismus so gut von innen kannten, dass sie vor ihm nach Westdeutschland geflohen sind, hat die Teilnehmer seiner Seminare nach dem Ende von deren Vortrag regelmäßig und vorhersagbar mit der Frage konfrontiert: „Und was ist der neueste Forschungsstand?“ Weber, selbst die Autorität in Deutschland, wenn es um DDR-Geschichte und die Kommunistische Ideologie geht, war ein akribischer Kumulierer.

Denn: Wissenschaft und vor allem Erkenntnisfortschritt sind nur kumulativ möglich, nur dadurch, dass bewährtes Wissen bekannt ist und die Basis von Einzelwissenschaften bildet, die dieses Wissen ständig testen und zu erweitern trachten.

Das war früher.
Heute sehen wir regelmäßig, wie angebliche Wissenschaftler das Rad neu erfinden wollen.
Wir erinnern uns an die Bauklötze, die Genderisten bei ihrer Entdeckung der „Intersektionalität“ gestaunt haben, also der Erkenntnis, dass man nicht nur dumm sein kann, sondern auch dick, was notwendig zu einer Schnittmenge führen muss.

Das ist das schlimmste an manchen Positionsinhaber der institutionalisierten Wissenschaft: Ihre Naivität und Ahnungslosigkeit, die sie Aussagen treffen lässt, bei denen man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann, Aussagen wie diese:

„Die Arbeiterbewegung gehört zum linken Milieu, dieser Satz galt lange Zeit unangefochten“, sagt die Soziologin Dr. Karina Becker der Universität Jena.

Jena liegt noch auf diesem Planeten – oder?
Und in Deutschland?

Wie kann man derartige Ahnungslosigkeit steigern, wie die eines promovierten Mitglieds der institutionalisierten Wissenschaft, das allen Ernstes behauptet, die Arbeiterbewegung gehöre zum linken Milieu? Die Arbeiterbewegung wurde nicht einmal in einem linken Milieu gegründet, sondern in einem religiösen, einem katholischen, um genau zu sein. Denn die erste Form von Arbeiterbewegung, sie hat sich um 1848 als katholische Arbeitervereine gefunden. Die Ahnungslosen aus Jena mögen unter dem Stichwort „Unterstützungsverein Heiliger Josef“ suchen. Regensburg als Stichwort, mag auch ganz hilfreich sein. Weiter hilft den Ahnungslosen auch der Name Adolph Kolping, der trotz seines Vornamens kein Nazi war, was man heute ja betonen muss.

Die Arbeiterbewegung ist somit nicht links. Sie wurde von linken Parteien gekapert, die dennoch bei keiner Wahl die Mehrheit der Arbeiter auf sich vereinigen konnten. Die KPD nicht, weil sie nicht nur in der Weimarer Republik die Partei der Arbeitslosen war, die SPD nicht, weil es schon immer Arbeiter gab, die die Parteien der Mitte und rechte Parteien gewählt haben, vom Zentrum bis zur CDU/CSU.

Dass man im Jahre 2017 darauf hinweisen muss, dass die Arbeiterbewegung keine Erfindung der politischen Linken ist, ist nicht nur erschreckend, es ist auch bezeichnend für eine Zeit, in der der linke Heilsgedanke: „Am sozialistischen Wesen soll die Welt genesen“, unter angeblichen Wissenschaftlern wieder Verbreitung findet.

Kratzenberg Arbeiter NSDAPDie ahnungslose Becker, die aus dem Staunen nicht mehr herauskommen wird, sofern sie sich jemals mit den Ursprüngen und der Geschichte der Arbeiterbewegung beschäftigt, über das hinaus, was linke Parteien seit Jahrzehnten an Erzählung gesponnen haben, um sich als Vertreter von Arbeitern zu inszenieren, wird nur getoppt vom noch ahnungsloseren Dr. Klaus Dörre, der auf der selben Konferenz, auf der auch Becker ihre Ahnungslosigkeit zu Schau stellen wird, einen Vortrag halten soll, dem die Ahnungslosigkeit schon vorauseilt. Heißt es doch in der Ankündigung seines Vortrags:

„Zu Beginn der Tagung spricht Prof. Dr. Klaus Dörre über „Sehnsucht nach Sicherheit. Der neue Rechtspopulismus und die Arbeiter“. Der Soziologe von der Universität Jena wird brisante Forschungsergebnisse vorstellen. So gibt es nach ersten Ergebnissen einer Studie, die unter Verantwortung Dörres erstellt wird, unter aktiven Gewerkschaftern sowie Betriebsrätinnen und -räten inzwischen Personen, die sich offen zur AfD, zu Pegida oder noch weiter rechts stehenden Organisationen bekennen. „Sich an Streiks zu beteiligen und den Bus zu organisieren, der sie zur Pegida-Demo bringt, stellt für diese Gewerkschafter keinen Widerspruch dar“, sagt Klaus Dörre.“

Das Brisante und von allen, die an der Ahnungslosenkonferenz in Jena teilnehmen, für unmöglich Gehaltene, es ist da: „Arbeiterbewegung von rechts“! Unglaublich. Arbeiter. Rechts. Arbeiter, die zur Pegida fahren. Gewerkschaftler, die die AfD wählen, ja ihr Mitglied sind. Einmal davon abgesehen, dass es für das nicht vorhandene Demokratieverständnis bezeichnend ist, wenn angebliche Wissenschaftler, die mit Sicherheit ganz viel Vielfalt haben wollen, dann, wenn sie auf Vielfalt treffen, die ihnen ideologisch nicht in den Kram passt, bleich werden und mit Vorstellungen von Extremismus des Weges kommen, ist abermals das schlimmste die Ahnungslosigkeit, die man nur als Selbsttäuschung aufgrund eines nicht gerechtfertigten Glaubens an einen Mythos bezeichnen kann. Den Mythos, dass die Arbeiterbewegung zum linken Milieu gehöre.

Vielleicht kann man sich ja selbst hypnotisieren. Die Arbeiterbewegung gehört zum linken Milieu. Die Arbeiterbewegung gehört zum linken Milieu. Die Arbeiterbewegung gehört zum linken Milieu … Nein, klappt nicht, bei uns nicht. Bei Dörres und Becker wohl schon.

roter gruener brauner sozialismus.jpgNun, den beiden steht eine Überraschung ins Haus, z.B. wenn sie ein Buch über die Weimarer Republik zur Hand nehmen, die Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, ein gutes Buch zu diesem Thema, und darin nach dem Stichwort „Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation“ suchen. So nannte sich die Arbeiterbewegung der NSDAP, also die Arbeiterbewegung, die dann wohl zum rechten Milieu gehört. Sie wurde 1928 gegründet und brachte es in sehr kurzer Zeit auf rund 300.000 Mitglieder, Mitglieder, die es nach Ansicht der Ahnungslosen von Jena nie gegeben hat, denn „Die Arbeiterbewegung gehört zum linken Milieu.“

Es ist an der Zeit, die Geschichte der politischen Linken neu zu schreiben, dieses Mal in Übereinstimmung mit den historischen Tatsachen, damit nicht weiter Fake-History verbreitet wird.

Ausgelaufen: Ostermärsche sind out

Nostalgie in den Medien: “Tausende demonstrieren für Frieden und Abrüstung!”

Es ist Ostermarschzeit und diejenigen, die in den 1970er und 1980er Jahren sozialisiert wurden, sie denken mit Wehmut an die Zeit, als noch 100.000e gegen den Nato-Doppelbeschluss und natürlich für den Frieden demonstriert haben.

Wahre Happenings waren das.
Ostermarschieren war in.
Dabeisein war alles.
Gesehen werden war Pflicht.

Nun sind Ostermärsche nicht die Rolling Stones oder ACDC, die selbst als Greise noch die Massen begeistern. Ostermärsche sind out, es hat sich ausgelaufen. Da hilft auch die ultra-positive Schlagzeile: „Tausende demonstrieren für Frieden und Abrüstung“ nichts.

stell_dir_vorZwar stimmt es, dass in Stuttgart rund 2000 Leutchen zum Demonstrieren zusammengekommen sind und in München so um die 1000, aber das waren die Highlights neben denen die 600 Hanseln in Berlin oder die 50 bis 100 Engagierten, die in Kaiserslautern erwartet werden, die triste Realität des Ostermarschierens beschreiben. Linke, IG-Metall, ver.di, sie alle versuchen, Marschierer für Ostern zu rekrutieren – weitgehend vergeblich. Ostermarschieren ist out.

Niemand will mehr Ostermarschieren.

Es hat sich ausgelaufen.

Warum?

Weil das Happening fehlt. Heutigen Demonstranten muss man etwas bieten: Randale wie bald beim G20 in Hamburg. Es muss um etwas gehen, wofür es sich zu demonstrieren lohnt. Gegen Rechte oder gegen Scheißbullen oder gegen Bonzen, gegen Atomkraft, gegen Trump – dagegen kann man demonstrieren. Gegendemonstrieren. Nicht für, für Frieden, für Abrüstung.

Wer bitte, demonstriert für Frieden?

Dieselben Leutchen, die das auch schon in den 1970er und 1980er Jahren getan haben. Nur sind sie zwischenzeitlich gealtert. Äußerlich, nicht innerlich und schon gar nicht in ihrem Denken, das immer noch in der pazifistischen Idylle gastiert, in einer Traumwelt, in der es nur gute Menschen und keinen Grund gibt, sich zu bewaffnen und auf der Hut zu sein.

Und so fordern die Häuflein Ostermarschierer, die sich nach Stuttgart oder München oder Berlin verlaufen haben, Waffenexporte zu stoppen und Verantwortung für den Frieden zu übernehmen.

Das ist rührend. Fast so rührend, wie für eine Welt ohne Kriminalität, ohne Trittbrettfahrer und ohne Regen zu demonstrieren und genauso umsonst, so umsonst wie das sprichwörtliche Kinderweinen auf dem Atlantik.

Wie die Geschichte der Menschheit zeigt, gibt es immer diejenigen, die sich nicht an Regeln halten, die versuchen, sich auf Kosten anderer und wenn es sein muss auch mit Gewalt durchzuschlagen. Daran ändert kein Ostermarsch etwas.

Ostermarsch.pngAber das soll er auch nicht. Ostermärsche sind Nostalgie. Für manchen Redakteur sind sie Erinnerung an die Zeit, als er noch jung war und gelebt hat. Für die Teilnehmer sind Ostermärsche rituelle Reinigungen, aus denen sie moralisch gesäubert und gestärkt hervorgehen, und für uns Beobachter der Ostermärsche sind sie ein Zeichen dafür, dass Irrationalität nicht ausstirbt, nicht einmal dann, wenn überdeutlich zu erkennen ist, dass Gewalt ein Grundbestandteil der menschlichen Spezies ist, auf den man besser vorbereitet ist, aus Gründen der Abschreckung.

Zeit, Helmut Schmidt zu loben. Er hatte Recht. Der Nato-Doppelbeschluss und die Nachrüstung, sie waren notwendig, um den Frieden in Europa zu sichern. Und das sagen Ostermarschierer von damals.

Geheime Schweinereien enttarnt: „Bürgernahe“ GEZ-Zwangsvollstreckung

Angeblich gibt es derzeit (nur) rund 1.5 Millionen Deutsche, die keine GEZ-Gebühren bezahlen.

GEZ nein dankeDamit hätte die Gebührenverweigerer-Bewegung sich in Deutschland als das etabliert, was man früher als soziale Bewegung bezeichnet und erforscht hat. Heute sind die meisten Sozialwissenschaftler zu sehr mit sich und der Legitimation politisch korrekter Inhalte beschäftigt, als dass sie noch eine Wahrnehmung für das hätten, was tatsächlich geschieht. Deshalb forscht bislang niemand zur neuen sozialen Bewegung der Gebührenverweigerer.

Gebührenverweigerer sind in der öffentlich-rechtlichen Medien-Öffentlichkeit auch kein Thema, was verständlich ist, denn die angeblich unabhängigen Sender von ARD und ZDF haben kein Interesse daran, den wachsenden Widerstand gegen die eigene Berichterstattung öffentlich zu machen.

Auch Verwaltungen, die sich, wie das Landratsamt Saalfeld-Rudolstadt zum Helfershelfer derer machen, die GEZ-Gebührenverweigerer mit allen Mitteln staatlicher Repression und Schuldner-Verfolgung überziehen, scheinen in diesen stillschweigenden oder choreographierten Pakt des Stillschweigens einbezogen zu sein.

Das ist verwunderlich.
Verwaltungen sind nicht das Instrument in der Hand der Regierung, das dazu da ist, staatliche Regelungen gegen Bürger durchzusetzen. Verwaltungen sind Beauftragte der Bürger, deren Aufgabe darin besteht, das Miteinander der Bürger zu erleichtern. Nun sind Verwaltungen immer mehr zu Handlangern der Gängelung von Bürgern geworden, die gegen Bürger Steuerbescheide durchsetzen, Bürger dazu zwingen, unterschiedliche Formen der Unterwerfungsrituale durchzuführen, vom Gang zur Zulassungsstelle, die man komplett einsparen und über das Internet abwickeln könnte bis zum Einwohnermeldeamt, dem Aufenthaltswechsel sofort zu melden sind, so als wären Bürger der Herrschaft des Einwohnermeldeamts unterworfen und nicht etwa umgekehrt.

Dass der Schwanz in Deutschland mit dem Hund wedelt, soll durch eine Vielzahl wohlklingender und irreführender Begriffe vertuscht werden, z.B. den Begriff der Bürgernähe. Zitieren wir doch ausnahmsweise einmal die Wikipedia:

Government help“Das Verständnis über Bürgernähe ist vielfältig. Im Zusammenhang mit Bürgernähe werden von Behörden im Regelfall „unbürokratische“ Vorgangsweisen erwartet wie einfache Erreichbarkeit, unverzügliche Entgegennahme von dringlichen Angelegenheiten und genaue Feststellung des Eingangstermins durch die Verwaltung. Bei einer Befragung, wie der Landtag Nordrhein-Westfalen politisch gestärkt werden könnte, wird mehr Bürgernähe durch Eingehen auf die Bürger und Stärkung des Einflusses der Bürger genannt. Anstelle einer genauen Begriffserläuterung wird Bürgernähe häufig durch ein Mehr in einem Teilbereich der Bürgerbelange beschrieben – etwa die Zusammenarbeit durch die Nutzung von elektronischen Medien, um damit die Bürgernähe und Serviceorientierung der Verwaltung zu stärken, oder es wird einfach nur wie im Vertrag von Lissabon die Absicht erklärt, so bürgernah wie möglich zu sein.“

Bürgern, so der Schein, der gegaukelt wird, soll durch vermeintliche Bürgernähe der Eindruck vermittelt werden, das, was in Verwaltungen geschieht, sei durchweg in ihrem Interesse, sei durchweg effizient, sei in jedem Fall an konkreten Regeln ausgerichtet und darüber hinaus transparent und nachvollziehbar. In keinem Fall, so der Schein, agierten Verwaltungen gegen die Interessen der Gemeinschaft, in keinem Fall würden sie sich zum Erfüllungsgehilfen von Organisationen machen, die auf dem Rücken von und gegen den Widerstand einer wachsenden Anzahl von Bürgern ihr Dasein fristen.

So der Schein.
Hier die Realität, die derzeit durch das Internet geht. Ja, das Internet, der Ort des Hasses und der Trolle, der Ort, den Politiker gerne schließen, in jedem Fall aber genauer überwachen wollen, damit nicht ans Licht kommt, was sie gerne vor der Öffentlichkeit verbergen wollen, damit nicht deutlich wird, wie hohl Begriffe wie „Bürgernähe“ in Wirklichkeit doch sind.

Im folgenden Schreiben geht es um eine laufende Auseinandersetzung zwischen dem Landratsamt Saalfeld-Rudolstaat als Erfüllungsgehilfen des MDR und einem verständlicherweise anonymen GEZ-Gebührenverweigerer, dem die Zwangsvollstreckung angedroht ist und dem in dem Schreiben rundheraus erklärt wird, dass alle seine Schreiben, die er zur Begründung seiner GEZ-Gebührenverweigerung an das Landratsamt Saalfeld-Rudolstadt und die dort zuständige Bearbeiterin Schönbrodt schicken wird, nicht gelesen oder zur Kenntnis genommen werden. Die Zwangsvollstreckung wird durchgezogen, egal, was der Gebührenverweigerer sagt, schreibt und tut.

gez-vollstreckung

Nun ist eine derartige Weise, Bürger abzufertigen, nicht unbedingt das, was man als bürgernah bezeichnen würde. Es verspricht, den mit Mühe aufgebauten schönen Schein zu zerstören, so wie derartige Mitteilungen, in denen klipp und klar steht, dass in diesem Fall die Verwaltungsangestellte Schönbrodt alles, was Bürger schreiben, ignorieren wird, eher dafür sprechen, dass Verwaltungen gegen Bürger und nicht für Bürger arbeiten. Letzteres wäre Anlass, die Verwaltungen zu schließen und die Schönbrodts aus Saalfeld und anderen Landkreisen an ihre Kollegen in den Jobcentern der Region zu verweisen.

Deshalb wird ausdrücklich untersagt, und zwar von einem „wir“, das Schreiben und andere Unterlagen im Internet zu veröffentlichen. Auf welcher Rechtsgrundlage diese Untersagung wohl erfolgt? Gäbe es eine, sie würde von „wir“ sicher zitiert. Aber „wir“ weiß offensichtlich keine Rechtsgrundlage und will nur verhindern, dass die Schweinereien, die wohl zwischenzeitlich täglich in Verwaltungen hinter dem Rücken der Bürger ablaufen, auch dort bleiben: Hinter dem Rücken.

Wie gut, dass es mutige Menschen und das Internet gibt, ohne das es kaum möglich wäre, die totalitären Züge, die Deutschland immer mehr annimmt, so plastisch und im Beispiel darzustellen und vor allem zu verbreiten.

Nachtrag zum Thema: Wer liest alles ScienceFiles?

Über den folgenden Link eines Mailserveres kamen heute drei Leser auf diesen Text:

http://domslf1/mail/vollstreckung.nsf/iNotes/Mail/?OpenDocument&ui=dwa_frame&l=de&CR&MX&TS=20161202T002022%2C61Z&charset=UTF-8&KIC&ua=ie&pt&gn

“slf1” = Saalfeld – Vollstreckung ist selbstredend.


Hinweise für ScienceFiles?
Schreiben Sie uns.

Falsche historische “Fakten”

Die Demonstration in Leipzig, am 9. Oktober 1989, wird bis heute als die Demonstration gefeiert, die das Ende der DDR und der SED (zumindest im damaligen Gewandt) eingeläutet hat. 70.000 Demonstranten haben damals den Augustusplatz in Leipzig besetzt, um gegen das DDR-Regime oder gegen die gefälschten Kommunalwahlen oder für Reisefreiheit oder für Bananen oder für was auch immer zu demonstrieren. 70.000 Demonstranten, diese Zahl ist ein historisches Fakt. Jeder kennt sie, jeder reproduziert sie:

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die Anzahl derjenigen, die die 70.000 Demonstranten, die sich am 9. Oktober 1989 den Augustusplatz eingefunden  haben,  als historischen Fakt ansehen und diesen historischen Fakt in der Medien- und Bildungslandschaft kolportieren, ist groß und wird immer größer. Das einzige Problem, das sich mit den 70.000 Demonstranten verbindet, ist: Die Zahl ist falsch.

Das hat Karl-Dieter Opp gerade erst wieder in einem Beitrag für die Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik geschrieben, und er hat es bereits 1993 gezeigt, im gemeinsam mit Peter Voß und Christiane Gern verfassten Buch “Die volkseigene Revolution”. Leider hat es bislang niemand zur Kenntnis genommen. Die 70.000 sind zu tief im Bewusstsein der Medien- und Bildungsschaffenden in Deutschland eingegraben. Um sie zu entfernen, muss man offensichtlich Tiefenchirurgie anwenden.

Volkseigene RevolutionDoch zurück zur Zahl der Demonstranten vom 9. Oktober 1989. Es waren wahrscheinlich zwischen 124.500 und 166.000 Demonstranten, also ein paar mehr als 70.000. Der Verdacht, dass mit den 70.000 Demonstranten etwas nicht stimmen kann, ist Karl-Dieter Opp gekommen, als eine Befragung von 1.225 Leipzigern deutlich höhere Anteile von Demonstrationsgängern erbracht hat, als sie hätte erbringen dürfen. Rund 26% wollten demonstriert haben. Hochgerechnet auf die Bevölkerung von Leipzig wären das rund 133.000 Demonstranten und somit deutlich mehr als die offiziellen 70.000, und das ohne all diejenigen zu berücksichtigen, die aus dem Umland nach Leipzig gekommen sind, um am 9. Oktober 1989 zu demonstrieren.

Ha, denkt man als empirischer Sozialforscher. Meine Befragten wollen mir etwas vormachen und, weil es zwischenzeitlich schick ist oder den Status erhöht, wenn man am 9. Oktober 1989 demonstriert hat, geben mehr an, das getan zu haben, als es tatsächlich getan haben, soziale Erwünschtheit nennen das Sozialforscher. Aber Karl-Dieter Opp hat das geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass auch nach Berücksichtigung “sozial erwünschter” Antworten, die Anzahl der Demonstranten immer noch mehr als 70.000 gewesen sein muss.

Exkurs zu sozialer Erwünschtheit: Wie  prüft man, ob Befragte einem Interviewer etwas  erzählen, von dem sie denken, dass er es hören will bzw. dass es sie selbst in ein besseres Licht stellt. Nun, dass man belogen wird, gehört zum Leben als Sozialforscher. Aber man kann Vorkehrungen treffen, z.B. in dem man sicherstellt, dass der Interviewer die Antwort der Befragten auf die Frage nach z.B. der Demonstrations-Teilnahme nicht kennt. Das geht recht einfach, indem die ansonsten mündliche Befragungen unterbrochen wird, und die Befragten gebeten werden, einen kurzen Fragebogen auszufüllen (ohne Gegenwart des Interviewers), den Fragebogen dann in ein Couvert zu stecken und das Couvert zu verschließen. Da der Interviewer auf diese Weise die Antwort der Befragten nicht kennt, entfällt im Hinblick auf die Demonstrationsteilnahme das Motiv, mit seiner Antwort prahlen zu wollen, und da die Antwort in ein unmarkiertes Couvert gesteckt wird, erfährt auch sonst niemand, dass man bei einer Demonstration war oder nicht war. Kurz: die Anreize, zu prahlen, sind verringert. Darüber hinaus kann man auf interne Validität prüfen und den Anteil derer, die auf die Frage “Waren Sie Mitglied in der SED”, eine Frage, auf die eine positive Antwort zum Zeitpunkt der Befragung eher negativ sanktioniert war, mit dem Anteil der Leipziger Bevölkerung vergleichen, der SED-Mitglied war. Abweichungen zwischen beiden Anteilen, die statistisch signifikant sind, deuten auf soziale Erwünschtheit hin und erlauben es zudem, die maximale Anzahl der Befragten, die sozial erwünschte Antworten geben, zu bestimmen, was wiederum genutzt werden kann, um die Angaben auf die Beteiligung an der Demonstration zu gewichten. All das, hat Karl-Dieter Opp getan, und am Ende waren es immer noch mehr als 70.000 Teilnehmer, deutlich mehr als 70.000 Teilnehmer.

Da er auch eine verzerrte Stichprobe ausschließen konnte, seine Stichprobe von 1.225 Leipzigern also nicht eine Häufung von Befragtgruppen aufzuweisen hatte, deren Wahrscheinlichkeit an der Leipziger Montagsdemonstration teilgenommen zu haben, höher als die anderer Befragtengruppen war, ist er gemeinsam, mit Thomas Voß, wie er erzählt, und einem Zollstock, über den Augustusplatz in Leipzig gewandert und hat den Platz vermessen. 41.500 Quadratmeter sind dabei herausgekommen. Und wenn man drei Personen auf einen Quadratmeter stellt, dann waren 124.500 Demonstranten am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Quetscht man vier auf einen Quadratmeter und die Bilder vom 9. Oktober 1989 zeigen, dass es eher vier als drei Demonstranten waren, die sich auf dem Augustusplatz gequetscht haben, dann ergeben sich daraus 166.000 Demonstranten. In jedem Fall ergibt sich eine Zahl, die deutlich größer als 70.000 ist.

karl-dieter.oppSolange Dr. habil. Heike Diefenbach und ich Karl-Dieter Opp kennen, und das sind nun auch schon ein paar Jährchen, hat es uns immer fasziniert, dass er nicht davor zurückschreckt, seine Hypothesen mit unkonventionellen Mitteln zu prüfen. KD Opp war immer einer, der für seine Wissenschaft lebt und dem der Zugewinn an Erkenntnis wichtiger als der schöne Schein war. Und vermutlich ist er deshalb einer der, wenn nicht der größte lebende deutsche Soziologe und mit Sicherheit der Soziologe, der im Ausland die größte Bekanntheit genießt (mit Ulrich Beck vermutlich). Kurz: KD Opp ist ein Wissenschaftler der alten Schule und seit er emeritiert ist, hat er noch weniger Anlaß vor dem Anfassen heißer Eisen zurückzuschrecken, wie z.B. der Frage, warum sich eine falsche Zahl, die 70.000 Demonstranten in Leipzig, als historisches Faktum festsetzen konnte und was man daraus lernen kann.

Die erste Frage ist schnell beantwortet. Ein Interview, geführt mit Mitgliedern der oppositionellen Gruppe, die  die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche organisiert hat, die wiederum den Demonstrationen vorausgingen und der Anlaß der Demonstrationen waren, gibt die Antwort in überraschender und eindeutiger Weise. Ich übersetze hier eine Passage aus dem Beitrag von KD Opp:

“Wir mussten eine Zahl nennen. Leute haben uns angerufen. Die Medien wollten eine Zahl. Wie viele Menschen kamen zur Demonstration? Vier von uns haben sich zusammengesetzt. Einer sagte, dass sind 50.000. Einer sagte, das sind 90.000. Wir haben uns dann irgendwie in der Mitte getroffen und die 70.000 öffentlich gemacht. Das ist die Zahl, die jetzt in den Medien berichtet wird.”
Und weiter: “Wir haben dasselbe jeden Montag gemacht. Wir haben dann ein Rad genommen, sind in die Richtung der Demonstration gefahren und haben immer geschätzt. Wir haben dann R. in Berlin angerufen, und er hat immer gesagt: Das müssen doch mehr als letzten Montag sein. Also haben wir beim nächsten Mal 90.000 oder so gesagt. Ob das richtig war oder nicht, weiß niemand.

Hitlers TagebuecherDieses glorreiche Beispiel dafür, wie in Deutschland historische Fakten enstehen und wie Medien dazu beitragen, Geschichte zu schreiben oder soll man sagen, zu fälschen, ist etwas, das einem abwechselnd lachen und weinen lässt. Dass die Sorgfalt bei Medienschaffenden nicht soweit geht, dass sie die Daten prüfen, die sie veröffentlichen, haben wir schon mehrfach auf ScienceFiles thematisiert. Aber diese Form der “Schätzung historischer Daten” ist wirklich einzigartig, und sie wirft ein Schlaglicht auf die Qualität von “Fakten”, die man aus Medien, von Zentralen, die der Bundesbildung gewidmet sind oder gar von Museen beziehen kann.

Am Ende seines Beitrags stellt KD Opp die Frage, ob es einen Unterschied machen würde, wären falsche Daten mutwillig und nicht fahrlässig weitergegeben worden. Anders formuliert, würden Medien- und Bildungsschaffende es bemerken, wenn sie absichtlich mit falschen Daten gefüttert würden und den öffentlichen Diskurs entsprechend mit falschen Daten beglücken würden. KD Opp kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Niemand würde etwas merken, würden absichtlich gefälschte Daten lanciert, weil niemand wissen will, ob die Daten, die er in der Zeitung, der Bundesbildungszentrale oder sonstwo veröffentlicht, richtig oder falsch sind (der Nebensatz ist von mir ergänzt worden).

Die Sorgfalt all derer, die sich der Information und Bildung einer Bevölkerung verschrieben haben, der sie sich in der Regel überlegen wähnen, ist zum Heulen, und entsprechend tut die Bevölkerung gut daran alle Daten, die ihr von den Bildern und Informieren genannt werden, zu prüfen und in jedem Fall nicht für bare Münze zu nehmen, jedenfalls solange, bis im Journalismus und im öffentlichen Diskurs in Deutschland wieder so etwas wie ein Standard von Kompetenz, Lauterkeit und Gewissen eingeführt worden ist.

Einmal mehr zeigt sich, dass gute Soziologie eine Watchdog-Funktion hat. Umso schlimmer ist es, dass sich viele Soziologen, die Lehrstühle besetzen, heute eher als Steigbügelhalter von Ismen aller Art, denn als Kontrollinstanz derjenigen sehen, die für sich z.B. die “Bildung der Massen” in Anspruch nehmen.

Opp, Karl-Dieter (2011). The Production of Historical “Facts”: How the Wrong Number of Participants in the Leipzig Monday Demonstration on October 9, 1989 Became a Convention.

UMFRAGE: Sind Gewerkschaften wie die GEW noch sinnvoll?

Im Jahre 1911 hat Robert Michels sein Buch über die Soziologie des Parteiwesens veröffentlicht, in dem er sein ehernes Gesetz der Oligarchie aufstellt. Das eherne Gesetz besagt, dass mit der Institutionalisierung sozialer Bewegungen wie der Arbeiterbewegung in einer Partei oder einer Gewerkschaft notwendig einhergeht, dass sich eine Funktionärsschicht herausbildet, die die Führung von Partei oder Gewerkschaft übernimmt und sich notwendig von den Interessen derjenigen, die die soziale Bewegung formen oder formten, löst.

Anders formuliert: Mit der Institutionalisierung sozialer Bewegungen geht unauflöslich die Ausbildung einer Funktionärsriege, einer Oligarchie einher, die eigene Interessen verfolgt, die nicht mehr mit den Interessen derer, die die soziale Bewegung formen und formten, übereinstimmen müssen. Wie ist das im Jahre 2011, 100 Jahre nachdem Michels sein ehernes Gesetz der Oligarchie aufgestellt hat?

Was glauben Sie, welche Interessen vertreten z.B. Gewerkschaften wie die GEW?

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