Überall Fremdenfeindlichkeit – von Béziers bis Berlin

Fremdenfeindlichkeit ist eine Begriffsmode, die sich langsam aber sicher nicht nur in den Medien durchsetzt, und zwar zur Bezeichnung aller Erscheinungen, die man als negative Form der Betrachtung von Migranten oder als Kritik an der Migrationspolitik von Regierungen ansehen könnte. Vor allem in Deutschland werden normative Begriffe, wie die Fremdenfeindlichkeit genutzt, um Stimmung für die Regierungspolitik zu machen und alle, die die Regierungspolitik im Hinblick auf Migranten nicht mittragen, zu ächten, zu bösen Menschen, zu Rechtsextremisten oder zu sonst etwas zu erklären, was deutlich macht, dass die entsprechenden Menschen den Boden der Regierungskonformität verlassen haben.

Die vollkommene Ächtung jeder Kritik an z.B. der großen Zahl von Migranten, die in Deutschland aufgenommen wurden und werden, kommt einem Redeverbot gleich, das in dieser Form vor allem aus faschistischen Systemen bekannt ist, in denen versucht wird, bestimmte Sprachregelungen durchzusetzen und bestimmte Informationen nicht mehr zuzulassen. Insofern ist die Weigerung die Migrationspolitik der Bundesregierung zu diskutieren, ein Zeichen dafür, dass demokratische Grundprinzipien in Deutschland nicht mehr gelten, dass der öffentliche Diskurs vielmehr von bestimmten Themen, die der Sprachregelung, die durchgesetzt werden soll, nicht entsprechend, gereinigt werden sollen.

Fremdenfeindlichkeit hat sich als Begriff in diesem Zusammenhang bewährt, um Kritiker der Politik der „Willkommenskultur“, zu diskreditieren und aus dem öffentlichen Diskurs zu drängen. Fremdenfeindlichkeit ist ein normatives Konzept, das die Bewertung gleich in sich trägt, denn wer „feindlich“ eingestellt ist, der kann in der Plastikwelt moderner Vielfalt nicht gut sein, muss vielmehr verderbt sein. Der gute Bürger ist nicht feindlich, schon gar nicht gegenüber Fremden. Er ist ein sanftmütiger, friedliebender Altruist, der die zweite Hälfte seines St. Martinsmantel teilt, nachdem ihm die erste Hälfte bereits von seinem Staat (als Steuer) abgenommen wurde. Der gute Bürger hält den Mund und nickt an der richtigen Stelle.

Der gute Bürger kritisiert nicht. Er kritisiert vor allem keine Einwanderungspolitik, Migrationspolitik, Frauenpolitik, Schwulen- und Lesbenpolitik, Sozialpolitik, sonst gilt er als Fremdenfeind, Rassist, Anti-Genderist, als homophob und egoistisch.

Eigentlich ein lustiges Spiel, dieser Versuch einer schwachen Republik, Kritiker mit Begriffen einzuschüchtern. Ganz so lustig ist das Spiel jedoch nicht, denn die Begriffe genügen, um soziale Leben zu zerstören, durch anonyme Anzeige, Anschwärzen beim Arbeitgeber, durch vorauseilende Diffamierung besonders treuer Staatsvasallen …, die auf Begriffe reagieren, die sie in der Regel nicht verstehen und schon gar nicht hinterfragt haben.

menard-beziersNehmen wir z.B. Ellis Fröder, die gerade einen wüsten Beitrag über Robert Ménard, den Bürgermeister von Béziers für die ARD verfasst hat, in dem sie Robert Ménard nicht freundlich gegenübersteht, den Bürgermeister vielmehr als Fremdenfeind und Opportunisten, ja fast feindlich darstellt. Da Robert Ménard und Ellis Fröder sich nicht persönlich kennen werden, ist Robert Ménard für Ellis Fröder ein Fremder, ihre Darstellung von Ménard ein Beispiel der Fremdenfeindlichkeit.

Der Begriff der Fremdenfeindlichkeit, analytisch genutzt, wie wir das gerade getan haben, verliert somit jeden Wert. So betrachtet ist jeder ein Fremdenfeind, denn jeder von uns kann Personen benennen, die er nicht kennt, die ihm fremd sind und die er nicht leiden kann, denen er feindlich gegenübersteht. Wir können das. Sie können das. Probieren sie es: Fremdenhass hat etwas Kathartisches. Wir stehen z.B. allen überzeugten Sozialisten feindlich gegenüber. Sozialisten sind uns fremd, wollen Dinge durchsetzen, die unsere Freiheit beeinträchtigen und entsprechend von uns nicht friedlich, sondern feindlich goutiert werden, fremdenfeindlich.

winnetouWie gesagt, analytisch hat der Begriff der Fremdenfeindlichkeit keinerlei Wert. Man muss ihn normativ aufladen, indem man zunächst seinen ersten Teil positiv belegt, denn: fremd ist gut! Fremd ist nicht schlecht. Mit dem Begriff des Fremden gehen nur gute Assoziationen einher, keine schlechten. Der Begriff des „Fremden“, wie er von denen benutzt wird, die ihre Einwanderungspolitik jeder Kritik und Diskussion entziehen wollen, ist Ausdruck des Motivs des Edlen Wilden, das sich durch den Orientalismus des 19. Jahrhunderts ebenso zieht, wie durch die Winnetou Bücher von Karl May. Der Fremde kann nur edel und gut sein. Auf diesem Niveau sind offensichtlich eine ganze Menge Deutscher stehen geblieben.

Folgerichtig kann man eigentlich gar nicht fremdenfeindlich sein. Wer würde dem edlen Wilden niedere Motive unterstellen? Winnetou ist ein guter Indianer, ein edler Wilder, der jede Sekunde Blutsbruderschaft von Old Shatterhand wert war. Und genau auf diesem Stadium der verklärten Bewunderung des edlen Wilden finden sich eine Reihe wissenschaftlicher Definitionen des Begriffs „Fremdenfeindlichkeit“. So schreibt Bornewasser:

“Fremdenfeindlichkeit wird im vorliegenden Bericht als eine motivierte Bereitschaft verstanden, sich gegenüber Personen, die nicht dem eigenen Volk oder der eigenen Nation angehören und die vorübergehend oder auf Dauer im eigenen Land leben, abwertend, abweisend und diskriminierend zu verhalten“ (Bornewasser 1999: 292).

Bornewasser räumt selbst ein, dass seine Definition „weich und weit“ ist. Er hätte auch sagen können, dass sie nutzlos ist. Nutzlos ist sie schon deshalb, weil sie dann, wenn man die Definition ernst nehmen würde, als fremdenfeindlich qualifiziert werden müsste, denn sie ist denjenigen, die sich abwertend, abweisend und diskriminierend gegenüber Personen verhalten, die „vorübergehend oder auf Dauer“ in ihrem Land leben, abwertend, abweisend und diskriminierend, und da Bornewasser diejenigen, die er abwertet, diskriminiert und denen er gegenüber sich abweisend verhält, nicht kennt, sie ihm fremd sind, ist seine Definition fremdenfeindlich und er auch.

Diesem Problem der Selbsreferentialität der Definition von Fremdenfeindlichkeit, kann man auch nicht dadurch entgehen, dass man, wie Schröder das tut, die „Raumzeitwelt“ einführt:

“Zusammenfassend ist der Fremde also ein ‚Eindringling‘ in eine ihm fremde Raumzeitwelt, die ihm entgegengebrachte Abwehrhaltung soll an dieser Stelle als Fremdenfeindlichkeit bezeichnet werden.“

Polizisten, die Häuser von fremden Besetzern räumen, die wiederrechtlich besetzt wurden, qualifizieren sich damit ebenso zu Fremdenfeinden wie Eigentümer, die einen ihnen fremden Einbrecher aus ihrem Haus vertrieben sehen wollen. Die Definition ist offenkundiger Unsinn und zudem partiell tautologisch, denn der Begriff des Fremden trägt die Wertung „Eindringling“ schon in sich, denn würde der Fremde nicht als Eindringling wahrgenommen, er würde vermutlich auch nicht als Fremder erkannt.

Die dargestellte Unfähigkeit, den Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ sinnvoll zu definieren, hat damit zu tun, dass der Begriff nur dann Sinn macht, wenn man ihn auf Basis einer ganz bestimmten normativen Grundhaltung benutzt, einer Grundhaltung, die alles als nicht-Fremd ansieht, was positiv bewertet ist und alles als fremd, was nicht positiv bewertet ist. Entsprechend werden Fremde zu Nicht-Fremden, wenn sie positiv bewertet werden und Nicht-Fremde werden zu Fremden, wenn sie negativ bewertet werden. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Zuwanderungs-Enthusiasten sehen in Migranten die edlen Wilden und stehen den Fremden, die da kommen, positiv gegenüber. Gleichzeitig verfremden sie diejenigen, die den Migranten negativ gegenüberstehen, selbst dann, wenn sie sie kennen, und stehen ihnen in Konsequenz feindlich, fremdenfeindlich gegenüber.

Normative Begriffe taugen eben nicht dazu, außerhalb der Welt der eigenen Normen anderen oktroyiert zu werden. Man kann versuchen, sich über Normen zu verständigen, aber man kann sie anderen nicht aufzwingen – nicht in Demokratien.

Das ist der Grund, warum Wissenschaftler, die ernst genommen werden wollen, entweder den Begriff der Fremdenfeindlichkeit nicht benutzen oder ihn so definieren, wie Hans-Gerd Jaschke: Als „die öffentlich demonstrierte aggressive Abwehr des Fremden …“ (62). Aber selbst Jaschke kommt nicht um den normativen Kern von Fremdenfeindlichkeit herum, die den Fremden, der notwendig, vom eigenen abgesetzt und als anders wahrgenommen und bewertet werden muss, voraussetzt.

So definiert und an die Bedingung „aggressiver Abwehr“ geknüpft, eine Bedingung, die noch vage genug ist, zumal die Ansichten darüber, was Aggression ist und was nicht, auseinandergehen, ist die Plakataktion von Robert Ménard keine fremdenfeindliche Aktion, fremdenfeindlich ist jedoch der Beitrag von Ellis Fröder, in dem ohne Not eine Diskreditierung von Ménard vorgenommen wird, einmal durch den Fehlschluss der falschen Assoziation: Weil Ménard auch mit den Stimmen des Front Nationale gewählt wurde, muss er ein Böser sein, einmal durch den Fehlschluss der Trivialisierung, denn: „gerade einmal 40 Flüchtlinge“ soll Béziers aufnehmen, wie Frau Fröder weiß, woran man sieht, wie kleinlich und fremdenfeindlich Robert Ménard doch ist. Wo ist nur das „Wehret den Anfängen“ als analytischer Rat geblieben? Und wieso wird in Deutschland wegen gerade einmal 40 Neonazis, die in einem Nest in Nordbayern auftauchen, der nationale Notstand ausgerufen?

Es ist eben alles eine Frage der Bewertung. Und eine Gesellschaft, die nur noch bewerten und keine Diskussion mehr über Fakten und Konsequenzen führen kann, verkommt notwendig zur totalen Institution, weil sie als freie Gesellschaft nicht funktionieren kann.

Bornewasser, Manfred (1999). Fremdenfeindlichkeit und Polizei. In: Dünkel, Frieder & Geng, Bernd (Hrsg.). Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Bestandsaufnahme und Interventionsstrategien. Mönchengladbach: Forum Verlag Bad Godesberg, S.289-310.

Jaschke, Hans-Gerd (2001). Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Schröder, Sebastian (2003). Fremdsein und Fremdenfeindlichkeit. Marburg: Tectum.


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Für Ideologen sind Flüchtlinge in jedem Fall ge/missbrauchbar

Wieviele Flüchtlinge kommen heute?
Wer nimmt Sie auf?
Wer schläft wo im Kalten?
Wer hat sich heute abfällig über Flüchtlinge geäußert?
Wer hat heute behauptet, dass „wir“ das schaffen?
Und wer ist „wir“?
Und was ist „das“?

Es scheint, derzeit gibt es kaum noch ein anderes Thema als Flüchtlinge. Flüchtlinge kommen, werden verteilt, wollen woanders hin, sind nicht willkommen oder besonders willkommen. Wie auch immer, wir schaffen das. Wir, das! Klar?

Die normative Kraft des Faktischen: „Jetzt sind sie halt da, die Flüchtlinge“, diese normative Kraft sie hat nicht nur eine politische Klasse überrollt, die sowieso schon Probleme hat, Realitäten zu verarbeiten, sie hat auch ein Land überrollt, das auch im Jahre 60 nach der Anwerbung der ersten Gastarbeiters (damals aus Italien) immer noch der Ansicht ist, es sei kein Einwanderungsland.

Wie viele müssen eigentlich kommen, damit man in Deutschland der Realität ins Auge sieht, dass Menschen zuwandern – aus welchen Gründen auch immer?

Es hätte so viele Vorteile, sich dieser Realität, Deutschland ist ein Einwanderungsland, zu stellen.

Man könnte die Einwanderung steuern.
Man könnte sich fragen, welche Kosten und welcher Nutzen mit der Einwanderung verbunden sind.
Man könnte sich fragen, wer die Einwanderer eigentlich sind. Wie gebildet sie sind. Wie mächtig sie der deutschen Sprache sind. Ob sie bleiben wollen.

Das wäre allemal besser als der Gutmenschen-Aktivismus, der an diversen Universitäten Flüchtlinge zu Gasthörern machen will, mit dem kleingedruckten Zusatz, dass die Lehrveranstaltungen mehrheitlich in deutscher Sprache durchgeführt werden.

Man könnte, zusammenfassend, eine Bestandsaufnahme machen und vor deren Hintergrund schauen, was möglich ist.

Aber dazu müsste man die Realität zu Kenntnis nehmen.

Und das ist ein Problem.

Refugees welcomeDenn die Realität der Flüchtlinge, ist sie erst einmal festgestellt, sie verhindert die ideologische Ausbeutung der Flüchtlinge, und zwar von beiden Seiten:

Gegner der Zuwanderung können nicht mehr behaupten, Flüchtlinge seien alle dumm, ungebildet, nur wegen Hartz-IV und Bananen in Deutschland. Die Befürworter der Zuwanderung, sie können nicht mehr behaupten, alle Flüchtlinge seien gut, gut gebildet, wollten arbeiten und sich eine Existenz in Deutschland aufbauen.

Gegner der Zuwanderung wie Befürworter der Zuwanderung müssten keine Daten mehr darüber erfinden, welche Kosten bzw. welcher Nutzen mit Zuwanderen verbunden sind.

Und die Politik wäre nicht mehr auf ad-hoc Maßnahmen, wohlmeinende und weniger wohlmeinende, angewiesen, um eine Passung zwischen Flüchtlingen und dem Bedarf an Arbeitskräften, qualifizierten Arbeitskräften, herzustellen.

Entsprechend wäre es auch nicht mehr möglich, die Flüchtlinge für die eigenen ideologischen Zwecke zu missbrauchen, weder im Guten noch im Schlechten. Die Bedürfnisse der Flüchtlinge wie der einheimischen Bevölkerung wären klar festzustellen, was wiederum die Verbreitung von allerlei Organisationen, die am Flüchtlingselend Geld verdienen wollen, eindämmen würde.

Und natürlich wäre es nicht mehr möglich, ideologische Kriege auf dem Rücken von Flüchtlingen und unter den Stichworten „Fremdenfeindlichkeit“, „Rassismus“, „Wutbürger“ oder „Problembürger“ zu führen.

Und genau deshalb wird es keine Bestandsaufnahme geben.

Deshalb wird niemand Daten über Flüchtlinge erheben.

Deshalb wird niemand sich für die tatsächlichen Kosten und den tatsächlichen Nutzen interessieren.

Derartige Informationen sind die Grundlage informierter Entscheidungen, und informierte Entscheidungen, die sind mit dem ideologischen Kampf, mit der Dämonisierung des jeweiligen Gegenüber nicht zu vereinbaren.

Also wird der ideologische Kampf in Deutschland weiter geführt werden, die Guten gegen die Bösen, wobei die Bestimmung von gut und böse von der eigenen Weltanschauung abhängig ist. Und dass dieser Kampf auf dem Rücken von Flüchtlingen ausgetragen wird, an denen Rechte wie Linke gleichermaßen wenig Interesse haben, das stört niemanden, denn es geht um den ideologischen Kampf, nicht um die Flüchtlinge.

Es geht um die ideologische Traumwelt nicht um die Realität.

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Die Hemmschwelle: Ein Justizminister, der diffamiert und an Geister glaubt

Wir haben uns gestern schon zu einer interessanten geistigen Fehlleistung geäußert. Dabei geht es um kausale Beziehungen. Also um Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Wenn z.B. jemand eine Frage stellt und ein anderer antwortet, dann ist man zumeist geneigt, die Frage als Ursache der Antwort anzusehen, selbst dann, wenn die Antwort mit der Frage nicht viel gemein hat. Die zeitliche Nähe und die Tatsache, dass Frager und Antworter in einer in der Regel erkennbaren Beziehung zueinander stehen bzw. dass man eine solche Beziehung herstellen kann, sind die Ursache für die Annahme der Kausalität.

Problematisch wird es mit der Kausalität, wenn Ursache und Wirkung sich nicht unmittelbar nachfolgen, wenn die Ursache vorgestern war und die Wirkung heute sein soll. Noch problematischer wird es mit der Kausalität, wenn nicht nur eine zeitliche Entfernung zwischen Ursache und Wirkung, sondern zudem keine direkte und begründete Beziehung zwischen beiden hergestellt werden kann.

Das ist eine Situation, wie geschaffen für Wahnvorstellungen, wie geschaffen für Brandstifter, wie geschaffen für Geisterheiler und Phantasten aller Art und wie geschaffen für Politiker, denn die Haupttätigkeit, die Politiker heutzutage für sich entdeckt zu haben scheinen, besteht darin, mehr oder weniger sinnfreie Beziehungen zu behaupten und als Ursache und Wirkung auszugeben.

Es sind diese Situationen, in denen Politiker versuchen Verbindungen herzustellen, die ihnen genehm sind, in denen der Geisterglaube, der Glaube an frei flottierende Viren, an Dämonen und Geister seine Blüte erlebt, z.B. dann, wenn Heiko Maas das Folgende von sich gibt:

Heiko Maas„Heiko Maas: Nein. Ich finde, wir müssen an dieser Stelle klar Farbe bekennen. Deutschland ist ein tolerantes und weltoffenes Land. Bei Pegida versammelt sich eine extrem radikale Minderheit. Wer Galgen baut und Menschen daran baumeln sehen will, setzt Hemmschwellen herab. Niemand, der da mitläuft, kann sich von der Verantwortung frei machen, für die Taten, die diese Hetze inspiriert. Für brennende Heime oder verletze Flüchtlingshelfer. Da gibt es keine Ausrede mehr.“

Und weil das noch nicht reicht, kommt Andreas Zick, der als Vorsitzender des Stiftungsrates der Amadeu Antonio Stiftung, die davon lebt, dass es Rechtsextreme gibt, gegen die die Stiftung steuerfinanzierte Maßnahmen durchführen kann, der also ein Interesse daran hat, dass der Nachschub an Rechtsextremen auch nicht versiegt (selbst wenn man die gesellschaftliche Mitte anbohren muss), und gibt Folgendes zum Besten:

„Menschen können sich durch die fremdenfeindlichen Parolen der „Pegida“-Bewegung zur Gewalt angestachelt fühlen, warnen auch Experten, wie der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick: „Die AfD heizt die Stimmung an. Man muss auf [den] Ton achten, der sehr aggressiv ist. Auch die entsprechenden Symbole sind da. Die AfD schürt diesen Konflikt, in den wir alle hineingezogen werden.““

Beide, Maas und Zick, machen also eine kausale Verbindung zwischen Pegida, AfD (dem politischen Gegner von zumindest Heiko Maas, mit dem er um Wählerstimmen konkurriert) und „brennenden Flüchtlingsheimen und verletzten Flüchtlingshelfern“ oder ganz allgemein „Gewalt“, zu der sich Menschen durch die Pegida angestachelt fühlen können, wie der Konfliktforscher Zick zu wissen meint (wobei das „können“ das operative Wort hier ist, denn können kann man vieles …).

//platform.twitter.com/widgets.js Die Kausalität, die Maas und Zick behaupten, und die von der Ursache „Pegida“ oder „AfD“ zur Wirkung „brennendes Flüchtlingsheim“, „verletzter Flüchtlingshelfer“ oder „Gewalt allgemein“ führt, wird bei beiden durch eine dritte Variable, die die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung sicherstellen soll, vermittelt: durch die angeheizte Stimmung bei Zick und durch die von gebauten Galgen herabgesetzte Hemmschwelle bei Maas.

Also: Galgen bei Pegida führt zu heruntergesetzter Hemmschwelle, führt zu verletzten Flüchtlingshelfern oder brennenden Flüchtlingsheimen.
Und: Fremdenfeindliche Parolen können Menschen anstacheln und zu Gewalt führen.

Das muss man sich in Ruhe zu Gemüte führen. Ein Justizminister, der einem Stand von Leuten vorsteht, die auf Grundlage von Indizien oder Beweisen ein Urteil fällen sollen, glaubt an spirituelle Verbindungen, einen klimatischen Dämon (einem, der das Klima vergiftet), der zwischen einem Galgen an einem Ort und einem brennenden Flüchlingsheim an einem anderen Ort eine Verbindung herstellt, und ein angeblicher Konfliktforscher hängt dem Glauben an, dass Parolen an einem Ort anstacheln können und zu Gewalt an einem anderen Ort führen können.

Um sich zu vergegenwärtigen, dass diese Rabulistik sich nicht einmal als logischer Fehlschluss qualifiziert, muss man nur die folgenden Behauptungen aufstellen:

Die Tatsache, dass ein Justizminister versucht, einen Teil seiner Bevölkerung zu kriminalisieren und als Personae non Gratae darzustellen, radikalisiert Dritte, die die Bekundungen des Justiztministern als Beleg dafür nehmen, dass die Interessen von Menschen dann, wenn sie der politischen Kaste nicht in den Kram passen, nicht ernst genommen werden, dazu, Flüchtlingsheime anzuzünden und Flüchtlingshelfer zu verletzten, und zwar als Kompensation dafür, dass man in der politischen Kaste kein Gehör findet.

Oder: Das ständige Zetern von angeblichen Forschern für irgendetwas, die von Symbolen faseln, die dazu aufstacheln können, dass Gewalt verübt wird, hat zur Folge, dass Dritte, die mit der Pegida überhaupt nichts zu tun haben, auf den Geschmack kommen und denken, der Herr Zick hat Recht, ich werde radikal, stachle mich auf und verübe Gewalt, damit er hat, was er sich wünscht.

Dass man in Deutschland mit derart dummen und leicht durchschaubaren Manipulationsversuchen Claqueure auf seine Seite ziehen kann, ist einer der Gründe dafür, dass Deutschland weder ein demokratisches System hat noch eine Zivilgesellschaft. Deutschland ist und bleibt (bis auf weiteres) ein Obrigkeitsstaat, in dem diejenigen, die sich oben wähnen, hoch alarmiert reagieren, wenn sie Kritik ausgesetzt sind, die man in demokratischen Gesellschaften als normale Wahrnehmung demokratischer Rechte ansehen würde.

Um auch noch den zweiten Teil dessen, was Heiko Maas im Hinblick auf die Verantwortung der Mitläufer zu sagen weiß, in seiner ganzen logischen Erbärmlichkeit darzustellen, hier eine Anwendung seiner eigenen Logik:

Nach einem Bericht der Zeit mehren sich in den Fraktionen des Bundestages die Fälle von Steuerhinterziehung. Wer Steuern hinterzieht, „setzt Hemmschwellen herab“. Niemand, der sich einer Bundestagsfraktion mit Steuerhinterziehern anschließt, „kann sich von der Verantwortung frei machen, für die Taten, die diese“ Steuerhinterziehung inspiriert. „Da gibt es keine Ausrede mehr.“

Baader Meinhof komplexEs sei den Linken unter unseren Lesern und vor allem Heiko Maas angeraten, das Buch „Der Baader Meinhof Komplex“ von Stefan Aust zu lesen. Aust beschreibt darin sehr eindrücklich, wie die Radikalisierung der Baader Meinhof Gruppe und deren Entscheidung, Gewalt anzuwenden, eine Funktion der eigenen empfundenen Ohnmächtigkeit, der eigenen Ausgrenzung durch die politische Kaste und der Diffamierung durch die politische Kaste war.

Die Aufgabe besteht nun darin, die Situation, in der sich die Baader Meinhof Gruppe gefunden hat, mit der heutigen Situation in Verbindung zu bringen und daraus Schlüsse zu ziehen, z.B. im Hinblick auf das eigene Auftreten gegenüber der Pegida und den Bürgern, die dort mitlaufen. Im Gegensatz zu den Behauptungen von Heiko Maas, kann man nämlich auf Basis der Reaktionen von Personen wie Maas auf die Pegida und auf Grundlage von sozialpsychologischen Theorien eine Radikalisierung vorhersagen, die nicht einmal Mitläufer der Pegida zum Gegenstand haben muss, denn die Tatsache, dass Bürger von einem, der Justizminister spielt, diffamiert werden, weil sie ein demokratisches Grundrecht in Anspruch nehmen, ist gut dokumentiert und jederzeit als Grundlage einer Radikalisierung und generellen Ablehnung von politischer Kaste und politischem System nutzbar – das würde dann Heiko Maas zum Brandstifter machen, sozialpsychologisch, z.B. mit der Theorie kognitiver Dissonanz unterfüttert.

Akademisierte Hate Speech: Ein Erklärungsvorschlag

von Dr. phil. habil. Heike Diefenbach

Der folgende Erklärungsvorschlag für die zunehmende Häufigkeit, mit der man in Deutschland aus angeblich bildungsnahem Munde hate speech vernehmen muss (z.B. hier und hier), zumindest aber Verunglimpfungen und Beschimpfungen ganzer Personengruppen, ist schon seit einiger Zeit in meinem Kopf „gereift“. Ich melde auf diesen Erklärungsvorschlag explizit mein copyright an und beanspruche ihn als mein geistiges Eigentum, das ich im Übrigen in Zukunft noch zu einer durch weitere Argumente, wissenschaftliche Literatur und möglichst auch empirische Daten ergänzten Argumentationskette weiterzuentwickeln und weiterzuverwenden beabsichtige. Ich bitte, diesen Text als einen groben Entwurf der Argumentationskette aufzufassen, die ich bislang entworfen habe und noch weiterentwickeln werde. Die Argumentationskette – soweit sie bislang gediehen ist – hat sehr von der Diskussion mit anderen ScienceFiles-Mitarbeitern profitiert, und für diese Diskussionen will ich ihnen und allen voran Michael Klein meinen Dank aussprechen.

Wir haben in Deutschland zur Zeit eine sehr große und prekäre Mittelschicht, der der Statuserhalt in weiten Teilen nur mit Hilfe staatlicher Unterstützung in Form von Beamtentum, Hochschullehrer-, Projekt- und anderen Stellen an staatlichen Institutionen gelingen kann, die ihrerseits vom Erwerb formaler Bildungstitel abhängig (gemacht) sind. Die Verbitterung der Angehörigen dieser prekären Mittelschicht darüber, dass sie ihren Status nicht aus eigener Kraft erhalten oder verbessern können, war m.E. latent immer, soll heißen: lange vor dem Phänomen der hate speech aus akademischem Mund, vorhanden.

Geh sterbenDiese Annahme macht Sinn, wenn man davon ausgeht, dass Menschen das Empfinden von Selbstwirksamkeit brauchen, um den Respekt vor sich selbst entfalten und erhalten zu können. Wenn der Erhalt des eigenen Status aber nicht aus eigener Kraft möglich ist, sondern ständig latent bedroht ist, weil der Staat gibt, der Staat aber auch nimmt, dann kann sich schwerlich Respekt vor sich selbst und Vertrauen in die Fähigkeit einstellen, sich aus eigener Kraft und unabhängig von staatlichen Einrichtungen ein gutes Leben zu schaffen.

Wie gesagt ist m.E. das Gefühl der Verbitterung notwendig mit dem akademischen Prekariat verbunden, aber es konnte bislang überspielt werden oder wurde vielleicht bei einigen tatsächlich dadurch ausgeglichen, dass sie sich in der Annahme wähnen konnten, dass die Menschen „da draußen“ das Prekariat samt der Arbeitsbedingungen, unter denen es seinen monatlichen Obolus vom Staat verdienen muss, als solches nicht erkennen würden und daher – statt diese prekären Existenzen zu bemitleiden – sie ob ihrer formalen Bildungsnähe und ihres Prestiges bewundern oder beneiden würden und sogar ihre unbegründeten Behauptungen und Anleitungen zum rechten Leben in der „guten“ Gesellschaft fraglos akzeptieren würden. Solange diese Illusion in irgendeiner Weise haltbar war, solange konnte die Verbitterung über die Selbstunwirksamkeit ertragen werden, ging sie doch – so die Annahme – mit einem nach außen hin hohen Prestige und (damit) mit der Möglichkeit einher, den sozialen Status der Herkunftsfamilien zu halten, einen sozialen Abstieg also zu vermeiden.

Dass wir in Deutschland derzeit eine Welle des verbalen Hasses in Form von pauschalen Unterstellungen und akademisierten Beleidigungen auf Seiten des akademischen Mittelschichts-Prekariates beobachten müssen, erklärt sich m.E. daraus, dass sich die oben beschriebene Illusion nicht mehr aufrechterhalten lässt. Die Angehörigen dieses Prekariats können nicht mehr umhin zu bemerken, dass die Leute „da draußen“ ihre unbegründeten Behauptungen und Beurteilen und ihre Überlegenheitsansprüche nicht mehr akzeptieren und sich nicht mehr mit Schablonen abfertigen lassen wie der Vorstellung, dass überall, wo „Bildung“ oder „Wissenschaft“ draufsteht, auch „Bildung“ oder „Wissenschaft“ drin ist. Sie merken, dass mit der Entwicklung einer Zivilgesellschaft ihr Prestige und ihr sozialer Status, die ihnen die Positionsgesellschaft zugeschrieben hat, gefährdet sind.

Sie sind deshalb notwendigerweise die Fürsprecher des status quo (ganz so, wie das Horkheimer für die Ehefrauen in der traditionellen Kleinfamilie begründet hat), und je stärker der Angriff auf die Positionsgesellschaft von ihnen wahrgenommen wird, desto stärker wird ihr Empfinden für die eigene prekäre Situation und desto stärker fühlen sie den Druck, gegen alles, was den status quo in Frage stellt, vorgehen zu müssen.

Dabei ist auch – im Anschluss an die Argumentation von Raymond Boudon – zu berücksichtigen, dass für diese Leute der Verlust ihres Prestiges bzw. ihres sozialen Status ungleich bedrohlicher ist als für Leute, die einen Arbeiterhintergrund haben (wie z.B. ich ihn habe), denn wenn sie ihn verlieren, dann bedeutet das einen sozialen Abstieg im Vergleich zu ihrer Familientradition oder zumindest im Vergleich zu ihren Eltern, während akademische Bildung und Universitätskarriere für jemanden mit Arbeiterhintergrund ohnehin schon mehr sind als er erwarten konnte bzw. als von seinen Eltern für ihn erwartet wurde, so dass beides für ihn nicht „Pflicht“ ist, ganz davon abgesehen, dass – nunmehr auch im Anschluss an Pierre Bourdieu – zu erwarten ist, dass wahrscheinlich wichtige seiner Bezugspersonen, die der Arbeiterschicht entstammen, seine akademische Bildung oder Karriere (zumindest) nicht uneingeschränkt positiv betrachten.

Angesichts des Zusammenbrechens der Positionsgesellschaft (hoffentlich zugunsten einer Zivilgesellschaft) beißt sich die Katze sozusagen in den Schwanz:

Wenn die Position des Akademikers aus der Mittelschicht nur dem Statuserhalt gedient hat oder mehr als der Befriedigung einer Lust an Wissenschaft, verbunden mit einem entsprechenden Berufsethos, dann fehlen ihm die Mittel, Überzeugungsarbeit zu leisten, denn das setzt gute Begründungen und Argumentationsfähigkeit voraus, also alles das, was er nicht geübt hat, weil er von Anfang an kein großes Interesse an Wissenschaft als solcher hatte und er während der vergangenen Jahre oder gar Jahrzehnte von niemandem dazu gezwungen wurde, sich hierin zu üben; sein Prestige kam ja einfach mit dem Bildungstitel und der Anstellung an der Uni oder irgendeinem An-Institut.

U.a.. aus diesem Grund ist es dem akademischen Mittelschichts-Prekariat nun nicht möglich, den neuen Anforderungen, die eine zunehmend kritikfähige und -bereite Öffentlichkeit stellt, gerecht zu werden. (Zumindest ein weiterer Grund ist vorstellbar: vielleicht fehlt ihm sogar die grundsätzliche Bereitschaft hierzu, weil der gepflegte Dünkel es als Zumutung erscheinen lässt, wenn die Öffentlichkeit Begründungen einfordert oder Verdikten, die von einer Position aus verkündet werden, widerspricht.) Es kann daher nur negativ auf die neuen Ansprüche reagieren, d.h. mit Abwehr.

M.E. haben auch die Versuche der letzten beiden Jahrzehnte, die Vergabe von gesellschaftlichen Gütern durch das meritokratische Prinzip durch Herstellung von Ergebnisgleichheit zu ersetzen, dazu beigetragen, dass wir in Deutschland zunehmend mit hate speech auf Seiten des Mittelschichts-Prekariats bzw. akademischen Prekariats konfrontiert werden:

Die Illusion vom hohen Prestige, die ihrerseits u.a. durch Vorstellungen von Gebildet-Sein – angezeigt durch formale Bildungstitel oder bestimmte Positionen an Universitäten – gespeist wird bzw. wurde, erfordert, dass Gebildet-Sein etwas ist, worauf man stolz sein kann, also etwas, was man sich erarbeitet hat, was aber nicht jeder hinterhergeworfen bekommt, nur, weil er zufällig irgendein Merkmal wie ein bestimmtes Geschlecht oder eine bestimmte Hautfarbe mit sich herumträgt. Wenn Bildungstitel und Positionen an Universitäten aber zunehmend aufgrund von Gleichstellung z.B. nach dem Merkmal „Geschlecht“ vergeben werden, dann gerät das akademische Mittelschichts-Prekariat gleich von zwei Seiten unter Druck:

Auf der einen Seite klagt die Öffentlichkeit ohnehin schon Begründungen und überhaupt eine Kommunikation mit ihr (und nun zusätzlich noch über Fragen der Verteilungsgerechtigkeit) ein, auf der anderen Seite fällt der Staat seinem akademischen Prekariat in den Rücken, indem er dessen Prestige noch weiter senkt als es ohnehin schon gesunken ist, denn er erklärt ja durch die Gleichstellung nach bildungsfremden Merkmalen die Bildung, die bislang Akademikern unterstellt wurde und die sie vielleicht tatsächlich hatten, für irrelevant, um eine Position zu ergattern. Sie werden also von dem Staat, von dessen Gnaden sie ihren Status erhalten haben, zwar benutzt, um seine Ideologie zu legitimieren, aber gleichzeitig diskreditiert.

Sie können sich hiergegen jedoch nicht wehren, eben weil sie vollständig vom Staat abhängig sind und keine Alternativen sehen, die ihnen eine befriedigende und einträgliche Existenz auf dem Arbeitsmarkt (jenseits staatlicher Einrichtungen) erlauben würden. Also schweigen sie zu der staatlichen Unterwanderung ihres Prestiges oder versuchen, das Beste aus dem Schlechten zu machen, indem sie u.a. Genderismus und Gleichstellung zu ihrem Thema machen. Sie passen sich also dem staatlichen Willen an, um die Position nicht zu verlieren, mit der ihr sozialer Status verbunden ist.

Aber sie befinden sich in einer lose-lose-situation, in der die Anpassung zur Sicherung der vermeintlich prestigeträchtigen beruflichen Position die Aushöhlung der Prestigeträchtigkeit dieser Position bewirkt, die für das akademische Prekariat doch so wichtig ist. Die Öffentlichkeit dürfte nämlich vor einer Profession, in der Positionen nicht nach Leistung, sondern nach Geschlecht oder sozialer Herkunft oder sonst einem bildungsfremden Merkmal vergeben wird, nämlich noch weniger Respekt haben als vor einer Profession, die voller Leute ist, die sich zu schade dafür sind, ihr Wissen in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit unter Beweis zu stellen. Letzteren wird oder wurde bislang immerhin die Möglichkeit zugestanden, dass sie über relevantes Wissen verfügen, bei Gleichgestellten ist die Frage nach deren Wissen per definitionem verfehlt.

Welche Folgen es für die institutionalisierte Wissenschaft haben wird, wenn sie in der breiten Öffentlichkeit vollständig diskreditiert ist, kann nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden, aber wahrscheinlich wird der Staat zukünftig nicht mehr so viele Positionen für Mittelschichtler an Universitäten, Instituten und An-Instituten samt der damit verbundenen Gehälter und Fördergelder rechtfertigen können, wie er es bisher getan hat, und das wiederum bedeutet, dass die Aufgabe des Statuserhaltes für Mittelschichtler zukünftig noch schwieriger zu lösen sein wird als bisher.

Angesichts dieser vertrackten Situation greift das akademische Mittelschichts-Prekariat zu dem Mittel, das ihm – wie oben argumentiert mittel- bis langfristig fälschlich – als das günstigste und am einfachsten zu handhabende erscheint: es nutzt den seiner Auffassung nach noch verbliebenen Rest von Prestige zur Diskreditierung von Kritik am status quo, und zwar mittels akademisierter Beschimpfungen einzelner Personen und zunehmend häufig ganzer Personengruppen.

VollidiotDiese Beschimpfungen sind insofern akademisiert als sie – ohne weitere Begründung – verbalen Bezug auf wissenschaftliche oder auch nur theoretische Konzepte nehmen und aus dem hergestellten verbalen Bezug den Anspruch auf tatsächliche Angemessenheit der negativen Beurteilung ableiten, die mit der in Frage stehenden Betitelung vorgenommen wird. Die Beschimpfung soll auf diese Weise transformiert werden in eine wissenschaftlich begründete und damit (bis auf Weiteres) unabweisbare negative Beurteilung. Aus dem Wichtigtuer oder Geltungssüchtigen wird der Narzisst, aus dem, der kein Abitur hat, ein Bildungsferner (vielleicht mit dem Gehirn eines frühen hominiden Vorfahren des modernen Menschen) oder jemand auf der untersten Kompetenzstufe, aus jemandem, der den status quo kritisiert, ein Extremist, Rechter oder ein Phobiker, mindestens aber ein Unzufriedener, Frustrierter oder Querulant.

Dabei ist entscheidend, dass die negativ wertende Betitelung von Personen oder Personengruppen tatsächlich nicht das theoretisch und empirisch begründete Ergebnis einer Analyse ist, sondern die negativ wertende Betitelung eine bloße Behauptung darstellt. Wenn z.B. Uli Hoeneß von Herrn Bandelow in einem Mainstream-Medium als Narzisst samt dessen negativer Eigenschaften beurteilt wird, dann ist diese Unterstellung durch Herrn Bandelow durch nichts begründet als durch seinen gusto; Herr Hoeneß hat nämlich keine Persönlichkeitsskalen für Herrn Bandelow ausgefüllt, die die Bezeichnung „Narzisst“ begründen könnten, und dementsprechend drückt Herr Bandelow damit lediglich sein Vorurteil gegen (Leute wie?) Herrn Hoeneß aus.

Durch akademisierte Beschimpfungen und aus ihnen zusammengesetzte hate speeches hoffen diejenigen, die sie pflegen, Kritik am status quo und Widerspruch von vornherein delegitimieren und damit abweisen zu können. Gleichzeitig entlastet der verbal geäußerte Hass kurzzeitig von der (m.E. übrigens angemessenen) angestauten Angst vor dem Statusverlust.

Ein solches Verhalten macht aber der Öffentlichkeit nur weiterhin deutlich, dass das akademische Prekariat nichts zu bieten hat, was ihm Prestige einbringen und einen hohen oder auch nur vergleichsweise höheren sozialen Status rechtfertigen könnte. Und vom Staat ist bis auf Weiteres nicht zu erwarten, dass er seine Politik der Diskreditierung von Leistung und Wissen beendet. Das akademische Prekariat kann sich also durch seine hate speech nicht aus seiner lose-lose-Situation befreien, sondern nur die oben angesprochene kurzzeitige Erleichterung finden, die die Beschimpfung anderer Personen gibt: immerhin hört man, während man selbst beschimpft, nicht die Kritik an der eigenen Person, Position oder Einstellung, oder anders ausgedrückt: Das zu hören, was man nicht hören möchte, kann vielleicht vermieden werden, wenn man selbst möglichst viel und laut spricht, so die Hoffnung.

Die Angst vor dem im Prinzip für alle erkennbaren sozialen Abstieg, vor dem, was um so mehr als soziale Schande empfunden werden dürfte, je stärker man sich vorher von den „Bildungsfernen“ und den Andersdenkenden „da draußen“ abgesetzt hat, bringt das akademische Mittelschichts-Prekariat anscheinend zu nennenswert großen Anteilen dazu, die Idee der Wissenschaft nur allzu bereitwillig aufzugeben – sofern es sie jemals kennengelernt hat. Für die institutionalisierte Wissenschaft ist dies und die daraus resultierende zunehmende Häufigkeit, mit der akademisierte Beschimpfungen und hate speeches geäußert werden, ein überaus peinliches Eingeständnis ihrer Inkompetenz und Hilflosigkeit.

Aber vielleicht handelt es sich dabei um einen notwendigen und unvermeidlichen Prozess: die Spreu trennt sich vom Weizen, und Wissenschaftler, die Wissenschaft betreiben wollen und können, werden klar unterscheidbar von Akademikern, die bloß möglichst hohes Prestige haben möchten und den sozialen Status erhalten möchten, den ihre Herkunftsfamilie aufzuweisen hatte und hinter den sie auf keinen Fall zurückfallen möchte. In absehbarer Zukunft ist es dann vielleicht und hoffentlich wieder möglich, bei der Erwähnung einer wissenschaftlichen Studie etwas anderes beim Zuhörer zu produzieren als ein Abwinken, ein gelangweiltes Gähnen oder ein zynisches Grinsen.

©Heike Diefenbach, 2015

Ist Pegida an Fremdenfeindlichkeit und brennenden Unterkünften schuld? Zwei Politikwissenschaftler – zwei Meinungen

Zwei Interviews mit Politikwissenschaftlern sind uns auf den Tisch gekommen. Eines hat Werner Patzelt, seines Zeichens Professor für politische Systeme und Systemvergleich an der Technischen Universität Dresden der dpa gegeben. Eines hat Hajo Funke, emeritierter Professor der FU Berlin mit Arbeitsschwerpunkt Politik und Kultur der ARD gegeben.

Beide Interviews haben weitgehend denselben Gegenstand. Beide Professoren, der aktive, wie der emeritierte, äußern sich zum Zusammenhang von Pegida und Fremdenfeindlichkeit, zu Sachsen, zur NPD und zu den Ursachen von Fremdenfeindlichkeit.

Wir stellen hier Teile der Interviews einander gegenüber, quasi in einem Professorencontest und fragen unsere Leser im Anschluss: Wer macht dem kompetenteren Eindruck: Patzelt oder Funke?

Los geht’s mit Werner Patzelt:

Werner patzelt„Frage: Trägt die Politik eine Mitschuld? [daran, dass die NPD mit Flüchtlingspolitik Punkte macht]

Antwort: Ja. Einesteils waren viele Reaktionen auf Pegida als Symptom unserer Einwanderungsprobleme zwar gut gemeint, doch schlecht getan. Andernteils bemüht sich die für die rechte politische Spielfeldhälfte zuständige CDU seit langem zu wenig darum, die Gewinnbaren vom rechten Rand an eine vernünftige Partei zu binden. Zunächst hat sie der NPD freien Raum gelassen, später der AfD. Und so kam es, dass viele den Rechtsradikalen überlassen wurden, die zwischen der CDU und dem rechten Rand auf der Kippe standen. Aber auch diese Fehlleistung der CDU, ihrerseits als „Abgrenzung nach rechts“ nachgerade eingefordert von den linken Parteien, reicht nicht aus, um das Gesamtphänomen zu erklären.

Frage: Liefern die Islamkritiker von Pegida den Humus für rechtsradikale Einstellungen und solche Taten wie jetzt in Heidenau?

Antwort: Das ist eine beliebte Erklärung, weil man dann einen wegzujagenden Sündenbock in den Blick bekommt. Doch soeben wurde auch im weitgehend Pegida-freien Baden-Württemberg eine Flüchtlingsunterkunft abgefackelt. Die Dinge liegen also komplizierter. Mir scheint: An Pegida wurde bloß offensichtlich, was da um die Einwanderungsthematik herum an Sorgen und Empörungsbereitschaft in der Gesellschaft schlummert. Es war billig, sich über jene, die da als „Frühwarnsystem“ wirkten, einfach lustig zu machen: Die törichten Sachsen faselten über Probleme mit der Einwanderung, obwohl es bei ihnen doch kaum Ausländer gäbe. Doch der Kern war: Die meisten Sachsen identifizieren sich stark mit ihrem Land und wollen es wieder so schön haben wie vor der DDR- und Nazizeit. Dem kommt aber, wie es ihnen scheint, die Zuwanderung in die Quere, wobei sehr viele ganz besonders muslimische Migranten fürchten. Derlei Behinderung des sächsischen Wiederaufstiegs zu einem prosperierenden Land wollen viele einfach nicht akzeptieren und versuchen, bereits den Anfängen zu wehren.“

Patzelt in der Zusammenfassung:

Menschen mit berechtigten Sorgen wurden in die rechte Radikalität abgedrängt, wo die NPD und andere Rechte sie gerne aufgenommen haben. Dadurch, dass man die Pegida-Beteiligten nicht ernst genommen hat, sie ausgegrenzt hat, hat man zur Radikalisierung beigetragen.

Die Behauptung, die Pegida sei der Boden, auf dem Fremdenhass wächst, ist naiv und billig, wird von denen aufgestellt, die einfache Pseudo-Lösungen einer Bearbeitung der tatsächlichen Probleme vorziehen.

Nun zu Hajo Funke:

Hajo Funke„Die Politik muss sich ohne Wenn und Aber dazu bekennen, Flüchtlingen helfen zu wollen, an deren Seite zu stehen. Alles andere hieße, die Dramatik der Lage in Syrien, Afghanistan, Libyen und auch im Irak zu verkennen.

Eine ganze Region ist nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak ins Rutschen gekommen. Deswegen geht es jetzt auch in Deutschland weniger um Zeichen als um operatives Krisenmanagement, das Chefsache oder Chefinnensache sein muss.

[…]

Der Fehler lag in der falschen Reaktion auf die Pegida-Bewegung. Auch hier war die Abgrenzung nicht eindeutig genug. Den Vorwurf muss sich auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gefallen lassen, der sich Anfang des Jahres zum Teil recht verständnisvoll über Pegida-Anhänger geäußert hat.

Dabei ist es immer Gegenstand von Politik, mit den Ängsten der Menschen umzugehen. Aber es muss Politik darum gehen, Ängste abzubauen, und nicht darum, Parolen aufzunehmen und diese dann noch zu verstärken. Politik, die Ängste vielleicht auch nur indirekt schürt, ist immer gegen die Demokratie gerichtet.

Fakt ist: Nach den rassistisch gefärbten Demonstrationen verzeichneten wir in nur vier Monaten doppelt so viele Übergriffe gegen Flüchtlingsheime wie vorher. Das ermutigte Nachahmertäter. Im Schatten von Pegida konnten sich die Rechtsextremen reorganisieren.“

Fazit Hajo Funke:

Schuld ist die Pegida. Sie ist der Anfang allen Übels. Sie hat den Startschuss dafür gegeben, dass Flüchtlingsunterkünfte brennen. Die Politik, wer auch immer das sein mag, muss die Ängste der Bürger abbauen und darf sich nicht verständig über Pegida-Anhänger äußern. Von Letzteren muss man sich konsequent distanzieren.

Jeder unserer Leser kann nun selbst entscheiden, welcher Deutung der Situation er zustimmt, der von Werner Patzelt oder der von Hajo Funke.

Was also darf es sein: Der Patzeltsche Versuch, die Pegida-Teilnehmer und ihre Motivation zu verstehen oder das Funksche Verdikt, dass man mit denen nicht spricht, sich vielmehr von ihnen abgrenzt.

Und wie ist es mit der Schuldzuschreibung? Ist Pegida der Anfang von Fremdenhass und somit aller derzeitiger deutscher Übel, wie Funke dies behauptet, oder ist die entsprechende Erklärung zu einfach, wie Patzelt meint?

Und schließlich: Was machen wir mit den Ängsten vor Fremden, die beide sehen, ernstnehmen, wie Patzelt empfiehlt oder „abbauen“, wie Funke vorschlägt?

Professorencontest