Akademisierte Hate Speech: Ein Erklärungsvorschlag

von Dr. phil. habil. Heike Diefenbach

Der folgende Erklärungsvorschlag für die zunehmende Häufigkeit, mit der man in Deutschland aus angeblich bildungsnahem Munde hate speech vernehmen muss (z.B. hier und hier), zumindest aber Verunglimpfungen und Beschimpfungen ganzer Personengruppen, ist schon seit einiger Zeit in meinem Kopf “gereift”. Ich melde auf diesen Erklärungsvorschlag explizit mein copyright an und beanspruche ihn als mein geistiges Eigentum, das ich im Übrigen in Zukunft noch zu einer durch weitere Argumente, wissenschaftliche Literatur und möglichst auch empirische Daten ergänzten Argumentationskette weiterzuentwickeln und weiterzuverwenden beabsichtige. Ich bitte, diesen Text als einen groben Entwurf der Argumentationskette aufzufassen, die ich bislang entworfen habe und noch weiterentwickeln werde. Die Argumentationskette – soweit sie bislang gediehen ist – hat sehr von der Diskussion mit anderen ScienceFiles-Mitarbeitern profitiert, und für diese Diskussionen will ich ihnen und allen voran Michael Klein meinen Dank aussprechen.

Wir haben in Deutschland zur Zeit eine sehr große und prekäre Mittelschicht, der der Statuserhalt in weiten Teilen nur mit Hilfe staatlicher Unterstützung in Form von Beamtentum, Hochschullehrer-, Projekt- und anderen Stellen an staatlichen Institutionen gelingen kann, die ihrerseits vom Erwerb formaler Bildungstitel abhängig (gemacht) sind. Die Verbitterung der Angehörigen dieser prekären Mittelschicht darüber, dass sie ihren Status nicht aus eigener Kraft erhalten oder verbessern können, war m.E. latent immer, soll heißen: lange vor dem Phänomen der hate speech aus akademischem Mund, vorhanden.

Geh sterbenDiese Annahme macht Sinn, wenn man davon ausgeht, dass Menschen das Empfinden von Selbstwirksamkeit brauchen, um den Respekt vor sich selbst entfalten und erhalten zu können. Wenn der Erhalt des eigenen Status aber nicht aus eigener Kraft möglich ist, sondern ständig latent bedroht ist, weil der Staat gibt, der Staat aber auch nimmt, dann kann sich schwerlich Respekt vor sich selbst und Vertrauen in die Fähigkeit einstellen, sich aus eigener Kraft und unabhängig von staatlichen Einrichtungen ein gutes Leben zu schaffen.

Wie gesagt ist m.E. das Gefühl der Verbitterung notwendig mit dem akademischen Prekariat verbunden, aber es konnte bislang überspielt werden oder wurde vielleicht bei einigen tatsächlich dadurch ausgeglichen, dass sie sich in der Annahme wähnen konnten, dass die Menschen “da draußen” das Prekariat samt der Arbeitsbedingungen, unter denen es seinen monatlichen Obolus vom Staat verdienen muss, als solches nicht erkennen würden und daher – statt diese prekären Existenzen zu bemitleiden – sie ob ihrer formalen Bildungsnähe und ihres Prestiges bewundern oder beneiden würden und sogar ihre unbegründeten Behauptungen und Anleitungen zum rechten Leben in der “guten” Gesellschaft fraglos akzeptieren würden. Solange diese Illusion in irgendeiner Weise haltbar war, solange konnte die Verbitterung über die Selbstunwirksamkeit ertragen werden, ging sie doch – so die Annahme – mit einem nach außen hin hohen Prestige und (damit) mit der Möglichkeit einher, den sozialen Status der Herkunftsfamilien zu halten, einen sozialen Abstieg also zu vermeiden.

Dass wir in Deutschland derzeit eine Welle des verbalen Hasses in Form von pauschalen Unterstellungen und akademisierten Beleidigungen auf Seiten des akademischen Mittelschichts-Prekariates beobachten müssen, erklärt sich m.E. daraus, dass sich die oben beschriebene Illusion nicht mehr aufrechterhalten lässt. Die Angehörigen dieses Prekariats können nicht mehr umhin zu bemerken, dass die Leute “da draußen” ihre unbegründeten Behauptungen und Beurteilen und ihre Überlegenheitsansprüche nicht mehr akzeptieren und sich nicht mehr mit Schablonen abfertigen lassen wie der Vorstellung, dass überall, wo “Bildung” oder “Wissenschaft” draufsteht, auch “Bildung” oder “Wissenschaft” drin ist. Sie merken, dass mit der Entwicklung einer Zivilgesellschaft ihr Prestige und ihr sozialer Status, die ihnen die Positionsgesellschaft zugeschrieben hat, gefährdet sind.

Sie sind deshalb notwendigerweise die Fürsprecher des status quo (ganz so, wie das Horkheimer für die Ehefrauen in der traditionellen Kleinfamilie begründet hat), und je stärker der Angriff auf die Positionsgesellschaft von ihnen wahrgenommen wird, desto stärker wird ihr Empfinden für die eigene prekäre Situation und desto stärker fühlen sie den Druck, gegen alles, was den status quo in Frage stellt, vorgehen zu müssen.

Dabei ist auch – im Anschluss an die Argumentation von Raymond Boudon – zu berücksichtigen, dass für diese Leute der Verlust ihres Prestiges bzw. ihres sozialen Status ungleich bedrohlicher ist als für Leute, die einen Arbeiterhintergrund haben (wie z.B. ich ihn habe), denn wenn sie ihn verlieren, dann bedeutet das einen sozialen Abstieg im Vergleich zu ihrer Familientradition oder zumindest im Vergleich zu ihren Eltern, während akademische Bildung und Universitätskarriere für jemanden mit Arbeiterhintergrund ohnehin schon mehr sind als er erwarten konnte bzw. als von seinen Eltern für ihn erwartet wurde, so dass beides für ihn nicht “Pflicht” ist, ganz davon abgesehen, dass – nunmehr auch im Anschluss an Pierre Bourdieu – zu erwarten ist, dass wahrscheinlich wichtige seiner Bezugspersonen, die der Arbeiterschicht entstammen, seine akademische Bildung oder Karriere (zumindest) nicht uneingeschränkt positiv betrachten.

Angesichts des Zusammenbrechens der Positionsgesellschaft (hoffentlich zugunsten einer Zivilgesellschaft) beißt sich die Katze sozusagen in den Schwanz:

Wenn die Position des Akademikers aus der Mittelschicht nur dem Statuserhalt gedient hat oder mehr als der Befriedigung einer Lust an Wissenschaft, verbunden mit einem entsprechenden Berufsethos, dann fehlen ihm die Mittel, Überzeugungsarbeit zu leisten, denn das setzt gute Begründungen und Argumentationsfähigkeit voraus, also alles das, was er nicht geübt hat, weil er von Anfang an kein großes Interesse an Wissenschaft als solcher hatte und er während der vergangenen Jahre oder gar Jahrzehnte von niemandem dazu gezwungen wurde, sich hierin zu üben; sein Prestige kam ja einfach mit dem Bildungstitel und der Anstellung an der Uni oder irgendeinem An-Institut.

U.a.. aus diesem Grund ist es dem akademischen Mittelschichts-Prekariat nun nicht möglich, den neuen Anforderungen, die eine zunehmend kritikfähige und -bereite Öffentlichkeit stellt, gerecht zu werden. (Zumindest ein weiterer Grund ist vorstellbar: vielleicht fehlt ihm sogar die grundsätzliche Bereitschaft hierzu, weil der gepflegte Dünkel es als Zumutung erscheinen lässt, wenn die Öffentlichkeit Begründungen einfordert oder Verdikten, die von einer Position aus verkündet werden, widerspricht.) Es kann daher nur negativ auf die neuen Ansprüche reagieren, d.h. mit Abwehr.

M.E. haben auch die Versuche der letzten beiden Jahrzehnte, die Vergabe von gesellschaftlichen Gütern durch das meritokratische Prinzip durch Herstellung von Ergebnisgleichheit zu ersetzen, dazu beigetragen, dass wir in Deutschland zunehmend mit hate speech auf Seiten des Mittelschichts-Prekariats bzw. akademischen Prekariats konfrontiert werden:

Die Illusion vom hohen Prestige, die ihrerseits u.a. durch Vorstellungen von Gebildet-Sein – angezeigt durch formale Bildungstitel oder bestimmte Positionen an Universitäten – gespeist wird bzw. wurde, erfordert, dass Gebildet-Sein etwas ist, worauf man stolz sein kann, also etwas, was man sich erarbeitet hat, was aber nicht jeder hinterhergeworfen bekommt, nur, weil er zufällig irgendein Merkmal wie ein bestimmtes Geschlecht oder eine bestimmte Hautfarbe mit sich herumträgt. Wenn Bildungstitel und Positionen an Universitäten aber zunehmend aufgrund von Gleichstellung z.B. nach dem Merkmal “Geschlecht” vergeben werden, dann gerät das akademische Mittelschichts-Prekariat gleich von zwei Seiten unter Druck:

Auf der einen Seite klagt die Öffentlichkeit ohnehin schon Begründungen und überhaupt eine Kommunikation mit ihr (und nun zusätzlich noch über Fragen der Verteilungsgerechtigkeit) ein, auf der anderen Seite fällt der Staat seinem akademischen Prekariat in den Rücken, indem er dessen Prestige noch weiter senkt als es ohnehin schon gesunken ist, denn er erklärt ja durch die Gleichstellung nach bildungsfremden Merkmalen die Bildung, die bislang Akademikern unterstellt wurde und die sie vielleicht tatsächlich hatten, für irrelevant, um eine Position zu ergattern. Sie werden also von dem Staat, von dessen Gnaden sie ihren Status erhalten haben, zwar benutzt, um seine Ideologie zu legitimieren, aber gleichzeitig diskreditiert.

Sie können sich hiergegen jedoch nicht wehren, eben weil sie vollständig vom Staat abhängig sind und keine Alternativen sehen, die ihnen eine befriedigende und einträgliche Existenz auf dem Arbeitsmarkt (jenseits staatlicher Einrichtungen) erlauben würden. Also schweigen sie zu der staatlichen Unterwanderung ihres Prestiges oder versuchen, das Beste aus dem Schlechten zu machen, indem sie u.a. Genderismus und Gleichstellung zu ihrem Thema machen. Sie passen sich also dem staatlichen Willen an, um die Position nicht zu verlieren, mit der ihr sozialer Status verbunden ist.

Aber sie befinden sich in einer lose-lose-situation, in der die Anpassung zur Sicherung der vermeintlich prestigeträchtigen beruflichen Position die Aushöhlung der Prestigeträchtigkeit dieser Position bewirkt, die für das akademische Prekariat doch so wichtig ist. Die Öffentlichkeit dürfte nämlich vor einer Profession, in der Positionen nicht nach Leistung, sondern nach Geschlecht oder sozialer Herkunft oder sonst einem bildungsfremden Merkmal vergeben wird, nämlich noch weniger Respekt haben als vor einer Profession, die voller Leute ist, die sich zu schade dafür sind, ihr Wissen in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit unter Beweis zu stellen. Letzteren wird oder wurde bislang immerhin die Möglichkeit zugestanden, dass sie über relevantes Wissen verfügen, bei Gleichgestellten ist die Frage nach deren Wissen per definitionem verfehlt.

Welche Folgen es für die institutionalisierte Wissenschaft haben wird, wenn sie in der breiten Öffentlichkeit vollständig diskreditiert ist, kann nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden, aber wahrscheinlich wird der Staat zukünftig nicht mehr so viele Positionen für Mittelschichtler an Universitäten, Instituten und An-Instituten samt der damit verbundenen Gehälter und Fördergelder rechtfertigen können, wie er es bisher getan hat, und das wiederum bedeutet, dass die Aufgabe des Statuserhaltes für Mittelschichtler zukünftig noch schwieriger zu lösen sein wird als bisher.

Angesichts dieser vertrackten Situation greift das akademische Mittelschichts-Prekariat zu dem Mittel, das ihm – wie oben argumentiert mittel- bis langfristig fälschlich – als das günstigste und am einfachsten zu handhabende erscheint: es nutzt den seiner Auffassung nach noch verbliebenen Rest von Prestige zur Diskreditierung von Kritik am status quo, und zwar mittels akademisierter Beschimpfungen einzelner Personen und zunehmend häufig ganzer Personengruppen.

VollidiotDiese Beschimpfungen sind insofern akademisiert als sie – ohne weitere Begründung – verbalen Bezug auf wissenschaftliche oder auch nur theoretische Konzepte nehmen und aus dem hergestellten verbalen Bezug den Anspruch auf tatsächliche Angemessenheit der negativen Beurteilung ableiten, die mit der in Frage stehenden Betitelung vorgenommen wird. Die Beschimpfung soll auf diese Weise transformiert werden in eine wissenschaftlich begründete und damit (bis auf Weiteres) unabweisbare negative Beurteilung. Aus dem Wichtigtuer oder Geltungssüchtigen wird der Narzisst, aus dem, der kein Abitur hat, ein Bildungsferner (vielleicht mit dem Gehirn eines frühen hominiden Vorfahren des modernen Menschen) oder jemand auf der untersten Kompetenzstufe, aus jemandem, der den status quo kritisiert, ein Extremist, Rechter oder ein Phobiker, mindestens aber ein Unzufriedener, Frustrierter oder Querulant.

Dabei ist entscheidend, dass die negativ wertende Betitelung von Personen oder Personengruppen tatsächlich nicht das theoretisch und empirisch begründete Ergebnis einer Analyse ist, sondern die negativ wertende Betitelung eine bloße Behauptung darstellt. Wenn z.B. Uli Hoeneß von Herrn Bandelow in einem Mainstream-Medium als Narzisst samt dessen negativer Eigenschaften beurteilt wird, dann ist diese Unterstellung durch Herrn Bandelow durch nichts begründet als durch seinen gusto; Herr Hoeneß hat nämlich keine Persönlichkeitsskalen für Herrn Bandelow ausgefüllt, die die Bezeichnung “Narzisst” begründen könnten, und dementsprechend drückt Herr Bandelow damit lediglich sein Vorurteil gegen (Leute wie?) Herrn Hoeneß aus.

Durch akademisierte Beschimpfungen und aus ihnen zusammengesetzte hate speeches hoffen diejenigen, die sie pflegen, Kritik am status quo und Widerspruch von vornherein delegitimieren und damit abweisen zu können. Gleichzeitig entlastet der verbal geäußerte Hass kurzzeitig von der (m.E. übrigens angemessenen) angestauten Angst vor dem Statusverlust.

Ein solches Verhalten macht aber der Öffentlichkeit nur weiterhin deutlich, dass das akademische Prekariat nichts zu bieten hat, was ihm Prestige einbringen und einen hohen oder auch nur vergleichsweise höheren sozialen Status rechtfertigen könnte. Und vom Staat ist bis auf Weiteres nicht zu erwarten, dass er seine Politik der Diskreditierung von Leistung und Wissen beendet. Das akademische Prekariat kann sich also durch seine hate speech nicht aus seiner lose-lose-Situation befreien, sondern nur die oben angesprochene kurzzeitige Erleichterung finden, die die Beschimpfung anderer Personen gibt: immerhin hört man, während man selbst beschimpft, nicht die Kritik an der eigenen Person, Position oder Einstellung, oder anders ausgedrückt: Das zu hören, was man nicht hören möchte, kann vielleicht vermieden werden, wenn man selbst möglichst viel und laut spricht, so die Hoffnung.

Die Angst vor dem im Prinzip für alle erkennbaren sozialen Abstieg, vor dem, was um so mehr als soziale Schande empfunden werden dürfte, je stärker man sich vorher von den “Bildungsfernen” und den Andersdenkenden “da draußen” abgesetzt hat, bringt das akademische Mittelschichts-Prekariat anscheinend zu nennenswert großen Anteilen dazu, die Idee der Wissenschaft nur allzu bereitwillig aufzugeben – sofern es sie jemals kennengelernt hat. Für die institutionalisierte Wissenschaft ist dies und die daraus resultierende zunehmende Häufigkeit, mit der akademisierte Beschimpfungen und hate speeches geäußert werden, ein überaus peinliches Eingeständnis ihrer Inkompetenz und Hilflosigkeit.

Aber vielleicht handelt es sich dabei um einen notwendigen und unvermeidlichen Prozess: die Spreu trennt sich vom Weizen, und Wissenschaftler, die Wissenschaft betreiben wollen und können, werden klar unterscheidbar von Akademikern, die bloß möglichst hohes Prestige haben möchten und den sozialen Status erhalten möchten, den ihre Herkunftsfamilie aufzuweisen hatte und hinter den sie auf keinen Fall zurückfallen möchte. In absehbarer Zukunft ist es dann vielleicht und hoffentlich wieder möglich, bei der Erwähnung einer wissenschaftlichen Studie etwas anderes beim Zuhörer zu produzieren als ein Abwinken, ein gelangweiltes Gähnen oder ein zynisches Grinsen.

©Heike Diefenbach, 2015

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