In Erwartung des ewigen Heils: Weltuntergangsphantasien und Angst vor Veränderung

Karl Raimund Popper beginnt den ersten Band seiner Offenen Gesellschaft mit dem griechischen Philosophen Heraklit und dessen Angst, ja Horror, vor Veränderung: “‘Alles fließt’, so sagt er [Heraklit], und ‘man kann nicht zweimal in den selben Fluß steigen’. Enttäuscht argumentiert er gegen den Glauben, dass die bestehende soziale Ordnung ewig währen werde: ‘Wir dürfen nicht handeln und reden wie die Kinder, die nach dem beschränkten Grundsatz großgezogen wurden: ‘Wie es uns überliefert ward'” (Popper, 1992, S.19). Veränderung ist etwas, das Heraklit fürchtet, denn Veränderung ist für ihn eine Bewegung weg von einem Idealzustand und hin zum “planlos aufgeschütteten Misthaufen”, für den er den Kosmos hält.

Platon hat diese Angst von Heraklit aufgenommen und in ein Entwicklungsgesetz gegossen: “Nach diesem Gesetz … führt jegliche soziale Veränderung zu Verderbnis, zum Verfall oder zur Degeneration” (Popper, 1992, S.25). Konfrontiert mit dem stetigen Verfall, den Veränderung ausmacht, der Entwicklung weg vom paradisischen Zustand, in dem noch die Vorväter lebten, offeriert Platon seine eigene Heilslehre, die Rettung der Menschheit, die dann eintritt, wenn die derzeitigen Veränderungen die soziale Entwicklung auf den Tiefpunkt geführt haben: “Nach einem der Dialoge Platons (dem Staatsmann) geht unserem eigenen Zeitalter, dem Zeitalter des Zeus, ein Goldenes Zeitalter, das Zeitalter des Kronos voraus: Kronos regiert die Welt, und der Mensch entsprießt der Erde; nach Ablauf dieser Periode wird die Welt von den Göttern im Stich gelassen und auf sich selbst verwiesen. Der Verfall nimmt daher ständig zu. Und in der Darstellung des Staatsmannes finden wir auch eine Andeutung, dass der Gott am Tiefpunkt vollständigen Verfalls wieder das Steuer des kosmischen Schiffes in die Hand nehmen wird und dass sich hierauf alles wieder zum Guten wendet” (Popper, 1992, S.26).

Die Aussage der Mythologie des Platon ist klar: Die Rettung naht am Tiefpunkt. Nur: Wo ist der Tiefpunkt bzw. wann ist der Tiefpunkt erreicht? Diese Frage beschäftigt Träumer, Esoteriker, Devotionalienhändler und Geschäftemacher aller Art, deren Spezialität darin besteht, Naivität (oder Dummheit) in bare Münze zu verwandeln, seit Jahrtausenden und zu all den Antworten, die in der Vergangenheit gegeben wurden (das Jahr 1000, das Jahr 2000, 1984…) hat sich eine neue Antwort gesellt: Der 21. Dezember 2012. Denn, so weiß weltuntergang-2012.de: “Der Weltuntergang steht bevor. Zumindest wenn man den Berechnungen der Maya glaubt.”

Am 21. Dezember 2012 geht in der Zeitrechnung der Maya die 13. Ära zu Ende, nicht jedoch die Welt, denn die Maya hatten keine Vorstellung von Weltzyklen, und auch keine Vorstellung von einer Zeitenwende. Beide Ideen stammen von den Azteken und wurden unter dem Eindruck der ins Land drängenden Spanier geboren. Am 21. Dezember endet für die Maya das 13. Baktun. Was kommt nach “13”? Richtig, 14! Auch für die Maya. Deshalb beginnt am 22. Dezember 2012 und ganz undramatisch das 14. Baktun. “Der Unfug mit dem Weltuntergang 2012, so der Altamerikanist Nikolai Grube von der Universität Bonn, hat mit den Maya nicht das Geringste zu tun – aber mit uns sehr viel: Da spiegelt sich offenbar eine irrationale Heilserwartung, in der unsere Ängste und Wünsche für die Zukunft festgeschrieben werden” [Ausführlich äußert sich Nikolai Grube im Rahmen eines sehr guten Beitrags im Bild der Wissenschaft mit dem Titel “Keine Ende in Sicht” zur Maya-Mania].

Die Ängste und Heilsvorstellungen, von denen Grube hier spricht, und die man vielleicht besser als irrationale Paradies-Vorstellungen von Menschen beschreiben würde, die mit ihrem derzeitigen Leben nicht zufrieden sind und alle Hoffnung auf die Zukunft und Hilfe von außen setzen, die also keinerlei Möglichkeit für sich sehen, mit der Welt in der sie leben, zu Rande zu kommen, die sich, den Veränderungen, die sie umgeben hilf- und schutzlos ausgeliefert fühlen, entsprechen den Heilserwartungen, die Platon in der oben zitierten Stelle aus dem Staatsmann niedergelegt hat. Es sind Ängste, die sich über Jahrhunderte immer wieder als Angst vor der Industrialisierung, Angst vor neuer Technik, Angst vor den wachsenden Städten, Angst vor der Gentechnik, vor Atomkraft, Angst vor Wettbewerb, Angst vor Konkurrenz, Angst vor anderen, Angst vor Leistung, Angst vor allem, was neu ist, geäußert hat, eine Angst, die Popper in seiner “Offenen Gesellschaft” als Ausgangspunkt des Totalitarismus  sieht und deren antidemokratische Züge Kurt Sontheimer (1994) in seiner Abhandlung über des antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik offengelegt hat.

Wie real diese Wurzeln des Totalitarismus, die Angst vor letztlich dem Leben ist, die zu einer radikalen Abwendung von der Rationalität und einer fast schon selbstzerstörerischen Hinwendung zur Irrationalität führt, lässt sich am Beispiel des Weltuntergangs oder der Zeitenwende, die die Maya angeblich für den 21. Dezember vorhergesagt haben, zeigen. Ich zitiere aus einem Buch von Birgit Feliz Carrasco mit dem Titel “2012 – Die große Zeitenwende. Wie die Prophezeiungen der Maya Chancen für Neues Sein und Denken eröffnen”. Die Ähnlichkeiten der zitierten Stelle mit der Platonischen Heilslehre aus dem Staatsmann, sind unverkennbar:

“Das prophetische Kalendarium der Maya endet mit dem Jahr 2012. Warum? … Vorab sei jedoch zur Beruhigung Ihrerseits und zur Untermauerung des seriösen Anspruchs dieses Buches gesagt, dass im Dezember 2012 vermutlich nicht die Welt untergeht, wie manche Mythenbeschwörer mitunter glauben machen wollen. Im oder um das Jahr 2012 wird sich vielmehr die Weltordnung verändern, eine neue Struktur erhalten, und nach dem Verständnis der Maya-Kultur wird sich am Ende des Jahres 2012 der göttliche Schöpfungszyklus auf Erden komplettiert haben und zur Heilung von allen und allem führen”.

Wer diesen Unsinn mit einem kritischen Geist liest und in Erinnerung hat, was Nikolai Grube und die Wissenschaft über die Maya zu sagen wissen, dem fällt zunächst auf, dass den Maya hier ein Schöpfungszyklus zugeschrieben wird, den sie nicht hatten, und er erinnert sich daran, dass der 21. Dezember 2012 das Ende des 13. Baktun bezeichnet und der 22. Dezember 2012 den Beginn des 14. Aber das ist eine rationale Konfrontation mit den Fakten, und Fakten sind offensichtlich etwas, was mit dem “seriösen” Buch von Carrasco nicht vermittelt werden soll. Das Buch zielt darauf, Unsicherheiten, Ängste und Irrationalität zu bedienen, es will diejenigen füttern, die auf der Suche nach Halt in ihrem Leben sind und diesen Halt bei Gott, Mythen, den scheinabr allwissenden Maya, bei Hintz und Kuntz, nur eben nicht bei sich selbst suchen. Nicht nur, das zeigen einige der Kunden-Rezensionen bei Amazon, bedient das Buch von Carrasco diese Zielsetzung, es findet auch die entsprechende Klientel:

Sarasvati “Yogalehrerin” weiss nach der Lektüre dieses Buches endlich, wo ihr Platz im Leben ist: “Ich frage mich schon seit Monaten, was und warum es in der Welt und in meinem persönlichen Leben gerade so abgeht – das Buch erläutert die Zusammenhänge und setzt ein Puzzle aus Einzelteilen zusammen, was ich bisher nicht geschafft hatte”. Dreapig IMOX ist sicher, dass das Buch “allen Menschen [hilft], die kommenden Jahre und die Veränderungen besser zu verstehen und sie positiv mitzuerleben …” Und Rockn Roll Hero “Candyman” fügt noch an: “Dass die Menschheit am Abgrund steht, sollte längst allen bekannt sein, dass es aber auch Chancen gibt, nicht abzustürzen, das scheint nicht jedem klar zu sein. Ich habe dieses Buch gerne gelesen, weil es ‘angstfrei’ ist und Mut macht”.

All diese “Renzensionen” weisen in die gleiche Richtung: Das Klammern an die Maya-Mythe, die man nur zu bereitwillig zu glauben bereit ist, gibt Halt und Sicherheit und verschafft einen moralischen Aussichtspunkt, von dem aus man die noch nicht Iniziierten bemitleiden oder missionieren kann. Es gibt einen Sinn im Leben und Sicherheit in  einer als unsicher erlebten Welt. Dabei ist es erschreckend, dass Carrasco mit einfachsten emotionalen Appellen eine Fangemeinde hinter sich versammeln  und darüber hinwegtäuschen kann, dass weitgehend alle Verbindungen, die sie in ihrem Buch herstellt, ihrer eigenen Einbildung entspringen.

Menschen, die sich aus Angst an Heilslehren klammern, wie die oben dargestellten Leser des Buches von Carrasco, sind gefundenes Fressen für Devotionalienhändler und all diejenigen, die entweder das Heil in Form welcher Produkte auch immer verkaufen wollen (z.B. als Reiseveranstalter, der über eine Vielzahl von Hotels auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán herrscht) oder die den angstbesetzen Suchern nach Halt und Richtung im Leben nebenbei noch ihre eigenen totalitären Phantastereien unterschieben wollen. Ein Beispiel, das Kommerz mit totalitären Träumen verbindet, ist das folgende Buch, einer, wie ein begeisterter Rezensent des Buches schreibt, “Mayapriesterin und promovierten Psychologin”. Ich lasse das Zitat unkommentiert stehen. Mir hat es die Sprache verschlagen (und nicht nur das), und ich frage mich seither, was schlimmer ist: Die offenen Anklänge an den Vril-Kult der Nazis, dem nichtzuletzt Himmler gehuldigt hat oder die Tatsache, dass ein derartiger Unsinn einen Verleger gefunden hat:

“Im Dezember 2006 begann eine Serie spiritueller Seminare für Frauen. Ziel dieser Seminare ist es, die Kraft der Göttin in der Frau zurückzuholen und die Frau wieder zur Trägerin der liebevoll lodernden Flamme der Göttin und Mutter zu machen. Die Führungsspitze der Lichtmeister, welche die Menschheit bei ihrer Entwicklung zum Ende der Zeiten geleiten, haben darauf hingewiesen, dass der Frau eine Schlüsselfunktion zufällt, wenn es gilt, das Zeitalter der Beschränkung in eine strahlende Ära des Lichts zu verwandeln. Mit ihrer Sensibilität, ihrer hochentwickelten Intuition und ihrer Bereitschaft zur Verwirklichung der wahren Liebe verwandelt sich die Frau in eine Heilsquelle für die Menschheit und den gesamten Planeten” (Kin, Nah: Die authentische Botschaft der Maya für das neue Zeitalter).

Es gibt einen wirkungsvollen Schutz vor dieser Art totalitärer Phantastereien: Kritik und kritisches Denken. Kritik am Buch von Carrasco führt schnell zu der Erkenntnis, dass das Buch keine Fakten, dafür aber Hirngespinste enthält. Kritisches Denken mit Blick auf das Machwerb von Nah Kin hat zum Ergebnis, dass die hier entwickelte und den Maya zugeschriebene “Mutter Gottes”-Mythe als solche spätestens da entlarvt wird, wo man sich fragt, wer die Lichtmeister sind, warum man ihnen glauben soll und welche Kompetenzen sie für sich reklamieren können, damit man ihnen glaubt? Aber: Das alles ist Ausdruck von Rationalität und würde zu der Einsicht führen, dass das eigene Leben nicht von fremden Mächten bestimmt wird, sondern eine Frage der Selbstgestaltung ist, was wiederum bedeutet, dass man selbst und nicht etwa die Maya für das eigene Leben verantwortlich sind, eine Einsicht, die manche zu fürchten scheinen, wie der Teufel das Weihwasser.

Literatur

Popper, Karl Raimund (1992). Die offene Gesellschaft und Ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons. Tübingen: J.C.B. Mohr.

Sontheimer, Kurt (2004). Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933. München: dtv.

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2 Responses to In Erwartung des ewigen Heils: Weltuntergangsphantasien und Angst vor Veränderung

  1. Hans Meier says:

    Mal wieder ein schöner Bericht, über unschöne Angstgeschichten von Aposteln, die ihre eigene Begrenztheit als das allgemeine Ende herbei fabulieren.
    In einem fröhlicheren und zuversichtlichen Sinn, ist ein Artikel von Colin McInnes, zum Wirtschaftswachstum, bei http://www.novo-argumente.com zu lesen.

  2. Pingback: Kann man so dumm sein? | Kritische Wissenschaft - critical science

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