Das Ende naht: politisches Establishment in Aufruhr

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des mündigen Bürgers. Alle Mächte des alten Systems haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet …

Was haben Donald Trump, die AfD, die Diffamierung von Bürgern als Wut- oder Problembürger, das aufgeregte Flügelschlagen gegen den Begriff der Lügenpresse und der Versuch, alles, was einem nicht gefällt, als Hatespeech aus dem Internet zu beseitigen, gemeinsam?

NYT Donald TrumpBeginnen wir mit Donald Trump, über den wir einen hervorragenden Beitrag im New York Times Magazine gelesen haben. Der Beitrag sei allen, die in Deutschland Journalist sein wollen und denken, Journalismus bestehe darin, wilde Behauptungen über Dritte aufzustellen und im Versuch, die Öffentlichkeit zu manipulieren, besonders empfohlen, zeigt er doch, wie man über einen Milliardär, der alle Charakteristika erfüllt, die ihn zum Lieblingshassobjekt von Linken machen, fair und dennoch kritisch berichten kann. Der Beitrag von Mark Leibovich ist eine Wohltat für alle, denen der deutsche Versuch Journalismus als Offenbarungslehre zu betreiben, auf die Nerven geht.

Auf die Nerven geht vielen US-Amerikanern die Verlogenheit ihres politisch korrekten Establishments, das sich hinter leeren Worthülsen versteckt, Wähler damit abfüttern will und ansonsten den Anschein erweckt, der selben Retorte zu entstammen: Einheitsmarketing, Einheitsauftreten, Einheitswortwahl, Einheitspräsentation, Einheitslügen. Donald Trump repräsentiert hier das Anti-Establishment und hat Zulauf, Zulauf von all denen, die “fed-up” sind, mit dem, was ihnen das politische Establishment zu bieten hat: sie haben die Nase gestrichen voll.

Gestrichen voll haben die Nase auch diejenigen, die derzeit die AfD unterstützen. Das zeigen unsere Daten mehr als deutlich. Die AfD ist entsprechend eine Sammelbewegung für all diejenigen, die das politische Establishment in Deutschland am liebsten in die Wüste schicken würden – ohne Wasser versteht sich.

Der Unmut hat Korruption und Selbstbeweihräucherung derjenigen, die sich zum politischen Establishment zählen, zum Gegenstand. Die Unzufriedenheit, sie richtet sich darauf, dass Personen, die den meisten Bürgern intellektuell nicht das Wasser reichen können, die sich z.B. vor dem Lincoln-Memorial in Washington selbst-ablichten und tweeten, sie seien in Gesellschaft von George Washington, ihnen erzählen wollen, was gut für sie ist. Der tägliche Bevormundungs-Versuch der intellektuellen Hochstapler, er geht vielen in der Bevölkerung auf die Nerven.

Aber nicht nur er: Diejenigen, die die AfD unterstützen, sie sind mit dem politischen System als Ganzem nicht zufrieden, die Klientelpolitik, die Schwerpunkte bei sexuellen Unnormalitäten, das fröhliche Verteilen anderer Leute Steuergeld, die Unfähigkeit, die (technologischen) Zeichen der Zeit zu erkennen und das täglich sich enger ziehende Netz der Überwachung, der Raubbau an der bürgerlichen Freiheit, er ist der Kern dessen, was eine große Anzahl von Bürgern dazu veranlasst, dem politischen Establishment den Rücken zu kehren.

Flüchtlinge und Wanderungen gegen Zuwanderung, wie sie in Dresden wöchentlich stattfinden, sie sind eigentlich nur ein nebensächlicher Kampfplatz, eine Ablenkung, denn die Pegida ist wie die AfD nur ein Ausdruck für die Abwendung von etablierten Parteien. Das Thema “Flüchtlinge”, es eignet sich eben besonders gut, um seine Ablehnung der Einheitsfront des Establishments zum Ausdruck zu bringen – schon weil dieses Establishment (derzeit) besonders sensibel auf dieses Thema reagiert.

Und das Establishment, es bringt zum Ausdruck, was es davon hält. Angebliche Wissenschaftler, die endlich einmal ihren Namen in der Zeitung lesen wollen, stehen bereit, um Bürger als Wutbürger zu beschimpfen, sie zu Problembürgern zu stilisieren und auf diese Weise eine neue Form des Rassismus, des Innergruppen-Rassismus ins Leben zu rufen. Die Medien, die sich als Bestandteil des politischen Establishments sehen, sie tun, was möglich ist, um die alte Ordnung, die Herrschaft der Etablierten und Satten, die sich in Berlin in Eintracht zusammengefunden haben, um Steuergelder unter sich und ihren jeweiligen Klientele aufzuteilen, aufrechtzuerhalten.

Und die als Wut- und Problembürger titulierten, sie goutieren, was ihnen die Medien auftischen als Einheitsbrei einer Lügenpresse, als Versuch der Manipulation zum Zwecke des Machterhalts.

Lügenpresse! Der Vorwurf hat ins Mark getroffen und Journalisten in Deutschland mit einer ganz neuen Realität bekannt gemacht. Sie können nicht mehr unwidersprochen schreiben, was ihnen beliebt, sich als Stimmungsbarometer und Meinungsmacher der Nation gerieren, sie sind mit Kontrolle und Widerspruch konfrontiert. Nicht zuletzt Blogs wie ScienceFiles veröffentlichen regelmäßig Beiträge darüber, wie öffentliche Medien versuchen, Meinung zu machen und Bürger zu manipulieren. Im Internet hat sich eine lebhafte und große Community etabliert, die der Kritik an öffentlichen Medien, dem Austausch von Informationen über Falschmeldungen und der Kontrolle von Medien und Regierung ihre Aufmerksamkeit widmet.

Und so kommt es, dass das politische Establishment mit seinen Manipulationsversuchen nicht mehr so einfach landen kann. Zu leicht sind Informationen verfügbar, die es kritischen Bürgern ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden, zu jenem kritischen und mündigen Bürger zu werden, den das politische Establishment immer beschworen hat – im Bewusstsein, dass man alles tut, um sein Erscheinen zu verhindern.

Nun ist der da, der mündige Bürger. Nun sagt er seine Meinung, schreibt Kommentare, bringt Ärger zum Ausdruck, vergreift sich auch manchmal im Ton, je nachdem, wie sehr bestimmte Themen an den Werten angreifen, die ihm wichtig sind. Und nun ist er ein Problem, der mündige, der Wut-, der Problembürger, denn so war das alles nicht gemeint. Niemand hat gedacht, dass mündige Bürger tatsächlich anfangen, Politiker auf ihre Fähigkeiten hin zu testen, Aussagen zu hinterfragen, Behauptungen zu prüfen, Lügen aufzudecken und Manipulationsversuche zu erkennen.

hate_speech1Und alles nur wegen dem Internet. Das Internet, es ist die Wurzel allen Übels. Es entzieht sich der Kontrolle durch das politische Establishment, es verführt Bürger dazu, sich zusammenzuschließen, in Meinungsforen, auf Seiten, die der Kontrolle des Parlaments dienen. Das Internet ermöglicht es, schnell Informationen zusammenzutragen oder auszutauschen und damit tendenziöse Berichterstattung, krude Manipulationsversuche und offene Lügen zu entlarven. Und, schlimmer noch: Es zeigt den mündigen Bürgern, dass sie nicht alleine sind, dass es viele gibt, denen wie ihnen das politische Establishment zum Hals heraushängt.

Das ist die eigentliche Bedrohung, denn jeder weiß, Menschen an sich sind träge. Ein Kritiker behält seine Meinung oft für sich, wenn er denkt, einer Mehrheit von unkritischen Ja-Sagern gegenüber zu stehen. Zwei Kritiker sind ebenfalls kein Problem. Zehn Kritiker an einem Ort, die kann man gut kontrollieren und überwachen, aber zehn-, hunderttausend, ja Millionen von Kritikern an unterschiedlichen Orten über einen DSL-Zugang miteinander verbunden, sie sind die Pest, sie sind der Keim, an dem das marode politische Establishment endgültig verenden muss, denn sie wissen, dass sie nicht allein sind, sind sich ihrer Zahl und Bedeutung bewusst.

Deshalb bekämpft das politische Establishment in einer letzten Don Quichotterie das Internet. Deshalb soll das Internet mit Hilfe der undefinierten Hassrede von allem gereinigt werden, was nicht politisch-korrekt ist und auf Widerspruch gegenüber dem politischen Establishment hinweist. Dadurch, so die Beruhigungsrede der Etablierten, könne man die einstige Einsamkeit der Kritiker wiederherstellen, demjenigen, der anders denkt, suggerieren, er sei mit seiner Meinung ganz alleine.

Der Versuch, er wirkt wie das Kinderweinen in der Mitte des Atlantiks, unsinnig, das letzte Aufbäumen eines sich auflösenden Establishments, der letzte Strohhalm, an den sich alle diejenigen weiterhin klammern, die weder bemerkt haben, was es geschlagen hat noch eine Ahnung davon haben, wie das Internet funktioniert.

Es ist zu spät für das politische Establishment. Die paradiesischen Tage, in denen man tun und lassen und behaupten konnte, was man will, sie sind vorbei. Die außerparlamentarische Opposition und der Widerstand gegen die Modernisierungsverweigerung auf Seiten der Etablierten, gegen alles, was etabliert ist, er ist zu groß geworden, die Kernakteure sind zu gut vernetzt, als dass man die Uhr noch zurückdrehen könnte. Die einzige Frage, die noch offen ist, lautet: Wie lange wird es dauern, bis das politische Establishment und mit ihm das etablierte Parteiensystem sich aufgelöst haben und mit ihnen der lange Zug der Kostgängern des politischen Establishments verschwunden ist?

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Wutbürger und Furchtbürger

Spätestens dann, wenn Worte in den Sprachgebrauch übergehen und insofern zur Normalität werden, als sie sich im Duden finden, ist es sinnvoll, sich der Etymologie der entsprechenden Worte zu widmen und sich mit den Konsequenzen zu beschäftigen, die sich daraus ergeben.

Wutbürger ist ein solches Wort. Es ist zwischenzeitlich zum normalen Sprachgebrauch geworden, als eine Form der Beleidigung oder Verächtlichmachung gedacht. In den Ring geworfen wurde die Bezeichnung “Wutbürger” im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen von Thilo Sarrazin und vermutlich erstmals in einem Essay von Dirk Kurbjuweit im Spiegel vom 11. Oktober 2010:

France enraged cityoen

Französische Wutbürger

“Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der deutschen Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Er bricht mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.”

Der so beschriebene Wutbürger, er hatte unmittelbar Konjunktur, wurde von der
Gesellschaft für Deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2010 gewählt und begierig aufgenommen, wie die folgende Grafik aus Google Trends zeigt. Mindestens 10% aller Suchanfragen Ende 2010 und Anfang 2011 in Deutschland hatten den Wutbürger zum Gegenstand. Berlin, so scheint es, war das Zentrum der Wutbürger-Sucher.

Wutbuerger Trend

Nun, da Aufkommen und Herkunft des Begriffes “Wutbürger” geklärt sind, stellt sich die Frage, welche Bedeutung dem Begriff eigentlich zukommt. Der Beitrag von Dirk Kurbjuweit bringt zwar den Wutbürger ins Spiel, gibt aber keinerlei Hinweis darauf, was ein Wutbürger eigentlich ist, wenn man einmal davon absieht, dass Kurbjuweit deutlich macht, dass er Wutbürger nicht mag, in dem er sie mit allerlei negativ konnotierten Tätigkeiten belegt: Sie machen sich wichtig, buhen, schreien und hassen. Und weil negative Verben nicht reichen, kommen noch ein paar negative Adjektive hinzu, die den Wutbürger zum wohlhabenden, konservativen Choleriker stempeln sollen. Das ist offensichtlich keine Beschreibung der Wortbedeutung.

Auch der Duden, der den Wutbürger als “aus Enttäuschung über bestimmte politische Entscheidungen sehr heftig öffentlich protestierender und demonstrierender Bürger” definiert, hilft hier nicht weiter, werden doch mit dieser Definition auch linke Demonstranten zu Wutbürgern, also arme und vermutlich ewige Studenten in prekären Wohnverhältnissen in Leipzig Connewitz zum Beispiel, die zu keinem Zeitpunkt staatstragend waren und vermutlich auch nie sein werden. Ein krasser Widerspruch zum Kurbjuweitschen Wutbürger.

Kurz: Es ist notwendig, den Wutbürger zu bestimmen und abzugrenzen, von seinem Gegenüber, dem natürlichen Gegensatz zum Wutbürger.

Da sich Wutbürger aus Wut und Bürger zusammensetzt und wir einfach einmal davon ausgehen, dass klar ist, was ein Bürger sein soll oder ist, bleibt die Wut zu klären, die den Wutbürger differenziert. Eine Aufgabe für die Psychologie:

Wut, Zustand hoher affektiver Erregung mit motorischen und vegetativen Erscheinungen, der sich als Reaktion auf eine Beeinträchtigung der Persönlichkeits- und Vitalsphäre aus einem aggressiven Spannungsstau entwickelt … Wut wird zu den instinkt- und triebabhängigen Kampf- und Abwehrreaktionen gerechnet” (Lexikon der Psychologie, 1994: 2572).

Lexikon PsychologieWut benötigt somit einen (1) Anlass, der (2) als Beeinträchtigung vitaler Interessen des Individuums angesehen wird. Wut ist (3) eine notwendige Abwehrreaktion gegenüber wahrgenommenen Bedrohungen. Und Wut ist eine Emotion, also ein notwendiger Bestandteil eines Organismus, der dem Organismus dabei hilft, “die Anforderungen seiner Umwelt adaptiv zu bewältigen” (Zimbardo, 1995: 443). Insofern ist Wut Teil des angeborenen Emotionenportfolios von Menschen, das neben der Wut noch Freude, Traurigkeit, Furcht, Überraschung, Vorahnung, Akzeptanz und Ekel als primäre Emotionen enthält. Insofern Wut also eine dem Menschen eigene Emotion ist, ist die Bezeichnung Wutbürger eine Merkwürdigkeit, denn Wut sollte jeder Bürger in seinem emotionalen Portfolio haben.

Der Begriff “Wutbürger” ist also kein deskriptiver Begriff, denn Wutbürger sind wir alle, jedenfalls wir alle, die mit normalen Emotionen ausgestattet sind, sondern ein normativer Begriff, der genutzt werden soll, um Bürger abzuwerten, die die Tätigkeiten ausführen, die im Zitat von Kurbjuweit angeführt sind: Sie demonstrieren und schreien und buhen und richten ihre Empörung gegen Politiker.

Nun sind Emotionen soziale Marker, d.h. sie zeigen sich normalerweise im Habitus, der Mimik oder Gestik von Menschen. Es ist in sozialen Interaktionen elementar wichtig unterscheiden zu können, ob man es mit einem freudigen oder einem wütenden Menschen zu tun hat, was zu der Frage führt, welche Rückschlüsse man aus der Beschreibung des Wutbürgers durch Kurbjuweit und die damit verbundene Zuschreibung auf den Autor und auf die Verwender des Begriffs “Wutbürger” ziehen kann.

Um diese Frage zu beantworten, sind die von Robert Plutchik (1980) entwickelten Dimensionen hilfreich. Plutchik ordnet die 8 oben genannten primären Emotionen in Gegensatzpaaren an:

  • Freude und Traurigkeit;
  • Furcht und Wut;
  • Überraschung und Vorahnung;
  • Akzeptanz und Ekel;

Aus dieser Anordnung und der Überlegung, dass jemand, der den Begriff “Wutbürger” benutzt, nicht nur eine Gruppe von Menschen beschreiben will (zum Zwecke der Diskreditierung in der Regel), sondern sich selbst von dieser Gruppe distanzieren will – sich als “Nicht-Wutbürger” ausweisen will, folgt, dass der klassische Gegensatz zum Wutbürger, der Ort der größten Distanz, der der Furcht ist.

Der Gegensatz zum Wutbürger wäre entsprechend der Klassifikation von Plutchik der Furchtbürger, d.h. das treibende Motiv derer, die Bürger zu Wutbürgern erklären wollen, wäre demnach Furcht:

Furcht, eine primitive oft intensive Emotion, die durch ein systematisches Muster körperlicher Veränderung charakterisiert ist … und durch bestimmte Arten von Verhalten, besonders Flucht oder Verstecken. Furcht wird normalerweise angesichts einer Drohung empfunden, wenn z.B. Gefahr bemerkt oder Schmerz erwartet wird. Selbst normale Furcht ist beim Menschen oft unangepasst, doch wird Furcht, die persistent in keinem Verhältnis zur realen Gefahr steht, als Phobie bezeichnet …” (Lexikon der Psychologie, 1994: 654).

Furcht ist eine Fluchtreaktion. Wer Furcht empfindet, wer ein Furchtbürger ist, der hat Angst vor Entwicklungen. Er empfindet z.B. Demonstrationen als Drohung, als Bedrohung für seinen Lebensstil, seine heile Welt oder als Anzeichen für einen drohenden gesellschaftlichen Wandel.

Und warum tut er das?

PlutchikHier helfen sekundäre Emotionen weiter. Sekundäre Emotionen sind zusammengesetzte Emotionen. Aus Wut und Ekel wird Verachtung, aus Furcht und Überraschung wird Erfurcht, aus Furcht und Akzeptanz wird Unterwerfung und aus Wut und Vorahnung wird Aggression.

Nun ist klar, warum der Begriff “Wutbürger” den deutschen Blätterwald beherrscht, ihn fest im Griff zu haben scheint. Die Nutzung von Wutbürger ist, was Dr. habil. Heike Diefenbach aufgrund ihres ethnologischen Hintergrund als apotropäischen Abwehrzauber bezeichnet. Die Furchtbürger in den Redaktionen und wo auch immer sie sitzen, jene Furchtbürger mit ihrem Hang zur Unterwerfung und Ehrfurcht, der sie zum perfekten Untertan qualifiziert, sie haben die nackte Angst angesichts der von ihnen als Wutbürger wahrgenommenen Demonstranten und deren latenter Drohung mit Aggression und Verachtung.

Wenn die Bürger, die auf die Straße gegen und sich über Politiker, also die Obrigkeit aus Sicht der Furchtbürger empören, wenn diese Bürger als Wutbürger bezeichnet werden, so die Hoffnung der Furchtbürger, dann werden diese Wutbürger ganz kleinlaut, schämen sich, gehen in sich und vor allem: gehen weg, weg aus der öffentlichen Wahrnehmung, weg aus der schönen Welt, in der sie eine Bedrohung für den Glauben an die Obrigkeit, den Furchtbürger so tief verinnerlicht haben, darstellen.

Für den, der fürchtet, ist jeder emotionale Ausdruck, der von Desinteresse abweicht, eine Bedrohung, entsprechend muss die Bezeichnung der Wutbürger durch die Furchtbürger nicht unbedingt bedeuten, dass Wutbürger Wut haben, sie sagt nur, dass Furchtbürger fürchten, dass Wutbürger Wut haben. Und diese Furcht, sie macht ihnen Angst.

Plutchik, Robert (1980). Emotion: A Psychoevolutionary Synthesis. New York: HarperCollins.

Zimbardo, Philip (1995). Psychologie. Berlin: Springer.

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Angst vor Wutbürgern: Die Anomie der Manipulateure

Machen wir doch einmal ein bischen Soziologie – als Bericht dessen, was wir gerade im ScienceFiles-Breakfast-Club diskutiert haben:

Zunächst ein paar Randbedingungen:

  • ScienceFiles_Breakfastclub(1) Politiker kann man auch werden, ohne eine abgeschlossene Ausbildung, ohne Berufserfahrung und ohne jemals gearbeitet zu haben. Die Zahl derer, die nach dem abgebrochenen Studium in die Politik gehen und die Zahl derer, die außer Politik nichts können, sofern man Politik können muss, ist über die letzten Jahre stetig gestiegen.
  • (2) Die Zahl von System-Wissenschaftlern (ein Begriff, den ein Kommentator benutzt hat und der perfekt passt), also von Wissenschaftlern deren Wohl und Wehe davon abhängt, dass sie eine Position im wissenschaftlichen Betrieb erreichen und ansonsten nicht negativ auffallen, etwa in dem sie abweichende Meinungen vertreten, Meinungen, die ihrem Dienstherrn im Kultusministerium missfallen könnten, hat über die letzten Jahrzehnte und aufgrund von staatlichen Eingriffen in Hochschulen, durch z.B. das Professorinnenprogramm oder die Art der Mittelzuweisung, zugenommen. Zwangsläufig ist die Zahl derer, die aufgrund von Kompetenz und Qualifikation in eine wissenschaftliche Position gelangt sind, zurückgegangen.
  • (3) Hochschulen produzieren in weiten Teilen am Markt vorbei, d.h. sie bilden Studenten aus, die niemand braucht. Wir haben diese Menge von Studenten, die Gender Studies, Sozialpädagogik, soziale Arbeit, Kultur-, Kommunikations- oder Medienwissenschaften oder sonstige Fächer studiert haben, für die keine oder nur eine sehr geringe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt besteht, als Akademisches Hartz IV bezeichnet.

Da unsere Beschreibung dieser Akademiker in prekären Verhältnissen zwischenzeitlich von Systemwissenschaftlern aufgenommen wurde, müssen wir klarstellen, dass wir den Begriff als deskriptiven Begriff eingeführt und aus Strukturen abgeleitet haben. Prekäre akademische Hartz-IVler zeichnen sich entsprechend dadurch aus, dass sie entweder mangels nachgefragter Qualifikation auf einen sekundären Beschäftigungsmarkt, der eigens für sie von staatlichen Stellen geschaffen wurde, verdingen müssen oder dadurch, dass sie es über staatliche Alimentierung und eben nicht über vorhandene Qualifikation in Positionen an Hochschulen geschafft haben.

  • (4) Für akademische Hartz-IVler, die auf dem primären Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen können, ist ein sekundärer, ausschließlich staatlich finanzierter Beschäftigungsmarkt geschaffen worden, der dazu dient, staatliche Versuche, in das Leben der Bürger zu intervenieren, mit vermeintlich wissenschaftlicher Legitimation zu versorgen. Die entsprechenden akademischen Hartz-IVler finden sich in Instituten, die den Speckgürtel des BMFSFJ bevölkern und gegen Rechtsextremismus, für Migranten oder erneuerbare Energien, gegen Homophobie oder für Gender Mainstreaming agitieren.
  • (5) Die Kontrolle über die Mittel, die Hochschulen zur Verfügung stehen, wird von Kultusministerien genutzt, um akademische Hartz-IV-Vasallen, die aus eigener Qualifikation keine Chance auf eine Position in einer meritokratisch verfassten wissenschaftlichen Institution hätten, auf Positionen an Hochschulen zu hieven. Die Beispiele für entsprechende Günstlinge ministerialer Eingriffe finden sich in den Gender Studies, im Rahmen des Professorinnenprogramms, sie finden sich über die Finanzierung von Drittmittelprojekten durch Ministerien, deren einziger Zweck darin besteht, eine Legitimationsstudie für das entsprechende Ministerium zu erstellen und in vielen anderen Bereichen.
  • (6) Die Verbreitung von akademischen Hartz-IVlern auch an Hochschulen hat dazu geführt, dass sich ein akademisches Prekariat an Hochschulen ausgebildet hat. Wissenschaftler werden nicht mehr für Leistung belohnt, sondern für Anbiederung oder dafür, dass sie das richtige Geschlecht aufweisen oder homosexuell sind. Dafür werden Sonderprofessuren eingerichtet oder andere Positionen geschaffen, die sich in noch größerer Abhängigkeit von den Launen der Ministerialen befinden als dies für beamtete Wissenschaftler ohnehin der Fall ist.
  • (7) Die Verbreitung von Ministeriums-Vasallen, die z.B. auf Kosten des BMFSFJ durch Deutschland ziehen, um den Studiengang “Gender Studies” landauf landab in das Curriculum zu zwingen, hat ein Klima der Leistungsfeindlichkeit und des Duckmäusertums an Hochschulen befördert. Hinzu kommt, dass die ärmliche W3-Besoldung nur noch für akademische Hartz-IVler einen Anreiz darstellt, deren nicht vorhandene Kompetenzen ihnen jeden Zugang zum primären Arbeitsmarkt versperren.
  • (8) Das Klima der Leistungsfeindlichkeit und des Duckmäusertum führt dazu, dass von Hochschulen fast nur noch politisch korrekte und politisch konforme Aussagen zu hören sind. Ausnahmen sind Professoren, die noch im alten C-Entlohnungssystem sind, wie Werner Patzelt, oder Professoren, wie Günter Buchholz, die der staatlichen Gängelung an Hochschulen und der hinter dem Rücken ausgeübten Repressalien durch Kollegen, die Abweichung nicht dulden, durch Emeritierung entgangen sind.
  • (9) Nicht mehr Wissen und die Suche nach Erkenntnis ist Gegenstand der Tätigkeit an Hochschulen, sondern Legitimation politischer Vorgaben und Vermittlung als politisch korrekt befundener Ideologien.
  • (10) Hochschulen dienen der Legitimation des Versuchs derjenigen, die Politiker mimen, ihre Bevölkerung zu manipulieren.
  • Colemann(11) Journalisten erfüllen eine entsprechende Rolle. Sie sind diejenigen, die auf Informationen von Politikern und politische Gefallen angewiesen sind. Informationen erhalten Journalisten, die wohlgefällig sind. Kritischer Journalismus wird bestraft, durch Informationsentzug oder durch Nachsitzen wie bei Frank Plasberg (Hart aber fair).
  • (12) Journalisten erfüllen eine kritische Funktion, denn die Versuche der Politiker, Deutsche zu manipulieren, sind vom Zugriff auf die Medien und ihre Reichweite abhängig.
  • (13) Die Reduzierung von Journalismus auf eine bloße Sprecherfunktion, die darin besteht, vorgefertigte Pressemeldungen, die über dpa oder direkt von Ministerien lanciert werden, abzudrucken, ebenso wie die schlechte Bezahlung der meisten Journalisten hat dazu geführt, dass auch Journalismus nur noch für Personen interessant ist, deren Qualifikation nicht dazu ausreicht, um auf dem primären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
  • (14) Politik, weite Teile der System-Wissenschaft und des Jorunalismus haben sich zu einem Market for Lemons entwickelt. Die Akteure auf diesem Markt teilen eine prekäre Situation, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass die fehlenden Kompetenzen die Sicherheit der eigenen Position davon abhängig macht, dass sie nicht hinterfragt wird.

Diese 14 Thesen stellen für uns Randbedingungen dar, unter denen Akteure handeln. In der Regel verhalten Sie sich konform, wie dies bereits im Rahmen einiger der Thesen beschrieben wurde. Die Randbedingungen beeinflussen das Handeln der Akteure, die ihnen unterworfen sind. Von diesen Akteuren nehmen wir an, dass sie sich innerhalb ihrer Systemlogik rational verhalten.

Interessant wird das Verhalten von Politikern, Systemwissenschaftlern und Journalisten dann, wenn ein neuer, ein abweichender Stimulus auftaucht, der als Gefahr wahrgenommen wird.

Ein solcher Stimulus hat z.B. im Begriff der Lügenpresse seinen Niederschlag gefunden. Den Begriff der Lügenpresse muss man als Soziologe als Ausdruck dafür nehmen, dass Bürger mit der Art und Weise, wie sie unterrichtet werden, nicht zufrieden sind. Sie hinterfragen die Art und Weise der Berichterstattung, weisen auf Widersprüche und Fehler, auf Manipulationsversuche und darauf hin, dass die Intelligenz derjenigen, die Medien ausgesetzt sind, vermutlich im Durchschnitt höher ist als die Intelligenz derer, die Medien gestalten.

Nicht nur Journalisten werden kritisch hinterfragt, auch Politiker und Systemwissenschaftler. Nicht zuletzt Blogs wie ScienceFiles haben es sich zur Aufgabe gemacht, zum einen die Nieten an Hochschulen erkennbar zu machen, zum anderen die Selbstbedienung, die Parteien derzeit an Steuergeldern betreiben und den intellektuellen Absturz dessen, was in Deutschland Politik sein soll, darzustellen und zu kritisieren.

Und diese Kritik entfaltet ihre Wirkung, wie sich zum einen daran zeigt, dass Systemwissenschaftler und Journalisten herbeieilen, um kritische Bürger zunächst als Wutbürger zu beschimpfen und dann als deprivierte, dumme und verbitterte Versager zu diskreditieren [Die Vasallen des Staates tun offensichtlich alles, um die Anliegen der so diffamierten nicht als legitim erscheinen zu lassen.]

Die Pauschalität der Beleidigungen, die sich generell gegen alle richtet, die auf die Straße gehen, die Politiker kritisieren und die Journalisten Fehlinformationen nachweisen, ist bemerkenswert. Selbst als Chaoten von Blockupy die Innenstadt von Frankfurt zerlegt haben und Polizeiautos in Flammen aufgegangen sind, wurde fein säuberlich zwischen Chaoten und richtigen Demonstranten, die ein legitimes Interesse zum Ausdruck bringen wollten, unterschieden. Bei vermeintlich rechten Demonstranten, die durch Dresden laufen oder gegen Flüchtlinge demonstrieren, ist dies nicht der Fall. Hier reichen ein paar Chaoten um alle Demonstranten als illegitime Wutbürger zu brandmarken.

Die Brandmarkung erfolgt auf geschlossener Front. Angebliche Soziologen differenzieren nicht und haben keinerlei Problem damit, die Erforschung eines Phänomens mit der Beschimpfung der Träger des Phänomens zu vertauschen. Angebliche Journalisten berichten von Übergriffen und interviewen generell niemanden, der ein möglicherweise legitimes Interesse zum Ausdruck bringen könnte. Und Politiker sind einheitlich schockiert und betroffen. Das vollkommene Fehlen von Kompetenzen und Qualifikationen, es ist offensichtlich:

JobcenterViele Wissenschaftler sind zu bloßen Sprechern ihrer politischen Herren geworden, die soziale Phänomene nicht mehr zu erklären, sondern zu diskreditieren suchen. Als prekäre Systemwissenschaftler ist ihre Professur eben der ständigen Gefahr einer Abwicklung, der anonymen Überwachung, der Denunziation oder der Dienstaufsichtsbeschwerde ausgesetzt. Besser man ist vorauseilend gehorsam. Als akademische Hartz-IVler im Institutsdienst sind sie von ihren politischen Auftraggebern aus den Stiftungen der Parteien oder aus Ministerien direkt abhängig.

Journalisten sind nicht mehr an Geschichten und Reportagen interessiert, nicht mehr an den zwei Seiten, die einen Konflikt ausmachen, sondern daran, die Guten und die Bösen deutlich herauszustellen, damit der Virus der Kritik nicht noch auf Bevölkerungsteile übergreift, die bislang durch Desinteresse ausgezeichnet sind.

Und Politiker? Nun, Politiker, die vergessen, dass sie doch eigentlich die gewählten Vertreter des ganzen Volkes sind. Das macht Politik und eine Regierung eigentlich aus, dass ihre Vertreter die Kompetenz und den Willen haben, die gesamte Bevölkerung so weit wie möglich zufrieden zu stellen oder doch zumindest den Eindruck zu vermitteln, dass sie die Anliegen aller Mitglieder der Bevölkerung zur Kenntnis nehmen und als legitim akzeptieren.

Die allenthalben fehlenden Kompetenzen resultieren in Anomie. Anomie kann man als Handlungsunfähigkeit angesichts eines Handlungsdrucks definieren. Fähige und kompetente Handlungen angesichts von vielen Tausend Bürgern auf der Straße wären für Soziologen die Analyse der Motive, der Versuch, die Ursachen der Unzufriedenheit und die Beweggründe der Demonstranten zu erforschen. So wie dies Werner Patzelt tut. Die Anomie der Systemwissenschaftler sie zeigt sich darin, dass ihnen nur einfällt, die Bürger zu beschimpfen, sie als Wutbürger abzukanzeln und zu hoffen, dass die Sprachmagie dazu ausreicht, die Wutbürger zu vertreiben und vor allem dazu, die Aufmerksamkeit nicht auf die eigene prekäre Situation zu lenken (die vielleicht erklärt, warum sie so wütend auf die Teile der Bevölkerung sind, die nicht in Abhängigkeit vom Staat ihr Dasein fristen, wie dies für sie der Fall ist).

Journalisten, die nicht in Anomie befangen sind und sich für einen Gegenstand interessieren, berichten von dem, was vorgeht, zeigen z.B. den Querschnitt derjenigen, die demonstrieren und berichten von den Übergriffen, die erfolgt sind, in unabhängiger und zumindest ansatzweise un-ideologischer Manier. Angesichts dieser legitimen Erwartungen der Bürger an die Art und Weise der Berichterstattung durch die Presse, sind deren Vertreter anomisch, was sich in Berichten nach Vorschrift niederschlägt, die in einen vorgefertigten Rahmen gestellt und zu Berichten über Wutbürger gemacht werden, immer in der Hoffnung, die Adressaten der Berichte würden den billigen Manipulationsversuch nicht durchschauen und nicht merken, dass die Berichterstattung gefärbt ist und nicht der Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse dient, ganz so, wie es im Ausdruck “Lügenpresse” zum Ausdruck kommt.

Politiker, die nicht in Anomie versinken, würden sich erinnern, dass es die Führungsstärke ist, die Politiker angeblich auszeichnet. Führungsstärke muss man dummer Weise vor Ort durchsetzen, und zwar als der Vertreter aller Deutschen, der man als Regierungsvertreter nun einmal sein muss. Anomische Politiker verkriechen sich in ihren gepanzerten Fahrzeugen und huldigen der Menge lieber wie der Papst, wenn er den Segen Urbi et Orbi erteilt. Mit dem Mann auf der Straße, wollen anomische Politiker nichts zu tun haben. Er macht ihnen Angst, weil ihnen die soziale Kompetenz fehlt, mit ihm umzugehen, ihn zu adressieren, mit ihm zu sprechen. Deshalb wird er als Pack oder als Wutbürger beschimpft und somit zu einem Wesen degradiert, mit dem man nicht sprechen kann. Anomische Politiker versuchen sich durch Stigmatisierung aus der Verantwortung zu stehlen und hoffen, dass es niemand merkt.

Alle drei Handlungsweisen sind in keiner Weise dazu geeignet, die Kritik an den jeweiligen Vertretern ihrer Profession verstummen zu lassen – im Gegenteil. Das eben ist das Problem mit Anomie – die Ursache geht dadurch, dass man sie ignoriert, nicht weg. Nicht einmal, wenn man Kritiker, Demonstranten und Chaoten über einen Kamm schert und allesamt als Wutbürger beschimpft, geht die Ursache weg – ganz im Gegenteil.

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