Wutbürger und Furchtbürger

Spätestens dann, wenn Worte in den Sprachgebrauch übergehen und insofern zur Normalität werden, als sie sich im Duden finden, ist es sinnvoll, sich der Etymologie der entsprechenden Worte zu widmen und sich mit den Konsequenzen zu beschäftigen, die sich daraus ergeben.

Wutbürger ist ein solches Wort. Es ist zwischenzeitlich zum normalen Sprachgebrauch geworden, als eine Form der Beleidigung oder Verächtlichmachung gedacht. In den Ring geworfen wurde die Bezeichnung „Wutbürger“ im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen von Thilo Sarrazin und vermutlich erstmals in einem Essay von Dirk Kurbjuweit im Spiegel vom 11. Oktober 2010:

France enraged cityoen

Französische Wutbürger

„Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der deutschen Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Er bricht mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.“

Der so beschriebene Wutbürger, er hatte unmittelbar Konjunktur, wurde von der
Gesellschaft für Deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2010 gewählt und begierig aufgenommen, wie die folgende Grafik aus Google Trends zeigt. Mindestens 10% aller Suchanfragen Ende 2010 und Anfang 2011 in Deutschland hatten den Wutbürger zum Gegenstand. Berlin, so scheint es, war das Zentrum der Wutbürger-Sucher.

Wutbuerger Trend

Nun, da Aufkommen und Herkunft des Begriffes „Wutbürger“ geklärt sind, stellt sich die Frage, welche Bedeutung dem Begriff eigentlich zukommt. Der Beitrag von Dirk Kurbjuweit bringt zwar den Wutbürger ins Spiel, gibt aber keinerlei Hinweis darauf, was ein Wutbürger eigentlich ist, wenn man einmal davon absieht, dass Kurbjuweit deutlich macht, dass er Wutbürger nicht mag, in dem er sie mit allerlei negativ konnotierten Tätigkeiten belegt: Sie machen sich wichtig, buhen, schreien und hassen. Und weil negative Verben nicht reichen, kommen noch ein paar negative Adjektive hinzu, die den Wutbürger zum wohlhabenden, konservativen Choleriker stempeln sollen. Das ist offensichtlich keine Beschreibung der Wortbedeutung.

Auch der Duden, der den Wutbürger als „aus Enttäuschung über bestimmte politische Entscheidungen sehr heftig öffentlich protestierender und demonstrierender Bürger“ definiert, hilft hier nicht weiter, werden doch mit dieser Definition auch linke Demonstranten zu Wutbürgern, also arme und vermutlich ewige Studenten in prekären Wohnverhältnissen in Leipzig Connewitz zum Beispiel, die zu keinem Zeitpunkt staatstragend waren und vermutlich auch nie sein werden. Ein krasser Widerspruch zum Kurbjuweitschen Wutbürger.

Kurz: Es ist notwendig, den Wutbürger zu bestimmen und abzugrenzen, von seinem Gegenüber, dem natürlichen Gegensatz zum Wutbürger.

Da sich Wutbürger aus Wut und Bürger zusammensetzt und wir einfach einmal davon ausgehen, dass klar ist, was ein Bürger sein soll oder ist, bleibt die Wut zu klären, die den Wutbürger differenziert. Eine Aufgabe für die Psychologie:

Wut, Zustand hoher affektiver Erregung mit motorischen und vegetativen Erscheinungen, der sich als Reaktion auf eine Beeinträchtigung der Persönlichkeits- und Vitalsphäre aus einem aggressiven Spannungsstau entwickelt … Wut wird zu den instinkt- und triebabhängigen Kampf- und Abwehrreaktionen gerechnet“ (Lexikon der Psychologie, 1994: 2572).

Lexikon PsychologieWut benötigt somit einen (1) Anlass, der (2) als Beeinträchtigung vitaler Interessen des Individuums angesehen wird. Wut ist (3) eine notwendige Abwehrreaktion gegenüber wahrgenommenen Bedrohungen. Und Wut ist eine Emotion, also ein notwendiger Bestandteil eines Organismus, der dem Organismus dabei hilft, „die Anforderungen seiner Umwelt adaptiv zu bewältigen“ (Zimbardo, 1995: 443). Insofern ist Wut Teil des angeborenen Emotionenportfolios von Menschen, das neben der Wut noch Freude, Traurigkeit, Furcht, Überraschung, Vorahnung, Akzeptanz und Ekel als primäre Emotionen enthält. Insofern Wut also eine dem Menschen eigene Emotion ist, ist die Bezeichnung Wutbürger eine Merkwürdigkeit, denn Wut sollte jeder Bürger in seinem emotionalen Portfolio haben.

Der Begriff „Wutbürger“ ist also kein deskriptiver Begriff, denn Wutbürger sind wir alle, jedenfalls wir alle, die mit normalen Emotionen ausgestattet sind, sondern ein normativer Begriff, der genutzt werden soll, um Bürger abzuwerten, die die Tätigkeiten ausführen, die im Zitat von Kurbjuweit angeführt sind: Sie demonstrieren und schreien und buhen und richten ihre Empörung gegen Politiker.

Nun sind Emotionen soziale Marker, d.h. sie zeigen sich normalerweise im Habitus, der Mimik oder Gestik von Menschen. Es ist in sozialen Interaktionen elementar wichtig unterscheiden zu können, ob man es mit einem freudigen oder einem wütenden Menschen zu tun hat, was zu der Frage führt, welche Rückschlüsse man aus der Beschreibung des Wutbürgers durch Kurbjuweit und die damit verbundene Zuschreibung auf den Autor und auf die Verwender des Begriffs „Wutbürger“ ziehen kann.

Um diese Frage zu beantworten, sind die von Robert Plutchik (1980) entwickelten Dimensionen hilfreich. Plutchik ordnet die 8 oben genannten primären Emotionen in Gegensatzpaaren an:

  • Freude und Traurigkeit;
  • Furcht und Wut;
  • Überraschung und Vorahnung;
  • Akzeptanz und Ekel;

Aus dieser Anordnung und der Überlegung, dass jemand, der den Begriff „Wutbürger“ benutzt, nicht nur eine Gruppe von Menschen beschreiben will (zum Zwecke der Diskreditierung in der Regel), sondern sich selbst von dieser Gruppe distanzieren will – sich als „Nicht-Wutbürger“ ausweisen will, folgt, dass der klassische Gegensatz zum Wutbürger, der Ort der größten Distanz, der der Furcht ist.

Der Gegensatz zum Wutbürger wäre entsprechend der Klassifikation von Plutchik der Furchtbürger, d.h. das treibende Motiv derer, die Bürger zu Wutbürgern erklären wollen, wäre demnach Furcht:

Furcht, eine primitive oft intensive Emotion, die durch ein systematisches Muster körperlicher Veränderung charakterisiert ist … und durch bestimmte Arten von Verhalten, besonders Flucht oder Verstecken. Furcht wird normalerweise angesichts einer Drohung empfunden, wenn z.B. Gefahr bemerkt oder Schmerz erwartet wird. Selbst normale Furcht ist beim Menschen oft unangepasst, doch wird Furcht, die persistent in keinem Verhältnis zur realen Gefahr steht, als Phobie bezeichnet …“ (Lexikon der Psychologie, 1994: 654).

Furcht ist eine Fluchtreaktion. Wer Furcht empfindet, wer ein Furchtbürger ist, der hat Angst vor Entwicklungen. Er empfindet z.B. Demonstrationen als Drohung, als Bedrohung für seinen Lebensstil, seine heile Welt oder als Anzeichen für einen drohenden gesellschaftlichen Wandel.

Und warum tut er das?

PlutchikHier helfen sekundäre Emotionen weiter. Sekundäre Emotionen sind zusammengesetzte Emotionen. Aus Wut und Ekel wird Verachtung, aus Furcht und Überraschung wird Erfurcht, aus Furcht und Akzeptanz wird Unterwerfung und aus Wut und Vorahnung wird Aggression.

Nun ist klar, warum der Begriff „Wutbürger“ den deutschen Blätterwald beherrscht, ihn fest im Griff zu haben scheint. Die Nutzung von Wutbürger ist, was Dr. habil. Heike Diefenbach aufgrund ihres ethnologischen Hintergrund als apotropäischen Abwehrzauber bezeichnet. Die Furchtbürger in den Redaktionen und wo auch immer sie sitzen, jene Furchtbürger mit ihrem Hang zur Unterwerfung und Ehrfurcht, der sie zum perfekten Untertan qualifiziert, sie haben die nackte Angst angesichts der von ihnen als Wutbürger wahrgenommenen Demonstranten und deren latenter Drohung mit Aggression und Verachtung.

Wenn die Bürger, die auf die Straße gegen und sich über Politiker, also die Obrigkeit aus Sicht der Furchtbürger empören, wenn diese Bürger als Wutbürger bezeichnet werden, so die Hoffnung der Furchtbürger, dann werden diese Wutbürger ganz kleinlaut, schämen sich, gehen in sich und vor allem: gehen weg, weg aus der öffentlichen Wahrnehmung, weg aus der schönen Welt, in der sie eine Bedrohung für den Glauben an die Obrigkeit, den Furchtbürger so tief verinnerlicht haben, darstellen.

Für den, der fürchtet, ist jeder emotionale Ausdruck, der von Desinteresse abweicht, eine Bedrohung, entsprechend muss die Bezeichnung der Wutbürger durch die Furchtbürger nicht unbedingt bedeuten, dass Wutbürger Wut haben, sie sagt nur, dass Furchtbürger fürchten, dass Wutbürger Wut haben. Und diese Furcht, sie macht ihnen Angst.

Plutchik, Robert (1980). Emotion: A Psychoevolutionary Synthesis. New York: HarperCollins.

Zimbardo, Philip (1995). Psychologie. Berlin: Springer.

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12 Responses to Wutbürger und Furchtbürger

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Wutbürger und Furchtbürger

  2. mikeondoor says:

    vielfache Aktionen des sog. „Wutbürgers“ kommen heute zum Glück nicht nur aus dem Bauch. Deswegen würde ich eher vom „Zornbürger“ sprechen …vielleicht dann noch ein paar Gedanken dazu. Denn Wut und Zorn sollte dringend unterschieden werden – 3.Vid:
    http://mikeondoor-news.de/georg-schramm-hintergruendig-kompromisslose-satire/

  3. Kurz:

    „Wutbürger“ ist das akutelle Synonym für „Querulant“, ist also ein Kampfbegriff, der zu diskreditieren versucht, wer den status quo als kritiwürdig empfindet.

    Wer es nötig hat, verbal mit Kampfbegriffen zu hantieren, sieht sich offenbar nicht nur außer Stande, Argumente gegen die Überzeugungen der Leute zu machen, die er selbst ablehnt, sondern auch, positiv zu argumentieren, also Argumente für den status quo zu machen. Damit stellt er sich ein Armutszeugnis aus.

    Und vielleicht ist es diese vor sich selbst und aller Welt bezeugte Argumentationsarmut, was denjenigen, für die der status quo so zufriedenstellend (und gewöhnlich: einträglich) ist, Furcht einflößt – durchaus zu Recht, wie ich meine, denn man muss an seinem eigenen Verstand zweifeln, wenn man von etwas sehr stark überzeugt ist, aber keinerlei ARGUMENT für seine Überzeugung vorbringen kann. Dann beschleicht einen wahrscheinlich das Gefühl, in eine emotionale Abhängigkeit von den eigenen Vorstellungen geraten zu sein, was jede Urteilsfähigkeit zunichte macht.

    Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird umso hysterischer beschimpft – was also soll nach dem „Problembürger“ und dem „Wutbürger“ kommen? Der Un(ter)mensch vielleicht, oder was?

    Und was ändert diese schwachsinnigen verbalen Übungen im Umgang mit Kampfbegriffen an den real existierenden Problemen und Konflikten?!?

  4. hgb says:

    „Plutchik ordnet die 8 oben genannten primären Emotionen in Gegensatzpaaren an:
    ◾Freude und Traurigkeit;
    ◾Furcht und Wut;
    ◾Überraschung und Vorahnung;
    ◾Akzeptanz und Ekel;“

    Liebe und Hass zählen nicht zu den primären Emotionen?

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  6. PietHH says:

    Meine Definition: Der Wutbürger ist ein Bürger, der stinksauer über aus seiner Sicht verfehlte politische Entscheidungen reagiert und dennoch gezwungen wird, die ihn mit derartigen Begriffen herabwürdigende Kaste mit seinem Steueraufkommen zu alimentieren.

  7. Trizonesier says:

    Ich halte den Begriff „Wutbürger“ für nicht zutreffend. Richtiger währe es , meiner Meinung nach, vom „Zornbürger“ zu sprechen. Dieser Zorn, der unserem „Staat“ entgegenschlägt, hat sich dieser lange und mühsam „erarbeitet“ und vor allem ist er wohlverdient!

  8. Danke für den Artikel. Wegen solchen Sachen mache ich bei uns sogar demnächst eine eigene Webseite auf Sprache und ihre Folgen oder in der Richtung. Falls das Projekt jemand übernehmen möchte kann sich gerne bei mir melden.
    http://www.DDRZweiPunktNull.de

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  10. Pingback: Warum Kapitalismushetze unter Sozialwissenschaftlern so verbreitet ist | ScienceFiles

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