Unsinn der Woche

Jeden Tag bricht ein unglaublicher Strom von Unsinn über unschuldige Nutzer des Internets herein: Presseveröffentlichungen von Ministerien, Gewerkschaften, Organisationen aller Art, vermeintlich wissenschaftliche Ergebnisse, die an Belanglosigkeit nicht mehr zu überbieten sind oder sich schon auf den ersten Blick als Unsinn herausstellen, sind Legion. Logik wird mit Füßen getreten, Widersprüche als besondere Erkenntnis verkauft, leere Sätze sollen mit besonders gewichtigen Satzzeichen zu geistigem Leben erweckt werden usw.

Alles kann man weder verkraften noch verarbeiten, aber einiges, die – wenn man so will – Highlights sollen doch zu ihrem Recht der Offenlegung und Bloßstellung gelangen.

Unsinn der Woche wird besonders gelungenem Unsinn, für den der Verursacher eigentlich vor die Kommission zum Schutz geistiger Gesundheit gestellt werden müsste, zusammenstellen und dem allgemeinen Gelächter preisgeben – natürlich immer in der Hoffnung, damit dem Verursacher die Möglichkeit zu dem zu geben, was die Menschheit eigentlich auszeichnet, nämlich die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen.

Unsinn der Woche

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Ingrid Sehrbrock,

DGB Vize-Vorsitzende, darf Pressemeldungen des DGB mit Sätzen bestücken, die wie folgt lauten: „Wir brauchen nicht nur eine stärkere Repräsentanz von Frauen in den Aufsichtsräten, sondern insgesamt in allen Führungspositionen der deutschen Wirtschaft. Auch hier müssen die Unternehmen verbindlich in die Pflicht genommen werden. Die Zeit der freundlichen Appelle muss vorbei sein“.

Ist das nicht schön. WIR, also Sie und ich, brauchen nicht nur in Aufsichtsräten, sondern in allen Führungspositionen der deutschen Wirtschaft mehr Frauen. Und warum? Die Frage des “Warum” stellt sich der Vize-Vorsitzenden ganz offensichtlich nicht. Und so bleibt der Nutzen, den mehr Frauen in Führungsetagen für “UNS” haben, ungeklärt. Aber es ist eine schöne Forderung und bestimmt, erhöht es den Selbstwert, wenn man Dinge fordern darf, von denen man selbst auch nicht so richtig weiß, warum man sie fordert. Es ist ja auch wirklich nicht nett, nach dem “Warum” zu fragen, also nach einer positiven Begründung, nach einem positiven Effekt, den mehr Frauen in Führungspositionen für UNS haben.

Um Unsinn wie den von Frau Sehrbrock in Zukunft zu verhindern, fordere ich, dass der DGB nur noch Forderungen stellen darf, für die mindestens eine positive Wirkung für UNS empirisch belegt ist. Wer fordern will, muss also in Zukunft angeben, warum er fordert und welcher empirisch belegte gesellschaftliche Nutzen mit der Umsetzung seiner Forderung einhergehen würde. Der gesellschaftliche Nutzen meiner Forderung: weniger Unsinn.

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Martin Schulz,

der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament, hat einen Brief geschrieben. Und wer diesen Brief liest, der weiß, was der eigentliche Grund dafür ist, ein Briefgeheimnis rechtlich zu verankern. Leider hat Schulz seinen Brief nicht in der Sphäre des Privaten gelassen, nein, er hat ihn veröffentlicht. Und so weiß nun jeder, was Martin Schulz von “Barroso” will: “Martin Schulz fordert Barroso zum Einschreiten gegen Ratingagenturen auf”.

Im Originalton, den ich niemandem ersparen will:

“Hiermit möchte ich mich bezüglich der Herabstufung einzelner europäischer Staaten durch US-amerikanische und andere Ratingagenturen an Sie wenden. [1] Aus meiner Sicht ist das Verhalten dieser Agenturen nicht hinnehmbar, da derartig spekulative Falschmeldungen, wie sie in den letzten Tagen durch die Presse gehen, den Fortbestand des europäischen Binnenmarkts gefährden, ja, ihn zerstören können. [2] Es fällt auf, dass derartige Meldungen immer einige Tage vor europäischen Gipfeltreffen von Ratingagenturen anscheinend gezielt gestreut werden. Aus meiner Sicht ist dies kein Einzelfall],] sondern basiert auf einem klaren Kalkül der Ratingagenturen, den Standort Europa in bereits schwierigen Momenten noch stärker unter Druck zu setzen.” [3]

Martin Schulz beherbergt in seinem Gehirn eine Verschwörungstheorie, so zusagen die europäisierte und “upgedatete” Variante der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung: US-amerikanische Ratingagenturen (= der Feind) konspirieren mit sich und vermutlich der CIA, dem FBI oder der NSA und dem Weißen Haus (oder auch nicht), um Europa und den Europäischen Markt zu zerstören. Dazu lancieren Sie gezielt Meldungen unmittelbar vor europäischen Gipfeltreffen (vermutlich ist damit eines der zwischen 5 und 20 Treffen gemeint, auf denen bislang der Euro gerettet werden sollte – more to come), um Euroländer an den Finanzmärkten zu diskreditieren und den Euro im Wert fallen zu lassen. Damit die Verschwörung nicht auffällt, haben die Verschwörungs-Agenturen zunächst ihre Mitverschwörer, nämlich die USA, in ihrer Kreditwürdigkeit herabgestuft und opfern US-amerikanische Exportvorteile, die durch einen höheren Euro zu erzielen wären, dem langfristigen Ziel der Zerstörung des europäischen Binnenmarkts. Diese Rekonstruktion dessen, was Martin Schulz zu denken scheint, erinnert mich an einen entnervten Ausspruch von Bertrand Russell, der es als nicht erträglich angesehen hat, dass das einzige, was denjenigen, der sich für ein Rührei hält, als verrückt qualifiziert, die Tatsache sein soll, dass er sich in der Minderheit befindet…

Der logische Stellenwert von Schulzens Verschwörungsphantasien befindet sich auf derselben Ebene wie die Klage des Führers einer Terrorvereinigung darüber, dass immer dann, wenn er mühselig einen Anschlag vorbereitet hat, die Polizei die Bevölkerung davor warnt, dass nach ihren Erkenntnissen ein Anschlag bevorsteht.

Im Gegensatz zu Martin Schulz haben Ratingagenturen jedoch feste Kriterien, auf die sie ihre Bewertungen stützen. Die Kriterien kann jeder einsehen, manche der Kriterien haben sich zuweilen als falsch erwiesen, und deshalb werden die Kriterien und vor allem die Bewertungsmethoden laufend angepasst. Kriterien und ein methodisches Vorgehen haben den Vorteil, dass man Entscheidungen begründen kann und so begründet z.B. Standard & Poors die Entscheidung vom 5. Dezember Deutschland auf “Credit Watch” zu setzen, wie folgt: “The CreditWatch placement is prompted by our concerns about the potential impact on Germany of what we view as depening political, financial, and monetary problems within the eurozone. To the extent that these eurozone-wide issues permanently constrain the availability of credit to the economy, Germany’s economic growth outlook – and therefore the prospoects for a sustained reduction of its public debt ratio – could be affected”.

Anders formuliert, hätte Deutschland weniger öffentliche Schulden als es hat, dann sähe S&P auch keine Gefahr, dass die Verfügbarkeit von Kredit für Unternehmen in Deutschland durch die Eurozonen-Krise in Gefahr geraten würde. Bleibt noch anzufügen, dass die hohen öffentlichen Schulden Deutschlands das Ergebnis von Politikern wie Herrn Schulz sind, die ihre eigenen Phantasien offensichtlich für die Realität missdeuten und Einbildung zur Handlungsbasis nehmen, z.B. die Einbildung, dass man immer höhere öffentliche Schulden anhäufen könne ohne dass damit Folgen verbunden wären – eine Einbildung, die man als public finance bubble oder “public Debtmania” bezeichnen kann.

Das ganze Problem von Martin Schulz lässt sich anhand dessen, was man gemeinhin als Rationalität bezeichnet, verdeutlichen. Verschwörungstheorien sind nicht an sich Unsinn, aber wenn man eine Verschwörungstheorie entwickelt, dann muss man sie mit nachvollziehbaren und prüfbaren Fakten verbinden. An die Stelle rationaler auf Nachvollziehbarkeit gerichteter Argumentation setzt Schulz seine Sicht und reklamiert für seine Sicht Allgemeingültigkeit ohne auch nur einen Grund dafür anzugeben, warum man seine Sicht für richtig halten sollte. Dies zeichnet Ideologen aus, Sie kommen nicht einmal auf die Idee, einen Grund für ihre Sicht anzugeben, denn sie haben doch Recht! Was mich angeht, mir sind Ratingagenturen, die sagen, warum sie zu welcher Bewertung kommen, lieber und ich halte irrationale Politiker wie Herrn Schulz für die Ursache der derzeitigen Misere, denn die irrationale Schuldenpolitik der letzten Jahrzehnte hat die derzeitige Krise erst möglich gemacht.

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Hannelore Faulstich-Wieland

“Die Jungen sind nicht die Bildungsverlierer”, so ist ein Beitrag in den Fränkischen Nachrichten überschrieben, der einen Vortrag von Hannelore Faulstich-Wieland zum Gegenstand hat. Während dieses Vortrags hat Faulstich-Wieland verkündet: “Die Verallgemeinerungen in der Diskussion um Jungen als Bildungsverlierer sind für mich problematisch”. Dies ist erstaunlich, denn im Laufe ihres Vortrags hat  Faulstich-Wieland Verallgemeinerungen in großer Zahl von sich gegeben, z.B. dass Jungen im Lesen “Studien zufolge” deutlich hinter Mädchen  zurückbleiben und – allerdings – in Mathematik besser sind als Mädchen. “Im Vergleich der Kompetenzen”, so die zusammenfassende Verallgemeinerung von Faulstich-Wieland, “sind also keineswegs alle Jungen als Bildungsverlierer anzusehen”.

Verallgemeinerungen sind offensichtlich für Faulstich-Wieland nur dann problematisch, wenn sie nicht von ihr selbst kommen. Aber geschenkt, mit derart Widersprüchen im Denken will ich mich gar nicht aufhalten und statt dessen einmal mehr versuchen zu verstehen, wie jemand denken kann, dass Jungen z.B. unter den Abiturienten seltener und unter den Abschlusslosen häufiger sind als Mädchen, dass sie also unbestreitbar Nachteile bei der Schulbildung haben, könne dadurch relativiert werden, dass Jungen in Mathematik besser sind als Mädchen. Es nützt Jungen nichts, besser in Mathematik zu sein als Mädchen, wenn sie auf der Hauptschule geparkt wurden, weil Ihnen bei der Grundschulempfehlung der trinkende Vater oder die alleinerziehende Mutter als Lernproblem angelastet wurde. Es sollte eigentlich ab einem bestimmten IQ möglich sein, einzusehen, dass die Nachteile von Jungen sich bei Schulabschlüssen ergeben und nicht bei Schulleistungen. So schwierig kann das doch eigentlich nicht sein. Und wenn man dies verstanden hat, dann sind Schulleistungen  insofern von Interesse, als nunmehr zu erklären ist, wieso Jungen, obwohl sie in Mathematik besser sind als Mädchen dennoch bei den Schulabschlüssen (da sind sie wieder) deutlich hinter Mädchen zurückbleiben, denn dass sie das tun steht außer Frage.

Da jeder normalbegabte Denker mir bis hierher eigentlich folgen muss, also auch Faulstich-Wieland, ist der nächste Schritt ein Blick auf die Institution “Schule”, um zu klären, ob Jungen durch die Institution und die dort Arbeitenden benachteiligt werden. Studien wie die Hamburger Lau-Studie, die von Maaz, Baeriswyl und Trautwein (2011) gerade erstellte Studie “Herkunft Zensiert?” und Diefenbach (2007) sprechen dahingehend eine eindeutige Sprache: Jungen müssen eine bessere Leistung erbringen als Mädchen, um dieselbe Grundschulempfehlung oder dieselbe Benotung zu erhalten. Das, daran führt kein Weg vorbei, nennt man Diskriminierung oder aktive Benachteiligung, und da rund zwei Drittel aller Lehrer und rund 90% der Grundschullehrer weiblich sind, liegt der Verdacht nahe, dass weibliche Grundschullehrer und weibliche Lehrer etwas mit der Diskriminierung von Jungen zu tun haben. Dies ist so offensichtlich, dass auch Faulstich-Wieland es verstehen müsste.

Aber Faulstich-Wieland ist mehr damit beschäftigt, sich in schneller Abfolge in Widersprüche zu verwickeln als damit, die Realität zur Kenntnis zu nehmen. So hat Sie bei besagtem Vortrag nacheinander gesagt, dass (1) männliche und weibliche Lehrer sich im Lehrstil nicht unterscheiden (übrigens eine sehr grobe Verallgemeinerung), um damit gegen eine Männerquote bei Lehrern zu argumentieren und dann (2) festgestellt, dass die Forderung nach mehr Männern im Bildungssystem die Gefahr in sich berge, dass Jungen auf ein “Stereotyp von Männlichkeit programmiert” würden. Wenn sich männliche und weibliche Lehrer nicht im Lehrstil unterscheiden, dann frage ich mich, (1) wer die Jungen auf welches Stereotyp von Männlichkeit programmieren können sollte, (2) wieso es Faulstich-Wieland nicht egal ist, ob Männer oder Frauen und vor allem in welchen Mengenanteilen sie unterrichten und (3) ob Faulstich-Wieland nicht, im Hinblick auf ihre Befürchtung einem Stereotyp oder gar Vorurteil von Männlichkeit anhängt, das Männer zu Abziehbildern von Leinwandhelden degradiert und damit die Heterogenität, die man unter Männer nun einmal findet, in einer Weise verallgemeinert, die nun wiederum mir Probleme macht.

Zum Schluß noch eine allgemeine Aussage: Zum Nachweis der Originalität oder auch nur Folgerichtigkeit des eigenen Denken genügt es nicht, sich selbst, die anderen aber nicht, als zu komplexen Überlegungen fähig  zu stilisieren. Am Anfang allen komplexen Denkens steht die Fähigkeit, breit belegte Forschungsergebnisse zu rezipieren, zu verstehen und vor allem zu akzeptieren. Das hat natürlich die Konsequenz, dass man in Vorträgen nicht alles erzählen kann, was einem ideologisch gefällt, sondern nur, was sich belegen lässt.

Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.

Maaz, Kai, Baeriswyl, Franz & Trautwein, Ulrich (2011). Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheit in der Schule. Eine Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland.

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Ilse Aigner

Wenn Politiker Briefe schreiben, dann kann man meist nur hoffen, dass der Inhalt der Briefe keinem Dritten bekannt wird. Aber, wie auf geheime Absprache, gehen immer mehr Politiker dazu über, ihre privaten Briefe zu veröffentlichen. So reicht es Ilse Aigner offensichtlich nicht, dass sie sich nach eigenen Worten in bereichernden sozialen Netzwerken mit ihren privaten Meinung verbreiten kann, nein, sie muss auch auf den Seiten des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ihre privaten Ansichten in Briefen posten und offenbart auf diese Weise vieles, was besser privat geblieben wäre.

Zum Beispiel scheint Aigner ihre privaten Briefe mit dem Zusatz “Bundesverbraucherschutzministerin” zu unterzeichnen. Das ist nicht nur bedenklich nahe, nein das ist zu nah an der Profilneurose. Es ist ein beeindruckendes und bedrückendes Dokument für den Aufbau einer geliehenen oder Surrogat-Identität, für das, was Henri Tajfel in seiner Social Identity Theory beschrieben hat. Menschen, die nicht in der Lage sind, eine persönliche Identität aufzubauen, versuchen  über Zugehörigkeit zu einer Gruppe, im Fall von Aigner zu einem Ministerium, eine soziale Identität aufbauen:  Bundesverbraucherschutzministerin. Aber man soll ja nicht alles so verbissen sehen, denn derartige Profilneurosen haben auch ihre lustigen Seiten, zum Beispiel wenn Aigner, Bundesverbraucherschutzministerin, die sie nun einmal völlig, ausschließlich und umfassend ist, schreibt: “Wie Sie wissen, setze ich mich als Bundesverbraucherministerin mit Nachdruck dafür ein, dass der Schutz personenbezogener Daten im Internet gewährleistet ist”.

Aigner schmückt sich offensichtlich nicht nur mit einer geliehenen Identität, sie ist sich über die Identität auch nicht ganz im klaren, weiss nicht, ob sie nun Bundesverbraucherschutzministerin ist oder Bundesverbraucherministerin. Aber eines weiß Sie ganz genau, nämlich dass der Addressat ihres Briefes, ein gewisser Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook, natürlich von morgens bis abends an nichts anderes denkt als den Aignerschen Einsatz für den Schutz personenbezogener Daten. Und weil er an nichts anderes denkt und vermutlich unter Pseudonym ein Follower der Bundesverbraucher(Schutz?)ministerin ist, wird es ihn auch furchtbar treffen, wenn Aigner ihre Drohung am Ende des Briefes in die Tat umsetzt: “Sollte Facebook nicht bereit sein, seine Firmenpolitik zu ändern und die eklatanten Missstände zu beheben, sehe ich mich gezwungen, meine Mitgliedschaft zu beenden”.

Facebook, Frau Bundesverbraucher(schutz)ministerin, also das Unternehmen, das für eines der sozialen Netzwerke verantwortlich ist, die Sie so bereichernd finden und so selbstverständlich umsonst nutzen, ist ein Unternehmen, dem für die Bereitstellung seiner Dienste Unkosten entstehen. Die Unkosten sollen u.a. durch Werbung gedeckt werden. Zudem will Facebook wie jedes Unternehmen Gewinn machen. Deshalb werden von Facebook Nutzerdaten an Partnerunternehmen weitergegeben. Wer das nicht will, kann der Weitergabe seiner Daten widersprechen oder  er kann davon absehen, Mitglied bei Facebook zu werden oder zu sein. So einfach ist das. Niemand wird gezwungen, einen Dienst zu nutzen, der zwar “bereichernd” ist, aber nicht mit seinen Vorstellungen von Datenschutz übereinstimmt, auch eine Bundesverbraucher(schutz)ministerin nicht. Entsprechend würde ich an Zuckermanns Stelle ihnen einen Einzeiler spendieren: You’re free to go! Ansonsten weiß jeder, worauf er sich mit einer freiwilligen Mitgliedschaft bei Facebook einlässt, und deshalb muss auch niemand in paternalistischer Weise von der Bundesverbraucher(schutz)ministerin behütet werden.

Im übrigen ist es nicht schön, Leser öffentlich ausgelebter Profilneurosen zu sein, weshalb es besonders der Bundesverbraucher(schutz)ministerin anzuraten wäre, ihr eigenes Motto zu beherzigen: “Privates muss privat bleiben”. Aigners Brief macht deutlich, wie normal es für Politiker ist, ihre höchst privaten Interessen zu öffentlichen Interessen zu deklarieren und privaten Briefen z.B. durch den Zusatz “Bundesverbraucherschutzministerin” vermeintlich mehr Nachdruck zu verleihen. Früher, als Politiker noch ernstzunehmen waren, wäre das vermutlich als Amtsmissbrauch verfolgt worden, aber heute, da Politiker vornehmlich von ihrem Unterhaltungswert leben, führt es lediglich dazu, dass man sich überlegt, wie private Briefe an das Finanzamt, den Klempner, die Leiterin der Frauenlesegruppe der Landfrauen, die Schwiegermutter oder den Gemeindepfarrer von Aigner wohl unterzeichnet werden.

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Florian Leclerc

Ein in Deutschland verbreiteter Glaube besagt, dass Worte mehr sind als das, was sie bezeichnen. Sie sind quasi-heilige Hüllen für mehr als ein Bezeichnungsobjekt. Sie offenbaren, sind vom Transzendenten gesalbt und deshalb a priori rein, jedenfalls dann, wenn sie von den Richtigen benutzt werden. Werden Worte von den Falschen benutzt, dann werden sie besudelt, unrein, für die Richtigen nicht mehr benutzbar. Diese Form des deutschen Schwulsts, die quasi-religiöse Vebrämung unschuldiger Worte hat Florian Leclerc in einem Kommentar für die Frankfurter Rundschau in einer geradezu rührend dussligen Weise auf den Punkt gebracht: “Wer das Wort ‘Gutmensch’ benutzt, offenbart, wes Geistes Kind er ist”. Bereits die Formulierung lässt nichts Gutes erahnen und tatsächlich: Gutmensch, sei zwar kein Nazi-Begriff (uff!) , aber einer “der von Rechten benutzt wird”. Damit ist “Gutmensch” besudelt. Ein aufrechter Mensch benutzt nach Ansicht von Leclerc diesen Begriff nicht mehr, denn wer ihn benutzt, ist rechts.

Diese esoterische Überhöhung von unschuldigen Begriffen nimmt Florian Leclerc in der Frankfurter Rundschau vor, nachdem er aus dem Duden zitiert hat, denn dem Duden scheint er überhaupt erst die Bedeutung von “Gutmensch” entnommen zu haben: Ein Gutmensch ist laut Duden ein”[naive] Mensch[en], der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o.ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt”. Interessanter Weise passt diese Definition auf  Leclerc, so dass man nicht anders kann als ihn als Gutmensch anzusehen, setzt er sich doch in einer übertriebenen und unkritischen Weise dafür ein, den Begriff Gutmensch zu meiden, wie der Teufel das Weihwasser.

Aber aufrechte Gutmenschen wie Leclerc, die sich weigern, Worte wie Gutmensch zu benutzen, weil damit aus ihrer Sicht eine rechte Ideologie transportiert wird, haben überhaupt kein Problem damit, Nutzer des Wortes “Gutmensch” in die ideologisch rechte Ecke zu stellen und dies unter Verwendung von Vokabular zu tun, das man, wäre man veranlagt wir Leclerc wohl als “linkes Vokabular” bezeichnen würde.  Linksextremisten benutzen Begriffe wie “Neue Rechte” Herr Leclerc, der Begriff ist besudelt, wollen Sie nicht vom Gebrauch zurückschrecken?

Was Florian Leclerc nicht weiß ist, dass der Begriff Gutmensch mitnichten ein Begriff ist, der aus dem  rechten politischen Spektrum stammt. Aber um das zu wissen, hätte er recherchieren müssen, doch Recherchieren ist eine unzumutbare Härte für moderne Journalisten. Hätte er dennoch recherchiert (zum Beispiel aus Wissensdurst), er wäre z.B. auf ein Buch von Klaus Bittermann gestossen: “Das Wörterbuch des Gutmenschen: Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch”, geschrieben im Jahre 1998 und damit in einem Jahr, in dem es das blog “Politically Incorrect”, in dem Leclerc den mythischen Ursprung wähnt, aus dem die Bezeichnung “Gutmensch” sich regelmäßig durch den Äther verbreitet, noch gar nicht gab. Nein, Gutmenschen, also Menschen, die andere mit ihrer Absicht, Gutes zu tun, zuweilen bis in den Tod verfolgen (z.B. in der Inquisition), gibt es schon deutlich länger als Leclerc  in seinen kühnsten Vorstellungen wähnt: Dietrich Dörner (1994) hat mit Gutmenschen Experimente durchgeführt und gezeigt, wie sie – obwohl angetreten – um Gutes zu tun, ein fiktives, zum Glück der Betroffenen, nur in der virtuellen Welt bestehendes Land durch gutgemeinte Eingriffe, deren Folgen sie nicht abgesehen haben, in Windeseile ruiniert hatten.

Wäre Leclerc durch seine Suche eventuell darauf aufmerksam geworden, dass die als Gutmensch beschrieben Sorte Mensch nicht nur in Deutschland nervt, sondern auch in anderen Ländern, er wäre vielleicht zu dem Begriff “Do-Gooder” vorgestoßen und hätte staunend einen Text aus der New York Times des Jahres 2004 gefunden: “Asking Do-Gooders to Prove they Do Good” oder ein Buch aus dem Jahre 1973 mit dem Titel, Drinks, Drugs, and Do-Gooders, in dem Charles E. Goshem sich mit den Folgen guter Menschen auseinandersetzt, die andere vom Trinken und Drogenkonsum abhalten wollen. Und für den Fall, dass er weiter gesucht hätte, wäre er vielleicht noch bei “Bleak House” angekommen, einer Erzählung von Charles Dickens aus dem Jahre 1852/53, in der Dickens mit Mrs Jellyby einen Charakter einführt, der vor lauter Sorge um das Wohlergehen eines (fiktiven) afrikanischen Stamms die Wohlfahrt seiner näheren Umgebung vergisst. Einschlägigen Definitionen entsprechend hat Dickens hier einen Do-Gooder oder Gutmenschen eingeführt, und dies lange bevor es in Deutschland die von Leclerc so argwöhnisch betrachteten Rechten gab, die u.a. den Begriff “Gutmensch” benutzten. Folglich ist es nicht nur Unsinn, sondern grober Unsinn, den Begriff “Gutmensch” als einen Begriff zu bezeichnen, den nur Rechte benutzen, Unsinn, wie er nur  einem Gutmenschen wie Leclerc einfallen kann.

Dörner, Dietrich (1994). Die Logik des Misslingens: strategisches Denken in komplexen Situationen. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

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Darmstädter Wortfetischisten

Jedes Jahr trifft sich ein Häuflein von Sprachfetischisten, um das Unwort des Jahres zu küren. Das Unterfangen, an dem eine Reihe von Wissenschaftlern oder vielmehr Positionsinhabern an Universitäten beteiligt sind, soll “auf öffentliche Sprachgebrauchsweisen aufmerksam machen und dadurch das Sprachbewusstsein in der Bevölkerung fördern. Sie lenkt den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen, um damit zu sprachkritischer Reflexion aufzufordern”.

Im Jahr 2012 hat es nun drei Worte getroffen, die das Missfallen der Jury aus “vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten” sowie von Dr. Heiner Geißler erregt haben: Döner-Morde, Gutmensch und marktkonforme Demokratie. Döner-Morde, so die Kommission, stelle eine sachlich unangemessene, folkloristisch-stereotype Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie” dar und grenze “ganze Bevölkerungsgruppen aus”. Gutmensch, so die Jury, greife vor allem in Internetforen das ethische Ideal des ‘guten Menschen’ in hämischer Weise auf und “marktkonforme Demokratie” relativiere das Prinzip, nachdem die Demokratie eine absolute Norm sei in unzulässiger Weise.

Es ist schon erstaunlich, dass Positionsinhaber an Universitäten zum einen davon ausgehen, Begriffe seien ewige Entitäten, deren Bedeutung ein und für alle Mal im heiligen Buch der deutschen Sprache eingepunzt sei und noch erstaunlicher ist die Unverschämtheit, mit der sich die Mitglieder der Jury nicht nur die vollumfassende Kenntnis über die richtige Verwendung von Begriffen anmaßen, sondern auch der Überzeugung sind, sie hätten die Moral mit Löffeln gefressen und dürften deshalb ihr Unverdautes anderen vorsetzen.

Eigentlich ist es unter Wissenschaftlern feststehendes Wissen, dass Begriffe keine Entitäten sind, die im luftleeren ewigen Raum bestehen und in ihrer Bedeutung ewig sind, Begriffe sind Beschreibungen für Konzepte, die sich in der Zeit ändern können. So hat das, was früher mit dem Begriff “Schlitzohr” bezeichnet wurde, sich in der Zwischenzeit erheblich gewandelt, und aus dem unehrenhaft aus der Zunft entlassenen Handwerksburschen ist zwischenzeitlich fast ein bewunderter Trickster geworden. Aber, man soll starre Geister wie diejenigen, die sich in der Unwort-Jury versammelt haben, nicht mit Begriffsdynamiken überfordern. Entsprechend wechsle ich nunmehr von der formalen auf die inhaltliche Ebene.

Die Jury-Mitglieder denken bei Döner-Morden offensichtlich sofort an Türken, was voraussetzt, dass sie in erheblicher Weise das tun, was sie anderen vorwerfen: Stereotypisieren, wenn sie nicht gar dem Vorurteil aufsitzen, dass Döner vornehmlich von Türken betrieben und besucht werden. Nun, hätten die Jury-Mitglieder
jemals den Italiener gegen die Dönerbude getauscht, sie hätten bemerkt, die Kundschaft ist in erster Linie deutscher Abstammung und entsprechend hätte ihnen beim Begriff “Döner-Morde” nicht unbedingt einfallen müssen, dass damit eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet wird (die sie sich zu benennen nicht trauen). Übrigens ist es überraschend, dass die Sprachreinheitsapostel Dönerbuden immer noch mit einer benennbaren Bevölkerungsgruppe in Verbindung bringen, die nicht deutsch, sondern fremd ist. Sicherlich sind gute Menschen wie die Jury-Mitglieder doch der Ansicht, dass Migranten, die sich seit Jahrzehnten in Deutschland aufhalten, die in vielen Fällen in Deutschland geboren sind, keine von der eigentlichen Bevölkerung getrennte “Bevölkerungsgruppe” darstellen.

Nun zu den Gutmenschen. Wie ich bereits an anderer Stelle gezeigt habe, geht der Inhalt von “Gutmensch” weit über das hinaus, was sich die Mitglieder der Jury in ihrer kleinen Welt so alles vorstellen können. Dass die Bezeichnung Gutmensch das Ideal des guten Menschen in hämischer Weise aufgreife, ist genau nicht der Inhalt von Gutmensch. Gutmensch richtet sich vielmehr gegen Menschen, die andere missionieren, sie mit ihrer eigenen Gutheit verfolgen wollen, Menschen wie die Jurymitglieder, die zum korrekten Sprachgebrauch bekehren wollen, nicht etwa zum  grammatikalisch korrekten Sprachgebrauch, wie man es von Sprachwissenschatlern, auch von -Innen erwarten würde, sondern zu dem, was aus Jurysicht der ideologisch erwünschte Sprachgebrauch ist.

Und dass “marktkonforme Demokratie” die absolute Norm der Demokratie relativiert, ist für mich der Schocker unter den Begründungen. Eine Demokratie, eine sich ständig verändernde Staatsverfassung als “absolute Norm” zu bezeichnen und damit gegen jede Kritik und Verbesserung zu immunisieren, ist blanker Totalitarismus. Wer in seinem Denken nicht in der Lage ist, Veränderung und Wandel als etwas Notwendiges anzusehen und denkt, man könne den heiligen Kern der Demokratie gegen die sich wandelnde Umgebung bewahren, der hat entweder zu keinem Zeitpunkt verstanden, dass es gerade die Anpassungsfähigkeit ist, die eine Demokratie vom Totalitarismus unterscheidet oder er ist eine autoritäre Persönlichkeit, die nach festem und unverrückbarem Halt sucht und entsprechend zu keinem Zeitpunkt Hort demokratischer Ideale war.

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Die “WIE”

Bürgerschaftliches Engagementwar schon mehrfach Thema auf diesem Blog. Nicht jedoch vom bürgerschaftlichen Engagement des Blogbetreibers will ich heute schreiben, auch nicht vom staatlich verordneten freiwilligen bürgerschaftlichen Engagement, wie es das BMFSFJ vorsieht, sondern von einer Stilblüte, die mir schon vor einiger Zeit aufgefallen ist. Der im  Folgenden berichtete Unsinn, musste jedoch zurücktreten, da der Unsinn der “Aktion Unwort des Jahres” größere Aktualität reklamieren konnte. Nunmehr will ich mich aber der “WIE” widmen.

Die “WIE” ist ein Zusammenschluss von Unternehmen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie dem BMFSFJ besonders zu Willen sind, die Musterschülerinnen des Ministeriums, wenn man so will,  die, wie Staatssekretär Josef Hecken unlängst verkündet hat, “das bürgerschaftliche Engagement” stärken.

Nun denn:

“WIE” steht für “Wirtschaft. Initiative. Engagement.” – auch nicht viel sinnstiftender als das Akronym.  “WIE” hat ein eigenes Selbstverständnis: “Bürgerschaftliches Engagement ist eine Schlüsselressource für eine sozial integrierte Gesellschaft und für eine vitale Demokratie”, heißt es darin unter anderem. Ich will mich nicht weiter damit aufhalten, dass  nicht klar ist, worin bürgerschaftliches Engagement eigentlich besteht, warum es eine Schlüsselressource für eine sozial integrierte Gesellschaft ist, was eine sozial integrierte Gesellschaft überhaupt ist, nehmen wir das einfach hin als “management talk”. Weniger hinnehmbar sind allerdings die nunmehr folgenden inhaltsleeren Satzhülsen: So “fokussiert” die “WIE” nach eigenem Selbstverständnis (ob die “WIE” wirklich versteht, was jetzt kommt?) auf Themenfelder (nicht Themen, nein Themenfelder), die eine Nähe zu den Kernkompetenzen der beteiligten Unternehmen aufweisen, so dass Unternehmen echten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen …”.

Kernkompetenz (core competency) ist ein Begriff, den Jay Barney (1991)  in den von ihm massgeblich beeinflussten resource-based view eingeführt hat. Kernkompetenzen sind das, was Unternehmen voneinander unterscheiden, ihnen einen Vorteil im Wettbewerb miteinander verschaffen soll. Nun sollen die Kernkompetenzen der “WIE” aber dem bürgerschaftlichen Engagement zu Gute kommen, von dem wir nicht wissen und von dem uns die WIE auch nicht sagt, worin es besteht, und wozu es nützlich ist. Dies ist kaum ein Bereich, in dem man sich Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Unternehmen verschaffen kann – bestenfalls Ruhe vor regulationswütigen Ministerien. Entsprechend stellt sich die Frage, wie der Einsatz der unternehmerischen Kernkompetenzen im bürgerschaftlichen Engagement aussehen soll.

Ich zitiere: “Die Mitglieder der WIE” haben u.a. das Ziel:

  • “die transsektorale Zusammenarbeit aller Akteure zu verbessern und strategisch auszurichten;
  • Grundsätze gesellschaftlicher Verantwortung im Unternehmen zu stärken durch die Vernetzung mit Entscheidungsträgern aus Politik und Zivilgesellschaft, den Austausch von Experten und das Peer-Learning unter den Mitgliedsunternehmen”;

Alles klar?

Mir auch nicht. Aber das ist angesichts der Aneinanderreihung von leeren Absichtsbekundungen, die von adjektivschwangeren Nominalkonstruktionen eingerahmt werden, auch nicht weiter verwunderlich. Dennoch will ich einen Deutungsversuch vornehmen. Die transsektionale Zusammenarbeit, die auf den oben genannten Kernkompetenzen beruht, besteht vermutlich darin, dass Arbeitnehmer der Beiersdorf AG, einem Mitglied der WIE, Arbeitnehmer der Coca Cola GmbH (ein weiteres Mitglied) im richtigen Gebrauch von Nivea Creme beraten und im Gegenzug eine Cola (diet) ausgegeben bekommen. Während die Arbeitnehmer der BMW AG (noch ein Mitglied der WIE) gemeinsam mit Arbeitnehmern der BP Europa SE (auch ein Mitglied der WIE) beraten, wie man den Absatz von Benzin durch die Nutzung von BMW Z4 Roadster maximieren kann. Damit sind auch gleichzeitig Aspekte des Peer-Learning angesprochen, und um die Vernetzung mit Entscheidungsträgern aus Politik und Zivilgesellschaft herzustellen, verspricht die Coca Cola GmbH als Catering-Unternehmen bei den Pressekonferenzen des BMFSFJ aufzutreten, BMW und BP bestücken die Funktionäre von GEW und IGM mit fahrbaren Untersätzen und dem dazu notwendigen Benzin, natürlich unentgeltlich weil im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements, und Beiersdorf denkt gemeinsam mit dem Bunderverteidigungsministerium über die Produktion von agent orange nach.

Früher hat man das Vetternwirtschaft (oder Nepotismus) genannt. Warum das heute “bürgerschaftliches Engagement” heißt, darüber kann ich nur spekulieren. So eignet sich der Begriff “bürgerschaftliches Engagement” zu zweierlei, einerseits ermöglicht er es den Unternehmen, ihre “Kernkompetenzen” auf neuem Feld umsatzfördernd einzusetzen, andererseits erhalten die vielfältigen Nutzenverflechtungen zwischen Politik, Zivilgesellschaft (also Funktionäre unterschiedlichster Provenienz) und Wirtschaft eine bürgerschaftlich altruistische Note.

Barney, Jay (1991). Firm Resources and Sustained Competitive Advantage. Journal of Management 17(1): 99-120.

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Arbeitskreis I, Verkehrsgerichtstag

Kennen Sie auch dieses Gerede von der Monetarisierung menschlicher Beziehungen? Wenn ja, dann sind sie vermutlich in irgend einem Zusammenhang über die verschiedenen Bemühungen diverser Bundesregierungen gestolpert, freiwilliges Engagement zu entgelten bzw. den Stellenwert, den monetäre Zuwendungen im Rahmen freiwilligen Engagements haben kann, zu untersuchen. Entsprechende Versuche gibt es schon seit geraumer Zeit. So  hat sich das Hessische Sozialministerium unter dem originellen  Titel “Ohne Moos nichts los” im Jahre 2007 mit der Frage beschäftigt, wie viel Bezahlung bürgerschaftliches Engagement verträgt. Und das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement hat im selben Jahr einen Gegensatz von Engagement und Erwerbsarbeit erkannt und auf einer Tagung verarbeitet.

Zu Grunde liegt allen Versuchen, mit monetär vergüteter Freiwilligkeit zu pass zu kommen, ein wahrgenommener Widerspruch, der sich daraus ergibt, dass Menschen, die angeblich freiwillig etwas tun wollen, dafür bezahlt werden sollen. Irgendwie gibt es ein kulturelles Vorurteil, das Freiwilligkeit und Bezahlung in Gegensatz zueinander bringt, und das sich nicht so richtig mit historischen (oder anthropologischen) Erfahrungen vereinbaren lässt, Erfahrungen, die in grauer Vorzeit Mitglieder des Pfälzer Waldvereins Waldwege unentgeltlich und in freiwilligem Engagement in Stand setzen sah. Damals konnte  man auch Angehörige lokaler Vereine dabei beobachten, wie sie (weitgehend) unentgeltlich im Gesangverein ihre Stimme sich und anderen zugemutet haben. Im Fussballverein waren sie zu beobachten, wie sie ihr Können sich und ihren Gegnern demonstriert haben. Und die vielen Versuche, der Kulturverein-Beflissenen, Unwissende von der Bedeutung historischer Wurzeln zu überzeugen, füllen vermutlich ganze Anekdoten-Sammlungen.

All diese Vereine und Vergemeinschaftungen der Vergangenheit sind (weitgehend) ohne monetäre Entlohnung ausgekommen und dass sie das sind, liegt daran, dass Gefallen nicht monetärer Art getauscht wurden, z.B. wenn in der Gesangspause der Bürgermeister und sein Beigeordneter öffentliche Unterstützung der nächsten “Großveranstaltung” des Gesangvereins zusagten, sich während des Verbandsligaspiels der ortsansässige Malermeister und der Vorsitzende des Sportvereins eben einmal über die Kosten des neuen Anstrichs des Vereinsheims einig werden usw. Diese Netzwerke gegenseitiger Gefallensgewährung scheinen in moderner Zeit seltener zu werden oder inexistent zu sein. Vielleicht ist es auch einfach nur so, dass Regierungen und Staaten eben nicht über lokale Netzwerke verfügen können und deshalb für ihre “freiwilligen Vorhaben” andere “Preise” ausloben müssen, monetäre Preise eben. Und weil sie das tun zerstören sie auch noch das letzte freiwillige Engagement, monetarisieren sie auch noch die letzten menschlichen Lebenszusammenhänge (also nicht etwa die Bonzen und Banker monetarisieren das öffentliche Leben, es sind Regierungsmitglieder und öffentlich Bedienstete, die das tun).

mittelloser Baum = Förster Schmerzensgeldpflicht

Dabei erhalten sie willfährige Unterstützung von Juristen, Rechtsanwälten und Rechtswissenschaftlern. Ein Häuflein von ihnen hat sich gerade im Arbeitskreis I auf dem 50. Deutschen  Verkehrsgerichtstag in Goslar getroffen und dieses Treffen mit einem Vorschlag zur Monetarisierung von Trauer beendet: “Eine finanzielle Entschädigung für nächste Angehörige Getöteter kann als Symbol für Mitgefühl mit dem seelischen Leid Genugtuung schaffen und ein Gefühl von Gerechtigkeit vermitteln”. Das ist eine erstaunliche Behauptung, die nur durch die Aussage übertroffen wird, dass die “Bemessung [der Höhe des Schmerzensgeldes] den Gerichten nach den Umständen des Einzelfalls überlassen bleiben” sollte. Im Klartext heißt das, das Herz des Toten wird nicht beim Eintritt in die Unterwelt gewogen, wie das im ägyptischen Buch der Toten beschrieben wird, sondern der Wert eines Getöteten wird durch Richter bestimmt, möglicherweise durch eine Formel, die Körpergewicht, sozialen Status und letztes Verdienst berücksichtigt: Pro Kilo getötetem Lehrer mit einem Nettogehalt von 2.700 Euro gibt es dann z.B. 5.000 Euro Schmerzensgeld, pro Kilo getötetem Hilfsarbeiter auf dem Bau, der ein Nettogehalt von 1.500 Euro erwirtschaftet hat, gibt es 1.500 Euro Schmerzensgeld. Sind Kinder vorhanden, wird das Schmerzensgeld mit dem Faktor 1,7 für weibliche Kinder und 1,3 für männliche Kinder multipliziert und mit dem Alter der Kinder gewichtet. Nicht erwerbstätige Mütter schlagen mit dem Faktor 20 zu Buche. So hat man sich den unsinnigen Vorschlag aus dem Arbeitskreis I dann wohl vorzustellen.

Bleibt abschließend noch zu fragen, welche Begründung die Mitglieder des Arbeitskreises für ihren Vorschlag geben. Es sind der Begründungen zunächst zwei:

  • weil sich Formen menschlichen Zusammenlebens verändern, gewännen Unterhaltsbeziehungen zunehmend an Bedeutung;
  • im angrenzenden Ausland gibt es das schon;

Diese Begründungen sind wirklich erstaunlich, lauten die sie doch im Klartext: wen jemand getötet wird, der andere finanziert, dann haben die finanzierten Anderen nicht etwa eine Verpflichtung, sich nunmehr von selbst zu versorgen, sondern einen Anspruch auf weitere Fremdfinanzierung. Daraus ergibt sich dann logisch, dass mit jedem getöteten Steuerzahler ein Anspruch von Transferempfängern auf Schmerzensgeld einhergeht. Ich glaube nicht, dass die Mitglieder im Arbeitskreis I diese Konsequenz ihres “Vorschlags” bedacht haben.

Dass es in Österreich und Spanien etwas gibt, was es in Deutschland nicht gibt, ist auch keine sonderlich starke Begründung, um die Einführung von Mitleidgeld zu fordern. Mit der gleichen Begründung könnte man fordern, endlich die Lüneburger Heide aufzuschütten, denn schließlich gibt es in Österreich und im Norden von Spanien Berge und in der Lüneburger Heide nicht.

Letztlich das Erschreckendste für mich ist jedoch die gleich zu Anfang gegebene Begründung, nach der eine “finanzielle Entschädigung … dem seelischen Leid [der Angehörigen] Genugtuung” verschaffen können soll. Deutlicher kann man den eigenen Glauben, dass der Wert eines Menschen für seine Angehörigen vornehmlich in seiner Versorgungsleistung besteht, kaum in Worte fassen. Diese Überzeugung der Angehörigen des Arbeitskreises I lässt nicht viel übrig, von der so häufig besungenen “romantischen Liebe” – aber vielleicht ist es ja an der Zeit, für ein wenig “neue Sachlichkeit”. Entsprechend gehe ich davon aus, dass die Mitglieder von Arbeitsgruppe I, Angela Diederichsen, Richter am Bundesgerichtshof, Clemens Reidel, Swiss Europe, Dr. Ansgar Staudinger, Professor für Rechtswissenschaft und Dr. Markus Wentner, Rechstanwalt, sofern sie sich in einer Zugewinngemeinschaft befinden, jederzeit genau in der Lage sind, Auskunft über den finanziellen Schaden zu geben, der ihnen durch das plötzliche Ableben ihres Zugewinnpartners entstehen würde.

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Verbraucher-Nanny-Zentrale,

Staatliche Versuche, unter den Siegeln von Schutz und Fürsorge “die Bürger” auch noch vom letzten Rest an Eigenverantwortung für ihr Leben zu entmündigen, sind weit verbreitet. Der Nanny-State, dessen Ziel darin besteht, ein menschliches Leben von der Wiege bis zur Bahre in Abhängigkeit von staatlichen Regulationen und Vorgaben zu gestalten, anders formuliert, dessen Ziel darin besteht, Entscheidungsfreiheit für Menschen zu beseitigen und Leben zu standardisieren, interveniert in alle Teile des privaten Lebens, nicht etwa weil er ein Freind der individuellen Freiheit wäre, nein, weil er seine Bürger umhegen, pflegen und vor allem vor sich selbst schützen will. Bürgern ist nicht zu trauen, entsprechend muss man sie zum richtigen Leben und den richtigen Entscheidungen führen und die Möglichkeiten zur Abweichung beseitigen – oder?.

Da Staaten nicht nur Arbeit- sondern auch Geldgeber sind, gibt es eine große Zahl von Institutionen, die staatliche Bestrebungen, Eigenverantwortung auszurotten und den Nanny-State zu implementieren, tatkräftig unterstützen. So auch die Verbraucherzentrale.

Die Verbraucherzentrale sieht ihre Aufgabe nicht etwa darin, Verbraucher vor staatlicher Gängelung zu schützen, sondern darin, auch noch den letzten Hort von Eigenverantwortung aufzuspüren und die staatliche Reglementierung dafür zu fordern. Dass die entsprechenden Forderungen nicht ohne eine stattliche Anzahl von Beschäftigungsverhältnissen, die dafür notwendig sind, auskommen, versteht sich von selbst. Aber, wo es um den Schutz der Bürger und die Beseitigung ihrer Eigenverantwortung geht, da ist kein Posten zu wenig und keine Schutz-Anstrengung zu billig.

Entsprechend beschäftigt die Verbraucherzentrale bereits eine Anzahl von Mitarbeitern, die im Internet surfen, um die dort lauernden Gefahren zu katalogisieren, vor ihnen zu warnen, den individuellen Internetsurfern die Verantwortung für ihr Tun abzunehmen und, fast hätte ich es vergessen, nach Regulationen und Regulierern (Stellen!) zu rufen. Damit dieser Ruf auch seine Wirkung nicht verfehlt, erfolgt er unter erschreckender Überschrift:

Gefährliche Lebensmittel im Internet,

so lautet die Überschrift einer Pressemeldung der Verbraucherzentrale, in der die Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner aufgefordert wird, “die Zügel bei der Neuordnung der Lebensmittelüberwachung anzuziehen”, weil man überall, aber vor allem im Internet Kontrolldefizite finde. So seien viele der “online erhältlichen Nahrungsergänzungsmittel” gesundheitsschädlich. (Man beachte, dass sich die gefährlichen Lebensmittel aus der Überschrift zwischenzeitlich in Nahrungsergänzungsmittel verwandelt haben.)

Bildquelle: Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen

Dieses “erschreckende” Ergebnis, nachdem viele online erhältliche Nahrungsergänzungsmittel gesundheitsschädlich sind, stammt aus der Prüfung von 70 Produkten durch die Verbraucherzentrale, 70 Produkte, die “schlank, fit und potent machen sollen”. (Die Lebensmittel aus der Überschrift, die zwischenzeitlich zu Nahrungsergänzungsmitteln mutiert sind, haben sich nunmehr in Fitness-, Schlankheits- und Potenzmittelchen transformiert!) “Jedes dritte exotische Power-, Potenz- und Schlankheitsmittel enthielt illegale und hochgradig gesundheitsschädliche Substanzen. Bei vier von fünf Präparaten fehlten die vorgeschriebenen Warnhinweise”.

Deutsche kauft nur deutsches Viagra, möchte man nun ausrufen, um die Gefahr für den deutschen Volkskörper, wie sie aus “exotischen” und gesundheitsgefährdenden Mittelchen entspringt, zu bannen. Denn: nicht vom Brot allein lebt der deutsche Mensch, er braucht seine Nahrung ergänzende, seine Potenz steigernde kontrollierte Lebensmittel, aber natürlich nicht ohne Warnhinweis: “Der Gebrauch dieses Potenzmittels kann zu Unterhaltszahlungen führen”, oder: “Personen mit Bluthochdruck sollten dieses Präparat nur im Beisein eines Arztes oder qualifizierten Personals einnehmen”. Aber vor lauter Potenz will ich die Warnhinweise für Schlankheitsmittel nicht unterschlagen: “Abnehmen kann zum Tod führen”, scheint der angemessene Hinweis.

Nun stellt sich natürlich die Frage nach der Relevanz dessen, was uns die Verbraucherzentrale hier präsentiert. 70 Potenz- und Fitness-Präparate, scheinen kein besonders repräsentativer Querschnitt dessen zu sein, was im Internet angeboten wird. Sicherlich zu wenig, um eine Forderung nach mehr Überwachung und mehr Überwacherstellen aufzustellen. Das haben die Gesellen der Verbraucherzentrale auch gemerkt. Deshalb beharren sie darauf, dass Potenz-, Fitness- und Schlankheitsmittel Lebensmittel sind. Von Lebensmitteln zu Nahrungsmitteln ist es nicht weit und Nahrungsmittel kaufen Bundesbürger per Jahr in der Größenordnung von rund 170 Millionen Euro im Internet – wie man der Pressemitteilung entnehmen kann. Das trägt als Begründung für mehr Kontrolleure schon weiter und zeigt, warum es so wichtig ist, Potenzmittel als Nahrungsmittel zu klassifizieren.

Nun kann man die Besorgnis der Verbraucherzentrale um die Potenz der Bundesbürger vielleicht noch als Resultat des Geburtenrückgangs in Deutschland und die eigene Hingabe an staatliche Vorgaben erklären, was hingegen nicht erklärbar und nicht tolerabel ist, ist die Ansicht der Verbraucherzentralen-Potenzmittel-Wächter, sie hätten es bei ihrer Bevölkerung mit einem Haufen zur Eigenverantwortung unfähiger Deppen zu tun, denen man jede Entscheidungsfreiheit nehmen müsse. Vielleicht ist es an der Zeit zur Gegenwehr. Lasst und eine Organisation gründen (als e.V. zur steuerlich begünstigten Förderung der Selbstverantwortlichkeit der Bevölkerung), deren Zweck darin besteht, Bürger vor Institutionen zu schützen, die Bürger schützen wollen. Angesichts der Vielzahl bürgerschützender Institutionen denke ich, 1000 Institutionenkrontolleure, die wir als Freiheitskämpfer bezeichnen sollten, dürften für den Anfang genügen.

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Christoph Butterwegge

So manchem Lehrstuhlbesetzer scheint der Unterschied zwischen Wissenschaft und ideologischer Agitation vollkommen unbekannt zu sein. Dass Ideologie aus unbelegten Behauptungen besteht, eben das macht sie zur Ideologie, und zudem an niedrigste Instinkte (z.B. Neid) oder vermeintlich gute Gefühle (z.B. Solidarität) appelliert, während Wissenschaft aus prüfbaren Aussagen über die Wirklichkeit besteht, die entsprechend an die Rationalität von Menschen gerichtet sind, ist diesen Lehrstuhlbesetzern vollkommen unbekannt. Zu finden sind diese Vertreter eines modernen Agitprop nicht mehr auf den Lehrstühlen für Marxismus-Leninismus oder – in anderer Variante – auf den Lehrstühlen für institutionalisierte Technikfeindlichkeit und Phantasien des kulturellen Identitätsverlusts, heute findet man die entsprechenden Ideologen auf Lehrstühlen für Gender… [passendes Nomen bitte ergänzen] oder, was mir als u.a. studiertem Politikwissenschaftler besonders weh tut, auf Lehrstühlen für Politikwissenschaft.

Christoph Budderwegge ist so ein Ideologe, der an einer Universität einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft besetzt hält, ohne daraus die Verpflichtung abzuleiten, auch nur ansatzweise wissenschaftliche Aussagen von sich zu geben. Ein sehr gelungenes, weil entlarvendes Beispiel, das als Beleg für die von mir gerade gemachte Aussage dient, ist ein Interview, das Butterwegge als “Armutsforscher” dem Sender n-tv unter der Überschrift “Butterwegge: Bilanz verheerend” zu Hartz IV gegeben hat. In diesem Interview “behauptet” Butterwegge, er “glaubt”, und er ist der “Ansicht”, nur eines ist er nicht: Forscher.

Butterwegge behauptet, dass Hartz IV, das unter dem Motto “Fordern und Fördern” steht, mit der geheimen Intention des nur Forderns und des gar nicht Förderns verbunden gewesen sei. Warum er das behauptet, bleibt Butterwegges Geheimnis, denn er liefert keinerlei Belege für seine Behauptung. Möglicherweise ist Peter Hartz Butterwegge im Traum erschienen und hat ihm die Wahrheit hinter Hartz IV eingeflüstert oder der Beichtvater von Hartz ist gleichzeitig der Beichtvater von Butterwegge und hat sich einer Indiskretion schuldig gemacht. Wie auch immer, was Butterwegge behauptet, kann nicht belegt werden, entsprechend gehöhrt es ins Reich der Mythologie, nicht in die Wissenschaft.

political cartoons by Eric Allie

Butterwegge glaubt, dass die Belegschaft unter Druck nicht kreativer und  produktiver werde, wobei er mit Druck den Wettbewerb um Arbeitsplätze meint, weil er es vermutlich als Druck empfinden würde, müsste er mit anderen um einen Lehrstuhl konkurrieren. Indes, nicht alle sind so veranlagt, wie Herr Butterwegge, nein, es gibt gar Menschen, die wollen konkurrieren, zeigen, dass sie in einem bestimmten Bereich mehr leisten können als andere. Dies mag für Butterwegge unvorstellbar sein, dennoch könnte er es wissen, wäre er Wissenschaftler und würde sich z.B. mit der sehr umfangreichen Litertaur zum Thema “Human Resource Management” befassen. Da gibt es zum Beispiel einen Edward P. Lazear, den mittlerweile gealterten Jack Steel Parker Professor of Human Resources Management and Economics an der Stanford University in den USA, der sich seit Jahrzehnten mit Fragen der Mitarbeitermotivation befassst und der aufgrund seiner empirischen Forschung immer und immer wieder zu dem Ergebnis gelangt ist, dass Arbeitnehmer konkurrieren wollen, um die mit einer besseren Leistung verbundenen extrinsischen Belohnungen, in Form von Status, höherem Einkommen, Lob oder Unternehmensbeteiligungen zu erzielen.  Ein solches Menschenbild ist Butterwegge offensichtlich fremd. Dass Menschen ihr Leben in die Hand nehmen wollen und nicht von Lehrstuhlinhabern wie ihm paternalisiert und zum Gegenstand von Sorge und Aufregung gemacht werden wollen, ist ihm völlig unnachvollziehbar. Solche Erkenntnisse kann man auch nur haben, wenn man offen für die Realität ist, die Empirie nicht der eigenen Ideologie anpasst, wenn man Wissenschaftler ist, was Butterwegge offensichtlich nicht ist.

Butterwegge hat auch Ansichten. Ansichten wie die folgende: “Die Zahl psychischer Erkrankungen ist meiner Ansicht nach auch ein Resultat von Hartz IV.” Warum Hartz IV? Warum nicht der Sonnenwind, die Qualität des öffentlich-rechtlichen Programmangebots? Warum nicht Bluthochdruck als Folge von Butterwegges Interview? Warum nicht die Einwirkung von falsch aufgehängten Feng Shui Devotionalien? Warum nicht das Wirken eines bösen kapitalistischen Mephisto, der den Menschen Hartz IV gibt und psychische Gesundheit im Gegenzug als Bezahlung nimmt (denn mit psychischer Gesundheit lässt sich im Andromeda Nebel ein hoher Gewinn erzielen)? Die Antwort auf diese Fragen werden wir nie erfahren, denn Butterwegges Ansicht ist eben eine Ansicht, man kann sie haben oder auch nicht. Belege für diese Ansicht Butterwegges gibt es nicht. Abermals befinden wir uns somit im Bereich der Mythologie, abermals nicht im Bereich der Wissenschaft.

Was passiert, wenn sich Ideologen auf das für sie brüchige Eis konkreter Aussagen begeben, also Aussagen machen, die man prüfen kann, wird im Interview von Butterwegge mehr als deutlich. Nachdem er sinniert hat, dass die Arbeitslosenstatistik “frisiert” wird, belegt er diesen Gedanken mit der folgenden Aussage: “Da wird mit statistischen Taschenspielertricks gearbeitet, um das Elend zu beschönigen. Aufschlussreich ist die Tatsache, dass es fast doppelt so viele Bezieher von Arbeitslosengeld I und II gibt wie Menschen, die offiziell als arbeitslos gelten.” Es mag dem Armutsforscher Butterwegge entgangen sein, dass Arbeitslosengeld II aus der ehemaligen Sozialhilfe und der Arbeitslosenhilfe zusammengebaut wurde. Entsprechend erhalten nicht nur Arbeitslose Hartz IV, vielmehr umfasst der Kreis der Hartz-IV-Empfänger folgende Gruppen:

§ 7 SGB II: “(1) Leistungen nach diesem Buche erhalten Personen, die 1. das 15. Lebensjahr vollendet und die Altersgrenze nach § 7 a noch nicht erreicht haben, 2. erwerbsfähig sind, 3. hilfsbedürftig sind und 4. ihren gewöhnlichen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland haben”.

Damit nicht genug:

§ 7 Abs. 2 SGB II: “Leistungen erhalten auch Personen, die mit erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in einer Bedarfsgemeinschaft leben”.

Und weiter:

§ 7 Abs. 3 SGB II: Zur Bedarfsgemeinschaft gehören 1. die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, 2. die im Haushalt lebenden Eltern oder der im Haushalt lebende Elternteil des unverheirateten erwerbsfähigen Kindes, welches das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, und die im Haushalt lebende Partnerin oder der im Haushalt lebende Partner des Elternteils, 3. als … Partner der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten a) die nicht dauernd getrennt lebende Ehegattin oder der nicht dauernd getrennt lebende Ehegatte, b) die nicht dauernd getrennt lebende Lebenspartnerin oder der nicht dauernd getrennt lebende Lebenspartner, c) eine Person, die mit der erwerbsfähigen leistungsberechtigten Person in einem gmeinsamen Haushalt so zusammenlebt, dass nach verständiger Würdigung der wechselseitige Wille anzunehmen ist, Verantwortung füreinander zu tragen und füreinander einzustehen.”

Kurz: Es ist nicht notwendig, arbeitslos zu sein, um Hartz-IV-Empfänger zu sein. Einem “Armutsforscher” , der sich mit Hartz IV beschäftigt haben will, sollte dies bekannt sein.

Ein letztes Kriterium, das geeignet ist, Ideologen von Wissenschaftlern zu trennen, ist die Logik. Ideologen haben es nicht so mit Logik, um genau zu sein, sie hassen Logik und scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Lassen Sie sich dennoch einmal auf Logik ein, dann wird es verheerend: “Ja, es stimme, heute gebe es deutlich weniger Arbeitslose als damals [vor der Einführung von Hartz IV], die Arbeitslosenquote sei deutlich gesunken, so Butterwegge weiter. Berücksichtige man allerdings die derzeitige Weltkonjunktur, handele es sich eher um einen Scheinerfolg”.

Vermutlich alle Ökonomen werden den folgenden logischen Zusammenhang als richtig ansehen: Je besser die wirtschaftliche Konjunktur, desto geringer die Arbeitslosigkeit. Wenn somit der Rückgang der Arbeitslosigkeit ein Scheinerfolg ist, der mit der Weltkonjunktur begründet wird, und man annimmt, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit eine gute Weltkonjunktur vorraussetzt, dann wirft dies die Frage auf, was daran ein Scheinerfolg sein soll, denn die Arbeitslosigkeit ist ja offensichtlich und nicht nur scheinbar zurückgegangen. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Weltkonjunktur seit der Finanzkrise und mitten in der Krise der Eurozone nicht rosig ist, denn stellt sich die Frage nach der Bedeutung des “Scheins” vor dem Erfolg noch dringlicher.

Die einzige Auflösung für diesen logischen Widerspruch zwischen dem vermeintlichen Schein und der realen Entwicklung “scheint” mir Leon Festinger mit seiner Theorie kognitiver Dissonanz zu liefern: Wenn man sich seit Jahrzehnten so sehr wie  Christoph Butterwegge das getan zu haben scheint, im Kampf gegen den ideologischen Feind Kapitalismus und alle seine Institutionen engagiert hat, dann kann es einfach nicht sein, dass die Realität zeigt, dass der Feind so schlecht gar nicht ist, das passt nicht zur eigenen Ideologie und muss deshalb ein Schein sein. Eine derartige Vorgehensweise, mag den ideologischen Seelenfrieden des Herrn Butterwegge wieder herstellen, sie steht jedoch im Widerspruch zur Realität und ist gänzlich unwissenschaftlich.

Deshalb und aus den oben genannten Gründen, ist das Ergebnis dieser Bestandsaufnahme im Hinblick auf Butterwegges Wissenschaftlichkeit auch einfach nur verheerend. Dies mag ihn zum Bundespräsidentschaftskandidaten der Linken qualifizieren, aber nicht zum Wissenschaftler.

Bildnachweis:
Eric Allie

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Ilse Aigner, “Kennedy 2.0″

“Mein Auftrag ist Kennedy 2.0″, so hat Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner zum Weltverbrauchertag verkündet. Was klingt, wie ein Satz, der es nicht durch die Deutschprüfung in der Grundschule geschafft hätte, soll mediale Wirkung entfalten. John F. Kennedy, der praktischerweise seit nunmehr gut 49 Jahren ermordet ist, eignet sich durch seinen post-hum erworbenen Kultstatus ausgegezeichnet, um für die eigene Sache in Anspruch genommen zu werden. Nun hat Ilse Aigner nicht erklärt “Ick bin ein Börlinör”, nein, Ilse Aigner (vermutlich eher ihr Redenschreiber) hat John F. Kennedy als Begründer des Verbraucherschutzes entdeckt und auch gleich für die eigenen Zwecke einvernahmt. Damit nicht genug, Kennedy prä-1963 reicht nicht, es muss schon “Kennedy 2.0″ sein, denn wir leben im Zeitalter des World Wide Web, auch wenn John F. das nicht mehr miterleben kann.

“Kennedy 2.0″ soll es also sein: “Wir arbeiten an Kennedy 2.0. Wir müssen die Grundrechte der Verbraucher im Alltag immer wieder neu durchsetzen. Diese Grundrechte sind für uns Auftrag und Verpflichtung … Wer als Verbraucher den Durchblick behalten will, braucht Transparenz. Deshalb stärke ich als Ministerin die Verbraucherinformation, die Verbraucherbildung und die Verbraucherforschung. Kurz: Ich arbeite an Kennedy 2.0″. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass für Ilse Aigner Kennedy 2.0 von “oben” nach “unten” verläuft, also von “ihr” zum Verbraucher, dessen Grundrechte täglich aufs Neue von ihr durchgesetzt werden sollen (gegen wen eigentlich?).

Es wird Zeit, das “2.0″ näher zu betrachten. “2.0″ ist offensichtlich als Anspielung auf “Web 2.0″ als Modernisierung von “Kennedy” gedacht: Die WWWisierung von Kennedy. “Kennedy 2.0″ soll zeigen, dass die Ministerin auf der Höhe der Zeit und der technischen Entwicklung ist und sich in allen Fragen des modernen WWW-Verbraucherschutzes ebenso auskennt, wie im mehr bodenständigen Gammelfleisch und Dioxin-Ei.

Doch weiß Frau Aigner wirklich, was sie mit dem Zusatz “2.0″ anstößt, in welche Tradition sie sich einreiht?

Web 2.0

“2.0″, der Zusatz zum Web, ist eine Idee von Tim O’Reilly. Nachdem der dot.com Bubble im Frühjahr 2000 geplatzt war [Betroffen davon waren vornehmlich Internet-basierte Unternehmen, deren Aktien am NASDAQ (National Association of Securities Dealers Automated Quotations, eine elektronische Börse) eingebrochen sind.], hat sich Tim O’Reilley gefragt, was ein (Internet-)Unternehmen, das den Absturz des NASDAQ überlebt hat, von einem Unternehmen unterscheidet, das in der Insolvenz verschwunden war. Als Antwort auf diese Frage, hat O’Reilley eine Reihe von Kriterien zusammengetragen, die die Technologie der erfolgreichen Internet-Unternehmen von der der erfolglosen Internet-Unternehmen unterschieden. Insgesamt sieben Erfolgskriterien sind es, die aus einem Unternehmen im Web, ein Unternehmen im Web 2.0 machen. Den Kern der Kritierien kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Web 2.0 ist eine Plattform, deren Technologie von Unternehmen bereit gestellt wird.
  • Der “Content” der Plattform wird von Nutzern bereitgestellt und bleibt weitgehend unkontrolliert.
  • Unternehmen sammeln den “Content” und stellen ihn in welcher Form auch immer zur weiteren Verwendung bereit (Google z.B. in Form von Informationen und Werbemöglichkeiten).

Damit ist Web 2.0 ein interaktives Netzwerk, in dem die Technologie den Inhalt moderiert, nicht vorgibt.

Wollte Ilse Aigner “Kennedy 2.0” auch dann, wenn Sie wüsste, wofür 2.0 steht?

Aigner sieht  ihre Rolle darin, für die Verbraucher in die Bresche zu springen, sie zu bemuttern, zu schützen und ihre Grundrechte durchzusetzen (weil Verbraucher ohne Aigners Hilfe in der “Komplexität” nicht nur des WWW untergehen würden). Das ist bestenfalls “Kennedy 0.5″, nicht “Kennedy 2.0″. Auch der ministeriale Kampf für mehr Transparenz, geht an einem Markt vorbei, dessen Hauptmerkmal darin besteht, dass der Handelsgegenstand von den Nutzern des Marktes unter Nutzung einer angebotenen Technologie hergestellt wird, also gerade nicht vorgegeben ist. Überhaupt zeigt sich die Politik und der Ansatz von Aigner als völlig veraltet, Verbraucherschutzministerium 0.5 nicht 2.0 eben! Insofern muss die Ministerin hier nachlegen, und da sie ja “Ministerin 2.0″ sein will, hier einige Vorschläge:

Transparenz 2.0: Ab sofort werden alle Entscheidungen, Subventionsempfänger, einfach alle vom Ministerium ausgegebenen Mittel aufgelistet und den Bürgern zur Verfügung gestellt. Transparenz 2.0 meint, deutsche Minister legen, angeschoben vom Verbraucherschutzministerium (2.0) detailliert offen, wofür genau sie die Steuergelder ihrer Bürger ausgeben, eine Offenheit, die vor allem beim BMFSFJ interessante Netzwerke offenbaren dürfte.

Transparenz 2.0  ist für den Titel “Verbraucherschützerministerin-2.0-Aigner” nicht ausreichend. Es muss noch Responsivität 2.0 dazu kommen.  Responsivität 2.0 ist das eigentlich innovative Element in Verbraucherschützerministerin-2.0-Aigner. Nicht mehr Politiker maßen sich an zu wissen, was für ihre Bürger das richtige ist, nein, Bürger schaffen eigenen “Content”, z.B. auf einer zentralen Plattform des Verbraucherschutzministeriums 2.0, auf dem Ideen und Vorschläge gesammelt werden und von denen die Ministerin und ihre Ministerialbeamten diejenigen umsetzen, die am häufigsten genannt werden. Eine Vorauswahl der genehmen Vorschläge, ein Herauspicken der Rosinen oder eine Zensur wie im Zukunftsdialog über Deutschland findet nicht statt. Und so werden Politiker zu denjenigen, die den Willen ihrer Bürger ausführen (was sie doch schon immer sein wollten). Entsprechend dürfen sie ab sofort damit aufhören, ihren Bürgern vorzugeben, was diese als “Bürgerwillen” gefälligst auszubilden haben.

Wenn das klappt, darf Aigner das Projekt gerne auch “Aigner 2.0″  nennen!

Wen es interessiert, die “93 - Special Message to the Congress on Protecting the Consumer Interest”, mit der John F. Kennedy im März 1962 die Grundlagen dafür gelegt hat, im März 2012 von Ilse Aigner vereinnahmt zu werden, findet sich im American Presidency Project.

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Barbara Stiegler

Ich sitze hier vor meinem Computer, nachdem ich einen Teil meiner täglichen Care-Arbeit bereits hinter mich gebracht habe: Angefangen beim Zähneputzen (health caring) und Frühstück für mich und meine Frau machen (caring for others), frühstücken (noch healt caring), über das Versorgen der Katzen, (social caring) den kurzen Plausch mit dem Postboten (social relationship management/caring) bis hin zur Beantwortung von Emails (social network caring) . Mit dieser Care-Arbeit gibt es jedoch ein Problem: Sie ist unbezahlt. Barbara Stiegler ist angetreten, dies zu ändern. Als Care-Arbeit gilt ihr dabei im Wesentlichen, die Fürsorge-Arbeit, die “verborgen und überwiegend weiblich” ist, für die es “wenig präzise Daten” gibt, über die man aber dennoch seitenweise schwadronnieren kann, wenn man Barbara Stiegler ist.

Trotz dem wenigen, das über die weibliche Care-Arbeit bekannt ist, gelingt es Stiegler, die (der Götter sei Dank) nur 5 Seiten eines bemerkenswert schlechten Beitrags für einen bemerkenswert schlechten Reader der Friedrich-Ebert Stiftung mit dem Titel “Antworten aus der feministischen Ökonomie auf die globale Wirtschafts- und Finanzkrise” mit einer Vielzahl doch recht apodiktischer Behauptungen zu füllen, deren Berechtigung man angesichts der Stieglerschen Aussage, dass doch so wenig über die Care-Arbeit bekannt ist, nicht so recht nachvollziehen kann. Doch der Reihe nach.

Versuchen wir zunächst, der weiblichen Care-Arbeit (schminken, Haare waschen, Zähne putzen, …? Meine Frau sagt gerade, die Reihenfolge ist falsch!) in der Stieglerschen Diktion auf die Spur zu kommen. Care-Arbeit ist Versorgung der Kinder und Hausarbeit (auf Seite 28), zwischenmenschliche Arbeit, ohne Geschlechtsrollenstereotype und wird zur Fürsorgetätigkeit für Kinder, alte Menschen und Kranke (auf Seite 30), die einer “anderen Rationalität folgt, als die Arbeit, die der Herstellung von Dingen und Sachen dient” (auf Seite 28). Und: Care-Arbeit ist eine Arbeit, deren Merkmal gerade nicht darin besteht, dass man dafür Geld bekommt (auf Seite 27). Wieder fällt mir nur das Wort bemerkenswert ein, um die erstaunliche Diffusität eines doch recht simplen Begriffes zu bewerten, aber lassen wir uns auf die “Gedankenwelt” von Barbara Stiegler ein, folgen wir den Irrungen und Wirrungen ihrer “Argumente”, betreiben wir unentgeltliche Care-Arbeit in der Hoffnung, etwas Produktives möge für Stiegler dabei herauskommen.

Obwohl es ein Merkmal der “Care-Arbeit” ist, wie Stiegler zu Beginn ihres Textes (28) verkündet, dass sie nicht bezahlt wird, geht es im Rest des Textes ausschließlich um die Bezahlung der Care-Arbeit, deren Hauptproblem auf Seite 30 wie folgt beschrieben wird: “Wenn eine Hausfrau und Mutter nach jahrelanger Fürsorgetätigkeit für Kinder, alte Menschen und Kranke auf den Arbeitsmarkt kommt, so gilt diese ihre bislang geleistete Fürsorgearbeit im Rahmen der betrieblichen Qualifikationssysteme nichts”. Diese abermals bemerkenswerte Aussage lässt sich auf die Frage verdichten: Würden Sie Mutter Theresa die Leitung ihres Aufsichtsrats anvertrauen? Anders formuliert: Würden Sie Barbara Stiegler nach jahrelanger ideologischer Tätigkeit für die Friedrich Ebert Stiftung die Betreuung alter Männer mit Alzheimer im Altenheim anvertrauen? Oder ist nicht vielleicht doch ein wenig “Erfahrung” um nicht zu sagen “Kompetenz” notwendig, wenn man sich um andere kümmern will? Warum wohl, werden Alte und Kranke spätestens dann zum Gegenstand von Pflegeheimen oder ambulanter Pflege, wenn sie fachmännisch aufgerichtet und behandelt werden müssen? Braucht man vielleicht doch etwas Kenntnis, bevor man Patienten behandelt, oder kann die “Frau und Mutter” aufgrund ihrer vielfältigen Erfahrung mit Grippeerkrankungen bei Ihren Kindern, als Chefarzt im Transplantationszentrum fungieren? Ich weiß nicht in welcher Welt Barabara Stiegler lebt, aber nicht einmal ich wünsche ihr Pflege durch eine Pflegerin, deren Befähigung darin besteht, Frau und Mutter zu sein.

Neben diesem bemerkenswerten Biologismus, der die Gründungsmütter der Frauenbewegung in Höchstgeschwindigkeit rotieren lassen dürfte (in ihren Gräbern), zeichnet sich der Text von Stiegler durch logischen Unsinn aus, der seinesgleichen sucht, der bemerkenswert ist. So liest man auf Seite 28:

“Die Annahme, das Individuum sei unabhängig und autonom, wird ergänzt durch die Anerkennung, dass zum Menschen Abhängigkeit und Verfall gehören.”

Das ist ein bemerkenswerter Fall von Gehirnkrebs, der unbedingt der Aufmerksamkeit eines Mental-Health-Caring Professionals bedarf, denn bereits die alten Griechen kannten das tertium non datur des Mittelalters, den Satz des ausgeschlossenen Dritten. Anders formuliert, etwas kann nicht es selbst und sein Gegenteil sein. So wenig wie Barbara Stiegler dumm und nicht-dumm zugleich sein kann, kann ein Individuum unabhängig und abhängig zugleich sein. Es geht nur entweder oder – jedenfalls in einer Welt aus Logik und Rationalität (offensichtlich nicht die Welt von Stiegler).

Damit nicht genug. Ebenfalls auf Seite 28 steht für jedermann zu lesen:

“Die Annahme, Austausch und Beziehungsformen sollen ausschließlich reziprok sein, wird ergänzt durch die Anerkennung von Beziehungsformen, die die Selbstachtung des Empfangenden und die Nichtausbeutung des Gebenden sichern”.

Was, Frau Stiegler, kann eine Austauschbeziehung anderes sein als reziprok? Das Wörtchen reziprok stellt einen bemerkenswerten Fall dar, in dem sich der Duden und das Philosophische Wörterbuch über die Wortbedeutung einmal einig sind: “reziprok: wechselseitig sich bedingend”. Als nicht-reziproke Beziehungen bleiben dann nur Herrschafts- oder Machtbeziehungen übrig, bei denen der eine etwas geben MUSS, der andere auf das GEGEBENE ein Anrecht HAT. Die Transferzahlungen im Sozialsystem sind ein entsprechendes Beispiel von Herrschaftsbeziehung, bei der Steuerzahler geben MÜSSEN, damit Mütter für ihre “Care-Arbeit” mit Elterngeld vergütet werden. Hier findet kein Austausch statt, denn der Steuerzahler hat nichts davon, dass er Mütter finanziert, außer vielleicht Lärm und Geschrei in Nachbars Garten, was ihn zum erzwungenen Altruisten qualifiziert.

Die nicht-reziproke Herrschaftsbeziehung scheint genau das zu sein, was Barbara Stiegler bei ihrer Forderung nach einer Bezahlung von “Care-Arbeit” vorschwebt, denn die Care-Arbeit in Familie X (lassen wir das romantische Bild der Familienmitglieder, die füreinander sorgen, einmal bestehen, gegen all die empirischen Evidenzen von vernachlässigten Kindern und in ihrem Urin liegenden Alten) bringt nur Familie X etwas, sonst niemandem. Und dies ist dann auch der Punkt, wo das archaische Bild von Ökonomie, das Barbara Stiegler auszeichnet, deutlich zum Vorschein kommt, wenn sie schreibt: “Fürsorgearbeit ist zwischenmenschliche Arbeit, die nicht automatisiert werden kann”. Dieser verkappte Glaube an das Paradies im Pleistozän als die Urhorde noch durch die Wälder streifte, wilden kommunalen Sex hatte und ansonsten sich gegenseitig die Backen gestreichelt hat (Care-Arbeit), macht einem schaudern.

Marie Curie

Wo wäre wohl Pflegearbeit ohne all die modernen Hilfsmittel, die dabei zum Einsatz kommen? Als in erster Linie Frau, Frau Stiegler, sollten sie eigentlich um die endemischen Rückenschmerzen der hauptberuflichen Pflegekräfte wissen, die ausschließlich durch moderne Hebehilfen gemildert werden können; darum, dass weiblich-fürsorglicher Zuspruch vielleicht nicht unbedingt das Mittel ist, um Krebs zu behandeln oder Alzheimer zu lindern. Es ist auch keine “andere Rationalität” diesen Unsinn zu behaupten. Es ist Irrationalität und bleibt Unsinn, nicht mehr und nicht weniger.

Somit bleibt nur noch ein loses Ende in diesem Text wieder aufzunehmen: Die rotierenden Frauenrechtlerinnen, ein Punkt, der Dr. habil. Heike Diefenbach besonders wichtig ist. Frauenrechtlerinnen des späten 18. und des 19. Jahrhunderts haben dafür gekämpft, Zugang zu Erwerbsarbeit zu erreichen und ihre Begrenztheit auf den eigenen Haushalt zu überwinden. Sie wollten in der “Männerwelt” arbeiten. Frauen, wie Barbara Stiegler, im 21. Jahrhundert, wollen zuhause sitzen, Hausfrauenfernsehen schauen, sich um die Kinder kümmern, die in der Schule sind und die Eltern versorgen, die im Altenheim untergebracht sind, und sie wollen dafür bezahlt werden, sich dafür zwar nicht in Abhängigkeit von Männern, dafür in die Abhängigkeit des Staates begeben. Mir scheint, Barbara Stiegler sollte noch einmal über die Bedeutung des Wortes “Emanzipation” nachdenken.

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Susann Fegter

Eine Dekade nachdem Dr. habil. Heike Diefenbach und ich in “Bringing Boys Back In” auf der Grundlage amtlicher Daten und somit auf der Grundlage aller Schulabsolventen für die Schuljahre 1994/1995 bis 1999/2000 gezeigt haben, dass Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben, gibt es immer noch Personen, die sich mit schulischer Bildung bzw. mit “der Krise der Jungen” befassen und behaupten, die Erde sei eine Scheibe, d.h. Jungen hätten gar keine Nachteile, jedenfalls nicht “die Jungen”. Ein neues Beispiel kommt aus Bielefeld. Dort hat die Lehrbeauftragte, Susann Fegter, einen Vortrag unter der Überschrift “‘Wir müssen Jungs wieder lieben lernen’ – Geschlecht und Generation im Mediendiskurs um die Krise der Jungen” gehalten.

Ziel dieses Vortrags ist es einerseits, den “Diskurs”, um die schulischen Nachteile von Jungen um leere Floskeln wie “Wirkmächtigkeit”, “Diskursfiguren”, “Anrufungen”, und Sätze wie den folgenden zu bereichern: “Die Kritik richtet sich dabei weniger auf Medien an sich, als auf die Reflexion von Voraussetzungen und Weisen der Wissensproduktion in einem einflussreichen Feld”. (12) Andererseits versucht Fegter mit diesem Vortrag, die schulischen Nachteile von Jungen zu delegitimieren und den “medialen Diskurs” über die Nachteile von Jungen als “Retraditionalisierung von Männlichkeit … über moralisierende Zuschreibungen schlechter Elternschaft und schlechter Pädagogik” zu diffamieren. In Deutsch: “Die” Jungen haben gar keine Nachteile bei der schulischen Bildung, und die Medien haben mit ihrer  Berichterstattung über die nicht vorhandenen Nachteile von Jungen ungerechtfertigter Weise mit dem Finger auf Versäumnisse in Elternhaus und Schule gezeigt.

Die “Diskursanalyse” von Fegter hat uns somit in das 7. Jahrhundert vor Christus zurückversetzt, in die Zeit, zu der Hesiod sein Bild des Kosmos entwickelt hat, in dem die Erde eine runde, vom Okeanos umflossene Scheibe unter dem gewölbten, eisernen Himmel ist. Zentral für die Behauptung von Frau Fegter, dass “die Jungen” im deutschen Bildungssystem keine Nachteile hätten, sind vier “korrigierende Hinweise”, die angeblich gezeigt haben, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen keine Nachteile im deutschen Bildungssystem haben.

Die “korrigierenden Hinweise” (1) und (3) lauten wie folgt:

(1) “Nicht Jungen per se sind benachteiligt, sondern vor allem solche aus bildungsfernen Schichten und Familien mit Migrationshintergrund” (3) “Jungen und Mädchen aus unterprivilegierten sozialen Schichten schneiden schlechter ab als Kinder aus sozial privilegierten Familien, d.h. auch manche Mädchengruppen haben deutliche Probleme im Zugang zu Bildung …”

Ich werde also einmal mehr (vermutlich zum rund 10. Mal) zeigen, warum die hier vorgebrachten Aussagen, nichts daran ändern, dass Jungen und nicht Mädchen im deutschen Bildungssystem Nachteile haben (Ich vermute zwar, dass die Nachteile auf Benachteiligung zurückgehen und Studien wie die Hamburger Lau-Studie oder die Berliner Element-Studie  belegen diese Vermutung, aber ich bin mir darüber nicht so sicher wie Frau Fegter, oder liegt hier eine -diskursanalytisch betrachtet – Verwechslung von Nachteil (passiv) und BEnachteiligung (aktiv) vor?). Wie immer ist dabei das in unserem Grundsatzprogramm entwickelte Instrumentarium des kritischen Denkens von besonderer Bedeutung, z.B. bei der Feststellung, dass in  (1) – obwohl es sich um eine vergleichende Aussage handelt, die Nennung der Vergleichsgruppe “Mädchen” unterbleibt, während in (3), wo das schlechtere Abschneiden von “Kindern aus sozial nicht privilegierten Familien” beklagt wird, Jungen und Mädchen genannt werden. Aber das sei nur am Rande für diejenigen bemerkt, die sich gerne mit der Psyche von Ideologinnen beschäftigen.

Nun zu den Behauptungen, es seien nicht die Jungen, sondern Jungen aus “bildungsfernen Schichten”, die Nachteile in der Schule hätten und Mädchen aus bildungsfernen Schichten hätten auch Nachteile.

Die folgende Abbildung stellt die prozentuale Verteilung von Jungen und Mädchen auf die im deutschen Schulssystem erreichbaren Abschlussarten dar. Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt und umfassen ALLE Absolventen allgemeinbildender Schulen für den Schuljahrgang 2010/2011 (Fachhoschulreife und Hochschulreife wurden zusammengefasst). Wie sich zeigt, ist der Anteil der Jungen, die eine Hauptschule mit oder ohne Abschluss verlassen höher als der Anteil von Mädchen, dagegen ist der Anteil von Mädchen, die die Schule mit einer Hochschulreife verlassen, höher als der entsprechende Anteil von Jungen.

Nehmen wir nun mit Fegter an, es seien vornehmlich Jungen aus bildungsfernen Schichten, und nutzen wir nicht diesen Euphemismus der Mittelschicht, sondern nennen wir die Unterschicht beim Namen, dann kann man diese Behauptung, dass es vor allem Jungen aus der Unterschicht sind, die schlechter abschneiden als Mädchen, dahingehend in die Realität umsetzen, dass der Anteil der Jungen aus der Unterschicht, die einen oder keinen Hauptschulsabschluss erreichen,   größer dargestellt wird als der Anteil der Jungen, die nicht aus der Unterschicht stammen und einen oder keinen Hauptschulabschluss erreichen. Die jeweils dunkleren und helleren blauen und roten Flächen in den Stäpelchen, die mit “männlich” unterschrieben sind, geben die entsprechenden größeren Anteile an. Und was zeigt sich, Frau Fegter? Es zeigt sich, dass sich an der Gesamtverteilung der einzenen Farbflächen in der Darstellung NICHTS (außer der Farbschattierung) ändert: Immer noch gilt, dass weniger Jungen eine Hochschulreife erreichen als Mädchen, immer noch ist der Anteil der Jungen, die mit oder ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen, höher als der entsprechende Anteil von Mädchen.

Aber, Fegter behauptet ja auch, dass “Jungen und Mädchen” aus der Unterschicht gleichermaßen schlechter abschneiden als “Jungen und Mädchen”, die nicht aus der Unterschicht kommen. Nehmen wir diese Behauptung kurz ernst, obwohl sie im Widerspruch zu Aussage (1) steht, in der behauptet wurde, die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen seien auf das schlechtere Abschneiden von Jungen aus der Unterschicht (und Migrantenjungen, die wir der Einfachheit halber zur Unterschicht rechnen) zurückzuführen, und übertragen wir diese Behauptung abermals auf die entsprechenden Anteile, dann ergibt sich abermals keine Änderung. Wie man deutlich sehen kann, wenn man den schwarzen Linien, die die linke mit der rechten Abbildung verbinden, folgt, ändert eine Unterteilung derjenigen, die mit oder ohne Hauptschulabschluss von der Schule gehen, weder bei Jungen noch bei Mädchen etwas am Gesamtanteil der entsprechenden Abgänger unter allen Abgängern allgemeinbildender Schulen, und es ändert überhaupt nichts an der Gesamtverteilung, die nach wie vor zeigt, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen deutliche Nachteile im Hinblick auf die schulische Bildung haben.

Ich habe die graphische Darstellung gewählt, weil ich weiß, dass “diskursanalytisch Fabulierende” in der Regel eine Aversion gegen Zahlen haben. Daher verbinde ich mit dieser Darstellung die Hoffnung, dass Farbflächen einer entsprechenden intellektuellen Verarbeitung eher zugänglich sind (wenn es hilft, Frau Fegter, stellen Sie sich einfach vor, es handele sich um Fingerfarben…). Nun zu den beiden verbleibenden “zentralen korrigierenden Hinweisen”, warum Jungen im Vergleich zu Mädchen keine Nachteile bei der schulischen Bildung haben:

(2) “Jungen sind in den PISA Studien auch in den Spitzengruppen überrepräsentiert. Mehr Jungen als Mädchen erreichen die höchste Kompetenzstufe …”

Nun, es mag Frau Fegter entgangen sein oder nicht in den Kram passen, aber Gegenstand der PISA Studien war nicht der Schulabschluss, sondern der Leistungsstand von Schülern. Entsprechend spricht die Tatsache, dass männliche Schüler, obwohl sie, wie Frau Fegter behauptet, in der “Spitzengruppe überrepräsentiert” sind, bei den Absolventen, die eine Hochschulreife erreichen, unterrepräsentiert sind, dafür, dass Jungen benachteiligt bzw. diskriminiert werden. Wäre dem nicht so, die Überrepräsentation in der Spitzengruppe müsste sich in einer ebensolchen bei Absolventen mit z.B. Abitur niederschlagen. Aber, wie ein Blick auf die Abbildung zeigt, das tut sie gerade nicht. Warum wohl?

(4)”Wir haben es ingesamt im Bereich der gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse mit einer Situation zu tun, die sich durch Verschiebungen aber auch starke Beharrungstendenzen kennzeichnet…”

Diese Aussage ist offensichtlicher Unsinn. Ich habe sie hier zitiert, um den Lesern die Möglichkeit zu geben, ideologische Selbstbenebelung in Aktion zu bewundern. Der Kampf mit der deutschen Sprache, der bei machen, die diskursanalytisch unterwegs sind, kurz vor den Wahnsinn führt, hat im vorliegenden Fall zur Folge, dass etwas es selbst und sein Gegenteil ist, denn die Situation der “gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse” ist “durch Verschiebungen, aber auch starke Beharrungstendenzen” gekennzeichnet. Frau Fegter hat damit einen Zustand erreicht, wie in manche Drogenabhängige erreichen, einen Zustand, in dem alles miteinander verschmilzt, einen Zustand, in dem die Erde zur Scheibe und der Tag zur Nacht wird, nur eine Gewissheit taucht aus dem diskursanalytisch benebelten Geist auf und steht in Stein gemeiselt: “Jungen haben verglichen mit Mädchen keine Nachteile in der schulischen Bildung”. Warum hat man nur regelmäßig das Gefühl, Ertrinkenden dabei zuzusehen, wie sie von sich behaupten, gute Schwimmer zu sein?

Epilog
Aussagen, wie die von Fegter, nach der es nicht die Jungen sind, die bei der schulischen Bildung Nachteile gegenüber Mädchen haben, führen ob ihrer Prämissen zu den folgenden Fragen: (1) Selbst wenn die Nachteile von Jungen, ausschließlich die Nachteile von Unterschichtsjungen wären (was sie nicht sind, wie Rainer Geissler (2005) gezeigt hat), wäre das dann weniger schlimm, mehr erträglich, und würde es weniger Handlungsaufforderung für Bildungspolitiker, die doch Chancengleichheit beim Zugang zu schulischer Bildung predigen, nach sich ziehen? (2) Da nicht “die Mädchen”, sondern vor allem das von Rainer Dahrendorf als Typus erfundene “katholische Bauernmädchen vom Land” in den 1950 er und 1960er Jahren Nachteile gegenüber Jungen bei der schulischen Bildung hatten, wie kommt es dann zu der kruden Verallgemeinerung, die uns Feministen wie Fegter seit Jahrzehnte vorleben und in der behauptet wird, dass “die Mädchen” und “die Frauen” Nachteile gegenüber “den Jungen” und “den Männern” hätten? (3) Und wenn man diese unterschiedliche Behandlung von Nachteilen je nach Zuschreibung zu männlichem und weiblichem Geschlecht als Hintergrund nimmt, vor dem der Titel des Fegterschen Beitrags, “Wir müssen die Jungs wieder lieben lernen” gewichtet wird, dann fragt man sich, wo dieser allgemeine Hass gegenüber Jungen und Männern nur herkommen mag.

In den Worten von Fegter kann man daher folgendes Fazit ziehen: Diskursanalytisch muss man daher feststellen, dass die Wirkmächtigkeit des Hasses gegenüber Männern und Jungen in manchen feministischen Zirkeln eine  Erosion der intellektuellen Gesundheit zur Implikation hat.

Literatur

Geißler, Rainer (2005). Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Berger, Peter A. & Kahlert, Heike (Hrsg.). Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim: Juventa, S.71-102.

Bildnachweis

The Pumpkin Society

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Deutscher Bundesrat

Deutschland ist bekanntlich ein schrumpfendes Land, gemessen an seiner Bevölkerungszahl. So sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahre 2010 677.947 Bürger zum deutschen Gemeinwesen hinzugekommen, gleichzeitig haben sich aber 858.768 ehemalige Steuerzahler in ihre letzte Ruhestätte begeben. Im Jahre 2010 wurden somit 180.821 Deutsche weniger geboren als gestorben sind. Ebenfalls beim Statistischen Bundesamt findet sich eine Statistik von Frauen, die keine Kinder haben. Eine schnelle Prozentuierung der Daten zeigt, dass von den Frauen, die im Jahre 2009 zwischen 31 und 35 Jahre alt waren, 39,2% keine Kinder haben, von den Frauen, die im Jahre 2009 zwischen 36 und 40 Jahren alt waren, sind es 25%, in der Gruppe der 41 bis 45jährigen 20,6% und in der Gruppe der 46 bis 50jährigen 17,2%.

Statistisches Bundesamt (2009), S.12

Diese Zahlen sind aus Sicht des Bundesrats veränderungsbedürftig, denn so weiß man im Bundesrat: “In der Bundesrepublik Deutschland gibt es eine große Anzahl von Menschen, die in einer Partnerschaft leben und gerne Kinder hätten, deren Kinderwunsch sich aber aus medizinischen Gründen nicht erfüllt”. Und schon ist aus den oben berichteten Prozentzahlen ein Reservoir künftiger Steuerzahler geworden, denn die Mehrzahl der genannten Frauen hat angeblich einen Kinderwunsch, kann ihn aber aus medizinischen Gründen nicht in die Tat umsetzen. Diese Feststellung steht jedoch in einem Gegensatz zu einer Feststellung, die der selbe Bundesrat ein paar Zeilen früher im selben Gesetzentwurf getroffen hat, dort heißt es: “Kinder sind eine Bereicherung der Gesellschaft. Seit 2004 haben in der gesetzlichen Krankenversicherung versicherte Paare mit Kinderwunsch jedoch mindestens die Hälfte der Kosten der künstlichen Befruchtung selbst zu tragen. Dies hatte einen deutlich messbaren Rückgang der Behandlungszahlen zur Folge”. Und damit die vielen künstlichen Befruchter in den entsprechenden Zuchtanstalten nicht auf ihrem Samen sitzen bleiben, will der Bundesrat per Gesetz den Kinderwunsch der Paare, denen derzeit die künstliche Befruchtung zu teuer ist, subventionieren: 75% der Kosten sollen die Steuerzahler nach dem Willen des Bundesrates nunmehr tragen, an Stelle der bisherigen 50%.

Trotz der Wohltaten, die dieser Gesetzentwurf der auf Befruchtung angewiesenen medizinischen Industrie angedeien lässt, scheint er wenig ausgegoren, was man mit ein wenig logischer Analyse einfach zeigen kann. Die Prämisse, auf der die folgende Analyse aufbaut, geht davon aus, dass zutrifft, was der Bundesrat in seinem Gesetzentwurf formuliert, dass nämlich viele ungewollt kinderlose Paare sich die in-Vitro Fertilisation nicht leisten können. Ob dies zutrifft, oder das Absehen von der Erfüllung des vermeintlichen Kinderwunsches damit zusammenhängt, dass die Kosten-Nutzen-Rechnung bei den entsprechenden, angeblich “ungewollt Kinderlosen” derzeit nicht deutlich genug in Richtung (finanzieller) Nutzen ausschlägt, ist jedoch eine empirische Frage, die bislang noch der Klärung harrt.

Fangen wir bei den folgenden Aussgaen an.

[1]Viele deutsche Paare, die in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert sind, haben einen Kinderwunsch.
[2]Die Erfüllung dieses Kinderwunsches scheitert aus medizinischen Gründen.
[3]Die Erfüllung dieses Kinderwunsches scheitert aus finanziellen Gründen.

Die Aussagen [2] und [3] sind nicht gleichwertig. Sie bedingen einander, wie man sehr leicht daran sieht, dass bei Behebung der medizinischen Hindernisse die finanziellen übrig bleiben, wobei bei einer Beseitigung finanzieller Gründe, die medizinischen Gründe mitbeseitigt werden. Letztlich sind es also die finanziellen Hindernisse, die die “Entscheidung für Kinder” obsolet machen, jedenfalls nach Ansicht des Bundesrats. Die medizinischen Gründe sind nur Herzschmerz-Zutat, die Mitleid beim Leser ob der armen Männlein und Weiblein, die ihre ganzen unerfüllten Hoffnungen nicht auf die nächste Generation übertragen können, wecken soll. Es geht nicht um die medizinischen Gründe, es geht um die finanziellen Gründe, die die künstliche Befruchtung verhindern.

Somit gelangt man zu der folgenden konditionalen Aussagen:

Wenn die Kosten der künstlichen Befruchtung zu hoch sind, dann wollen sich viele der Paare mit Kinderwunsch ihren angeblichen Kinderwunsch nicht erfüllen.

So ist das, zuweilen reicht das Geld nicht, um sich Wünsche zu erfüllen (Ich warte auch seit Jahren darauf, dass ich das Geld habe, um dem National Trust Grey’s Court abzukaufen…). Manchmal muss man daher Wünsche aufschieben (oder als Illusion bewahren). Dass man nicht alles haben kann, was man sich wünscht, darauf weisen Wissenschaftler aus der Mittelschicht gewöhnlich hin, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger die Mitglieder der Unterschicht gemahnen, doch die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse aufzuschieben. Besonders oft findet man die entsprechende Mahnung im Rahmen der kriminologischen Forschung, denn die Weigerung, Bedürfnisse aufzuschieben, bis man das Geld hat, um sie sich (legal) zu erfüllen, führt häufig und im Einklang mit der von Robert K. Merton formulierten Anomietheorie dazu, dass die Wahl der Mittel, zur Erreichung der Ziele (also zur Verwirklich der Wünsche), den Boden des Erlaubten verlässt und zur Kriminalität wird.

Bei Möchte-Gern-Eltern ist dies anders. Für sie gilt die Mahnung, doch mit dem Befruchten zu warten, bis sie es sich leisten können, nicht. Ihnen greift Mutter Staat – na wohin wohl: Unter die Arme, und allen Steuerzahlern greift sie in die Tasche, um den Kinderwunsch derer, die sich ihren Kinderwunsch derzeit angeblich aus finanziellen Gründen nicht verwirklichen können, zu erfüllen – oder doch zumindest, zu versuchen die Erfüllungshoffnung monetär zu unterfüttern, denn die in-vitro Fertilisation ist nicht in jedem Fall erfolgreich. Wie dem auch sei, es stellt sich die Frage, was ein Wunsch wert ist, um dessen Erfüllung willen Möchte-Gern-Eltern weder bereit sind, Abstriche an anderer Stelle zu machen noch bereit sind, zu sparen.

Warum der Kinderwunsch derart finanziell  Schwachbrüstiger unbedingt erfüllt werden muss – oder wie es der Bundesrat formuliert, warum der Kinderwunsch nicht länger von der Vermögens- und Einkommenssituation der betroffenen Paare abhängig sein soll, und wie es zu rechtfertigen ist, Kinder in Armut hinein gebähren zu lassen, dazu sagt der Bundesrat in seinem Gesetzentwurf leider nichts. Es muss schließlich reichen, wenn man sich als Wahrer eines allgemeinen Rechts auf 75%subventionierte Befruchtung erwiesen hat. Nebenbei bemerkt ist dieser Gesetzentwurf einmal mehr ein Beleg dafür, dass Kinder Zwecke und nicht Individuen in eigenem Recht sind. Hier werden sie eben einmal zum Erfüllungszweck, zum Zweck der Erfüllung des Kinderwunschens, und dieser Zweck wird vom anschließenden Leben bei ärmlichen Eltern, die noch dazu die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht aufschieben können, nicht aufgewogen.

Das Schmackerl des Gesetzesentwurfs habe ich mir jedoch für den Schluss aufbewahrt, man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen:

“Die Erfüllung des Kinderwunsches soll nicht länger von der Vermögens- und Einkommenssituation der betroffenen Paare abhängig sein. Mit dem Änderungsgesetzz soll daher eine finanzielle Entlastung von Paaren mit Kinderwunsch erfolgen. Der Gesetzentwurf ist ein Beitrag, unerwünschte Kinderlosigkeit entschlossen und nachhaltig zu bekämpfen”.

Besonders die nachhaltige Bekämpfung der unerwünschten Kinderlosigkeit gefällt mir ausnehmend gut, war doch bislang von “ungewollter Kinderlosigkeit” die Rede. Der Unterschied zwischen beiden Formulierungen wird am Beispiel deutlich: Wenn ein ungewollter Vater resigniert feststellt, dass er die Ergebnisse seiner Tätigkeit nicht gewollt hat, dann ist das etwas anderes, als wenn er feststellt, dass die Ergebnisse unerwünscht sind. Letzteres kommt mit der Macht moralischer Setzung einher, ersteres zielt auf unbeabsichtigte Folgen einer Handlung. Kurz, der Absatz zeigt, worum es den im Bundesrat versammelten Fruchtbarkeitsaposteln eigentlich geht: Deutsche wachset und mehret Euch! Dass das Modeadjektiv “nachhaltig” sich noch zur Bekämpfung der unerwünschten Kinderlosigkeit gesellt hat, rundet das Bild nur ab: Was, oh, Ihr Bundesratsmitglieder, ist ein Kind wohl anderes als eine nachhaltige Veränderung von bisheriger Kinderlosigkeit?

Statistisches Bundesamt (2009). Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 18. November 2009. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Bildnachweis:
York University

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Grüne Medien im Holy Sea

Es gibt gute Gründe dafür, dass sich politische Philosophen und weitgehend alle, die sich wissenschaftlich mit der Staatsmacht beschäftigen und vor allem damit, wie man sie in Schranken hält, mit Fragen der Kontrolle, der Gewaltenteilung und damit beschäftigt haben, wie man verhindert, dass Interessengruppen den Staat übernehmen und ihre Interessen anderen aufzwingen bzw. von diesen finanzieren lassen. Dass trotz aller Anstrengungen heute und in der Vergangenheit, der Staat zur Beute von Parteien, wie von Arnim das einst formuliert hat, und zum Vehikel zur “Volkserziehung” geworden ist, zeigt, dass etwas mit der politischen Verfasstheit moderner Staaten nicht stimmt. Dass etwas nicht stimmt, das zeigt sich auch an der Normalität, mit der Politiker aller Couleur den Staat als Vehikel benutzen, um nicht etwa den Nutzen des deutschen Volkes, sondern den eigenen Nutzen bzw. den Nutzen der eigenen Klientel zu mehren. Ein neues Beispiel dafür kommt aus der Partei “Die Grünen”.

Die Grünen sind vor Jahren als ökologische Partei angetreten, deren Ziel es war, die Umwelt zu schützen und den Bau von nahezu allem, was mit moderner Technik verbunden ist, zu unterbinden bzw. zu behindern. Sie sind nach kurzer Zeit bereits zu einer Partei geworden, deren Hauptaugenmerk auf der Vergeschlechtlichung der Gesellschaft lag, d.h. darauf, auch noch den letzten Bereich nach Geschlecht oder sexueller Orientierung zu differenzieren. Und, als wäre das nicht bereits Aufgabe genug, so gibt es nunmehr Grüne, die die “Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung” auf eine zumindest für die Grünen neue Weise bestimmen, nämlich als Variante der “Botschaft vom Reich Gottes”, das “heute schon sichtbar wird, aber nur durch ihn [Jesus Cristus] vollendet werden kann”. Diese Neuformulierung grüner Inhalte stammt von einer Gruppe von Grünen Bundestagsmitgliedern, Stadträten und Landesvorsitzenden, die unter der Überschrift “Der Geist Gottes wohnt in uns” eine Reihe von Vorschlägen gemacht haben, die sich mit dem Zustand der katholischen Kirche befassen, ihn ändern wollen.

Was also spricht der Geist Gottes, der z.B. in Gerhard Schick, Josef Winkler, in Raymond Fojkar oder Bettina Jarasch wohnt?

Zunächst einmal ist der Geist offensichtlich schlecht bei Kasse, denn die “Verheutigung der christlichen Botschaft”, die er uns durch die Genannten mitteilt, richtet sich in erster Linie darauf zu verhindern, dass Kirchenaustritte wegen der Kirchensteuer erfolgen. Und damit “Katholikinnen und Katholiken” nicht “mehr und mehr zu einer Minderheit” werden, will der Geist die Einführung einer Kultursteuer. Kultursteuer zahlen alle Deutschen (im steuer- und abgabenfähigen Alter vermutlich), und entsprechend hätte ein Kirchenaustritt keinen finanziellen Nutzen mehr. Das ist clever, denn wenn man aus der Katholischen Kirche austreten will, um das Geld für die Kirchensteuer zu sparen, dann bringt der Austritt nichts, wenn man statt der Kirchensteuer eine Kultursteuer zahlen muss. Aber ist es auch nächstenlieb? Immerhin ist es ein Eingriff in die persönliche Freiheit, wenn man dem Nächsten aufzwingt, dass er entweder seine Abgabe an die Katholische Kirche zahlt oder an eine andere “gemeinnützige Institution” seiner Wahl. Nun haben viele Katholiken, wie sie über Jahrtausende bewiesen haben, keine allzu großen Skrupel, wenn es darum geht, die Freiheit Andersgläubiger oder schlicht des Nächsten zu beschneiden. Aber: unser Geist hat aus den Jahrhunderten der verschiedensten Kreuzzüge gelernt. Abgaben werden um so williger erbracht, wenn der Abgebende denkt, er habe etwas davon. Und was hat er davon: “Richtig bleibt auch, dass die Kirchensteuer wie Spenden an gemeinnützige Organisationen steuermindern wirkt”. Das erinnert an die alte Geschichte vom guten Dieb, der vom schlechten Gewissen geplagt, an den Ort seines Einbruchs zurückkehrt, um das Taschenradio zurück zu bringen, damit das Haus nicht ganz so leer wirkt.

Aber, wie uns die Grünen Medien des Geistes Gottes mitteilen, plagt den Gott nicht nur die Zahl der Kirchenaustritte und damit einhergehend der Rückgang der Einnahmen aus der Kirchensteuer, er hat auch unter erheblichem Personalmangel zu leiden und ist der Ansicht, dass seine katholische Kirche von ein paar neuen “Glaubenserfahrungen” profitieren kann. Die Lösung für beide Probleme, die der Geist Gottes durch seine Grünen Medien mitteilt, entspricht dem, was man von Grünen erwartet hätte: Mehr Frauen in die Kirche (bislang will der Geist Gottes offensichtlich noch keine Priesterinnen und Päpstinnen-Quote) und: “Wir sollten die Glaubenserfahrung von Lesben, Schwulen und Transgendern als Bereicherung für die Gemeinden begreifen und zielgruppenspezifische pastorale Angebote machen”. In welcher Form man sich eine “Bereicherung” durch Lesben, Schwule und Transgender verspricht, dürfte angesichts der knappen Kassen, deutlich geworden sein. Interessant ist indes die Prämisse, nach der die sexuelle Orientierung sich auf die Glaubenserfahrung auswirkt. Da fragt man sich doch, was machen die Grünen Katholiken da eigentlich in ihren Kirchen bzw. wie erfahren sie ihren Glauben? Ich meine, können Sie sich eine Situation vorstellen, bei der die sexuelle Orientierung einen Einfluss auf die Glaubenserfahrung hat? Ich nicht! Aber ich lasse mich gerne belehren, wer also einen Vorschlag dazu hat, wie die sexuelle Orientierung auf die Glaubenserfahrung durchschlägt, die Kommentarfunktion steht bereit.

Bei all den Botschaften aus dem Reich Gottes, ist mir indes nicht entgangen, dass entweder mit der Übermittlung der Botschaft durch die Grünen Medien etwas nicht stimmen kann, oder der Geist sich einen kleinen Spaß erlaubt. Steht doch im letzten Teil der Verkündung das Folgende zu lesen: “Denn Eigentum verpflichtet – auch die Kirchen. [Man sehe dem Geist, der ja viele Sprachen spricht, den grammatikalisch schauderlichen Stümmelsatz nach.] Wir fordern deshalb von den kirchlichen Institutionen eine systematische Ausrichtung an ökologisch-sozialen und vor allem ethischen Kriterien bei der Geldanlage [meine Hervorhebung]. Man kann nicht glaubwürdig die Auswüchse eines zügellosen Kapitalismus kritisieren und sich selbst durch dubiose Bankgeschäfte bereichern”. Aber, so meinen der Geist oder seine Medien, man kann unbemerkt einen generellen Kirchensteuerzwang einführen, um mehr Kirchensteuer-Einnahmen zu erzielen und gleichzeitig kundtun, dass man genug Geld hat, um es anzulegen ohne befürchten zu müssen, man sei deshalb nicht glaubwürdig? Falsch! Geist, wir haben es gemerkt. Und deshalb fordern wir [also ich und mein Geist, der durch mich spricht] die Abschaffung der Kirchensteuer und deren Ersatz durch die Zinseinkünfte aus Liegenschaften und Geldanlagen, wie sie die Katholische Kirche in stattlicher Anzahl und unbilanziert nun einmal hat.

Bleibt abschließend noch  festzustellen, dass Worte, wie die von Gerhard Schick, Josef Winkler, Raymond Fojkar und Bettina Jarasch, die alle vom Geist Gottes bewohnt sind,  einmal mehr deutlich machen, wie wichtig es ist, Staaten und ihren Regierungen keine Möglichkeit zu geben, durch Umverteilungen einem Teil der Bevölkerung in die Tasche zu greifen, um einen anderen Bevölkerungsteil, die eigene Klientel, zu beschenken.

Epilog

Ganz so neu ist die Idee der “Kultursteuer” für alle, deren Ziel darin besteht, Kirchensteuer-Zahlungsunwillige in der Katholischen Kirche zu halten, nicht. Der Ablasshandel, der Martin Luther aufgeregt hat, hat hier wohl Pate gestanden. Besonders interessant im Hinblick auf die vom Geist Gottes durch seine Grünen Medien uns mitgeteilte Bedeutung der “Ethik” ist dabei, dass die Ethik wohl in Geld gemessen wird. Gut ist, wer Kirchensteuer bezahlt, wie er sich dabei verhält, ist nach Zahlung des Ablasses/der Kirchensteuer nicht relevant.

Bildnachweis:
Thüringer Blogzentrale
Kirchensteuerinfo

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Statistisches Bundesamt

Das Statistische Bundesamt hat am 31. Mai eine Pressmeldung  veröffentlicht, die die gewöhnliche, unhinterfragte Verbreitung in deutschen Medien, wie z.B. der Rheinischen Post und der Berliner Zeitung gefunden hat. Dem genderistisch, politisch-korrekten Betroffenheitskanon entsprechend, ist die Meldung des Statistischen Bundesamts mit “Immer mehr Frauen sterben an den Folgen des Rauchens” überschrieben. Aus Mangel an Manpower und Zeit hat man bei der Rheinischen Post den ersten Absatz der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes weitgehend komplett übernommen (mit einer interessanten Nyance, die ich der aufmerksamen Lektüre der Leser überlasse), während die Eigenleistung der Berliner Zeitungsjournalisten in der Feststellung besteht: “Besonders betroffen sind Frauen”. Die nun folgende Analyse wird zeigen, dass die ursprüngliche Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes hart an einer Verfälschung von Daten entlangschrammt, dass die politisch korrekte Erweiterung der Berliner Zeitung “besonders betroffen sind Frauen” ein ausgemachter Unsinn ist und dass das Fälschen von Statistiken doch nicht so einfach ist, wie manche gerne behaupten.

Hier der erste Absatz der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes:

“Im Jahr 2010 starben 13 815 Frauen an Krebserkrankungen, die in einem engen Zusammenhang mit dem Konsum von Tabakprodukten gebracht werden können. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) zum Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2012 mitteilt, waren dies rund 36% mehr als zehn Jahre zuvor. Der Frauenanteil an den insgesamt durch Erkrankungen wie Lungen-, Bronchial-, Kehlkopf- und Luftröhrenkrebs verursachten Todesfällen (44 457) des Jahres 2010 betrug rund 31%. Im Jahr 2001 lag der Anteil noch bei 25% von insgesamt 40 053 Gestorbenen. Im Vergleich zu Männern verlieren Frauen durch die genannten Krebsarten mehr Lebensjahre: Während Männer im Durchschnitt 2,9 Jahre früher starben, verkürzte sich das Leben der Frauen im Durchschnitt sogar um 10,5 Jahre.

Vorab ist festzustellen, dass das Leben von Frauen offensichtlich höher zu gewichten ist, als das Leben von Männern, denn Frauen verlieren sogar 10,5 Jahre an Lebenszeit, während Männer, wie man schließen muss: nur 2,9 Jahre verlieren. Allerdings muss man diese verkürzte Lebenszeit, die auf Aggregatebene berechnet wurde, mit ihrer Ausgangsbasis in Verbindung bringen: der durchschnittlichen Lebenserwartung. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt im Jahre 2010 77,51 Jahre für Männer und 82,59 Jahre für Frauen. Zieht man von beiden die verlorenen Lebensjahre ab, dann werden männliche Raucher durchschnittlich 74,61 Jahre und weibliche Raucher durchschnittlich 72,09 Jahre alt. Die Differenz beträgt entsprechend 2,52 Jahre und nicht 7,6 Jahre wie vom Statistischen Bundesamt suggieriert. Diese Differenz ist jedoch nur dann aussagekräftig, wenn man bereit ist, den Fehlschluss der Bejahung des Konsequens, den das Statistische Bundesamt in seiner Pressemeldung macht, mitzugehen. Zu Beginn der Pressemeldung ist sich der Verfasser der Meldung noch darüber im Klaren, dass die von ihm genannten Krebsarten nur in einem Zusammenhang mit Rauchen gebracht werden können, im Verlauf der Pressemeldung vergisst er dies und behauptet, einen direkten und kausalen Zusammenhang zwischen z.B. Lungenkrebs und dem Rauchen. Da es aber Patienten gibt, die an Lungenkrebs versterben ohne jemals eine Zigarette geraucht zu haben (aber dafür z.B. unter Tage gearbeitet haben) besteht die behauptete Äquivalenz zwischen Rauchen und Lungenkrebs nicht: Nicht jeder, der an Lungenkrebs verstorben ist, war ein Raucher.

Nun zu dem Zahlenwerk. Die Angaben des Statistischen Bundesamts sind recht bruchstückhaft. Der Pressemeldung kann man entnehmen, dass 2010 13 815 Frauen an Krebserkrankungen verstorben sind, die vom Statistischen Bundesamt mit Rauchen in Zusammenhang gebracht werden, dass 2010 insgesamt 44 457 Todesfälle durch die entsprechenden Krebserkrankungen zu verzeichnen waren, während es in 2001 noch 40 053 Todesfälle durch die entsprechenden Krebserkrankungen  waren. Die Anteile von Frauen an den Verstorbenen betrugen im Jahre 2010 31% und 2001 25%. In der folgenden Tabelle habe ich auf Grundlage dieser Angaben, die fehlenden Werte ergänzt und ein paar kleine Berechnungen durchgeführt, um die berichteten Zahlen in einen Zusammenhang zu stellen und natürlich um der z.B. im Gleichstellungsgesetz für Bundesverwaltungen geforderten Gleichbehandlung der Geschlechter zum Durchbruch zu verhelfen und gegen die Diskriminierung von Männern in Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes vorzugehen. Die fettgesetzten Werte sind die Werte, die in der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes angegeben wurden, den Rest habe ich auf der Basis der genannten Zahlen berechnet.

2001 2010 2010-2001
N % N % N %
Krebstote 40053 44457  4404  11
Männer 30040 75 30642 69 602 2
Frauen 10013 25 13815 31 3802 38

Vor dem Hintergrund der in der Tabelle zusammengestellten Daten müsste die Pressemeldung, wäre sie nicht durch eine Fixierung auf weibliche Geschlechtsteile und Lungen beeinträchtigt, lauten: Im Vergleich der Jahre 2010 und 2001 (warum eigentlich 2010 und 2001, warum nicht 2010 und 2005 oder 2009? Wäre beim entsprechenden Vergleich die “Opferrolle” von Frauen nicht in gleicher Weise herausmanipulierbar gewesen?), im Vergleich also der Jahre 2010 und 2001 ist die Anzahl der Krebstoten, deren Ableben mit “Rauchen” in Zusammenhang stehen könnte, um 11% (4.404) gestiegen. Die Steigerung bei weiblichen Krebstoten ist dabei mit 38% (3.802) höher ausgefallen als die Steigerung bei männlichen Krebstoten mit 2% (602). Nach wie vor ist die Anzahl der Männer, für die eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie aufgrund ihres Zigarettenkonsums vorzeitig sterben mit 30.642 Toten um das 2,2fache höher als die entsprechende Anzahl wahrscheinlich krebsbedingter Sterbefälle bei Frauen (13.815).

Nun zurück zur Pressemeldung und dem, was in der der Berliner Zeitung daraus geworden ist: “Noch immer greift knapp jeder dritte Erwachsene regelmäßig zur Zigarette. Besonders betroffen sind Frauen, seit 2001 steigt die Zahl der Todesfälle um 36% an”. Wie man der Tabelle entnehmen kann, ist es blanker Unsinn zu behaupten, Frauen seien besonders vom rauchenden Krebstod betroffen. Dies ist nicht der Fall, zum einen deshalb nicht, weil 30.642 tote Männer mehr sind als 13.815 tote Frauen, zum anderen weil es nach wie vor ein Fehlschluss ist, zu denken, dass jeder an z.B. Lungenkrebs Verstorbene ein Opfer seiner glimmenden Sargnägel geworden ist (,die er im übrigen freiwillig konsumiert). Zudem sind Frauen nicht “besonders betroffen”, weil die Krebsarten, die das Statistischen Bundesamt berücksichtigt hat, mit nichten die häufigsten Krebsarten darstellen, an denen Männer oder Frauen versterben, wie die folgende Abbildung zeigt.

Robert Koch Institut (2012), S.13

Wie man der Abbildung entnehmen kann, sind von Lungenkrebs, Kehlkopf- oder Luftröhrenkrebs nicht “vor allem” Frauen, sondern “vor allem” Männer betroffen. Nur bei Männern spielt Lungenkrebs, im Vergleich zu den anderen Varianten, an Krebs zu versterben, die herausragende Rolle, die in der Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes behauptet wird. Wichtiger als Kehlkopfkrebs oder Krebs der Luft-/Speiseröhre sind indes Darmkrebs, Prostatakrebs, Krebs an der Bauchspeicheldrüse, Magenkrebs, Leberkrebs und Leukämien bei Männern. Für Frauen gilt, dass die häufigste Todesform durch Krebserkrankung Krebs der Brustdrüse ist, gefolgt von Darmkrebs und Lungenkrebs. Und nahezu alle sonstigen Krebserkrankungen sind als Todesursache für Frauen relevanter als Kehlkopfkrebs oder Krebs der Luft-/Speichelröhre.

Das Beispiel zeigt deutlich, was dabei herauskommt, wenn man anlässlich des Weltnichtrauchertages (wer erfindet eigentlich einen solchen Unsinn und wer profitiert davon finanziell?) eine politisch korrekte Pressemeldung veröffentlichen will, die an der richtigen Stelle den Zeigefinger hebt und zudem dem genderistisch, politisch-korrekten Betroffenheitskanon entspricht: Blanker Unsinn auf der einen Seite, und eine Verharmlosung der Krebsarten, die für Männer wie für Frauen mit erheblichen Mortalitäten verbunden sind, auf der anderen Seite. Wieder einmal zeigt sich, dass politische Korrektheit mit der Realität nicht viel zu tun hat, wieder zeigt sich, dass von politischer Korrektheit ein konkreter Schaden ausgeht, wieder zeigt sich, dass politische Korrektheit nur durchzuhalten ist, wenn man gewillt ist, logische Fehler zu machen, wieder zeigt sich, dass entgegen allen anders lautenden Überzeugungen, das Fälschen von Statistiken doch nicht so einfach ist, wie von manchen angenommen, und leider zeigt sich auch einmal mehr, dass Journalisten ihre Hauptaufgabe darin zu sehen scheinen, Pressemeldungen entweder unkritisch zu übernehmen oder durch eine politisch-korrekte Eigen”leistung” noch weiter von der Realität zu entfernen als sie es eh schon ist.

Robert Koch Institut (2012). Krebs in Deutschland 2007/2008. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: Robert Koch Institut.

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Barbara Muraca

Bereits Karl Raimund Popper hat sich über vermeintliche Wissenschaftler geärgert, die nichts zu sagen haben, das “Nichts”, aber kunstvoll in einem Berg unsinniger und meist selbstgeschaffener Worte verstecken, so dass man den Eindruck von etwas ganz Gewichtigem im Kopf dessen, der die Wortemissionen verbreitet, haben könnte. Die Auseinandersetzung Poppers mit Jürgen Habermas und dessen Varianten, das Nichts in kunstvoller Verpackung an seine Leserschaft zu übermitteln, ist legendär, meine beiden Lieblingsbeispiele aus Poppers entsprechendem Beitrag sind die folgenden:

Habermas im Original: Poppers Übersetzung:
Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht. Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.
Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch. Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft.
Popper (1990), S.110

Derartige Sprachakrobatik hat schon immer auf diejenigen, die nichts zu sagen haben, aber gerne etwas Gewichtiges in die Welt posaunen würden, einen starken Anreiz ausgeübt, und entsprechend ist die Reihe der mehr oder weniger guten Nachahmer lang. Dabei haben vor allem Ideologen entdeckt, dass die beschriebene Form der Sprachemission ein geeignetes Mittel darstellt, um zu verschleiern, dass man außer ideologisch aufgeladenen Worten nichts zu bieten hat. Die Schematik der Vorgehensweise ist dabei immer die selbe:

  1. Beschreibe einen trivialen Gegenstand auf möglichst komplizierte Weise.
  2. Füge der Beschreibung ein paar affektiv konnotierte Begriffe hinzu, die dem Leser die richtige Lesart, also deine eigene Ideologie unterschieben.
  3. Würze die Darstellung durch das Einbringen “geheimer Mächte”.
  4. Ergänze noch ein paar unsinnige Adjektive und Nominalkonstruktionen, um die ganze Darstellung “wissenschaftliche” aussehen zu lassen.

Das war die Theorie, jetzt kommt die Praxis:

Trivialität Trivialität aufgemotzt:
1: In vielen Haushalten gibt es einen Computer Der Siegeszug der Informationstechnologien hat die Privatsphäre erreicht. In vielen Haushalten findet kommunikative Interaktion nur mehr per Keyboard statt.
2: plus Ideologie In der globalen Welt des Kapitalismus weckt das Marketing Konsumbegehrnisse, die das Individuum in die Abhängigkeit der neuen Medien bringen, so dass bereits in Kinderzimmern die Vereinzelung ein Ausmaß angenommen hat, das bedenklich ist.
3: plus geheime Mächte Die Wirkkräfte des globalen Kapitalismus transzendieren über die alles durchdringende Persuasion eines allumfassenden Marketings, sie generieren fiktive Wünsche in gesellschaftlicher Durchdringung und führen zu Vereinzelung und Atomisierung bereits im Kinderzimmer.
4: plus “fancy” Adjektive Globable und in entropischer Gesamtheit wirkende Kräfte des Kapitalismus verwerfen und transformieren die indivdiuelle Herrschaftshoheit über kognitive und affektive Bedürfnisse und münden in konsumeristisch, segmentierte und nicht zu letzt sedimentierte Vereinzelung bereits im Kinderzimmer

Versuche, Trivialitäten auf die beschriebene Art und Weise “aufzumotzen”, finden sich täglich und in großer Zahl, und sie sind auch, oder gerade in universitären Bereichen zu finden, in denen sich “Wissenschaftler” tummeln, für die Wissenschaft ein Sprachakt ist, ein Akt, in dessen Verlauf sie Realität durch Sprache schaffen wollen, und ein Akt, in dessen Verlauf sie sich recht häufig in den sprachlichen Konstrukten verheddern, die sie zu weben versucht haben. Ein gutes Beispiel für Letzteres ist ein Beitrag von Barabara Muraca mit dem Titel “Gutes Leben ohne Wachstum?”.

Ein Titel in Frageform impliziert, dass die entsprechende Frage im Artikel beantwortet wird. Ob die Frage im Artikel aber tatsächlich beantwortet wird, kann ich nicht sagen, ich tendiere zu einem “nein”, denn die Wortemissionen, die sich an den Titel anschließen, sind derart wirr, dass ich außer Stande war,  einen roten Faden in der Wortansammlung zu finden bzw. überhaupt nachvollziehen zu können, was  Barbara Murca eigentlich sagen will. Das Ganze wirkt mehr wie das Gebrabbel eines kleinen Kindes, das noch nicht firm in der Verwendung von Worten ist, was vor allem deutlich wird, wenn man damit beginnt, den Sinn mancher der Sätze, die in den Wortansammlungen lokalisiert werden können, zu entmystifizieren. Ich habe mir zwei besonders herausragende Stellen ausgesucht, um das, was man auf Grundlage der Bedeutung der verwendeten Worte als den Sinn der Aneinanderreihung von Worten ansehen könnte, zu erschließen.

Sprachrätsel 1: “Dynamische Ungleichheit durch Wachstum führt zu einer strukturellen Verschiebung des Standards für das gute Leben. Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl können außerdem substantielle Freiheiten enorm einschränken.”

Meine Auflösung: Dynamische Ungleichheit scheint schlecht zu sein. Wachstum verschiebt einen Standard für gutes Leben, der sich in einer Struktur befindet. Aus dieser Verschiebung scheint Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl zu reultieren und irgendwie schränkt das substantielle Freiheiten ein. Gut. Dynamische Ungleichheiten sind Ungleichheiten, die sich verändern. Also heute bin ich unten, morgen bin ich oben oder fast oben in der gesellschaftlichen Hierarchie. Diese Dynamik ist schlecht, woraus man den Schluss ziehen muss, dass Muraca einer stabilen sozialen Struktur das Wort redet, in der unten bleibt, wer unten ist, und oben bleibt, wer oben ist. Es ist dies die Idee des Volkskörpers, in der jeder den Platz einnimmt und behält, der ihm per Geburt zugewiesen wurde. Dies hat den Vorteil, dass die Standards für das gute Leben nicht verschoben werden, denn da unten bleibt, wer unten ist, kann sich an der Gesellschaftsstruktur nichts ändern. Und da jeder nach Geburt den Platz  bekommt, der ihm von, sagen wir, Gott zugewiesen wurde, gibt es für den gesellschaftlichen Bodensatz auch keinen Grund sich zu schämen oder gar nach sozialer Anerkennung zu dürsten, und folgerichtig wird auch keine substantielle Freiheit eingeschränkt, denn alles, was ist, ist Gott gegeben und gerecht. Einfache Welt! Erinnert ziemlich an Spenglers Untergang des Abendlandes, wobei es etwas überraschend ist, dergleichen in Publikationen des DGB zu lesen. Sind die Linken die neuen Rechten?

Sprachrätsel 2: “Das zeigt sich auch für die Länder des globalen Südens, in denen traditionelle Formen des Zugangs zu wesentlichen Faktoren für ein gutes Leben vor der Einführung westlicher Entwicklungs- und Wachstumsmuster nicht monetär vermittelt waren. Im Zuge zahlreicher Maßnahmen der Bekämpfung von Armut mag zwar das pro-Kopf-Einkommen gestiegen sein; dies führte aber in vielen Fällen langfristig zu einer Zerstörung von ursprünglichen Kompetenzen, Fähigkeiten, lokalem Wissen und sozialen Netzwerken, die eben jenen Zugang ermöglichten”

Meine Übersetzung: Um die Leser nicht zu langweilen, mache ich es dieses Mal kurz. Die Art und Weise, in der man dem vorliegenden Absatz seine Bedeutung entringen kann, ist oben dargestellt. Wer lustig ist, kann das Prinzip hier anwenden und kommt dann zu der folgenden Exegese, die auf der Annahme beruht, dass der “globale Süden” z.B. in der Sahelzone oder in Afrika (Südafrika als Brutstätte des Kapitalismus ausgelassen) zu finden ist. Im globalen Süden also haben kapitalistische Investitionen und wirtschaftliche Förderprogramme z.B. dazu geführt, dass Wasserleitungen gelegt oder Brunnen gebohrt wurden, die die lokale Wasserversorgung sichergestellt haben. Dies mag dazu geführt haben, dass die Bewohner kleiner Dörfer nunmehr in der Lage waren, ihren Ackerbau zu intensivieren und auf diese Weise der Armut zu entrinnen und in gewisser Weise als Produzent von z.B. Schnittlauch für Tesco unabhängig zu werden. Dies hat ihr Einkommen erhöht und sie aus der absoluten Armut gehoben. Dafür haben sie aber einen Preis bezahlt. Die Frauen, die für die Wasserversorgung zuständig waren, dürfen nun nicht mehr über Kilometer hinweg laufen, um das Wasser aus dem einzig zugänglichen Brunnen zu holen. Sie können nicht mehr am Brunnen stehen und, während sie ihre Krüge füllen, mit ihren Nachbarn Neuigkeiten austauschen. Entsprechend werden die sozialen Netzwerke schwächer und, weil den Frauen nunmehr die tägliche Aktivität (20 Kilometer bis zum Brunnen und zurück) fehlt, werden sie körperlich schwächer, verlieren an Kondition (Fähigkeit), gehen ursprünglicher Kompetenzen verlustig, und nicht zu letzt geht ihnen das (lokale) Wissen darüber, wie man sich durch den täglichen Weg zum Brunnen fithält, verloren.

Ich weiß nicht, ob diese kumulierte Wortbedeutung, dieser Inhalt, das ist, was Barbara Muraca Ihren Lesern vermitteln wollte. Wenn es der Inhalt ist, dann wäre es für alle Beteiligten einfacher gewesen, sie hätte geschrieben, dass sie sich ein Leben ohne wirtschaftlichen Fortschritt wünscht, das zwar in Teilen der Erde elendig sein wird, aber aufgrund des emotionalen Gewinns und der sozialen Kompetenzen dem entspricht, was sie unter einem guten Leben versteht. Wenn es jedoch nicht der beabsichtigte Sinn sein sollte, dann empfehle ich Frau Muraca beim nächsten Text zu schreiben, was sie tatsächlich schreiben will und nicht so viel Zeit in die Verquasung der Sprache zu investieren. Dann müsste sie natürlich wissen, was sie sagen will, dann müsste sie Sachinhalte und nicht Emotionen transportieren wollen und, dann müsste sie natürlich etwas zu sagen haben – und das scheint mir das Hauptproblem zu sein, etwas zu sagen haben…

Popper, Karl Raimund (1990). Gegen die großen Worte. In: Popper, Karl Raimund. Auf der Suche nach einer besseren Welt. München: Piper, S.99-113.

Bildnachweis:
Rawa
Rawarrior

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Zurück in die Armut mit Greenpeace

Seit wir in England angekommen sind, gehört der wöchentliche Einkauf im retail-Paradies von Tesco zu einer besonders lieben Gewohnheit, das: “Thank you for shopping at Tesco Sandhurst” ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Ebenso wenig wie das Schwelgen im unglaublichen Angebot, das es uns z.B. erlaubt, rund ums Jahr Erdbeeren, Blaubeeren, Brombeeren und viele andere Früchte zu essen. Und so haben wir in fast sechs Jahren noch keine Woche ohne Erdbeeren oder andere Beerchen verbracht. Was unsere Vorfahren wohl gedacht hätten, ob der Möglichkeit, den Jahreszeiten zu trotzen? Neben der Befriedigung, frische Erdbeeren runds um Jahr zu haben, macht es auch Spass, die unterschiedlichen Ursprungsländer nach Geschmack zu vergleichen und einen wenn auch nur kleinen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum in den entsprechenden Ländern zu leisten, also in Kenia, Äthiopien, Zypern, Ägypten, Südafrika, Argentinien… Wir können nicht anders, als die Möglichkeiten einer globalisierten Welt zu nutzen und zu genießen.

Wenn es aber nach Greenpeace Österreich geht, dann ist damit Schluss! Nicht das gute Leben, sondern die Umwelt wird von Greenpeace bekanntlich geheiligt, und entsprechend bin ich vor einigen Tagen auf den “Klimaratgeber Lebensmittel” gestoßen, der einem wirklich den Mund offen stehen lässt.

“Wir essen den Planeten kaputt”, so weiß Greenpeace Österreich und ich halte seitdem Ausschau nach den Greenpeacelern, die gemeinsam mit den Rindern in Intensivhaltung die grünen Wiesen Tirols abgrasen. Aber vermutlich ist das metaphorisch gemeint und soll einem ein schlechtes Gewissen machen. Wobei? Beim Essen von Obst außerhalb der Saison, denn: “Jedes Obst und Gemüse hat eine Saison. Dann ist es preisgünstig, am gesündesten und erzeugt die geringsten gCO2e”. Darum geht es also, um den Kohlendioxid-Ausstoss. Der ist bekanntlich schlecht, wegen dem Klima, und weil er schlecht ist, müssen wir ihn reduzieren, besser noch vermeiden:

“Warten Sie noch ein paar Tage, wenn eine Obst- oder Gemüsesorte neu im Regal auftaucht: Die Früchte stammen erfahrungsgemäß aus dem Glashaus oder haben eine weite Reise hinter sich”. Und: “Durch die hohen Klimakosten von mitteleuropäischen Obst- und Gemüsesorten, die durch die Einlagerung und die Erzeugung in Glashäusern entstehen, sind von Jänner bis Mai auch jene tropischen Obstsorten kaufbar, die vorwiegend mit dem Schiff transportiert werden: Ananas, Avocados, Bananen, Limetten, Papayas. Fragen Sie im Geschäft nach, denn der Transport mit dem Flugzeug wird als Beweis besonderer Frische gesehen. Vermeiden Sie alles, was jetzt schon “frisch” angeboten wird. Es kommt aus dem dauergeheizten Glashaus”.

Österreicher erst mehr Sauerkraut!

Es ist ziemlich mühsam, durch dieses Dickicht der moralischen Entrüstung aus Greenepeace Österreich zu blicken, aber ich habe durch mehrfaches Lesen die folgenden Imperative extrahiert:

Erdbeeren und sonstiges heimisches Obst wird nur gegessen, wenn es bei uns wächst (also in Österreich)!
Früchte und Gemüse aus dauerbeheizten Glashäusern sind zu meiden! Wer im Dezember eine Kirsche essen will, soll gefälligst mit Amarenakirschen zufrieden sein!
Früchte, von denen behauptet wird, sie seien frisch, sind in jedem Fall zu vermeiden, denn sie sind mit dem Flugzeug importiert, und das schadet der Umwelt! (Im Gegensatz dazu schadet das Anreisen von Greenpeace Aktivisten zum Klimagipfel in Durban nicht der Umwelt!)
Überwintert wird mit lagerungsfähigem Obst (und Gemüse), das nicht aus beheizten Lagerhäusern stammt: Äpfel, Karotten, Erdäpfel, Kürbis und Pastinaken. Unsere Vorväter haben davon überlebt, warum nicht auch wir?
Ein ziemlich eindeutiges Programm, das da lautet, verzichten Sie gefälligst darauf, sich ein gutes Leben zu machen, denn es schadet der Umwelt. Es ist wichtiger, die Umwelt zu bewahren. Wer sind Sie, Sie kleines Individuum angesichts der schützenswerten Umwelt? Ich will hier nur einmal ein kleines, schüchternes: “Was ist eigentlich wichtiger, das gute Leben derjenigen, die heute leben oder der Schutz der Umwelt für zukünftige Generationen?” einwerfen. Aber, so höre ich schon den Chor der Entrüsteten, das ist doch keine Frage, die Umwelt muss natürlich geschützt werden, Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, da müssen dann individuelle Wünsche zurückstehen, dem größeren Ganzen geopfert werden. Wir haben zwar nichts vom größeren Ganzen, aber die zukünftigen Generationen werden es uns danken, oder auch nicht. Was in dieser Predigt noch fehlt, ist der Hinweis, dass nur wer heute auf Erdbeeren und Avocados verzichtet, morgen in den Himmel kommt.

Doch nicht genug. Das beste aus Greenpeace 2012 habe ich mir bis zum Schluss aufbewahrt. Es ist im Original fett gedruckt und liegt den Greenpeaclern offensichtlich ganz besonders am Herzen:

“Vermeiden Sie aber Früchte aus Gegenden, die mit großer Wasserknappheit kämpfen. Greenepeace ist grundsätzlich der Meinung, dass in Regionen mit Wasserknappheit (z.B. Südspanien, gesamte Mittelmeerküste, naher Osten und Afrika) der Anbau von Obst und Gemüse zum Export nicht sinnvoll ist”.

Na dann. Nun wissen wir also, worum es eigentlich geht, um Armutsbeschaffung für z.B. diejenigen Bauern in Afrika, die für sich ein Auskommen in der Landwirtschaft geschaffen haben. Wahrscheinlich leben sie durch den Export ihrer Agrar-Güter heute erheblich komfortabler als noch vor einigen Jahrzehnten, aber sie leben auf Kosten des Klimas. Was denken sich diese Afrikaner eigentlich? Versuchen einfach ein gutes Leben zu leben. Am Ende wollen die auch noch ein Auto und einen Fernseher und Elektrizität aus Atomkraft, um beides zu betreiben. Alles schlecht für die Umwelt. Deshalb müssen wir die Afrikaner in Armut halten bzw. dahin zurückbefördern. Und deshalb fordern die Engstirnigen von Greenpeace einen Boykott von Obst und Gemüse aus u.a. Afrika. Nebenbei bemerkt, Afrika ist mehr als die Sahara. Es gibt durchaus Gegenden in Afrika, die nicht wissen, wohin mit ihrem Wasser. Aber wenn es um den Schutz des Klimas geht, dann können die Greenpeacler auf derartige lokale Unterschiede ebenso wenig Rücksicht nehmen wie darauf, dass vor Ort Menschen versuchen, durch die Produktion von Agrarprodukten ein gutes Auskommen zu haben, um ein gutes Leben leben zu können. Das darf nicht sein, und deshalb kann man den Inhalt des langen Textes von Greenpeace auch kurz und bündig zusammenfassen: Österreicher kauft nicht bei Afrikanern … (und nicht bei Südspanieren und nicht bei Mittelmeeranreinern, darunter Nordspanier und nicht bei Arabern und Israelis und, am besten kauft ihr gar nichts von auswärts)!

Aber, Greenpeace Österreich hat mich überzeugt. Es ist an der Zeit, etwas für das Klima zu tun. Und da man nicht immer nur Beschlüsse und Resolutionen treffen kann, deren Folgen dann von anderen zu tragen sind, schlage ich vor, die Österreichischen Greenpeacler gehen mit gutem Beispiel voran und begehen einen kollektiven und geordneten Selbstmord. Ein durchschnittlicher Einwohner in Kontinentaleuropa verursacht über eine durchschnittliche Lebenszeit von rund 77 Jahren betrachtet rund 20 Tonnen Kohlendioxid. Wenn also nur ein Mitglied von Greenpeace in Österreich einen Suizid begeht, dann werden dadurch, gerechnet auf ein durchschnittliches Mitgliedsalter von 35 Jahren, rund 10 Tonnen Kohlendioxid eingespart. Durch die Einsparung wird es (per Emissionshandel) möglich, dass 37000 Kenianische Bauern jährlich eine zusätzliche Tonne Äpfel produzieren und per Flugzeug zu Tesco Sandhurst transportieren (dazu Granatstein, o.J.). Ich meine, wenn es darum geht, die Umwelt zu schützen, dann sollte einem österreichischen Greenpeacler doch kein Einsatz zu groß sein – oder?

P.S.
Mir reichts. Ich gehe jetzt erst einmal Trauben aus Südafrika und Blaubeeren aus Ägypten essen!

Literatur
Granatstein, David (o.J.). How Big is the Fruit Growing Footprint?

Bildnachweis:
Uncyclopedia
The Macho Response

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Bubble Tea

Kulturelle Diffusion ist schon etwas Seltsames. So lange die kulturelle Diffussion in der von John W. Meyer (2005) und seinen Kollegen beschriebenen Weise funktioniert, solange “westliche Prinzipien die Welt” durchdringen, ist alles in Ordnung. Niemand findet etwas dabei, wenn z.B. Entwicklungshilfe mit kulturellem Imperialismus gekoppelt wird, wenn Entwicklungshilfe genutzt wird, um “demokratisches Wohlverhalten” in den Nehmerländern einzufordern. Entsprechendes hat seinen Niederschlag in einer Reihe von Standards und Verlautbarungen gefunden, die die Geschäftsordnung des Klubs der Geberländer, des DAC, darstellen[1]: Entsprechend ist es das Mantra von DAC-Ländern, Entwicklungshilfe konditional zu vergeben, d.h. die Hilfe wird mit Anforderungen an den Empfänger gekoppelt, die sich vornehmlich auf die Schaffung der Voraussetzungen für und die Einhaltung von Good Governance richten. Was unter der konditionalen Good Governance zu verstehen ist, wurde z.B. und unmissverstänlich in derAccra Agenda for Action bestimmt:

“Developing countries will systematically identify areas where there is a need to strengthen the capacity to perform and deliver services at all levels – national, sub-national, sectoral, and thematic – and design strategies to address them. Donors will strengthen their own capacity and skills to be more responsive to developing countries’ needs” (Accra Agenda, 2005, Art.14a). Wenig überraschend sind diese Aufgaben sowohl in der Accra Agenda als auch in der Paris Declaration der DAC-LÄnder in den Kontext der Prinzipien von Good Governance eingebettet, die die OECD (2005a) formuliert hat und als Voraussetzung für die Zuteilung von Mitteln der Entwicklungshilfe sieht. Dabei handelt es sich um:

  • Rule of law; gleiche und konsequente Anwendung des Rechts;
  • Accountability; Alle Entscheidungen und Handlungen einer Regierung müssen überprüfbar sein;
  • Transparency; Regierungen müssen Informationen zur Verfügung stellen, die es erlauben, ihre Entscheidungen und Handlungen zu bewerten;
  • Efficiency and effectiveness; Regierungen müssen kosteneffiziente Lösungen für ihre Bürger bereitstellen;
  • Responsiveness; Regierungen müssen in der Lage sein, sich schnell auf ein wechselndes Umfeld einzustellen;
  • Forward-vision; Regierungen müssen zukünftige Probleme antizipieren;

Vermutlich hätte so manche europäische Regierung Probleme, die hehren Grundsätze der Good Governance, die auf Entwicklungsländer übertragen werden, einzuhalten und wie es um die  Europäische Union im Hinblick auf z.B. Transparenz, Effizienz oder Responsivität steht, soll hier besser nicht untersucht werden. Wie dem auch sei: Die Richtung kultureller Diffusion ist eindeutig: Sie geht von Nord nach Süd, von West nach Ost und von entwickelten in weniger entwickelte Länder. Die Ideologie, die dahinter steht, ist auch eindeutig: Wir im Norden und Westen, wir entwickelten Länder haben den anderen etwas zu geben, von uns können sie etwas lernen. Umgekehrt ist das eher nicht der Fall.

Und weil man nicht vorsichtig genug sein kann, mit allem, was an kulturellen Erzeugnissen aus inferioren Ländern kommt, von esoterischen Spinnereien einmal abgesehen, wird jeder Kleinigkeit, die eine kulturelle Fremdheit in deutschen Landen darstellt, mit Argwohn, Misstrauen und mit dem Verdacht begegnet, dass es sich hier um einen Versuch fremder Ursurpation, fremder Infiltration des deutschen Volkskörpers oder, noch schlimmer Schädigung des deutschen Volkskörpers handele. Neuestes Beispiel einer fremdländischen Bedrohung: Bubble Tea.

Bubble Tea wird scheinbar in Deutschland gemocht, von (großen) Teilen der Bevölkerung und, schlimmer noch: von Kindern, und Bubble Tea wird von (großen) Teilen der Bevölkerung einfach so und bislang aus Behältnissen ohne Warnhinweis getrunken. Das kann so nicht bleiben, denn: “Trendgetränk Bubble Tea: Gesundheitsrisiko für Kleinkinder”, weiß das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), und die Grünen im Bundestag betrachten das “Modegetränk aus dem asiatischen Raum” mit Argwohn. Bubble Tea, d.h. grüner oder schwarzer Tee, dem Kügelchen aus Tapioka, so genannte popping bobas zugesetzt sind, die platzen, wenn man auf sie beißt, enthält Zucker! Und Zucker macht bekanntlich dick, jedenfalls ab einer bestimmten Menge. Entsprechend sehen die Grünen im Bundestag Bubble Tea als Ausgangspunkt einer Adipositas-Well ungeahnten Ausmasses, die uns die Chinesen schicken, um die deutsche Wirtschaftskraft zu untergraben, quasi durch Vermehrung individuellen Fettgewebes. Und: Gipfel der Infamie: Bubble Tea kommt gleich noch mit einer “Erstickungsgefahr für Kleinkinder, die die Stärkekügelchen einatmen können” oder wie das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt: “Insbesondere bei Kindern bis zum Alter von vier Jahren besteht die Gefahr, dass sie versehentlich Fremdkörper in die Lunge verschlucken … Und genau das kann passieren, wenn Bubbles mit einem Strohhalm eingesaugt werden. Nach Einschätzung des BfR sind solche Fälle vorhersehbar”. Nur dumm, dass es sie bislang noch nicht gibt, denn: “Bislang sind dem BfR keine Apsirationsunfälle [Verschlucken von Bubbles in die Lunge] durch Bubble Tea gemeldet worden”. Aber man kann ja schon einmal Hysterie verbreiten, darin sind das Bundesamt und die Grünen offensichtlich Meister. Und wie immer wenn es um Hysterie geht, geht es um das Wohl von Kleinkindern, dann macht die Hysterie erst richtig Spass.

Die Bubblegefahr, soll laut BfR durch einen Warnhinweis auf dem Bubblebecher gebannt werden, Marke: “Bubble Einatmen in die Lunge verboten, Eltern haften für Ihre Kinder”. Und angesichts dieser neuesten Welle von Nachwuchs-Schädigungs-Vermeidungshysterie kann man sich ungefähr vorstellen, was als nächstes kommt.

  • Warnhinweise an Autotüren: Questschungsgefahr für Extremitäten – insbesondere von Kleinkindern
  • Warnhinweise auf Schwarzbrot: Erstickungsgefahr durch harte Krusten – insbesondere für Kleinkinder
  • Warnhinweise auf Handys: Strahlung und deshalb Krebsgefahr – insbesondere für Kleinkinder
  • Warnhinweise auf Alkohol: Gefahr des Verlusts von Hirnzellen – insbesondere für Kleinkinder
  • Warnhinweise auf Bällen: Gefahr von Prellungen und Verstauchungen – insbesondere für Kleinkinder
  • Warnhinweise auf Einzelkirschen: Enthält Steine – aktute Erstickungsgefahr – insbesondere für Kleinkinder
  • Warnhinweise auf Lutschern: Adipositas lauert – insbesondere für Kleinkinder
  • Warnhinweise an Grundschul- und Kindergartengebäuden: Hohe Lärmbelastung (Geschrei) und damit einhergehend,  Gefahr des Verlustes (eines Teils) der Hörfähigkeit – insbesondere für Kleinkinder
  • Warnhinweise auf Kinderbüchern: Quetschgefahr für Finger – insbesondere für Kleinkinder – aber das hatten wir schon

Die politischen Parteien und öffentlichen Ämter, in ihrem allumfassenden Ansinnen, ihre eigene Existenz zu legitimieren, indem sie das Leben anderer vor eingebildeten Gefahren schützen, sind zwar einen weiteren Schritt auf dem Weg in den Regulierungswahnsinn gegangen, aber die Warnbeispiele, die ich gegeben habe, werden dennoch nicht umgesetzt werden, denn: Die meisten der benannten Gegenstände werden zumindest auch in Deutschland produziert, sind Güter aus deutschen Landen und nicht importierte Moden “aus dem asiatischen Raum”. Nur wenn es darum geht, den deutschen Volkskörper vor fremden Einflüssen zu schützen, die sich schädlich auswirken, dann sind deutsche Politiker und Behörden hellwach und setzen den letzten der Punkte des Good Governance Kodex’ mit größtmöglichem Eifer um: “Forward-vision: Regierungen müssen zukünfige Probleme antizipieren”. Dass dabei regelmäßig eine Hysterie herauskommt, muss eben in Kauf genommen werden, und außerdem geht mit jeder neuen Schutzmaßnahme ein kleines Stück Kontrolle einher, Kontrolle des individuellen Lebens der Bürger und dafür nimmt man gerne in Kauf, etwas hysterisch zu sein.

Abschließend sei noch bemerkt, dass Bubble Tea nicht gleich Bubble Tea ist und dass entsprechend die Kalorien, die pro Tea aufgenommen werden, eine erhebliche Bandbreite aufweisen. Das mag für Grüne neu sein, dass Dinge variieren, aber es ist so, entsprechend gibt es Bubble Teas mit 75Kcal pro 0.33l und Bubble Teas mit deutlich mehr Kalorien. Das ist wie beim deutschen Apfelsaft, liebe Grüne, je nach Zuckerzusatz enthält er mehr oder weniger Kalorien. Aber natürlich kann ein Kleinkind an deutschem Apfelsaft nicht ersticken, wie an Bubble Tea, allerdings: Da dem Bundesamt keine Fälle des Erstickungstods durch Bubble Tea bekannt sind, ist die Wahrscheinlichkeit für Kleinkinder an Apfelsaft zu ersticken, ebenso hoch, wie die Wahrscheinlichkeit an Bubble Tea zu ersticken. Ein klarer Fall: Warnhinweis auf Apfelsaft!

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[1]             Das DAC [Development Assistance Committee] ist bei der OECD angesiedelt und bestimmt für rund 95% der Entwicklungshilfe, die Modalitäten unter denen die entsprechende Entwicklungshilfe erfolgt. Die Modalitäten sind z.B. der „Paris Declaration on Aid Effectiveness“ und der Accra Agenda for Action niedergelegt und fanden Eingang in die DAC Principles for Evaluation of Development Assistance; Dazu: OECD (2008a, 2008, 2005).

Literatur

Meyer, John W. (2005)(Hrsg). Weltkultur. Wie westliche Prinzipien die Welt durchdringen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

OECD [Organization for Economic Cooperation and Development] (2010). Perspectives on Global Development. Paris: OECD.

OECD [Organization for Economic Cooperation and Development] (2008). Accra Agenda for Action. Paris: OECD.

OECD [Organization for Economic Cooperation and Development] (2008a [1991]). DAC Principles for Evaluation of Development Assistance. Paris: OECD.

OECD [Organization for Economic Cooperation and Development] (2005). The Paris Declaration on Aid Effectiveness. Paris: OECD.

OECD [Organization for Economic Cooperation and Development] (2005a): Governance in China: China in the Global Economy. Paris: OECD.

Bildnachweis:
Bubble Tea
Rotwanglabs

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Ute Scheub klärt auf: Das Patriarchat

Ich gebe zu, nachdem ich das, was Ute Scheub da zu Papier gebracht hat, gelesen habe, war ich sprachlos. Zum Glück hält ein solcher Zustand bei mir nicht lange an, und deshalb können sich die Leser dieses blogs in den folgenden Zeilen ein Bild von dem machen, was mich sprachlos gemacht hat. Um auch gleich alle Unvoreingenommenheit bei Lesern zu tilgen: Sprachlos hat mich der absolute und konsistente Unsinn gemacht, der da von Zeile zu Zeile entwickelt wird. Die Konsistenz ist das, was die Sprachlosigkeit in erster Linie produziert. Die meisten, die Unsinn reden, merken an einem Punkt, dass sie sich in etwas Hineingeredet haben und sind dann entweder ruhig, versuchen, den Unsinn zu relativieren oder geben schlicht zu, dass das jetzt Unsinn war. Nicht so Ute Scheub. Sie nimmt ihre Leser auf eine gnadenlose Reise durch alle Schattierungen von Unsinn mit, bis zum bitteren, unsinnigen Ende.

Der Beitrag von Ute Scheub hat mich an das Buch “Asylums: Essays on the Social Situation of Mental Patients and other Inmates”  von Erving Goffman erinnert (Goffman & Helmreich, 2007) und an eine ethnomethodologische Studie von Harold Garfinkel, auf die ich hier schon zu sprechen gekommen bin. Die Crux der Arbeiten von Goffman und Garfinkel besteht darin gezeigt zu haben, dass Insassen in Irrenanstalten ausgehend von einer falschen Prämisse eine perfekt rationale Welt zusammenbauen und nur aufgrund der “irren Prämisse”, die am Anfang ihres Gedankengebildes steht, von der “normalen Außenwelt” unterschieden werden können. So ist ein Insasse davon überzeugt, von CIA und FBI verfolgt zu werden, und alle seine irren Handlungen können vor diesem Hintergrund erklärt werden, machen vor diesem Hintergrund Sinn.

Die Prämisse, die Ute Scheub uns in ihrem Text zumutet, und auf die sie ihren ganzen Text gründet, lautet: Es gibt ein Patriarchat, eine gewaltsame Männerherrschaft und unter dieser gewaltsamen Männerherrschaft leiden nicht nur Frauen, sondern auch “immer mehr” Männer. Auch wenn Dr. habil. Heike Diefenbach unumstößlich und ein für alle Mal gezeigt hat, dass es das “Patriarchat” nicht gibt, nie gegeben hat und auch kein Wissenschaftler, der diese Bezeichnung mit einigem Recht und mit Stolz trägt, den Begriff des Patriarchat benutzen will, will ich an dieser Stelle, quasi in Reminiszenz an ethnomethodologische Forschungen Frau Scheub den Gefallen tun und ihre Prämisse an dieser Stelle einmal hinnehmen, schon aus darstellerischen Zwecken. Und nun bitte ich die Leser, sich anzuschnallen, denn ich gedenke nunmehr ein Stakkato von Sätzen folgen zu lassen, die “die Erkenntnisse” von Frau Scheub darüber zusammenstellen, was alles Furchtbares aus dieser Prämisse der Existenz des furchtbaren Patriarchats folgt:

  1. Männerherrschaft führt dazu, dass Männer ein verkürztes, stressiges, schlechtes Leben haben, kürzer als das Leben von Frauen.
  2. Das Patriarchat wird gestützt von einer kleinen Gruppe von Topmachos, die Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Militär einnehmen, sich einen “ganzen Stall von Geliebten halten” und ihre Position über Seilschaften abstützen.
  3. “Vielen Männern sind diese Zusammenhänge aber überhaupt nicht klar…. Patriarchalische Strukturen sind untrennbar mit Macht und Herrschaft verbunden”.
  4. Die schlimmsten unter den Männerherrschern sind Maskulisten. Sie “sprechen an Stammtischen dem Alkohol offenbar so gerne zu, dass sie die Kanzlering nicht nur doppelt, sondern zigfach sehen”, und sie sind rechtspopulistisch oder rechtsradikal. Das hat Hinrich Rosenbrock geschrieben.
  5. “Männer”, also nicht die Männerherrscher, die anderen Männer, leiden unter Rollenzwängen und manchmal mörderischer “innermännlicher Konkurrenz” (gemeint ist inter-männerlicher).
  6. Viele Männerherrscher sind auch nicht in Spitzenpositionen, sondern im Knast, und dort vergewaltigen sie andere Männer und: “Nichts ist für das Patriarchat bedrohlicher zu thematisieren als die Vergewaltigung von Männern durch Männer”.
  7. “Staaten verolgen eine friedliche Außenpolitik, wenn viele Frauen in ihren Parlamenten vertreten sind, wenn diese schon lange das Wahlrecht haben, wenn ein hoher Prozentsatz von ihnen bezahlt arbeitet und die Geburtenrate niedrig ist”.
  8. Das Patriarchat macht wütend, aggressiv, gewalttätig unglücklich, krank und dick – Letzteres aufgrund von Frustessen. Dort aber, wo Frauen gestärkt werden, leben auch Männer besser”

Ja. Kurze Pause zum Verdauen, und wer ein Bier trinken will, kann ruhig eines trinken, der Rest des Textes läuft nicht weg.

Nun, was macht man mit einer derartigen Ansammlung von Unsinn? Ich habe mich, wie die Ziffern in der Aufzählung oben zeigen, dazu entschlossen, die “message” von Frau Scheub Schritt für Schritt zu besprechen. Hier ist das Ergebnis:

  1. Man nehme einen Begriff, der angeblich die gesellschaftliche Wirklichkeit beschreibt, sagen wir: Demokratie anstelle von Männerherrschaft. Niemand wird bestreiten, dass Deutschland eine Demokratie ist. Dennoch sterben Männer in Deutschland im Durchschnitt (der Durchschnitt ist wichtig, Frau Scheub, denn manche Männer werden älter als manche Frauen) früher als Frauen. Also wirkt sich Demokratie negativ auf die Lebenserwartung von Männern aus. Im absolutistischen Zeitalter wurden Männer im Durchschnitt älter als Frauen, also will ich meinen König wieder. Jetzt könnte man einwenden, dass im absolutistischen Zeitalter das Kindbettfieber Frauen dahingerafft hat, noch bevor sie Zeit hatten, alt zu werden. Genau! Und heute haben Männer aufgrund der Tatsache, dass sie Berufe ausüben, die sich negativ auf die Lebenserwartung auswirken, eine geringere Lebenserwartung. Das hat wenig mit Männerherrschaft, aber viel mit Familien, die gefüttert werden wollen, zu tun. Nur am Rande sei bemerkt, dass die Männerherrschaft, von der uns Frau Scheub erzählt, offensichtlich Männer negativ beeinflusst, Frauen dagegen positiv, denn die Männerherrschaft rafft “die Männer” frühzeitig dahin, während “die Frauen” lustig bis ins hohe Alter leben. Ist halt ein Widerspruch, aber, da es Frau Scheub nicht interessiert, ob sie Widersprüche produziert oder nicht, soll uns das auch nicht weiter stören.
  2. Die Topmachos und ihr Stall voller Geliebter sprechen eigentlich für sich, aber ich muss dennoch die Frage stellen, woher Frau Scheub ihre Erkenntnis hat: Gehört Sie in den beschriebenen Stall? Hat Sie eine Umfrage unter Topmachos gemacht? Konnte Sie eine Seilschaft infiltrieren und unerkannt unter die Topmachos aufsteigen? Fragen über Fragen.
  3. Dass die Zusammenhänge vielen Männern nicht bekannt sind, macht nichts, denn es gibt ja Ute Scheub, die uns darüber aufklärt, dass ein Begriff wie Patriarchat, der als Form der Herrschaft definiert ist, untrennbar mit Herrschaft und Macht verbunden ist. Das hat in etwa den Erkenntniswert, den die Feststellung hat, dass Gesetze etwas mit Rechtssetzung zu tun haben. Es wäre eher verwunderlich, wenn von einem Begriff mit eindeutiger Defnition, sagen wir Intelligenz, behauptet würde, er habe nichts mit Dummheit zu tun.
  4. Maskulisten und Rosenbrock… Ich habe keine Lust mehr, mich zu dieser Magisterarbeit zu äußern. Dazu ist alles gesagt. Daher nur der Einwurf: Es zeichnet einen Journalisten aus, dass er seine Quellen prüft und nicht einfach zusammenklaubt, was ihm in die Finger kommt. Insofern, darf ich an dieser Stelle wohl und begründet feststellen, das Frau Scheub sich nicht als Journalist qualifiziert.
  5. Männer gibt es als Männerherrscher und als Männerbeherrschte. Erstere sind schlecht, letztere sind arm und gut. Aber weil Letztere eigentlich gerne Erstere sein wollen, halten sie sich an Rollenvorstellungen und begeben sich in mörderische Konkurrenz, z.B. im Sportverein. Ja, so ist das.
  6. Neben den Männerbeherrschern und den Männerberherrschten gibt es noch Männergefangene, die in Gefängnissen sitzen und in gefangene Männerbeherrscher und gefangene Männerbeherrschte unterschieden werden. Und weil das noch nicht reicht, vergewaltigen gefangene Männerbeherrscher die gefangenen Männerbeherrschten und vermutlich sind die Männerbeherrscher in Freiheit schuld, denn sie haben die gefangenen Männerbeherrscher in die Gefängnisse geschickt und auf die sich dort schon befindlichen gefangenen Männerbeherrschten gehetzt. Was aber, wenn ein Beherrschter einen Beherrscher dazu bringt, ihn zu vergewaltigen? Wird dann der Beherrschte zum Herrscher, und der Herrscher degeneriert zum Beherrschten, und in welchem Verhältnis stehen gefangene Männerbeherrscher zu beherrschten Männern in Freiheit? Wieder: Fragen über Fragen.
  7. Das mit den Staaten, den friedlichen Staaten, gefällt mir besonders gut, denn die geringe Fertilität, das Wahlrecht für Frauen (übrigens das Ergebnis des Ersten Weltkriegs), die Erwerbsbeteiligung von Frauen und die sichere Etablierung von Frauen im öffentlichen Leben sind das Ergebnis des Kapitalismus, und ich hätte nicht gedacht, dass Frau Scheub eine glühende Verfechterin des Kapitalismus ist. So kann man sich irren. Aber vermutlich weiß sie das gar nicht, so wie die vielen Männer, die nicht wissen, dass sie von andern Männern und deren Patriarchat unterdrückt und geschädigt werden.
  8. Adipositas wegen dem Patriarchat. Das ist gut. Vermutlich merken die Leser, dass ich zwischenzeitlich wirklich jeden Versuch aufgegeben habe, diesen Unsinn ernsthaft zu besprechen. Ich muss zugeben, das überfordert mich. Ich habe ein Quantum von Unsinn, das ich vertrage, ist es überschritten, dann sehe ich mich berechtigt, to make fun of it: Das Patriarchat führt also zu Adipositas, wegen Frustessen, vermutlich bei den Männerbeherrschten… Mir scheint, Frau Scheub, Inhaberin intimer Kenntnisse über Geliebtenställe von Topmachos und Kennerin der Vergewaltigungskultur in Zuchthäusern, ist hier einem wirklichen Problem auf der Spur, nämlich der wirklichen Erklärung von Adipositas. Frustessen wegen Patriarchat, das muss es sein. Und deshalb müssen wir das Patriarchat abschaffen, damit wir lauter schöne, schlanke Menschen haben… Warum erinnern mich Frau Scheub und ihre Phantasien nur an Leni Riefenstahl?

Nun noch ein ernsthafter Abschluss. Man kann Unsinn, wie den von Frau Scheub eigentlich nicht ernstnehmen. Aber man muss ihn ernstnehmen, denn der darin zum Ausdruck kommende Kollektivismus, bei dem Individuen in in der Regel nicht mehr als zwei Gruppen eingeteilt werden (damit man gut und böse zuordnen kann), denen dann eindeutige und von allen geteilte Eigenschaften zugewiesen werden können, ist die Grundlage von Faschismus, Faschismus, der sich vornehmlich durch eine unglaublich einfache Welt auszeichnet, die z.B. von bösen Topmanagern und guten Frauen, von vergewaltigten Männern und deren Vergewaltigern bevölkert ist. Und immer kommt mit der Einteilung eine Bewertung einher und natürlich, denn wir leben nicht in den 1930er Jahren, der gezähmte Aufruf, das Übel an der Wurzel zu packen, also das Patriarchat zu beseitigen, das allem zu Grunde liegen soll und eigentlich doch nur aus “Topmachos” besteht. Und da das Patriarchat ein Hirngespinnst ist, das es auch bei wiederholter Beschwörung nicht gibt, bleiben nur die Topmachos übrig, wenn es darum geht, das Patriarchat zu beseitigen. Ist auch einfacher, denn Individuen kann man einfach abholen und einsperren und umerziehen oder eliminieren, wenn sie partout nicht einsehen wollen, was gut für sie ist, aber hatten wir das nicht schon einmal?

P.S.

Frau Dr. habil. Heike Diefenbach hat den Gedanken entwickelt, dass hinter den Topmachos Horden von Frauen stehen, die sie dazu bringen, sie als Geliebte in Ställen zu halten. Folglich sind es nicht die Topmachos, die alles Böse dieser Welt zu verantworten haben, sondern die hinter ihnen stehenden Ställe voller Geliebter. Daher sind die Geliebten aus den Ställen in entsprechende Umerziehungslager zu überführen, und sind die Topmachos erst einmal ohne ihre Geliebtenställe, dann sind sie ganz nette und nicht-patriarchalische Männer.

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Anne Jenter, GEW, klärt über Bildung auf Mädchentoiletten auf

Manche Pressemeldungen jagen einem einen Schauer über den Rücken, nicht, weil sie einen “thrilling content” hätten, sondern weil sie nur so vor Unsinn triefen. Eine solche Pressemeldung, die eine feine Linie zwischen Täuschung und Unsinn beschreibt, hat die “Bildungs”gewerkschaft GEW am 11. Oktober veröffentlicht, und zu verantworten hat die entsprechende Pressemeldung Anne Jenter. Anne Jenter ist den Stammlesern dieses blog vermutlich noch in Erinnerung, ist Sie doch diejenige, die die Hauptverantwortung für die unsägliche “Expertise” von Thomas Viola Rieske trägt, in der die Bildungsnachteile, die Jungen nun einmal nachgewiesener Maßen und für jeden, der über einen normalen Wahrnehmungsapparat verfügt, nachvollziehbar haben, in Abrede gestellt und mit einer Mischung aus krauser Argumentation und haarsträubenden methodischen Fehlern versucht wurden, aus der Welt zu reden.

Ich habe mich damals schon gefragt, was das Interesse einer “Bildungs”Gewerkschaft daran sein kann, die Realität anders darzustellen als sie ist, und mit mir haben sich mehrere Hundert Leser dieses blog diese Frage gestellt und eine entsprechende Mail an Frau Jenter geschickt. Zudem hat eine Reihe von Wissenschaftlern sich in einem Offenen Brief gegen den Versuch der Frau Jenter, Wissenschaft als Deckmäntelchen zur Veröffentlichung absurder Inhalte zu missbrauchen, um diesen damit Legitimation zu verschaffen, gewendet. Beides, die mehreren Hundert Emails und der Offene Brief haben keine Reaktion erfahren. In den Hallen der GEW redet man offensichtlich gerne über andere Menschen, aber nicht so gerne mit anderen Menschen, schon gar nicht, wenn Letztere Kritik üben und Frau Jenter genötigt wäre, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Mit Verantwortung hat sie es offensichtlich nicht so gerne zu tun.

Dafür produziert sie gerne Pressemeldungen, am liebsten solche, in denen man die Nachteile, Benachteiligung (so genau nimmt man das bekanntlich nicht, denn es wird schon das eine oder andere zutreffen) oder doch zumindest die furchtbare Lage beklagen kann, in der sich Mädchen und Frauen angeblich befinden. Und weil das in Deutschland nicht mehr so einfach möglich ist, seit es eine Reihe von Autoren und blogs gibt, die die entsprechenden Behauptungen mit der Realität konfrontieren, hat sich der Kampf gegen alles Schlechte und Furchtbare was  Mädchen und Frauen angetan wird, in die Entwicklungsländer verlegt, die schon seit jeher der liebste Tummelplatz von Gutmenschen aller Art und von Stellvertreterkriegen gewesen sind. Das hat schon Charles Dickens verägert und ihn zur Schaffung der Figur der Mrs. Jellyby veranlasst. die in der englischen (!) Wikipedia als “telescopic philanthropist” obsessed with an obscure African tribe but having little regard to the notion of charity beginning at home” beschrieben wird, womit auch schon alles gesagt ist, was es über die menschlichen Qualitäten von Mrs. Jellyby zu sagen gibt.

Doch zurück zu Frau Jenter. Frau Jenter hat den Welt-Mädchentag (vermutlich herbeigesehnt und) zum Anlass genommen, eine Pressemeldung in die Welt zu setzen, die mit “Mädchen- und Frauenrechte ins Zentrum der Entwicklungspolitik stellen” überschrieben ist. In dieser Pressemeldung lernen wir Erstaunliches:

“Noch immer”, so heißt es mit Bezug auf das, was Frau Jenter wohl gesagt hat, “werde insbesondere Mädchen das universale Menschenrecht auf Bildung verwehrt. In Guinea Bissau würden beispielsweise 53 Prozent der Jungen, aber nur 37 Prozent der Mädchen eingeschult. In Pakistan besuchten 74% der Jungen die Grundschule, aber nur 57 Prozent der Mädchen. In Niger und Tansania gingen weniger als zehn Prozent der Mädchen zu einer weiterführenden Schule.”

Schulgebäude in Guinea-Bissau

Wir leben in einer schockierenden Welt. Da haben gute Menschen wie Anne Jenter beschlossen, dass es ein universales Menschenrecht auf Bildung gibt und was passiert? Ungleichverteilung passiert. Mädchen und (ja, auch) Jungen werden nicht eingeschult. Afrikaner (und Asiaten) halten sich nicht an das, was Frau Jenter als universales Menschenrecht beschlossen hat. Genau handelt es sich um Menschen in den Ländern Guinea Bissau, Niger, Pakistan und Tansania, die sich nicht daran halten, und das obwohl zumindest Tansania als ehemalige deutsche Kolonie doch nun wirklich genug deutsches Wesen in sein kollektives Bewusstsein inkorporiert haben sollte. Aber lassen wir das und fragen uns auch nicht, warum ausgerechnet Guinea Bissau, Niger, Pakistan und Tansania und nicht die Kapverdischen Inseln, Burundi, Vanatu und Laos die Aufmerksamkeit von Frau Jenter erregt haben.

Schulgebäude in Niger

Statt dessen sollen die folgenden Anmerkungen genügen. Es ist immer wieder überraschend wie Gutmenschen über Leichen gehen, wenn sie ihre “guten” Verbaltaten verrichten. In all den Ländern, von denen Frau Jenter so eingenommen ist, werden nicht alle Jungen und nicht alle Mädchen eingeschult. Die Zahlen vaiieren nach Angaben der Weltbank zwischen 62% der Kinder, die in Niger eingeschult werden und 98% der Kinder in Tansania, wo übrigens mehr Mädchen als Jungen eingeschult werden. Allein in Pakistan werden 1.8 Millionen Jungen und 3.2 Millionen Mädchen nicht eingeschult. Also: mehreren Millionen Jungen wird das Jentersche Universalrecht auf Bildung verwehrt. Aber was sind schon ein paar Millionen Jungen, wenn es um die Nachteile von Mädchen geht? Nein, all das interessiert die Kämpferin gegen Nachteile von Mädchen nicht. Sie sucht nach Ungleichverteilung und findet, dass weniger als 10% der Mädchen in Niger und Tansania eine weiterführende Schule besuchen. Das ist wenig erstaunlich, denn in beiden Ländern ist der sekundäre Bildungssektor nahezu nicht existent, und der Anteil der Jungen, die in Niger eine weiterführende Schule besuchen, ist auch nicht höher als der der Mädchen. Wie es sich mit Jungen und Mädchen auf weiterführenden Schulen in Tansania verhält, ist offen, denn bei der Weltbank gibt es für den Besuch weiterführender Schulen in Tansania keine Zahlen. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen der Weltbank, die von der UN zur Führung der zentralen Datenbank beauftragt wurde, in der u.a. die zentralen Daten für Bildung in den Ländern der Erde zusammengetragen werden, sich mit Frau Jenter, die offensichtlich eigene Zugänge zu Datenmaterial hat, in Verbindung setzen.

Aus all dem lernen wir, dass es notwendig ist, Prioritäten zu setzen, die Mädchen und Frauen fördern:

“Der deutschen Entwicklungszusammenarbeit … fehlt es an einer klaren Prioritätensetzung für Mädchen- und Frauenrechte. ‘So müsse etwa bei Schulausbau-Förderprogrammen für sog. Entwicklungsländer strikt auf nach Mädchen und Jungen getrennte Toiletten geachtet werden.”

Schulgebäude in Tansania

Ok, Ihr Leute in Tansania und Niger und Guinea Bissau: Ihr habt zwar in der Regel keinen Zugang zu sauberem Wasser, aber wir werden euch mit Mädchentoiletten beglücken, denn Mädchentoiletten sind der Anfang aller Frauenrechte und noch wichtiger: Der Anfang von Bildung. Nur mit (oder auf?) Mädchentoiletten kann Bildung gelingen. Wie klein die geistige Welt mancher Deutscher doch ist. Ich will nur einmal darauf hinweisen, dass es – bis Frau Jenter angefangen hat, Toiletten nach Geschlecht einzuteilen – in den meisten “Buschschulen” schlicht Toiletten gab (wenn überhaupt). Aber Toiletten, auf denen kein Symbol vorhanden ist, sind nach Ansicht von Frau Jenter Jungentoiletten, und deshalb müssen neue Mädchen-Toiletten daneben gestellt werden (Die Antrozentriertheit von Frauen wie Anne Jenter ist immer wieder erstaunlich). Das wird natürlich Folgekosten haben, wenn die Mädchentoiletten Schule machen und deren Einbau in Häuser und Hütten in Guinea Bissau, Tansania, Niger und Pakistan, die bislang noch gar keine Toilette haben, gefordert wird … nachdem das Problem mit der Wasserversorgung geklärt ist, versteht sich. (Was das ganze für deutsche Wohnungen, in denen es in der Regel auch keine nach Geschlecht getrennten Toiletten gibt, bedeutet, ist derzeit nicht absehbar. Und was heißt das für Frau Jenter und ihren Mann, sofern sie einen hat? Teilen beide eine Toilette, verirren sich zeitweise auf einen vom anderen Geschlecht inkubierten Klodeckel und wenn ja, in welchem Zusammenhang steht die gemeinsame Toilettennutzung mit der Bildung von Frau Jenter? In der von ihr angedachten?)

Schule(ohne)gebäude in Pakistan

Aber: Mit Mädchentoiletten werden alle Bildungsprobleme gelöst. Wie einfach es doch ist, Bildungsungleichheiten zu beseitigen. Vielleicht sollte man in Deutschland daran denken, Migranten- und Unterschichtstoiletten an Gymnasien zu fordern, um auf diese Weise die Nachteile von Migranten und Kindern aus der Unterschicht auszugleichen, die sie haben, wenn es um den Besuch weiterführender Schulen geht. Wie man trotz  nach Geschlecht getrennter Toiletten an deutschen Schulen, die Nachteile von Jungen bei der Schulbildung erklären kann, bleibt allerdings ein Rätsel (Vielleicht gibt Frau Jenter deshalb Expertisen in Auftrag, die diesen Fakt wegreden oder wegphantasieren sollen). Schließlich ist es überraschend, wie wenig tolerant Frau Jenter gegen  geschlechtsneutrale Toiletten ist. Ich meine, gerade haben Hessische Richter entschieden, dass Mädchen den Anblick fast nackter Jungenkörper beim Schulschwimmen zu ertragen haben, schon um kulturelle Besonderheiten zu lernen, da wird doch die GEW nicht plötzlich das Potential für geschlechtsübergreifende Kulturschaffung brachliegen lassen, das in der Nutzung einer Toilette durch beide Geschlechter steckt. Immerhin erfolgt die Nutzung ja nacheinander und alle Verrichtungen finden hinter geschlossener Tür statt…

Und zum Abschluss noch das Bonmot der Pressemeldung: “Frauen seien die Trägerinnen einer positiven Entwicklung in den ärmsten Ländern der Welt”. Warum sind die entsprechenden Länder dann noch arm? Nein, ich will ernst bleiben. Ich teile die Meinung von Frau Jenter und fordere daher, vor allem Frauen in Positionen bei Stiftungen, Parteien und Gewerkschaften in Deutschland durch weibliche Hoffnungsträger aus den ärmsten Ländern der Welt zu ersetzen. Ich will auch mal Hoffnung und eine positive Entwicklung und sei es nur, weil man sich dann die Einrichtung getrennter Toiletten gespart hat.

Bildnachweis
Women’s Federation for Peace International
Poverty Action Lab
Old Scholar Aid

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Jürgen Trittin

Die folgende Sequenz aus der Plenardebatte vom Freitag im Deutschen Bundestag hat mir Andreas Rheinhardt zugeschickt, dem ich hiermit ausdrücklich meine Bewunderung dafür ausdrücke, dass er sich offensichtlich durch die Protokolle von Plenarsitzungen liest – eine schlimmere Form der geistigen Folter kann ich mir kaum vorstellen. Apropos vorstellen, zuweilen stellen wir uns beim Frühstück vor, was wohl Wissenschaftler in, sagen wir 500 Jahren, sagen, wenn sie z.B. durch Zufall über Protokolle aus dem Deutschen Bundestag stolpern. Wenn diese Wissenschaftler mit dem folgenden Beleg einer – mir fallen einfach keine Worte ein, die dem angemessen Rechnung tragen, deshalb belasse ich es bei: eher dem geistigen Horizont eines (nach eigener Einschätzung) weniger Begabten entsprechenden Äußerungen konfrontiert werden, dann streiten sie vermutlich darüber, ob das Dokument echt ist, wenn es echt ist, ob man dann die 2000er Jahre als dunkles Zeitalter für Rationalität ansehen muss und darüber, ob Demokratie zwangsläufig in ein geistiges race to the bottom münden muss. Aber, das ist Musik von morgen, heute will ich die Leser nicht länger auf die Folter spannen, und sie mit dem traktieren, was mir Andreas Rheinhardt gestern zugeschickt hat. Es folgt ein Protokoll aus der Plenarsitzung vom Freitag, den 9. November 2012.

vorläufiges Stenoprotokoll: Videoaufzeichnung (ab 58:00).


Es spricht Jürgen Trittin BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Es herrscht in Deutschland Fachkräftemangel. Was tun Sie? Sie schaffen einen ökonomischen Anreiz, gut ausgebildete Frauen vom Arbeitsmarkt fernzuhalten.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Mädchen sind besser in der Schule.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Frauen haben die besseren Abschlüsse.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Die Merkel-Koalition will, dass diese Frauen zu Hause bleiben.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Sie, Frau Merkel, wollen doch den Skandal fortsetzen: Sie wollen, dass das begabtere Geschlecht weiterhin ein Viertel weniger verdient als wir Männer. Das ist fatal. [...]

Kathrin Vogler (DIE LINKE):
Herr Trittin, Sie haben mich und meine Geschlechtsgenossinnen unumwunden als das begabtere Geschlecht bezeichnet. Ich wüsste sehr gerne, welchen Begabungsbegriff Sie zugrunde legen und ob Sie Männer tatsächlich für weniger lern- und bildungsfähig halten als Frauen und Mädchen. (Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Michael Grosse-Brömer (CDU/CSU): Das ist eine interessante Frage! – Volker Kauder (CDU/CSU): Das ist doch ein Macho, der Trittin! Der übertrifft sogar noch Peer Steinbrück!)

Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Liebe Kollegin, der Empirie, die ich hier zitiert habe, muss man sich stellen. Die Wahrheit ist, dass im statistischen Durchschnitt junge Mädchen besser in der Schule sind als Jungen, dass sie die besseren Schulabschlüsse und auch die besseren Universitätsabschlüsse haben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der als Konsens gilt – nicht nur bei der FDP -, dass sich Leistung lohnen soll.

Wie, so habe ich mich gefragt, geht man mit einem solchen Unsinn um, wie stellt man sicher, dass auch der Urheber, obwohl nach eigener Ansicht, wenig begabt oder weniger begabt, das ist hier egal, versteht, welchen Unsinn er geredet hat? Nun, ich habe mich nach einiger Überlegung dazu entschlossen, das alte Lernkonzept der Linken auszupacken, das auf der Idee basiert, dass jeder von Natur aus genug (nicht gleich viel!) Fähigkeiten und “Begabung” mitbringt, um zu lernen und zu verstehen, wenn man es ihm nur didaktisch ausgefeilt darbietet. Entsprechend halte ich zunächst eine Rede:

Michael Klein, Fraktion “sane”:

Deutschland ist eine erfolgreiche Ökonomie!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Deutschland ist Exportweltmeister!
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Die deutsche Wirtschaft wurde kompetent durch die Wirren der Finanzkrise gesteuert!
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Dass die deutsche Wirtschaft kompetent durch die Finanzkrise gesteuert wurde, hat sie den Wirtschaftskapitänen am Ruder zu verdanken, denen, die rechtzeitig in Innovationen investieren, neue Märkte erschließen und neue Arbeitsplätze schaffen.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

Diese erfolgreichen Wirtschaftskapitäne, und ich beziehe mich hier auf die Zahlen der verehrten EU-Kollegin Viviane Reding,
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja!)

diese erfolgreichen Wirtschaftskapitäne, liebe Kollegen, sind zu 86,3% Männer, unterstützt von 77% Männern in den Aufsichtsräten der erfolgreichen Unternehmen.
(Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Nein!)

Und was wollen Sie, verehrte Kollegen? Sie wollen eine Frauenquote einführen. Sie wollen das Schiff der deutschen Wirtschaft auf Grund fahren. Sie wollen ein erfolgreiches Team durch den Import von weniger begabtem Humankapital zerstören. Das ist fahrlässig, schädlich und – schlimmer noch – mit Blick auf unsere Kinder, Kindeskinder und Kinder der Kindeskinder nicht zu rechtfertigen.

Mit Sicherheit, ist Jürgen Trittin nicht mit dem einvestanden, was ich da gesagt habe. Mit Sicherheit wird er darauf verweisen, dass es Strukturen in Unternehmen gibt, die nach seiner Ansicht Frauen davon abhalten, in Führungspositionen zu gelangen. Vielleicht wird er die zwischenzeitlich kaum mehr zu ertragende Mähr der Männerbünde, wie sie Feministen gerne bemühen, auftischen, vielleicht mit der längst widerlegten Behauptung, es gebe eine gläserne Decke, in jedem Fall wird er Variablen bemühen, die nach seiner Ansicht dafür verantwortlich sind, dass Frauen in Unternehmen nicht das Potential entfalten können, das er ihnen zuschreibt und von dem er nicht nur ausgeht, dass sie es haben, sondern dass sie es auch einsetzen wollen.

Im Hinblick auf Bildungsabschlüsse ist das für Trittin aber anders. Hier spiegelt die Verteilung der Abschlüsse keine Probleme der Struktur des Bildungssystems wider. Hier kommt plötzlich die Begabung ins Spiel, zu der ich mich weiter unten noch äußern werde. Schulen, so denkt Trittin ganz offensichtlich, sind Begabungs-Durchlauferhitzer. Die Schüler kommen mit 6 Jahren an den Toren von Schulen an und verlassen dieselben, ihrer Begabung entsprechend, mit 16 bis 18 Jahren, nachdem sie das in Schulen bereitgestellte Wissen willentlich aufgesogen haben. In Schulen gibt es keine Selektionsprozesse, wie sie von Bildungsforschern seit mittlerweile einem Jahrhundert beschrieben werden, es gibt keine Diskriminierung von Schülern, wie sie zwischenzeitlich fast regelmässig belegt wird, es gibt keine Mechanismen, sich missliebige Schüler durch Verweis auf Sonderschulen vom Hals zu schaffen. In Schulen herrscht die Trittinsche heile Welt, die es den Begabten erlaubt, ihre Begabung frei zu entfalten und sich von den weniger Begabten abzusetzen.

Wenn nun aber, wie Trittin so klassisch induktiv aus einer empirischen Verteilung ablesen zu können glaubt, allein die Begabung über den Erfolg im Bildungssystem entscheidet und wenn, darüber hinaus, wie Trittin vermutlich aus eigener Anschauung weiss, Begabung an das weibliche Geschlecht gekoppelt ist, vermutlich durch eine deterministische Verbindung des “Trittinschen-Begabungsgens” mit homozygoten Chromosomenpaaren, dann stellt sich die Frage, wieso die begabteren Schülerinnen erst seit rund 15 bis 20 Jahren die weniger begabten Schüler mit Blick auf die Bildungsabschlüsse überholt haben. Das Bildungssystem, Herr Trittin, kann hier keine Rolle spielen, das haben Sie ausgeschlossen. Entsprechend muss in den letzten Jahren eine Talent-Mutation stattgefunden haben, die den begabten weiblichen Schüler/Studenten an die Stelle des unbegabten weiblichen Schüler/Studenten gesetzt hat. Obwohl man Mutationen nicht ausschließen soll, und man sich bei manchen Personen des öffentlichen Lebens fragt, auf welcher Stufe der menschlichen Entwicklung sie anzusiedeln sind, kann man, glaube ich, den rustikalen Biologismus von Jürgen Trittin hier ausschließen, denn der schulische Erfolg ist ein soziales Faktum: Es sind Menschen, die die schulischen Leistungen von Menschen in von Menschen geschaffenen Institutionen bewerten. Damit menschelt es zu viel, als dass man sinnvoll annehmen könnte, hier seien ausschließlich biologische Determinanten am Werk.

Und noch ein Wort zur Begabung. Die biologische Fundierung von sozialen Zuschreibungen (und Bildungserfolg ist eine soziale Zuschreibung, ähnlich der Kriminalität, die auch eine soziale Zuschreibung und nichts Inhärentes, Angeborenes, Vererbtes darstellt) hat nach ihrer tausendjährigen Überhöhung zwischen 1933 und 1945 in Deutschland, insbesondere unter Linken keine weite Verbreitung gefunden. Dass sie nunmehr in Form einer höheren Begabung von Frauen wiederkommt, ist in einer staatlich feminisierten Gesellschaft nicht weiter verwunderlich, wenngleich es verwundert, dass ausgerechnet Linke in erster Reihe  stehen, um diesen Unsinn zu vertreten. Dies ist vor allem verwunderlich vor dem Hintergrund, dass es Linke, Arbeitervertreter waren, die für Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung und gegen Eliteschulen, die auf der Annahme, unterschiedlicher Begabung basieren, gekämpft haben (zumindest Frau Vogler erinnert sich noch daran). Aber so ist das im Leben, was die Arbeiter-Väter erkämpft haben, wird von den Mittelschichts-Söhnen aufgegeben, weil sie zum einen keine wirklichen Probleme im Leben kennen, die es zu beseitigen gilt, und weil sie zum anderen gerade auf einem Feldzug für das feministische Gute sind und dabei nicht von der Realität gestört werden wollen. Man könnte auch sagen, sie wissen nicht, wovon sie reden, und so gesehen, ist eingeschränkt richtig, was Jürgen Trittin behauptet: Manche Menschen sind weniger begabt als andere und in der Folge weniger intelligent, aber die Unterschiede machen nicht an Geschlechtergrenzen halt, wie abermals das Protokoll der Plenarsitzung belegt.

Epilog

Bislang tappen Bildungsforscher, wenn es darum geht, die schulischen Nachteile von Jungen zu erklären, weitgehend im Dunklen. Die wenigen Untersuchungen, die es in diesem Zusammenhang gibt, wie z.B. die Lau-Studie, deuten zwar auf eine aktive Benachteiligung von Jungen im deutschen Schulsystem hin, bedürfen aber, was die Mechanismen der Benachteiligung angeht, weiterer Forschung. Diese Forschung ist, nachdem uns Herr Trittin mit seiner höchst persönlichen Erkenntnis und noch dazu ungebeten beglückt hat, dringlicher denn je.

Es ist erfreulich, dass auch Grüne der Ansicht sind, in Deutschland herrsche das Leistungsprinzip. Das steht zwar in direkten Widerspruch zu den Quoten, nach denen die Grünen ihre (Vorstands-)Posten besetzen, aber was sind schon Widersprüche anderes als rationale Einsprengsel im Meer des affektiven Wahnsinns?

Bildnachweis:
Kriminalpolizei.de
We heart it
McHumor

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Karin Priesters Gebrabbel

boohSie sind ein…
Populist!
Antifeminist!
Rechtspopulist!
Libertärer!
Ethno-nationalistischer Fremdenfeind!
Rechtsextremist!
Faschist!
Neoliberaler!
BUUH!

Sind Sie jetzt erschreckt? Zusammengefahren? Fühlen Sie sich jetzt schlecht? Sind Sie am Ende in sich gekehrt und denken gerade darüber nach, was Sie in Ihrem Leben so alles falsch gemacht haben? Finden Sie sich nicht so recht wieder, in diesen Begriffen? Oder sind Sie am Ende jemand, der nicht an die Magie von Worten glaubt? Jemand, der nicht auf die affektive Konnotation reagiert, die mit Begriffen, wie den zitierten angesprochen werden soll, sondern der immer noch denkt, Begriffe seien erfunden worden, um Informationen zu transportieren und sich zu verständigen? Dann gehören Sie entweder nicht auf die linke Seite des politischen Spektrums, sind nicht modern oder sie hängen noch einer veralteten und vor-konstruktivistischen Kommunikationstheorie an.

Das Problem, dass Begriffe Informationen transportieren sollen, kennt Karin Priester nicht. Für Priester sind Begriffe Vehikel, die das transportieren, was sie gerade fühlt bzw. an affektiver Ladung über andere ausgießen will. Sie kennen Karin Priester nicht? Macht nichts. Ich kenne Karin Priester auch nicht. Dr. habil. Heike Diefenbach kennt sie nicht. Wir und fast alle die wir gefragt haben, hatten noch nie etwas von Karin Priester gehört. Aber Karin Priester scheint eine Anhängerschar in Wikipedia zu unterhalten, die immer wieder gerne auf einen Artikel zurückgreift, den Priester in APuZ veröffentlicht hat und den man immer dann gebrauchen kann, wenn man BUUH machen und Leser mit Begriffen erschrecken will.

Oh No!APuZ, das ist das Blättchen, das der Wochenzeitschrift “Das Parlament” beigelegt wird, und in dem eine wechselnde Schar von – wie auch immer ausgewählten – Autoren zu bestimmten Themen etwas schreiben darf. APuZ, Aus Politik und Zeitgeschichte, hat keinen wissenschaftlichen Anspruch wie man leicht der Tatsache entnehmen kann, dass selbst Karin Priester dort ein Forum findet. So hat sie im Heft 44/2010 einen mit “Fließende Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa?” überschriebenen Text veröffentlicht.

Man muss den Text nicht lesen. Er ist eine Ansammlung von Begriffen wie “ethno-nationalistische Fremdenfeindlichkeit”, “nationalsozialistische Traditionalisten”, “anti-Establishment Rhetorik” und so weiter. Der Text besteht geradezu aus derartigen Klassifizierungen, die Priester oder ein Autor, der das auch gesagt hat und den Priester zitiert, angemessen findet und mit denen er/sie BUHH machen, seine/ihre Leser erschrecken will und mit denen natürlich die so Bezeichneten als böse identifizieren werden sollen. Warum Priester die entsprechenden Benennungen angemessen findet, was damit beschrieben wird und warum es so beschrieben werden kann, wie es beschrieben wird, das alles bleibt Priesters Geheimnis, denn das, was einen ernstzunehmenden Text auszeichnet, die Nachvollziehbarkeit von Bewertungen, der Beleg mit Quellenmaterial, dies alles fehlt. Der Nachname, Priester, ist offensichtlich Programm (Es findet nicht einmal eine Doppelnamen-Relativierung statt).

blurred bordersDie fließenden Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, die Priester sieht, verlangen entsprechend nicht viel intellektuelle Fähigkeit, um bestimmt zu werden: Rechtsextremismus ist dann, wenn die Wähler einer Partei “unterdurchschnittlich gebildet sind” (35), rechtspopulistisch ist eine Partei dann, wenn sie in “ehemals linke Wählerschichten” eindringt (35). Das Weltbild von Priester ist recht schlicht: Die entsprechenden Wähler sind entweder dumm oder sie werden verführt, nur eines sind die entsprechenden Wähler von Parteien, die Priester rechtsextrem oder rechtspopulistisch findet nicht, Individuen mit eigenem Willen, die Respekt verdienen. Die Missachtung individueller Freiheit und das schlichte Weltbild von Karin Priester findet seine Verdichtung in dem im Folgenden zitierten Absatz:

RE [Rechtsextremismus] spricht unterdurchschnittlich formal gebildete Schichten an, mit denen sich das Bürgertum nicht gemein macht. Anti-Establishment-Protest artikuliert sich hier als Kampf für einen staatsfreien Kapitalismus. … In Deutschland findet er ein Forum in der Zeitschrift ‘eigentümlich frei’, die sich als ‘Marktplatz für Liberalismus’ versteht. Ihre ideologischen Leitfiguren sind Murray Rothbard und die Philosophin Ayn Rand, die Eigennutz und Egoismus moralphilosophisch als Tugenden legitimiert. Ziel ist die staatlich ungehinderte Nutzenmaximierung neuer ‘Leistungsträger’ in Finanz-, Marketing-, Management- und Akademikerkreisen oder im PR- und IT-Bereich. … Als ideologisches Bindeglied zwischen Libertarismus und RE fungiert der Sozialdarwinismus als Ideologie der naturgewollten Überlegenheit der Starken gegenüber den Schwachen, der Eliten gegenüber der Masse”.

Ich habe noch selten etwas gelesen, das mich mehr erheitert hat. Der Unsinn, der aus diesen Zeilen trieft, wird nur dadurch übertroffen, dass es dieselbe Priester ist, die sich auf mehreren Seiten über die dummen Wähler rechtzsextremer Parteien ausgelassen hat, die nunmehr beklagt, dass Libertarismus eine Herrschaft der Elite über der Masse propagiert und die Verbindung zwischen Ayn Rand und Rechtsextremismus findet Priester dann auch im Sozialdarwinismus, der für sie vermutlich nur ein anderes Wort für Eigennutz und Egoismus ist, in ihrer engen Welt auch nichts anderes als die Herrschaft der Starken über die Schwachen.

Aber anhand dieses Absatzes kann man einiges über Karin Priester lernen: Sie scheint zu egoman, oder sollte ich egoistisch sagen, um auch nur einen Moment lang auf die Idee zu kommen, dass das, was sie sich unter “Egoismus und Eigennutz” vorstellt, nicht das ist, was Ayn Rand damit bezeichnet. Priesters Streben nach Eigennutz und ihr Versuch, ihren eigenen ideologischen Nutzen zu maximieren, geht so weit, dass sie uns einen guten Einblick in ihre kleine Welt gibt, in der Freiheit gefürchtet wird, in der ein Kapitalismus ohne staatliche Umverteilung nicht vorstellbar ist, weil damit das Fundament der eigenen Heilslehre beseitigt wäre und der deutsche Mensch nicht mehr Sklave seines Staates, sondern umgekehrt, der Staat Dienstleister seiner Bürger wäre. Alles schreckliche Vorstellungen für staatsgläubige wie Priester.


Rand Virtue of Selfishness
Nun, was macht man mit derartigem Unsinn, mit einer Rabulistik, die vor lauter ideologischer Selbstsucht nicht bemerkt, dass Ayn Rand zwar im Titel eines Buches vom “virtue of selfishness” schreibt, dass dahinter aber ein (moral)philosophisches Gebäude steht, das mit Sozialdarwinismus ungefähr soviel gemein hat, wie Karin Priester mit Anstand? Hätte Priester etwas gemein mit Anstand, sie hätte mehr als einen Buchtitel von Rand gelesen. Aber für ideologisch geschlossene, dogmatische Persönlichkeiten, wie Milton Rokeach derartige Persönlichkeiten genannt hat, geht es nicht darum, anderen gerecht zu werden, sondern ausschließlich darum, eine Folie zur Verbreitung der eigenen ideologischen Überzeugung zu finden und wie bei vielen Linken, so ist diese Folie bei Priester und in schöner verlogener Regelmäßigkeit die Folie der altruistischen guten Menschen, die sich voller Eigennutz um die Schwachen und Armen kümmern, um die Minderbemittelten, sofern diese nicht “RE” wählen oder sind.

Und die guten Altruisten aus dem Reich der Linken sind natürlich auch aufgeschlossen genug, um sich mit Argumenten auseinanderzusetzen und können sofort angeben, warum Sozialismus keine Cliquenherrschaft ist, warum Sozialismus allen und nicht nur denen, die ihn propagieren, zu Gute kommt, und vor allem, warum Sozialismus nicht der Zwilling von Faschismus ist, der Menschen paternalisiert, bevormundet und als Mittel zum Zweck der Bereicherung der eigenen Günstlinge, der Nutzenmaximierung seiner Günstlinge ansieht. Dies alles sind übrigens Attribute, die dem Sozialismus von Ayn Rand ebenso zugeordnet werden, wie sie sie dem Faschismus zuordnet. Beide sind für Rand nämlich nur zwei Seiten der selben Medaille. Kein Wunder, dass Linke nicht gut zu sprechen sind auf Ayn Rand (Bitte erinnern Sie sich daran, dass man in linken Kreisen nicht argumentiert, sondern “affektiviert”, wie man sagen könnte, also nicht auf die Inhalte, sondern auf die vermeintliche affektive Konnotation reagiert). Aber vielleicht ist es bei den Anhängern sozialistischer Parteien auch einfach nur so, wie es Priester für die Anhänger rechtsextremer Parteien konstatiert: Sie sind zu dumm, um die entsprechenden Zusammenhänge zu verstehen (Das ist eine faktische und somit prüfbare Aussage, die man leicht widerlegen kann, in dem man nicht mit Ärger auf diesen Text reagiert, selbst wenn man sich als politisch links betrachtet!).

Bildnachweis
James Baird

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Die kleine Hexe unter Negern

Ich hatte schon immer Vorbehalte dagegen, dass es quasi zur Pflicht erhoben wurde, dass Mittelschichtseltern ihren Kindern vorzulesen haben. Was dabei alles herauskommen kann, zeigt eine Posse, über die in der Taz berichtet wird. Mekonnen Mesghena, bei der Heinrich-Böll-Stiftung für “Migration und Diversity” zuständig, stolperte über die Begriffe “Negerlein”, “Chinesenmädchen” und “Türken”. So steht es in der Taz zu lesen. Und weil diese Begriffe, wie er angibt, seine Tochter, der er vorgelesen hatte, bevor er über die Begriffe gestolpert ist, verstört haben sollen, hat er einen Brief an den Verlag, in dem Ottfried Preusslers “kleine Hexe” erscheint, geschrieben und hat sich darin  über die “rassistischen und ausschließenden Begriffe” beschwert. Und der Thienemann-Verlag, der die “kleine Hexe” herausgibt, hat sich doch tatsächlich bereit erklärt, das Wort “Neger” zu streichen. (Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ernst Neger, aus Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht? Was machen wir nur mit Ernst Neger? Ich meine, kann man seinen Grabstein unzensiert auf dem Friedhof stehen lassen?).

Das ist doch mal ein Sieg für die Politische Korrektheit, und das Neuschreiben von Büchern im Sinne des gerade herrschenden Zeitgeistes hat eine neue Dimension erreicht. Man wird sich also darauf einstellen müssen, dass die Ideologen damit beginnen, die Werke der Literatur zu durchforsten, um “ausgrenzende Begriffe” zu beseitigen. Nur: Was sind ausgrenzende Begriffe? Haben Sie verstanden, was an Neger ausgrenzend ist? Oder haben Sie jemals einen Neger, Black, Afro-american, Schwarzen, Farbigen getroffen, der bestritten hätte, er sei ein eben solcher? Ist es wirklich so ein großer Unterschied, wenn wir jetzt nicht mehr Neger oder was auch immer sagen, und statt dessen Grumpf (und jeder weiß, Neger ist gemeint) oder Mensch aus der südlichen Halbkugel oder Deutscher nicht bleicher Abstammung oder was auch immer?

Und was um aller Götter willen soll man zu Menschen sagen, die weiblichen Geschlechts und chinesischer Nationalität sind: gelbes Gör? Little child with two x-chromosomes born near the Great Wall? Weiblicher Mensch aus dem Süden von Asien? Nicht europäische heranwachsende Frau? Und dann die Türken, was machen wir aus dem kranken Mann am Bosporus? Muselmanen? Generell Muslime? Personen, die aus dem ehemaligen Reich von Mustafa Kemal Atatürk kommen?

Wie immer, wenn Gutmenschen sich äußern, zeigen sie zum einen, dass sie nicht allzuviel Ahnung von dem haben, worüber sie reden, zum anderen, dass Sie einen Essentialismus ihr eigen nennen, der seines Gleichen sucht. Es gibt in Sprachen einen Unterschied zwischen “dem Bezeichneten” und “dem Bezeichnenden“. Wenn ich also Türke zu einer Person sage, die vor mir steht, dann mache ich damit keine Aussage über das Wesen dieser Person, sondern eine Aussage über die von mir vermutete Abstammung oder geographische Herkunft, nicht mehr. Ich weiß nicht, was Personen wie Mekonnen Mesghena hören, wenn sie den Begriff “Türke” hören, vermutlich nichts Gutes. Aber Personen wie Mekonnen Mesghena sollten langsam einsehen, dass die Konnotationen, die sie hören, die ihnen einfallen, nicht die Schuld des Begriffs sind, sondern ihre ganz eigenen Assoziationen – oder wer außer Herrn Meshgena wäre wohl der Ansicht, dass der Begriff “Türke” ausgrenzend sei. Ein Begriff ist schlicht und ergreifend ein Begriff, er bezeichnet etwas, that’s it.

Das, was Herrn Mesghena stört, ist eine affektive Verbindung, die bei ihm die Form einer Abwertung angenommen hat. Aber dass er bei Neger an eine Abwertung von Schwarzen denkt, dass er bei Chinesenmädchen oder Türken an Ausgrenzung denkt, das ist sein Problem und nur sein Problem. Und man kann kaum dem Begriff anlasten, was manche denken, wenn sie ihn hören. Bertrand Russell hat einst gefürchtet, dass man einen Irren, der sich für ein Rührei hält, nur deshalb verurteilen könne, weil er sich in der Minderheit befindet. Ich habe langsam den Eindruck, dass man den Irren, der sich für ein Rührei hält, langsam daran erkennt, dass er sich in der Mehrheit befindet, oder wie sonst kann man es verstehen, dass Verlage ihre Bücher auf politisch korrekt trimmen und Begriffe, die rassistisch sind, wie sie befinden, streichen. Begriffe sind Begriffe, sie bezeichnen etwas, mehr nicht, und deshalb können sie auch nicht rassistisch sein.

Rassismus beschreibt ein Verhalten oder eine Einstellung. Begriffe sind weder ein Verhalten noch eine Einstellung, also können sie auch nicht rassistisch sein. Warum also denken manche (oder viele), dass Begriffe “rassistisch” sind? Nun, hier hilft die Definition von Rassismus weiter, die  Benjamin Isaac gegeben hat und die ich für eine der besten Definitionen halte:

“I would define racism as follows: an attitude towards individuals and groups of peoples which posists a direct and linear connection between physical and mental qualities. It therefore attributes to those individuals and groups of people collective traits, physical, mental and moral, which are constant and unalterable by human will, because they are caused by hereditary factors or external influences, such as climate or geography” (Isaac, 2004, p.23).

Invention of RacismIssac beschreibt hier denselben Essentialismus, den ich oben beschrieben habe, einen Essentialismus, der in dem Glauben gipfelt, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Nation mit von allen geteilten Eigenschaften einhergeht, einen Rassimus, der z.B. allen Frauen dasselbe Opfermerkmal zuschreibt, einen Rassismus, der sich darin niederschlägt, dass jemand denkt, wenn er den Begriff “Neger” hört, der Begriff sei mit allem Negativem verbunden, das ihm selbst gerade in den Kopf kommt. Wer also behauptet, Begriffe wie “Neger”, “Chinesenmädchen” oder “Türken” seien ausgrenzende Begriffe, der hat eine ganz gehörige Phantasie darüber, welche direkten physischen, mentalen und moralischen Merkmale sich mit den Personen verbinden, die mit dem Begriff bezeichnet werden, und da diese Gedanken seine Gedanken sind, ist er wohl als Rassist zu werten. Wieder kann der Begriff nichts dafür.

Aber wir leben in einem Zeitalter, in dem Begriffe böse sind und Menschen mit erschreckenden Phantasien und Assoziationen als Weltverbesserer duchgehen und weil offensichtlich jeder seinen Splin öffentlich ausleben darf, will ich auch nicht zurückstehen und eine Übermalung oder malerische Verbesserung dieser furchtbaren und fetten Menschen, die Rubens gemalt hat, fordern. Das schmerzt das Auge des Betrachters und ist darüber hinaus vor allem Kindern und Menschen aus bildungsnahen Schichten nicht zu zumuten. Ich meine, was ist der Sinn davon, dass die Regierung sich müht, Menschen die Schädlichkeit von Zucker und Fettsäuren deutlich zu machen, wenn dieselben Menschen dann in Museen laufen und ihnen dort adipöse Gestalten als Kunst vorgeführt werden? Das geht nicht an. Entsprechend sind die Menschen in den Bildern von Rubens zu verschlanken, die entsprechenden Bilder dem “heutigen Menschenbild” anzupassen, schon damit sie nicht missverstanden werden können und damit sich der Betrachter nicht ausgegrenzt fühlt, und vor allem damit keine dieser bildungsnahen Intelligenzbestien gezwungen ist, die Zeit und die Bedingungen, unter denen Rubens gemalt und Ottfried Preussler geschrieben hat, in Rechnung zu stellen. Am Ende hätten die noch etwas gelernt…

Isaac, Benjamin (2004). The Invention of Racism in Classical Antiquity. Princeton: Princeton University Press.

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Wiederholungstäter aus Darmstadt

Alle Jahre wieder trifft sich ein kleines Häuflein von Leutchen, nennt sich selbst “Jury” und rügt Worte oder deren Verwender oder deren Verwendung, so richtig weiß das niemand. Dieses kleine Häuflein, das da Worte rügt und von dem niemand weiß, woher es die Berechtigung nimmt, diese Worte zu rügen, hat eine unglaubliche Wirkung in den deutschen Qualitätsmedien. Im Verlauf eines Jahres findet sich in den beitragsfinanzierten Medien zwar so gut wie kein Bericht über eine wissenschaftliche Untersuchungen, die dem Bereich der Sozialwissenschaften zuzurechnen ist – ich rede von ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen, nicht von Professoren, deren Mid-Life-Crisis sich darin niederschlägt, dass sie ihre Liebe zu armen Menschen entdeckt haben und jetzt lautstark und medienwirksam für alleinerziehende Mütter zumindest verbal dasein wollen, ich rede also von Untersuchungen, die zu Ergebnissen kommen wie: Es gibt keine gläserne Decke, Staatsbedienstete sind fauler als Arbeiter in der freien Wirtschaft, viele Deutschen haben nicht einmal rudimentäre Kenntnisse über ökonomische Zusammenhänge usw. Und dennoch findet das Häuflein von sechs Männlein aus Darmstadt willige und aufnahmebereite Ohren in den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, wenn sie jährlich ihren gemeinsamen Geschmack verkünden und ein Unwort des Jahres kühren.

Warum ist das so? Das ist eine leicht zu beantwortende Frage: Die sechs selbsternannten Juroren kühren jährlich den Begriff, der der politischen Korrektheit, deren Fahne sie zu tragen scheinbar geschworen haben, am meisten Probleme verursacht. Schon im letzten Jahr hatten die Darmstädter Wortwächter Worte wie Gutmensch auf ihre Agenda gesetzt und sich über deren Verwendung beklagt. Vielleicht aus eigener Betroffenheit? Wer weiß. Dieses Jahr haben die Wortwächter in die Justiz eingegriffen und haben sich in besonderer Weise und sehr direkt über Jörg Kachelmann, also jemanden, den man mit Fug und Recht als Justizopfer bezeichnen kann, jemanden, der wegen einer falschen Beschuldigung im Gefängnis saß, beschwert. Damit hier Chancengleichheit hergestellt wird, will ich die Akteure aus Darmstadt, die in der folgenden Groteske die Hauptrolle spielen, vorstellen:

  1. Prof. Dr. Nina Janich (Sprecherin) besetzt den Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der TU-Darmstadt;
  2. Stephan Hebel, ist (war?) politischer Autor bei der Frankfurter Rundschau;
  3. Dr. Kersten Sven Roth ist Assisstent am Deutschen Seminar der Universität Zürich;
  4. Prof. Dr. Jürgen Schiewe sitzt auf dem Lehrstuhl für germanistische Sprachwissenschaft an der Ernst-Moritz-Arndt Universität in Greifswald;
  5. Prof. Dr. Martin Wengeler hat sich den Lehrstuhl für germanistische Linguistik an der Universität Trier erobert;
  6. Ralph Caspers, Moderator beim WDR (“Wissen macht Ah!”);

Logo TU DarmstadtDamit ist die Liste der Darsteller benannt. Und der erste und einzige Akt des Trauerspiels, nein, der Groteske, sieht die Sechs das Unwort des Jahres bestimmen. Stellen Sie sich also sechs Gestalten in einem verrauchten, nein, das ist politisch nicht korrekt, in einem luftdurchfluteten Raum an der Universität Darmstadt vor (die normalen baulichen Mängel, die an deutschen Universitäten vorhanden sind, lassen wir unberücksichtigt). Stellen Sie sich die Sechs also dabei vor, wie sie beim Kräutertee sitzen und dazu selbstgebackene Keckse knabbern, die das ökologische Reinheitssiegel besitzen, den grauen Star oder blauen Engel oder so, stellen Sie sich also die Sechs vor, wie sie über einer fast endlos langen Liste voller politisch unkorrekter Worte brüten und fast schon am verzweifeln sind. Da plötzlich kommt einem die rettende Idee, nein, das rettende Wort vor die Nase: Opfer-Abo! Und stundenlanges Bleistiftkauen und stundenlanges Haareraufen ob der vielen Worte, die die Stirn der sechs Wortwächter in tiefe Falten gelegt haben, hat endlich ein Ende: Opfer-Abo ist es, das Unwort des Jahres 2012.

So muss man sich die Auswahl wohl vorstellen, die selbst den Direktor des Instituts für Deutsche Sprache überrascht hat. Ja, Direktor, die Sechs aus Darmstadt sind halt immer für eine Überraschung gut, sie finden selbst Unworte des Jahres, die kaum jemand gehört hat und an deren Brandmarkung nur wenige ein Interesse haben. Und um der Wahl nunmehr einen offiziellen Anspruch zu geben, wird die Wahl begründet, und zwar so:

“Im Herbst 2012 sprach Jörg Kachelmann in mehreren Interviews (z.B. im Spiegel vom 8.10.2012) davon, dass Frauen in unserer Gesellschaft ein “Opfer-Abo” hätten. Mit ihm könnten sie ihre Interessen in Form von Falschbeschuldigungen – unter anderem der Vergewaltiguung – gegenüber Männern durchsetzen. Das Wort “Opfer-Abo” stellt in diesem Zusammenhang Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.”

Logo Uni GreifswaldNiemand hat gesagt, dass Germanisten und Lehrstuhlbesetzer eine Idee davon haben müssten, was Logik ist – oder? Sicher, es hilft bei der Verwendung von Sprachen weiter, wenn man eine Idee davon hat, wie die Struktur einer Sprache, wie ihr logischer Aufbau ist, aber in Zeiten des Konstruktivismus kann man das getrost beiseite lassen. Schnee von Gestern ist das, heute sprechen wir unlogisch und machen den Irrsinn hoffähig.

Fangen wir zunächst mit dem Faktischen an. Was hat Jörg Kachelmann in dem Gespräch mit dem Spiegel gesagt:

SPIEGEL: Es ist doch sinnvoll, sich und sein Tun mitunter zu hinterfragen.
… Jörg Kachelmann: Das ist das Opfer-Abo, das Frauen haben. Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden. Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind.

Man muss diese Passage wirklich genau suchen. Und wenn man sie dann gefunden hat, dann muss man sich fragen, was da eigentlich gesagt wird. Offensichtlich gibt Jörg Kachelmann hier seine Einschätzung ab, nach der Frauen sich leichter zu Opfern erklären können als Männer. Nichts Neues, also, sondern eine uralte Weisheit ungleicher Rollenzuschreibungen, die sich im “Frauen und Kinder zuerst” ebenso findet, wie im von vielen Frauen so gerne in Anspruch genommenen Kavalier, der ihnen die Tür aufhält. Nun muss man in Rechnung stellen, dass Herr Kachelmann im Gefängnis saß, weil eine Frau sich zu seinem Opfer erklärt hat und weil ein Staatsanwalt und ein Ermittlungsrichter eher bereit waren, der Frau als dem Kachelmann zu glauben, obwohl Aussage gegen Aussage stand. Na wenn das kein Beleg für ein Opfer-Abo ist.

Logo-Uni-TrierInteressant ist indes, was die Darmstädter Germanisten daraus machen, dass hier jemand seine eigene Erfahrung generalisiert und nicht nur die Frau, die ihn zum Opfer gemacht hat, sondern Frauen als solchen bei Institutionen einen Glaubwürdigkeitsbonus bekundet (Merkt ihr was, ihr Darmstädter Wortkünstler, die Kritik richtet sich nicht gegen Frauen, sondern gegen Vertreter von Institutionen, die Glaubwürdigkeit nach Geschlecht verteilen, also wer weiblich ist, ist glaubwürdiger. Das ist eine strukturelle Diskriminierung!). Bei den Darmstädtern wird daraus die Behauptung, Kachelmann habe generell allen Frauen unterstellt, sie seien fies und würden Straftaten erfinden, und er habe generell allen Frauen unterstellt, dass sie ihre Interessen mit fiesen Mitteln durchsetzen würden.

Dies ist jedoch allein und ausschließlich die fiese Phantasie von sechs Personen, die für sich in Anspruch nehmen, sie könnten Deutsch nicht nur verstehen, sondern auch schreiben, ja, schlimmer noch: lehren. Welch Graus! Professoren, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Assoziationen von Inhalten fernzuhalten, die sie lesen, werden in Darmstadt, Greifswald und Trier auf arglose Studenten losgelassen. Mehr noch, Lehrstuhlinhaber, die nicht in der Lage sind, Konzepte und Strukturen zu erfassen, wie sie z.B. darin zum Ausdruck kommen, dass man, in diesem Fall Herr Kachelmann, eine Kritik an Institutionen richtet und sagt, die Instititionen, in diesem Fall die Strafverfolgungs-Institutionen würden Strukturen schaffen, die es fiesen Frauen erlauben, ihre fiesen Pläne mit Leichtigkeit umzusetzen. Damit ist weder gesagt, dass alle Frauen fies sind, noch ist damit gesagt, dass es keine fiesen Männer gäbe, noch ist damit bestritten, dass es durchaus Frauen und Männer gibt, die Opfer von Gewalttaten werden. (In der Logik ist dieser Unterschied in der Unterscheidung zwischen “alle” und “manche” ausgedrückt. Und das, was die Germanisten hier begehen, ist ein Fehlschluss der Bejahung des Konsequens. Aber, wie gesagt, Logik muss man als Germanist ja nicht kennen oder beherrschen.)

Wer dies dennoch in die Aussagen hineinlesen will, ist entweder krank oder er verfolgt eine Agenda, die er offiziell, aus welchen Gründen auch immer, nicht offenlegen will, in jedem Fall ist er nicht geeignet, einen Lehrstuhl zu besetzen, und deshalb sollten die Universitäten Darmstadt, Greifswald und Trier die entsprechenden Inhaber vor die Tür setzen, schon um Schaden von sich abzuwenden, denn die drei Lehrstuhlbesetzer treffen die Wahl zum Unwort des Jahres ganz offen als Professoren ihrer jeweiligen Universität und somit als Angestellte einer öffentlichen Institution, die weitgehend aus Steuermitteln finanziert wird.

Und noch ein Kommentar von Dr. habil. Heike Diefenbach:

Bereits die Wahl von “Opfer-Abo” zum Unwort des Jahres, zeigt, dass das Wort kein Unwort ist, sondern einen korrekten Tatbestand wiedergibt, wäre dem nämlich nicht so, die Germanisten-Jury hätte vermutlich daran gedacht, dass es nicht nur weibliche, sondern auch männliche Opfer gibt und entsprechend davon abgesehen, in der Begründung zu versuchen, Frauen als alleinige Opfer zu präsentieren und Männer generell zu diskreditieren. Wer davon ausgeht, dass Dominanzstreben, wie es in Gewalt zum Ausdruck kommt, vornehmlich Frauen trifft, der ist der beste Beleg dafür, dass man auch ohne rudimentäre Kenntnisse sozialer Zusammenhänge Professor an einer deutschen Universität werden kann und dafür, dass das Opfer-Abo, also die Behauptung einer strukturellen Bevorzugung von Frauen und Diskriminierung von Männern, zutrifft.

P.S.
Wer bis hierhin noch Zweifel daran hat, dass die Germanisten Professoren ungeeignet sind, ihre Lehrposition auszufüllen, dem will ich noch ein weiteres Schmankerl präsentieren, dieses Mal stammt es aus der Begründung für die Aufnahme von “Pleite-Griechen” als weiteres Unwort des Jahres 2012:

“Der im Kontext der Euro-Stabilitäts-Debatte von der Springer-Presse in den vergangenen Jahren geprägte Ausdruck “Pleite-Griechen” wurde 2012 weiterhin und unreflektiert verwendet. Er diffamiert ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung …”

Nun, was lernen wir daraus: Erstens, dass die Germanisten Essentialisten sind, die denken, einmal Grieche immer Grieche, also ihr Griechen, die ihr in fünfter Generation in Deutschland lebt, bildet Euch nicht ein, ihr würdet jemals “deutsch”. Zweitens lernen wir daraus, dass die sechs Wortwächter nicht besonders intelligent sein können, denn wie sonst ist es zu erklären, dass sie “Pleite-Griechen” als Form der “Diffamierung eines ganzes Volkes” anprangern können und im gleichen Satz “Springer-Presse” als Form der Diffamierung der gesamten Arbeiterschaft, die sich unter dem Dach des Springerverlags eingefunden hat, benutzen? Und solche Personen besetzen Lehrstühle! Es ist wirklich unterirdisch.

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Vom in Ministerien kursierenden Wahnsinn

Stupendous YappiCLYDE BRUCKMAN: “I foresee a rock affair between superstar Madonna and super-witness Kato Kaelin.” Well, that’s a gimme, that’s not really going out on a limb, is it? “I foresee Author J.D. Salinger finally publishing a new novel and hitting the talk show circuit to promote it.” Hmmm… that’s just playing the odds. “I foresee the revelation that not Elvis, but rather Buddy Holly is still alive, having faked his own death so many years ago. Holly will not only reemerge but also regroup with the Crickets and they will headline in next year’s Lalapalaza…” Lalapaz… pazoola?

Manche von uns beanspruchen für sich, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen können. Sie blicken wahlweise in die Vergangenheit oder die Zukunft. Sie wissen Dinge, die bei ihren Zuhörern Erstaunen und vielleicht auch Entzücken auslösen. Sie enthüllen die Geheimnisse der Welt, kennen die Lotto-Zahlen für die Ziehung am ersten September Wochendende im Jahres 2038, sie wissen, wie man mit Alien in Kontakt tritt, sprechen mit Toten, Verschwundenen, kennen den Ghul von nebenan, träumen von Reisen auf Mondbarken, die von nicht näher bekannten Ruderern angetrieben werden, und sie arbeiten in Ministerien, wie ich seit meiner Lektüre des “2 Atlas zur Gleichstellung” weiß.

NyarlathotepWer bislang dachte, in manchen Ministerien gäbe es noch rudimentäre Reste von Verstand und Rationalität, der muss dieses Vorurteil begraben und sich mit der Wirklichkeit anfreunden. In Ministerien grassiert der Wahnsinn. In Ministerien sehen die dort Beschäftigten Dinge, die Normalsterblichen verschlossen bleiben. In Ministerien sind Medien aller Art mit Tischerücken beschäftigt, befinden sich die meiste Zeit in Trance und, wenn sie daraus aufwachen, blicken Sie auf Zahlen und teilen der Umwelt ihre unglaublichen Erkenntnisse mit, Erkenntniss, die man nur im Wahn haben kann, Erkenntnisse, die jedem mit Rationalität Geschlagenen das nackte Entsetzen den Rücken hinunter kriechen lassen und die ihm ein und für alle Mal versichern, dass es Nyarlathotep ist, der da in seinem Wahnsinn und in deutschen Ministerien nagt.

Da man als Blogbetreiber Sorgfaltspflichten gegenüber seinen Leseren hat: Seit gewarnt, Ihr Leser, ich mute Euch jetzt Auszüge aus dem 2. Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern zu, der gerade vom Bundesministerium für FSFJ veröffentlicht wurde. Ich übernehme keine Haftung für eventuell eintretende und nachhaltige geistige Verwirrung, und auch Wutanfälle von Lesern, die über eine Grundbildung in Mathematik und Statistik verfügen, sowie die Folgen der Wutanfälle sind nicht in meiner Verantwortung.

scully facepalmUnd jetzt geht es los, und zwar auf Seite 30 des genannten Atlanten zur Gleichstellung. Dort werden dem Leser Daten für Bundesländer präsentiert, die den “Anteil von Jungen an den Abgängerinnen und Abgängern aus allgemeinbildenden Schulen ohne schulischen Abschluss” angeben; nur die Anteile für Jungen. Anteile für Mädchen kommen nicht vor.  Aber gut, man kann sich die entsprechenden Anteile hinzudenken, in dem man die für Jungen angegebenen Prozentwerte, die zwischen 59% (Berlin) und 64% (Brandenburg und Rheinland-Pfalz) variieren, von 100 subtrahiert. Die in jedem Fall geringeren Werte geben dann den Anteil der Mädchen an all jenen an, die im Jahre 2010 ohne einen Schulabschluss geblieben sind. Nach dieser kurzen Berechnung entnehmen wir den Daten, dass im Jahre 2010 unter denjenigen, die in z.B. Deutschland die Schule ohne einen Abschluss verlassen haben, 61% Jungen und 39% Mädchen waren und dass es im Jahre 2006 63% Jungen und 37% Mädchen waren, können wir auch noch errechnen. Und mehr kann man diesen Zahlen als Normalsterblicher auch nicht entnehmen, denn Sie geben nun einmal einen Anteil und nichts als einen Anteil an, denkt man. Doch im Ministerium sind Seher beschäftigt. Spirituelle Wesen aus einer anderen Sphäre, die, wenn sie den Anteile 61% Jungen sehen, mehr sehen, als 61% Jungen. Sie sehen:

  • das Vorhandensein einer geschlechterspezifischen Schullandschaft;
  • den Stand der Umsetzung geschlechtsspezifischer Unterrichtskonzepte;
  • Gender Kompetenz im Alltag;

Ich habe einmal von jemandem gelesen, der in jedem, den er gesehen hat, einen Mafiosi oder Banditen gesehen hat. Er ist in einer eigens für Fälle wie ihn errichteten Institution geendet, um u.a. Mafiosi und Banditen vor ihm zu schützen. Vielleicht hätte er nicht Mafios und Banditen sehen sollen, sondern Gender und Genderlandschaften, die Karriere in Ministerien oder beim Bundesverfassungsgericht wäre ihm offen gestanden.

PrintSeite 34 des Altanten zur Gleichstellung beschert uns den prozentualen Anteil “von Jungen an den Abgängerinnen und Abgängern aus allgemeinbildenden Schulen mit Hochschulreife”. Abermals bleibt der Anteil der Jungen, der dieses Mal zwischen 43% (z.B. in Brandenburg) und 46% (z.B. in Bremen) variiert ohne Anteil der Mädchen. Und abermals sehen die Menschen im Ministerium nicht nur z.B. 44% Jungen, die deutschlandweit eine Hochschulreife erreichen, sondern:

  • ein geschlechtsspezifisches Bildungsgefälle im oberen Segment.

Zu dieser Vision gibt es Folgendes zu sagen: (1) es handelt sich um Schulabschlüsse und die haben nur entfernt etwas mit Bildung zu tun; (2) wo man wenn nur Anteile für Jungen gegeben sind ein geschlechtsspezifisches Bildungsgefälle hernehmen will, ist mir nicht klar, aber die Gedanken sind bekanntlich frei und in Ministerien sind sie offensichtlich ungebändigt; (3) wenn Jungen mit Mädchen im “oberen Segment” verglichen werden sollen, aber nur Jungen dargestellt sind, dann suggeriert der Begriff “Bildungsgefälle”, dass Mädchen schlechter abschneiden als Jungen. Das ist dann der Punkt, wo Phantasie und Manipulation eine Verbindung eingehen.

Weiter geht die Reise im Atlas auf Seite 36, der vorletzten Station dieser Tour of Madness. Auf Seite 36 lesen wir:

“Definition: Anteil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit einem Schulabschluss …, der zum Studium berechtigt. … Die Quote gibt den Anteil der studienberechtigten Schulabgängerinnen und Schulabgänger an der entsprechenden Bevölkerung am 31.12. des Vorjahres an.”

Es wäre für alle Beteiligten besser, wenn man Angestellten in Ministerien bis auf weiteres verbieten würde, ihren (vielleicht) noch vorhandenen Verstand durch “Quoten” und “Innen” zu benebeln. Trotz allen Quotengeredes gibt der “Indikator”, der auf Seite 36 dargestellt ist, keine Quote, sondern einen Anteil an, der auch bei mehrfachem Hinsehen nicht zur Quote wird. Darüber hinaus widersprechen sich die beiden zitierten Sätze, denn dargestellt kann entweder der Anteil der Schulabgänger mit einem Schulabschluss, der zum Studium berechtigt, sein oder der Anteil der Studienberechtigten an der entsprechenden Bevölkerung. Was die “entsprechende Bevölkerung” ist, ist jedermanns Phantasie überlassen. Möglicherweise sind es alle 17-, 18- und 19jährigen, möglicherweise alle Schulabsolventen bestimmten Alters oder alle Schüler eines bestimmten Alters. Suchen Sie sich aus, was Ihnen am plausibelsten vorkommt. Es ist sowieso egal, denn die letztendlich herauskommenden Zahlen sind nur Hüllen für weit mehr und nur Eingeweihten zugängliche Information.

Ravings of a madmanDamit komme ich zu meinem Lieblingsbeispiel, das sich auf Seite 84 findet. Dieses Beispiel gilt es entsprechend zu zelebrieren. Es ist so ……  [Setzen Sie ein, was immer Ihnen einfällt!], dass man es kaum glauben mag. Also: Auf Seite 84 finden sich Werte für die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern und Frauen pro Bundesland und für Deutschland. Man liest, dass der durchschnittliche deutsche Mann 78 Jahre alt wird, die durchschnittliche deutsche Frau 83 Jahre. Mehr gibt es eigentlich daraus nicht zu lesen, auch bei mehrfachem Hinsehen, ergibt sich nicht mehr als 78 und 83…
Nicht so für die Ministerialen. Sie sehen wieder Dinge, die Sie und ich nicht gesehen haben, nämlich:

  • höheres Risikoverhalten
  • nicht adäquates Ernährungsverhalten
  • tödliche Verkehrsunfälle
  • berufliche Belastung
  • weniger Gesundheitsvorsorge

Spätestens auf Seite 84 muss man alle Hoffnung auf Heilung, alle Hoffnung darauf, dass es möglich sein könnte, z.B. durch entsprechende Fortbildungsprogramme etwas Ratio in Ministerien zu verbreiten, begraben. Konfrontiert mit dieser Form von Phantasie, diesem Sehen von Dingen, die nicht da sind, muss selbst der wohlmeinendste Psychiater das Feld räumen und besser noch: die Flucht ergreifen. Vielleicht sollte man um Ministerien einen Cordon Sanitaire ziehen, sie zu “Vernunftfreien Zonen” erklären? Wie auch immer. Ein ganzer Atlas voller Unsinn ist schwer zu verdauen, und es ist fast noch schwerer, bei Verstand zu bleiben. Um meiner Sorgfaltspflicht gerecht zu werden, hier eine Aufgabe für die Leser des Blogs, um zu prüfen, ob sie noch unversehrt an Geist und Verstand sind.

Der Anteil der weiblichen Angestellten im BMFSFJ liegt bei 65%, der Anteil der männlichen Angestellten liegt bei 35%. Was kann man den beiden Zahlen 65 und 35 noch entnehmen?

P.S. Der 2. Atlas (die Nummerierung verspricht nichts Gutes) wurde übrigens durch das “Ministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Senioren Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt” erstellt. Das BMFSFJ ist also nur für die Veröffentlichung verantwortlich. Ich habe aber keinen Zweifel, dass das “Werk” nahezu identisch wäre, hätten es die FSFJler erstellt.

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Die sprachliche Armut der nationalen Armutskonferenz

Die Versuche, in die Sprachgewohnheiten und das Sprechen an sich, einzugreifen, oder anders formuliert: Aggressive Tendenzen die Sprachgewohnheiten von Deutschen zu zensieren bzw. zu manipulieren, sind in letzter Zeit ziemlich häufig geworden, und sie umfassen eine Anzahl unterschiedlicher Akteure. Dass Genderisten versuchen, die deutsche Sprache so zu verunstalten, dass eine Verständigung weitgehend ausgeschlossen ist, daran hat man sich fast schon gewöhnt. Aber diese Versuche, das grammatikalische Geschlecht eines Wortes zur Essenz zu erklären und mit dem biologischen Geschlecht gleichzusetzen, so unbeholfen und bar jeder Kenntnis davon, was eine Sprache ausmacht, sie auch sind, sind keine vereinzelten Versuche. Nein, sie sind Teil eines – wäre man Anhänger einer Konspirationstheorie, dann würde man sagen: großangelegten Versuchs, die deutsche Sprache als Mittel der Verständigung unbrauchbar zu machen und zu einem Herrschaftsinstrument umzufunktionieren, wie dies z.B. die Kommunisten unter Stalin getan haben, als bestimmte Sprachregelungen eingehalten werden mussten, wollte man nicht vom NKWD abgeholt werden.

Da findet sich das Bundesfamilienminist, das von das Gott spricht und hofft, andere tuen es ihm gleich, da finden sich Wortfetischisten in Darmstadt, die regelmäßig kundtun, welche Worte sie in der deutschen Sprache nicht wünschen, da finden sich Juristen, die regelmäßig versuchen, Worte ihres Sinns zu entkernen und zu willkürlichen Ansammlungen von Buchstaben zu machen, deren Sinn dann natürlich juristisch festgestellt und mit der entsprechenden Kostennote verbunden werden muss, usw. Die deutsche Sprache ist zu einem Wunschkonzert geworden, so scheint es, an dem sich jeder dahingehend beteiligen kann, dass er die Begriffe beisteuert, die er gerne entfernt hätte.

nakUnd so ist auch die Nationale Armutskonferenz angetreten, um die Welt mit ihren Erkenntnissen über “soziale Unwörter” zu beglücken (nationale Armutskonferenz findet sich auf der Liste übrigens nicht). Die entsprechende Liste wird eingeleitet von einer Satzansammlung, die sich mit dem “Unwort” “sozial Schwache” beschäftigt und in der u.a. zu bedenken gegeben wird, dass “sozial Schwache” nicht sozial schwach seien, weil sie nicht sozial veranlagt seien. Diese bemerkenswert engstirnige Sicht wird durch Thomas Beyer mit einer Erkenntnis angereichert, auf die die Sprachwelt gewartet hat: “Sprache ist nicht neutral”, so weiß er zu verkünden: “Sprache bewertet”, so fährt er fort und kommt zu dem Ergebnis dass wir (also sie und ich) “Sprache so nutzen [sollten], dass sie keine Klischees (re)produziert”. Nun könnte man geneigt sein, zu fragen, wo Thomas Beyer das Klischee hernimmt, sie oder ich, also wir, benötigten seine Erkenntnisse und hätten es notwendig, seinen normativen Ausführungen zu lauschen, aber diese Frage verblasst vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Problems, das uns ereilt hat, während wir in Wales unterwegs waren.

red houseIn Wales steht nämlich ein Haus. Dieses Haus ist rot gestrichen. Als wir an diesem Haus, es war Höhe Cardiff, vorbeigefahren sind, haben wir unwillkürlich an Thomas Beyer denken müssen und seine Erkenntnis, dass Sprache, also alle Sprache, bewertet. Wenn wir nun an diesem Haus vorbeifahren, und ich sage zu Dr. Diefenbach, “wow, that is quite red, isn’t it?”, was habe ich dann gesagt. Dass ich Rot mag, oder nicht mag, dass das Haus mein Missfallen erregt hat, dass ich festgestellt habe, das Haus ist rot, dass der Eigentümer des Hauses wohl ein Anhänger von Cardiff City, F.C. ist? Wie, so haben wir uns gefragt, ist noch Verständigung möglich, wenn demonstrative Aussagen im Meer der von Beyer gesehenen Bewertung versinken. Das ist wirklich ein Problem, oder ist Beyers Aussage schlicht essentialistischer Unsinn?

Man könnte denken, es sei Unsinn, wenn man in Rechnung stellt, dass – mit Ausnahme von Thomas Beyer und der Nationalen Armutskonferenz versteht sich – kaum mehr jemand der Ansicht ist, dass Sprache sich mitteile, eine im Raum flottierende Entität darstelle, die sich wie der heilige Geist auf Sprechende niederlässt, sich ihnen kundtut. Nein, die Mehrheit der Menschen und alle Sprachwissenschaftler sind der Ansicht, Sprache und sprachlicher Austausch stellten einen Prozess dar. Einer sagt etwas, ein anderer hört etwas. Ob derjenige, der etwas hört, das hört, was derjenige, der etwas gesagt hat, gesagt hat, ist Ergebnis dessen, was man als Sprachverhandlung ansehen könnte. Und diese Sprachverhandlung hat Anlass zu einer großen Zahl soziologischer Untersuchungen gegeben.

GarfinkelSymbolische Interaktionisten haben gezeigt, dass im Verlauf einer sprachlichen Interaktion erst Sinn geschaffen wird, der Sinn eines Dialogs also am Ende des sprachlichen Austausches, nicht an seinem Anfang steht. Ethnomethodologische Studien haben gar gezeigt, dass eine Kommunikation darin bestehen kann, dass die daran Beteiligten ihre jeweils eigene symbolische Bedeutung in die Kommunikation lesen und aus der Kommunikation herausnehmen und dass die jeweiligen Bedeutungen in keiner Weise übereinstimmen müssen. So lange die Erwartungen, der miteinander Sprechenden erfüllt werden, fällt es in der Regel nicht auf, dass die Teilnehmer einer Kommunikation aneinander vorbei reden. Das Tröstliche an diesen Forschungsergebnissen ist die Tatsache, dass eine Kommunikation eine Interaktion unter Freien ist: Einer sagt etwas, und einer hört etwas. Und so wie derjenige, der etwas sagt, die Freiheit hat, das, was er sagen will, zu formulieren, so hat derjenige, der etwas hört, die Freiheit, das zu hören, was er hören will. Verständnis wird auf diese Weise zu einem Prozess, an dem Sprecher und Hörer abwechselnd beteiligt sind, Verständnis ist etwas, das sich einstellt, nicht etwas, das unabhängig von Sprecher und Hörer vorhanden ist.

blithering_idiotGenau diesen Essentialismus pflegen aber Thomas Beyer und seine Armutskonferenz. Dort glaubt man tatsächlich, dass Wortbedeutungen in Stein gemeiselt sind und vermutlich im Buch Abrahams stehen, von wo aus sie sich mitteilen. Die Freiheit eines Hörers, sich gegen die von einem Sprechenden offensichtlich insinuierte Bedeutung zu wenden, ist bei Beyer und seiner Armutskonferenz nicht vorgesehen. Damit treten sie in die Fussstapfen all der Juristen, die dem Glauben anhängen, eine Beleidigung sei ein per se feststehender Akt. Wenn ich also Trottel zu einem Juristen sage, dann ist das per se eine Beleidigung, die unser Jurist auch als solche ansehen muss. Die sprachliche Welt ist determiniert und individuelle Freiheit ist ausgeschlossen. Entsprechend ist ausgeschlossen, dass der Jurist, den ich als Trottel bezeichnet habe, ein Verhalten gezeigt hat, das mit allen Kriterien im Einklang steht, an denen man gemeinhin einen Trottel bemisst. Ebenso ist ausgeschlossen, dass unser Jurist der Ansicht ist, jemand wie ich könne jemanden wie ihn überhaupt nicht beleidigen. Er hat beleidigt zu sein, und ich habe die Absicht zu haben, zu beleidigen, wenn ich das Wort “Trottel” in den Mund nehme. Die Freiheit, die mit Sprache, Sprachverwendung und Sprachanwendung gemeinhin verbunden ist, wird durch solchen Unsinn und zum Nutzen der Einkommen von Juristen eingeschränkt.

Doch zurück zur nationalen Armutskonferenz, bei der man der Meinung ist, man müsse sich zum Pater Familias aufschwingen, um die Armen, die man unter seine Obhut genommen hat, zu schützen, denn dazu sind die Armen nach Ansicht der paternalisierenden Konferenz nicht selbst im Stande. Entsprechend müssen die Armen vor Sprache, vor Worten geschützt werden, Worten wie:

  1. Alleinerziehend, denn alleinerziehend sage nichts über mangelnde Einbettung oder gar Erziehungsqualität aus. Beides werde aber häufig mit “alleinerziehend” assoziiert.
  2. Arbeitslos/Langzeitarbeitslos sollte nach Ansicht der Armutskonferenz nun erwerbslos heißen, weil es viele Arbeitsformen gebe, die kein Einkommen sichern.
  3. Bildungsferne Schichten sollten als fern vom Bildungswesen oder vom Bildungswesen nicht Erreichte umschrieben werden.
  4. Behindertentransport ist falsch, da Menschen nach Ansicht der Armutskonferenz befördert werden, während Tiere transportiert würden.
  5. Flüchlingsfrauen sei überflüssig, denn der Begriff Flüchtlinge umfasse beide Geschlechter.
  6. Missbrauch sei eine “ungute Vokabel”, weil damit ein schwerwiegender sexueller Straftatbestand assoziiert werde.

Ich will es bei diesen Beispielen belassen und den interessierten Leser auf die Liste der Armutskonferenz verweisen. Aber natürlich kann ich den Unsinn, der von der Armutskonferenz verbreitet wird, so nicht stehen lassen.

  1. Alleinerziehend beschreibt die Tatsache, dass in der deutschen Kultur das Bild der Kleinfamilie vorherrscht, in der Kinder mit zwei Eltern aufwachsen. Werden Kinder nur von einem Elternteil traktiert, dann beschreibt man dies mit Blick auf den entsprechenden allein verantwortlichen Elternteil mit dem Begriff alleinerziehend. Dass Menschen, wenn sie Begriffe hören, Assoziationen formen, manche an die Qualität der Erziehung denken, wenn sie “alleinerziehend” hören, ist ein normaler Bestandteil des sozialen Lebens, den man nicht unterbinden kann und den man vor allem nicht dem Begriff anlasten kann. Wer dies dennoch tut ist von Sinnen und sollte einen Psychiater aufsuchen, denn er hat offensichtlich eine Wortphobie.
  2. Arbeitslos beschreibt Menschen ohne Arbeit. Nun soll arbeitslos falsch sein, weil es Arbeitsformen gibt, die kein Einkommen sichern. Die entsprechend Arbeitenden wären dann, was? Erwerbslos? Oder erwerbstätig? Oder erwerbslose Arbeitende? Und was machen wir, wenn wir arbeitslos gestrichen haben, mit der Tatsache, dass es Personen gibt, die keine Erwerbsarbeit finden (wollen)? Mir scheint dies eine fortgeschrittene Form von Denkverwirrung zu sein, denn einerseits sind die Herrschaften bei der Armutskonferenz offensichtlich der Ansicht, dass sich Arbeit nur über das Einkommen definieren lasse, was sie ablehnen, andererseits ersetzen sie Arbeit durch Erwerb, was notwendigerweise dieselben Probleme mit sich bringen wird, denn auch der Erwerb richtet sich auf etwas, das erworben werden soll. Und was das Ganze mit der Tatsache zu tun hat, dass es Personen gibt, die weder einer Arbeit noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nun, ich weiß es nicht.
  3. Mein Lieblingsbegriff (oh, diese wertende Sprache) ist “Bildungsferne Schicht”. Daraus soll nach Ansicht der Armutskonferenz, jener Ansammlung von Personen, die von sprachlicher Bildung bislang nicht erreicht wurden, “vom Bildungswesen nicht Erreichte” werden. Man weiß nicht ob man weinen oder lachen soll, ob dieses Unsinns. Und dass in Deutschland Schulpflicht ist, es daher nicht möglich ist, vom Bildungswesen nicht erreicht zu werden, sei nur am Rande erwähnt.
  4. Behindertentransport – die Logik, dass Menschen befördert und Tiere transportiert werden, ist einzigartig. Ich nutze entsprechend nie wieder öffentliche Transportmittel. Und Krankentransporte werden zur Krankenbeförderung, was die Frage aufwirft, wohin die Kranken befördert werden, hoffentlich nicht ins Jenseits. Und zu allem Überfluss zeigt sich bei der Post keine Bereitschaft künftig Pakete nicht mehr zu befördern, vielmehr besteht die Post auf Beförderung der Pakete, was dem Zustand, in dem die Pakete ankommen, dennoch nicht immer zuträglich ist.
  5. 132aWar “Bildungsferne Schicht” mein Lieblingswort, so ist der Begriff “Flüchtlingsfrau” nicht weit dahinter. Ich bin natürlich damit einverstanden, dass die Armutskonferenz fordert mit diesem Innen-Blödsinn aufzuhören und die grammatikalischen Geschlechter von Worten nicht zum Anlass zu nehmen, um seine eigenen biologisch inspirierten Wunschvorstellungen in Worte zu projezieren. Also lassen “wir” diesen Unsinn, die Armutskonferenz hat es beschlossen.
  6. Die ungute Vokabel “Missbrauch” gibt es bei der nationalen Armutskonferenz nur als “sexuellen Missbrauch”. Einerseits sollte man diese Aussage mit einer Warnung verbinden, denn normale Menschen, sollten sich nicht mit Mitgliedern der nationalen Armutskonferenz einlassen, das kann in unguten Vokabeln enden. Andererseits können wir nach Ansicht der Armutskonferenz also Adjektive streichen, denn die nähere Bestimmung von Nomen wie “Missbrauch” ist – wie man bei der Armutskonferenz weiß – nicht mehr nötig, da jeder der Missbrauch hört, weiß, dass es sich nur um sexuellen Missbrauch handeln kann. Wie fixiert auf ein Thema kann man eigentlich sein?

Das Ausmaß von Unsinn, das die nationale Spracharmutskonferenz einem zumutet, ist so groß, es kann einfach nicht an einem vorbei gehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Und bei uns hat es Spuren hinterlassen, tiefe Rillen im Profil der eigenen Sprache. Deshalb wollen auch wir uns am Wunschonzert beteiligen und rufen die Leser von ScienceFiles auf, sich ebenfalls am Wunschkonzert zu beteiligen. Wer also ein Wort kennt, das er schon immer loswerden wollte, jetzt ist die Zeit, es zu sagen.

Wir fangen mit den folgenden Unworten an, die wir auf den Index der deutschen Sprache gesetzt sehen wollen:

  1. Gleichstellung – Euphemismus, hinter dem sich der Versuch versteckt, die Gesellschaft nach sozialistischen Vorstellungen gleichzuschalten, d.h. die Unterschiede, die durch Motivation, Leistung und Engagement erzielt werden, nicht mehr zu honorieren;
  2. Solidarität – fiese Methode, um von denen, die etwas zu haben, etwas zu bekommen.
  3. Tolerenz – noch fiesere Methode, um sich die Möglichkeit zu verschaffen, anderen auf die Nerven zu gehen.
  4. Repräsentative Demokratie – aller fieseste Methode, um das Einverständnis von Menschen dafür zu erzielen, sie über den Tisch zu ziehen.
  5. Neoliberal – Behauptung, Freiheit sei zeitveränderlich; Versuch, Freiheit dadurch einzuschränken, dass man sie zum Gegenstand von Parteipolitik macht.

Nun sind Sie an der Reihe.

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“Unsere” Ingrid Sehrbrock

Ingrid Sehrbrock scheint sich ein Abonnement auf den Unsinn der Woche sichern zu wollen. Sehrbrock wurde der erste Unsinn der Woche auf ScienceFiles gewidmet. Damals hat die DGB-Vize- oder Tertiär oder wievielte Vorsitzende auch immer, die offensichtlich nur in der ersten Person Plural sprechen kann, für “uns” festgestellt, dass “wir” eine stärkere Repräsentation von Frauen in Aufsichtsräten brauchen. Heute fordert Frau Sehrbrock, deren kollektiver Gemeinschaftsinn offensichtlich so weit fortentwickelt ist (manche würden hier auch von Selbst-Entfremdung sprechen und eine Pathologie diagnostizieren, aber ich will hier nicht über das ICD schreiben….), dass sie nur für “uns” und in “wir” denken kann, heute fordert “unsere” Sehrbrock, die “Verbindlichkeit von Gesetzen”.

Ich habe wirklich lange darauf gewartet, bis jemand von “uns” endlich feststellt, was “wir” alle wissen, nämlich, dass eben nicht alle gleich sind vor dem Gesetz, manche sind gleicher, und “unsere” Sehrbrock hat es erkannt und fordert: “…, wir brauchen die Verbindlichkeit von Gesetzen”. Ah, erwischt, ich habe da was aus dem Zusammenhang gerissen, denn der Nebensatz vor dem zitierten Hauptsatz macht aus der Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz die Forderung nach einer Privilegierung durch Gesetz: “Anträge helfen den Frauen nicht weiter, wir brauchen die Verbindlichkeit von Gesetzen”. Weil “den Frauen” irgendwelche Anträge nicht weiterhelfen, brauchen “wir” die Verbindlichkeit von Gesetzen. Ich sage ja, Privilegierung oder Unsinn, je nachdem, denn alle können kaum etwas brauchen, was nur einer Teilmenge von allen, nämlich “den Frauen” zu Gute kommt. Aber ich will nicht zu sehr auf den sprachlichen Unzulänglichkeiten von “unserer” Ingrid herumhacken, und statt dessen fragen, was “wir” denn brauchen, außer “einem Entgeltgleichheitsgesetz, das die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern endlich schließt” (Nein, ich schreibe jetzt auch nichts zum Gender Pay Gap. Dazu ist alles gesagt. Es gibt keines.).

ScienceFiles: “Also, Ingrid Sehrbrock, was brauchen “wir””?

Sehrbrock“Wir brauchen eine Reform der Minijobs, die eine soziale Absicherung auch für geringfügige Teilzeit sicherstellt. und wir brauchen einen Rechtsanspruch, aus einer Teilzeitbeschäftigung wieder in ein Vollzeitarbeitsverhältnis zurückkehren zu können. Damit können Frauen ihre Erwerbsbiographie verbessern, und Männer können sich trauen, ihre Arbeitszeit aus familiären Gründen für einige Zeit zu reduzieren”.

Also: Wir alle brauchen etwas, was uns nicht allen zu Gute kommt. Da die Rentenansprüche von allen Beitragszahlern getragen werden und die Höhe der Rente sich zwar nicht mehr vollständig, aber immer noch der Tendenz nach, an der Höhe der Rentenbeiträge bemisst, geht die Forderung von “unserer” Ingrid in eine eindeutige Richtung: “Wir” brauchen eine Rentenversicherung, deren Höhe nicht mehr von den Beiträgen abhängig ist, sondern in der Frauen mit Minijobs ungefähr dieselbe Rente erhalten, wie Frauen und Männer, die ihr Leben lang vollzeiterwerbstätig waren. Das brauchen wir? Nun, ich kann nicht für die Leser dieses blogs sprechen, aber ich kann für mich sprechen:  Ich brauche das nicht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Vollzeiterwerbstätigen diese Form der Diskriminierung auch nicht brauchen. Entsprechend schlage ich “unserer” Ingrid vor, einen Hilfsfonds einzurichten, in den dann alle DGB- und sonstigen Gewerkschaftsfunktionäre einzahlen, um die Rentenhöhe von Minijobbern auf das Niveau zu heben, auf dem sich die Rentenansprüche von Gewerkschaftsfunktionären bewegen. Da Ingrid und ihresgleichen das “brauchen”, sollte es ihnen den Einsatz wert sein.

equityNicht genug damit, “wir” brauchen auch einen Rechtsanspruch, damit Teilzeitbeschäftigte automatisch in Vollzeitbeschäftigung zurückkehren können. Das wiederum ist menschenverachtend, denn es unterstellt, dass es keine Unterschiede zwischen uns gibt, und ich für meinen Teil möchte nicht mit “unserer” Ingrid verwechselt werden. Deshalb und weil es feststehendes Wissen in der Ökonomie ist, bin ich auch vehement gegen jeden Versuch, die Unterschiede zwischen Arbeitnehmern als nicht existent zu behandeln. Wenn zwei Arbeitnehmer eine gleichwertige Tätigkeit ausführen und Arbeitnehmer TZ sich entschließt, in Teilzeit zu gehen, während Arbeitnehmer VZ weiterhin Vollzeit arbeitet, dann wird Arbeitnehmer VZ bereits nach kurzer Zeit effizienter sein und damit produktiver als Arbeitnehmer TZ. Arbeitnehmer VZ ist entsprechend für sein Unternehmen mehr wert als Arbeitnehmer TZ, und Arbeitnehmer VZ bringt einen größeren Input als Arbeitnehmer TZ, was sich in einem Gehaltsunterschied niederschlagen muss, denn es wäre ungerecht, den wertvolleren Arbeitnehmer VZ schlechter oder gleich zu bezahlen wie den schlechteren Arbeitnehmer TZ.

Wenn Arbeitnehmer TZ nicht mehr voll arbeitet, muss sich Arbeitgeber M etwas überlegen, um die Arbeit, die liegen bleibt, weil TZ nur noch halb so lange am Arbeitsplatz ist, wie gedacht, erledigen zu lassen. Die einfachste Methode dieses Problem zu lösen besteht darin, einen weiteren Arbeitnehmer einzustellen und ihm neben den Aufgaben, die TZ nur noch halb erledigt, weitere Tätigkeiten zu überantworten. Da unser weiterer Arbeitnehmer, nennen wir ihn VZ2, Vollzeit arbeitet, ist er in kurzer Zeit effizienter als TZ und mehr wert für sein Unternehmen. Und jetzt kommt “unsere” Ingrid und will, dass TZ Vollzeit arbeiten kann, wenn ihm danach ist, was im schlechtesten Fall bedeutet, dass VZ2 wieder entlassen werden muss. Eine seltsame Form von Gerechtigkeit, die da von “unseren” Gewerkschaftschaftlern gepredigt wird. Und abermals muss ich darauf bestehen, dass “unsere” Ingrid sich nicht anmaßt, in meinem Namen zu sprechen.

penguin_logicSchließlich gibt es in der zitierten Passage eine Schlussfolgerung. Gäbe es einen Rechtsanspruch, um von Vollzeit in Teilzeit und zurück zu wechseln, je nach Lust und Laune, dann würden sich Männer, so weiß “unsere” Ingrid, die ansonsten doch nur von “den Frauen” zu erzählen weiß, sich trauen, weniger zu arbeiten und Kinder zu wickeln. Nun, diese Einsicht, die “unsere” Ingrid da hat, ist leider und nachweislich falsch. Eine gerade erschienene Analyse von Heike Trappe (2013), die demnächst auf ScienceFiles komplett besprochen wird, hat gezeigt, dass Väter sich in genau zwei Fällen entscheiden, Elternzeit zu nehmen, und zwar:

  1. wenn ihre Frau/Partnerin mehr verdient als sie selbst und
  2. wenn sie selbst nicht erwerbstätig sind, ihre Frau/Partnerin aber einen Job hat.

Die Entscheidung dafür, den Job zu Gunsten von Freizeit und Familie aufzugeben oder in seinem Ausmaß zu reduzieren, ist insofern bei Männern eindeutig determiniert: Sie wird dann getroffen, wenn die finanziellen Einbußen die mit einer Abkehr von Arbeit einhergehen, nicht vorhanden sind. Insofern zeigt sich “unsere” Ingrid als  Traumtänzerin. Wenn “wir” wirklich wollen sollten oder es für wünschenswert halten sollten, dass Männer und Frauen in gleicher Weise ihre Arbeit zu Gunsten von Freizeit und Familie aufgeben können, dann ist der einzige Weg dazu, die Arbeit abzuschaffen, die Reproduktion ausschließlich in der Petrischale und in Gänze ohne menschliche Beteiligung vorzunehmen und ansonsten im Ringelreihen über grüne Wiesen zu tanzen, so wie das “>die Eloy in H.G. Wells Zeitmaschine tun …

Und so sehr mir “unsere” Ingrid mit Ihrem regelmäßigen Unsinn ans Herz gewachsen ist, so sehr muss ich doch darauf bestehen, dass Sie das nächste Mal, wenn Sie etwas für “uns” fordert, nicht von “wir”, sondern von “wir ohne Michael Klein” spricht.

Falls Sie auch nicht in die Gebete der DGB-Vize-Vorsitzenden eingeschlossen werden wollen, schreiben Sie unserer Ingrid eine Email:

Ingrid.Sehrbrock@dgb.de

Hier meine Email als Vorlage:

Sehr geehrte Frau Sehrbrock,

Sie formulieren in Ihrer letzten Pressemeldung vom 1. März 2013 unter der Überschrift:
“Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern endlich schließen” u.a.: “Wir brauchen eine Reform der Minijobs … wir brauchen einen Rechtsanspruch …”.

Ich brauche weder eine Reform der Minijobs noch einen Rechtsanspruch. Da ich nicht davon ausgehe, dass Sie im Pluralis Majestatis sprechen, ich also davon ausgehen muss, dass Sie die erste Person Plural in unbedingter Form benutzen, bitte ich Sie in Zukunft, immer dann, wenn Sie von “wir” sprechen, mich auszunehmen und dies durch den Zusatz “wir außer Michael Klein” kenntlich zu machen.

http://www.dgb.de/presse/++co++88f5bd92-8270-11e2-8997-00188b4dc422/@@index.html?search_text=Sehrbrock%40&x=-1079&y=-8

Mit freundlichen Grüßen,

Michael Klein

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Diebstahl an der Gemeinschaft

Frank Wehrheim, ehemaliger Steuerfahnder für die hessische Landesfinanzverwaltung, der zwischenzeitlich das Metier gewechselt hat und nunmehr seine Erfahrungen in Buchform vertreibt, hat in der ARD ein bemerkenswertes Interview gegeben. Gegenstand des Interviews ist Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern München, der eine Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung erstattet hat. Soweit so gut.

LamnekIFangen wir bei der kriminologischen Forschung oder der Analyse devianten und delinquenten Verhaltens an. Generationen von Kriminologen haben sich bemüht, Kriminalität als normales Verhalten normaler Menschen zu erklären, um von den Erbgut und anthropologischen Kategorien wegzukommen, die Kriminalität als vererbte Eigenschaft von Menschen, die manche haben und andere nicht oder als Ergebnis der Physiognomie von Menschen beschrieben haben. Kriminalität ist normal, so hat Hans Haferkamp in den 1970er Jahren geschrieben, und vor ihm haben Soziologen wie Robert K. Merton und Edwin K. Sutherland auf die sozialen und situativen Grundlagen von Kriminalität verwiesen und somit kriminelles Handeln als rationale Wahl in einer entsprechenden Situation bei entsprechenden Präferenzen erklärt. Die damals begründeten Ideen finden sich heute in allen gängigen Ansätzen der Kriminologie, im Broken Windows Approach von Wilson und Kelling (1982) ebenso wie in den Hot Spots von Marcus Felson (2002) oder dem Reasoning Criminal von Cornish und Clarke (1989).

Und dann kommt Frank Wehrheim, selbsternannter Experte für die Erklärung von Steuerhinterziehung und gibt ein Interview, das hinter alles, was erarbeitet wurde, zurückfällt.

Ich habe das Interview, in dem Uli Hoeneß, der Steuerhinterzieher, öffentlich an den Pranger gestellt wird, oben als bemerkenswert bezeichnet. Ich will hier spezifizieren, warum ich es für bemerkenswert halte:

  • Bemerkenswert ist die Nonchallance, mit der über Dinge spekuliert wird, die niemand weiß, immer unter der Prämisse, dass Uli Hoeneß ein ganz Böser ist, der durch die Welt läuft, um andere zu schädigen.
  • Noch bemerkenswerter ist, dass da ernsthaft jemand den Mund aufmacht und behauptet, Uli Hoeneß habe sich an “der Gemeinschaft” vergangen.

LamnekIIDoch der Reihe nach. Uli Hoeneß hat gesagt, er habe keine Kapitalertragssteuer auf sein in der Schweiz deponiertes Vermögen gezahlt. Das ist, was wir bislang genau wissen. Und ginge es darum, selbst Uli Hoeneß mit Respekt und als normalen Bürger zu behandeln, es hätte damit sein Bewenden. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, Uli Hoeneß zum “Dieb an der Gemeinschaft” aufzubauen, und deshalb wird wild spekuliert: “Das kann ich mir auch in diesem Fall vorstellen”, so sagt Herr Wehrheim. “Es kann allerdings auch so sein”, fügt er einige Zeilen weiter hinzu. “Einige bedienen sich fiktiver Geschäftsverbindungen”, weiß er wieder ein paar Zeilen weiter. Alle Spekulationen, die Herr Wehrheim anstellt, sind ausschließlich negativer Natur. Er spekuliert nicht, dass Uli Hoeneß sich vielleicht vertan hat. Er spekuliert nicht, dass etwas vergessen worden sein könnte. Er spekuliert nicht, dass es vielleicht eine Form der Notwehr gegen einen übereifrigen Staat ist, die Menschen dazu veranlasst, ihr Geld vor diesem Staat in Sicherheit zu bringen. Nein, die Welt von Herrn Wehrheim ist eine einfache. Es gibt Gute, wie ihn, und Böse wie Uli Hoeneß. Und letztere schädigen die Gemeinschaft.

Der nun folgende Teil ist der bemerkenswerteste im gesamten Interview. Er beginnt damit, dass Simone von Stosch, die das Interview für tagesschau.de führt, offensichtlich den Unterschied zwischen einem Psychologen und einem ehemaligen Steuerfahnder nicht kennt. Entsprechend fragt sie:

“Nun hat er offenbar versucht, Steuern zu hinterziehen. Wie beurteilen sie das psychologisch: Was treibt so viele Menschen, die ja genug auf dem Konto haben, zu solchen Aktionen?”

Wehrheim: “In meiner Laufbahn als Steuerfahnder habe ich dies bei allen Berufsgruppen erlebt – und quer durch alle gesellschaftlichen Schichten: bei Ärzten, Politikern, Ministern, sogar bei Finanzbeamten. Wer mehr Geld hat, der verfügt über einen größeren Hebel bei der Hinterziehung, bei dem geht es um höhere Summen. Die Energie, die dahinter steht – nämlich das Geld der Gemeinschaft vorzuenthalten – ist immer die Gleiche. Es scheint so zu sein, dass der Diebstahl an der Gemeinschaft – und nichts anderes ist Steuerhinterziehung – moralisch anders bewertet wird, als wenn man seinen Nachbarn bestiehlt. Die wachsene Gier spielt natürlich auch eine große Rolle.”

Taxes1Ich muss sagen, das ist starker Tobak, an Unsinn kaum zu überbieten, und es stellt die Welt, wie sie ist, auf den Kopf. Diebstahl setzt voraus, dass die Eigentumsrechte eines anderen missachtet und ihm sein Eigentum entwendet wird. Das Geld, das Uli Hoeneß in der Schweiz hat, ist aber nun einmal sein Eigentum. Auf dieses Eigentum von Uli Hoeneß erhebt der deutsche Staat Ansprüche in Form von z.B. Einkommens- und Kapitalertragssteuer. Dass er diese Ansprüche erhebt, macht ihn aber nicht zum Eigentümer. Hätte der gute Herr Wehrheim mit seiner abstrusen Theorie Recht, sein Auto gehörte, kraft der Kfz-Steuer nicht ihm bzw. seiner Leasing-Firma, sondern dem deutschen Staat (bzw. dem Bundesland, in dem er lebt). Das ist offensichtlicher Unsinn. Aber es ist noch nicht alles, denn Wehrheim entblöded sich nicht, eine Entität, “die Gemeinschaft”, zu schaffen und ihr gleich noch Rechte auf das Eigentum von Individuen einzuräumen.

Was soll diese Gemeinschaft sein? Und wie verhält sich “die Gemeinschaft” zu Uli Hoeneß? Ist er Teil der Gemeinschaft? Wenn ja, dann hätte er sich selbst bestohlen, was logisch nicht möglich ist. Ist er aber nicht Teil “der Gemeinschaft”, wie kommt “die Gemeinschaft” dann dazu, von ihm Steuern zu erheben- wofür? Normalerweise sind Steuern dazu gedacht, öffentliche Leistungen zu finanzieren. Sagen wir der Einfachheit halber: Leistungen für die Gemeinschaft. Warum sollte Uli Hoeneß also Leistungen finanzieren, von denen er nichts hat? Die kurze Ausführung zeigt nicht nur die Unsinnigkeit der Rede von “der Gemeinschaft”, sie verweist auch auf einen grundlegenden Irrtum, der Herrn Wehrheim sein Leben lang begleitet zu haben scheint: Steuern sind nichts, was Bürgern oktroyiert wird, sondern etwas, zu dessen Entrichtung sie sich im Austausch für bestimmte Leistungen entschlossen haben. Es ist also genau umgekehrt als Herr Wehrheim denkt: Nicht die Gier der Bürger führt dazu, dass sie “die Gemeinschaft bestehlen”, sondern die Gier des Staates, die sich in der Steuerhöhe niederschlägt, führt dazu, dass Bürger die Steuern als Diebstahl ansehen (und mit Recht) und versuchen, den Schaden den der staatliche Dieb anrichtet, so minimal zu halten wie nur möglich.

laffer-curveWäre Herr Wehrheim nicht nur lausiger Hobby-Psychologie, sondern z.B. auch ein wenig mit ökonomischer Forschung befasst, dann wüsste er, dass das Ausmaß an Steuerhinterziehung eine Funktion von Steuerlegitimation und Steuerhöhe (z.B. in der Laffer-Kurve beschrieben) ist. Je mehr Bürger der Ansicht sind, die Steuern seien unverhältnismäßig hoch, und je mehr sie denken, ihre Steuern würden einer Verwendung zugeführt, die sie nicht unterstützen, desto höher das Ausmaß von Steuerhinterziehung.

Aber dies sind Argumente, die in der wirklichen Welt diskutiert werden, nicht in der schwarz-weiß Welt von Wehrheim, in der der Steuerfahnder einst als Ritter des Guten die Bücher seiner Opfer durchforstet hat und in der ihm die Freude vermutlich ins Gesicht geschrieben war, wenn er ein paar Euro für “seinen Staat” aus dem Fehlen eines Belegs für ein Buch von 25,99 Euro herauspressen konnte. Richtig, ich halte überhaupt nichts von “Bürgern”, die sich zu Bütteln ihres Staates machen und es als ihre Aufgabe ansehen, andere Bürger im Namen ihres Staates zu verfolgen. Ich halte deshalb nichts davon, weil wir genug geschichtliche Beispiele dafür haben, was das Ergebnis derartiger Herrschaftsstrukturen ist.

Und damit komme ich zu dem, was ich am Bedenklichsten finde: Uli Hoeneß wird hier, stellvertretend für alle anderen, die im seit einigen Monaten andauernden ideologischen Krieg gegen Menschen, die lieber keine Steuern zahlen, als die politischen Stiftungen der Parteien und alle politischen Vasallen, die sonst noch auf Kosten der Steuerzahler leben, zu finanzieren, öffentlich hingerichtet. Er wird zum Dieb an der Gemeinschaft stilisiert, und von hier ist es nur ein kurzer Weg zum Schädling an der Gemeinschaft oder zum Volksschädling:

“Der Ausdruck “Volksschädling” erscheint 1920 im Völkischen Beobachter als Bezeichnung für Schieber und Wucherer: ‘Auch heute versagt das öffentliche Recht gegen die gemeinen Volkschädlinge der Schieber und Wucherer’” (Schmitz-Berning, 2007, S.671).

Vok NationalsozialismusOriginalton Wehrheim in der öffentlich-rechtlichen Tagesschau.de, nachdem er Steuerhinterzieher als Diebe an der Gemeinschaft und von Gier getrieben dargestellt hat: “Steuervermeidung hat sich zu einem Sport entwickelt, und es gibt ja mittlerweile ganze Branchen, die Menschen dabei helfen, Steuern zu senken oder Steuern zu vermeiden. Das ist nach deutschem Steuerrecht vielleicht ganz legal”

Auch 100 Jahre nach der Feststellung im Völkischen Beobachter versagt also das Recht, nach Wehrheims Meinung. Und von dieser Feststellung, bis zur nächsten, ist es wiederum nur einen kurzen Schritt:

“Es entspricht dem Grundgedanken des nationalsozialistischen Staates, den Volksschädling und den Saboteur auch dann zu fassen, wenn er es versteht, sich zwischen den Maschen des geschriebenen Rechts hindurchzuwinden (Denkschrift des Preußischen Justizministers über ein künftiges ‘Nationalsozialistisches Strafrecht’, zitiert nach Schmitz-Berning, 2007, S.672).”

Uli Hoeneß hat sich selbst angezeigt und derzeit weiß kaum jemand, ob und in welcher Höhe er tatsächlich Steuern hinterzogen hat. Dennoch wird er in der ARD öffentlich zum Abschuss frei gegeben. Der erste Schritt zur Überwindung des Rechtsstaates ist bereits getan und “gute Bürger” wie Herr Wehrheim, immer zu Diensten, wenn es darum geht, die Sache des Staates zu vertreten, stehen in vorderster Front, um (wieder?) gegen Mitbürger vorzugehen.

P.S.

Es wäre eigentlich die Aufgabe von institutionalisierten Politikwissenschaftlern auf die Parallelen hinzuweisen, wie ich sie im Text aufgezeigt habe. Aber vermutlich sind die entsprechenden Politikwissenschaftler mit so “wichtigen” Dingen wie Gender beschäftigt und merken entsprechend nicht, was um sie herum vorgeht.

Literatur

Cornisch, Derek B. & Clarke, Ronald U. (eds.) (1989). The Reasoning Criminal. Rational Choice Perspectives on Offending. New York: Springer.

Felson, Marcus (2002). Crime and Everyday Life. Thousand Oaks: Sage.

Haferkamp, Hans (1972). Kriminalität ist normal. Zur gesellschaftlichen Reproduktion abweichenden Verhaltens. Stuttgart: Enke.

Merton, Robert K. (1958). Social Theory and Social Structure. Glencoe: Free Press.

Schmitz-Berning, Cornelia (2007). Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin: de Gruyter.

Sutherland, Edwin K. (1947). Principles of Criminology. Philadelphia: Lippincott.

Wilson, James Q. & Kelling, George L. (1982). Broken Windows.

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Nicht direkt aus dem Irrenhaus, aber fast

Wahnsinn oder Unzurechnungsfähigkeit wurde über Jahrhunderte dadurch bestimmt, dass er/sie  gegen die boschgesellschaftliche Normalität  verstoßen hat (eine weiche Formulierung) oder sich in irrationalen, nicht nachvollziehbaren Handlungen  niedergeschlagen hat, die für andere Externalitäten und häufig auch den Schaden dessen, der die entsprechenden Handlungen ausgeführt hat, nach sich gezogen haben. Unsere “modernen” Zeiten zeichnen sich dadurch aus, dass die Klasse des Wahnsinns oder der Unzufrechnungsfähigkeit diversifiziert und in einer Unmenge spezifischer Störungen aufgelöst wurde. Ein Beispiel sind Psychosen. Zimbardo schreibt zu Psychosen:

“Psychosen (psychotische Störungen) unterscheiden sich von Neurosen qualiatativ und kategorial, nicht einfach im Schweregrad. Psychose ist die allgemeine Kategorie für eine Reihe schwerer psychischer Störungen, bei welchen Beeinträchtigungen der Wahrnehmung, des Denkens, und der Emotionalität auftreten. Eine Person, die als psychotisch beschrieben wird, leidet an einer gravierenden organischen oder psychischen Dysfunktion, weshalb sie auf sehr abweichende Art fühlt, denkt und/oder handelt” (Zimbardo, 1995, S.612).

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass eine kollektive Psychose, die Personen erfasst, die sich alle in einem Raum befinden oder die denselben Beruf teilen oder sich häufig sehen müssen, nicht ausgeschlossen ist.

spd_logo_neuDie Drucksache 17/13478 des Deutschen Bundestages wurde am 14. Mai 2013 veröffentlicht. Sie hat einen Antrag der Abgeordneten Ulla Schmidt (Aachen), Siegmund Ehrmann, Angelika Krüger-Leißner, Petra Ernstberger, Iris Gleicke, Ute Kumpf, Christine Lambrecht, Caren Marks, Thomas Oppermann, Dr. h.c. [!sic] Wolfgang Thierse, Brigitte Zypries, Dr. Frank-Walter Steinmeier und der Fraktion der SPD zum Gegenstand. Der Antrag ist überschrieben mit:

Für die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern auch im Kunst-, Kultur- und Medienbereich.

Die langatmige Einleitung zu diesem bemerkenswerten Extrakt eines zumindest nicht auf den ersten Versuch (und auch nicht auf den zweiten) nachvollziehbaren Assoziierens will ich mir weitgehend sparen, bis auf den Hinweis, dass trotz aller Versuche, die deutsche Sprache allen Sinns zu entleeren, Gleichstellung auf Ergebnisgleichheit zielt und entsprechend nichts mit Gleichberechtigung zu tun hat. Und auch wenn es den Genossen nicht in den Kopf zu gehen scheint, eine ungleiche Verteilung hat per se nichts mit Nachteilen, nichts mit Benachteiligung und sozialer Ungleichheit zu tun. So sitzen im Bundestag deutlich mehr Lehrer und Juristen und deutlich weniger Arbeiter als ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Dennoch fällt keinem Abgeordneten ein, nicht-Juristen, nicht-Lehrer oder gar Arbeiter gleichstellen zu wollen, weil nämlich die Idee, dass die eigene Anwesenheit im Bundestag ungerecht gegenüber z.B. Arbeitern sein könnte und deren direkte Benachteiligung zeigt, keinem noch so engagierten Bundestagsabgeordneten bislang in den Sinn gekommen ist. Vielleicht verstehen die Genossen den Unterschied zwischen einer ungleichen Verteilung und einer Benachteiligung ja auf diese Weise.

Nun zum Antrag, die Kultur gleichzuschalten (gab’s auch schon mal, wenn ich mich richtig erinnere). Der Antrag beinhaltet bemerkenswerte Feststellungen und Forderungen. Meine Lieblingsfeststellung ist die folgende:

Zimbardo“2011 hat der Bundesverband bildendender Künstlerinnen und Künstler (BEK) eine Umfrage zur wirtschaftlichen und sozialen Lage bildender Künstlerinnen und Künstler vorgelegt, der auch für diesen Bereich die vor allem wirtschaftlich nachweisbar schlechtere Situation der bildenden Künstlerinnen offenkundig macht. Neben den vergleichsweise geringeren Einkünften, der häufiger prekären Beschäftigung und der sogar bei der Größe der Ateliers feststellbaren Benachteiligung von Frauen ist es vor allem die heute schon drohende Altersarmut vieler Frauen, die erkennbar ist.

Nicht nur haben die Genossen von der SPD den unglaublichen Umstand offengelegt, dass fiese, vermutlich männliche Vermieter schöner und großzügiger Ateliers nicht an Frauen vermieten oder gar verkaufen wollen, denn anders ist die Benachteiligung “sogar bei der Größe der Ateliers” nicht zu erklären, nein, die Genossen können auch in die Zukunft sehen, und was sie sehen ist Altersarmut, Altersarmut, die sich einstellen muss, weil die bildenden Künstlerinnen offensichtlich Versager, nein Versagerinnen sind, die ohne die Hilfe der SPD keinen Fuß auf den Boden und natürlich weder großes Atelier noch üppige Rente erreichen können. Ohne die SPD, das muss man sich einmal vorstellen, wären die bildenden Künstlerinnen gezwungen, einen gut verdienenden bildenden Künstler zu heiraten, um über den Umweg der Witwenrente der Altersarmut zu entgehen.

Den Feststellungen folgen die Forderungen, deren Erfülluung die Genossen für notwendig ansehen, um “die tatsächliche Gleichstellung von Frauen im Kunst-, Kultur- und Medienbereich … umzuseten”.

Die erste Forderung zur Umsetzung von Gleichstellung betrifft den vom Ministerium für Familie und so weiter mit 20.000 Euro finanzierten “Gabriele Münter Preis”. Er soll auch weiterhin finanziert werden. Sie kennen den Gabriele Münter Preis nicht? Nun ich auch nicht. Betreiben wir also gemeinsam Weiterbilduung:

“Der Gabriele Münter Preis für Bildende Künstlerinnen ab 40 ist mit 20.000 Euro dotiert und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im dreijährigen Turnus in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK), dem Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer (GEDOK) und dem Frauenmuseum in Bonn ausgelobt. Neben der Einzelausstellung der Preisträgerin werden Arbeiten von 39 ausgewählten Künstlerinnen aus dem Wettbewerb um den Gabriele Münter Preis 2010 vorgestellt.”

Für die SPD-Fraktion im Bundestag, das kann man an dieser Stelle feststellen, besteht “tatsächliche Gleichstellung” in Kunst usw. darin, dass ausschließlich Frauen über 40 gefördert werden. Auch eine Form der Diskriminierung und für alle Frauen unter 40 und alle Männer aller Altersklassen dann, wenn es um die Wahlentscheidung geht, sicher eine wichtige Information. Damit niemand hinterher kommen und sagen kann, er hätte etwas nicht gewusst.

Punkt 2c der Notwendigkeiten “tatsächlicher Gleichstellung” ist auch nicht schlecht:

Hier wollen die Genossen, dass “… beim Ankauf von Werken der Bildenden Kunst durch die Bundesrepublik Deutschland der Aspekt der Gleichstellung stärker als bisher berücksichtigt wird”.

Jonker Ramp and his SweetheartLeider haben die Genossen vergessen zu sagen, was sie damit meinen. Dürfen nur noch Skulpturen von Hanne Breker oder Bilder von Viola van Gogh gekauft werden oder muss darauf geachtet werden, dass der vielleich sogar erkennbare Gegenstand der Bildenden Kunst, das “Kunstobjekt” gleich zwischen den Geschlechtern verteilt ist. Und wieso kauft die Bundesrepublik Bildende Kunst? Haben Sie die Bundesrepublik entsprechend beauftragt?

Weiter geht’s mit dem, auf das wir alle bereits gewartet haben, denn wie jeder weiß, der sich immer einmal wieder mit dem beschäftigt, was unter dem Rubrum der Gleichstellung abgesondert wird, sind die Gleichsteller allesamt der Meinung es bei Frauen durch die Bank mit kleinen Dummchen zu tun zu haben, die aus eigener Kraft nichts zu Stande bringen. Entsprechend dürfen auch im SPD-Antrag zur Kunst Coaching-Programme, vermutlich zum Gegenstand: wie sichere ich mir ein großes Atelier, und die Förderung von Existenzgründungen (mit der SPD zum großen Atelier!) und die Vernetzung (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer bildender Künstlerinnen) nicht fehlen.

Und wo ich gerade bei dem bin, was nicht fehlen darf.

Was fehlt noch?

Worauf haben sie bislang umsonst gewartet?

Richtig!

Für die SPD-Fraktion sind Frauen, auch dann, wenn sie bildende Künstlerinnen sind, in erster Linie einmal zur Fortpflanzung fähiges Material, und entsprechend darf natürlich nicht fehlen, woran alle Frauen ab ihrer Jugend und dann ständig denken: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch bildende Künstlerinnen dürfen ihren Canvas nicht einfach herausholen und malen wann und wo sie wollen, nein, sie haben das Pinselschwingen mit der Familie zu vereinbaren, und damit sie das können, müssen nach Ansicht der SPD ein familienfreundliches Klima, ein verbessertes Angebot zur Kinderbetreuung und die Förderung von Freistellungsphasen her. Jetzt ist auch klar, warum die Grüße des Ateliers der bildenden Künstlerinnen für die SPD so entscheidend ist, denn im Atelier muss nicht nur Platz für Familienplanung sein, sondern auch Raum fü einen Betriebskindergarten.

How-to-MiroEs handelt sich bei diesem Antrag der SPD-Fraktion um keine Satire, und wer nun denkt, der Antrag und vor allem der Inhalt des Antrags zeige alle Hinweise auf eine vorhandene psychotische Störung, dem will ich an dieser Stelle nicht widersprechen. Statt dessen will ich darauf hinweisen, dass es schon erstaunlich ist, um welche Klientel sich die SPD-Fraktion zu kümmern müssen glaubt. Man erinnere sich, die SPD galt einst als Arbeiterpartei. Davon ist die SPD so weit entfernt, wie die Erde vom Andromeda Nebel. Die heutige SPD ist eine Partei der Mittelschicht, der vermeintlich kunstbeflissenen, die zwar keinen Franz Marc von einem Frans Hals unterscheiden können, aber denken, wenn sie einen Juan Miro Kunstdruck im Treppenhaus hängen haben, dann seien sie als Kenner der Materie erkannt. Und natürlich ist die SPD eine Partei der Fortpflanzung, des Paternalismus und der Gleichstellung, Gleichstellung = ganz wichtig, Gleichstellung ist das beherrschende Motiv, der Fixpunkt, das, was das Fühlen, Denken und Handeln der SPD-Parlamentarier derart beherrscht, dass keine Zeit mehr bleibt für schnöde Dinge des Alltags normaler Menschen, normaler Arbeiter und Arbeiterinnen natürlich.

Zimbardo, Philip (1995). Psychologie. Berlin: Springer.

Weil es noch nicht reicht: SPD fordert Frauenquote für Talkshows. Ob man Wahnsinn noch steigern kann? Wer noch über weitere Facetten des Gender-Wahnsinns, der die gesamte SPD erfasst zu haben scheint, beizutragen weiß, nur zu!

32 Responses to Unsinn der Woche

  1. terminatus30 sagt:

    KOMMENTAR ZUM UNSINN AUS WOCHE 49/2011

    WIR also die Bürger, was immer das in diesen Zeiten noch sein soll, brauchen ja auch eine stärkere EU, neue, erweiterte Verträge welche noch massivere Eingriffe in die Budgethoheit aller Nationalstaaten, was immer das in diesen Zeiten noch sein soll, legitimieren – das brauchen wir.

    Ich war eigentlich immer der Meinung, dass in Demokratien das Volk und nicht einzelne Apparatschiks in Brüssel entscheiden. Und wo bleibt die Freiheit?

    So langsam glaube ich, die Welt wird ver-rückt.

  2. Peter B. sagt:

    KOMMENTAR ZUM UNSINN AUS WOCHE 01/2012

    Als Alternative zu Bezeichnung “Gutmensch” bietet sich das altehrwürdige “Moralapostel” an. Der Gutmensch ist ja nicht wirklich gut, er ist vielmehr ein penetranter und selbstgerechter Prediger der (seiner) Moral, wobei Anspruch und Wirklichkeit in der Regel ziemlich weit auseinander klaffen. Bigott und selbstgerecht, immer moralinsauer predigend. Die Leute gab es schon immer, lange bevor das Wort “Gutmensch” gebräuchlich wurde.

    • qed sagt:

      Na, der ‘Gutmensch’ meint doch etwas anderes: linksgrüne Ideologen vorzugsweise, die Wasser predigen und Wein trinken und mit ihrer penetranten Ideologie nicht nur bekehren, sondern vor allem täuschen, manipulieren und zwingen wollen; dagegen ist der Moralapostel ein unschuldiges Lämmchen.
      Als besonders ekelhaftes Beispiel fallen mir da die Berliner Kader ein, die die Kinder anderer Leute in die versyphten und vor Deutschenhaß sprühenden Gesamt- Schulen zwingen wollen, alldieweil sie ihre eigenen Blagen auf Privatschulen oder zumindest die Schulen in Edel- Stadtteilen geben.
      Die Ypsilanti z.B. sei uns stete Mahnung und ewiges Bedenken dieser widerwärtigen Mischpoke.

    • Michail Bulgakow sagt:

      Putzig ist beim schönen Wort ” Gutmensch”, wie die so bezeichneten Gutmenschen völlig bösartig und schäumend auf den Ehrentitel reagieren. Bei der Nazifizierung des Begriffs scheut ein echter goodygoody keine Mühe. Das Wort selbst soll mehr aus der Spaßecke eines Satireblättchens aus den 80er Jahren stammen, aber kürzlich las ich den Beitrag einer linken Pressedame die rausgefunden hatte, dass Adolf Hitler wohl ab und zu über ” gute” Menschen sprach.Ein Journalistenverband verpustete bei wikipedia einen sog. wissenschaftlichen Artikel, das wort sei von einem ” Göbbels” erfunden worden. Ich kenne keinen Göbbel aus der Nazizeit aber ist ja gut zu wissen, dass linke Journalisten heutzutage das historische Wissen eines Sonderschülers haben.

  3. chriwi sagt:

    KOMMENTAR ZUM UNSINN AUS WOCHE 06/2012

    “immer wieder zu dem Ergebnis gelangt ist, dass Arbeitnehmer konkurrieren wollen, um die mit einer besseren Leistung verbundenen extrinsischen Belohnungen, in Form von Status, höherem Einkommen, Lob oder Unternehmensbeteiligungen zu erzielen.”

    Ich sehe den Widerspruch zu Butterwege nicht. Denn diese Motivationsgrundlage gibt es nur beim Aufstieg innerhalb eines Unternehmens (bzw. Wechsel). Bei Butterwege geht es darum, dass den Arbeitnehmern mit Entlassung gedroht wird um sie zu motivieren. Das hat erst einmal nichts mit Konkurrenz zwischen Arbeitnehmern zu tun, sondern einfach und allein mit der Macht der Arbeitgeber.

    “Ein letztes Kriterium, das geeignet ist, Ideologen von Wissenschaftlern zu trennen, ist die Logik.”
    Ganz sicher nicht. Je nachdem welchen Rahmen ich mir abstecke, kann ich alles und nichts logisch erklären. Ein Wissenschaftler ist jemand der seine Modelle hinterfragt, jemand der neue Ideen entwickelt welche die Welt besser beschreiben können. Jemand der einen offenen Blick hat und sich fragen kann ob die andere Seite recht haben könnte. Warum kann Armut nicht zu psyschischen Erkrankungen führen. Wieso muss ein Markt immer frei sein, warum soll die das Beste sein? Warum braucht man einen Staat und Privateigentum? Was ist sozial? Was ist frei? Logik kann dabei nur genutzt werden, um seinen Modellrahmen zu testen ob alles widerpruchsfrei ist. Selbst wenn es das ist, ist die das Modell immer noch nicht “richtig”. Mit Logik wurden und werden Götter argumentiert, Ausbeutung legitimiert, Naturgesetze verneint und bejat.

    “Vermutlich alle Ökonomen werden den folgenden logischen Zusammenhang als richtig ansehen: Je besser die wirtschaftliche Konjunktur, desto geringer die Arbeitslosigkeit. Wenn somit der Rückgang der Arbeitslosigkeit ein Scheinerfolg ist, der mit der Weltkonjunktur begründet wird, und man annimmt, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit eine gute Weltkonjunktur vorraussetzt, dann wirft dies die Frage auf, was daran ein Scheinerfolg sein soll, denn die Arbeitslosigkeit ist ja offensichtlich und nicht nur scheinbar zurückgegangen. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Weltkonjunktur seit der Finanzkrise und mitten in der Krise der Eurozone nicht rosig ist, denn stellt sich die Frage nach der Bedeutung des “Scheins” vor dem Erfolg noch dringlicher.”

    Wieso Scheinerfolg? Man führt Hartz 4 ein, welcher die Lebensbedingungen vieler Menschen verschlechtert. Einen positiven Effekt auf den Arbeitsmarkt gab es faktisch nicht. Die Reformen sorgten dafür, dass die Reallöhne in Deutschland gesunken sind. Somit ist der Erfolg der Reform durchaus ein Scheinerfolg. Denn was hat sie verbessert, wenn doch die Weltwirtschaft die prognostizierten Effekte herbeigeführt hat?

    Wenn man Butterweges Aussage natürlich aus dem Kontext reißt, dann betreibt man inwiefern Wissenschaft und keine Ideologie?

    Das Problem ist Herr Klein, dass ihre (und auch meine) Grundannahmen auf Ideologien beruhen. Das ist nun einmal das Problem der Sozialwissenschaften. Jeder hat seine Annahmen und Modelle und versucht sie zu belegen. Die Anderen liegen immer falsch.

    • Hallo Chriwi,

      ich fange einmal hinten an und stelle fest, dass Sie obwohl Sie mir vorwerfen, Aussagen von Butterwegge aus dem Kontext zu reißen (was nicht stimmt, aber dazu später) gleich zu Beginn Ihres Kommentars und ganz offensichtlich, meine Aussage aus dem Kontext reißen. Aber ich will nicht kleinlich sein und nur sagen, dass es für den Wettbewerb keinen Unterschied macht, ob man mit Kollegen oder Arbeitslosen konkurriert. Wer der Beste sein will, der will es im Vergleich zu jedem anderen sein, und diesen Unsinn mit der Drohung mit Kündigung glauben Sie doch selbst nicht. Welcher Arbeitnehmer, der noch bei Trost ist, kündigt guten Arbeitnehmern oder droht ihnen mit Kündigung. Also über wen schwadroniert Butterwegge hier nach ihrer Ansicht? Wem geht es so schlecht, dass er moralischen Beistand vom Politikwissenschaftslehrstuhl in Köln braucht?

      Ihr seltsames Verhältnis zur Logik haben wir ja schon des öfteren miteinander diskutiert. Diesmal nur soviel: Wenn mit Logik alles möglich ist, was macht Sie dann so sicher, dass ich Ihre Aussagen hier verstehe. Vielleicht halte ich Sie für unlogisches Geschwafel. Diese Gefahr müssen Sie zulassen, wenn Sie Logik und Willkür in der Weise gleichsetzen, wie sie das tun. Ganz offensichtlich haben Sie aber das Vertrauen, dass ich Ihre Sätze entziffern und die Aufeinanderfolge und vielleicht sogar Logik ihrer Aussagen nachvollziehen kann. Also was soll dieser Unsinn?

      Wenn Sie den Text über Butterwegge gelesen haben, dann wissen Sie zudem, dass ich die Logik im Hinblick auf Widerspruchsfreiheit ins Spiel bringe. Man kann nicht, wie Butterwegge das tut, eine sinkende Arbeitslosigkeit einmal feststellen und dann als “Scheinerfolg” qualifizieren. Etwas ist entweder vorhanden oder es ist nicht vorhanden (Satz vom ausgeschlossenen Dritten). Das gilt auch für die Welt, in der sich Butterwegge befindet. Und wenn die Arbeitslosigkeit gesunken ist, obwohl die Konjunktur weltweit nicht rosig ist (oder wollen Sie das bestreiten), dann sehe ich nicht, was ein Scheinerfolg sein soll. Kurz: Diese Aussage von B. ist einfach UNLOGISCH, sie ist – um es auf den Punkt zu bringen – UNSINN. Daraus wird auch durch ihre hermeneutischen Verrenkungen, mit denen Sie versuchen, in Butterwegges Hirn zu kriechen, nichts anderes:

      Nun, ich weiß nicht wo Sie ihre Erkenntniss über den Effekt der Hartz IV Reformen auf den Arbeitsmarkt hernehmen, ich nehme meine aus der Evaluationsforschung zur Hartz IV Reform (die einzige jemals in Deutschland evaluierte Reform). Diese Forschung und eine ganze Reihe von Nachfolge-Forschungen kommen alle zu dem Ergebnis, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Langzeitarbeitslose in den 1. Arbeitsmarkt integriert zu werden, weitgehend verbessert hat. Schlechter schneiden nur Arbeitslose ab, die in ABM geparkt werden und entsprechend Humankapital verlieren.

      dazu:
      Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)(2006). Die Wirksamkeit moderner Dienstleistungen am Arbeitsmarkt. Bericht 2006. Berlin: BMAS.
      Jacobi, Lena & Kluve, Jochen (2006). Before and After the Hartz Reforms: The Performance of Active Labour Market Policy in Germany. Bonn: Institute for the Study of Labor, IZA-Discussion Paper No. 2100.
      Koch, Suzanne, Kupka, Peter & Steinke, Joß (2009). Aktivierung, Erwerbstätigkeit und Teilhabe. Vier Jahre Grundsicherung für Arbeitssuchende. Nürnberg: IAB.

      Wenn wir über die Effekte von Hartz IV auf den Arbeitsmarkt spekulieren wollen und die Ergebnisse der Forschung ignorieren, wie wäre es dann, die Forschungen von z.B. Nickell, Nunziata und Ochel zu berücksichtigen, die zeigen, dass überall dort, wo Gewerkschaften eine hohe Verhandlungsmacht haben und der Kündigungsschutz extensiv betrieben wird, die (Langzeit-)Arbeitslosigkeit deutlich höher ausfällt?

      Nickell, Stephen, Nunziata, Luca & Ochel, Wolfgang (2005). Unemployment in the OECD Since the 1960s. What Do We Know? Economic Journal 115(1): 1-27.

      Ich verwahre mich gegen den Vorwurf, ich hätte Butterwegges Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen. Wie jeder, der das Interview nachliest, sehen kann, ist dies nicht der Fall. Ich will an dieser Stelle zudem ein Argument aufnehmen, das Dr. habil. Heike Diefenbach im Zusammenhang mit Butterwegge gemacht hat. Wenn Sie denken, die Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen (was sie nicht ist), dann gehen Sie also davon aus, notwendige Prämisse, dass die Aussage nicht zu rechtfertigen ist, ansonsten könnte es Ihnen nämlich egal sein, ob die Aussage aus dem Zusammenhang gerissen ist, oder nicht.

      Das Problem ist Herr Klein, dass ihre (und auch meine) Grundannahmen auf Ideologien beruhen. Das ist nun einmal das Problem der Sozialwissenschaften. Jeder hat seine Annahmen und Modelle und versucht sie zu belegen. Die Anderen liegen immer falsch.

      Here, we part company, die Realität ist kein ausgehend von Ideologien konstruiertes Etwas, man kann entscheiden was richtig und was falsch ist. Falsch ist z.B. was Butterwegge über die Anzahl der AlgII-Empfänger, die er alle als arbeitslos zählt, erzählt. Eben darin liegt der Unterschied zwischen Wissenschaft und Ideologie. Wissenschaft macht Aussagen, die prüfbar sind und deshalb ENTSCHEIDBAR richtig oder falsch sind. Wer das bestreitet, ist ein Ideologe und abgesehen davon nicht lebensfähig, denn der Baum gegen den man fährt, interessiert sich nicht dafür, ob man ihn sich einbildet. Die Welt ist keine Einbildung, die sich je nach Ideologie unterschiedlich darstellt!

    • templarii sagt:

      Darum: Weg von Ideologien – und hin zur Frage was der Grund der Existenz ist und was das Wesenhafte des Denkens und Sehnens ist.

      Warum wollen wir das es gut und richtig läuft, woher wissen und fühlen wir das etwas nicht richtig und nicht gut läuft.

      Und wenn man da weiter denkt – weiss man warum all die alten Universitäten eine Kirche in der Mitte haben und dort Sonntags beteten. Denn sie wussten das sie letztlich nicht wussten und das Geheimnis nahmen sei als Gott wahr.

      Und schwuppstiwpuppsti verschwinden Weltidealisierungsideologien weg.

      • Denken und Sehen hat nichts Wesenhaftes, das genau ist der Punkt, und wenn es etwas hätte, könnten wir es nicht entdecken, entsprechend nutzlos ist der Glaube an etwas Wesenhaftes. Aus diesem Grund besteht zwischen Wissenschaft und Religion ein unüberbrückbarer Gegensatz, denn die Entscheidung, zu glauben, ist ein Dogmatismus, etwas, das nicht begründet werden kann und somit etwas, das Wissenschaft feindlich gegenübersteht. Das zeigt sich deutlich, wenn Sie versuchen zu beantworten, warum Sie an einen christlichen Gott glauben und nicht an die Schlange Ka oder an Azathoth oder das noch unbekannte Wesen aus Alpha Centauri …

        • templarii sagt:

          Es gibt keinen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Religion und Wissenschaft. Die moderne Wissenschaft ist aus dem Christentum entstanden und nirgends sonst auf der Welt gib tes sie. Das Christentum steht der Wissenschaft auch nicht feindlich gegenüber, das war nie der Fall – wurde aber dem Christentum Unterstellt.

          Viele Päpste waren Naturwissenschaftler und Mönche ebenso.

          Sie wissen einfach nur nicht was der christlich Gott ist, sollten aber vielleicht nachforschen was der Neuplatonismus ist und wie das ein Element der christlichen Wahrnehmung Gottes ist.

          Oder einfach gesagt: Es sind nur die Christen die glauben das die Welt Vernünftig aufgebaut ist und man Gott mit der Vernunft erfassen kann.

          Der Glaube ist begründbar – sie glauben auch das man die Welt mit der Vernunft verstehen kann. Etwas was einzigartig in der Weltgeschichte ist.

          Templarii

          • “Es gibt keinen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Religion und Wissenschaft. Die moderne Wissenschaft ist aus dem Christentum entstanden und nirgends sonst auf der Welt gib tes sie. Das Christentum steht der Wissenschaft auch nicht feindlich gegenüber, das war nie der Fall – wurde aber dem Christentum Unterstellt.”

            Wenn Sie das feststellen, dann muss man es wohl glauben, aber wie Sie wissen, habe ich es nicht so mit dem Glauben, ich brauche Fakten und da haben wir auch schon wieder das ganze Problem: Wissenschaft ist eine Methode, die Sätze aufstellt, die an der Realität überprüft werden und an der Realität scheitern können, z.B.: Die Erde dreht sich um die Sonne. Religion im Allgemeinen und das Christentum (das über Jahrhunderte, wie ihnen viele Benediktiner erzählen könnten, wären sie noch am Leben, eher Wissenschaft bekämpft hat als sie fördern…) im Besonderen hat ein Problem mit Sätzen, die an der Realität scheitern können, denn das ganze Christentum ist auf einem Mythos aufgebaut, den man in keiner Weise prüfen kann und von dem man einem der gesunde Menschenverstand in vielen Teilen sagt, dass er schlichter Quatsch ist, z.B. der Teil mit dem aus Lehm geformten Menschen oder der Teil mit Noah und seiner Arche… Deshalb verläuft zwischen Religion und Wissenschaft ein unüberbrückbarer Graben. Zudem hat es, wie man z.B. anhand der Pyramiden in Ägypten belegen kann, die Wissenschaft lange bevor die Menschen überhaupt wussten, was Christentum ist, gegeben.

  4. Toffel sagt:

    “…zwischen Wissenschaft und Religion ein unüberbrückbarer Gegensatz.”

    Na ja, die Theologie hat sich ja ganz offiziell von Gott verabschiedet und untersucht den “Glauben”.
    Mit diesem Taschenspielertrick ist die Theologie wieder eine Wissenschaft, eine “positive Wissenschaft” (Schleiermacher) noch dazu :-D
    Oder wie kann ich das verstehen?

    Wie lassen sich Religionen sinnvoll wissenschaftlich untersuchen und deren heilige Schriften, Dogmen, Moralvorstellungen etc. wissenschaftlich darstellen?
    Für Muslime bspw. ist der Koran Offenbarung. Das ist im Islam ein Faktum.
    Daraus leitet sich dann für gläubige (d.h. an Allah als dem wahren Gott, an den Koran als letztgültige Offenbarung, an Muhammad als den letzten Propheten usw. glaubende) Muslime ab, dass die Welt nach den Regeln dieser Offenbarung gestaltet werden sollte.

    Kann ich das nicht als “Realität” untersuchen?
    Ich weiß gerade nicht, wie ich etwas, das ich für ein unwissenschaftliche Vorstellungswelt halte, wissenschaftlich darstellen soll?

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  6. Pingback: Wissenschaftliche Lauterkeit? Was ist das? – Eine Bestandsaufnahme (einiger) deutscher Sozialwissenschaftler « Kritische Wissenschaft – critical science

  7. Michael Baleanu sagt:

    Der Unsinn des Herrn Trittin, des “Darth Vader” der Grünen (http://www.abgeordnetenwatch.de/juergen_trittin-575-38013–f358907.html#q358907) ist leider nicht in 2000 Zeichen zu fassen. Hier meine erste Frage zu dieser reaktionären Rede auf abgeordnetenwatch (noch nicht veröffentlicht).

    Sehr geehrter Herr Trittin,

    könnten Sie Ihre Haltung zu dem “minder begabteren Geschlecht” präzisieren? /1/

    Wenn wir die Grünen richtig verstehen, so halten sie biologistische Ansätze als tradiert und rechts aussen, siehe die “Expertise” des Herren Rosenbrock /2/.

    Daher hätten wir gerne gewusst wann biologistische, stereotype Geschlechtsvorurteile progressiv sind: Nur wenn sie Männer abwerten?

    Nun hat destatis (sie hatten ja in Ihrer Rede gefordert, dass man auf Sachverständige hört /1/) herausgefunden, dass die Frauen in MV nur 5% weniger verdienen als ihre Männer /3/.

    Liegt das daran, dass die Frauen in MV “begabter” sind, als diejenigen in BW – die nun von den Grünen regiert werden – mit einem GPG von 28%?

    Oder liegt es nur einfach daran, dass in MV die Löhne viel niedriger als in BW sind?

    Wie lautet also die Lösung unserer “begabten” Politiker? Reduzierung der Reallöhne bis alle arbeiten gehen müssen, um zu überleben?

    Dann dürfen sich alle über den GPG von 0% freuen, bei einer familienfreundlichen Arbeitsleistung von 48h/Woche von Vater und Mutter? Die Freude wird dann noch größer, wenn die schlecht bezahlten Eltern (die gemäß Art. 6 GG eine natürliche Pflicht zur Pflege und Erziehung des Kindes haben), ihre Erziehungsarbeit an andere – ebenfalls schlecht bezahlte Erzieher – outsourcen?

    Ihre Freundin Alice hatte mal gefordert: “Wenn wir wirklich wollen, dass es unsere Töchter mal leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen.” /4/

    Wenn Sie heute nun die Empirie /1/ als Grundlage Ihrer Feststellung heranziehen, dass Mädchen “begabter” sind und wenn Sie kein Anhänger des tradierten, patriarchalen Biologismus wären, könnte es sein, dass die Politik eine handfeste Diskriminierung der Jungs übersieht?

    Haben Sie deswegen für UNMISS und UNAMID gestimmt? Um die weniger begabten Jungs gewalttätig zu halten?

    MfG
    MB

    /1/ http://tinyurl.com/c5yda22
    /2/ http://tinyurl.com/a8umrcx
    /3/ http://tinyurl.com/ay4fnl3
    /4/ http://tinyurl.com/bxggvgj

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  10. VRIL sagt:

    zerstören wir also alle kulturbolschewistischen Dogmen – an die Arbeit !

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  14. TnzS sagt:

    Was heißt das auf deutsch?:

    “I would define racism as follows: an attitude towards individuals and groups of peoples which posists a direct and linear connection between physical and mental qualities. It therefore attributes to those individuals and groups of people collective traits, physical, mental and moral, which are constant and unalterable by human will, because they are caused by hereditary factors or external influences, such as climate or geography” (Isaac, 2004, p.23).

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  23. Andreas sagt:

    Gestern in einer Fernseh-Diskussion zum Thema “Sitzenbleiben”:
    Wenn ich mich nicht verhört habe, sprach eine Lehrerin von einer “jungenbelasteten Klasse”

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  25. Sehr geehrter Hr. Klein!

    Ich kann nicht sagen, daß ich Ihren Blog mit Vergnügen lesen, dazu müsste ich wohl Masochist sein. Dennoch muss ich Ihnen in vielen Punkten, wenn nicht gar in den meisten, zustimmen.

    Allerdings, zwei Punkte:

    1. Ich sehe mich veranlasst mich als Österreicher für die – meiner ganz persönlichen Meinung nach – unsägliche Präpotenz von Greenpeace Österreich zu entschuldigen. Als Österreicher, nicht als Greenpeace-Fan (der ich auch nicht bin) ….

    2. Sie schreiben an einer Stelle:
    “Entsprechend sind die Menschen in den Bildern von Rubens zu verschlanken, die entsprechenden Bilder dem “heutigen Menschenbild” anzupassen, schon damit sie nicht missverstanden werden können und damit sich der Betrachter nicht ausgegrenzt fühlt, und vor allem damit keine dieser bildungsnahen Intelligenzbestien gezwungen ist, die Zeit und die Bedingungen, unter denen Rubens gemalt und Ottfried Preussler geschrieben hat, in Rechnung zu stellen. Am Ende hätten die noch etwas gelernt…”
    Ich ersuche sie, derartige Vorschläge (auch wenn für Sie und mich offensichtlich ist, dass diese ironisch gemeint sind) zu unterlassen. Ich habe die traurige – und möglicherweise nicht auf Österreich zu beschränkende – Erfahrung machen müssen, dass es auf entscheidungsverantwortlicher Ebene immer mindestens einen Vollkoffer – Verzeihung, “Zerebral Herausgeforderten” – gibt, der dann meint: Gute Idee, das wird umgesetzt!
    Und diese Vorstellung empfinde ich nun doch als zu entsetzlich!

    mfG
    A.Sarras

    PS. Ich mochte die Geschichten von Ottfried Preussler als Kind, habe diese sehr genossen und nehme dem Verlag das derzeitige Verhalten übel. Und jetzt ess’ ich einen Mohr im Hemd!

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