Wie wär’s mit einer Selbständigenquote?

Was folgt, ist wieder einmal ein Beispiel dafür, wie man interessante Ergebnisse unter langweiligen begräbt und somit wieder einmal ein Beispiel, das die Frage provoziert, warum die in diesem Fall doch für Gleichstellung so wichtigen Ergebnisse nicht berichtet werden.

Im Wochenbericht des DIW Berlin vom 16. März ist ein Beitrag von Marco Caliendo, Frank Fossen und Alexander Kritikos zu finden, der sich mit der Frage beschäftigt, welche Persönlichkeitsmerkmale einen Selbständigen von einem Nicht-Selbständigen unterscheiden. Bisher, so schreiben die Autoren, sei bekannt, dass sich Selbständige in Bezug auf Alter, Bildung und Berufserfahrung von nicht-Selbständigen unterscheiden. Was die Studie der Autoren dem bisherigen Erkenntnisstand hinzugesellen will, ist so eine Art Psychogramm der Unterschiede zwischen Selbständigen und nicht-Selbständigen.

Die kurze Darstellung macht schon deutlich, es geht hier um Daten, und entsprechend haben die Autoren nicht nur ein nettes ökonometrisches Modell berechnet, sondern auch viele Befragte, nämlich rund 20.000 Menschen, die jährlich im Rahmen des Sozio-Ökonomischen Panels befragt werden, in ihre Analyse gestopft. Draußen bleiben (aus der Analyse) mussten jedoch Landwirte, Beamte, Studenten, Auszubildende, Rentner und mithelfende Familienangehörige, so dass im wesentlichen Selbständige, abhängig Beschäftigte und nicht-Erwerbstätige (Arbeitslose, Hausfrauen usw.) übrig geblieben sind.

Und was unterscheidet nun, Selbständige von nicht-Selbständigen?

  • Selbständige sind offener für neue Erfahrungen als nicht-Selbständige;
  • Selbständige sind extrovertierter als nicht-Selbständige;
  • Selbständige sind risikobereiter als nicht-Selbständige;

Die Autoren fassen Ihre Ergbnisse im DIW Wochenbericht wie folgt zusammen: “Selbständige sind zum Beispiel kreativer und origineller …, kommunikativer …, aber auch emotional stablier und gleichzeitig risikobereiter” (Caliendo, Fossen & Kritikos, 2011, S.7) als nicht-Selbständige. So richtig spannend ist das alles nicht, denn irgendwie hätte man erwartet, dass Selbständige risikobereiter und offener für Neues sind als nicht-Selbständige – oder? Spätestens seit Josef Schumpeter (1929) den Entrepreneur beschrieben hat, gehören beide Attribute zur Ausstattung “des Unternehmers”.

Also eine Studie, die man ad-acta legen kann? Nicht ganz, denn das, was im DIW-Wochenbericht steht, ist nicht alles, was die Autoren untersucht haben. Um präzise zu sein, es ist der uninteressanteste Teil ihrer Untersuchung, wie man schnell feststellt, wenn man das paper liest, das dem DIW-Beitrag zu Grunde liegt. Es ist überschrieben mt “Personality Characteristics and the Decision to Become and Stay Self-Employed” (Caliendo, Fossen & Kritikos, 2011a). Darin berichten die Autoren zwar auch die Ergebnisse, die im DIW-Wochenbericht zu finden sind, aber sie produzieren noch eine ganze Menge anderer Ergebnisse, die viel interessanter sind.

Z.B. findet sich im Anhang eine Tabelle A4, die Logit-Schätzungen enthält. Geschätzt wird dabei der Zusammenhang zwischen einer Reihe unabhängiger Variablen und der Selbständigkeit sowie der Entscheidung, sich  selbständig zu machen. Hier finden sich auch die alten bekannten Persönlichkeitsmerkmale von oben wieder, und es finden sich Variablen, die viel stärker mit Selbständigkeit zusammenhängen als alle Variablen für die die Autoren im DIW-Wochenbericht Zusammenhänge berichtet haben.

Die mit Abstand erklärungskräftigste Variable ist …: Geschlecht. Weiblich zu sein, reduziert die Wahrscheinlichkeit selbständig zu sein oder sich selbständig zu machen, um 77% bzw. 80%. Verheiratet sein macht die Selbständigkeit um 21% unwahrscheinlicher als ledig zu sein. Dass Offenheit Selbständigkeit um 29% befördert und Extrovertiertheit einen Push von 19% in Richtung Selbständigkeit ausübt, verblasst neben dieser Geschlechterungleichheit, Man fragt sich entsprechend, warum dieses Ergebnis trotz seiner Deutlichkeit im DIW-Bericht überhaupt nicht vorkommt!

In jedem Fall ruft diese eklatante Ungleichheit, die dadurch entsteht, dass Frauen offensichtlich deutlich seltener bereit sind als Männer, sich selbständig zu machen, geradezu nach einer Selbständigenquote, vielleicht in Form einer Verordnung, die einen bestimmten Anteil der Frauen eines Jahrgangs dazu verpflichtet, selbständig zu sein. Schließlich stimmt, was Caliendo, Fossen und Kritikos im DIW-Wochenbericht schreiben: “Nach Einschätzung von Ökonomen sind Selbständige und Unternehmer ein Motor für wirtschaftliches Wachstum”.

Literatur

Caliendo, Marco, Fossen, Frank & Kritikos, Alexander (2011). Selbständige sind anders: Persönlichkeit beeinflusst unternehmerisches Handeln. DIW-Wochenbericht 78(11): 2-8.

Caliendo, Marco, Fossen, Frank & Kritikos, Alexander (2011a). Personality Characteristics and the Decision to Become and Stay Self-Employed. Berlin: DIW.

Schumpeter, Joseph A., (1964: [1929]). Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Zins und Konjunkturzyklus. Berlin: Duncker & Humblot.

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4 Responses to Wie wär’s mit einer Selbständigenquote?

  1. Andreas Rheinhardt says:

    “vielleicht in Form einer Verordnung, die einen bestimmten Anteil der Frauen eines Jahrgangs dazu verpflichtet, selbständig zu sein”: Du scherzst! Da die bisherige Geschlechterpolitik niemals mit irgendwelchen Pflichten für Frauen verbunden war, ist davon auszugehen, dass man einfach eine Maximalzahl von Männern vorschreibt. Wenn in einem Jahr das Männerkontingent bereits aufgebraucht wurde, wird jeder Mann, der beim Gewerbeamt/Handelsregister (oder wo auch immer man sich eintragen lassen muss) ein Gewerbe eintragen lassen will, zwangsweise zum Hausmann verpflichtet.

  2. Zu einer Verpflichtung von Frauen im Rahmen der Gleichstellung darf es bzw. wird es nie kommen. Es geht darum, den Männern etwas zu verbieten. Deshalb wäre der Weg, den die Femifaschisten gehen der, dass Männern so lange die Selbstständigkeit verboten bleibt, bis mindestens 40 % aller Selbstständigen weiblich sind.
    Oder – das wäre natürlich deutlich lukrativer in Analogie zur Arisierung der Wirtschaft, die Feminisierung der Wirtschaft. Selbständige Männer werden verpflichtet fürn Appel und ‘n Ei Ihre Unternehmen an Frauen zu verkaufen.

  3. Pingback: Das Ende der Zukunft? Noch ein Gender Gap | Kritische Wissenschaft - critical science

  4. Michel Houellebecq says:

    Passt erstklassig zu meinem ausführlichen Exkurs über die Frauenquote in meinem Buch, wo ich u. a. darauf hinweise, dass sogar in Norwegen und Schweden nur gerade 4,5%, bzw. 5% aller neuen Unternehmen von Frauen gegründet werden! Es lohnt sich halt immer wieder, Ihren Blog zu durchforsten, vielen Dank!

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