Virtuelle Regierungswelten

Die Gefahr, der vor allem Kinder und Jugendliche ausgesetzt sein sollen, wenn sie in Computerspielwelten abtauchen, wird häufig beschworen, zum Beispiel von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Wolfram Hilpert, Mitarbeiter der Prüfstelle, hat (wohl, wenn ich den Bericht richtig lese) die Pflicht auf sich genommen, während der Arbeitszeit Computerspiele auf Herz und Nieren zu testen und im Selbstversuch die Gefahren zu beobachten, die mit dem Spielen am Computer verbunden sind. Dabei kommt er u.a. zu der Erkenntnis, dass “Online-Spiele auch Versuchung sein [können], sich vom ‘wirklichen’ sozialen Leben zurückzuziehen und in die virtuelle Welt zu flüchten” (Hilpert, 2011, S.10).

Nun ist die Gefahr, sich in virtuelle Welten zu flüchten, nicht auf Computerspiele beschränkt und schon gar nicht auf Jugendliche. So steht nach meinen Recherchen das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in akuter Gefahr, sich in virtuellen Welten zu verlieren, vor allem seit das Ministerium einen beträchtlichen Teil seiner Human-Ressourcen mit der Schaffung immer neuer Online-Auftritte betraut hat. Nehmen wir zum Beispiel die Aktion “JUGEND STÄRKEN”, unter deren Ägide ein Projekt gegen Schulverweigerer durchgeführt wird. Dieses Projekt “Schulverweigerung – Die 2. Chance” scheint irgendwie nur virtuell, d.h. auf Internetpages und in den Köpfen von Projektmitarbeiter zu existieren. Jedenfalls vermitteln der Online-Auftritt diesen Eindruck.

“Schulverweigerung – Die 2. Chance” will “in den nächsten Jahren verbindliche Strukturen zur Abstimmung der Angebote aufbauen”, “Akteure an Schnittstellen vernetzen” und “neue Wege gehen” (Pressemitteilung BMFSFJ, 2010). Die neuen Wege werden von der EU mit 17 Millionen Euro gefördert und haben schon eine neue homepage zu Wege gebracht: zweitechance.eu. zweitechance.eu ist wohlklingend: “junge Menschen … brauchen individuelle Unterstützung”, Das Projekt “2. Chance” “optimiert die individuellen Unterstützungsangebote für junge Menschen” und wird ab September 2011 “mit neuen Akzenten fortgeführt”. Unterlagen gibt es auf der “Webseite der ESF-Regiestelle” (das ist die Stelle mit dem Geld, den 17 Millionen). Ansonsten wird der Leser von zweitechance.eu über regelmäßig Treffen der Projektteilnehmer informiert, auf denen dann “über die Initiative JUGEND STÄRKEN” diskutiert wird und (immer noch) darüber, dass “verbindliche Strukturen zur Abstimmung der Angebote” geschaffen werden sollen. Und dann gibt es noch wärmende Worte von Ministerin Schröder: “Wir müssen vor allem diejenigen erreichen, die in ihrem jungen Leben bereits wichtige Chancen und Anschlüsse verloren haben und die wir mit gezielten Hilfen erreichen können”.  Die Verwaltung beschäftigt sich mit sich selbst!

zweitechance.eu besteht aus Absichtsbekundungen, Vorhaben und Planungen, was sich nicht auf der Seite findet, sind diejenigen, um die es geht: Schulverweigerer – Daten über Schulverweigerer, meine ich. Wie viele Schulverweigerer gibt es? Wo sind Schwerpunkte der Schulverweigerung? Welche Ursachen geben Schulverweigerer für ihre Schulverweigerung an? Welche Forschung gibt es zu diesem Thema? Und welche Ursachen der Schulverweigerung hat die Forschung identifiziert? Statt sich um das Phänomen zu kümmern, bauen Regierungsverwaltungen lieber an virtuellen Welten, in denen sie Absichten bekunden können, Projektteilnehmer von A nach B versenden können und ansonsten “den jungen Menschen” verbale Unterstützung angedeihen lassen können. Dies mag aus einer inhärenten Verwaltungslogik, die den Erfolg von Verwaltungshandeln an der Anzahl der in und für die Verwaltung Tätigen abliest, Sinn machen, es hilft aber keinem einzigen der jungen Menschen bei seinem Weg zurück in die Bildungsinstitutionen.

Wer ein Problem wirklich, nicht virtuell, bearbeiten will, wird die kurzfristige Befriedigung, die man aus der Bekundung der eigenen guten Absichten und Gutheit gewinnen kann, zurückstellen und sich die Mühe machen müssen, das Phänomen aufzuarbeiten, und zwar in seiner Verbreitung und in seinen Ursachen. Dann wird er früher oder bei deutschen Verwaltungen vermutlich eher später zu Ergebnissen gelangen, die in anderen Ländern bereits seit Mitte der 1980er Jahre vorliegen und Ursachen für Schulverweigerung benennen, die man in Deutschland nicht gerne hört: die Schulen und die dort beschäftigten Lehrer. Da deutsche Schulen als Variablen bei keinem der brennenden Bildungsprobleme vorkommen dürfen, ist es fast folgerichtig, dass sich das Bundesministerium für … viele in virtuelle Welten flüchtet. So bleiben den Verantwortlich wissenschaftliche Erkenntnisse wie die folgenden nachhaltig erspart:

„The point is that any improvement in overall school attendance rates depends on increased school effectiveness. In other words we must emphasize the centrality of the school as a community which attracts or fails to attract, the interest and commitment of its members. The fact that some pupils have positive incentives not to attend only underlines the need for the school to provide stronger, more positive incentives.” (Galloway, 1985, S.166)

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2010). Pressemitteilung Nr. 66, Oktober 2010, Kristina Schröder: “Gleiche Startchancen für alle Jugendliche[n]”.

Galloway, David (1985). Schools and Persistent Absentees. Oxford: Pergamon-Press.

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... concerned with and about science

One Response to Virtuelle Regierungswelten

  1. Pingback: Ist Schulpflicht sinnvoll? Von Kosten und Kontrolle « Kritische Wissenschaft – critical science

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