The Beyondness of Things oder die Kunst des freien Assoziierens

Sind Sie glücklich? Wenn ja, auf einer Skala von 0 bis 10, mit 0 „total unglücklich“ und 10 „total glücklich“, wo würden Sie sich einordnen? Bitte nicht zu weit „links“ und nicht zu weit rechts, denn zu glücklich zu sein, ist genauso schlecht, wie zu unglücklich zu sein, nicht für Sie, nein, für die Gesellschaft! Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kommt Cahit Guven. Cahit Guven hat dieses Ergebnis mit den Daten des deutschen sozio-ökonomischen Panels (SOEP) erzielt und noch erstaunlicher als dieses Ergebnis ist der Weg, auf dem er zu diesem Ergebnis gekommen ist.

Alles beginnt mit der Behauptung, dass Glück die persönliche Gesundheit und den eigenen Reichtum erhöht. Manche würden zwar eher behaupten, es sei umgekehrt, aber lassen wir dem Autor seine Annahme und folgen wir ihm auf seiner Reise durch das Reich der freien Assoziation. Glück allein macht noch keinen Zusammenhang. Man muss noch eine zweite Variable haben. Guvens zweite Variable ist soziales Kapital. Soziales Kapital ist ebenso nützlich, wie persönliches Glück. Es hängt, so erfährt der erstaunte Leser, mit Freiheit zusammen. Es kann die Wohlfahrt von Familien erhöhen. Es steht im Verdacht, selbst Innovation zu befördern und macht auch nicht vor einer Investition in Aktien halt.

Nun, da wir Glück und soziales Kapital als Zutaten haben, vermengen wir die beiden zu einem Brei, oder wie Guvens schreibt: Glücklichsein ist die Ursache, soziales Kapital die Wirkung. Das ist natürlich erst einmal eine Hypothese, die geprüft werden muss. Das bringt die Messung von Glück, wie sie oben demonstriert wurde und das deutsche sozio-ökonomische Panel als den Datensatz, in dem das Glück in der demonstrierten Weise gemessen wurde, wieder ins Spiel. Wo es eine Variable hat, da hat es auch mehrere, und wir brauchen ja auch mehrere, denn „soziales Kapital“ harrt noch der Operationalisierung. Soziales Kapital ist etwas komplexer als Glück, es ist latent, versteckt hinter einer Reihe von Variablen, hinter zehn Variablen um genau zu sein. Wenn Sie also wissen wollen, ob Sie soziales Kapital haben, dann zählen Sie, wie oft Sie „ja“ sagen, wenn Sie gefragt werden nach: (1) einer guten Einbindung in ihre Nachbarschaft, (2) der Teilnahme an Ereignissen an ihrem Wohnort, (3) dem Besuch von Kirche, (4) und Theater, (5) dem „Verlangen,“ zu wählen, (6) der Hilfe für andere, (7) einer Mitgliedschaft in Vereinen, (8) Achtung für Gesetz und Ordnung, (9) sozialer Partizipation und – last but not least – (10) freiwilliger Arbeit. All das hängt irgendwie mit Glück zusammen und weil wie oben dargelegt, soziales Kapital gut für eine Gesellschaft (wegen der Innovation und Investition und so), deshalb muss auch Glück gut für eine Gesellschaft sein, es sei denn, Sie haben zu viel davon. Das ist irritieren, aber ein Ergebnis von Guven. Es gibt ein Zuviel an Glück, und das ist negativ für die Gesellschaft. Seltsam, denkt man und, was will mir das alles sagen?

Ich weiß es nicht.

Die Studie von Guven ist ein gutes Beispiel für die Kunst freier Assoziation. Ein Autor hat einen Datensatz und überlegt, was er damit einmal machen könnte. Vielleicht hat er noch eine Vorstellung von dem, was er messen will, sagen wir, den Zusammenhang von Glück und „sozialem Kapital“ (Warum auch nicht!). Bei der Frage, warum er diesen Zusammenhang messen will, wird es dann schon dürftig. Bei der Frage, warum Glück überhaupt mit sozialem Kapital zusammenhängen sollte, wird es dann düster, denn um diese Frage zu beantworten, benötigt man eine Theorie, ein Interaktionsgefüge von Sätzen, aus denen sich ableiten lässt, warum Glück kausal für soziales Kapital sein sollte (oder umgekehrt,m warum soziales Kapital kausal für Glück sein sollte).

Warum sollen glückliche Menschen in Theater oder Kirche gehen, warum nicht auf den Fussballplatz? Dass einem die Teilnahme an Wahlen zuweilen ziemlich unglücklich macht und auch die Einbindung in die Nachbarschaft nicht immer mit grenzenlosem Glück verbunden ist, scheint der Kausalität von Glück und Gemeinschaft auch eher zu widersprechen. Das bringt mich zur Frage, ob die 10 Faktoren, die soziales Kapital messen sollen, geeignet sind, um soziales Kapital zu messen. Soziales Kapital ist – man glaubt es kaum – ein theoretisches Konzept, das u.a. von James S Coleman (1990, S.389-396) populär gemacht wurde. Soziales Kapitel ist eine Ressource, die Interaktionen mit anderen innewohnt. Wer soziales Kapital hat, kann Interaktionen in einer Weise nutzen, die ihm die Verfolgung der eigenen Ziele ermöglicht. Ich glaube nicht, dass der Gang in die Kirche, ins Theater, das Verlangen nach Wahlteilnahme oder der Besuch eines Weinfests sich in diesem Sinne eignet, um soziales Kapital zu messen.

Damit biin ich wieder beim Glück angekommen und bei einem grundsätzlichen Problem der Messung von Gemütszuständen. Als ich mit diesem Post begonnen habe, war ich glücklich (so bei 8 würde ich denken). Dann habe ich mich mit diesem Beitrag über Glück beschäftigt, und das hat mich unglücklich gemacht. So schnell kann’s gehen. Würde ich in dem Maße frei assoziieren, wie Guven das tut, würde ich denken, der Donnerstag ist kein guter Tag, um Texte über „Glück“ zu lesen, und da es Donnerstags schon einmal ein Erdbeben in China gab, gehe ich in Zukunft lieber früher ins Bett und frage mich, ob diese meine gesammelten Assoziationen der Stoff sind, aus dem ein Beitrag in Kyklos werden kann.

Literatur:

Coleman, James S. (1990). Grundlagen der Sozialtheorie. Band 1: Handlungen und Handlungssysteme. München: Oldenbourg.
Guven, Cahit (2011). Are Happier People Better Citizens? Kyklos 64(2): 178-192.

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