Ignorance is Strength

“Ignorance is Strength”, so lautet einer der Slogans, die die Außenwand des Ministry of Truth in George Orwell’s 1984 schmücken. Unkenntnis ist auch beim BMFSFJ ein hoch angesehener Wert, weshalb sich die Minierialbürokraten alle Mühe geben, Bürger, die sich Kenntnis über die Art und Weise verschaffen wollen, in der im Ministry of FMFJ Entscheidungen getroffen und Steuergelder ausgegeben werden, auch weitgehend in Unkenntnis zu belassen. Ein beredtes Beispiel dafür ist der Beirat für Jugenpolitik, der vom BMFSFJ ins Leben gerufen wurde, und der schon mehrfach Gegenstand in diesem Blog war. Es sei kurz daran erinnert, dass ich die Verantwortlichen im Ministerium lediglich darum gebeten habe, eine Reihe von Fragen zu beantworten, die grundlegend sind, und von denen man erwarten sollte, dass sie beantwortet sind, bevor überhaupt ein Beirat gegründet wird.

Die Fragen beziehen sich u.a. auf die Besetzung des Jugenbeirats, der sich aus sechs Experten und sechs Jungen zusammensetzt und lauten:

  • Wie wurden die sechs Experten ausgewählt?
  • Was ist die Expertise der sechs Experten im Bereich „Jungenpolitik“?
  • Wie wurden die sechs Jungen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren ausgewählt?
  • Welcher sozialen Schicht entstammen die sechs Jungen?
  • Welche Schulform besuchen die Jungen, und welchen Schulabschluss streben sie an?

Die nächsten Fragen, die sich mit dem Beirat „Jungenpolitik“ verbinden, beziehen sich auf den Gegenstand der Tätigkeit des Beirats.

  • Welche Themen werden im Beirat behandelt?
  • Welche Themen sind Gegenstand von Empfehlungen?
  • Wie sieht die Arbeit im Beirat aus?
  • In welcher Weise fließen wissenschaftliche Ergebnisse aus der Jungenforschung in die Arbeit des Beirats ein?
  • Welche Art von Empfehlungen wird der Beirat im Hinblick auf welche Themen abgeben?
  • Was hat die Auseinandersetzung mit Männlichkeitsnormen mit Jungenpolitik zu tun?
  • Setzt sich der Beirat auch mit Weiblichkeitsnormen auseinander?
  • Welche allgemeine inhaltliche Zielsetzung verfolgt der Beirat, und wie soll die Zielsetzung erreicht werden?

Wie ich hier beschrieben habe, wurde meine erste Anfrage mit einer in weiten Teilen nichtssagenden Email beantwortet, die mir Edith Paland, Referat 408, im Auftrag von Dr. Hermann Kues geschickt hat und in der sie mich gebeten hat, Verstädnis dafür zu haben, dass sie nicht alle meine Fragen im Einzelnen beantworten kann, was insofern lustig ist als sie nicht eine der Fragen beantwortet hat. Da eine entsprechende Nachfrage meinerseits unbeantwortet geblieben ist, habe ich mich über Abgeordneten-Watch abermals an Dr. Hermann Kues gewendet, abermals habe ich eine Antwort in seinem Auftrag erhalten und abermals kam die Antwort von Edith Paland. Dieses Mal ist die Antwort jedoch – zumindest in Worten – umfangreicher:

……………..

Sehr geehrter Herr Klein,

der Parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Hermann Kues, hat mich gebeten, Ihnen für Ihre Schreiben zum Beirat Jungenpolitik zu danken.

Der Beirat besteht aus 12 Mitgliedern: sechs unabhängige Vertreter aus Forschung und Praxis zum Thema Jungenarbeit sowie sechs junge Männer als Experten in eigener Sache, die unterschiedliche soziale Schichten abdecken und verschiedene Schulabschlüsse anstreben.

Vor dem Hintergrund eines anhaltenden Wandels der Geschlechterverhältnisse befasst sich der Beirat mit den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Jungen in der heutigen Gesellschaft. Der Beirat hat sich zum Ziel gesetzt,

  • die Vielfalt der Lebensentwürfe von Jungen,
  • die sich wandelnden Männlichkeitsnormen und mitunter widersprüchlichen Erwartungen, mit denen Jungen gegenwärtig konfrontiert sind sowie Möglichkeiten zu erkunden, wie die Politik den sich daraus ergebenden Herausforderungen begegnen kann.

In dem expandierenden Feld der Geschlechterforschung ist die Lebenswirklichkeit von Jungen und Männern trotz der Existenz einer sozialwissenschaftlichen Männlichkeitsforschung weiterhin ein vergleichsweise gering entwickelter Untersuchungsgegenstand.

Eine differenzierte Wahrnehmung ist aber für die Entwicklung effektiver Handlungsansätze aus mehreren Gründen notwendig:

  • als Korrektiv gegen die in der Öffentlichkeit eng geführte Diskussion, wie sie in pauschalen Gegenüberstellungen von Geschlechterbildern zum Ausdruck kommt;
  • als Ergänzung zu der bereits längerfristig entwickelten Mädchen-Arbeit und Mädchen-Bewegung;
  • als Korrektiv gegen die auch in der Forschung vorzufindende Tendenz, Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen geschlechterstereotypisierend hervorzuheben, Gemeinsamkeiten hingegen genauso zu vernachlässigen wie Unterschiede zwischen den Jungen;
  • als Korrektiv gegen die Tendenz, vor allem sog. “auffällige” oder “schwierige” Jungen in den Blick zu nehmen, die Mehrheit der “unauffälligen” Jungen hingegen zu vernachlässigen.

Die Arbeit des Beirats ist als “Exposure-Prozess” konzipiert. Er wird sechsmal bei den gastgebenden Jungen tagen und setzt sich dort mit ihren Lebenswelten konkret auseinander. Diese Vor-Ort-Begegnung wird unterstützt durch Fokus-Gruppen, die
vom Sinus-Institut projektbegleitend durchgeführt werden. In den sechs Gruppendiskussionen mit Jungen (und mit Mädchen) geht es um Geschlechterrollenbilder, Männlichkeitsnormen und Partnerschaftskonzepte. Deren Ergebnisse – sowie eine Aufarbeitung des nationalen und internationalen wissenschaftlichen Forschungsstands zu Jungen und Männlichkeit – werden
zusätzlich Grundlagen für die Empfehlungen des Beirats sein.

Anfang nächsten Jahres wird uns der Beirat erste Eindrücke zur Zusammenarbeit und Methodik schildern und sich abzeichnende thematische Schwerpunkte benennen. Diese Informationen werden veröffentlicht. Der abschließende Bericht ist für das Frühjahr 2013 geplant.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

Edith Paland
Referat 408
Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Rochusstr. 8 – 10, 53123 Bonn
Tel.: 03018 555-2311
Fax: 03018 555-42311
E-Mail: edith.paland@bmfsfj.bund.de
Internet: www.bmfsfj.de

……………………

Trotz der vielen Worte und auch nach wohlwollender Betrachtung sind 11 der 13 Fragen, die ich gestellt habe, nicht beantwortet. Insbesondere die Fragen, die die Zusammensetzung des Jungenbeirats und die Auswahl der Mitglieder des Jungenbeirats zum Gegenstand haben, sind zum wiederholten Male unbeantwortet geblieben. Damit kann an dieser Stelle festgestellt werden, dass man im Ministerium mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht weiß, welche akademischen Kompetenzen die Mitglieder des Jungenbeirats, Prof. Dr. Michael Meuser, Dr. Marc Calmbach, Prof. Dr. Ahmed Toprak und Prof. Dr. Klaudia Schultheis, zum Mitwirken im Jungenbeirat befähigen. Dies ist peinlich: Peinlich für das Ministerium, denn offensichtlich werden Personen in Gremien berufen, deren Kompetenzen nicht bekannt sind (, was die Frage aufwirft, nach welchen Kriterien die entsprechenden Gremien besetzt werden), peinlich für die Betroffenen, die sich in den Jungenbeirat haben berufen lassen, in der Annahme, ihre Kompetenzen würden durch das Ministerium nachgefragt. Diese Annahme ist ein Irrtum.

1/12 der Besetzungspolitik kann jedoch trotz aller unbeantworteten Fragen transparent gemacht werden. Dr. Marc Calmbach ist Direktor “Sozialforschung” am SINUS-Institut in Heidelberg, eben jenem Institut, in dessen Räumlichkeiten (gut bezahlte) Fokusgruppeninterviews stattfinden werden. Und so sind zumindest für 1/12 der Mitglieder die Kompetenzen geklärt.

Aber ich muss auch noch etwas Positives über das lange Schreiben aus dem Ministerium sagen: “Exposure-Prozess” klingt echt cool, wenngleich sich dahinter lediglich ein Besichtigungsprogramm für (Mittelschichts-)Akademiker zu verbergen scheint, die sich einmal die Jungen-Alltagswelt ansehen wollen (natürlich in Form eines kontrollierten Experiments, nicht etwa, dass die Beiratsmitglieder bei Union Berlin in der Fankurve die Jungenwelt erleben wollten… ). So können wenigstens sie einen praktischen Nutzen aus dem Jungenbeirat entnehmen. Das Positive verblasst jedoch hinter unsinnigen Sätzen wie dem folgenden, in dem die vermeintlich notwendige, differenzierte Wahrnehmung als “Korrektiv gegen die auch in der Forschung vorzufindende Tendenz, Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen geschlechtsstereotypisierend hervorzuheben…” beschworen wird. Wenn ich also feststelle, dass Jungen seltener ein Abitur erreichen als Mädchen, dann ist das nach Ansicht des BMFSFJ eine geschlechtsstereotypisierende Hervorhebung (was wohl heißen soll, dass es falsch ist), gleiches gilt dann aber auch für die Feststellung, dass Frauen in Unternehmensvorständen seltener zu finden sind als Männer, auch diese Aussage ist eine geschlechtsstereotypisierende Hervorhebung, die der differenzierten Wahrnehmung bedarf und ich habe auch schon einen Vorschlag für eine entsprechende differenzierte Wahrnehmung: Frauen zeigen im Aggregat deutlich geringeres Engagement und geringere Selbstverspflichtung zur Arbeit (work commitment) als Männer, wie Catherine Hakim schon 1991 festgestellt hat und um das schlechtere Abschneiden von Jungen zu erklären: die Korrelation zwischen einem zunehmenden Anteil weiblicher Grundschullehrer und einem damit einhergehenden schlechter werdenden schulischen Abschneiden von Jungen ist immer noch nicht erklärt.

Hakim, Catherine (1991). Grateful Slaves and Self-Made Women: Fact and Fantasy in Women’s Work Orientations. European Sociological Review 7(2): 101-121.

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