Eurokrisen-Gewinnler: Deutschland nutzt seine ärmeren Nachbarn aus

Während im Deutschen Bundestag über die Aufstockung des ESFS – den Rettungsfonds für den Euro – diskutiert wird, mehren sich international die Stimmen, die sich kritisch mit der Haltung Deutschlands und der deutschen Bundesregierung auseinandersetzen. Eine der prominentesten Stimmen im Chor der Kritiker ist der US-amerikanische Professor für Ökonomie und vormalige Chef-Ökonom der US International Trade Commission, Peter Morici. Morici hat sich in einer Reihe von Beiträgen und zuletzt im World Business Report der BBC mit heftiger Kritik an der Politik der deutschen Regierung zu Wort gemeldet.

Die Eurokrise sei ein Ergebnis des ökonomischen Imperialismuses Deutschlands. Die deutsche Wirtschaftspolitik nutzte die Europäische Einheit, um auf Kosten seiner Nachbarn zu leben. Mit dem Euro, so erläutert Morici seine Kritik, sei eine Währung geschaffen worden, die an internationalen Währungsmärkten frei gegen z.B. den US-Dollar und den Yen flottierte. Der Kurs reflektiere das Gesamt der Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone, sei ein Mittelwert, der für arme Länder wie Griechenland oder Portugal zu hoch, für reiche Länder wie Deutschland und Frankreich zu tief sei: “Germany”, so erklärt Morici im BBC World Service, “profits greatly from an undervalued currency”, denke aber nicht daran, einen Teil des Profits, der auf Kosten der armen Länder der Eurozone erzielt werde, an diese Länder zurückzugeben: “Germany seems to think it can drink from the well without putting any more water in it” [In Deutschland scheint man zu denken, man könne endlos aus der Quelle trinken, ohne Wasser nachzufüllen].

Entsprechend sieht Morici Deutschland nicht nur im Hinblick darauf in der Pflicht, einen Teil des auf Kosten der Nachbarn erwirtschaftetet Überschusses an diese zurückzugeben, sondern darüber hinaus im eigenen Land Privilegien in ähnlicher Weise abzubauen, wie dies gerade von den Griechen verlangt wird: “Affluent Germany, unburdened by an obligation to share tax revenues with poorer states, provide generous pensions, gold plated employment security and jobless benefits, and the shortest workweek on the planet. Meanwhile, governments in Greece and other poorer EU states struggled to keep up, and borrowed extensively from banks in Germany, France and other rich EU countries” [Das wohlhabende Deutschland, unbelasted von Verpflichtungen seine Steuergewinne mit ärmeren Staaten zu teilen, stellt großzügige Renten bereit, vergoldet die Arbeitsplatzsicherheit und das Arbeitslosengeld und hat die kürzeste Arbeitswoche aller Länder auf dem Planeten. Regierungen in Griechenland und anderen ärmeren Staaten der EU konnten von Anfang an nicht mithalten und mussten sich in großem Ausmaß von Banken aus Deutschland, Frankreich oder anderen reichen EU-Ländern Kapital leihen].

Gleichzeitig sind die Sparpakete, die den Griechen aufgezwungen wurden, um Rettungsgelder zu erhalten, nach Ansicht von Morici völlig ungeeignet, um die Eurokrise zu überwinden. Griechenland könne nur durch Wachstum und signifikante Außenhandelsüberschüsse überhaupt damit beginnen, seinen Schuldenberg abzutragen. Beides werde jedoch durch die derzeitige Politik verunmöglicht, die einerseits durch rigide Sparmaßnahmen dafür sorge, dass Griechenland eine schrumpfende, keine wachsende Wirtschaft habem, was dazu führe,  dass das besteuerbare Einkommen schneller schrumpfe als neue Steuereinnahmen generiert werden könnten, andererseits durch Protektionismus dafür sorge, dass die vorhandenen Lohnvorteile, die Griechenland z.B. gegenüber Deutschland habe, nicht genutzt werden könnten: “Let me put it this way: the German Finance Minster is doing a heck of a lot more than the German Army could have accomplished in the 1940s, it is literally destroying the state [Griechenland]” [Lassen Sie es mich so ausdrücken: der deutsche Finanzminister schafft derzeit deutlich mehr als die deutsche Besatzungsarmee in den 1940er Jahre je hätte erreichen können, er zerstört Griechenland vollständig.]

Folglich sitzen die Verantwortlichen der Eurokrise für Morici nicht in Athen, sondern in Berlin und die Krise der Eurozone ist entsprechend eine Krise, die die Fairness internationaler Handelsbeziehungen zum Gegenstand hat.

Morici: Greece Must Default, Dump the Euro.

Morici on BBC World Business Report (für die nächsten 7 Tage abrufbar), von Sendeminute 4:28 bis 8:33.

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