Plastikwörter

Rezension:

“Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur” von Uwe Pörksen. Stuttgart: Klett-Cotta, 2011; Euro 12,95.

 von Dr. habil. Heike Diefenbach

Inhalt des Buches
Kritische Würdigung

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Inhalt des Buches

In diesem Buch identifiziert der Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen, der von 1976 bis 2000 Professor für Deutsche Sprache und Ältere Literatur am Deutschen Seminar der Universität Freiburg war, einen spezifischen Worttyp, nämlich “Plastikwörter”, erläutert, durch welche Eigenschaften sich “Plastikwörter” auszeichnen und unterzieht die “Plastikwörter” einer Kritik. Diese Kritik ist nicht nur eine sprachbezogene Kritik, sondern auch eine Gesellschaftskritik, wie der Untertitel des Buches andeutet, der lautet: “Die Sprache einer internationalen Diktatur”.

Das Buch ist erstmals im Jahr 1988 bei Klett-Cotta erschienen. Im Jahr 2011 erschien es in der siebten Auflage, und diese Tatsache allein mag als Beleg dafür dienen, dass bei vielen von uns das Unwohlsein mit Bezug auf den Sprachgebrauch in der in Deutschland gepflegten Umgangssprache nicht geringer geworden ist – eher im Gegenteil, und dies vielleicht gerade deswegen, weil wir diesen Sprachgebrauch – ganz wie Pörksen dies tut, aber normalerweise auf eher intuitive Weise – mit bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen oder Mißständen in Verbindung bringen.

Doch zunächst zum Inhalt des Buches: Das (broschierte) Buch umfasst insgesamt 127 Seiten und enthält neben einer Vorbemerkung und einer Einleitung fünf Kapitel, denen ein Anhang und eine Auswahlbibliographie folgen. In der knapp zwei Seiten langen Vorbemerkung benennt der Autor sein Anliegen: “Dieser Essay versucht zu beschreiben, in welcher Weise die Umgangssprache in jüngster Zeit verändert worden ist und wohin die Reise zu gehen scheint. … Die Veränderung der Umgangssprache wird fassbar in einer kleinen Gruppe von Wörtern und in einer für unsere Jahrzehnte typischen Art, diese Wörter zu verwenden. Ich nenne sie hier Plastikwörter” (11; Hervorhebung im Original). Diese “Plastikwörter” bezeichnet Pörksen weiter als “einige neureiche Neffen der Wissenschaft in der Umgangssprache, kaum mehr als drei Dutzend an der Zahl” (11). Anschließend gibt er kurze Erläuterungen des Begriffs “Umgangssprache” sowie des Ausdrucks “Mathematisierung der Umgangssprache”. Letztere bezeichnet “eine reduzierte Spielform der seit langem beobachteten ‘Verwissenschaftlichung der Umgangssprache’ … ” (12). Pörksen will mit diesem Ausdruck allerdings nicht sagen, “dass die Umgangssprache zu einer wissenschaftlichen Sprache werde, sondern dass sie von Wissenschaft durchsetzt oder durchwuchert sei” (12). Hieran schließt Pörksen seine Hauptthese an, die die Plastikwörter erst zu eben solchen macht: “Die Wissenschaft steht in der Umgangssprache so gründlich verändert da wie ein Wechselbalg: oftmals zwielichtig, doktrinär, okkupatorisch. Die Mathematik in der Umgangssprache ist eine entstellte Mathematik; eine Umgangssprache, die im hier gemeinten Sinn mathematisiert ist, ist eine entstellte Umgangssprache. Diese Mischung und wechselseitige Entstellung ist unser Thema” (12).

In der an die Vorbemerkung anschließende Einleitung geht Pörksen auf die sprachlichen “Monokulturen” (16) ein, die sich in [w]enige[n] Arten in immer weniger Varianten …” (16) über die Erde verteilen, weil die Nationalstaaten die sprachliche Vielfalt ausdünnen (16). Im Verlauf dieses Prozesses habe sich “ein kleines internationales Vokabular” ausgebreitet, das nicht nur aus Modewörtern und Leerformeln bestehe, sondern verbale “Alltagsdietriche” bereitstelle, die “griffig” seien und “ganze Wirklichkeitsfelder [infizierten] und […] dafür [sorgten], dass die Wirklichkeit sich auf sie, als ihren Kristallisationspunkt, zuordnet” (17). Zu diesen verbalen Alltagsdietrichen zählt Pörksen u.a. die Wörter “Entwicklung”, “Kommunikation”, “Modernisierung”, “Identität” und “Information” (17). Diese Wörter bezeichnet Pörksen als “amorphe Plastikwörter”, die “der elementare Bausatz des Industriestaats” seien: “Diese Chiffren bahnen den Weg in die großräumige Geometrie: hindernislos, unbeengt ist alles auf reibungslose Durchfahrt eingestellt, wo sie in Gebrauch sind” (19). Mit der Bezeichnung dieser griffigen, “konturschwachen” Wörter als “Plastikwörtern” verbindet Pörksen “die Vorstellung von undendlicher Formbarkeit mit der einer geformten Stereotypie” (21), und aufgrund dieser großen Formbarkeit kann erst die “großräumige Geometrie” entstehen, die aus einem Netzwerk besteht, das diese Wörter untereinander bilden: “Sie sind nicht isoliert, sondern zwischen ihnen gehen Fäden hin und her wie zwischen Knotenpunkten, und insgesamt ergibt sich ein Netz, das unser Bewusstsein von der Welt überwölbt und vielleicht gefangenhält” (22).

Im ersten Kapitel skizziert Pörksen den “semantischen Aufriss” der Wörter “Sexualität” und “Entwicklung” und erarbeitet an ihnen eine Reihe von Kriterien, die ein Wort als Plastikwort qualifizieren, wobei sich “ein Katalog von inzwischen 30 Kriterien” (36) ergibt. Eine komprimierte Liste dieser Kriterien sieht wie folgt aus: Ein Plastikwort “… entstammt der Wissenschaft und ähnelt ihren Bausteinen. Es ist ein Stereotyp. … Es hat einen umfassenden Anwendungsbereich, ist ein ‘Schlüssel für alles’. … Es ist inhaltsarm. Ein Reduktionsbegriff. … Es fasst die Geschichte als Natur. … Konnotation und Funktion herrschen vor. … Es erzeugt Bedürfnisse und Uniformität. … Es hierarchisiert und kolonisiert die Sprache, etabliert die Elite der Experten und dient ihr als ‘Ressource’. … Es gehört einem noch recht jungen internationalen Code an. … Es ist beschränkt auf die Wortsprache” (38). (Wer denkt, wenn er dies liest, nicht spontan an “Genderismus”?)

Im zweiten Kapitel argumentiert Pörksen dafür, in den Plastikwörtern eine neue, eigenständige Wortklasse zu sehen statt sie auf die Kategorien der Modewörter, Leerformeln, Schlagworte oder Parolen zu reduzieren, obwohl sie all dies (auch) sein können (63). Hierfür spricht nach Pörksen zum einen, dass Plastikwörter den “Anspruch auf Wissenschaft, ihre Würde und ihren Schein” (57) erheben und zum anderen, dass sie langlebiger sind als Modewörter (59) und – anders als Schlagwörter und Parolen – nicht unbedingt Handlungsanweisungen enthalten oder implizieren, sondern auch als neutrale Begriffe verwendet werden (können) (61). Anders als neutrale, abstrakte Begriffe haben Plastikwörter nach Pörksen aber die Eigenschaft, “sich zu vergegenständlichen und Züge eines handelnden Subjekts anzunehmen” (64), wie dies z.B. der Fall ist, wenn die gegenwärtige Entwicklung verlangt, dass sich Menschen lebenslang weiterbilden. Plastikwörter sind “einstige Sätze, die stereotyp geworden sind, verfestigte Prädikate, die, vergegenständlicht, vielleicht sogar personifiziert, Selbstständigkeit angenommen haben und breite Wirkungen entfalten” (64).

Im dritten Kapitel demonstriert Pörksen, wie Plastikwörter als “bewegliche Bauelemente planbarer Wirklichkeitsmodelle” (24) benutzt werden, indem sie u.a. auf ihre Umgebung abfärben: “in ihrem Umfeld werden andere Wörter und Wortgruppen miterfasst und umgedeutet” (75), so dass sie “in einer Kette von Gleichsetzungssätzen aneinanderreih[bar]” (79) werden. Häufig ist in diesem Zusammenhang aber weniger von einer Umdeutung zu sprechen als vielmehr von einer Einebnung der mit verschiedenen Begriffen verbundenen Bedeutungen: “Die im ‘Flächennutzungsplanentwurf’ vorkommenden Wörter ‘Ergänzung’ und ‘Anpassung’ sind im Kontext der Begriffe ‘Entwicklung’ und ‘Ausbau’ von diesen kaum mehr unterscheidbar; sie sind semantisch ungeprägt. … Im Kontext der amorphen Plastikwörter gerät das ganze semantische Feld ins Gleiten” (75). Daher sind Plastikwörter “auf beunruhigende Weise austauschbar” (79), suggerieren aber aufgrund ihres unterschiedlichen Klangs, Unterschiedliches zu bezeichnen, das aber miteinander in bedeutungsvollen Zusammenhängen steht, wie z.B. in der folgenden Kette: “… Information ist Kommunikation. Kommunikation ist Austausch. Austausch ist eine Beziehung. Beziehung ist ein Prozess. Prozess bedeutet Entwicklung. Entwicklung ist ein Grundbedürfnis. Grundbedürfnisse sind Ressourcen. Ressourcen sind ein Problem. Probleme bedeuten Dienstleistung. Dienstleistungssysteme sind Rollensysteme. Rollensysteme sind Partnersysteme. Partnersysteme sind Kommunikation. Kommunikation ist eine Art von Energieaustausch” (80). Pörksen bastelt aus dieser Kette dem Vorbild der Phrasen-Dreschmaschine des Übersetzungskollegiums Straelen folgend einen Text, der erschreckende Ähnlichkeiten mit realen Politiker-, Funktionärs- oder Managerreden aufweist: “Kommunikation ist ein Grundbedürfnis. Sie ist ein bedeutsamer Faktor in einem demokratischen Gemeinwesen und erfüllt die Funktion der Erhaltung öffentlicher Gesundheit. Letzten Endes dient sie nicht nur dem Austausch von Informationen, sondern auch der Steigerung des Konsums und dadurch indirekt der Produktion. Sie ist ein neuer extremer Wachstumsbereich. Sie schafft Werte. Man denkt dabei an Kommunikation im Weitesten Sinne, … Partnerschaft ist ein nicht weniger vielseitiges Modell. Als Partner haben wir eine Rolle und Funktion und werden zum kalkulierbaren Faktor” und – auf quälende Weise – so weiter (83/84). (Der Leser kann sich selbst im seiner intellektuellen Grundausrichtung entsprechenden, computergestützten Phrasen-Dreschen trainieren: bei VSKM.

Kapitel 4 ist dem Typus des “Experten” gewidmet, der “zwischen der Fachwelt und der Gesellschaft hin und her [wandert]” (85) und der von Pörksen für die Durchsetzung der Umgangssprache mit Plastikbegriffen hauptsächlich verantwortlich gemacht wird. Er überträgt Begriffe aus der Wissenschaft in “die praktische Welt” (101), indem er aus wissenschaftlichen Begriffen umgangssprachlich zu nutzende Metaphern macht. Er “setzt … die in den Plastikwörtern enthaltenden Urteile als selbstverständlich und fraglos voraus” (95), während dieselben Begriff in der Wissenschaft einen klaren Sachbezug haben und in diesem Sinn neutral benutzt werden (90; 95). So sind in der Umgangssprache mehr oder weniger vage Vorstellungen darüber verbreitet, was z.B. “ein Rechter” sei, und diese Vorstellungen sind gewöhnlich mit einer Bewertung verbunden, während in der Wissenschaft die Begriffe “rechts” und “links” normalerweise im Zusammenhang mit der so genannten Rechts-Links-Skala der Einschätzung der politischen Einstellung, die bereits seit den 1960er-Jahren in der Umfrageforschung verwendet wird, also deskriptiv und wertneutral, verwendet werden (vgl. hierzu Kroh 2005). Auf diese Weise ersetzt der “Experte” “… das Begriffspaar ‘gut’ und ‘böse’ durch das Paar ‘fortschrittlich’ und ‘überholt’ und installiert dadurch seine Werteordnung” (97). Wer sie nicht teilt, muss als “hoffnungslos zurück[geblieben]” (97) gelten, und daher “entmündigt” der Experte und “bringt zum Schweigen” (107).

Darüber prägt der “Experte” die “Sprache der Verwaltung” und sorgt dafür, dass Begriffe “in den Aktenvorgang übersetzt” (100) werden, wie dies nach Pörksen besonders mit Bezug auf die Gesundheit zu beobachten ist. In der verwaltungstechnischen Benutzung der Metapher werden Gesundheitspflege und Prävention zu realen Aufgaben, die sich dann z.B. im Untersuchungsheft für Kinder oder im virtuellen Gesundheitscoach der Techniker-Krankenkasse niederschlagen. “Die Verwaltungssprache verleiht dem Gesundheitshelfern und Erziehungshelfern, Umwelthelfern und Entwicklungshelfern einen gesellschaftlichen Status. Sie professionalisiert und institutionalisiert. Immer neu lassen sich durchsichtige Ausdrücke schaffen: ‘Basisgesundheitsdienst’. ‘Selbsthilfeprojekte’, ‘Dorfgesundheitshelfer'” (101). Damit wiederum “institutionalisiert [der Experte] sich selbst und den Bedarf an seiner Hilfe” und, “weckt unendliche Bedürfnisse, deren ‘Natürlichkeit’ durch ihn zum Imperativ werden” (107).

In Kapitel 5 erläutert Pörksen, was er mit der “Mathematisierung der Umgangssprache” meint, nämlich “die naturwissenschaftliche Modellierung der Alltagswelt und ihrer Sprache …[, die] bei uns verstärkt in den letzten Jahrzehnten zu beobachten [ist]. Die Kluft zwischen der Wissenschaft, als deren reinster Ausdruck in unserem Zeitalter die Mathematik erscheint, und deren Lebenswelt wird übersprungen oder ‘übergangen’. … Was in der einen Welt als Erkenntnisfortschritt und technische Errungenschaft erscheint, taucht als dasselbe in der anderen Welt auf, als habe diese keine Eigenständigkeit und messe nicht nach eigenen Maßen, die ganz andere sind. Die Vermengung ist das Problem” (110). Die Plastikwörter bilden die Brücke, die den “Übersprung von den Wissenschaften in die Praxis” ermöglicht bzw. begünstigt (110). Wenn Pörksen von der Mathematisierung der Umgangssprache spricht, ist dies also “nicht ganz direkt und wörtlich zu verstehen” (110). Vielmehr meint Pörksen, dass sich die Plastikwörter durch Eigenschaften auszeichnen, die auch die “Sprache” der Mathematik charakterisieren: sie haben eine hohen Abstraktionsgrad, keine geschichtlichen Bezüge, sind also Universalien, ihre Elemente sind Bausteine oder “Größen” und sind innerhalb von Gleichungen bzw. Gleichsetzungssätzen beweglich im Sinn von austausch- oder umstellbar und haben außerdem die Neigung, sich zu vervielfältigen bzw. zu multiplizieren (111-113). “Wir erfahren, wie zunehmend Lebensräume in künstlichen, flächendeckenden Wortnetzen erschlossen und erfasst werden. Die Attribute der Experten, Kriterienkatalog und Prüfungsformular, Noten und Punktzahl, Tests, Testwert und Prozentrang begleiten das Geschehen. … Der Universalitätsanspruch der Mathematik hat nicht nur die Humanwissenschaften erreicht, er spring auch seit langem über in die Gesellschaft und spiegelt sich in ihrer Sprache. Die Umgangssprache ist dadurch nicht präziser geworden: die Mathematik ist in ihr parodiert, sowie sie andererseits die Umgangssprache entstellt” (113). Für Pörksen weist uns dies unsere sprachliche und gesellschaftliche Zukunft, denn die Plastikwörter bzw. die “Mathematisierung” der Sprache bereitet seiner Meinung nach den Weg zu einer “New Speak” wie sie George Orwell in seinem Roman “1984” aus dem Jahr 1949 entworfen hat, zu einer “Sprache des von aller Geschichte befreiten totalitären Staates” (114). Pörksen beschließt das fünfte und letzte Kapitel seines Buches mit dem Verweis auf die philosophischen Schriften Theodor Adornos und Max Horkheimers sowie Edmund Husserls, die ebenso wie er in der “Mathematisierung” unserer Sprache und Lebenswelt eine Tendenz zur Totalisierung bzw. zur Auflösung der Autonomie verschiedener Lebensbereiche gesehen hätten (116).

Im Anhang stellt Pörksen schließlich die Merkmale der Plastikwörter in übersichtlicher Form zusammen, und in der Auswahlbiographie, mit der das Buch endet, ist eine Auswahl derjenigen Literatur zusammengestellt, auf die Pörksen sich nach eigener Aussagen “direkt oder indirekt” (122) bezieht.

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Kritische Würdigung des Buches

Wie eingangs berichtet, hat der Essay von Pörksen die Zielsetzung, Plastikwörter als eigenständigen Worttyp auszuweisen und einer Kritik zu unterziehen, die sowohl eine sprachliche als auch eine gesellschaftliche Kritik darstellt. M.E. gelingt dies Pörksen insgesamt recht gut, wobei ich im Hinblick auf seine negative Bewertung der “Mathematisierung” bzw. Verwissenschaftlichung der Lebenswelt etwas anderer Meinung bin (hierzu unten mehr) und darüber hinaus finde, dass Pörksen eine zu statische Vorstellung von der Wissenschaft bzw. den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen oder Fächern hat. In den Sozialwissenschaften gibt es nach wie vor nicht-quantifizierende Traditionen, und auch die Begriffe und Konzeptionen – Pörksen würde vielleicht sagen: die Bausteine –quantifizierender Wissenschaften haben sich in der Vergangenheit immer wieder verändert und werden dies sicherlich auch in der Zukunft tun (vgl. hierzu z.B. den von Eggers und Rothe (2009) herausgegebenen Sammelband über “Wissenschaftsgeschichte als Begriffsgeschichte” oder den alphabetisch nach Schlagworten geordneten “Oxford Companion to the History of Modern Science”, der von Heilbron (2003) herausgegeben wurde). Man darf nicht vergessen, dass die Wissenschaft nicht außerhalb der Gesellschaft oder Kultur steht, sondern selbst ein soziales und kulturelles Phänomen ist: sie ist – wie Bloor (1991: 5/6; 16) festhält – eine in der Zeit veränderliche und kulturspezifische Form der Erkenntnisgewinnung. Darüber, inwieweit dabei die Wissenschaft die Alltagswelt beeinflusst hat oder – umgekehrt – die Umstände in der Alltagswelt und die damit verbundenen veränderten Bedürfnisse der Menschen die Wissenschaft(en) beeinflusst haben, kann man streiten. Vermutlich bestehen diesbezüglich Wechselwirkungen. In jedem Fall kann man davon ausgehen, dass die von Pörksen beschriebene “Mathematisierung” von Sprache (und damit auch von Gesellschaft) keine notwendige, keine lineare und keine einseitige Entwicklung ist.

Zu bemängeln, aber nicht wirklich zu beanstanden wäre vielleicht noch, dass die Beispiele, die Pörksen verwendet, insbesondere diejenigen aus dem Bereich der Raumplanung, vom durchschnittlichen Leser nicht aus eigener Erfahrung nachvollzogen werden können bzw. ihm nicht unbedingt nahe liegen. Für die siebte Auflage des Buches hätten die Beispiele sicherlich in der Weise aktualisiert werden können, dass sie besser auf das Bezug nehmen, was derzeit und für die meisten Leser wahrnehmbar in öffentlichen Diskursen gesprochen wird. Dessen ungeachtet ermöglicht es Pörksen dem Leser, dessen eigene Erfahrungen mit dem typischen Wortgeklingel zahlreicher öffentlicher Diskurse zu strukturieren und sie damit faß- und benennbar zu machen. Z.B. ließe sich die “Expertise” von Hinrich Rosenbrock über die so genannte Männerrechtsbewegung in Deutschland, die auf dem blog “Kritische Wissenschaft – critical science” einer Kritik unterzogen wurde, sehr gut als Beispiel für die Beteiligung des (vermeintlichen) “Experten” an der Ausbreitung von Plastikwörtern heranziehen. Ich kann das Buch von Pörksen daher uneingeschränkt zur Lektüre empfehlen.

Ich bedaure allerdings, dass Pörksen – wie das in Deutschland üblich ist – seiner Kritik keinen positiven Teil angefügt hat, also Hinweise darauf gegeben hat, wie – metaphorisch gesprochen: die missliche Sprachlandschaft in Deutschland flurbereinigt werden könnte oder wie mit der Situation möglichst konstruktiv umzugehen wäre. Meine persönlichen Überlegungen hierzu knüpfen an meine obige Aussage an, dass ich mit Pörksen hinsichtlich der negativen Bewertung der “Mathematisierung” unserer Welt und der Rolle der “Experten” hierbei nicht gänzlich übereinstimme.

Wenn in den letzten Kapiteln des Buches die Naturwissenschaften direkt oder indirekt (durch die Mathematisierung der Sprache) und die Figur des “Experten” dafür verantwortlich gemacht werden, dass die Sprache der Wissenschaft in die Alltagssprache übergeht und dabei verändert wird, dann vergisst Pörksen, danach zu fragen, wer für die Übertragung verantwortlich ist oder in wessen Interesse diese Übertragung erfolgt. Ja, es stimmt: teilweise sind es die Wissenschaftler selbst: Von Naturwissenschaftlern – und auch von Sozialwissenschaftlern, allerdings in weit geringerem Maße – wird gefordert, dass sie die Relevanz ihrer Betätigung für das praktische Leben der Menschen nachweisen, und dies erfordert in einer demokratischen Gesellschaft nun einmal, dass sie zumindest Teile ihrer Betätigungen einer Mehrheit der Bevölkerung oder Teilen der Bevölkerung, wenn nicht nachvollziehbar, so doch begreiflich machen. Würden sie dies nicht tun, würde ihnen mit Sicherheit der Vorwurf gemacht, im berüchtigten Elfenbeinturm zu sitzen, sich in Gedankenspielen oder Grundlagenforschung zu erschöpfen und in diesem Sinn (vorerst) nutzlos zu sein. Eine konsequente Trennung von Wissenschaft und Alltags- bzw. Lebenswelt ist also gar nicht gewünscht, und tatsächlich wäre sie für uns alle nicht wünschenswert. Wir alle profitieren erheblich von der auf abstrakten Überlegungen basierenden forschenden Tätigkeit von Wissenschaftlern, so z.B. im Bereich unserer Gesundheit durch die medizinische Forschung.

Darüber hinaus irrt Pörksen m.E., wenn er meint, dass die Betreiber und Nutznießer der Verbreitung von Plastikwörtern in erster Linie Wissenschaftler seien. Meinen Beobachtungen entsprechend sind die Betreiber und Nutznießer der Verbreitung von Plastikwörtern in der Mehrzahl nicht Wissenschaftler und schon gar nicht Naturwissenschaftler, sondern Personen, die Positionen in Administrationen und der geradezu unglaublichen Fülle von regierungs-, parteien- oder kommunal finanzierten An-Instituten, Initiativen und Projekten oder gar Projektnetzwerken innehaben oder anstreben. Sie möchten vermutlich zumindest zum Teil als Wissenschaftler gelten, weil sie an einer Universität studiert haben, sind es aber nicht, und transportieren in die Gesellschaft eine wissenschaftliche Terminologie, die sie selbst nur halb oder gar nicht verstehen. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Unzahl derer, die mit “Gender mainstreaming” oder der “Frauenförderung” ein Auskommen finden, und frage sie, was genau unter “Gender mainstreaming” oder z.B. dem “Patriarchat” zu verstehen sei, und wieso es “Frauenförderung” sei, wenn man Mütter auf Kosten erwerbstätiger Männer und Frauen fördere. Die Erfahrung zeigt, dass es für diese Personengruppe bereits ein nahezu unüberwindliches Hindernis darstellt, auch nur den Unterschied zwischen dem Konzept der Gleichheit und dem der Gerechtigkeit wie er in der Wissenschaft gewöhnlich vorgenommen wird, zu begreifen (oder zu akzeptieren oder beides).

Die “Experten”, die Pörksen m.E. völlig zurecht kritisiert, sind – zumindest, wo es um sozialwissenschaftliche Themen geht – häufig alles andere als Fachleute, sondern Mitarbeiter oben genannter Einrichtungen, die eine Thematik aus ideologischen Gründen bearbeiten und als “Experten” bestellt werden, eben weil man sich von ihnen die Verbreitung dieser Ideologie verspricht. Sie mögen Experten für die ideologisch inspirierte Darstellung eines Themas sein, können aber schwerlich als Repräsentanten einer wissenschaftlichen Disziplin gelten. So kann man von einem Absolventen eines Graduiertenkollegs über “Gender Studies” vielleicht gar nicht erwarten, dass er hinreichend mit allgemeiner Soziologie und deren Forschungsmethoden vertraut ist oder sich ihrer, sofern bekannt, zum Zweck des Erkenntnisgewinns bedient; Erkenntnisgewinn dürfte nicht sein primäres Interesse sein, und gerade deshalb eignet er sich ja zum “Experten”, wenn es um die Legitimation oder Verbreitung ideologischer Positionen geht, und leider ist es die Ausnahme, dass es hierum nicht geht, wenn die Bundesregierung, ihre Ministerien oder parteinahe Stiftungen “Expertisen” in Auftrag geben. (Dies erkennt man u.a. daran, dass als “Experten” meist keine ausgewiesenen Forscher bestellt werden, sondern Nachwuchswissenschaftler oder Personen, die an staatlich oder parteilich finanzierten Instituten beschäftigt sind und insofern in dem, was sie ausdrücken dürfen, beschränkt sind. Und man erkennt es daran, dass die Auftraggeber von “Expertisen” zunehmend häufig die zu behandelnden Inhalte der “Expertisen” vorgeben und damit bestimmte, u.U. relevante, Aspekte des Themas von vornherein ausschließen.)

Und dies führt zurück zur Frage nach einem positiven Teil, den man Pörksens negativer Kritik anfügen müsste. M.E. wäre es fatal, sich auf eine Ablehnung der Wissenschaftssprache oder – schlimmer – der Wissenschaft als solcher als eine Art elitärer Betätigung, die im Klassenkampf zum Verschwinden gebracht werden muss, zurückzuziehen und sich in eine “Gefühlssprache” zu flüchten. Dies würde die Manipulationsmöglichkeiten durch rhetorisch Begabte sicherlich nicht verringern – eher im Gegenteil. Dagegen könnten wir alle der von Plastikwörtern durchsetzten (Manipulations-)Sprache auf recht einfache Weise begegnen, wenn wir erstens nicht ständig meinen würden, wir müssten oder könnten überall mitreden und wir müssten zu allem und jedem eine Einstellung oder Meinung haben. Es ist keine Schande, sich in einer Sache für (noch) nicht hinreichend urteilsfähig oder für an ihr nicht interessiert zu erklären. Man ist z.B. normalerweise keineswegs gezwungen, den Ausführungen von “Experten” zu lauschen, zu vertrauen oder in der eigenen Lebenspraxis zu folgen.

Bringen wir hinreichendes Interesse an einer Frage auf, dann sollten wir uns zweitens angewöhnen, viel stärker als bisher: “Bitte, was?” zu fragen bzw. danach zu fragen, was jemand mit den abstrakten Begriffen, die er benutzt, eigentlich meint und wofür sie notwendig sind. Die gute alte, in weiten Kreisen heute leider diskreditierte, Definition von Begriffen könnte hier Wunder wirken. Sie gilt es einzufordern, und wer nicht definieren kann oder will, scheitert eben nicht nur an der angeblichen “Komplexität der Dinge”, sondern weiß selbst nicht, wovon er spricht und hat daher keine Zuhörerschaft verdient. Darüber hinaus sollten wir fragen, in welchen institutionellen Zusammenhängen sich ein “Experte” bewegt bzw. wer ihn bezahlt und warum er von wem als “Experte” bestellt wurde. Damit gewinnt man Aufschlüsse über die Interessenlage, die hinter der “Expertise” steht.

Und drittens schadet es meiner Ansicht nach auch niemandem, wenn er sich insofern auf “Wissenschaft” einlässt als er sich darüber informiert, was Wissenschaft eigentlich ausmacht, und das ist ihr methodisches Vorgehen; es sind nicht ihre Inhalte. Jede/r kann z.B. lernen zu beurteilen, wann eine Studie den in der Wissenschaft üblichen Kriterien genügt und wann nicht, wann eine Begründung logisch ist und wann unlogisch oder worüber eine bestimmte Statistik eigentlich Informationen gibt und worüber nicht. Damit gewinnt man nicht nur Urteilsvermögen darüber, ob die Aussagen von “Experten”, die sich auf eine Studie stützen, ernst zu nehmen sind oder nicht, sondern auch über viele Fragen, die sich in unserem Alltagsleben stellen (wie z.B. die Frage, ob ich vernünftigerweise eine bestimmte Versicherung abschließen sollte oder nicht).

Ganz nebenbei ist es nur auf dieser Grundlage einer kritischen Haltung möglich, echte Experten, also Fachleute, die ihre Untersuchungen auf kritisches Denken und die wissenschaftliche Methodologie stützen, als solche zu identifizieren, sie von Benutzern von Plastikwörtern zu unterscheiden und dementsprechend zu würdigen.

Literatur:
Bloor, David (1991). Knowledge and Social Imagery. Chicago: University of Chicago Press.

Eggers, Michael & Rothe, Matthias (Hrsg.) (2009): Wissenschaftsgeschichte als Begriffsgeschichte. Terminologische Umbrüche im Entstehungsprozess der modernen Wissenschaften. Bielefeld: transcript.

Heilbron, John L. (2003). Oxford Companion to the History of Modern Science. Oxford: Oxford University Press.

Kroh, Martin (2005). Surveying the Left-Right Dimension: The Choice of Response Format. DIW Discussion Paper 491. Berlin: DIW – German Institute for Economic Research.

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4 Responses to Plastikwörter

  1. franzja says:

    das wesentliche Unwort, alles unter “Betreuung” zu stellen wurde übersehen :-)))) Kinder und “Alte” stehen vorzugsweise unter “Betreuung” :-)))) Der Rest wird auch intensiv betreut und unter Vorsorge und Prävention gestellt. Auch Politiker werden ab jetzt besser betreut, denn es soll nicht jeder grundgesetzkonform im Bundestag reden dürfen. Nur noch “Auserwählte” sollen zugelassen werden!

    Noch ein Plastikteil aus 1966: Substitute – The Who: “I can see right through your plastic mac” – “I was born with a plastic spoon in my mouth”

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