„Obwohl Frauen in den meisten Ländern der westlichen Welt im Bildungssystem erfolgreicher sind als Männer, verdienen sie nach wie vor weniger Geld als diese. Die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen hat unterschiedliche Gründe. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Frauen deutlich häufiger typisch ‚weibliche‘ und Männer deutlich häufiger typisch ‚männliche‘ Berufe ergreifen. Das geringere Einkommen von Frauen ergibt sich daraus, dass länderübergreifend in weibilch dominierten Berufen weniger bezahlt wird als in männlichen“ (Helbig & Leuze, 2012, S.92).
Also suchen die Autoren nach den möglichen Ursachen geschlechtstypischer Berufswahl und gelangen dabei auf der Grundlage der bereits erwähnten geschlechtsspezifischen „Sozialisationstheorie“ zu „generellen“ Aussagen wie der folgenden: „Generell kann angenommen werden, dass Eltern mit traditionellen im Vergleich zu modernen Geschlechtsrolleneinstellungen eine geschlechtstypischere Berufswahl ihrer Kinder bevorzugen und ihnen diese auch vermitteln“ (94). Und: „Generell ist davon auszugehen, dass Eltern für ihre Söhne die Aufnahme eines männlichen typisierten Berufs und für ihre Töchter die eines weiblich typisiserten Berufs anstreben“ (94).
Man fragt sich zwar an dieser Stelle, wieso, bei all der Geschlechter(un)typik, beide Eltern, also Väter und Mütter, in gleicher Weise auf ihre Kinder einwirken sollen und warum die „generellen Annahmen“ überhaupt richtig sein sollen, aber diese Fragen sollen nicht weiter stören, gehen wir vielmehr mit den Autoren davon aus, dass Eltern ihre Kinder zur Aufnahme geschlechtstypischer Berufe drängen und machen wir mit den Autoren gleich die erste Einschränkung, denn, so teilen Helbig und Leuze mit, nicht alle Eltern drängen in die selbe geschlechtstypische Richtung, nein, mit einem höheren sozialen Status geht ein Drängen in „geschlechtsuntypische Berufe“ einher: „Somit ist davon auszugehen, dass in niedrigeren sozialen Schichten Eltern eher geschlechtstypische Geschlechtsrollen und Berufserwartungen an ihre Kinder herantragen werden, während diese in höheren sozialen Schichten eher untypisch ausfallen“ (95).
Nicht genug mit dieser Konfusion der Erklärungslandschaft, es folgt eine weitere: Was ist, wenn Mutter oder Vater bereits einen geschlechtsuntypischen Beruf ausüben? Dann, so die Autoren, führt dies dazu, dass Jungen wie Mädchen eher auch geschlechtsuntypische Berufe anstreben – und dies obwohl dieselben Autoren davon ausgehen, dass frauentypische Berufe schlecht bezahlt sind und ihre Wahl mit einem Aufsteigen auf der sozialen Leiter immer unwahrscheinlicher wird, was dazu führt, dass letztlich nur die niedrigen Schichten zur Wahl geschlechtsuntypischer Berufe verbleiben, von denen die Autoren wiederum festgestellt haben, dass „generell davon ausgegangen werden kann“, dass sie einer traditionellen und somit geschlechtstypischen Berufswahl anhängen. Es ist halt alles sehr kompliziert, aber es wird noch komplizierter und für die Autoren verwirrender, und zwar durch die Theorie rationaler Wahl von Jan Jonsson (nicht gerade jemand, der in der Soziologie für seine Theorie der rationalen Wahl bekannt ist… man denkt eher an James S. Coleman oder Leonard J. Savage oder Karl Dieter Opp oder Hartmut Esser, wer wissen will, was die Theorie rationaler Wahl ist, der kann dies bei Heike Diefenbach (2009) nachlesen).
Die berichtete Vielzahl von (widersprüchlichen) Hypothesen testen die Autoren auf der Grundlage eines Datensatzes, der 16.144 15jährige Schüler umfasst. Diese Schüler wurden gefragt, „welchen Beruf sie gerne in 30 Jahren ausüben würden“. Und die Antworten auf diese Frage haben die Autoren in zwei Lager geteilt, Antworten, die frauen- und Antworten die männertypische Berufe umfassen. Dies konstituiert die abhängige Variable, die durch eine Reihe unabhängiger Variablen vorhergesagt werden soll. Die wichtigsten der unabhängigenVariablen sind: der soziale Status der Eltern, den die Autoren über „über den höheren ISEI (International Socio-Economic Index of Occupational Status) Wert von Mutter und Vater als metrische Skala abgebildet“ haben (101). Hinzu kommen Kompetenzwerte aus Leistungstests für Deutsch und Mathematik, die entsprechenden Noten sowie eine Frage, die misst, welche Bedeutung die Schüler „Naturwissenschaften“ für ihren späteren Beruf beimessen.
Angesichts der genannten Probleme ist es nicht verwunderlich, dass die Analysen der Autoren, die unvermeidliche logistische Regression, deren Beliebtheit ich mir nur damit erklären kann, dass logistische Regressionen von manchen als leicht zu interpretierende Verfahren angesehen werden (- was sie nicht sind), keine Ergebnisse erbringen. Die Autoren sind dennoch der Ansicht, ihren Berechnungen entnehmen zu können, dass sich [1] „Mädchen aus höheren Schichten … für männliche Berufe“ interessieren, „da sie von ihren Eltern moderne Geschlechtsrolleneinstellungen … vermittelt bekommen (64). [2] „Jungen dagegen richten sich schichtunabhängig in den Berufsaspirationen primär nach dem Rollenvorbild des Vaters“ und Mädchen streben [3] „besonders dann weibliche Berufe an, wenn sie geringe Kompetenzen aufweisen oder schlechte Noten haben“ (64). Keine dieser Aussagen wird durch die Ergebnisse der Autoren gestützt:
- [1]Das Modell der logistischen Regression, in dem die Autoren die Berufsapirationen von Mädchen im Hinblick auf frauenuntypische Berufsaspirationen testen (und dessen Signifikanz sie dem Leser unterschlagen), weist einen nicht näher bezeichneten (was auch schon bezeichnend ist) Koeffizienten von .000 aus. Ein Zusammenhanng von .000, auch wenn er statistisch signifikant ist (was auf ein erhebliches Problem mit der Codierung des ISEI hinweist), kann kaum als Beleg dafür gewertet werden, dass mit einem höheren sozialen Status (alle Probleme, die oben für ISEI dargestellt wurden, einmal bei Seite lassend) die Aspiration eines männertypischen Berufes einhergeht. Zudem erklärt das entsprechende Modell genau 2% Varianz (wenn ich Nagelkerke’s R-Quadrat einmal als Varianzmaß interpretiere – trotz aller Probleme damit, aber in Ermangelung relevanter Informationen über die Validität der Modelle der Autoren), was man angesichts von 98% nicht-erklärter Varianz eher nicht interpretieren sollte.
- Dass sich Jungen angeblich „schichtunabhängig“ nach dem Beruf ihres Vaters richten, geht nur dann aus den Ergebnissen hervor, wenn man die Tatsache unterschlägt, dass sich auch bei Jungen ein „signifikanter“ Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und der z.B. Wahl eines frauentypischen Berufs von -.000 ergibt. Warum die Autoren einen Koeffizienten von (-).000 einmal (bei Mädchen) als Beleg für etwas werten, während sie ihn ein anderes Mal (bei Jungen) nicht als Beleg für etwas zulassen, ist nicht nachvollziehbar.
- [3]Wie die Modelle von Helbig und Leuze zeigen, gehen geringe Kompetenzen in Mathematik und Deutsch bei Mädchen nicht mit schlechten Noten einher. Vielmehr besteht ein Zusammenhang zwischen guten Noten für Mädchen in Deutsch und in Mathematik und der Aspiration eines frauentypischen Berufs. Das widerspricht den Vorhersagen von Helbig und Leuze und vielleicht haben Sie das Ergebnis deshalb „übersehen“ (Die Tatsache, dass Mädchen mit schlechteren Kompetenzen in Deutsch und Mathematik in den Modellen von Helbig und Leuze dennoch gute Noten zu erhalten scheinen, ist bemerkenswert und bestätigt eine Analyse, die Dr. habil. Heike Diefenbach bereits im Jahre 2007 duchgeführt hat – Ergebnis: Mädchen erhalten trotz schlechter Leistungen öfter gute Noten, Jungen erhalten trotz guter Leistung öfter schlechte Noten).
Was, so ist zudem zu fragen, ist falsch an einer geschlechtstypischen Berufswahl? Die Antwort der Autoren wurde bereits eingangs gegeben: Frauen verdienen im Aggregat betrachtet weniger als Männer. Aber gilt dies wirklich für alle Frauen, um einmal eine Argumentationsfigur aufzunehmen, mit der Genderisten gerne die Nachteile von Jungen bei Bildungsabschlüsse diskreditieren wollen? Und hat dieses Ergebnis wirklich etwas mit der Berufswahl zu tun? Verdient eine Grundschullehrerin weniger als ein Bauarbeiter? Verdient eine Verwaltungsangestellte weniger als ein Bergarbeiter? Wenn ja, ist das ein Ergebnis der (gesundheitlichen) Gefahr, die mit der Arbeit „unter Tage“ einhergeht, oder ein Ergebnis der Tatsache, dass der Bergmann eine 40 Stunden Woche, die Verwaltungsangestellte eine Halbtagsstelle hat? Bereits der Ausgangspunkt der Analyse von Helbig und Lenz erweist sich als falsch, denn männertypische Berufe sind nicht „generell“ besser bezahlt als frauentypische Berufe. Entsprechend gibt es auch nicht nur „prekäre“ Beschäftigungsverhältnisse für Frauen, wie die Autoren auf Seite 111 ihres Beitrags suggerieren, vielmehr gibt es mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse, in denen sich Männer finden. Dies zeigt bereits ein Blick auf die Lebenserwartung, die Männer fünf Jahre früher sterben sieht als Frauen – berufliche Abnutzung dürfte eine große Rolle bei der Erklärung diese life-expectancy gaps spielen. Aber, wie uns die Autoren lehren (wollen), männertypische Berufe sind erstrebenswert weil besser bezahlt, und entsprechend wird es Zeit für die nächste Beschäftigungsinitiative: Gleichberechtigung bei Bauarbeitern, Fernfahrern, bei Müllabfuhr, im Bergbau, bei Dachdeckern …
P.S.
Wenn die Kölner Zeitschrift Beiträge wie den hier dargestellten veröffentlicht, dann kann man daraus nur den Schluss ziehen, dass die Kölner Zeitschrift seit dem Weggang von Heine von Alemann unter erheblichem Schwund wissenschaftlicher Standards leidet. Der Gründer der Kölner Zeitschrift, René König, hätte, so erinnern sich manche von uns, zu dem Artikel von Helbig und Leuze in völlig geschlechtsunsensibler Weise vermutlich gesagt: „Jungens, das ist keine Soziologie!“.
Literatur
Diefenbach, Heike (2009). Die Theorie der Rationalen Wahl oder ‚Rational Choice’-Theorie. In: Brock, Ditmar, Junge, Matthias, Diefenbach, Heike, Keller, Reiner & Villanyi, Dirk (Hrsg.): Soziologische Paradigmen nach Talcott Parsons. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.239-290.
Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.
Helbig, Marcel & Leuze, Kathrin (2012). Ich will Feuerwehrmann werden! Wie Eltern, individuelle Leistungen und schulische Fördermaßnahmen geschlechts(un-)typische Berufsaspirationen prägen. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 64(1): 91-122.
