FakeNews oder Geschichtsfälschung? Deutschlandfunk feiert 300 Jahre Schulpflicht

Am 26. September 1717 hat nach Ansicht des Deutschlandfunks die Schulpflicht begonnen. Friedrich Wilhelm der I, mehr für seine Soldaten als seine Bildungsaspirationen bekannt, soll die Schulpflicht per Edikt eingeführt haben. Bis zum Edikt, so das Feindbild, das man beim Deutschlandfunk gerne pflegen will, seien nur „Kinder aus höheren Schichten“ und „Begabte – Jungen vor allem -„, in den Genuss von Bildung gekommen.

Daran habe sich nach dem Edikt von 1717 zwar nicht viel geändert, aber es sei der Anfang staatlicher Schulpflicht gewesen, jener Pflicht, auf die man – ginge es nach dem Deutschlandfunk – alle Segnungen dieser Welt zurückführen muss. Und wie bei sozialistischen Geschichtsfälschungen eben so üblich, ist diese Segnung von oben, vom Staat, von der Autorität in allgemeiner, gleicher und verpflichtender Weise auf die Menschen herniedergekommen und hat sie glücklich und gebildet gemacht. Ab 1919 dann als Segnung einer allgemeinen Schulpflicht, die, so der Abschluss der Geschichtsfälschung aus dem Deutschlandfunk, sich bis heute im Grundgesetz wiederfinde.

Wir bezeichnen diese Darstellung als Geschichtsfälschung, weil (1) die Schulpflicht nicht darauf zurückzuführen ist, dass gute Obrigkeiten ihrem Volk die Segnungen modernen Wissens zugänglich machen wollten, und (2) weil die Schulpflicht, die allgemeine Schulpflicht, keine Errungenschaft der Weimarer Verfassung ist, denn das Reichsschulgesetz, das in der Weimarer Republik ein Dauerbrenner auf der Tagesordnung des Reichstags war, es wurde nie durchgesetzt. Es scheiterte am Widerstand der Länder. Und so kommt es, dass die allgemeine Schulpflicht, auf die der Deutschlandfunk, Pädagogen und alle, die erziehen wollen, so stolz sind, wie so manches andere auch, von den Nazis eingeführt wurde. Am 6. Juli 1938 trat mit § 1 des Reichsschulgesetzes die „Allgemeine Schulpflicht“ in Kraft, die den Besuch einer „reichsdeutschen Schule“ vorsah. § 2 des Reichsschulgesetzes hat den Beginn der Schulpflicht auf das 6. Lebensjahr festgesetzt und § 4 deren Dauer auf acht Jahre bestimmt. Nix is, mit 300 Jahren Schulpflicht.

Es ist schon deshalb nichts mit Schulpflicht, weil vor der Weimarer Republik und Artikel 145 der Weimarer Verfassung, in dem es weitgehend wirkungslos aufgrund des Fehlens eines Reichsschulgesetzes hieß: „Es besteht allgemeine Schulpflicht. Ihrer Erfüllung dient grundsätzlich die Volksschule mit mindestens acht Schuljahren …“, zwischen der Unterrichts- und der Schulpflicht unterschieden wurde. Bis 1919 galt entsprechend in Preußen (da kann Friedrich Wilhelm I Edikte erlassen wie er will) das Preußische Landrecht, in dem es heißt: „Jeder Einwohner, welcher den nöthigen Unterricht für seine Kinder in seinem Hause nicht besorgen kann oder will, ist schuldig, dieselben nach zurückgelegtem fünften Jahre zur Schule zu schicken.” Bis 1919 war die Entscheidung über die Bildung der Kinder Zuständigkeit der Eltern. Erst ab 1919 wurden Eltern in dieser Hinsicht entmündigt.

Schließlich ist Schule, als Angebot der Bildung, nicht als staatliche Segnung per Schulpflicht auf die Kindlein gekommen, sondern, wie immer, als staatliche Notmaßnahme verordnet worden, um die Nachfrage nach Bildung, die es spätestens seit dem 17. Jahrhundert in organisiertem Ausmaß und entsprechenden privaten Schulen gab, zu kontrollieren und in Kanäle zu lenken, die staatlich überwacht werden können:

So schreibt Ricking: „Ohne ein Mindestmaß an Bildung in breiten Bevölkerungsschichten, so wuchs die Erkenntnis, wäre ein Staat den absehbar steigenden wirtschaftlich-technologischen Herausforderungen der Zukunft nicht gewachsen.“ (Ricking 2003: 28) Die zitierte Stelle zielt auf das frühe 17. Jahrhundert. Mit ihr versucht Ricking eine Begründung, für die ersten Schulordnungen auf deutschem Gebiet zu liefern. Es sind dies in einiger zeitlicher Entfernung zueinander die „Weimarische Schulordnung“ (1619), die „Gothaische Schulordnung“ (1642) und die „Braunschweigische Schulverordnung“ (1651). In der Weimarischen Schulordnung heißt es: „Es sollen, soviel möglich, alle Kinder, Knaben und Mägdelein, mit allem Ernst und Fleiß zur Schule gehalten werden, damit sie je zum wenigsten neben dem heiligen Katechismus, christlichen Gesängen und Gebeten recht lernen lesen und etwas schreiben…. Sollen demnach hinfürder die Pfarrherren und Schulmeister an einem jedem Ort über alle Knaben und Mägdelein, die vom 6. Jahr an bis ins 12. Jahr bei ihrer christlichen Gemeinde gefunden werden, fleißige Verzeichnisse und Register halten, auf dass mit den Eltern, welche ihre Kinder nicht wollen zur Schule halten, könne geredet werden; auch auf Bedarf durch Zwang der weltlichen Obrigkeit dieselben in diesem Falle, ihre schuldige Pflicht in acht zu nehmen, angehalten werden mögen…“ (Dietrich & Klink 1972: 37) Offensichtlich war das Bestreben der „Obrigkeit“ nicht die umfassende Bildung ihrer „Untertanen“, vielmehr sollten Letztere für eine gewisse Zeit an einem bestimmten Ort sein, um dort religiöse Inhalte, lesen und „etwas schreiben“ vermittelt zu bekommen und somit einen Grundstock an Bildung.

Die Initiative zur Errichtung von Schulen ist jedoch nicht von „oben“ ausgegangen, sondern eine Reaktion auf die Nachfrage von „unten“ gewesen: „In vielen Städten … waren bereits am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts die alten innerhalb ihrer Mauern stehenden Schulanstalten … nicht mehr ausreichend für die Bedürfnisse der Bürgerschaft. Das Entstehen neuer Stadtteile und die Entfernungen zur bisherigen Schule waren es zumeist, welche die städtischen Behörden nötigten, ihre Aufmerksamkeit dem Unterrichtswesen zuzuwenden, das bisher ausschließlich eine Sache des Klerus gewesen war. Die Gemeindebehörden zeigten sich immer geneigt, die nötigen Mittel zur Gründung neuer Schulen … herbeizuschaffen.“ (Specht 1967: 248-249)

Bildung als Bürgerinteresse, so kann man formulieren, war die Triebkraft des mittelalterlichen Schulwesens. Die Stadtbürger fragten Bildung nach, die „Gemeindebehörden“ schufen die notwendigen Voraussetzungen, um die Nachfrage zu befriedigen. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 20. Jahrhundert folgt einem anderen Interesse: Jetzt kommt die Nachfrage vom Staat, „er“ braucht einen in bestimmter Weise gebildeten Bürger und schafft dafür die Institutionen, die seine Bürger durchlaufen müssen (Schulpflicht), um den Anforderungen zu genügen. Mehr noch: Die Schulen nehmen wichtige Sozialisationsfunktionen war, sie passen den Einzelnen in die gesellschaftliche Wirklichkeit ein. Diesen Prozess hat Brian Jackson mit dem Begriff „the hidden curriculum“ bezeichnet: „The hidden curriculum refers to ways in which pupils learn to accept the denial and the interruption of their personal desires and wishes. Pupils, if they are to succeed within the educational system, have to “learn how to learn”. That is, they have to learn to conform not just to the formal rules of the school but also to the informal rules, beliefs and attitudes perpetuated through the socialisation process.”

Was es mit dem hidden curriculum auf sich hat, kann man heute kaum übersehen. Die Versuche politischer Akteure, das, was sie für ideologisch richtig halten, in die Köpfe von Schülern zu hämmern, sind allgegenwärtig, der Zweck der Schulpflicht, der nicht nur in Bildung, sondern auch in Kontrolle besteht, damit offenkundig.

Fazit:

  • Die Schulpflicht ist keine 300 Jahre alt.
  • Die Pflicht zur Bildung von Kindern als Teil elterlicher Erziehung besteht bis 1919 als Unterrichtspflicht, die keinerlei Schulpflicht voraussetzt.
  • Erst 1919 wird eine Schulpflicht formuliert und in der Weimarer Verfassung (Art 145) verankert.
  • Die Durchsetzung der Schulpflicht obliegt der NSDAP und erfolgt mit der Verabschiedung des Reichsschulgesetzes von 1938.
  • Die Einrichtung staatlicher Schulen ist keine Segnung, die die Obrigkeit über ihre Schäfchen verteilt, sondern eine Reaktion auf die Nachfrage nach Bildung.
  • Die Möglichkeiten, die Erziehung von Kindern zu kontrollieren, zu standardisieren und Eltern zum Teil aus den Händen zu nehmen, ist ein Grund für die Einführung der Schulpflicht.
  • Ach ja, Bildung war selbst im Mittelalter keine auf Jungen oder auf „Kinder aus höheren Schichten“ begrenzte Angelegenheit.
    Auch hier irrt oder lügt der Deutschlandfunk.

Somit muss man sich fragen, ob die Redakteure beim Deutschlandfunk FakeNews und Geschichtsfälschung aus Unwissenheit oder aus böser Absicht verbreiten. Keine der beiden Alternativen ist mit einer öffentlichen Finanzierung des Deutschlandfunks vereinbar.


Dietrich, Theo & Klink, Job-Günter (Hrsg.) (1972). Zur Geschichte der Volksschule. Band I. Bad Heilbrunn: Klinkhardt

Ricking, Heinrich (2003). Schulabsentismus als Forschungsgegenstand. Oldenburg: Biblio­thek- und Informationssystem der Universität Oldenburg.

Specht, Franz Anton (1967). Geschichte des Unterrichtswesens in Deutschland von den ältesten Zeiten bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Wiesbaden: Sändig (Neudruck der Ausgabe von 1885).

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles

Im Spinnennetz der Korruption oder Kinderarbeit im Selbstbedienungsladen der Gutmenschen

Aphorismen vorweg:

Der Widerspruch
(Fast)Nur in Deutschland kann man Schüler kollektiv zu einer freiwilligen und auf eigener Initiative beruhenden Tätigkeit abordnen.

Die Erziehungsdiktatur
Deutsche Schüler müssen zu eigenverantwortlichen Menschen erzogen werden, die auf keinen Fall eine von den Vorgaben abweichende Meinung haben.

Eine Stiftung oder ein Verein, so genau weiß man das nicht, benutzt Verbindungen in die Politik, um an Schulen jährlich rund 80.000 Schüler zum Arbeitseinsatz am sozialen Tag zu manipulieren:

„Am 13. Juli 2017 ist es wieder soweit. Zehntausende Schüler*innen bundesweit tauschen ihre Schulbank gegen einen Arbeitsplatz und spenden ihren Lohn an Schüler Helfen Leben. Somit unterstützen sie nicht nur Jugend- und Bildungsprojekte für Gleichaltrige in Südosteuropa und Jordanien, sondern haben auch die Möglichkeit, einen Tag lang in ihren Traumberuf zu schnuppern.“

Bei den angepriesenen Traumjobs handelt es sich nach Ansicht der Sozialen Tag Veranstalter um die folgenden:

„Deiner Kreativität sind fast keine Grenzen gesetzt: Ob Du schon immer einmal für Kinderrechte in einem Restaurant kochen oder gar im Tonstudio Beats bauen wolltest. Viele Arbeitgeber*innen kennen den Sozialen Tag schon und stellen dich gerne ein.“

Traumjobs eben.

SHL versuch einer Bilanz

Der Versuch einer Bilanz für “Schüler helfen leben”

Das Geld, das die Schüler erarbeiten, 706.033 Euro waren es immerhin im Jahre 2015 und somit 49% der Einnahmen des Vereins oder der Stiftung „Schüler helfen leben“, wird genutzt, um Projekte auf dem Balkan oder in Jordanien zu finanzieren. Zudem dient der soziale Tag dem Verein, vielleicht ist es auch eine Stiftung „Schüler helfen leben“ dazu, „Fundraising“-Aktivitäten zu entwickeln. Noch einmal 621.585 Euro aus Spenden von Gönnern kamen auf diese Weise im Jahr 2015 zusammen. Die genaue Herkunft der Spenden ist nicht zu klären. Die Transparenz des Vereins, der zwar einen Jahresbericht herausgibt, sich darin aber bemüht, die Mittelherkunft nach bestem Wissen und Gewissen zu verschleiern, hält sich in Grenzen.

In jedem Fall kann man feststellen, dass ohne den Sozialen Tag die Finanzierung des Vereins oder der Stiftung „Schüler helfen leben“ nicht möglich wäre. Umso besser, dass die politischen Verbindungen, die der Verein hat, Bundeskanzler Merkel und 9 Ministerpräsidenten zumeist SPD-geführter Regierungen halten ihre schützende und vermutlich auch geldbringende Hand über den Verein, genutzt werden können, um nicht nur Zugang zu Schulen zu erreichen, sondern auch dazu, als Quasi-Monopolist für einen Tag von Kinderarbeit zu profitieren.

Und alles, um vor allem auf dem Balkan, im Jahre 26 nach dem Ende des Jugoslawienkrieges dafür zu sorgen, dass die dortigen Menschen auch die richtigen Werte, Meinungen und Überzeugungen entwickeln. „Schüler helfen leben“ ist somit nichts anderes als ein Gesinnungsprojekt, bei dem es darum geht, Schüler und ihre Bereitschaft, sich für eine angeblich gute Sache vor einen Karren spannen zu lassen, auszunutzen, um Mittel für den ideologischen Kampf zusammenzuraffen, den ideologischen Kampf, der dann z.B. mit 120.220 Euro in Tirana (Albanien) mit folgenden Inhalten geführt wird:

exploitation2“Das Soziale Tag-Projekt 2016 “Gewalt ist keine Lösung” setzt sich für die Rechte von Frauen und Mädchen ein und kämpft gegen geschlechtsspezifische Gewalt.

Geschlechtsspezifische Gewalt – Problem einer patriachalen Gesellschaft
Geschlechtsspezifische und häusliche Gewalt sind weit verbreitete Phänomene in der albanischen Gesellschaft, die nicht nur Frauen und Mädchen negativ beeinflussen, sondern ganze Familien und Gemeinschaften. Ein politischer und rechtlicher Rahmen für Prävention vom geschlechtsspezifische Gewalt wurde geschaffen, um Frauen und Mädchen zu schützen, doch Gewalt wird oft immer noch als Familienangelegenheit akzeptiert und behandelt.

Obwohl die junge Generation Studien zufolge eine aufgeschlossene Haltung gegenüber Geschlechtergerechtigkeit hat, gibt es immer noch viele Kinder und Jugendliche die häusliche und geschlechtsspezifische akzeptieren und/oder selbst ausüben.

Gemeinsames Engagement für bessere Beziehungen

Mit dem Projekt wird ein Mentoring Bildungsprogramm für gesunde zwischenmenschliche Beziehungen in den Schulen entwickelt. Durch das Engagement verschiedener Akteure (Eltern, Lehrer*innen, Schüler*innen) trägt das Projekt dazu beim, geschlechtsspezifische Gewalt unter albanischen Jugendlichen zu beseitigen.

Da Projekt soll bewirken, dass Frauen und Mädchen, ebenso wie Jungen und Männer in Albanien mehr:
• Achtung und Respekt
• Unterstützung und
• Freiheit
von geschlechtsspezifischer Gewalt in ihren Beziehungen, Partnerschaften, Familien und Gemeinschaften erfahren und somit zu einer gesünderen Gesellschaft beitragen. [Alle Fehler finden sich im Original]”

Besonders interessant sind die Kernelemente, aus denen das Projekt besteht, nämlich aus Bildung, Engagement, soziales Marketing und Beeinflussung von Politik und Gesellschaft. Schüler in Deutschland, die man über ihre Bereitschaft, sich für eine angeblich gute Sache zu engagieren, ködert, finanzieren somit die Ausbildung von albanischen Jugendlichen zu politischen Kadern, die im ersten Schritt (Bildung) lernen, wie die richtige Sicht auf die Welt aussieht. Die im zweiten Schritt zu dem, was in der linksextremen Szene als „Multiplikatoren“ bekannt ist, weitergebildet werden sollen, also zu Kadern, die das Heil, das sie gerade erlernt haben, an Dritte weitergebend. Im dritten Schritt lernen die neuen Heilsträger, wie man mit Mitteln der Propaganda (soziales Marketing) die Heilsbotschaft unters Volk bringt, und im letzten Schritt werden ihnen noch die Techniken anerzogen, die notwendig sind, um politische Entscheidungsträger und deren Entscheidungen zu beeinflussen. Früher fand man derartige Ausbildungen in den „Kaderschmieden“ des Kommunismus, in sogenanten Parteischulen..

Aber seit der Erfindung des allein seligmachenden Wertkanons, der aus Genderismus, Vielfalt und Intoleranz gegenüber allen abweichenden Meinungen besteht, ist es nicht nur normal geworden, Schüler zum Gegenstand der entsprechenden Indoktrination zu machen, es ist auch schick geworden, Schüler arbeiten zu lassen, um andere Schüler indoktrinieren zu können.

SED Ballenstedt_Grosser_Ziegenberg_002-

SED Parteischule Ballenstedt; Quelle: WolkenkratzerEigenes Werk, CC BY-SA 3.0,

Die Politik im Namen des Guten bedient sich schamlos des Idealismus derer, die das Leben noch keine Vorsicht gelehrt hat. Wenn jemand weiß, wo hier die Trennlinie zu Anwerbe- und Ausbildungsaktivitäten des IS verläuft, er möge es uns mitteilen.

Ansonsten kann man nur allen Schülern raten, sich von Sozialen Tag fernzuhalten und ein egoistisches Eremitendasein im nächsten Kaffee zu führen. Meditation über das eigene Leben und den Missbrauch, der im Namen des Guten betrieben wird, ist in jedem Fall hilfreicher als mit Kinderarbeit gegen Kinderarbeit anzukochen.

Der Hinweis auf den Sozialen Tag stammt von einem ScienceFiles-Leser, der persönlich betroffen ist:

„Ich möchte vorschlagen, sich einmal mit dem sogenannten “Sozialen Tag” zu befassen (d.h. kritisch, goes without saying), der Ende Juni/Anfang Juli an vielen Schulen in Deutschland wieder abgehalten wird (“Rasen rollen gegen Rassismus”;
http://www.schueler-helfen-leben.de/de/home/sozialer_tag.html).

Als Vater zweier Gymnasiasten bin ich gerade selbst davon betroffen. Kritisch zu bewerten ist m.E. daran der Mißbrauch des jugendlichen Idealismus für die Inszenierung eines medialisierten und – trotz aller Beteuerungen zum Gegenteil – politisch getriebenen Events. Mißbrauch, weil hier in unheiliger Kollusion von Politik und öffentlicher Prominenz mit den Schulleitungen ein “freiwilliges” soziales Engagement der Schüler “kollektiv organisiert” wird. Einerseits machen sich die Schulen zum Agenten einer angeblich privaten, unabhängigen Stiftung bzw. e.V.; siehe http://www.schueler-helfen-leben.de/de/home/sozialer_tag.html.

Andererseits ermöglicht die Politik dieser Organisation einen privilegierten, exklusiven Zugriff auf die Arbeitskraft der Kinder (bzw. Spendenfreudigkeit der Eltern oder Arbeitgeber), z.B. durch Ausnahmeregelung von der Pflicht zum Lohnsteuerabzug, der Gewährung von Unfallversicherungsschutz für diese Tätigkeit etc. etc. …“

Schüler und Eltern sind gefangen im Spinnennetz der Korruption, werden zunehmend zum Gegenstand politisch-korrekter Erziehung und zum Objekt, dessen sich die vermeintlichen Gutmenschen nach allen Regeln der Kunst bedienen.


Hinweise für ScienceFiles?
Schreiben Sie uns.

Es gibt schlechte Lehrer! Und Eltern wollen sie vermeiden

Was in einer Gesellschaft im Argen liegt, das bemerkt man an den Tabus, die die Gesellschaft prägen.

Eines dieser Tabus sind Lehrer, Lehrerinnen im Wesentlichen, denn gut 70% der Lehrer in Deutschland sind weiblich. Lehrer kommen in der Bildungsforschung dann nicht vor, wenn das Thema die Gefahr in sich birgt, negative Ergebnisse zu erbringen.

Schulleistungsstudien: Lehrer bleiben außen vor.

Nachteile von Jungen: Lehrer bleiben außen vor.

Heftige Leistungsunterschiede zwischen Schülern in Bremen und Bayern: Lehrer bleiben außen vor.

Wann immer es unangenehm wird, sind Lehrer sakrosankt.

Neuestes Beispiel ist ein Beitrag, den Marcel Helbig und Rita Nikolai in der Zeitschrift für Bildungsforschung veröffentlicht haben. Der Gegenstand des Beitrags ist schnell erzählt:

In Berlin werden die durchschnittlichen Abiturnoten, die an den jeweiligen Schulen erzielt wurden, veröffentlicht. Konsequenz nach Helbig und Nikolai: Die Zahl der Schüler an Schulen mit einem relativ guten Abiturschnitt steigt überproportional. Die Zahl der Schüler an Schulen mit einem relativ schlechten Abiturschnitt sinkt überproportional. Die Schüler, die es an relativ gute Schulen zieht bzw. deren Eltern sie an relativ gute Schulen bringen wollen, sind keine Schüler aus der Arbeiterschicht, keine Schüler, deren Muttersprache nicht deutsch ist, sondern vornehmlich deutsche Schüler aus Mittelschichtsfamilien. Kurz: Die Veröffentlichung von Abiturnoten auf Ebene der Schulen verstärkt soziale Segregation.

Wohlgemerkt, wir haben es mit Schülern zu tun, die ein Abitur erreichen, d.h. in der Regel mit Gymnasiasten, unter denen die Anzahl von Schülern, die nicht keine deutsche Staatsangehörigkeit haben (oder Deutsch nicht als Muttersprache sprechen) und nicht der Mittelschicht entstammen, sowieso schon unterdurchschnittlich ist.

Nun könnte man aus den Ergebnissen den Schluss ziehen, dass Eltern ihre Kinder nicht nur an guten Schulen platzieren wollen, sondern dass gute Schulen sich auch durch relativ bessere Lehrer auszeichnen, dass relativ bessere Lehrer eine Ursache dafür sind, dass Schüler an manchen Schulen besser abschneiden als an anderen.

Damit sind wir wieder beim Tabu: Lehrer.

Lehrer haben in Deutschland keinerlei Einfluss auf die schulischen Noten von Schülern. Das ist eine Übereinkunft, deren Bruch mit dem Ausschluss aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft geahndet wird. Entsprechend schreiben Helbig und Nikolai, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, sie kämen auch nur entfernt auf die Idee, würden es gar nahelegen, dass bessere Schulen auch deshalb besser sind, weil dort die besseren Lehrer beschäftigt sind:

„Allerdings zeigen unsere Analysen auch, dass Abiturnoten nicht einfach miteinander verglichen werden können, ohne den Kontext zu berücksichtigen, in dem diese erreicht wurden. Denn die durchschnittlichen Abiturnoten lassen sich sehr stark über die soziale und ethnische Zusammensetzung der Schulen aufklären.“

Auslaendische Schueler Berlin.jpgAlso: Die guten Schulen sind gute Schulen, weil es dort relativ wenige Schüler gibt, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen und weil es dort relativ wenige Schüler gibt, die aus der Arbeiterschicht stammen. Das sind nun genau die Schüler, die beim Run auf die guten Schulen zurückbleiben, denn der Run geht von Schülern aus, die Deutsch als Muttersprache haben und der Mittelschicht angehören. Insofern müsste man aus diesen Ergebnissen die Vorhersage ableiten, dass die guten Schulen noch besser, die schlechten Schulen noch schlechter werden, wenn die Schulnoten ausschließlich das Werk der Schüler sind und nicht auch das Werk der Lehrer sind, jeder Statisten, die Wissenschaftler links liegen lassen.

Vielleicht kann man das Tabu ja durch einen Blick hinter die Kulissen von Berlin etwas erschüttern. Viele, die hören, dass Schulen mit einem besseren Abiturschnitt Schulen sind, an denen weniger Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, zu finden sind, denken sofort an Türken und Syrer und Nordafrikaner. Tatsächlich spielen von den genannten Gruppen nur Türken einen nennenswerte Rolle an Gymnasien. Die soziale Auslese entlang des Merkmals „Herkunft“ findet sich in Berlin in folgender Weise. Der Anteil von Schülern mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit, also von Schülern, bei denen man davon ausgehen kann, dass ihre Eltern eine andere als die deutsche Sprache zur Muttersprache haben, beträgt an Grundschulen 14,7% (21.996 von 149.748 Schülern), an integrierten Gesamtschulen 15,2% (11.519 von 75.810 Schülern) und an Gymnasien 9,4% (6.440 von 68.709 Schülern). Unter den 6.440 ausländischen Schülern an Berliner Gymnasien finden sich 1.228 Türken, 405 Vietnamesen (529 sonstige Asiaten), 384 Russen, 332 Polen, 310 Italiener, 290 Franzosen usw. Die ethnischen Gruppen, die in Deutschland regelmäßig für ein schlechtes Bildungsniveau verantwortlich gemacht werden, finden sich also selbst an Berliner Gymnasien nur in geringer Zahl.

Um so erstaunlicher, dass der ethnische Hintergrund sich auf die schulische Leistung auswirken soll. Um so mehr erstaunlich, als die entsprechenden Schüler in der Regel das deutsche Schulsystem mit so großem Erfolg durchlaufen haben, dass sie Zugang zu einem Gymnasium erhalten haben. Wie erklärt man die Relevanz einer Variable, die keinerlei Relevanz mehr haben dürfte?

Nun, die Relevanz muss (wieder) geschaffen werden. Durch Lehrer. Lehrer sind letztlich für die Vergabe von Noten verantwortlich. Der Gedanke, dass bei der Notenvergabe die ethnische Herkunft wie auch immer Berücksichtigung findet, liegt nahe. Lehrer sind verantwortlich für die Vermittlung des Lehrstoffes: Der Gedanke, dass schlechte Lehrer Probleme mit der Vermittlung von Lehrstoff haben, liegt ebenso nahe. Der Gedanke, dass die Leistung von Schülern, die schlechten Lehrern ausgesetzt sind, darunter leidet, liegt fast noch näher. Und dass Lehrer, die überfordert sind und merken, dass sie nicht in der Lage sind, Lehrstoff an Schüler zu vermitteln, einen Sündenbock für ihr Scheitern suchen, ist ebenfalls ein Gedanke, der naheliegt. Wer bietet sich als Sündenbock an? Na diejenigen, denen in der öffentlichen Wahrnehmung sowieso nachgesagt wird, sie würden das schulische Niveau nach unten ziehen: Kinder ausländischer Eltern und Kinder aus der Arbeiterschicht.

Warum bietet sich diese Form der Diskriminierung für Lehrer an, und warum haben die entsprechenden Schüler in der Öffentlichkeit einen entsprechenden Ruf? Aufgrund von Studien, wie der die Helbig und Nikolai gerade veröffentlicht haben.

Dass gute Leistungen von Schülern vermutlich mehr mit den Kompetenzen und der Leistung von Lehrern zu tun haben als mit den Schülern, zeigen die Ergebnisse der Abiturprüfung aus dem Jahr 2015:

“Einige der Berliner Schulen zeigen sich in Hinblick auf ihrer Abiturdurchschnittsnoten deutlich erfolgreicher als andere. So schnitten die Georg-Friedrich-Händel-Oberschule, die Heinrich-Hertz-Oberschule., das Otto-Nagel-Gymnasium und die Nelson-Mandela-Schule mit den Bestwerten von 1,8 ab und acht weitere Berliner Schulen erzielten den Durchschnitt von 1,9.

Aber wie kommt es, dass einige Schulen sehr gute Schnitte verzeichnen und andere keine guten Zahlen vorweisen können? Die Berliner Morgenpost stellt die vier staatlichen Berliner Schulen vor, die mit einem Abiturdurchschnitt von 1,8 am besten abschnitten.

Die Nelson-Mandela-Schule ist eine bilinguale Ganztagsschule in Wilmersdorf. Von der ersten Klasse bis zum Abitur werden die Schüler aus 60 verschiedenen Ländern bilingual in den Sprachen Deutsch und Englisch unterrichtet.” 

Ineffizient, chaotisch, teuer: Die Kosten der Teilzeitarbeit in Schulen

Im Namen des Staatsfeminismus propagieren Politiker nicht nur die Work-Life-Balance, die letztlich nichts anderes als eine Abwertung von Arbeit und eine Aufwertung von Freizeit bedeutet, sie versuchen auch, ihre (Wahn-)Vorstellung davon, dass Teilzeitarbeit etwas anderes sei als ein teures ideologisches Wohlfühl-unterfangen für diejenigen ist, die es propagieren, durchzusetzen.

BMFSFJ chaos.jpgWie immer, wenn Politiker versuchen, die Realität ihrer Ideologie anzupassen, zeigt sich diese Realität als äußerst widerstandsfähig, je geradezu verbissen uneinsichtig. So sind die gesellschaftlichen Wohltaten der Teilzeitarbeit bislang unentdeckt geblieben. Statt Wohltaten haben sich chaotische Zustände und Verschlechterungen der Leistungen ergeben. So haben wir bereits davon berichtet, dass als Folge der Teilzeit-Manie und als Folge der Abwertung von Arbeit durch die „Work-Life-Balance“ die Effizienz in Medizin und an Schulen gelitten haben. In beiden Bereichen ist die Anzahl der Beschäftigten gestiegen, die Leistungserbringung jedoch schlechter geworden. Die Anzahl der von Ärzten erbrachten Arbeitseinheiten sinkt ebenso, wie die Anzahl der Unterrichtsstunden, die Lehrer erteilen, obwohl Ärzte und Lehrer immer mehr werden.

Arbeitnehmer, die in Teilzeit arbeiten, haben zwangsläufig weniger Erfahrung als Arbeitnehmer in Vollzeit, sie sind weniger einsatzbereit und können ihre Kompetenzen nur mit Mühe halten, nicht jedoch weiterentwickeln, wie es notwendig wäre. Als Konsequenz wird der Arztbesuch zum Spiel mit der Gesundheit und der Schulbesuch zum Spiel mit der Bildung.

Dass die Teilzeit-Manie auch die täglichen Routinen und Arbeitsprozesse an Schulen ins Chaos stürzt und Ineffizienz zur Normalität werden lässt, hat uns unser Leser Günter K. Schlamp in einem Kommentar geschrieben, der zu wichtig ist, als dass man ihn in einem Thread belassen sollte:

“Das Problem mit der großen Zahl (weiblicher) Teilzeitlehrer (TZ) hängt auch mit der fehlenden Präsenzverpflichtung in der Schule zusammen.
Entgegen der Volksmeinung ist das Unterrichten nur ein Element der Lehrertätigkeit, wenn auch das wichtigste.

Wenn an einer Schule eine bunte Mischung von 8-, 11- oder 18-Stunden-Teilzeitkräften die Zahl der Vollzeitkräfte übertrifft, haben sie eine Fülle organisatorischer Probleme: In welchem Umfang können die Kolleginnen in der Projektwoche, auf der Klassenfahrt, am Elternsprechtag, bei der Pausen- und Mittagsaufsicht eingesetzt werden? Zu 100% oder nur anteilig? Kann man mit halber Stelle auch nachmittags eingesetzt werden?

Wenn man seine Unterrichtsverpflichtung reduziert, wird dann erwartet, dass die vielen Zusatzaufgaben in einer Schule nur den Vollzeitlehrern zugemutet werden dürfen? Für Vertretungsstunden können die TZ-Lehrer nur anteilig herangezogen werden, das aber auch nur nach Vorankündigung, da TZlehrer i.d.R. zur Unterrichtsstunde kommen und danach wieder gehen. Wenn sich ein plötzlicher Vertretungsbedarf ergibt, muss man zu Hause anrufen und verhandeln, ob die Kollegin morgen eine Stunde früher kommen könnte. Vertretungsunterricht ist ein täglich Brot, es wird also viel telefoniert.

Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit vor mehr als 50 Jahren: Da ging der Stundenplaner ins Lehrerzimmer und bat einen dort sitzenden Kollegen doch mal eben in die 7a zu gehen. Mein Lehrerzimmer – viele TZ-Kräfte – war während der Unterrichtszeit nahezu leer. Wer keinen Unterricht hatte, fuhr nach Hause oder anderswohin.

Zum Glück erinnert ein gelegentlicher Runderlass des Schulamtes oder gar ein Verwaltungsgericht daran, dass auch Teilzeitlehrer zu 100% an den, zugegeben häufigen, Lehrerkonferenzen teilnehmen müssen.

Gewiss arbeiten nicht alle Teilzeitlehrerinnen mit der Stoppuhr in der Hand und verlassen die Schule nach zwei Stunden um 10 Ur 15 fluchtartig. Man kann auch in Einzelgesprächen Kompromisse erreichen. Aber Schule wäre leichter zu organisieren, wenn es mehr Vollzeitlehrer und eine Anwesenheitspflicht (über den Unterricht hinaus) gäbe.”

Soziologie in der Schule? Himmel hilf!

Schade. Wirklich schade.

Hätte man uns vor rund 35 Jahren danach gefragt, ob Soziologie ein Fach ist, das in Schulen vermittelt werden und in dessen Grundlagen Lehrer firm sein sollen. Wir hätten vermutlich ja gesagt.

Aber: 35 Jahre später steht uns der kalte Schweiß auf der Stirn, wenn wir Bestrebungen sehen, Soziologie in der Schule als Schulfach und als Grundlage der Lehrerausbildung zu etablieren.

Esser_SoziologieDer Grund für die mittelmäßige Panik, die uns angesichts der Pläne, Soziologie ins schulische Curriculum zu integrieren, erfasst, ist schnell benannt: Die Soziologie hat sich wie die Politikwissenschaft auch zu ihrem Nachteil verändert (British understatement). Beide Fächer waren einst Vorzeigedisziplinen der Sozialwissenschaften. Sie hatten Methode, einen theoretischen Korpus, eine Epistemologie und eine Fragestellung. Studenten der Soziologie und der Politikwissenschaft konnten auf die Frage: „Was ist der Gegenstand der Soziologie?“ bzw. „Was ist der Gegenstand der Politikwissenschaft?“ präzise antworten (naja, zumindest die meisten), manche sogar im Original: „Soziologie (im hier verstandenen Sinne dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen; eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich erklären will“ (Weber 1972: 1). Im Zentrum der Soziologie stehen somit der Handelnde und die Umstände seines Handelns, die Interkation von Handelnden und der Möglichkeitsraum für Handlungen, wobei von Handeln dann gesprochen werden soll, wenn „und insofern als der oder die Handelnden mit ihm [dem Handeln] einen subjektiven Sinn verbinden“ (Weber, 1972: 1).

Seither ist angeblich alles komplexer geworden. Die Komplexität moderner Gesellschaften, die man immer nur als Nominalkonstruktion, aber nie genau benennen kann, sie hat Einzug gehalten. Unter dem Deckmantel der „Komplexität“ und der späteren Ergänzung der „Vielfalt“ hat sich die Soziologie (und die Politikwissenschaft) weg von einem methodischen Unterfangen und hin zu einem Sammelbecken für Schwätzer aller Art entwickelt. Nicht mehr das soziale Handeln und dessen Erklärung bestimmte nun die soziologische Analyse. Vielmehr wurde alles zu Soziologie, was derjenige, der es aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf einen Soziologielehrstuhl geschafft hat, von sich gegeben hat. Weltbetrachtungen, Geschlechtslamentos, Armutsattacken, Rechtsextremismushysterien, Fremdenfeindlichkeitsphobien und grundlegende Ängste vor sozialem Wandel haben vermeintliche Soziologen inkubiert und fest in ihrem Griff. Viele Soziologen sind zu Kämpfern für die Umwelt, Frauen, sozial Benachteiligte, Arme, noch mehr sozial Benachteiligte, Homosexuelle, Ausländer oder sonstige Minderheiten und all diejenigen geworden, von denen die Lehrstuhlbesetzer denken, sie seien sozial unter ihnen angesiedelt. Andere Soziologen sehen ihre Aufgabe eher darin nicht für sondern gegen etwas zu kämpfen: gegen den Kapitalismus, gegen die Bonzen, gegen die AfD, gegen die Globalisierung, gegen Konsum, gegen Autos, gegen Kohlebergbau, gegen die Unterdrückung von Hans Peter Brügel und vieles mehr. Soziologen sind Kämpfer für und gegen, politische Aktivisten und Vorkämpfer für eine bessere Welt, also das, was sie für eine bessere Welt halten, nur eines sind sie mehrheitlich nicht mehr: Wissenschaftler.

Das heißt nicht, dass es nicht noch Soziologen gäbe, die wissen, wie man eine standardisierte Befragung konzipiert, was eine soziale Theorie ist und wer Emil Durkheim war. Aber es heißt, dass die Wissenschaftler unter den Soziologen in die Minderheit geraten sind, fast schon ein Schattendasein führen. In jedem Fall ist das in der öffentlichen Wahrnehmung so, die von den Gelegenheitsschwätzern und Soziologie-Aktivisten geprägt wird, die sich gerne bei Medien andienen.

Deshalb ist es für uns eine Drohung, Soziologie in Schulen zu lehren oder Lehrern beibringen zu wollen. Verstärkt wird diese Drohung noch durch Workshops wie den, der am 9. Juni 2017 im Schader-Forum in Darmstadt stattfinden soll, unter der Überschrift „Soziologie in der Schule?“. Bereits in der Ankündigung findet sich alles, was Wissenschaftlern die Haare zu Berge stehen lässt:

„Heranwachsende stehen vor enormen und vielfältigen Herausforderungen, die der aktuelle soziale Wandel und die Unübersichtlichkeit der modernen Gesellschaften mit sich bringen. Globalisierung, internationale Verflechtungen, Flucht und Migrationsprozesse, regierungspolitischer Steuerungsverlust, Digitalisierung, Unsicherheit, Orientierungsverlust und Ängste, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Extremismus einerseits, Solidarität, Zusammenhalt, Menschenwürde, Teilhabe, Sicherheit, Toleranz, Integration, Inklusion, Diversität und Heterogenität andererseits sind nur einige wenige Begriffe zur Beschreibung der öffentlich ausgetragenen Verhandlungen über derzeitige gesellschaftliche Entwicklungen und Herausforderungen.“

Einerseits kann man das Geschwätz abkürzen und feststellen: Es gibt eine Umwelt.
Andererseits kann man sich angesichts der Aufzählung dessen, was die veranstaltenden Soziologen als wichtig, für erschreckend oder für schulgegenständlich ansehen, ungefähr vorstellen, worum es im Fach Soziologe gehen soll: Nicht darum, dass Schüler formale Kriterien und Methoden erlernen, die es ihnen erlauben, sich ein begründetes Urteil über einen Gegenstand zu bilden, sondern darum, das Urteil, das andere vorgegeben haben, z.B. im Hinblick darauf, was gerecht, tolerant und solidarisch ist, auswendig zu lernen. Das ist politische Indoktrination auf Grundlage einer für wahr postulierten Heilslehre und hat mit Soziologie überhaupt nichts zu tun.

Und wer noch Zweifel hat, der muss nur weiterlesen:

Soziologie in der Schule„Sowohl in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wie in der schulischen Vermittlung an die Lernenden geht es darum, gesellschaftliches Deutungs- und Orientierungswissen zu erwerben sowie zum Perspektivenwechsel und zum Umgang mit gesellschaftlicher Komplexität befähigt zu werden. Genau dadurch kann individuelle wie soziale Autonomie im gesellschaftlichen Kontext und auf der Grundlage unserer Grundwerte erworben werden.“

Damit man sich ein Bild von etwas, z.B. von Wahlkampfaussagen der AfD oder der SPD machen kann, benötigt man weder Deutungs- noch Orientierungswissen. Es reicht aus, eine Reihe von analytischen Fähigkeiten mitzubringen, die es ermöglichen, Geschriebenes auf Konsistenz, empirische Relevanz und inhaltliche Kongruenz zu prüfen. Deutungs- und Orientierungswissen ist nur dann notwendig, wenn man sicherstellen will, dass bestimmte Arten, die Welt zu sehen, etwa: „Diversität ist Klasse!“ zur alleinigen Wahrheit erklärt, besser: verklärt werden und jede kritische Auseinandersetzung verunmöglicht werden soll. Indoktrination nennt man das:

„Es wird deutlich, dass Lernende in der modernen Gesellschaft den Umgang mit gesellschaftlicher Komplexität und Vielfalt lernen müssen, die vor allem auch ein Merkmal pluralistischer demokratischer Gesellschaften sind“

That settles it: Die Komplexität, von der vermeintliche Soziologen in nominaler Konstruktion grenzenlos faseln können, die sich jedoch jeglichem Versuch einer konkreten Bestimmung, komplex wie sie nun einmal ist, entzieht, sie wird zum Anlass der Erziehung von „Lernenden“ genommen; zur Begründung dafür, dass Lernende nur eine bestimmte Art und keinerlei Abweichung davon, erlernen sollen, dass sie Inhalte, richtige Inhalte auswendig lernen sollen und eben nicht in die Lage versetzt werden sollen, selbständig und vor allem unabhängig zu denken und sich ein selbständiges und unabhängiges Urteil zu bilden. Wenn man sieht, wie heutige vermeintliche Soziologen zu Volkserziehern und Propheten des Heils geworden sind, das sie unverständlicher Weise für demokratisches Heil halten, dann kann man auf um himmlische Unterstützung hoffen, wenn es darum geht, sie von Schulen so fern wie nur möglich zu halten.

Translate »
error: Content is protected !!
Skip to toolbar