
| Habermas im Original: | Poppers Übersetzung: |
| Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht. | Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen. |
| Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch. | Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft. |
| Popper (1990), S.110 |
Derartige Sprachakrobatik hat schon immer auf diejenigen, die nichts zu sagen haben, aber gerne etwas Gewichtiges in die Welt posaunen würden, einen starken Anreiz ausgeübt, und entsprechend ist die Reihe der mehr oder weniger guten Nachahmer lang. Dabei haben vor allem Ideologen entdeckt, dass die beschriebene Form der Sprachemission ein geeignetes Mittel darstellt, um zu verschleiern, dass man außer ideologisch aufgeladenen Worten nichts zu bieten hat. Die Schematik der Vorgehensweise ist dabei immer die selbe:
- Beschreibe einen trivialen Gegenstand auf möglichst komplizierte Weise.
- Füge der Beschreibung ein paar affektiv konnotierte Begriffe hinzu, die dem Leser die richtige Lesart, also deine eigene Ideologie unterschieben.
- Würze die Darstellung durch das Einbringen „geheimer Mächte“.
- Ergänze noch ein paar unsinnige Adjektive und Nominalkonstruktionen, um die ganze Darstellung „wissenschaftliche“ aussehen zu lassen.
Das war die Theorie, jetzt kommt die Praxis:
| Trivialität | Trivialität aufgemotzt: |
| 1: In vielen Haushalten gibt es einen Computer | Der Siegeszug der Informationstechnologien hat die Privatsphäre erreicht. In vielen Haushalten findet kommunikative Interaktion nur mehr per Keyboard statt. |
| 2: plus Ideologie | In der globalen Welt des Kapitalismus weckt das Marketing Konsumbegehrnisse, die das Individuum in die Abhängigkeit der neuen Medien bringen, so dass bereits in Kinderzimmern die Vereinzelung ein Ausmaß angenommen hat, das bedenklich ist. |
| 3: plus geheime Mächte | Die Wirkkräfte des globalen Kapitalismus transzendieren über die alles durchdringende Persuasion eines allumfassenden Marketings, sie generieren fiktive Wünsche in gesellschaftlicher Durchdringung und führen zu Vereinzelung und Atomisierung bereits im Kinderzimmer. |
| 4: plus „fancy“ Adjektive | Globable und in entropischer Gesamtheit wirkende Kräfte des Kapitalismus verwerfen und transformieren die indivdiuelle Herrschaftshoheit über kognitive und affektive Bedürfnisse und münden in konsumeristisch, segmentierte und nicht zu letzt sedimentierte Vereinzelung bereits im Kinderzimmer |
Versuche, Trivialitäten auf die beschriebene Art und Weise „aufzumotzen“, finden sich täglich und in großer Zahl, und sie sind auch, oder gerade in universitären Bereichen zu finden, in denen sich „Wissenschaftler“ tummeln, für die Wissenschaft ein Sprachakt ist, ein Akt, in dessen Verlauf sie Realität durch Sprache schaffen wollen, und ein Akt, in dessen Verlauf sie sich recht häufig in den sprachlichen Konstrukten verheddern, die sie zu weben versucht haben. Ein gutes Beispiel für Letzteres ist ein Beitrag von Barabara Muraca mit dem Titel „Gutes Leben ohne Wachstum?“.
Sprachrätsel 1: „Dynamische Ungleichheit durch Wachstum führt zu einer strukturellen Verschiebung des Standards für das gute Leben. Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl können außerdem substantielle Freiheiten enorm einschränken.“
Meine Auflösung: Dynamische Ungleichheit scheint schlecht zu sein. Wachstum verschiebt einen Standard für gutes Leben, der sich in einer Struktur befindet. Aus dieser Verschiebung scheint Frust, mangelnde soziale Anerkennung und Schamgefühl zu reultieren und irgendwie schränkt das substantielle Freiheiten ein. Gut. Dynamische Ungleichheiten sind Ungleichheiten, die sich verändern. Also heute bin ich unten, morgen bin ich oben oder fast oben in der gesellschaftlichen Hierarchie. Diese Dynamik ist schlecht, woraus man den Schluss ziehen muss, dass Muraca einer stabilen sozialen Struktur das Wort redet, in der unten bleibt, wer unten ist, und oben bleibt, wer oben ist. Es ist dies die Idee des Volkskörpers, in der jeder den Platz einnimmt und behält, der ihm per Geburt zugewiesen wurde. Dies hat den Vorteil, dass die Standards für das gute Leben nicht verschoben werden, denn da unten bleibt, wer unten ist, kann sich an der Gesellschaftsstruktur nichts ändern. Und da jeder nach Geburt den Platz bekommt, der ihm von, sagen wir, Gott zugewiesen wurde, gibt es für den gesellschaftlichen Bodensatz auch keinen Grund sich zu schämen oder gar nach sozialer Anerkennung zu dürsten, und folgerichtig wird auch keine substantielle Freiheit eingeschränkt, denn alles, was ist, ist Gott gegeben und gerecht. Einfache Welt! Erinnert ziemlich an Spenglers Untergang des Abendlandes, wobei es etwas überraschend ist, dergleichen in Publikationen des DGB zu lesen. Sind die Linken die neuen Rechten?
Sprachrätsel 2: „Das zeigt sich auch für die Länder des globalen Südens, in denen traditionelle Formen des Zugangs zu wesentlichen Faktoren für ein gutes Leben vor der Einführung westlicher Entwicklungs- und Wachstumsmuster nicht monetär vermittelt waren. Im Zuge zahlreicher Maßnahmen der Bekämpfung von Armut mag zwar das pro-Kopf-Einkommen gestiegen sein; dies führte aber in vielen Fällen langfristig zu einer Zerstörung von ursprünglichen Kompetenzen, Fähigkeiten, lokalem Wissen und sozialen Netzwerken, die eben jenen Zugang ermöglichten“
Ich weiß nicht, ob diese kumulierte Wortbedeutung, dieser Inhalt, das ist, was Barbara Muraca Ihren Lesern vermitteln wollte. Wenn es der Inhalt ist, dann wäre es für alle Beteiligten einfacher gewesen, sie hätte geschrieben, dass sie sich ein Leben ohne wirtschaftlichen Fortschritt wünscht, das zwar in Teilen der Erde elendig sein wird, aber aufgrund des emotionalen Gewinns und der sozialen Kompetenzen dem entspricht, was sie unter einem guten Leben versteht. Wenn es jedoch nicht der beabsichtigte Sinn sein sollte, dann empfehle ich Frau Muraca beim nächsten Text zu schreiben, was sie tatsächlich schreiben will und nicht so viel Zeit in die Verquasung der Sprache zu investieren. Dann müsste sie natürlich wissen, was sie sagen will, dann müsste sie Sachinhalte und nicht Emotionen transportieren wollen und, dann müsste sie natürlich etwas zu sagen haben – und das scheint mir das Hauptproblem zu sein, etwas zu sagen haben…
Popper, Karl Raimund (1990). Gegen die großen Worte. In: Popper, Karl Raimund. Auf der Suche nach einer besseren Welt. München: Piper, S.99-113.
