Sir Karl Raimund Popper: Lese ich Adorno oder Habermas, dann habe ich den Eindruck, Verrückte sprechen zu mir

“Der unbefangene Leser wird sich möglicherweise wundern, dass ein Buch dieser Art so merkwürdige Proportionen aufweist. Nun, wer seine Entstehungsgeschichte kennt, weiß, welchen Umständen dieses Mißverhältnis zu verdanken ist. Die hier abgedruckte Diskussion begann 1961 zwischen Karl Popper und Theodor W. Adorno, sie wurde 1963 mit dem Nachtrag von Jürgen Habermas fortgesetzt, auf den ich 1964 replizierte, worauf im gleichen Jahr eine Antwort aus seiner Feder und im darauf folgenden wieder eine Entgegnung von mir erfolgte. Wenn ich ihn recht verstanden habe, so war die Idee des Redaktors ursprünglich die, diese Diskussion einem weiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Ich habe diesem Vorschlag zugestimmt und habe auch spätere Modifikationen hingenommen, obwohl sich in ihnen allmählich jene eigentümliche Verschiebung der Proportionen bei gleichzeitiger Aufblähung des Umfanges andeutete, die dann schließlich zustandekam. Die Genehmigung für einen bloßen Abdruck der ursprünglichen Beiträge zu dieser Diskussion war offenbar von der anderen Seite nicht zu bekommen, und so hat sich auch das Erscheinen dieses Bandes seit etwa drei Jahren immer wieder hinausgezögert. Um die Veröffentlichung zu beschleunigen, habe ich schließlich auf Anregung des Redaktors zunächst auf mein Nachwort verzichtet, allerdings ohne zu ahnen, in welcher Weise einer der Beteiligten seine Funktion – die Einleitung des Bandes – ausbeuten und welches Ausmaß die erwähnte Umproportionierung annehmen würde. Immerhin kann ich, wie mancher verstehen wird, angesichts des Eifers, der hier am Werke war, eine gewisse Genugtuung nicht ganz unterdrücken.

Wie dem auch sei: ich erlaube mir nun doch zum Schluß noch einige kurze Bemerkungen zur Sache. Zunächst möchte ich feststellen, dass ich nicht nur über den Seitenaufwand frappiert bin, der auf der anderen Seite getrieben wird – obwohl ich für ihn natürlich Verständnis habe -, sondern auch über die inhaltliche Gestaltung der Ergänzungen zur bisherigen Diskussion, vor allem – um es etwas deutlicher zu sagen – über die trotz gewohnt komplizierter Ausdrucksweise doch im Grunde genommen verhältnismäßig enfache Art und Weise, in der Adorno alle möglichen Missverständnisse reproduziert, die sich in der seit dem Beginn unserer Diskussion und teilweise unter ihrem Einfluss entfachten Positivismus-Kontroverse im deutschen Sprachbereich eingenistet haben – Missverständnisse, die, wenn nicht schon durch die Lektüre der vorliegenden Diskussionsbeiträge, so doch durch das Studium anderer Arbeiten seiner Diskussionspartner von vorneherein hätten vermieden werden können. Wie früher schon Habermas – und auf seinen Spuren, eine ganze Reihe von Geistesschaffenden – so wird nun Adorno zum Opfer seines eigenen etwas verwaschenen Positivismus-Begriffs und der tendenziösen, wenn auch durchaus landesüblichen, Art, unter diese Kategorie jeweils das zu subsumieren, was ihm kritikwürdig erscheint.”

Das schreibt Hans Albert in einem kurzen Beitrag mit dem Titel, “Kleines verwundertes Nachwort zu einer großen Einleitung”, der im Sammelband “Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie” erschienen ist. In diesem Band sollten ursprünglich, wie Albert das beschreibt, die Diskussionsbeiträge von Adorno, Albert und Habermas zu einem Vortrag, den Karl Raimund Popper auf dem Soziologentag 1960 gehalten hat, abgedruckt werden. Mit dem, was man ursprünglich zu sagen hatte, war die “andere Seite”, wie Albert schreibt, waren Adorno und Habermas nicht zufrieden, also haben sie, in der ihnen eigenen Weise, viele Worte nachgelegt, um im Kern bestenfalls triviale Sachverhalte hinter einem Schwall von erhofftem Wohlklang zu verbergen. Der Sammelband, an dem neben den Genannten noch Ralf Dahrendorft und Harald Pilot beteiligt sind, umfasst 344 Seiten. Die Einleitung, die Adorno voranstellt, umfasst 74 Seiten, zwei weitere Beiträge Adornos fügen weitere 42 Seiten hinzu. Habermas hat 70 Seiten mit dem, was er für relevante Worte hält, gefüllt. Dagegen stehen 22 Seiten des Beitrags von Karl R. Popper und 78 Seiten, die Hans Albert auf drei Beiträge verteilt hat, zwei davon oben die angesprochen Reaktionen auf Habermas, sieben Seiten im Nachwort, aus dem das Zitierte stammt.

Der Gegenstand der Kontroverse ist im weitesten Sinne die Erkennbarkeit der Welt. Er muss hier nicht wiederholt werden, denn der Positivismusstreit, ein Pseudo-Streit in Vorstellungswelten und Worten, geführt vornehmlich von Jürgen Habermas und Theodor W. Adorno und denen, die zwar nicht verstehen, was die beiden in langatmigen und wortschweren und weitgehend bedeutungslosen Beiträgen vorbringen, aber sich – wie so viele Linke – in der Sonne von Begriffsungetümen wärmen wollen, die sie weder hinterfragen noch verstehen können. Wir haben diesen Zugang zu diesem Post gewählt, weil das verwunderte Nachwort von Hans Albert nicht nur das, was man als Charaktermangel auf der Gegenseite bezeichnen könnte, deutlich macht, es zeigt auch, dass die Not, die eigenen dünnen Gedanken hinter viel sprachlichem Brimborium zu verstecken und sich, als Objekt der eigenen Abarbeitung, erfolgreiche, verständliche und wissenschaftlich Arbeitende zum Gegner zu machen, schon seit langem in dem, was als “Linke” bekannt ist, heimisch ist. Bekanntlich legen Linke großen Wert darauf, als intellektuell zu erscheinen, halten sich zuweilen gar für Teile der “Intelligenzia”, was die Notwendigkeit mit sich bringt, die häufig in einer Dürftigkeit, die sich kaum steigern lässt, verharrenden Gedanken und Geröllhalden von Wortbrocken zu verbergen. Diese Art, Wissenschaft zu travestieren, hat den deutschen Sozialwissenschaften großen Schaden zugefügt. Sie ist bis heute weit verbreitet und scheint besonders unter denen zu blühen, die lediglich zum Nachläufer, zum Follower von denen, die sie als Ikonen verehren, taugen.

Diese prätentiösen Schwaller, die nichts zu sagen haben, das aber in einer Ausführlichkeit tun, dass man ihnen mindestens dafür Anerkennung zollen muss, sind Gegenstand eines Briefes, den Karl Raimund Popper im April 1970 an “Professor Aron” geschrieben hat, bei dem es sich um Raymond Aron, Autor des 1955 erschienen Buches “The Opium of the Intellectuals”, in dem in Umkehrung des Satzes von Marx, nachdem Religion Opium des Volkes sei, Marxismus als Opium der Intellektuellen dargestellt wird, handelt.

Der Brief von Popper lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

Lese er Adorno oder Habermas, dann habe er das Gefühl, Verrückte sprächen zu ihm. Er habe einige ihrer Sätze [von ihrem Deutsch] ins Deutsche übertragen. Sie hätten sich ausschließlich als Tautologien und Trivialitäten erwiesen. Er könne überhaupt nicht erkennen, wieso man Habermas Talent nachsage. Habermas sei sicher nicht dümmer als andere geboren worden, habe aber dem Einfluss prätentiöser, lügender und die Intelligenz zerstörender Hochschulbildung nicht widerstehen können. Die Soziologie, so schreibt Popper schon im Jahre 1970, sei in einem sehr schlechten Zustand. Prötentiöse, schlechte Sprache verdränge immer mehr einfache und gute Sprache. Sein Satz: “Ist die menschliche Sprache erst zerstört, dann werden wir wieder zu wilden Tieren”, klingt aus heutiger Sicht wie eine Vorahnung. Die Gefahr, die von Leuten wie Habermas für die menschliche Zivilisation und das Zusammenleben, das nur auf Vertrauen, die entsprechend kommuniziert wird, basieren kann, ausgeht, war Popper offenkundig schon in den 1970er Jahren bekannt.

Indes ist die Deutlichkeit seiner Sprache nicht jedermanns Sache. Die heutigen “Schneeflocken”, die ihre Hochschulen zu Schutzräumen umfunktioniert haben, in denen sie ihrer jeweiligen Ideologie huldigen können, ungestört von Ungläubigen und geschützt vor Andersartigem, sehen sich als prätentiöses Gefolge derer, die schon vor ihnen nicht wussten, was sie schreiben. Das Ergebnis ist emotional und bar jeden Arguments. Die Auseinandersetzung mit dem, was geschrieben wird, wird zur emotionalen Bewältigung, kleiner verletzter Seelchen.

Dass Briefe in einen historischen Kontext gehören und dass es die Fairness gebietet, diesen Kontext vor einer Beurteilung überhaupt zu kennen, eben der Kontext, den wir eingangs mit Hans Albert beschrieben haben, das ist denen, die sich heute an Hochschulen eingefunden haben, offenkundig fremd. Ihr Ziel ist die Gefolgschaft und das Andienen bei ihren Herren und Meistern, denen, die die intellektuelle Sklaverei, der sie sich willig unterziehen, begründet haben. Louis Berger beschreibt sich wie folgt:

Es gibt also bislang keinen Anlass für den Glauben, seine Meinung, einen Brief aus dem Jahre 1970 beurteilen oder besser: verurteilen zu können, stütze sich auf irgend eine Art fundierter Wissensbasis.

Popper schreibt in seinem Brief davon, er habe das prätentiöse Geschwätz von Habermas ins Deutsche übersetzt. Seine entsprechende Übersetzung, einst in der FAZ veröffentlicht, zu einer Zeit, als die FAZ noch Zeitung war, ist ein Muss für alle Freunde der deutschen Sprache, die prätentiöse Schwätzer wie Habermas und sein Gefolge der Unverständigen nicht ertragen können:

Zitate aus Habermas‘ Aufsatz Poppers Übersetzung
Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht. Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.
Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch. Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft.
So wenig jenes Ganze vom Leben, von der Kooperation und dem Antagonismus des Einzelnen abzusondern ist, Unter diesen Beziehungen finden sich Kooperation und Antagonismus; und da (wie schon gesagt) die Gesellschaft aus diesen Beziehungen besteht, kann sie von ihnen nicht abgesondert werden;
so wenig kann irgendein Element auch bloß in seinem Funktionieren verstanden werden ohne Einsicht in das Ganze, das an der Bewegung des Einzelnen selbst sein Wesen hat. aber das Umgekehrte gilt auch: keine der Beziehungen kann ohne die anderen verstanden werden.
System und Einzelheit sind reziprok und nur in der Reziprozität zu verstehen. (Wiederholung des Vorhergehenden)
Adorno begreift die Gesellschaft in Kategorien, die ihre Herkunft aus der Logik Hegels nicht verleugnen. Adorno verwendet eine an Hegel erinnernde Ausdrucksweise.
Er begreift Gesellschaft als Totalität in dem streng dialektischen Sinne, der es verbietet, das Ganze organisch aufzufassen nach dem Satz: es ist mehr als die Summe seiner Teile; Er sagt daher (sic) nicht, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
ebensowenig aber ist Totalität eine Klasse, die sich umfangslogisch bestimmen ließe durch ein Zusammennehmen aller unter ihr befaßten Elemente, ebensowenig ist (sic) das Ganze eine Klasse von Elementen.
“die Totalität der gesellschaftlichen Lebenszusammenhänge …“ Wir alle stehen irgendwie untereinander in Beziehung…
Theorien sind Ordnungsschemata, die wir in einem syntaktisch verbindlichen Raum beliebig konstruieren. Theorien sollten nicht ungrammatisch formuliert werden; ansonsten kannst Du sagen, was Du willst.
Sie erweisen sich für einen speziellen Gegenstandsbereich dann als brauchbar, wenn sich ihnen die reale Mannigfaltigkeit fügt. Sie sind auf ein spezielles Gebiet dann anwendbar, wenn sie anwendbar sind.

“Das grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken, wird leider traditionell von vielen Soziologen, Philosophen usw. als ihre legitime Aufgabe angesehen. So haben sie es gelernt, und so lehren sie es”, so fasst Popper das Übersetzte zusammen.

Seit dieser Übersetzung von Habermas, dessen Geschwulst doch viel verliert, wenn es auf die Trivialitäten reduziert wird, die es tatsächlich zum Ausdruck bringt, ist viel Zeit vergangen. Der Schwulst ist in dieser Zeit nicht weniger, er ist mehr geworden, und er hat sich verändert. Deshalb sprechen wir lieber von prätentiösem Geschwätz. Popper hat den Schwulstikern zeitweise noch zu Gute gehalten, dass sie etwas, wenngleich etwas Triviales zu sagen haben. Das ist heute anders. Nicht mehr Trivialitäten, sondern einfach nur Leerformeln, inhaltsleeres Gewäsch, sprachlicher Auswurf soll so verpackt werden, dass er den Eindruck von Sätzen vermittelt, in denen Inhalte, die freilich nur besonders eingeweihten Intelligenten zugänglich sind, verborgen der Dekonstruktion harren. Deshalb ist nach unserer Ansicht heute der Begriff „prätentiöses Geschwätz“ angebracht, um die Aussagen zu bezeichnen, die keinerlei Inhalt mehr tragen, nicht einmal mehr einen trivialen.



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