Die infantilisierte Gesellschaft

In “The Meaning of Life” fragen sich die Britischen Comedy-Aktivisten von Monty Python nach dem Sinn des Lebens. Nach einer Reihe von Optionen, unter denen die Produktion von Kindern, nach Religionszugehörigkeit unterschieden, eine ist, endet die philosophische Suche nach dem Sinn des Lebens, mit der Erkenntnis, dass der Sinn des Lebens wohl im “Fressen” bestehe. Derzeit ist die deutsche Politik dabei, die Erkenntnis von Monty Python zu revidieren und den Sinn des Lebens eindeutig und unmißverständlich als “Fertilität” zu bestimmen. Lebenssinn ist entsprechend nichts Individuelles, sondern das Ergebnis eines Fortpflanzungsaktes, der seinen Reiz für Politiker wohl aus seiner Standardisierbarkeit gewinnt.

Deshalb wird die deutsche Gesellschaft zur infantilisierten Gesellschaft umgebaut, zur Gesellschaft in der sich alles und jeder um “das Kind” zu drehen hat. Seiner Wichtigkeit entsprechend haben sich menschliche Hörorgane an Kinderlärm so anzupassen, dass er ihnen wie die Ruhe im Gebirgstal um 4 Uhr morgens erscheint, Eltern sein ist nicht mehr etwas, was im Laufe des Lebens anfällt, es ist vielmehr der Höhepunkt des deutschen Lebens, um den herum sich die anderen Lebensverrichtungen anlagern. Unternehmen haben auf Kinderbesitzer Rücksicht zu nehmen. Steuerzahler haben Kinderbesitzer zu subventionieren und zum Kinderbesitz anzureizen, Hersteller der verschiedensten Waren haben auf die besonderen Schutzbedürfnisse von Kindern zu reagieren (Wer seinen Kopf in eine Plastiktüte stopft, kann ersticken! Wer Messer ißt, kann verbluten! Wiskey nicht in Kindertee einrühren!). Der Tagesablauf hat sich an den Bedürfnissen von Kindern ebenso auszurichten, wie die Bauweise von Häusern, Zimmern, das Arrangement von Gärten, die Inneneinrichtung von Restaurants und öffentlichen Verkehrsmitteln, das Fernsehprogramm, und was noch alles kindgerecht gestaltet werden kann.

Eltern beginnen ihr Leben als normale Menschen und dann pflanzen sie sich fort. Ab sofort haben sie eine staatlich vorgegebene Lebensplanung, die bei Vorsorgeuntersuchungen, Wickelkursen, psychologischen Trainings für die schwere Zeit der post-natalen Doppelbelastung beginnt, von Impfterminen, vielfältigen Kinderbeschäftigungsveranstaltungen, Kindergartentreffen bis zu Elternabenden, Arbeitsberatungen und Studienberatungen reicht. Aber damit nicht genug, denn wer denkt, dass wenn die Kinder erst einmal aus dem Haus sind, das Leben noch einmal anfängt, weil er dann Zeit hat, sich um sich kümmern”, der hat sich geeirrt: denn die eigenen Kinder bekommen – im schlimmsten Fall – ihrerseits Kinder und dann ist man als Großelter dran: Kinderbetreuung wird nun Enkelbetreuung, und die ganze Leier geht von vorne los.

Dass sich Großeltern nicht zu wohl fühlen, das hat sich die Familienministerin auf die Fahne geschrieben, und eine “Großelternzeit” an”gedacht”. Eigentlich gibt es die Großelternzeit bereits, denn Eltern, deren Kinder minderjährig sind, wenn sie ihrerseits der Fortpflanzung huldigen, können bereits heute (Groß-)Elternzeit beanspruchen und ihrem Arbeitgeber die kalte Schulter zeigen, denn alles, ausnehmlich alles, hat sich um die Kindlein zu drehen. Damit nicht genug, soll der “Rechtsanspruch” auf Großelternzeit nun generell und nicht nur bei minderjährigen Eltern, die noch keine Ausbildung haben, aber schon ihre Fortpflanzungsfähigkeit und damit ihre Verantwortungslosigkeit unter Beweis gestellt haben, gelten. Langsam aber sicher schreitet die Familienministerin mit ihrem Vorhaben, die deutsche Gesellschaft im Dienst am Kinde gleichzuschalten voran.

Begleitet wird der Umbau der deutschen Gesellschaft von einer Exportwirtschaft zu einer Kinderbetreuungsanstalt von einer unglaublichen Finanzflut, die über Kinder und deren Besitzer ausgegossen wird. So sind im Sozialbudget des Jahrs 2010 41,575 Milliarden Euro an Kindergeld und Familienleistungsausgleich verzeichnet. Hinzu kommen 4,7 Milliarden Euro Elterngeld und 25,4 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe. Insgesamt wurden 2010 79,9 Milliarden Euro für Kinder bzw. Mutterschaft ausgegeben. In allen berichteten Bereichen ist im Vergleich zu 2009 ein Anstieg zu verzeichnen. Im Zeitverlauf sind die Zahlungen an Eltern immer mehr geworden. Allein das Kindergeld ist von 26 Euro im Jahre 1975 bei seiner Einführung (2. Kind: 36 Euro, 3. Kind 61 Euro) auf 184 Euro (2. Kind 184 Euro, 3. Kind 190 Euro, ab dem 4. Kind: 215 Euro) und somit um das Siebenfache angestiegen. Hinzu kommt seit 1989 der Kinderfreibetrag von damals 1.270 Euro und heute 7.008 Euro, abermals ein satter Ansteig um das dieses Mal 5,5fache. Trotz aller Geldleistungen ist die Gebährwilligkeit der Deutschen seit den 1970er Jahren und somit seit es Kindergeld gibt und im umgekehrten Verhältnis zur Höhe der Leistungen für Kinder und Kinderbesitzer gesunken. Je mehr Kopfprämie auf den Besitz von Kindern die Bundesregierung aussetzt, je mehr sie die Gesellschaft rund um das Kind organisiert, um so weniger Kinder werden geboren, um so weniger Deutsche wollen Kinder.

Das Elend der Planwirtschaft zeigt sich hier in voller Pracht und zudem zeigt sich, dass man Menschen nicht zu etwas zwingen kann, was sie nicht wollen und vermutlich schon deshalb nicht wollen, weil es durch Regelungen und die Betonung der Wichtigkeit von Kindern immer weniger attraktiv wird. Wer will sich schon sehenden Auges an seinen Staat und die Horden von Kinderbetreuern, die ihm unterstehen, verkaufen? Wer will sein Leben damit zubringen, seinem Kind, seinen Kindern zu dienen? Wer will sein Leben Kindern weihen und mit der Fertilität den Vertrag unterzeichnen, der sein eigenes Leben beendet? Und wer will sich dafür bezahlen lassen, dass er sich fortpflanzt? Das ist das für mich Erstaunlichste an der deutschen “Kinderpolitik”. Die Politiker wollen ihren Bürgern tatsächlich erzählen, dass es nichts Schöneres auf Erden gibt, als Kinder zu besitzen, und gleichzeitig sind Sie der Meinung, sie müssten ihre Bürger dafür bezahlen, dass sie die schönste Sache der Welt produzieren, weil ohne Bezahlung die schönste Sache der Welt wohl doch nicht so schön ist.

Seit Menschen Gedenken sind die Dinge, die besonders Wertvoll sind, Dinge gewesen, die dadurch wertvoll wurden, dass sie mit Entbehrung, mit Arbeit, mit Anstrengung, mit Leistung verbunden waren. Deshalb auch die Rede vom, sich Kinder leisten können. Menschen haben sich ein Ziel gesetzt, das sie erreichen wollten und dann, wenn sie es erreicht haben, war der entsprechende Stolz auf das Erreichte, neben dem Erreichten der Lohn. Diese menschliche Eigenschaft, nur Dinge wertschätzen zu können, die sich mit Anstrengung und Einsatz verbinden, nennen Sozialpsychologen “intrinsische Motivation”. Die intrinsische Motivation ist ein sehr fragiles Gebilde, wie vor allem Edward L. Deci in seinen vielen Arbeiten immer wieder gezeigt hat (Deci, 1975, Deci & Ryan 1999, 1985). Man kann intrinsische Motivation leicht zerstören, durch Bezahlung zum Beispiel. Wer also ein intrinisisches Verlangen nach einem Kind spürt, wird durch Bezahlung davon abgeschreckt, denn der intrinische Wert von Kindern wird dadurch, dass man für ihren Besitz bezahlt wird, zerstört. Nun kann man sich fragen, was Eltern treibt, dennoch Kinder in die Welt zu setzen und drei Antworten geben:

  • Unkenntnis darüber, worauf sie sich einlassen. Damit ist die Gruppe der Naiven, denen das böse Erwachen bevorsteht, beschrieben
  • Intrinsische Motivation, die so groß ist, dass sie auch von staatlicher Bezahlung und staatlicher Gängelung nicht zerstört werden kann. Damit ist die Gruppe der Überzeugungstäter beschrieben, die auch ohne staatliche Finanzierung Kinder in die Welt gesetzt hätten.
  • Extrinsische Motivation, wie sie durch Kindergeld, Elterngeld und sonstige finanzielle Zuwendungen des Staates an Kinderbesitzer bereitgestellt werden. Damit ist die Gruppe derer beschrieben, die besser keine Kinder hätten, die Gruppe der Rent Seeker, deren Kinderliebe sich in Euro beziffern lässt.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass mit steigender Höhe finanzieller Zuwendungen des Staates an Kinderbesitzer, die zweite Gruppe immer kleiner wird, während die dritte Gruppe wächst, was dazu führt, dass immer weniger Kinder in angemessener Weise von ihren Eltern erzogen werden, was die Notwendigkeit staatlichen Eingriffs, die Notwendigkeit, die Gesellschaft dafür zahlen zu lassen, dass Kinderbesitzer ihren Erziehungsaufgaben nicht nachkommen, weiter erhöht, die Infantilisierung der Gesellschaft weiter vorantreibt und dabei die Gruppe der Naiven und der Überzeugungstäter weiter reduziert, so dass am Ende eine Situation entsteht, die extrinsisch motivierte Eltern in Abhängigkeit des Staates existieren sieht und, weil sie nicht leisten können (oder wollen), was Eltern leisten sollen, staatliche Hilfestellung notwendig macht, die das dichte Schleppnetz, das bereits jetzt die Gefangenen der Gesellschaft im Kinderrausch zu ertränken sucht, noch dichter macht und die Bereitschaft, sich der Gruppe der Kinderbesitzer anzuschließen weiter reduziert, bis nur noch das übrig ist, was man als gewerbsmäßige Eltern bezeichnen kann.

Planpolitik, die sich ihr eigenes Grab schaufelt.

Epilog

Wer die Abbildung und den dargestellten Verlauf der Geburtenentwicklung in Deutschland betrachtet, stellt fest, dass das, was Politiker MItte/Ende der 1990er Jahre ganz überrascht als demographischen Wandel erkannt haben, ein Prozess ist, der bereits in den 1970er Jahren eingesetzt hat, interessanter Weise nahezu zeitgleich mit der Einführung des Kindergelds. Dies verweist zum einen auf den Zusammenhang zwischen Kindergeld und Geburtenverweigerung, zum anderen und abermals auf das allgegenwärtige Elend der Planwirtschaft. Damit Planwirtschaft effizient sein kann, müsste man einen allwissenden Geist zum Planer haben wie in William Poundstone ersonnen hat, einen allwissenden Geist, der nicht nur aktuelle, sondern auch vergangene und zukünftige Entwicklungen kennt und einplanen kann. Politiker sind offensichtlich damit überfordert, einen aktuellen Trend zu erkennen und schaffen es mit rund 20 Jahren Verspätung einen demographischen Wandel zu erkennen, den sie dann weitere rund 40 Jahre später zum Anlass nehmen, um hektisch an einer Demographiestrategie zu arbeiten, deren Hauptziel wiederum darin besteht, Kinder als kollektives Gut zu inszenieren. Wem dies nicht genug Beleg für die Unmöglichkeit einer Planwirtschaft ist, der möge nicht überrascht tun, wenn demnächst ein Politiker entdeckt, dass es mit dem Internet möglich ist, auch am Wochenende einzukaufen….

Literatur

Deci, Edward L. (1975). Intrinsic Motivation. New York: Plenum.

Deci, Edward L., Koestner, R. & Ryan, Robert M. (1999). A Meta-Analytic Review of Experiments Examining the Effects of Extrinsic Rewards on Intrinsic Motivation. Psychological Bulletin 125(3): 627-668.

Deci, Edward L. & Ryan, Robert M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. New York: Plenum.

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