Die infantilisierte Gesellschaft

In “The Meaning of Life” fragen sich die Britischen Comedy-Aktivisten von Monty Python nach dem Sinn des Lebens. Nach einer Reihe von Optionen, unter denen die Produktion von Kindern, nach Religionszugehörigkeit unterschieden, eine ist, endet die philosophische Suche nach dem Sinn des Lebens, mit der Erkenntnis, dass der Sinn des Lebens wohl im “Fressen” bestehe. Derzeit ist die deutsche Politik dabei, die Erkenntnis von Monty Python zu revidieren und den Sinn des Lebens eindeutig und unmißverständlich als “Fertilität” zu bestimmen. Lebenssinn ist entsprechend nichts Individuelles, sondern das Ergebnis eines Fortpflanzungsaktes, der seinen Reiz für Politiker wohl aus seiner Standardisierbarkeit gewinnt.

Deshalb wird die deutsche Gesellschaft zur infantilisierten Gesellschaft umgebaut, zur Gesellschaft in der sich alles und jeder um “das Kind” zu drehen hat. Seiner Wichtigkeit entsprechend haben sich menschliche Hörorgane an Kinderlärm so anzupassen, dass er ihnen wie die Ruhe im Gebirgstal um 4 Uhr morgens erscheint, Eltern sein ist nicht mehr etwas, was im Laufe des Lebens anfällt, es ist vielmehr der Höhepunkt des deutschen Lebens, um den herum sich die anderen Lebensverrichtungen anlagern. Unternehmen haben auf Kinderbesitzer Rücksicht zu nehmen. Steuerzahler haben Kinderbesitzer zu subventionieren und zum Kinderbesitz anzureizen, Hersteller der verschiedensten Waren haben auf die besonderen Schutzbedürfnisse von Kindern zu reagieren (Wer seinen Kopf in eine Plastiktüte stopft, kann ersticken! Wer Messer ißt, kann verbluten! Wiskey nicht in Kindertee einrühren!). Der Tagesablauf hat sich an den Bedürfnissen von Kindern ebenso auszurichten, wie die Bauweise von Häusern, Zimmern, das Arrangement von Gärten, die Inneneinrichtung von Restaurants und öffentlichen Verkehrsmitteln, das Fernsehprogramm, und was noch alles kindgerecht gestaltet werden kann.

Eltern beginnen ihr Leben als normale Menschen und dann pflanzen sie sich fort. Ab sofort haben sie eine staatlich vorgegebene Lebensplanung, die bei Vorsorgeuntersuchungen, Wickelkursen, psychologischen Trainings für die schwere Zeit der post-natalen Doppelbelastung beginnt, von Impfterminen, vielfältigen Kinderbeschäftigungsveranstaltungen, Kindergartentreffen bis zu Elternabenden, Arbeitsberatungen und Studienberatungen reicht. Aber damit nicht genug, denn wer denkt, dass wenn die Kinder erst einmal aus dem Haus sind, das Leben noch einmal anfängt, weil er dann Zeit hat, sich um sich kümmern”, der hat sich geeirrt: denn die eigenen Kinder bekommen – im schlimmsten Fall – ihrerseits Kinder und dann ist man als Großelter dran: Kinderbetreuung wird nun Enkelbetreuung, und die ganze Leier geht von vorne los.

Dass sich Großeltern nicht zu wohl fühlen, das hat sich die Familienministerin auf die Fahne geschrieben, und eine “Großelternzeit” an”gedacht”. Eigentlich gibt es die Großelternzeit bereits, denn Eltern, deren Kinder minderjährig sind, wenn sie ihrerseits der Fortpflanzung huldigen, können bereits heute (Groß-)Elternzeit beanspruchen und ihrem Arbeitgeber die kalte Schulter zeigen, denn alles, ausnehmlich alles, hat sich um die Kindlein zu drehen. Damit nicht genug, soll der “Rechtsanspruch” auf Großelternzeit nun generell und nicht nur bei minderjährigen Eltern, die noch keine Ausbildung haben, aber schon ihre Fortpflanzungsfähigkeit und damit ihre Verantwortungslosigkeit unter Beweis gestellt haben, gelten. Langsam aber sicher schreitet die Familienministerin mit ihrem Vorhaben, die deutsche Gesellschaft im Dienst am Kinde gleichzuschalten voran.

Begleitet wird der Umbau der deutschen Gesellschaft von einer Exportwirtschaft zu einer Kinderbetreuungsanstalt von einer unglaublichen Finanzflut, die über Kinder und deren Besitzer ausgegossen wird. So sind im Sozialbudget des Jahrs 2010 41,575 Milliarden Euro an Kindergeld und Familienleistungsausgleich verzeichnet. Hinzu kommen 4,7 Milliarden Euro Elterngeld und 25,4 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe. Insgesamt wurden 2010 79,9 Milliarden Euro für Kinder bzw. Mutterschaft ausgegeben. In allen berichteten Bereichen ist im Vergleich zu 2009 ein Anstieg zu verzeichnen. Im Zeitverlauf sind die Zahlungen an Eltern immer mehr geworden. Allein das Kindergeld ist von 26 Euro im Jahre 1975 bei seiner Einführung (2. Kind: 36 Euro, 3. Kind 61 Euro) auf 184 Euro (2. Kind 184 Euro, 3. Kind 190 Euro, ab dem 4. Kind: 215 Euro) und somit um das Siebenfache angestiegen. Hinzu kommt seit 1989 der Kinderfreibetrag von damals 1.270 Euro und heute 7.008 Euro, abermals ein satter Ansteig um das dieses Mal 5,5fache. Trotz aller Geldleistungen ist die Gebährwilligkeit der Deutschen seit den 1970er Jahren und somit seit es Kindergeld gibt und im umgekehrten Verhältnis zur Höhe der Leistungen für Kinder und Kinderbesitzer gesunken. Je mehr Kopfprämie auf den Besitz von Kindern die Bundesregierung aussetzt, je mehr sie die Gesellschaft rund um das Kind organisiert, um so weniger Kinder werden geboren, um so weniger Deutsche wollen Kinder.

Das Elend der Planwirtschaft zeigt sich hier in voller Pracht und zudem zeigt sich, dass man Menschen nicht zu etwas zwingen kann, was sie nicht wollen und vermutlich schon deshalb nicht wollen, weil es durch Regelungen und die Betonung der Wichtigkeit von Kindern immer weniger attraktiv wird. Wer will sich schon sehenden Auges an seinen Staat und die Horden von Kinderbetreuern, die ihm unterstehen, verkaufen? Wer will sein Leben damit zubringen, seinem Kind, seinen Kindern zu dienen? Wer will sein Leben Kindern weihen und mit der Fertilität den Vertrag unterzeichnen, der sein eigenes Leben beendet? Und wer will sich dafür bezahlen lassen, dass er sich fortpflanzt? Das ist das für mich Erstaunlichste an der deutschen “Kinderpolitik”. Die Politiker wollen ihren Bürgern tatsächlich erzählen, dass es nichts Schöneres auf Erden gibt, als Kinder zu besitzen, und gleichzeitig sind Sie der Meinung, sie müssten ihre Bürger dafür bezahlen, dass sie die schönste Sache der Welt produzieren, weil ohne Bezahlung die schönste Sache der Welt wohl doch nicht so schön ist.

Seit Menschen Gedenken sind die Dinge, die besonders Wertvoll sind, Dinge gewesen, die dadurch wertvoll wurden, dass sie mit Entbehrung, mit Arbeit, mit Anstrengung, mit Leistung verbunden waren. Deshalb auch die Rede vom, sich Kinder leisten können. Menschen haben sich ein Ziel gesetzt, das sie erreichen wollten und dann, wenn sie es erreicht haben, war der entsprechende Stolz auf das Erreichte, neben dem Erreichten der Lohn. Diese menschliche Eigenschaft, nur Dinge wertschätzen zu können, die sich mit Anstrengung und Einsatz verbinden, nennen Sozialpsychologen “intrinsische Motivation”. Die intrinsische Motivation ist ein sehr fragiles Gebilde, wie vor allem Edward L. Deci in seinen vielen Arbeiten immer wieder gezeigt hat (Deci, 1975, Deci & Ryan 1999, 1985). Man kann intrinsische Motivation leicht zerstören, durch Bezahlung zum Beispiel. Wer also ein intrinisisches Verlangen nach einem Kind spürt, wird durch Bezahlung davon abgeschreckt, denn der intrinische Wert von Kindern wird dadurch, dass man für ihren Besitz bezahlt wird, zerstört. Nun kann man sich fragen, was Eltern treibt, dennoch Kinder in die Welt zu setzen und drei Antworten geben:

  • Unkenntnis darüber, worauf sie sich einlassen. Damit ist die Gruppe der Naiven, denen das böse Erwachen bevorsteht, beschrieben
  • Intrinsische Motivation, die so groß ist, dass sie auch von staatlicher Bezahlung und staatlicher Gängelung nicht zerstört werden kann. Damit ist die Gruppe der Überzeugungstäter beschrieben, die auch ohne staatliche Finanzierung Kinder in die Welt gesetzt hätten.
  • Extrinsische Motivation, wie sie durch Kindergeld, Elterngeld und sonstige finanzielle Zuwendungen des Staates an Kinderbesitzer bereitgestellt werden. Damit ist die Gruppe derer beschrieben, die besser keine Kinder hätten, die Gruppe der Rent Seeker, deren Kinderliebe sich in Euro beziffern lässt.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass mit steigender Höhe finanzieller Zuwendungen des Staates an Kinderbesitzer, die zweite Gruppe immer kleiner wird, während die dritte Gruppe wächst, was dazu führt, dass immer weniger Kinder in angemessener Weise von ihren Eltern erzogen werden, was die Notwendigkeit staatlichen Eingriffs, die Notwendigkeit, die Gesellschaft dafür zahlen zu lassen, dass Kinderbesitzer ihren Erziehungsaufgaben nicht nachkommen, weiter erhöht, die Infantilisierung der Gesellschaft weiter vorantreibt und dabei die Gruppe der Naiven und der Überzeugungstäter weiter reduziert, so dass am Ende eine Situation entsteht, die extrinsisch motivierte Eltern in Abhängigkeit des Staates existieren sieht und, weil sie nicht leisten können (oder wollen), was Eltern leisten sollen, staatliche Hilfestellung notwendig macht, die das dichte Schleppnetz, das bereits jetzt die Gefangenen der Gesellschaft im Kinderrausch zu ertränken sucht, noch dichter macht und die Bereitschaft, sich der Gruppe der Kinderbesitzer anzuschließen weiter reduziert, bis nur noch das übrig ist, was man als gewerbsmäßige Eltern bezeichnen kann.

Planpolitik, die sich ihr eigenes Grab schaufelt.

Epilog

Wer die Abbildung und den dargestellten Verlauf der Geburtenentwicklung in Deutschland betrachtet, stellt fest, dass das, was Politiker MItte/Ende der 1990er Jahre ganz überrascht als demographischen Wandel erkannt haben, ein Prozess ist, der bereits in den 1970er Jahren eingesetzt hat, interessanter Weise nahezu zeitgleich mit der Einführung des Kindergelds. Dies verweist zum einen auf den Zusammenhang zwischen Kindergeld und Geburtenverweigerung, zum anderen und abermals auf das allgegenwärtige Elend der Planwirtschaft. Damit Planwirtschaft effizient sein kann, müsste man einen allwissenden Geist zum Planer haben wie in William Poundstone ersonnen hat, einen allwissenden Geist, der nicht nur aktuelle, sondern auch vergangene und zukünftige Entwicklungen kennt und einplanen kann. Politiker sind offensichtlich damit überfordert, einen aktuellen Trend zu erkennen und schaffen es mit rund 20 Jahren Verspätung einen demographischen Wandel zu erkennen, den sie dann weitere rund 40 Jahre später zum Anlass nehmen, um hektisch an einer Demographiestrategie zu arbeiten, deren Hauptziel wiederum darin besteht, Kinder als kollektives Gut zu inszenieren. Wem dies nicht genug Beleg für die Unmöglichkeit einer Planwirtschaft ist, der möge nicht überrascht tun, wenn demnächst ein Politiker entdeckt, dass es mit dem Internet möglich ist, auch am Wochenende einzukaufen….

Literatur

Deci, Edward L. (1975). Intrinsic Motivation. New York: Plenum.

Deci, Edward L., Koestner, R. & Ryan, Robert M. (1999). A Meta-Analytic Review of Experiments Examining the Effects of Extrinsic Rewards on Intrinsic Motivation. Psychological Bulletin 125(3): 627-668.

Deci, Edward L. & Ryan, Robert M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. New York: Plenum.

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17 Responses to Die infantilisierte Gesellschaft

  1. Eine Anmerkung zum Kinderlärm und anderen Debatten: Ich denke, diese Auseinandersetzungen muss man genauer beleuchten. Man braucht nur einmal in Internetforen Diskussionen dazu zu verfolgen. Da wird hochaggressiv gestritten. Es gibt viele Fronten: Es bekämpfen sich die Mütter und die kinderlosen Frauen, es bekämpfen sich die Befürworter eines sanften und eines harten Erziehungsstils, es bekämpfen sich die Befürworter von kindlichen Freiräumen und jene, die sich durch Kinderlärm gestört fühlen usw.

    Die Politik mag da sehr kindfokussiert sein, die Gesellschaft ist es nicht. Sie kann es auch nicht sein. Zahlenmäßig ergibt sich aus den sinkenden Geburtenzahlen, dass Kinder mehr und mehr zur gesellschaftlichen Minderheit geworden sind. Die Zahl der Kinderlosen ist groß, damit also die Zahl jener, die andersgelagerte Interessen und Vorstellungen haben. Kinder sind keine Normalität mehr, sondern erkennbar eine Frage des individuellen Lebensstils. Kinder haben gehört nicht mehr zur Normalbiografie.

    Damit meine ich vor allem, dass es abhängig ist von der individuellen Entscheidung. Ein Kind zu haben ist davon abhängig, wie man sein Leben gestaltet. In anderen Zeiten hatten Erwachsene eben Kinder und damit stellten sich viele Fragen nicht. Heute ist es mehr als noch vor vielen Jahrzehnten eine individuelle Wahl. Und als eine solche ist sie eben auch begründungsbedürftig, hinterfragbar, diskutierbar. Es gibt diesbezüglich keinen gesellschaftlichen Konsens mehr. Die kinderlosen Erwachsenenbiografien zeigen, dass Kinder haben oder darauf verzichten eine persönliche Entscheidung sind und darum kann man es auch zu einem moralischen Thema hochjazzen, dass die angeblichen “Karrierefrauen” aufgrund ihrer vermeintlichen “Selbstverwirklichung” auf Kinder verzichten würden. Für den umgekehrten Fall gilt das natürlich auch, beide Entscheidungsmöglichkeiten lassen sich auf die Person des Entscheiders beziehen. Eine gesamtgesellschaftliche Sinngebung für das eine oder das andere Lebensmodell fehlt. In früheren Zeiten gab es dagegen einen allgemeinen “Segen” für das Kinderhaben. Deshalb kann es auch um das Kind herum gesellschaftliche Debatten geben und es kann eine diesbezügliche Interessenpolitik geben.

    Ich denke deshalb, es genügt nicht, die Regierungspolitik als “Planwirtschaft” zu betrachten. Vielmehr sollte man die Debatten selbst beobachten bzw. sozialräumlich nachvollziehen, wo Kinder sind, wo nicht, welche Interessen sich in solchen Räumen entwickeln und wie diese Interessen miteinander in Konflikt geraten.

  2. T.R.E.Lentze says:

    Leider hat Michael Klein nicht darauf hingewiesen (oder nicht erkannt?), daß das Wort von der “Infantilisierung der Gesellschaft” zwei ganz verschiedene Bedeutungen hat.

    Die eine, die er hier thematisiert, besteht in der hektischen Aufwertung der Kindheit seitens unserer Politiker angesichts der Erkenntnis, daß es mit der Bevölkerung abwärts geht; in der Folge der Umbau in eine “Gesellschaft in der sich alles und jeder um “das Kind” zu drehen hat.” Dabei wird angesichts des Bevölkerungsschwundes zu unsinnigen Mitteln gegriffen. Gut beschrieben die Zerstörung der “intrinsischen Motivation” durch falschen Anreiz, hier: Bezahlung mit Geld.

    Die andere Bedeutung betrifft die Absenkung des allgemeinen mentalen Niveaus auf eine kindliche Entwicklungsstufe. Zählte bis hin zum Dritten Reich noch der junge Mann, die junge Frau auf der Höhe ihrer Vitalkräfte und ihrer Beitragsfähigkeit zur Expansion des Volkes; und wurden diese Vitalkräfte durch Erziehungs-Ideale der Abhärtung, Selbstzucht, Opferbereitschaft staatlich unterstützt (vgl. die damals äußerst verbreiteten Erziehungs-Ratgeber der Johanna Haarer), so zählt heute der Kind-Mensch auf prä-ödipalem Bedürfnis-Niveau, der an der Versagung primitivster, auch ungeordnet sexueller Wünsche seelisch zerbricht; der therapiert statt bestraft wird, weil er den Reifegrad von Freiheit und Verantwortlichkeit gar nicht mehr erreicht.

    Allerdings können beide Bedeutungen zusammenkommen. Wer selber auf Kindheitsstufe stehenblieb, dem fehlt die Reife und der Wunsch, selber Kinder aufzuziehen. Aus fehlender Reife erfolgen auch die (wie im Artikel beschrieben) ganz unsinnigen Maßnahmen, dem demografischem Schiefstand abzuhelfen.

    Was kann man dagegen tun? Ich glaube, man kann nichts dagegen tun. Im Evangelium wird unterschieden der breite, bequeme Weg, den die meisten Menschen gehen (müssen?), von dem schmalen Weg, der nach oben führt (also die Evolution bezeichnet), den nur wenige gehen (können). Äußere Freiheit besteht insofern, als niemand gezwungen wird, den einen oder anderen Weg zu wählen. Aber es gibt ja auch noch die innere Freiheit, die wohl sehr viel begrenzter ist.

  3. jck5000 says:

    Ich habe gerade mal nur zum Spaß eine zweite Statistik in Ihre Grafik integriert:

    Für diejenigen, denen der Zusammenhang nicht sowieso klar ist: SPSS sieht den deutlich (Korrelation nach Person -0,676; p<0,01). Formal bedeutet das, dass mit einer Steigerung der Anzahl der weiblichen Abgeordneten die Geburtenzahl zurückgeht (und umgekehrt). Ich spare mir aber jegliche Interpretation, sonst erklärt mir nur jemand, dass man nicht einfach beliebig zwei Sachen korrelieren darf. Das hat ganz sicher überhaupt nichts miteinander zu tun 😉

  4. Schneider says:

    Ich halte es für sehr viel wahrscheinlicher, dass der Geburtenrückgang mit den neuen Möglichkeiten der Geburtenkontrolle, hauptsächlich der Antibabypille zu erklären ist, als mit der Einführung eines damals noch geringen Kindergeldes…

    • Es hat auch niemand eine Kausalität behauptet, sondern ich habe eine Korrelation beschrieben. Aber unabhängig von der Kausalität ist es doch schon frappierend, dass seit 1970 die Kindersubventionen immer höher werden und die Geburtenzahl immer weiter sinkt, oder? Übrigens hat die Schering AG die erste Antibaby-Pille im Jahre 1961 auf den deutschen Markt gebracht, also rund 15 Jahre vor dem Absturz der Geburten.

      • Zu der Korrelation zwischen Subvention und Geburtenrückgang habe ich einen Deutungsvorschlag.

        Meine These, spontan aufgestellt, lautet: Die finanziellen Zuwendungen für Kinder kommen zu “spät”, weil die sie tragenden Politiker erst spät die Gelegenheit bekamen, sie durchzusetzen.

        Die Erklärung: Nehmen wir an, zu einem gewissen Zeitpunkt kommt die Idee auf, Famillienpolitik durch Geld zu gestalten, also kinderfreundliche Bedingungen über staatliche Geldzuwendungen zu schaffen. Dann verbreitete sich die Idee bei einer bestimmten Generation von Leuten, die mit diesen Vorstellungen aufwächst. Um diese Ideen zu Politik zu machen, musste diese Generation zunächst aber politische Karriere machen, den “Marsch durch die INstitutionen” beginnen. Dieser Marsch dauerte Jahrzehnte. Aber nunmehr dort angekommen, setzten sie die familienpolitischen Vorstellungen ihrer Jugendzeit in die Tat um.

        Mittlerweile schmolz aber die Basis dieser Generation ab. Die Zahl der Geburten sank, die Lobby für eine freigiebige Familienpolitik wurde kleiner. Eine neue Generation trat in die GEsellschaft ein, die sich häufiger für Kinderlosigkeit entschied. Folglich arbeitete die ältere Generation der Befürworter der staatlichen Kinderunterstützung immer mehr an der Gegenwart vorbei, ihre Familienpolitik kam “zu spät”.

        Daraus folgt auch, dass sich dieser Trend umkehren kann, sobald die Generation der vermehrt Kinderlosen in der Politik durchgesetzt hat. Sie sind eine wachsende Wählergruppe, deren Anliegen irgendwann auch in die politische Programmatik einfließen könnte.

        Wäre dem so, gäbe es keinen direkten Zusammenhang zwischen Geldflüssen und der abnehmenden Fertilität. Und ich halte das für wahrscheinlich.

        Franz Walter, Parteienforscher aus Göttingen, hatte das für Rot-Grün beschrieben. Er meinte, dass Rot-Grün erst dann wählbar wurde, nachdem Deutschland in den achtziger Jahren längst rot-grün geworden war – auf gesellschaftlicher Ebene. Es gab, so Walter, für diese Regierung aber gar nichts mehr zu bestellen auf diesem Feld. Neue Probleme taten sich auf und neue Generationen von Wählern gingen mit ganz anderen Vorstellungen und Erwartungen an die Urnen. Je größer dieser Gruppen durch das Nachwachsen der einen und das Überaltern der vorgängigen Generationen werden, desto mehr schrumpft die Basis dieser Politik.

        Gut möglich, dass es bei der Familienförderung auch so sein wird und irgendwann die Kinderlosen sich gegen die Familiensubventionen wenden werden.

        Das ist, wie gesagt, mehr nur eine Idee, wie man die Korrelation interpretieren könnte.

      • jck5000 says:

        Die Korrelation zwischen Kindergeld und Geburtenzahl liegt übrigens bei -0,718 (p<0,01). Ich halte aber die Pille durchaus auch für wichtig, finde aber keine Zahlen für die 1980er und 1990er Jahre. für den Zeitraum 1964-1980 korreliert der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter mit den Geburtenzahlen mit -0,984 (p<0,01) – ich würde das also nicht ausschließen.

        Interessant ist, dass so ziemlich egal, was man in den "Topf" wirft, alles miteinander korreliert: Geburten, weibliche Abgeordnete, Kindergeld, Pille… so viele so hohe Korrelationen zeigen ja manchmal, dass man immer das gleiche übergeordnete Konstrukt misst. "Frauenpolitik"?

        • Die Pille ist nur insofern Frauenpolitik, als sie von Kassen bezahlt wird. Ansonsten ist sie ein privatwirtschaftliches Angebot. Falls die Pille eine Rolle bei der Entwicklung der Geburtenzahlen spielt, geht es also nicht nur um Frauenpolitik.

          Nicht zuletzt ist die Entscheidung pro oder kontra Kind auch eine rein individuelle und daher auch kein unmittelbarer Effekt einer wie auch immer gearteten Frauenpolitik oder eines Geldsegens. Der Gedanke der finanziellen Steuerung der Geburtsraten ist nur plausibel vor dem Hintergrund der Annahme, die Entscheidung für Kinder hänge allein von ökonomischen Voraussetzungen ab. Aber diese Annahme bedürfte selber erst eines Beweises. Die Fehlerhaftigkeit dieser Annahme ist möglicherweise der Grund für das Scheitern der Anreizpolitik.

          Daraus folgt aber auch, dass der Geldsegen nicht unmittelbar als Fehlanreiz interpretiert werden sollte. Auch hier gibt es die individuelle Entscheidung, die nicht unmittelbar aus der Geldfrage resultiert. Nur wenn man Kinderkriegen und Ökonomie als zwangsläufige Verbindung ansieht, ist die Ableitung des Geburtenrückganges aus einer Subventionspolitik in irgendeiner Weise sinnvoll.

          Sollten Kinder jedoch einen anderen Stellenwert für Menschen haben, müssen schon andere Gründe für die sinkende Fertilität vorliegen. Vielleicht lassen sich die gegenläufigen Kurven in der Grafik ja mehr als Gradmesser der wachsenden Wirklichkeitsentfernung der der anreizorientierten Familienpolitik lesen 😉

        • jck5000 says:

          Kinderkriegen hat sehr wohl ökonomische Voraussetzungen, und “beweisen” ist immer ein bischen schwierig; vor allem, da ich lieber auf Falsifikationsbasis arbeite, aber ich versuch’s mal: Abtreibungen (statistisches Bundesamt, 1996-2011) sind mit der Geburtenzahl signifikant positiv korreliert (0,791, p<0,01). Ich interpretiere das so, dass ein gewisser Prozentsatz derer, die schwanger werden, abtreibt; also dass mehr Schwangere mehr Geburten, aber auch mehr Abtreibungen bedeuten.

          Die Korrelation der Abtreibungen mit dem Kindergeldbetrag ist signifikant negativ (-0,756, p<0,01). Sprich: desto mehr Kindergeld, desto weniger Abtreibungen. Das muss aber nicht kausal sein; das kann Zufall sein (glaub ich nicht), oder das kann einen gemeinsamen Nenner haben. Welchen?

          • Wie wäre es, wenn Sie noch kontrollieren, wie sich die Zahl der Geburten auf die Korrelation von Kindergeldbetrag mit Abtreibungen auswirkt. Ich würde vermuten, dass die Korrelation mit einer Abnahme der Geburtenhäufigkeit stärker wird, was bedeutet, dass die ökonomischen Gründe, ein Kind in die Welt zu setzen, über Zeit wichtiger werden, was sich auch zeigt, wenn man die Elterngeldstatistik betrachtet, die deutlich zeigt, dass derzeit ein downbreading stattfindet, eben nicht die Akademiker bekommen Kinder, sondern diejenigen, die sich Kinder nicht leisten können… Früher waren es vornehmlich ökonomische Gründe, die eine Abtreibung befördert haben. Heute sind die ökonomischen Gründe entfallen bzw. Sie haben sich in ihr Gegenteil verkehrt…

        • jck5000 says:

          @Michael Klein 9:39 – “wie sich die Zahl der Geburten auf die Korrelation von Kindergeldbetrag mit Abtreibungen auswirkt”:

          Alle bisherigen Ergebnisse basieren auf fallweisem Ausschluss und zweiseitigem Signifikanztest. Da wäre die partielle Korrelation von Kindergeldbetrag mit Abtreibungen, Kontrollvariable Geburten -0,129 (p=0,646).

          Verwendet man den gesamten Datensatz mit den Geburten seit 1949 (also paarweisen Fallausschluss), ergibt sich ein Koeffizient von -0,442 (p=0,0496).

          Nachdem die nachgewiesene Korrelation entweder verschwindet oder geringer wird, je nach Berechnungsgrundlage, gehe ich mal grundsätzlich davon aus, dass Sie Recht haben: Die downbreeding-These teile ich sowieso, dazu muss man ja nur mal die Einkommensverteilungen von Menschen mit und ohne Kindern ansehen.

          Hier übrigens der bisher entstandene Datensatz: http://bit.ly/SCuoZK als CSV.

      • StatistikKritiker says:

        Die Grafik der Geburten pro Jahr läßt genauso den Schluß zu, dass der Geburtenrückgang mit der Einführung des Kindergelds gestoppt wurde.
        Der krasse Rückgang liegt ja vor der Kindergeldeinführung 1975. Danach stiegen die Geburten bis 1989 an.
        Eher schon könnte man aus der Grafik schliessen wollen, dass die Einführung des Kinderfreibetrages mit dem erneuten Geburtenrückgang zu hat.

        Ohne eine Betrachtung des Geburtenrückgangs vor 1974 (und seinem Ende) ist der folgende Satz gewagt:
        “Je mehr Kopfprämie auf den Besitz von Kindern die Bundesregierung aussetzt, […] um so weniger Kinder werden geboren, um so weniger Deutsche wollen Kinder.”

  5. Mo says:

    Herr Klein,
    für mich ist das ein empfehlenswerter Artikel, sofern er tatsächlich Ihre “höchstpersönliche” Sicht der Dinge abbildet. Ich hoffe sehr, dass er nicht Inhalt irgendeiner soziologischen Studie ist, die darauf abzielt Reaktionen auf diesen Artikel auszuwerten. 😉

  6. samuel says:

    Yepp, wir haben unzweifelhaft einen geburtenrueckgang. Dennoch sind Kinder durchaus die normalitaet. Zur Betrachtung genuegt ein blick auf die durchschnittliche Anzahl der Kinder pro Familie. Grossfamilien sind demnach stark im rueckgang, kleinfamilien mit ein oder zwei Kindern durchaus als normal zu betrachten.
    Meine persoenliche begruendung: die Finanzierung und der unendliche zwang der Eltern, einen hohen Wohlstand auch den Kindern bieten zu müssen.

    Es ist aber sicherlich nicht die Aufgabe der Politik, finanzielle anreize zu schaffen. Vielmehr sollten grundlegende Rahmenbedingungen erhalten werden, zb das kuendingungsschutzgesetz.

    Ebenfalls haben Studien ergeben, dass unternehmen, welche sich mitunter auf die Familie Situationen anpassen, zb flexible arbeitszeiten, etc., sowohl eine hoehere Reputation und weiterhin eine damit einhergehenden berwerbungszuwachs verzeichnen. Ich möchte hierbei auch auf die rolle des sog. Work-life Balance verweisen, welcher fuer viele arbeitnehmer einen recht hohen Stellenwert aufweist.
    Selbiges gilt fuerbden Bau von haeusern, Bus und bahn, Restaurants, Hotels, etc. Es ist ein schlichter wirtschaftsfaktor.

    Damit bleibt die Förderung der Familie Aufgabe der Wirtschaft aus ureigenem Interesse – der satt ist und soll der stille rahmengeber bleiben ohne finanzielle Zuwendungen.

    Herr klein:
    In ihrem dritten absa beschreiben sie eine Situation, welche wohl ihre ureigene, persoenliche und wertenden Ansicht darstellt. Fuer mich ist dies aus eigener Erfahrung so nicht nachvollziehbar. Davon abgesehen mischt sich der Staat nur marginal in die Kindererziehung bzw. Deren Fortgang ein. Ob die Eltern zum elternabend gehen, hat andere Grunde, als sie durch ihre harsche Ausdrucksform zu suggerieren versuchen. Sie moegen es persoenlich nicht nachvollziehen können – aber dies legitimiert sie nicht, in diesern schon fast diskriminierenden, abwertenden und unsachlichen Art zuschreiben. Dies widerspricht eigentlich auch ihren Anforderungen fuer diesen blog, und das finde ich schade.
    Bleiben wir doch bei den Fakten.

  7. Samuel says:

    Eine Ergänzung: http://www.ftd.de/karriere/management/:mittelstand-kindergarten-unterm-chefbuero/70096829.html
    Kindergarten unterm Chefbüro, Ftd online, 03.10.2012

    Herr Klein, ich möchte noch zur extrinsischen Motivation hinzufügen, dass m.E. eine Paramter, zB das Kindergeld, nicht zum Kinderzeugen ausreicht. Hier würde ich keinen statistischen Zusammenhang interpretieren (sicherlich mathematisch nachweisbar, in der Interpretation jedoch zu kurz betrachtet). Meines Erachtens ist es die Summe er staatlichen Zuwendungen, welche ggf. eine Motivation hervorrufen kann. Aber grundsätzlich bezweifle ich, dass jemand ausschliesslich aufgrund finanzieller Aspekte Kinder in die Welt setzt, sondern eher das Bestreben, also die intrinsische Motivation verstärkt wird bzw. die Zuwendungen den letzten Zweifel ausräumen.

    Zu mir: Wenn wir ein weiteres Kind in die Welt setzen, erhalten wir nicht nur zusätzlich Kindergeld, sondern die Kosten für zB Kita werden gemindert (Die Kosten reduzieren sich bei jedem weiteren Kind, und zwar überproportional), wir würden von der Gemeinde sofort eine Barauszahlung von 2500 Euro und vom Bundesland 7000 Euro erhalten (wir leben im Süden). Das sind durchaus relevante Anreize, welche jedoch völlig unabhängig vom Kindergeld sind und wie Sie sehen, von den Gemeinden und von den Bundesländern gesetzt werden. Das Kindergeld sind die Peanuts der Unterstützung. Nein, wir brauchen das Geld nicht. Aber wir wären dämlich, es nicht zu nehmen. Moral Hazard?

  8. Samuel says:

    Und noch eine Vokabel Ergänzung:

    Heute habe in der Zeitung den Begriff “Bebie” eines Sozialprojektes gelesen. Als Abkürzung für Betreuung, Bildung, Erziehung.

    In einem muss ich Herr Klein völlig recht geben. Selbst mir als Elternteil geht das fast tägliche Diskussionthema “Bebie”, die politischen Rufe nach noch mehr Unterstützung, etc. auf die Nerven.

    Sind wir denn als Eltern alle derart unfähig, mittellos und orientierungslos? Jetzt wird es unsachlich: In vielen politischen Gebieten ruft man nach der Selbstverantwrotung der Bürger. In Sachen “Bebie” hat man als Eltern kaum noch die Chance – nicht wegen der Unterstützung – sondern wegen der Stimmungsmache der Medien. Man liest und meint, alles falsch zu machen. Meine Güte, wie haben nur unsere Grosseltern überlebt?

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