
Ungeachtet der Wirklichkeit oder gerade wegen dieser Wirklichkeit, die mehrheitlich nicht dünne Deutsche kennt, ist das Ideal des dünnen Deutschen allgegenwärtig, wie sich z.B. bei der AOK nachlesen lässt. Und mit anscheinend gutem Grund, sind Dicke, besonders Adipöse doch die ersten, die Kankheit befällt und die der Sensenmann dahin rafft: „Die Adipositas ist eines der größten, chronischen Gesundheitsprobleme der westlichen Industrieländer“. Welcher Art die Probleme sind, denen Dicke sich gegenübersehen? Vielfältig: Bluthochdruck, Diabetis Mellitus, Arterienverkalkung, Herzinsuffizienz, ein höheres Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, Beinvenenthrombosen und alle Probleme konspirieren mit den einem ultimativen Ziel: Das Leben eines Adipösen zu verkürzen.
Nun, eine solche Frage hätte früher, also z.B. in den 1970er oder 1980er Jahren, eine hohe Wahrscheinlichkeit gehabt, den ein oder anderen Sozialwissenschaftler zu interessieren. Damals hätte sich bestimmt einer gefunden, der nicht nur diese Frage stellt, sondern sich darüber hinaus fragt, ob es sinnvoll ist, dass Regierungen in das Leben ihrer Bürger und regelnd, nein, steuernd (immer im Richtung auf das gute und bessere bzw. dünne Leben versteht sich) eingreifen. Damals, als sich z.B. Soziologen noch mit der Erklärung sozialer Fakten beschäftigt haben und sich nicht im Gewirr der eigenen Konstruktionenen einer sozialen Wirklichkeit verfangen haben bzw. nicht damit beschäftigt waren, den linken Robin Hood für Arme, nein Alleinerziehende zu geben, damals wäre der ein oder andere darauf gekommen, dass Handlungen, so geplant und absichtsvoll sie auch sind, immer auch unbeabsichtigte Handlungsfolgen zeitigen. Dies ist das Elend u.a. der sozialistischen Planwirtschaft: Da niemand allwissend ist, auch Sozialisten nicht, Entscheidungen aber generell auf die Zukunft zielen, kann niemand sicher sein, dass seine Entscheidungen auch die Folgen haben und nur die Folgen haben, die er beabsichtigt hat. Die Geschichte der DDR ist voller unbeabsichtigter Folgen, am besten dokumentiert im chronischen Knappheiten von Ressourcen und Produkten aller Art.
Von diesem kurzen Ausflug ist es nur ein kleine Transferleistung, um bei der Erkenntnis anzugelangen, dass dann, wenn Planung nicht garantieren kann, dass das beabsichtigte Ziel erreicht wird, es vielleicht auch nicht so geschickt ist, das Leben anderer Menschen, z.B. Dicker, also deren Verdünnung zu planen. Möglicherweise hat die verordnete Schlankheitskur, hat der verordnete Trimm-Dich-Aufenthalt in Oberfranken eine unbeabsichtigte Folge, die das Leben des betroffenen Dicken nicht verlängert, sondern im Gegenteil verkürzt.
Die Untersuchung basiert auf 4.428 Personen, die einen Schlaganfall erlitten haben. Die Autoren haben für diese 4.428 Schlaganfall Patienten eine Reihe von Informationen gesammelt, u.a. ihren BMI, und sie haben sich 30 Monate, nachdem die Patienten mit einem Schlaganfall in einem Krankenhaus eingeliefert wurden, dafür interessiert, was aus Ihnen geworden ist. Was sie dabei herausgefunden haben, ist eine frohe Botschaft für Dicke: Mit zunehmendem BMI sinkt das Risiko, an einem Schlaganfall zu sterben, nach einem Schlaganfall Pflegefall zu sein oder nach einem Schlaganfall eine Behinderung davon zu tragen. Im Klartext: Je fetter, desto höher sind die Chancen, einen Schlaganfall unbeschadet zu überstehen. So haben Adipöse im Vergleich zu Normalgewichtigen eine rund doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, nicht an einem Schlaganfall zu versterben, im Vergleich zu Untergewichtigen ist die Wahrscheinlichkeit gar rund 4 Mal höher (In Zahlen: 61% der Untergewichtigen, 35% der Normalgewichtigen und 13% der stark Adipösen sterben an den Folgen eines Schlaganfalls). Offensichtlich hat ein Dicker mehr Reserven, die er im Falle eines Schlaganfalls aktivieren kann.
Die höhere Überlebenswahrscheinlichkeit Dicker im Vergleich zu Normalgewichtigen, ihr geringeres Risiko als Folge eines Schlaganfalls Pflegefall oder behindert zu sein, scheint die ausgleichende Gerechtigkeit u.a. dafür zu sein, dass Dicke eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, einen Schlaganfall zu erleiden, und es scheint die ausgleichende Gerechtigkeit für all die Interventionen und wohlgemeinten Ratschläge zu sein, die Dicke aufgrund ihrer Lebensführung erdulden müssen.
Wohin führt nun dieses Ergebnis all die vielleicht gut gemeinten Versuche, Dicke zu verdünnen? Nun, im Falle eines Schlaganfalls führen diese Versuche die ehedem Dicken mit höherer Wahrscheinlichkeit in ihr Grab. Entsprechend muss man entweder den Schlaganfall verbieten, wenn man die Planung des idealen Lebens als Dünner nicht aufgeben will oder damit aufhören, das Leben anderer, das Essen anderer, das Körpergewicht anderer zu planen bzw. dessen ideale Ausformung vorzugeben. Es gibt eben keine Alternative zur Eigenverantwortung und dazu, dass jeder nach seiner Façon und eben nicht nach Façon seiner Regierung und ihrer Horden von Erfüllungsgehilfen selig werden soll.
Döhner, Wolfram, Schenkel, Johannes, Anker, Stefan D., Springer, Jochen & Audebert, Heinrich J. (2013). Overweight and Obesity are Associated with Improved Survival, Functional Outcome, and Stroke Recurrence after Acute Stroke or Transient Ischaemic Attack: Observations form the TEMPiS Trial. European Heart Journal (Advanced Access) doi:10.1093/eurheartj/ehs340.
