Gibt es ein Recht auf Krankenversicherung?

Ein Beitrag in einem unserer Lieblingsblogs „LewRockwell.com“ hat zur Folge, dass wir unsere Leser heute mit der Frage konfrontieren, ob es ein Recht auf Krankenversicherung gibt.

Viele sogenannte Errungenschaften werden mit der Zeit zu Selbstverständlichkeiten, die einfach da sind. Sie werden nicht mehr hinterfragt, jedenfalls nicht mehr von denjenigen, für die sie zur festen Randbedingung ihres Handelns geworden sind. Die gesetzliche Krankenversicherung ist einfach da. Die Sozialversicherungspflicht sorgt dafür, dass jeder, der einer Tätigkeit nachgeht, Beiträge an die gesetzliche Krankenversicherung zahlt und damit automatisch krankenversichert ist. Aber: Die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung sind allerdings nicht auf diejenigen beschränkt, die Beiträge entrichten.

Ganz im Gegensatz zu den Anfängen der Krankenversicherung unter Bismarck. Damals war die Krankenversicherung noch eine Versicherung, in die zunächst Arbeiter einbezahlen mussten, die im Jahresverdienst unter 2000 Reichsmark blieben. Dafür wurden 13 Wochen lang die Kosten für Arzt und Arzneimittel übernommen, und es gab 13 Wochen lang die Hälfte des Gehalts, das ein Tagelöhner bezogen hat. Ein Drittel der Beiträge zur Krankenversicherung bezahlten die Arbeitgeber, zwei Drittel die Arbeitnehmer. Das war 1883.

In der Zwischenzeit hat sich die Krankenversicherung von einem Solidarsystem, dessen Nutzen denen zu gute kam, die es finanziell getragen haben, zu einem umfassenden Transfersystem verändert, das zwar immer noch von denen getragen wird, die einer nun sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen, aber auch Gesellschaftsmitgliedern zu gute kommt, die nicht in die gesetzliche Krankenversicherung einbezahlen, sei es über die Mitversicherung von Familienmitgliedern, sei es über die freie ärztliche Versorgung von z.B. Migranten.

Aus dem Solidarsystem ist ein Transfersystem geworden, und diejenigen, die unentgeltlich in den Genuss einer von anderen finanzierten Krankenversicherung kommen, sehen die entsprechende Krankenversicherung zwischenzeitlich als ihr gutes Recht an.

Aber hat ein Individuum ein Recht darauf, gegen Krankheit versichert zu sein?

Die Antwort auf diese Frage ist recht einfach. Wir wollen sie mit Andrew P. Napolitano geben, der sie in besagtem Text auf LewRockwell wie folgt gegeben hat:

Government help„Is healthcare a right in America?

In a word, no. Rights are either natural immunities — existing in areas of human behavior that, because of our nature, must be free from government regulation, such as life, liberty and the pursuit of happiness, as well as speech, the press, religion, travel, self-defense and what remains of privacy — or legal claims that we qualify or bargain for, such as the right to vote, which the Constitution presumes, and the right to use your property to the exclusion of all others and the right to purchase a good that you can afford.

But the federal government cannot create a right that the Constitution does not authorize. It can’t constitutionally transfer wealth from taxpayers or employers to others and then claim that the others have a right to the continued receipt of the transfers.“

Was in den USA gilt, gilt auch in Deutschland. Keine Regierung kann Rechte für alle verteilen, deren Finanzierung von nur einem Teil der Bevölkerung geleistet werden muss. Denn wäre dies so, es würde ein Recht zum Nutznießen begründen und damit das Fundament von Gesellschaften beseitigen, denn warum soll ein rationaler Akteur einer Arbeit nachgehen, wenn er ein Recht hat, von der Arbeit anderer zu leben?

Wenn es aber kein Recht zum Nutznießen gibt, wenn es kein Recht gibt, das, was Erwerbstätige erwirtschaften, in Teilen zu enteignen, um nicht-Erwerbstätigen damit eine Krankenversicherung zu gewähren, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten, die entsprechende Enteignung und den damit verbundenen Transfer dessen, was Erwerbstätige erarbeitet haben, zu begründen: Zwang oder Altruismus.

“Genau dieser Punkt führt zu der kontroversen Einschätzung, ob ein Zwang zur Krankenversicherung rechtens ist: Für die einen hat er nichts mit gleicher Freiheit zu tun und bevormundet freie Bürger, für die anderen gehört das Gut der Gesundheit zu den Bedingungen sozialer Autonomie, so dass es nötigenfalls mit Zwang für alle bereitgestellt werden darf.“

Ayan rand intellectualsDieses Zitat stammt aus einer Pressemeldung zur Dissertation von Andreas Braune, der sich mit Freiheit und vor allem mit Zwang, also der Abwesenheit von Freiheit auseinandersetzt. Es stellt zwei Alternativen dar, die man als falsche Alternativen bezeichnen kann, denn die Kosten der Entscheidung einer Krankenversicherung für alle tragen nicht alle, sondern nur die Erwerbstätigen. Die Interessen der Nutznießer einer Krankenversicherung haben daher keine Relevanz, wenn es darum geht, die Frage danach, ob es ein Recht auf Krankenversicherung gibt, zu entscheiden.

Das schließt den zweiten Punkt im obigen Zitat aus: Ob Gesundheit zu den Bedingungen sozialer Autonomie gehört, ist eine Frage, die im Hinblick auf das Recht auf auf Krankenversicherung irrelevant ist, denn jeder hat die Möglichkeit durch Arbeit die Beiträge zu erwirtschaften, die seine Mitgliedschaft in einer solidarischen Krankenversicherung ermöglichen. Deshalb ist es ein Übergriff auf die Freiheit von Menschen, sie in eine Krankenversicherung zu zwingen, und es ist ein Übergriff auf die Freiheit von Erwerbstätigen, sie für die Gesundheit derer, die nicht in eine Krankenversicherung einbezahlen, in kollektive Haft zu nehmen.

Aber, so werden viele Aufgebrachte sagen, aber was ist mit den Kindern? Kinder in die Welt zu setzen, ist eine private Entscheidung. Wer sie trifft, hat sicher über die Kosten, die damit einhergehen, nachgedacht, so dass Eltern sicher bereit sind, ihr Gehalt nicht nur für den Kauf eigener Ansprüche auf eine Krankenversicherung einzusetzen, sondern auch dafür, die Ansprüche ihrer Kinder zu finanzieren. Der oben genannte Altruismus trifft hier zu.

Somit steht am Ende dieser kurzen Diskussion die Erkenntnis, dass es

  1. Kein Recht auf Krankenversicherung gibt;
  2. Zwang zur Durchsetzung eines Transfersystems, das Krankenversicherung für alle auf Kosten von wenigen, vorsieht, nicht legitim ist;
  3. Deshalb Krankenversicherung nur für diejenigen gegeben sein kann, die in eine Krankenversicherung einbezahlen und 
  4. niemand an Altruismus gehindert wird, also daran, sein Einkommen dafür einzusetzen, Anteile in Krankenversicherungen für mehrere Personen zu erwerben.

Letzteres erfolgt als freie Entscheidung, nicht unter Zwang!

Kranke Flüchtlinge: Landesregierungen gefährden die Gesundheit ihrer Bevölkerung

Flüchtlinge sind „aufgrund der schwierigen Lebensbedingungen während der Flucht, eines möglicherweise unvollständigen Impfschutzes, der teils höheren Prävalenzen in den Herkunftsländern und infolge des räumlich beengten Aufenthalts in Massenunterkünften besonders vulnerabel für Infektionskrankheiten“. Das schreiben Frank und sieben Ko-Autoren in der neuesten Ausgabe des „Journal of Health Monitoring“.

feel sick emoticonAngesichts der erhöhten Anfälligkeit von Flüchtlingen für übertragbare Erkrankungen, angesichts also der gesundheitlichen Gefahr, die Flüchtlinge grundsätzlich für die autochthone Bevölkerung darstellen, würde man denken, dass die für die Gesundheitsvorsorge bei Flüchtlingen verantwortlichen Landesregierungen ein besonders penibles und genaues Gesundheitsscreening durchführen.

Das würde man denken.
Und man irrt.

Auf den zwei Seiten, die Frank et al. übertragbaren Krankheiten gewidmet haben, steht regelmäßig zu lesen, dass die Datenlage unzureichend ist. Es gibt keine umfassenden, keine vergleichbaren und keine genauen Zahlen darüber, wie viele der Flüchtlinge an übertragbaren Krankheiten erkrankt sind. Das Fehlen der entsprechenden Daten ist darauf zurückzuführen, dass die entsprechenden Untersuchungen im Ermessen der Länder sind.

Folglich berichten Wahedi, Nöst und Bozorgmehr in einem Beitrag für das Budnesgesundheitsblatt von Regelungen in Bundesländern, die „in mehreren Aspekten nicht den Anforderungen an ein wissenschaftlich fundiertes Screening“ entsprechen. Mit anderen Worten, in manchen Bundesländern gefährdet die Landesregierung ihre Bevölkerung vorsätzlich, einfach dadurch, dass notwendiges Screening von Flüchtlingen auf übertragbare Krankheiten unterbleibt.

Wahedi, Nöst und Bozorgmehr unterteilen die Bundesländer in drei Gruppen, (1) Bundesländer die nur ein Mindestmaß an Screening durchführen, namentlich Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, (2) Bundesländer die darüber hinaus bei Tuberkulose genauer hinsehen, namentlich Nordrhein-Westfalen, das Saarland, Hessen und Schleswig-Holstein und (3) Bundesländer, die ein umfassendes Screening der Flüchtlinge ausführen, namentlich Rheinland-Pfalz, Hamburg, Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen.

Aufmerksame Leser werden feststellen, dass Sachsen-Anhalt, Bremen und Berlin in der Aufstellung fehlen. Für die entsprechenden Bundesländer gibt es schlicht keine Daten. Sie müssen entsprechend als Hazardeure angesehen werden, die die Gesundheit ihrer Bevölkerung in besonderer Weise gefährden, noch mehr als dies die Länder tun, die in den Ländergruppen (1) und (2) vereint sind.

Dabei wäre ein Screening dringend notwendig. So wurden dem Robert-Koch-Institut von 2004 bis 2014 allein 119 Ausbrüche von Infektionskrankheiten in Asylbewerberheimen gemeldet, von denen 615 Asylbewerber betroffen waren. 29% der 615 Asylbewerber waren an Windpocken, 18% an Skabies (also Krätze), 12% an Masern und jeweils 8% an Tuberkulose und Rotavirus-Gastroenteritis, der hauptsächlich bei Kindern auftritt und eine Entzündung von Magen und Därmen zur Folge hat, erkrankt. Bei der Untersuchung von 102 unbegleiteten Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren in Bielefeld wurde festgestellt, dass 60 der Jugendlichen an einer Heliobacter pylori-Infektion erkrankt waren, also einer ansteckenden Form von Magenentzündung. Die wenigen Daten, die bislang vorhanden sind, weisen zudem daraufhin, dass Hepatitis B unter Flüchtlingen deutlich verbreiteter ist als unter der autochthonen Bevölkerung. Hepatitis B ist die übertragbare Variante der Leberentzündung.

Trotz all der Daten, die es notwendig erscheinen lassen, ein generelles und umfassendes Screening von Flüchtlingen durchzuführen, bleiben viele Bundesländer hinter dem notwendigen Ausmaß von Gesundheits-Screening zurück und gefährden damit ihre Bevölkerung, darunter die Bundesländer Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und das Saarland, in denen demnächst Wahlen stattfinden, so dass die Bevölkerung eine Gelegenheit hat, kund zu tun, was sie davon hält, Gesundheitsrisiken ausgesetzt zu werden, die vermeidbar wären.

Die folgende Tabelle aus dem Beitrag von Wahedi, Nöst und Bozorgmehr stellt detailliert dar, welchem Gesundheitsscreening Flüchtlinge in den einzelnen Bundesländern unterzogen werden. Berlin, Bremen und Sachsen-Anhalt fehlen in der Aufstellung. Die entsprechenden Landesregierungen sind offensichtlich der Ansicht, die Gesundheitsuntersuchung von Flüchtlingen sei nicht so wichtig, als dass man sie in allgemeinen Regelungen und Dokumenten für Gesundheitsämter erfassen müsse.

Wahedi_2017_Bundeslaender

Aus aktuellem Anlass müssen wir leider wieder einmal darauf hinweisen, dass die Texte von ScienceFiles UNSER GEISTIGES EIGENTUM sind. Wer einen Text vollständig für sein Blog oder seine Webpage oder seine Publikation übernehmen will, benötigt dazu unsere Einverständniserklärung. Wer sich, wie dies so viele tun, von unseren Themen inspirieren lässt, von dem erwarten wir zumindest eine Quellenangabe bzw. einen Link auf ScienceFiles.

Literatur

Frank, Laura, Yesil-Jürgens, Rahsan, Razum, Oliver, Bozorgmehr, Kayvan, Schenk, Liane, Gilsdorf, Andreas, Rommel, Alexander & Lampert, Thomas (2017). Gesundheit und gesundheitliche Versorgung von Asylsuchenden und Flüchtlingen in Deutschland. Journal of Health Monitoring 2(1); DOI: 10.17886/RKI-GBE-2017-005

Wahedi, Katharina, Nöst, Stefan & Bozorgmehr,  Kayvan (2017). Die Gesundheitsuntersuchung von Asylsuchenden: Eine bundesweite Analyse der Regelungen in Deutschland. § 62 Asylverfahrensgesetz. Bundesgesunheitsblatt 60(1): 108-117.


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Es gutmenschelt wieder: dieses Mal geht es Nutella an den Kragen

NutellaNa, haben Sie heute Ihr Brötchen mit Nutella bestrichen? Wenn ja, dann genießen Sie es, so billig wie bislang, bekommen Sie Ihren Zucker in Zukunft nicht mehr, jedenfalls nicht, wenn es nach der Deutschen Diabetes Gesellschaft geht. Dieselbe in Person Ihres Vorsitzenden, Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel, fühlt sich nämlich berufen, die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD, die doch bereits mit so weltbewegenden Themen wie einer Frauenquote überladen sind, mit einer weiteren Absurdität zu überfrachten, nämlich der Forderung nach einer Kaloriensteuer:

Berlin – Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt Überlegungen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD, künftig eine Steuer auf besonders kalorienreiche Lebensmittel zu erheben. „Dies wäre ein bedeutender Schritt, um Primärprävention bevölkerungsweit und nachhaltig in Deutschland einzuführen“, heißt es in einem Brief der DDG an die Verhandlungsführer beider Parteien im Ausschuss Gesundheit, Jens Spahn und Karl Lauterbach. Die Fachgesellschaft schlägt gleichzeitig vor, gesunde Lebensmittel steuerlich zu entlasten. Die Kaloriensteuer soll helfen, Ernährungsgewohnheiten zu verändern und Übergewicht zu bekämpfen. Übergewicht ist eine der Ursachen für Diabetes mellitus.

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen Ärger und gesundheitlichen Schädigungen? Wenn ja, dann fordere ich, den Herrschaften von der DDG den Mund zu verbieten, als Form der Primärprävention und meiner Gesundheit zuliebe.

DDGWieder einmal sind also Gutmenschen angetreten, andere zu bevormunden und zu verhindern, dass andere in freier Entscheidung ihr Nutella wählen und den lahmen, nachhaltigen und nach nichts schmeckenden Brotaufstrich, den die DDG wohl empfehlen würde, abwählen. Das darf nicht sein und überhaupt, so weiß Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel: „Der bloße Appell an Verhaltensänderungen sei nachweislich gescheitert.“ Ja sowas auch. Da sagt man erwachsenen Menschen, dass es nicht gut ist, Nutella zentimeterdick, ja überhaupt auf sein Brötchen zu schmieren, und was passiert? Ignoriert wird man! Das geht nicht, nicht mit einem Dr. med. Erhard Siegel, nicht mit einer DDG! All diejenigen, die nicht so wollen, wie die DDG, die werden schon sehen, was sie davon haben: Die DDG hat die Politiker zur Hilfe gerufen. Mt einer Kaloriensteuer, so frohlockt Siegel „hätten wir endlich eine effektive Strategie gegen das weitere Ansteigen der Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“.

Das ist erstaunlich, was der Herr Dr. med da behauptet, so erstaunlich, dass man gerne wüsste, wo er seine Erkenntnis über die Wirksamkeit von Steuern auf Kaloriern (!sic) herhat. Alle Forschung, die vor allem im englischsprachigen Ausland und im Hinblick auf die so genannten Sin-Taxes durchgeführt wird, zeigt nämlich einträchtig, dass

  • die entsprechenden Steuern vor allem eines sind: wirkungslos im Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung;
  • die entsprechenden Steuern sozial ungerechte Steuern sind, die in erster Linie die sozial Schwachen treffen, denen Gutmenschen doch normalerweise so zugetan sind;
  • die angebliche Entlastung der Gesundheitssysteme eine Illusion ist, da die frühere Mortalität der Kalorienfresser dazu führt, dass hohe Alterskosten, wie sie dem Gesundheitssystem z.B. durch Demenz oder Alzheimer oder Pflegebedürftigkeit entstehen, nicht anfallen;
  • die entsprechenden Steuern eine Form der paternalistischen Selbstbeweihräucherung sind, die langsam unerträglich wird;

Medical paternalismUnd darüber hinaus sind die entsprechenden Steuern nur als Fürsorge verpackt, denn sie dienen in erster Linie dazu, das Steuersäcklein zu füllen, und wozu sie in zweiter Linie dienen, kann man nur vermuten. Seltsamerweise haben Steuern, die einem Finanzminister und einem Etat zu Gute kommen, die also keinerlei direkten Nutzen für diejenigen haben, die sie fordern, eine wohltuende Wirkung auf die entsprechenden Forderer, fast so, als ginge von der Besteuerung Dritter eine Form der Genugtuung aus, die fast schon an Schadenfreude grenzt (oder auch nicht fast), aber das ist natürlich sozial nicht verträglich. Es ist schon besser, sich als besorgt um die Gesundheit Dritter, denen man im täglichen Leben eher aus dem Weg geht, als dass man sich im Zug auch nur für eine Station neben sie setzen würde, darzustellen.

Nun gibt es zwei Formen der fürsorglichen Besteuerer, solche wie Edgar Franke (SPD) und Erwin Rüddel (CDU), die fordern, die Steuern auf Nahrungsmittel, die mehr als 275 Kalorien pro 100 Gramm aufweisen, generell um 50% zu erhöhen. Davon wären Nutella, Kartoffelchips und Schokoriegel und Fast Food und Softdrinks und und und betroffen. Die andere Form der fürsorglichen Besorgnis, die dem netten Dieb-Syndrom entspricht (der Dieb, der erst 100 Euro stiehlt und dann, weil er ein schlechtes Gewissen hat, einen Euro zurückgibt), geht von Status Quo der Besteuerung aus, nimmt mit zunehmender Kalorienzahl mehr und lässt dafür bei den Nahrungsmitteln, die als gesund und (wie könnte es anders sein) nachhaltig angesehen werden, ein wenig nach. Das ist es dann wohl, was Richard Thaler und Cass E. Sunstein liberalen Paternalismus nennen, ein Unding, für das die beiden Sozialwissenschaftler verantwortlich sind und für das sie eigentlich aus der wissenschaftlichen Zunft ausgeschlossen werden müssten.

cartoon cavemenDenn sie geben allen Arten von Gutmenschen die Möglichkeit, eigene Versuche des rent seeking hinter angeblicher Fürsorge zu verstecken. Politiker tun das noch am ehrlichsten, indem sie generell nur in höheren Steuern zu denken in der Lage sind. Fürsorger wie diejenigen von der DDG tun dies im Verborgenen, und zwar über die Kriterien, die bestimmt werden müssen, um die nachhaltigen und vermeintlich gesunden Nahrungsmittel zu identifizieren. Bei dieser Bestimmung wollen die DDGler natürlich mitreden, und sie sind natürlich keiner Einflussnahme von Seiten Dritter zugänglich und haben natürlich auch keinerlei eigenen Nutzen davon, dass sie Dritten vorschreiben, was ihr jeweiliger Lebensstil kostet. Sie sind die puren Altruisten, die reinen Gutmenschen, die vor lauter Fürsorge über Dritte, dahinschmelzen wie der Schnee, der im Moment noch die Black Mountains ziert. Bei so viel Gutheit wird es mir regelmäßig so schlecht, dass ich darüber nachdenke, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, eine Gutmenschen-Steuer einzuführen. Pro Gutmenschen-Vorschlag werden 100.000 Euro fällig, zu zahlen an diejenigen, die Gegenstand des Gutmenschen-Vorschlag sind.

Gutmenschen-Elend: Denn sie wissen nicht, wovon sie reden

, aber sie wollen in jedem Fall schon einmal helfen.

Viele Zeitgenossen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass sie anderen erzählen, sie wären um deren Wohl besorgt, gelangen über kurz oder lang bei der Notwendigkeit an, Forderungen aufzustellen, von denen sie zwar denken, sie wären „populär“, „gut“, „Beleg ihrer Verantwortung für …[die Schöpfung, die nachwachsende Generation, Kinder, Jugendliche, Adipöse, Raucher, die Erde, die Dritte Welt (aber die ist gerade out – oder?) – bitte das ideologisch Passende bitte eintragen] , die sich aber im krassen und direkten Widerspruch befinden zu allem, was man als Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ansehen kann.

Medical paternalismSo haben nach einen Bericht in der WELT die beiden Professoren Hans-Georg Joost und Andreas Fritsche die Vorstellung des Ernährungsberichts 2012 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) dazu genutzt, die Einführung einer Zucker-Steuer zu fordern, um damit „vor allem Kinder und Jugendliche vom Konsum ungesunder Lebensmittel“ abzuhalten. Hans-Georg Joost aus Potsdam, der immer dann, wenn es sich anbietet, z.B. erst kürzlich im so genannten Pferdefleisch-Skandal nach „dem Staat“ ruft, damit er „den Verbraucher“ vor vermutlich „der Industrie“ schützt, hat beim Ruf nach einer Zucker-Steuer moralischen Beistand von Professor Andreas Fritsche aus Tübingen, der weiß, dass Verbrauchern „oft nicht klar [sei], dass Lebensmittel Zucker“ enthielten, und der weiß, dass die Folgekosten von ungeregeltem Zuckerkonsum für das Gesundheitswesen aus dem Ruder geraten, wenn der Staat nicht regulierend eingreift, wie dies die Weltgesundheitsorganisation fordere.

Ein kurzer Exkurs zum Pferdefleischskandal: Es ist schon erstaunlich, welche Aufregung Pferdefleisch in Fertig-Lasagne herbeiführen kann, und zwar bei genau den selben Verbrauchern, die keinerlei Probleme mit einer Schlachtindustrie haben, die Tiere mit Antibiotika traktiert, damit sie ihr Leben in einem Stall ertragen, das einzig dem Lebensziel Schlachtung und Gefressen-Werden dient.

Nun, mit der Forderung danach, man möge doch die dummen Verbraucher davon abhalten, mehr Zucker in sich zu stopfen als von Medizinern wie Joost und Fritsche für gut befunden, und dazu eine Zucker-Steuer einführen, verbinden sich vier Probleme:

  1. Steuern wie die Zucker-Steuer, die im Englischen als Sin-Tax (Sünden-Steuer) bezeichnet werden, sind zumeist wirkungslos im Hinblick auf die Wirkung, die mit ihnen beabsichtigt ist;
  2. Steuern, wie die Zucker-Steuer, sind sozial ungerechte Steuern, da sie Arme, die Gutmenschen doch eigentlich am Herzen liegen sollten, mehr treffen als Reiche;
  3. Der Genuss von Zucker oder Tabak, bringt auf lange Sicht nicht mehr Kosten für die sozialen Sicherungssysteme, sondern weniger Kosten;
  4. Steuern wie die Zucker-Steuer sind paternalistisch und entsprechend ein Eingriff in die Selbstbestimmung;
I'm not responsible

I’m not responsible

Eigentlich sind die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass Sin-Taxes nicht das gewünschte Ziel erreichen, so zahlreich, dass es genügen müsste, auf sie zu verweisen. Aber, wie so oft in der empirischen Sozialforschung, sind die entsprechenden Beiträge zumeist in englischer Sprache verfasst, selbst dann, wenn sie von deutschen Autoren stammen, so dass ich an dieser Stelle auf zwei sehr gute Arbeiten verweisen will, in denen sich die nun folgende Argumentation nachvollziehen lässt und in denen sich entsprechende Belege finden lassen. Es handelt sich dabei um ein Arbeitpapier von Adam J. Hoffer, William F. Shughart II und Michael D. Thomas mit dem Titel „Sin Taxes. Size, Growth, and Creation of the Sindustry“ und um Christopfer Snowdons endgültige Zerlegung aller jemals für Sin Taxes vorgebrachten „Argumente“.

Sin-Taxes, wie die Zucker-Steuer, funktionieren nicht

Nimmt man nur einen Moment lang an, Menschen im Allgemeinen und Verbraucher im Besonderen seien nicht die dummen Tölpel, die Gutmenschen wie Joost und Fritsche in ihnen sehen wollen, nimmt man also an, Verbraucher seien sehr wohl in der Lage, aus einem Angebot die Produkte auszuwählen, die sie wollen, und kommt entsprechend zu der Einsicht, dass manche Zeitgenossen gar nichts gegen den Verzehr eines, zweier, ja, oh Schreck, exzessiver dreier Mars-Riegel einzuwenden haben, dann kommt man auf diesem Weg zu dem Schluss, dass die entsprechenden Verbraucher nach einem Weg suchen werden, um die höheren Kosten, die ihnen ihr Zuckergenuß durch die Erhebung einer Zuckersteuer verursacht, zu kompensieren. In ökonomischer cartoon cavemenSprache: Sie werden substituieren, teuren Zucker durch billigeren Zucker, durch Zuckerersatz. Leidet das Zucker-Genuss-Erlebnis, dann nimmt diese Substitution etwas andere Formen an, dann wird das Geld, um das der Zuckergenuss teurer geworden ist, eben an anderer Stelle eingespart, z.B. beim Kauf von Gemüse oder Salat oder lascher Getränke, in die kein Zucker Eingang gefunden hat. Ökonomen sprechen hier von nicht elastischer Nachfrage. Eine solche nicht-elastische Nachfrage liegt vor, wenn Verbraucher nicht einfach auf den Konsum von bestimmten Gütern verzichten können bzw. wollen, z.B. weil sie von Zigaretten abhängig sind (psychisch oder physisch), weil sie auf den Gebrauch von Insulin angewiesen sind oder aber, weil sie einen bestimmten Lebensstil pflegen, den sie nicht aufzugeben bereit sind, nicht einmal durch eine Steuer auf besonders kohlenhydrat- und tanninlastige Nahrungs- und Genussmittel beim Italiener um die Ecke.

Sin-Taxes sind sozial ungerechte Steuern

Selbsternannte Gutmenschen wie Hans-Georg Joost oder Andreas Fritsche, die sich um den Körperumfang anderer sorgen, haben nicht auf der Rechnung, dass die Dicken gar kein Problem mit ihrem Dicksein haben könnten. Vielmehr gehen sie von triebgeleiteten Deppen aus, die dem Reiz eines Schokoriegels einfach nicht widerstehen können. Entsprechend muss man sie vor sich selbst schützen, und zwar durch eine Steuer. Das ist zwar nicht logisch, aber das, was immer kommt. Nun habe ich oben dargelegt, dass die Schokoriegel-Esser keine Deppen sind, sondern emanzipierte Verbraucher, die auch wissen, dass in Schokolade Zucker ist und dass Zucker zuweilen dick machen kann, die aber dennoch nicht auf ihren Genuß verzichten möchten und entsprechend die höhere Besteuerung durch Substitute zu unterlaufen suchen. Die Möglichkeit, dies zu tun, hängt wiederum vom Einkommen ab. Entsprechend haben Personen mit einem höheren Einkommen mehr Möglichkeiten, eine Zucker-Steuer zu umgehen bzw. auf alternative Produkte auszuweichen als Personen mit geringerem Einkommen, die entsprechend nach Einfuhr der Steuer einen höheren Anteil ihres Einkommens für Schokoriegel aufwenden müssen. Und so entpuppen sich die Gutmenschen von oben, nunmehr als sozial diskriminerende Gutmenschen, die ihre Ideologie vom dünnen, gesunden Menschen auf dem Rücken von sozial Schwachen ausleben.

Die Einführung von Sin-Taxes entlastet die sozialen Sicherungssysteme

Die höheren Kosten, die durch Raucher, Adipöse und wer auch immer gegen den Gesundheitskodex der beiden Professoren verstößt, verursacht werden, sind im Hinblick auf die sozialen Sicherungssysteme ein schwer zu erledigender Mythos und dies obwohl es unzählige Studien gibt, die zeigen, dass Raucher früher sterben als Nicht-Raucher und entsprechend die Rentenkasse nicht in gleichem Umfang belasten. Anscheinend ist die geheuchelte Sorge um die Gesundheitskosten ein zu fester Bestandteil der eigenen Gutheits-Inszenierung, als dass man ihn fallen lassen könnte.

Die anyway„There is ample evidence that, on average, smokers and the obese are less of a ‚drain on public services‘ than nonsmokers and the slim because they spend fewer years withdrawing pensions, prescriptions, nursing home provisions and other benefits. Their lifetime health care costs are usually lower than those who lead healthier lifestyles. If making consumers pay their way is truly the aim of public policy, the government would be more justified in placing a tax on fruits and vegetables“ (Snowdon, 2012, p.2-3)

„Recent studies have shown that smokers cost governments less in social welfare than otherwise identical nonsmokers. Because smokers die younger, on average, they require fewer long-term health care services and collect fewer Social Security benefits. These savings more than compensate for the medical costs of those who become ill from smoking (Hoffer, Shughart & Thomas, 2013, S.6).“

Sin-Taxes sind paternalistisch und ein Eingriff in die persönliche Freiheit

Bis hierher ist deutlich geworden, dass Sin-Taxes kein geeignetes Mittel sind, um Verhalten von Menschen zu verändern, aber sie sind eine hervorragende und stetig sprudelnde Einkommensquelle für Regierungen, vor allem deshalb, weil sie sich die Tatsache zu Nutze machen, dass die von der Sin-Tax Betroffenen ihre Konsumgewohnheiten aufgrund der Steuer gerade nicht ändern wollen bzw. können. Insofern sind die entsprechenden Steuern eine Spitzenleistung der Heuchelei, denn sie werden mit der Sorge um „die Menschen“ verkauft, zielen aber lediglich darauf ab, die immer leerer werdenden Staatssäckel durch neue Steuerinnovationen zu füllen. Dass diese Form der Heuchelei auch noch mit Paternalismus einhergeht und dass es mit Cass Sunstein und Richard Thaler zwei Autoren gibt, die sie gar als einen „liberalen Paternalismus“ verkaufen wollen, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Till Grüne-Yanoff hat in einem lesenswerten Beitrag bereits gezeigt, warum es keinen liberalen Paternalismus geben kann. Der interessierte Leser sei auf seinen true powerBeitrag verwiesen.

Ich will mich an dieser Stelle darauf konzentrieren, dass es ja jemanden geben muss, der im Meer der potentiell schädlichen Verhaltensweisen diejenigen ausmacht, die besteuert werden sollen. Derzeit werden adipöse und rauchende Säue durch deutsche Dörfer getrieben. Aber warum eigentlich? Warum weist niemand darauf hin, dass bestimmte Sportarten mit gesundheitlichen Schäden einhergehen, z.B. Arthritis oder Knorpelschäden? Warum reagiert niemand auf die irritierende Studie, die mir Dr. habil. Heike Diefenbach gerade geschickt hat und deren Ergebnis darin besteht, dass zu fit sein ungesucht ist: Sportliche Betätigung, so haben die Forscher herausgefunden, erhöhte bei 10% der Aktiven den Blutdruck, und führte zu ungesunden Cholesterol und Insulin-Werten.  Warum also nicht Sport besteuern und in der Schule verbieten (weil wir uns ja bekanntlich mehr um Kinder und Jugendliche als um Erwachsene sorgen müssen, um gute Menschen zu sein.). Olivenöl enthält Weichmacher, die sich negativ auf die Gesundheit und, Gipfel des Schreckens, auf die Fertilität auswirken. Na wenn das nicht danach ruft, besteuert zu werden? Die Antibiotika, die Rindern verabreicht werden, damit sie ihr Leben ertragen können, tragen zu einer verstärkten Resistenz gegen Antibiotika bei Fleischessern und Milchtrinkern bei. Also muss man beides besteuern, damit die Fleischesser und Milchtrinker nicht am nächsten Virus verenden. Der Möglichkeit, „die Verbraucher“ zu paternalisieren, sind also keine Grenzen gesetzt. Hat man Verbraucher erst einmal zu einem Haufen unmündiger Deppen erklärt, dann lässt sich immer eine Einnahmequelle für geldnotleidende Staaten finden, und die vielen Gutmenschen, die sich regelmäßig über die ungesunden Eß-, Trink-, ja Lebensgewohnheiten der anderen, der Verbraucher, beklagen, sind ein unverzichtbarer Stein im Mosaik der täglichen Entmündigung.

Wenn man schon nicht gegen Sin-Taxes ist, weil die Steuerung menschlichen Verhaltens, die die entsprechenden Steuern versprechen, nicht klappt, nie klappen wird und auch nicht klappen kann, dann sollte man zumindest aus Selbsterhaltungsgründen gegen die entsprechenden Steuern sein: Die Sucht von Gutmenschen danach, für andere zuerst Sorgen zu erfinden und diese dann durch Regulation, den Ruf nach dem Staat und in jedem Fall durch Entmündigung der Umsorgten für diese zu lösen, ist einfach zu stark, als dass man sie weiterhin ignorieren könnte.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat mich noch auf einen  Beitrag  aufmerksam gemacht, aus dem hervorgeht, dass die einfache Welt der Besorgnis, die Gutmenschen bewohnen, doch komplexer ist, als sie denken:
People can be fat, yet fit, research suggests

Ausgleichende Gerechtigkeit: Die Zuckerseite des Dickseins

Keiji-Kotomitsuki-Sumo WrestlerDicke haben es nicht leicht in der modernen Gesellschaft. Das staatlich verordnete Ideal des deutschen, nein des modernen, aktiven und gesunden Menschen, sieht den dünnen Menschen, den Menschen mit einem „Body-Mass-Index“ (BMI) von zwischen 18,5 und 25 vor. Drunter ist schlecht, drüber ist ganz schlecht (Sie erinnern sich an den Body-Mass-Index: Gewicht geteilt durch die quadrierte Körpergröße?). Das Mantra des dünnen Deutschen, will aber, wie z.B. das Robert-Koch-Institut (RKI) in regelmäßigen Abständen verkündet, einfach nicht zur gesellschaftlichen Wirklichkeit des durchschnittlichen Körperumfangs passen. So hat das RKI gerade erst wieder festgestellt, dass 67,1% der Männer und 53% der Frauen übergewichtig sind (Wieder eine Form der Benachteiligung von Frauen und dieses Mal eine mit Folgen, wie sich im Verlauf dieses Textes herausstellen wird…). 23,3% der Männer und 23,9% der Frauen haben gar so viel Fett im Gewebe angesammelt, dass sie als adipös gelten (ab einem BMI von 30).

Ungeachtet der Wirklichkeit oder gerade wegen dieser Wirklichkeit, die mehrheitlich nicht dünne Deutsche kennt, ist das Ideal des dünnen Deutschen allgegenwärtig, wie sich z.B. bei der AOK nachlesen lässt. Und mit anscheinend gutem Grund, sind Dicke, besonders Adipöse doch die ersten, die Kankheit befällt und die der Sensenmann dahin rafft: „Die Adipositas ist eines der größten, chronischen Gesundheitsprobleme der westlichen Industrieländer“. Welcher Art die Probleme sind, denen Dicke sich gegenübersehen? Vielfältig: Bluthochdruck, Diabetis Mellitus, Arterienverkalkung, Herzinsuffizienz, ein höheres Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, Beinvenenthrombosen und alle Probleme konspirieren mit den einem ultimativen Ziel: Das Leben eines Adipösen zu verkürzen.

Thaler NudgeIst es da ein Wunder, dass wohlmeinende europäische Regierungen assisstiert von wohlmeinenden Wissenschaftler, die z.B. einen liberalen Paternalismus erfunden haben, versuchen, die unvernünftigen Menschen, die essen, was ihnen nicht bekommt oder zu gut bekommt, mit Verhaltensködern wie höheren Steuern auf Fettsäuren und Zucker oder einer ganzen Reihe wohlgemeinter Beratungsangebote und Hilfestellungen auf den Weg zum dünnen Staatsbürger locken wollen? Nein! Angesichts hoher Kosten für überstrapazierte Versicherungssysteme, die Dicke vermeintlich verursachen, ist dies kein Wunder. Aber verursachen Dicke auch wirklich höhere Kosten als z.B. mitversicherte Kinder, beinbrechende Skifahrer, in-Vitro-Fertilisations-Süchtige oder waghalsige Autofahrer?

Nun, eine solche Frage hätte früher, also z.B. in den 1970er oder 1980er Jahren, eine hohe Wahrscheinlichkeit gehabt, den ein oder anderen Sozialwissenschaftler zu interessieren. Damals hätte sich bestimmt einer gefunden, der nicht nur diese Frage stellt, sondern sich darüber hinaus fragt, ob es sinnvoll ist, dass Regierungen in das Leben ihrer Bürger und regelnd, nein, steuernd (immer im Richtung auf das gute und bessere bzw. dünne Leben versteht sich) eingreifen. Damals, als sich z.B. Soziologen noch mit der Erklärung sozialer Fakten beschäftigt haben und sich nicht im Gewirr der eigenen Konstruktionenen einer sozialen Wirklichkeit verfangen haben bzw. nicht damit beschäftigt waren, den linken Robin Hood für Arme, nein Alleinerziehende zu geben, damals wäre der ein oder andere darauf gekommen, dass Handlungen, so geplant und absichtsvoll sie auch sind, immer auch unbeabsichtigte Handlungsfolgen zeitigen. Dies ist das Elend u.a. der sozialistischen Planwirtschaft: Da niemand allwissend ist, auch Sozialisten nicht, Entscheidungen aber generell auf die Zukunft zielen, kann niemand sicher sein, dass seine Entscheidungen auch die Folgen haben und nur die Folgen haben, die er beabsichtigt hat. Die Geschichte der DDR ist voller unbeabsichtigter Folgen, am besten dokumentiert im chronischen Knappheiten von Ressourcen und Produkten aller Art.

Von diesem kurzen Ausflug ist es nur ein kleine Transferleistung, um bei der Erkenntnis anzugelangen, dass dann, wenn Planung nicht garantieren kann, dass das beabsichtigte Ziel erreicht wird, es vielleicht auch nicht so geschickt ist, das Leben anderer Menschen, z.B. Dicker, also deren Verdünnung zu planen. Möglicherweise hat die verordnete Schlankheitskur, hat der verordnete Trimm-Dich-Aufenthalt in Oberfranken eine unbeabsichtigte Folge, die das Leben des betroffenen Dicken nicht verlängert, sondern im Gegenteil verkürzt.

keep_calm_and_eat_chocolateUnd in der Tat und das mag manche Dicke trösten, die durch Fitnesstrainer zum Schlaganfall getrieben wurden, don’t worry: Ihr habt eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Dünne und Normalgewichtige! Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Wolfram Döhner, Johannes Schenkel, Stefan D. Anker, Jochen Springer und Heinrich J. Audebert gerade im European Heart Journal (Advanced Access) veröffentlicht haben.

Die Untersuchung basiert auf 4.428 Personen, die einen Schlaganfall erlitten haben. Die Autoren haben für diese 4.428 Schlaganfall Patienten eine Reihe von Informationen gesammelt, u.a. ihren BMI, und sie haben sich 30 Monate, nachdem die Patienten mit einem Schlaganfall in einem Krankenhaus eingeliefert wurden, dafür interessiert, was aus Ihnen geworden ist. Was sie dabei herausgefunden haben, ist eine frohe Botschaft für Dicke: Mit zunehmendem BMI sinkt das Risiko, an einem Schlaganfall zu sterben, nach einem Schlaganfall Pflegefall zu sein oder nach einem Schlaganfall eine Behinderung davon zu tragen. Im Klartext: Je fetter, desto höher sind die Chancen, einen Schlaganfall unbeschadet zu überstehen. So haben Adipöse im Vergleich zu Normalgewichtigen eine rund doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, nicht an einem Schlaganfall zu versterben, im Vergleich zu Untergewichtigen ist die Wahrscheinlichkeit gar rund 4 Mal höher (In Zahlen: 61% der Untergewichtigen, 35% der Normalgewichtigen und 13% der stark Adipösen sterben an den Folgen eines Schlaganfalls). Offensichtlich hat ein Dicker mehr Reserven, die er im Falle eines Schlaganfalls aktivieren kann.

Die höhere Überlebenswahrscheinlichkeit Dicker im Vergleich zu Normalgewichtigen, ihr geringeres Risiko als Folge eines Schlaganfalls Pflegefall oder behindert zu sein, scheint die ausgleichende Gerechtigkeit u.a. dafür zu sein, dass Dicke eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, einen Schlaganfall zu erleiden, und es scheint die ausgleichende Gerechtigkeit für all die Interventionen und wohlgemeinten Ratschläge zu sein, die Dicke aufgrund ihrer Lebensführung erdulden müssen.

Wohin führt nun dieses Ergebnis all die vielleicht gut gemeinten Versuche, Dicke zu verdünnen? Nun, im Falle eines Schlaganfalls führen diese Versuche die ehedem Dicken mit höherer Wahrscheinlichkeit in ihr Grab. Entsprechend muss man entweder den Schlaganfall verbieten, wenn man die Planung des idealen Lebens als Dünner nicht aufgeben will oder damit aufhören, das Leben anderer, das Essen anderer, das Körpergewicht anderer zu planen bzw. dessen ideale Ausformung vorzugeben. Es gibt eben keine Alternative zur Eigenverantwortung und dazu, dass jeder nach seiner Façon und eben nicht nach Façon seiner Regierung und ihrer Horden von Erfüllungsgehilfen selig werden soll.

Döhner, Wolfram, Schenkel, Johannes, Anker, Stefan D., Springer, Jochen & Audebert, Heinrich J. (2013). Overweight and Obesity are Associated with Improved Survival, Functional Outcome, and Stroke Recurrence after Acute Stroke or Transient Ischaemic Attack: Observations form the TEMPiS Trial. European Heart Journal (Advanced Access) doi:10.1093/eurheartj/ehs340.

Die Grenzen des Paternalismus

Viele westliche Regierungen und allen voran die deutsche Regierung haben es in ihren Bemühungen, ihr Paradies auf Erden herbeizuregulieren und ihren Bürgern die Last eigener Entscheidungen weitgehend abzunehmen, recht weit gebracht: Raucher werden kontinuierlich, über Steuern und Warnhinweise auf die Schädlichkeit ihres Tuns aufmerksam gemacht, Atomkraftwerkebetreiber gelten nach Bankern als die größten Volksschädlinge, Männer, deren Lebenserwartung um rund fünf Jahre hinter der von Frauen zurückbleibt, werden zum Sport treiben animiert, denn der Mangel an Bewegung bedingt die kürzere Lebenserwartung. Glühbirnen, Bananen, Benzin, Fettsäuren, einfach alles, was von den unmündigen Bürgern in der falschen Weise gebraucht oder verbraucht wird, wird zu deren Wohl und damit sie sich um die richtige Nutzung keine Sorgen machen müssen, aus dem Verkehr gezogen, besteuert, standardisiert oder einfach verboten. Im so begrenzten Angebot müssen sich „die Bürger“ dann keine Sorgen mehr über die richtige Wahl machen, denn das, was es zu wählen gibt, ist von „wohlmeinenden“ Staatslenkern vorsortiert.

Der staatliche Großversuch „Paradies durch Regulierung“ erfährt Unterstützung nicht nur von denen, die seit je her den Hauptzweck ihres Daseins darin gesehen haben, Pläne für andere aufzustellen und anderen dabei zu helfen, ihr vermeintlich falsches Bewusstsein zu überwinden, auch Autoren, die sich für liberal erklären, entdecken den Paternalismus und neuerdings gibt es den Paternatlismus auch in seiner „bourgeoisen“ Variante. Egal, von welchem ideologischen Aussichtspunkt Paternalismus betrieben wird, immer zielt er darauf, individuelle Wahlfreiheit zu begrenzen und immer verspricht er den so Bevormundeten das bessere Leben. Dieses Versprechen setzt voraus, dass die Versprecher sich im Besitz der Formel zum Lebensglück, zum besseren Leben wähnen (nicht befinden), und es setzt voraus, dass sie bestimmen können, was der Sinn des Lebens nicht nur für sie selbst, sondern vor allem für andere ist. Und gerade an diesem Punkt zeigt das Projekt „Paternalismus“ doch erstaunliche Lücken, gerade wenn es darum geht, die Gefahren für das Leben bzw. die als richtig angesehene Länge des Lebens zu beseitigen, sind Rezepte und Zielgruppen der Lebenslängeverbesserungs-Projekte, wie man in der Statistik sagt, doch sehr verzerrt.

So zum Beispiel beim Thema Krebs und Herzkreislauferkrankungen. Haupttäter in der Herbeiführung von Ersterem ist angeblich  Rauchen, Raucher entsprechend geächtet, als Hauptursache für Letzteres gilt gemeinhin Bewegungsmangel, Jogging- oder Quer-Feldein-Radfahr-Verweigerer sind entsprechend bedenklich. Die Mission für ein gesünderes Leben, die Regierung, Krankenkassen und Verbände aller Art in trauter Eintracht gegen Raucher und Bewegungsmuffel vorgehen lässt, lenkt indes den Blick von einem weiteren Spielfeld für den Paternalismus ab: dem Fleischkonsum.

Eine nagelneue Studie eines Forscherteams von der Harvard School of Public Health kommt zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Schweinefleisch, Rinderfleisch, Kalbfleisch oder Lammfleisch in behandelter oder nicht behandelter Form das Risiko an Krebs oder an einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zu sterben, erheblich erhöht: „…we found that a higher intake of red meat was associated with a significantly elevated risk of total CVD [cardio-vascular disease] and cancer mortality, and this association was observed for unprocessed and processed food“ (An, 2012). In aller Kürze: Wer viel Schweine-, Rinder, Kalb- oder Lammfleisch isst, ist auf gutem Weg sein Leben nicht nur vorzeitig, sondern durch entweder Krebs oder eine Herzkreislauferkrankung zu beenden.

Die Studie aus Harvard ist insofern ein Schwergewicht unter der mittlerweile großen Zahl von Studien zu den Ursachen von Tod durch Krebs- und Herzkreislauf-Erkrankungen, als:

  • die Studie auf einer Grundgesamtheit von 121.342 Männern und Frauen basiert,
  • für diese 121.342 Männer und Frauen Daten seit 1986 vorhanden sind und im Abstand von jeweils zwei Jahren Daten erhoben wurden;
  • der Zeitraum, für den die Untersuchung Daten zur Verfügung hat, somit von 1986 bis 2006 reicht,
  • in diesem Zeitraum 23.926 Befragungsteilnehmer verstarben, 5.910 an einer Herzkreislauf-Erkrankung und 9.464 an Krebs,
  • aus den Ergebnissen die Effekte, die z.B. von Rauchen, Trinken oder Übergewicht auf die Sterbewahrscheinlichkeit ausgehen, herausgerechnet wurden,
  • die Ergebnisse aus einer durchdachten und sehr genauen statistischen Analyse resultieren.

Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der Studie können nicht von der Hand gewiesen werden. Und im Wesenlichen besagen die Ergebnisse, dass die Esser von Schweine-, Rind-, Kalb- oder Lammfleisch ein um 16% höheres Risiko als Nicht-Esser der genannten Fleischsorten haben, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu versterben und ein um 10% höheres Risiko an Krebs zu sterben. Wer die genannten Fleischsorten in verarbeiteter Form zu sich nimmt, der hat ein um 21% höheres Risiko an einer Herzkreislauf-Erkrankung zu sterben und ein um 16% höheres Risiko wegen Krebs das Dieseits zu verlassen als jemand der keine dieser Fleischsorten isst (An, 2012).

Damit haben sich Schweine-, Rind-, Kalb- und Lammfleisch in die Reihe der „Killer“, der Lebensverkürzer eingereiht. Sie stehen mit Rauchen und dem Konsum von Alkohol in einer Reihe und bereiten Paternalisten aller Provenienz Kopfzerbrechen. Was tun? Packungsaufdrucke der Art: „Schweinefleisch tötet“ oder „Der Verzehr von Rindfleisch erhöht ihr Risiko, an Krebs zu sterben“? Steuern auf Schweine, Rind-, Kalb- und Lammfleisch, um die unmündigen Konsumenten vom Kauf dieser von der Fleischindustrie in böser Absicht angebotenen Todesursachen abzuhalten? Ein Verzehrverbot für alle genannten Fleischsorten? Man kann die paternalistischen Köpfe bereits rauchen sehen, rauchen im metaphorischen Sinne natürlich – oder auch nicht? Denn immer dann, wenn die Resultate paternalistischer Eingriffe in die Wahlfreiheit von Konsumenten zu nahe an den Lebensstil der Regulationen erlassenden Mittelschicht gelangen, ist es merkwürdig still, wenn es zur Regulation kommt. Wie viel einfacher ist es, dem Arbeiter seinen Korn, dem Dicken aus der Unterschicht seine fetten Pommes oder dem Maurer am Bau seine Zigarette zu besteuern oder madig zu machen als dem gesitteten Besucher des Italieners an der Ecke seinen Grappa oder Valpolicella? Und wenn es an das Sirloin oder Filet-Steak geht, dann ist Schluss mit Paternalismus – wetten?

Salmonella

Aber nein, so ganz können Paternalisten das paternalistisch sein nicht lassen. So hat unlängst das Robert-Koch-Institut vor dem Verzehr von rohem Fleisch gewarnt. Beim Bundesamt für Risikoforschung hat diese Warnung Niederschlag unter der Überschrift „Hackepeter und rohes Mett sind nichts für kleine Kinder!“ gefunden. Die Überschrift wird gefolgt von einer höchst unappetitlichen Beschreibung der Inhaltsstoffe rohen Fleisches (Campylobacter, Salmonella Enteritidis, Yersina enterocolitica usw.), gefolgt von einer nicht weniger ekeligen Beschreibung der Folgen, die der Verzehr der genannten Inhaltsstoffe nach sich zieht. Aber: Entwarnung ist angesagt, Salmonellen sind offensichtlich in der Lage, nach Alter zu diskriminieren und so schadet Hackepeter nicht dem gemeinen Menschen, sondern nur kleinen Kindern (und Schwangeren versteht sich). Das mag den Erwachsenen ein Trost sein, die mit den einschlägigen Folgen einer „milderen“ Salmonellenvergiftung konfrontiert sind, die sich in allen Richtungen des Verdauungsweges Bahn brechen. Meldungen wie diese lassen vermuten, dass es noch ein weiter Weg ist, bis sich die paternalistischen Schutzmaßnahmen auch auf den Konsum von Fleisch erstrecken – immer vorausgesetzt, es werden keine Kinder oder gar Schwangere durch den Verzehr von Fleisch nachweislich und in großer Zahl geschädigt. Und so zeigt sich der Paternalismus als das, was er ist, en Herrschaftsinstrument, mit dem vermeintlich wohlmeinende Gutmenschen einen Herrschaftsanspruch begründen wollen, mit dem sie den Lebensstil anderer kontrollieren und beschränken, und das die nette Nebenwirkung mit sich bringt, den eigenen Lebensstil für sakrosankt zu erklären.

Literatur
An, Pan, Qi, Sun, Bernstein, M. Adam, Schulze, Matthias B., Manson, JoAnn E., Stampfer, Meir J., Willett, Walter C. & Hu, Frank B. (2012). Red Meat Consumption and Mortality. Archive of Internal Medicine; Online First.

Legitimationsforschung – Sozialwissenschaftler als Wegbereiter der Paternalisierung

Im letzten post haben Dr. habil. Heike Diefenbach und ich die Meinung vertreten und begründet, dass der Vorsatz, anderen etwas Gutes tun zu wollen, Teil eines Syndroms ist. Dieses Syndrom zeichnet sich dadurch aus, dass sich seine Inhaber von der realen Welt abkapseln, ihre guten Absichten auf der Grundlage von keinerlei oder verzerrter Information über die Wirklichkeit bergünden und letztlich auch nur an „Maßnahmen“ und den mit ihnen einhergehenden finanziellen und personellen Vorteilen interessiert sind, nicht jedoch daran, ob ihre „Maßnahmen“ überhaupt benötigt werden und welchen Nutzen oder Schaden die „Maßnahmen“ in der Realität hinterlassen. Im Bemühen, so wenig wie nur möglich Realität zur Kenntnis nehmen zu müssen, werden die von uns als „Gutmenschen“ bezeichneten Akteure von einer Vielzahl von u.a. Sozial“wissenschaftlern“ unterstützt, die das Material für die kollektive Weltflucht liefern. Ein gutes Beispiel dafür ist ein neuer Beitrag in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, der sich mit der „Bedeutung der familialen Lebenswelt für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ beschäftigt.

Die Autoren dieses Beitrags, Petra Rattay, Thomas Lampert, Hannelore Neuhauser und Ute Ellert fassen die Ergebnisse ihrer Analysen wie folgt zusammen: „Auf der Basis der vorgestellten Ergebnisse kristallisiert sich als zentraler Ansatzpunkt einer familienorientierten Gesundheitsförderung die Verbesserung des innerfamilialen Klimas heraus. Gerade Strategien der Gesundheitsförderung, die die Verbesserung der sozialen Lebenschancen von benachteiligten Familien mit der Erweiterung von Verwirklichungschancen und Lebenskompetenzen von Eltern und Heranwachsenden und der Schaffung eines guten innerfamilialen Klimas verbinden, sind somit als zukunftsweisen einzustufen. … Hier wäre die Verzahnung der Gesundheitsförderung mit der Kinder- und Jugendhilfe hilfreich … Darüber hinaus scheint eine stärkere Vernetzung der familialen Lebenswerlt mit anderen pädagogischen Settings sinnvoll. … Eine ‚familienfokussierte Settingstrategie‘ … erscheint somit insbesondere dann erfolgreich, wenn sie die Familien mit ihren Vernetzungen wahrnimmt und über die Familien ‚gesündere‘ Handlungsoptionen anzubieten vermag …“ (Rattay et al., 2012, S.167).

In aller Kürze kann man die politisch korrekt formulierten Forderungen wie folgt übersetzen: Kinder aus der Unterschicht (= benachteiligte Familien) sind häufiger krank, was vor allem am innerfamilialen Klima liegt (viel Streit, viel Alkohol, viel … [passendes Negativum einsetzen]), weshalb man Unterschichtsfamilien durch staatliche Institutionen (in denen viele Mittelschichtler beschäftigt sind) überwachen muss (familienfokussierte Settingstrategie), was es erforderlich macht, die entsprechenden staatlichen Institutionen (Sozial- und Jugendämter) mit zusätzlichen Befugnissen, (finanziellen) Mitteln und Angestellten auszustatten (Verzahnung der Gesundeitsförderung).

Diese weitreichenden Forderungen stehen am Ende eines 23seitigen (ohne Literaturverzeichnis) Beitrags, der auch insofern irritierend ist als die 23 Seiten sich auf 13 Textseiten und 10 Seiten, die mit Tabellen angefüllt sind, verteilen. Aber das ist nicht das einzige, was an dem Beitrag und seinen weitreichenden Forderungen irritiert. Die Reihe der irritierenden Ergebnisse beginnt damit, dass die Autoren nicht den Gesundheitszustand von Kindern gemessen haben, wie sie behaupten, sondern die Einschätzung der Gesundheit von Kindern durch ihre jeweiligen Eltern (wobei unklar bleibt, wer die Eltern sind, ob Väter, Mütter oder beide befragt wurden): „Wie würden Sie den Gesundheitszustand Ihres Kindes im Allgemeinen beschreiben?“ (sehr gut, gut, mittelmäßig, schlecht, sehr schlecht“; Rattay et al., 2012, S.150). Der Einfachheit halber haben die Autoren die Kategorien „sehr gut“ und „gut“ als „gute Gesundheit“ und „mittelmäßig“, „schlecht“ und „sehr schlecht“ als „nicht gute Gesundheit“ zusammengefasst. Wer also bei der nächsten Befragung nach der Gesundheit seines Kindes gefragt wird, sollte nicht mittelmäßig sagen, weil das „nicht gut“ bedeutet und nicht etwa „nicht schlecht“. Selbst durch diesen Trick gelingt es den Autoren lediglich 1.171 von 17.392 befragten Eltern als Eltern von Kindern mit als nicht gut eingeschätzter Gesundheit zu identifizieren.

Aber gut, besser 1.171 als gar keine Eltern, die die Gesundheit ihrer Kinder als“ nicht gut“ einschätzen. Für diese 1.171 Kinder, von denen ihre Eltern sagen, ihre Gesundheit sei  „mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht“ (nicht gut in der Diktion der Autoren) untersuchen die Autoren nun, wie sie sich von den Eltern unterscheiden, die die Gesundheit ihrer Kinder als gut (also „gut“ oder „sehr gut“) bezeichnen. Sie tun das für eine Vielzahl von unabhängigen Variablen, von denen sie, warum auch immer einen Effekt auf die Einschätzung der Gesundheit von Kindern durch ihre Eltern erwarten. Leider gibt es keinerlei theoretische Begründung für die Wahl von Variablen wie „Geschlecht“, „Zusammenwohnen mit beiden Elternteilen“, „Wohnfläche pro Person“, „Migrationshintergrund“, „Sozialstatus Eltern“, „Übergewicht Eltern“, „Rauchen in Wohnung“, „Stillen“, „Familienklima“. Doch nicht nur darüber, weshalb die Autoren die Variablen nutzen, die sie nutzen, wird der Leser des Beitrags im Dunkeln gelassen, die Frage, wie die entsprechenden Variablen gemessen wurden, wird ebenfalls nicht beantwortet. Dies ist in Teilen verschmerzlich, denn die Frage nach dem Rauchen kann man sich ungefähr vorstellen, bei zentralen Konzepten wie dem Familienklima, das die Autoren in ihren Forderungen als besonders wichtig betonen, ist dies jedoch ebenso unverzichtbar wie bei der Messung des Sozialstatus‘. Da die Befragten nicht gefragt wurden, ob sie einen niedrigen Sozialstatus haben oder starke Defizite im Familienklima aufweisen, den entsprechenden Befragten der „niedrige Sozialstatus“ und die starken Defizite im Familienklima von den Autoren aufgrund anderer Angaben der Befragten zugeschrieben wurden, ist es für die Interpretation der Ergebnisse unerlässlich, dass man weiß, wie gemessen wurde, was die Autoren ihren Lesern hier einfach als gegeben unterschieben wollen.

Dessen ungeachtet rechnen die Autoren munter drauflos, und zwar logistische Regressionen (- deshalb die dichotome abhängige Variable mit den Ausprägungen „gut“ „nicht gut“ – ein wenig Datenreduktion aus technischen Gründen). Die vielen Ergebnisse, die die Autoren in Modellen berechnen und Tabellen berichten, zeichnen sich dadurch aus, dass  es dem Leser unmöglich ist, die Qualität der berechneten Modelle nachzuvollziehen. Die berichteten Koeffizienten werden ohne Signifkanzen ausgewiesen (ein kapitaler Verstoß gegen wissenschaftliche MIndeststandards), die Anzahl der Befragten, auf deren Angaben die einzelnen Berechnungen basieren, wird nicht berichtet (ein ebenso kapitaler Verstoß gegen wissenschaftliche MIndeststandards) und anstelle des üblichen Gütekriteriums (Hosmer & Lemeshows chi-quadrat) wird Nagelkerkes r-quadrat als Maß für die Güte der Modelle berichtet, also dafür, wie gut es mit den unabhängigen Variablen (Familienklima, Sozialstatus der Eltern …) gelingt, die Einschätzung der Gesundheit der Kinder durch ihre Eltern zu erklären. Da sich Nagelkerke’s Maß nicht als Gütekriterium eignet, wie sich in  vielen Veröffentlichungen zum Thema nachlesen lässt (am komprimiertesten: Hosmer & Lemeshow, 2000, S.164-167), ist es Standard, die Anzahl der durch die logistische Regression richtig klassifizierten Fälle anzugeben. Dass Rattay et al. dies unterlassen, ist entweder statistischer Ahnungslosgkeit geschuldet oder der Tatsache, dass ein Bericht dieses Gütekriteriums die weitreichenden Forderungen der Autoren in Frage gestellt hätte.

[Technische Erläuterung

Punkte"wolke" und zugehörige logistische Regressionskurve

Mit einer logistischen Regression werden Wahrscheinlichkeiten im Hinblick auf eine binäre abhängige Variable geschätzt. Im vorliegenden Fall wird die Wahrscheinlichkeit geschätzt, dass Kinder entweder eine von den Eltern eingeschätzte gute oder eine nicht gute Gesundheit haben. Für die unabhängigen Variablen, wie z.B. Familienklima oder sozialer Status der Eltern wird ihr jeweiliger Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern entweder eine „gute“ oder eine „nicht gute“ Gesundheit für ihre Kinder berichten, geschätzt. Entsprechend ist es möglich, die Befragten auf der Grundlage des berechneten Modells (also über die Werte der unabhängigen Variablen) in Befragte zu klassifizieren, die eine gute Gesundheit ihrer Kinder berichtet haben müssten, wäre das Modell richtig, und solche, die eine nicht gute Gesundheit ihrer Kinder berichtet haben müssten. Die so gewonnen Verteilung der Eltern kann man dann mit den tatsächlichen Antworten der Eltern vergleichen und bestimmen, wie hoch die Anzahl der Fehlklassifikationen ist (also wie viele Eltern müssten nach der Modellberechnung gesagt haben, ihre Kinder hätten eine „nicht gute“ Gesundheit, haben aber tatsächlich gesagt, ihre Kinder haben eine gute Gesundheit). Je mehr Fehlklassifikationen, desto schlechter das Modell. Dieses Gütekriterium ist das einfachste und am leichtesten zu interpretierende Maß, das ich kenne. Um so erstaunlicher, dass die Autoren es nicht berichten.]

Wie die oben zitierten Forderungen der Autoren zeigen, soll vom Familienklima eine besonders starke Wirkung auf die „eingeschätzte Gesundheit der Kinder“ ausgehen. Es setzt den berichteten Nachlässigkeiten bzw. Unterschlagungen die Krone auf, dass die Variable „Familienklima“ in keinem der von den Autoren dargestellten Modelle den behaupteten Stellenwert hat. In jedem Modell gibt es mindestens zwei Variablen, die besser erklären (zum Beispiel die Variablen „nie gestillt“ bzw. nie Vollzeit erwerbstätig, beide Variablen wirken sich negativ auf die Einschätzung der Gesundheit der Kinder aus).

Rattay et al. fordern am Ende ihres Beitrags vollmundig, dass sich staatliche Institutionen in das Leben von „benachteiligten Familien“ einmischen sollen, wobei benachteiligte Familien natürlich nicht der Mittelschicht entstammen, zu der die Autoren gehören, sondern der Unterschicht. Wie meine Darstellung gezeigt hat, werden die Forderungen der Autoren durch ihre Ergebisse in keiner Weise gestützt. Die Ergebnisse sind methodisch nicht nachvollziehbar, statistisch fragwürdig und stützen selbst dann, wenn man methodische und inhaltliche Fehler übersieht, die Interpretation der Autoren in keiner Weise. Somit stellt sich die Frage, wieso Rattay et al. die Schlüsse aus ihren Ergebnissen ziehen, die sie ziehen. Die einzige Antwort, die mir dazu einfällt, lautet: Es war von Anfang an klar, welche Ergebnisse die „Forschung“ erbringen soll. Die „Forschung“ ist Legitimationsforschung für paternalisierende Maßnahmen, und sie war zu keinem Zeitpunkt als an der Realität ausgerichtete Forschung gedacht. Das Ziel war einzig und allein die Legitimation weiterer staatlicher Eingriffe (oder die Bestätigung der eigenen Vorurteile gegenüber „benachteiligten Familien“, was davon schlimmer ist, weiß ich im Moment nicht). Entsprechend handelt es sich bei dem von Rattay et al. veröffentlichten Beitrag um Legitimationsbeschaffung, die mit der Realität nichts zu tun hat und nur dazu gedacht ist, die eigenen Traumwelten und die davon ausgehenden Paternalisierungen zu legitimieren. Es handelt sich dabei nicht um einen wissenschaftlichen Beitrag, was die Frage aufwirft, ob die Zeitschrift für Erziehungswissenschaft jetzt alles druckt ohne es durch ein Gutachterverfahren auf Qualität prüfen zu lassen oder ob die Gutachter ebenso wenig über wissenschaftliche Standards verfügen wiedie Autoren – was die Klassifikation der Gutachter als Lehrstuhlbesetzern nach sich ziehen würde.

Literatur
Hosmer, David W. & Lemeshow, Stanley (2000). Applied Logistic Regression. New York: Wiley.

Rattay, Petra, Lampert, Thomas, Neuhauser, Hannelore & Ellert, Ute (2012). Bedeutung der familialen Lebenswelt für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS). Zeitschrift für Erziehungswissenschaften 15(1): 145-170.

Bildnachweis
Rose Rubicondior

Erfolgreich Altern mit dem DIW!

Wie altert man erfolgreich? Über diese Frage bin ich im Zusammenhang mit dem Gender Life-Expectancy Gap schon einmal gestolpert. Männer in Bewegung, war damals das Motto; Männer in Bewegung leben länger, war die Meldung und, weil Männer zu wenig in Bewegung sind, leben sie fünf Jahre kürzer als die allzeit joggenden und sich bewegenden Frauen, das war die Botschaft, die die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung gerne unter das Volk gebracht hätte. Was davon zu halten ist, habe ich hier besprochen.

Heute geht es um ein anderes Rezept des erfolgreichen Alterns. Koch sind dieses Mal drei Autoren aus dem DIW, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, einem Institut, das sich nach meiner Wahrnehmung in letzter Zeit verstärkt bei Bundesbehörden anbiedert. Aus den Hallen des Berliner Wirtschafts-Instituts stammt also das neueste Rezept „erfolgreichen Alterns“, dieses Mal mit dem Titel: „Erfolgreich Altern: Lebensbedingungen in der Kindheit und soziale Ungleichheit haben großen Einfluss“. Das sind markige Worte und fast deterministische Aussagen (es bleibt ja nur ein „kleiner Einfluss“ für alles außer den Lebensbedingungen in der Kindheit und der sozialen Ungleichheit), so dass man sich als empirischer Sozialforscher sofort fragt: Mit welchen Daten belegen die drei DIWler ihre bereits in der Überschrift aufgestellte Behauptung?

Die Frage führt zunächst einmal zum erfolgreichen Altern. Bei der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung ist erfolgreiches Altern dann gegeben, wenn man alt wird. Das macht auch unmittelbar Sinn, denn von einem, der mit 40 stirbt, kann man kaum sagen, er sei erfolgreich gealtert. Beim DIW ist man jedoch nicht so bescheiden: Nicht das Altern an sich, nein die Art des Alterns macht den Erfolg im erfolgreichen Altern. Erfolgreich altert wer Krankheiten und Gebrechen vermeidet, wer eine hohe physische und kognitive Leistungsfähigkeit aufrecht erhält, wer sich kontinuierlich (sic !) in sozialen und produktiven Aktivitäten engagiert. Erfolgreich gealtert ist demnach ein Rentner, der im Alter von 79 Jahren am Stadtmarathon in Berlin teilnimmt, die Strecke aus dem Kopf kennt und die 42,195 Kilometer in weniger als drei Stunden zurücklegt. Das ist natürlich das Ideal, vermutlich machen die drei DIWler Abstriche zu Gunsten der Realität und finden auch den Opa, der sich mit dem Fahrrad auf den Weg zum bundesfreiwiligen Einsatz als unentgeltlicher Fahrer für Essen auf Rädern macht, als passablen, erfolgreichen Alterer.

Brandt, Deindl & Hank (2012), S.13

Damit wäre die abhängige Variable (erfolgreiches Altern) beschrieben (wenn auch nicht geklärt ist, wie die Autoren ihre abhängige Variable gemessen haben), und die nächste Frage, die sich stellt, lautet: Wie schafft man es, einen solchen Hochleistungsrentner herbeizuzüchten. Die Antwort aus dem DIW ist eindeutig (siehe Abbildung):

Hochleistungsrentner ist,

  • wer in der Kindheit von möglichst wenigen Geschwistern belästigt wurde;
  • wer viele Bücher im Haushalt vorgefunden hat;
  • wer gute mathematische Fähigkeiten in der Schule hatte;
  • wer nicht schlechter als andere in der Kindheit sprechen konnte;
  • wer in der Kindheit gesund war;

Diese erstaunlichen Determinanten „erfolgreichen Alterns“ haben die drei DIWler durch die Befragung von Menschen erreicht, die zum Befragungszeitpunkt mindestens 50 Jahre alt waren, die also nicht nach 1958 (die Befragung war 2008) geboren sind. Und natürlich sind die Ergebnisse nach Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen kontrolliert. Nur: Was bedeuten die Ergebnisse? Wie wird aus der Sammlung von Büchern von Enid Blyton oder Charles Dickens erfolgreiches Altern? Kommt man dem Geheimnis durch Lesen auf die Spur? Wieso schlägt sich der Bücherbestand nicht auf die Deutschnote nieder, und warum hat die Deutschnote keinen Anteil am erfolgreichen Altern? Wieso sind Geschwister hinderlich? Wieso ist die Mathematikleistung im Jahre 1965 ein Garant für erfolgreiches Altern 50 Jahrre später? Schaffen es Menschen, die rechnen können eher, sich und ihr Vermögen vor dem Zugriff des Sozialstaats zu sichern? Und wie hat sich die Einführung von Taschenrechnern auf das erfolgreiche Altern ausgewirkt? Fragen über Fragen. Aber lassen wir die Fragen, die wieder nur in defätistischer Weise das vollständige Fehlen einer theoretischen Fundierung zeigen und daher nur geeignet sind, die Ergebnisse als theorielose Willkür offen zu legen, was dann notwendig dazu führt, dass man mit den genannten Variablen vermutlich auch die bessere Spül- oder Abtrockenleistung im Alter erklären kann, beiseite und nehmen wir uns vor, das Ergebnis aus Berlin ernst zu nehmen. Denn: Eine Variable aus der Abbildung, die wichtigste, fehlt noch: die soziale Ungleichheit.

Soziale Ungleichheit verhindert erfolgreiches Altern, so behaupten die Berliner, und der Zahlenwert in der Abbildung belegt die Behauptung anscheinend. Allerdings ist der Gini-Koeffizient, der soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft misst, ein Koeffizient aus der Jetztzeit, der also rückwirkend auf die Kindheit der Befragten wirken muss: Das Ausmaß sozialer Ungleichheit im Jahre 2008  wirkt in der Vergangenheit, also in den Jahren 1958 bis vielleicht 1928, es ist quasi ein mit Lichtgeschwindigkeit reisendes Partikel, das obwohl heute gegeben, die Vergangenheit zu beeinflussen im Stande ist. Aber, halt, ich tue den drei DIWlern Unrecht. Sie haben nämlich bemerkt, dass ihr Gini-Koeffizient aus der Jetztzeit sich schwer tut, die Vergangenheit, also die Kindheit der Befragten zu beeinflussen. Deshalb stellen sie eine Behauptung auf, die einem sprachlos macht: „Ein aktuelles Maß der Einkommensungleichheit zum Befragungszeitpunkt, wie wir es in unserer Untersuchung verwenden, vermag … bis zu einem gewissen Grad auch die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen während der Kindheit zu reflektieren“.

Ich habe mir vorgenommen, die Autoren ernst zu nehmen. Also nehme ich sie auch ernst: Wer 1928 geboren wurde und in seiner Kindheit das Dritte Reich erlebt hat, der ist also unter ähnlichen wirtschaftlichen Bedingungen aufgewachsen wie jemand, der 2008  aufwächst, so die Autoren. Wer im Dritten Reich geboren wurde und in seiner Kindheit den Zweiten Weltkrieg durchlebt hat, für den gilt dasselbe, und wer in der Zeit des Wirtschaftswunders groß geworden ist, der hat auch keine anderen wirtschaftlichen Bedingungen vorgefunden als jemand, der 2008  seine Kindheit erlebt. Was tut man nicht alles, um einen Einfluss von sozialer Ungleichheit auf was auch immer herbei zu konsturieren. Offensichtlich ist die Not, einen negativen Effekt für soziale Ungleichheit zu konstruieren, so groß, dass man als Autor im DIW seine kognitiven Fähigkeiten verleugnet und entsprechend seine Disposition, erfolgreich zu altern, in Frage stellt (möglicherweise gelingt es, die kognitiven Defizite durch Teilnahme am Berlin-Marathon zumindest teilweise zu kompensieren…).

Und dann, auf Seite 13 des DIW-Pamplets ist es mir dann entgegen aller Vorsätze nicht mehr möglich, die Autoren ernst zu nehmen. Dort steht: „Entsprechend unserer Erwartung auf Basis früherer Befunde zeigt sich weiterhin, dass die Chancen, erfolgreich zu altern, mit zunehmendem Alter stark abnehmen“. Je älter man also wird, um so weniger erfolgreich ist man gealtert. Es sind eben solche Absurditäten, es ist ein solcher Unsinn, der dazu führt, dass Soziologie und Sozialwissenschaften in Deutschland den schlechten Ruf haben, den sie haben. Variablensoziologie ohne Sinn und Zweck, von der die Autoren zwar nicht wissen, aus welchen theoretischen Gründen, wohl aber aus welchen ideologischen Gründen sie sie durchführen, ist geeignet auch noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit deutscher Sozialwissenschaften zu zerstören, und deshalb wäre es an der Zeit, dass die Sozialwissenschaftler, die noch einen Funken von wissenschaftlichem Ethos im Leib haben, den Mut finden etwas gegen ideologischen Unsinn wie den aus dem DIW zu unternehmen.

Brandt, Martina, Deindl, Christian & Hank, Karsten (2012). Erfolgreich Altern: Lebensbedingungen in der Kindheit und soziale Ungleichheit haben großen Einfluß. DIW-Wochenbericht 7/2012.

Bildnachweis:
Roy Doty
Stimmel.de

Fünf Jahre wegen Joggen! Offizielle Erklärung für das „Gender Life-Expectancy Gap“

Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat man die Männer entdeckt. Und mit der Entdeckung der Männer ging eine weitere Entdeckung einher: Männer leben gut 5 Jahre kürzer als Frauen. Während ein heute geborener Junge eine Lebenserwartung von 77 Jahren hat, hat ein heute geborenes Mädchen eine Lebenserwartung von 82 Jahren. Nicht nur hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die unterschiedliche Lebenserwartung entdeckt, nein, die Bundeszentrale hat auch gleich einen Hauptgrund für das unterschiedlich lange Leben gefunden: Männer bewegen sich weniger als Frauen:

„Männer bewegen sich auch zu wenig. Laut einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts folgen nur knapp ein Viertel (23%) der Männer in Deutschland der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und sind fünfmal in der Woche 30 Minuten sportlich aktiv. Zur Förderung der Gesundheit bei Männern stellt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die Broschüre „Männer in Bewegung! Auswirkungen von körperlicher Aktivität auf die psychische (!sic) Gesundheit bei Männern“ und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) das Informationsportal http://www.männergesundheitsportal.de vor.

Zu lernen gibt es bei dieser Vorstellung für Männer – wie man sieht – eine ganze Menge: Sie treiben nicht regelmäßig Sport, obwohl Sport und Bewegung, wie Thomas Ilka weiß, wichtige Bestandteile einer gesunden Lebensweise sind und zudem Spaß bringen und die Stimmung heben. Männer, so geht es weiter mit erhobenem Zeigefinger, trinken mehr Alkohol als Frauen, rauchen mehr als Frauen und ernähren sich auch ungesünder, das weiß Prof. Dr. Elisabeth Poth beizusteuern (ohne Beleg übrigens), und deshalb und in aller Kürze, sind sie selbst schuld an ihrer im Vergleich zu Frauen kürzeren Lebenserwartung. (Die Broschüre bezieht sich übrigens wirklich auf die „psychische Gesundheit“ von Männern und das scheint mir dann ein Indiz dafür zu sein, dass hier Zynismus oder Unsinn betrieben wird, denn ich glaube nicht, dass Tod unter die psychischen Erkrankungen fällt…)

Diese Rabulistik ist mir doch etwas zu krude, um die unterschiedliche Höhe der Lebenserwartung von Männern und Frauen zu erklären, zumal das hohe Lied des Kollektivismus immer dann in Misstönen endet, wenn man es konkret anwendet, z.B. auf Erwin Horstkemper, der sein Geld bei der Müllabfuhr verdient. Fast täglich und mindestens fünf Mal in der Woche läuft Erwin mehrere Kilometer von Tonne zu Tonne, stemmt mehrere Kilo und nun soll er, weil er sich zu wenig bewegt und vermutlich zuviel trinkt, abends noch 30 Minuten im „schicken Dress“ aufs Mountain bike steigen und sich mit seinen 45 Jahren aufführen wie ein Jugendlicher? Und das soll gesund sein, soll ihm Spaß und eine gehobene Stimmung bringen? Oder wie wäre es mit Karl Weber. Karl Weber arbeitet auf dem Bau und trägt täglich etliche Kilo Steine, die er der Einfachheit halber auch gleich einmauert. Auch für Karl wäre es demnach gesund, abends noch ein paar Runden um seine Stammkneipe zu rennen, am besten in kurzen Hosen, damit die Kollegen in der Kneipe beim Bier auch was zum Lästern haben.

Die Beispiele zeigen zum einen, wie hanebüchen die Idee ist, die fünf Jahre längere Lebenserwartung von Frauen im Vergleich zu Männern hätte auch nur entfernt etwas mit „Bewegung“ zu tun, sie zeigt den Unsinn von Versuchen, kollektive Allheilmittel auf Individuen zu übertragen, und sie macht den sozialen Hintergrund derjenigen deutlich, denen der besagte kollektive Unsinn einfällt. Nur so viel: Sie arbeiten weder auf dem Bau noch bei der Müllabfuhr.

Ich habe die Bewegungsinitiative der Bundeszentrale zum Anlaß genommen, um die Todesursachenstatistik (die sinnvoller Weise der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zugeordnet ist) ein wenig genauer anzusehen. Dabei bin ich auf das ein oder andere Indiz dafür gestoßen, dass die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern eher dadurch erklärt wird, dass mehr Männer öfter und mehr arbeiten als Frauen. Wenn man das Gender Life-Expectancy Gap schließen will, dann kann man dass entsprechend nur dadurch, dass man Männer weniger und andere Arbeit und mehr zu Hause bleiben verordnet.

Die erste Hypothese, um zu belegen, dass Männer durch mehr Arbeit mehr Gelegenheit haben, ihr Leben zu verkürzen, lautet: Mehr Tote Männer durch Arbeitsunfälle. Die zugehörige Hilfshypothese lautet: Wer weniger zu Hause sitzt, hat mehr Gelegenheit, einen Unfall zu erleiden: Mehr Tote Männer durch Unfälle. Die folgende Abbildung zeigt, dass beide Hypothesen zutreffen. Wie man sieht, sind rund 97% aller durch einen Arbeitsunfall Getöteten männlich. Auch unter den Unfalltoten sind mehr Männer als Frauen, das Verhältnis lautet hier 55:45. Der Vergleich der Jahre 1998 und 2010 zeigt zudem, dass sich anteilig nicht viel verändert hat. Wenig verändert hat sich auch die Anzahl der Unfallopfer: Fielen 1998 11849 Männer und 8184 Frauen einem Unfall zum Opfer, waren es 2010 10956 Männer und 9287 Frauen. Die Menge der Arbeitsunfälle hat sich dagegen deutlich reduziert, von 601 toten Männern (33 tote Frauen) im Jahre 1998 auf 379 tote Männer (15 tote Frauen) im Jahre 2010. Ob es den bei Unfällen welcher Art auch immer Getöteten geholfen hätte, wenn Sie sich häufiger bewegt hätten, weniger getrunken und geraucht hätten?

Die zweite Hypothese lautet: eine höhere Belastung im Arbeitsleben schlägt sich in einer höheren vorzeitigen Mortalität nieder, d.h. in einem größeren Anteil von Männern, die versterben, bevor sie das Rentenalter erreichen. Dieser Hypothese unterliegt die Annahme, dass das Arbeitsleben mit seinen Anforderungen sich stärker auf die Gesundheit auswirkt als 30 Minuten Sport fünfmal in der Woche. Die nächste Tabelle zeigt vor diesem Hintergrund die Anzahl der vorzeitig (bevor sie das Alter von 65. Jahren erreicht haben) Verstorbenen auf die häufigsten Todesursachen für beide Geschlechter.

alle männlich weiblich
Vorzeitig Gestorbene 137431 90078 47353
Krebs 52099 29284 22815
Kreislauferkrankung 28453 21106 7347
Verletzung, Vergiftung 14368 10910 3458
Erkrankung Verdauungssystems 10774 7453 3321

Wie die Tabelle zeigt, sterben deutlich mehr Männer vorzeitig als Frauen: 90078 Männern stehen 47353 Frauen gegenüber. Die häufigsten Ursachen, die einen vorzeitigen Tod befördern, sind bei beiden Geschlechtern dieselben: Krebs, Kreislauferkrankungen, Verletzungen, Vergiftungen und Erkrankungen des Verdauungssystems. Könnte man diese größere Zahl vorzeitig sich aus dem Diesseits verabscheidender Männer dadurch reduzieren, dass man Männern mehr Bewegung, weniger Alkohol und Tabak und gesündere Ernährung verordnet oder sind die Ergebnisse nicht doch eher Folge davon, dass das Leben von vielen Männer um berufliche Aktivitäten und die Alleinernährerrolle zirkelt, während das Leben vieler Frauen von Kindern und Haushalt aufgefüllt wird? Wäre Ersteres der Fall, das Muster der Ursachen eines vorzeitigen Todes von Männern und Frauen müsste sich unterscheiden, wäre Letzteres der Fall, das Muster dürfte sich nicht unterscheiden. Wie die Abbildung zeigt, unterscheidet sich das Muster der Ursachen vorzeitigen Ablebens nicht: Männer wie Frauen sterben am häufigsten an Krebserkrankungen, an zweiter Stelle stehen für beide Geschlechter Kreislauferkrankungen als Todesursache, gefolgt von Verletzungen und Vergiftungen sowie Erkrankungen des Verdauungstrakts. Die Bedeutung der genannten Todesursachen für das vorzeitige Ableben ist also zwischen den Geschlechtern nicht unterschiedlich, was unterschiedlich ist, ist die Prävalenz, die Häufigkeit der Todesursachen. Und wenn eine Verteilung zu erklären ist, die zwischen zwei Gruppen im Muster identisch ist, sich nur in der Ausprägung unterscheidet, dann gilt es nach einer Variablen zu suchen, die sich systematisch zwischen beiden Gruppen unterscheidet, aber sich in gleicher Weise auf das Muster der Todesursachen auswirkt. Mir fällt dazu die höhere Erwerbsbeteiligung und die Beschäftigung von Männern in gefährlichen und körperlich fordernden Berufen ein – und nichts anderes.