Anonymität und das Betreiben von Blogs

Eigentlich ist heute ein Tag, an dem man es sich gut gehen lassen sollte, und das werden wir auch, wenn dieses Post veröffentlicht ist und wir „on the road“ sein werden, tun. Es ist ein Tag, wie aus dem Bilderbuch. Im GowerSüdosten sieht man den Gower, im Nordosten tauchen gerade die Brecon Hills aus dem Dunst auf, kurz: Ein Tag zum Genießen. Vor den Genuss gaben die Götter bekanntlich die Arbeit gesetzt und so will ich mich heute und in aller Kürzen mit etwas Beschäftigen, das mich schon seit längerem stört: Anonymität und Scheinheiligkeit.

Beides stört mich nicht, nein, es ärgert mich, jedenfalls dann, wenn ich gerade Lust habe, mich zu ärgern und jetzt gerade habe ich Lust mich zu ärgern (und dann ist gut!).

ScienceFiles ist über die letzten zwei Jahre, die es das blog nun gibt, stetig gewachsen. Derzeit haben wir täglich und im Durchschnitt 1.500 Besucher, bei nach wie vor steigender Tendenz. Mit dieser zunehmenden Bekanntheit geht nicht nur eine größere Verbreitung von unseren Inhalten einher, die zunehmende Bekanntheit hat auch die Konsequenz, dass es zu bestimmten Themen kaum mehr möglich ist, in den Kommentarspalten zu Beiträgen in Süddeutscher Zeitung, ZEIT, Spon, Welt oder FAZ keinen Link auf ScienceFiles zu finden, Letztere, wie kaum anders zu erwarten, in kritischer Absicht, um der heilen Welt der Ideologie im Artikel einen Schuss Realität von ScienceFiles entgegen zu setzen.

Entsprechend bleiben die Versuche, ScienceFiles zu diskreditieren nicht aus, wobei ich sagen muss, sie sind erstaunlich selten, was wir darauf zurückführen, dass unsere Argumentation eine wissenschaftliche Basis hat, und es entsprechend notwendig ist, uns mit Argumenten zu begegnen. Argumente, wiederum, benötigen eine Erkenntnisgrundlage, eine empirische Basis, und wo soll man eine empirische Basis herbekommen, die unseren Argumenten widerspricht, unsere Argumente in Frage stellt? Dazu müsste man sich um Fakten kümmern, sich in die von uns behandelten Materien einarbeiten und, viel schwieriger, uns einen Fehler in der Argumentation nachweisen.

Aber, vereinzelt gibt es Kommentatoren in Foren oder den entsprechenden Spalten von Zeitungen, die versuchen, ScienceFiles in Misskredit zu bringen und zwar auf eine Art und Weise, die mich deshalb ärgert, weil sie dumm ist und offen logische Fehler in die Welt schreit. Da gibt es z.B. den Kommentator Der Weisse Wal, bei der Süddeutschen Zeitung. Moby Dick, wenn man so will. Er meint folgendes vorbringen zu können, um ScienceFiles zu diskreditieren:

Okay … was jemand in seinem anonymen Blog schreibt [gemeint ist ScienceFiles], gilt ab dann automatisch als bewiesene Tatsache, das leuchtet ein.

SZ-LogoBei so viel Unsinn auf wenig Platz, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Also erstens ist das ein Fehlschluss ad hominem, denn ob jemand grün, gelb, blau, anonym, betrunken oder Kaffeetrinker ist, hängt in keiner Weise mit der Gültigkeit seiner Argumente zusammen. Erster Fehler. Zweiter Fehler, wenn man anonymen Quellen nicht trauen könnte, wie Der Weisse Wal sagt, was heißt das wohl für seinen gerade geschriebenen Text, den er als Anonymer schreibt. Er kreiert hier ein Kreter-Paradox (der Kreter, der sagt: Alle Kreter lügen), denn wenn man anonymen Quellen nicht trauen kann, dann ist der Aussage vom anonymen weißem Wal, wonach man anonymen Quellen nicht trauen kann, selbstreferentiell, dann kann man ihm auch nicht trauen usw.  Schließlich ist ScienceFiles kein anonymes blog, wie jeder weiß, der lesen kann.

MIgrantenfamilienScienceFiles wird von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein mit Unterstützung einer Reihe von Lesern und Informanten betrieben und zu behaupten, wir seien anonym oder so unbekannt, wie der Weisse Wal, der sich nicht einmal traut, seinen unbedeutenden Klarnamen anzugeben, ist Unsinn. Ich darf mit Stolz vermelden, dass Dr. habil. Heike Diefenbach und ich es geschafft haben, die Genderisten-Gemeinde 2002 mit einem Beitrag in helle Aufruhr zu versetzen, und bis heute haben Sie sich nicht davon erholt. Dr. Diefenbach ist die bedeutendste deutsche Soziologin, die nicht nur im Marquis Who is Who in the World seit Jahren einer der wenigen vertretenen deutschen Sozialwissenschaftler ist, sie blickt vielmehr auf eine große Anzahl von Publikationen zu Bildungsthemen, Themen soziologischer Theoriebildung sowie methodische Beiträge. Wer vor diesem Hintergrund der Ansicht ist, wir seien ein anonymes blog, an dessen Geisteszustand muss gezweifelt werden.

PsiramZweifel am Geisteszustand bringen mich zum nächsten Kommentatoren, der meint, er könne ScienceFiles diskreditieren. Der anonyme, ich wäre gern groß, aber leider muss ich mich in meiner virtuellen Welt mit dem Nickname „General Winter“ begnügen, findet sich im Forum von Psiram. Psiram ist ein Wiki für „notwendigen Realismus zu den Themen Esoterik, Religion, Gesundheit, und hilft Ihnen dabei, Ihren Geldbeutel zu schonen“.

Dazu sage ich jetzt nichts, schon weil der einizge notwendige Realismus, der mir zum Thema „Esoterik“ einfällt mit „Un“ anfängt und „sinn“ aufhört. Statt dessen will ich den Gedankengang von General Winter, mit dem er die Frage beantwortet, was von ScienceFiles zu halten ist, verfolgen. Er beginnt wie folgt:

Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Seite einen kommerziellen Hintergrund hat. Zumindest wird hier versucht Geld zu verdienen. Die Links zu Amazon sind noch das Harmloseste. Ganz unten steht zwar dies:

Es folgt ein Verweis auf die Möglichkeit, ScienceFiles zu spenden. Für alle, die es noch nicht entdeckt haben, die Möglichkeit befindet sich ganz unten, also: scrollen, scrollen und spenden! Und der Eindruck, den General Winter von ScienceFiles gewonnen hat, wird dadurch verstärkt, dass wir auf unsere Seiten Textconsulting, auf der man wissenschaftliche Leistungen aller Art nachfragen kann, sowie Vortrag und Rede, auf der man Reden und Vorträge nachfragen kann, verlinken. So also entsteht der Eindruck, mit ScienceFiles solle Geld verdient werden.

Ich fange einmal hinten an und wiederhole mich: ad hominem. General Winter, selbst wenn mit ScienceFiles Geld verdient werden sollte, würde dies nichts an der Qualität der Argumente ändern. Wenn Sie so große Probleme mit dem Geldverdienen haben, General Winter, dann suchen Sie bitte keinen Arzt mehr auf und versterben Sie bitte an der nächsten Gripppe, denn Ärzte machen ihren Job, um Geld zu verdienen.

Ich weiß natürlich nicht, wie das in einer esoterischen Welt ist, vielleicht lebt man in esoterischen Welten ja von Luft und Hass, aber ich glaube, dem ist nicht so. Eher lebt man in esoterischen Welten auf Kosten Dritter, die dafür aufkommen, dass man sich selbst mit dem Schein von „Unentgeltlichkeit“ umgeben und die entsprechende Scheinheiligkeit zur Schau tragen kann.

ScheidungstransmissionWie dem auch sei, wir bei ScienceFiles geben ganz offen zu, dass wir von etwas leben müssen. Wir geben ganz offen zu, dass wir unseren Lebensunterhalt immer selbst und nie über Transferleistungen finanziert haben, darauf sind wir sogar stolz und, noch was, General Winter, wir geben sogar zu, dass es uns Geld kostet, ScienceFiles zur Verfügung zu stellen. WordPress will Geld, die Zeit, die wir für ScienceFiles aufwenden, können wir nicht für Kunden aufwenden. Das mag in der General Winter Welt, in der man durch die Umsonst-Angebote schmarotzt ohne selbst etwas beizusteuern, anders sein, aber in der wirklichen Welt ist es nun einmal so, dass nichts umsonst ist, there is no free lunch. Und die Kosten, die ScienceFiles derzeit verursacht, übersteigen den finanziellen Nutzen, den wir daraus ziehen, bei weitem, aber wir haben natürlich einen Nutzen davon, virtuellen Generalen wie Winter, einen Fehlschluss nachzuweisen. Wir geben zu, dabei genießen wir eine intrinsische Belohnung. In jedem Fall  will ich nicht zu tief in diese Welt zivilbürgerlichen Engagements, die General Winter so unbekannt ist, einsteigen. Aber: General Winter, hören Sie auf zu schmarotzen und beteiligen sie sich, leisten Sie ihren Beitrag zum Gemeinwesen, fangen Sie mit ScienceFiles an. Wo der Link zur Spende für ScienceFiles ist, wissen Sie ja, und sie dürfen beim Spenden sogar anonym bleiben.

Geschlechtermanie: Der Abschlussbericht des mysteriösen Jungenbeirats beim BMFSFJ

Lange Zeit wurde so ziemlich alles, was den Jungenbeirat beim BMFSFJ umgab, gehütet, wie ein Staatsgeheimnis. Die Namen der Mitglieder des Jungenbeirats mussten – soweit es nicht die Jungen betraf – aus dem Ministerium für alle außer Männer herausoperiert werden, die Frage, warum diese und keine anderen Mitglieder in den Jungenbeirat berufen wurden, ist bis heute unbeantwortet. Transparenz ist, wie schon mehrfach auf ScienceFiles gezeigt wurde, nicht das, was deutsche Ministerien mögen.

Jungenbeirat colaAber nun ist er da – der Endbericht des Jungenbeirats. „Jungen und ihre Lebenswelten“ heißt das Werk, das gestern veröffentlicht wurde. 222 Seiten umfasst das Kompendium der Lebenswelten, und ich gebe gleich zu, ich habe die 222 Seiten nicht gelesen – noch nicht. Dabei enthält der Bericht interessant verpackte Ladenhüter wie: „Jungen- und Männlichkeitsforschung“ von Michael Meuser oder „Was heißt es heutzutage ein Junge zu sein?“ von Sylka Scholz oder „Leben in Scheidungsfamilien“ von Ricardo Sinesi oder „Die Bedeutung von Freundschaften im Jugendalter“ von Ahmet Toprak und schließlich: „Neue Medien für Jungs“ von Sebastian Leisinger. All das werde ich mir demnächst zu Gemüte führen, aber für’s Erste und angesichts der Kürze der Zeit, die ich zur Verfügung hatte, ist die Zusammenfassung des Endberichts ausreichend, um sich ein Bild über den Inhalt zu verschaffen.

Übrigens enthält der Endbericht eine Kurzbeschreibung der Mitglieder des Jungenbeirats, interessanter Weise auch der „Jungen-Experten“, deren Identität bislang gehütet wurde, wie das Nummerkonto der Parteizentrale in der Schweiz. Scheinbar sahen sich die Verantwortlichen beim BMFSFJ doch zu etwas mehr Transparenz gedrängt – nein, natürlich hatten sie von Anfang an vor, die Namen zu veröffentlichen. Nur eines veröffentlichen sie nicht: Den Grund dafür, warum gerade die Personen, die den Jungenbeirat besetzt haben, den Jungenbeirat besetzt haben – mit Ausnahme von Marc Calmbach, der Fund-Sourcing für Sinus betrieben hat, ist also der Weg in den Jungenbeirat, den die einzelnen Experten genommen haben, weiterhin ein Geheimnis.

Doch nun zur Zusammenfassung

Villagemachoman

Wahre Vielfalt! Click for more information!

Alles ist Vielfalt, so könnte man die Zusammenfassung zusammenfassen. Männliche Lebenswelten sind Vielfalt. Jungen sind Vielfalt, leben vielfältig, divers, unterschiedlich halt, in unterschiedlichen Alltagsrealitäten. Die Vielfalt wird vervollständigt oder ergänzt durch die „Vielfalt von Männlichkeitsentwürfen und Männerleben“ (216) und die Vielfalt von sexuellen Orientierungen und die Notwendigkeit, eine „reflexive Haltung gegenüber stereotypen Geschlechterbildern jedweder Art (Männerbilder, Frauenbilder, Bilder von Homosexuellen, Transsexuellen, Queers) im Sinne einer Anerkennung von Vielfalt zu fördern“ (216). Alles ist halt Vielfalt, nein, nicht alles, traditionelle Rollenvorstellungen sind nicht Vielfalt, sondern überholt und unpassend.

Die Bilder einer Frau, die im Supermarkt einkauft, und von einem Mann, der an einem Schreibtisch sitzt, die sich nach konkreten Erkenntnissen, die im Jungenbeirat gesammelt wurden, nach wie vor in Schulbüchern befinden, sind überholt und unpassend (216). Das Personal in Bildungsinstitutionen ist überholt, nein, natürlich ist es nicht überholt, sondern nur nicht gut ausgebildet, nein, auch nicht gut ausgebildet, noch nicht entsprechend weitergebildet, um mit der Vielfalt der Männlichkeiten und sexuellen Orientierungen Schritt zu halten, weshalb man dem Personal in Bildungsanstalten „Geschlechterbewusstsein“ vermitteln und „Genderwissen“ eintrichtern muss (216). Darüber hinaus muss alles reflexiv bearbeitet werden. Die notwendige „reflexive Haltung gegenüber stereotypen Geschlechtsbildern“ wurde bereits angesprochen, reflexiv muss auch der Umgang mit „Männerbildern“ sein (215), eine reflexive Auseinandersetzung mit hegemonialer Männlichkeit muss Jungen ermöglicht werden (215) usw. Bei so viel Reflexivität muss man erst einmal inne halten und nachdenken, um den Faden wieder zu finden.

Der Faden, der rote Faden, der die Zusammenfassung durchzieht, ist erstaunlich einfältig und gar nicht vielfältig. Da sind auf der einen Seiten die vielfältigen Lebenswelten und Männlichkeiten und Wünsche und Ansprüche und Anforderungen die auf Jungen einprasseln, von Jungen geäußert werden oder in denen Jungen leben, und auf der anderen Seite hat der Jungenbeirat nur eine einzige einfältige Wichtigkeit entdecken können, die es bei aller Vielfalt zu sichern gibt, nämlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (215), die attraktive Gestaltung der Elternzeit (217), die Erhöhung der Akzeptanz von Männern, „die einen Anspruch auf Elternzeit geltend machen“ (217). Nein, das ist keine Einfältigkeit, das ist Armseligkeit. Alles, was die wichtigen Herrschaften des Jungenbeirats Jungen zu bieten haben, ist deren Verpflichtung auf Familie und Beruf?

Die Vision des Jungenbeirats

Die Vision des Jungenbeirats

Alles, was sie zu bieten haben, besteht im Vorschlag, die „hegemoniale Männlichkeit“, unter der die Experten im Jungenbeirat ein Streben nach Dominanz über Frauen und andere Männer verstehen (und außer ihnen vermutlich nicht viele), gegen eine „hegemoniale Weiblichkeit“ zu tauschen. Nicht mehr das Bilden von Muskeln soll ein Jungenleben ausmachen, sondern das Wickeln von Windeln. Aber das ist natürlich nicht alles, was die Experten den jungen Männern zu bieten haben, für die ihr Bericht geschrieben sein soll. Nein, es gibt noch etwas anderes als fruchtbar zu sein und sich zu vermehren: Hausarbeit nämlich. Männer, so die tröstliche Botschaft aus dem Jungenbeirat: Männer, ihr müsst gar nicht Familienernährer sein, ihr dürft auch halbtags arbeiten und euch in der Freizeit dem eigenen Nachwuchs widmen, denn „Generativität“ ist „ein wichtiges Thema einer lebenslauforientierten Jungenpolitik. Vor dem Hintergrund stagnierender Geburtenraten und der damit verbundenen demografischen Problematik handelt es sich hierbei um ein Politikfeld, das sowohl in gleichstellungs- als auch familienpolitischer Hinsicht relevant ist“ (217).

Im Klartext, Jungen sollen ihre hegemonialen Bestrebungen, ein cooler Typ zu sein, bereits in der Jugend ad acta legen und statt dessen und gleichstellungstechnisch die Arbeitsteilung in der Partnerschaft, welcher vielfältigen Art auch immer, einüben, deren Zweck gar nicht vielfältig sondern fertil ist: Nachwuchsproduktion. Und wenn Jungen sich brav und treu an der Produktion von Nachwuchs beteiligen und gar nicht hegemonial sind, dann dürfen sie zur Belohnung halbtags arbeiten.

Das also ist die Vision, die den Experten im Jungenbeirat für Jungen vorschwebt. Das ist ihre Dystopie einer zukünftigen Generation von Jungen, die bereits in der Jugend vergreisen und keinerlei eigene Initiative mehr entwickeln dürfen, entgegen allem Vielfaltsgeschwätz. Es wird fortgepflanzt und der Beruf mit der Familie in Einklang gebracht, habt ihr gehört! Die Zeiten, in denen man träumen konnte, davon Astronaut zu werden (Vollzeitastronaut nicht Teilzeitastronaut) oder verrückter Professor, der aus Stroh Gold macht, die Zeiten sind vorbei. Heute wird schon früh Geschlecht, Geschlechtlichkeit, Gender und eine der vielfältigen Männlichkeiten eingeübt, die alle wie von Geisterhand geführt, zur Produktion von Nachwuchs führen. Die Armseligkeit des Lebensentwurfs, den der Jungenbeirat Jungen vorgeben will, ist nicht zu überbieten. Die Tristess, die einem befällt, wenn man die Zusammenfassung seines Endberichts gelesen hat, ist nicht zu steigern und die Gewissheit, dass es aus der Tristess und dem Tal der Armseligkeit, in das uns der Jungenbeirat führen will, nur einen Ausweg gibt, ist immens: Männer seid hegemonial! Das ist die einzige Form, Vielfalt zu erreichen.

Noch ein Nachtrag zur wissenschaftlichen Qualität oder besser zur nicht vorhandenen wissenschaftlichen Qualität. Der Professor für Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Bonn, Michael Meuser schreibt:

meuser„Diese Daten [PISA-Daten] sowie der Umstand, dass die Schülerinnen im Durchschnitt die Schule mit besseren Noten abschließen als die Schüler, haben die Diskussion über eine vermeintliche Bildungsbenachteiligung der Jungen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wird die ‚Feminisierung‘ des Lehramts, insbesondere in der Grundschule, als ein Grund hierfür angeführt, also der Umstand, dass Schüler und Schülerinnen überwiegend und in der Grundschule nahezu ausschließlich von Frauen unterrichtet werden“ (Carrington/McPhee 2008; Diefenbach/Klein 2002).

Michael Meuser ist entweder ein vermeintlicher Wissenschaftler, der nicht lesen kann oder einer, der zitiert, was er nicht gelesen hat. Wir, Diefenbach und Klein 2002, haben an keiner Stelle von einer Feminisierung des Lehramts geschrieben, der Begriff „Feminisierung“ kommt in unserem Text überhaupt nicht vor. Wir haben auch an keiner Stelle gesagt, dass die Feminmisierung, von der wir nicht geschrieben haben, die Ursache für das schlechtere Abschneiden von Jungen in der Schule ist. Herr Professor hat offensichtlich nicht gelesen, was er zitiert.

Also, Studenten, wenn Prof. Meuser euch schlecht bewertet und behauptet, ihr hättet nicht gelesen, was ihr zitiert –  tu quoque! – geht zum Dekanat und beschwert Euch, Herr Meuser kann nicht von Euch verlangen, was er selbst nicht zu leisten gewillt ist. Sebstverständlich fügen wir Prof. Meuser unserer Blacklist hinzu, und darüber hinaus erhält er einen besonderen Malus wegen schlechtem Stil, denn, Herr Professor, in der Wissenschaft belegt man seine Behauptungen, wenn man also eine „vermeintliche Bildungsbenachteiligung“ in derogativer Absicht behauptet, dann muss man, will man als Wissenschaftler und nicht als Ideologe durchgehen, die „vermeintliche Bildungsbenachteiligung“ belegen. Herr Meuser kann die Vermeintlichkeit der Bildungsbenachteiligung ganz offensichtlich nicht belegen, also muss er ein Ideologe, kann er kein Wissenschaftler sein.

Regierungen, Staaten – Moral und Korruption

Titelseite.inddAls mir heute morgen der Titel der WZB-Mitteilungen 140 auf den Tisch gekommen ist „Märkte und Moral – Korruption, Eigennutz, Verantwortung“, da hat sich meine Laune schlagartig verschlechtert. Nachdem wir auf ScienceFiles gerade über einen Bonner Neuro-Ökonomieprofessor berichtet haben, der die angebliche a-Moral von Märkten damit zu belegen sucht, dass er Mäuse tötet, war mein erster Gedanke: Wieder eine dieser politisch korrekten Publikationen, in denen es darum geht, auf Märkte einzuschlagen und dem Sozialismus den Weg zu ebnen.

Aber: Diese Befürchtung bestätigt sich nicht. Warum die WZB-Verantwortlichen den berichteten Titel für die Mitteilungen 140 verwendet haben, hat sich mir bislang nicht erschlossen. Gut, es gibt ein Interview mit Neil Fligstein, in dem der Soziologie-Professor von der University of California seine These verbreitet, dass die Finanzkrise durch, in meinen Worten, spontan entstandene kriminelle Netzwerke, die von Hauskäufern über Banker bis zu Händlern an Börsen reichten, ausgelöst worden ist. Ich halte es für nicht weiter notwendig, mich mit dieser These zu befassen, denn die Thesen eines Soziologen, der seine Erklärung nicht in einen Rahmen von Randbedingungen einbettet und nicht untersucht, welche Strukturen es ermöglicht haben, dass sich – in seinem Modell – spontane kriminelle Netzwerke entwickeln, und, noch wichtiger, wer für die entsprechenden Strukturen verantwortlich zeichnet, denn Kriminalität entsteht nicht aus dem Nichts, sind nach meiner Ansicht nicht weiter interessant, denn es fehlen wesentliche Variablen in der Erklärung.

Doch zurück zu den WZB-Mitteilungen. Darin sind drei Texte enthalten, die so gar nichts mit Märkten, aber viel mit den Strukturen zu tun haben, die ich gerade angemahnt habe. Gunnar Falke Schuppert emeritierter Professor für Staats- und Verwaltungsrecht steuert einen Beitrag zum Thema „Korruption“ bei und argumentiert, dass es sich bei Korruption um ein komplexes gesellschaftliches Phänomen handle. Korruption definiert er als den Missbrauch eines öffentlichen Amtes für private Zwecke und stellt damit auf die strikte Trennung zwischen privat und öffentlich ab, die Max Weber vor nunmehr knapp einem Jahrhundert eingeführt hat. Korruption habe die Übernahme der Staatlichkeit zum Ziel, so Falke Schuppert weiter.

ScheuchHinter dieser Formulierung versteckt sich nach meiner Ansicht eine ganze Menge Sprengstoff, denn Folke Schuppert sagt nicht mehr und nicht weniger, als dass sich Netzwerke bilden, denen die unterschiedlichsten Akteure angehören, und deren Ziel es ist, die Staatlichkeit zu übernehmen und die Netzwerkangehörigen mit Posten oder sonstigen Vorteilen zu verschaffen. Als Beispiel gibt er die Übernahme der Staatlichkeit durch die Nationalsozialisten und die folgende Versorgung „alter Kameraden“ mit öffentlichen Ämtern. Ein verschämter Hinweis auf die „Affäre Wulff“ und die Formulierung „instrumentelle Freundschaften“ muss vom Leser des Beitrags selbst mit dem Hinweis auf die Praktiken der Nationalsozialisten in Verbindung gebracht werden. Ist die Verbindung hergestellt, dann denke ich z.B. an politische Parteien, die über Medien-Imperien thronen, die „politische Freunde“ mit Gefallen versorgen, z.B. in Form der Erstellung wissenschaftlicher Expertisen, z.B. in Form von Mitteln aus dem ESF, die zweckentfremdet werden. Ich denke an politische Parteien, die vermeintliche Stiftungen unterhalten, die einerseits der Beschäftigung von Getreuen dienen, andererseits genutzt werden können, um weitere Mittel der Steuerzahler in die Taschen von Parteien zu leiten und ich denke an lokale Netzwerke, die Politiker, Unternehmer, Gewerkschaftler und viele andere in trauter Eintracht über Steuermittel entscheiden und dieselben unter sich verteilen sieht. Der verstorbene Erwin Scheuch hat dies in großer Detailtreue für das SPD-geführte Rathaus in Köln beschrieben.

WilliamsonHat man zudem ein ökonomisches Weltbild, dann ist die Verbindung zu opportunistischem Verhalten, wie es Oliver Williamson so deutlich beschrieben hat, nur ein kurzer Schritt. Heraus kommt die Feststellung, dass es politischen Akteuren, die vornehmlich damit beschäftigt sind, Netzwerke zu bilden, nicht darum geht, „den Wählern“ Gutes zu tun, sondern darum, über die gebildeten Netzwerke selbst in Positionen zu kommen, aus denen heraus sie Steuermittel unter sich und ihren Anhängern verteilen können. Diese Form der Korruption ist entsprechend ein fester Bestandteil vermeintlich demokratischer Gesellschaften, und sie begründet das, was Folke Schuppert in Anlehnung an Karsten Fischer eine Parallelordnung nennt. Die Beschreibung dieser Parallelordnung in den Worten Fischers strotzt von Nomen und ist entsprechend schwer verständlich. Parallelordnung meint in meinen Worten, dass politische Netzwerke Sorge dafür tragen, dass nach außen hin der Schein von Rechtsstaatlichkeit gewahrt bleibt, damit sie sich hinter diesem Schein versteckt, munter und nach Lust und Laune selbst bedienen können.  Wer Zweifel daran hat, dass diese Selbstbedienung der eigentliche Grund dafür ist, dass politische Netzwerke gegründet werden, der vergegenwärtige sich die manische Art, mit der staatsfeministische Günstlinge sich in Netzwerken organisieren und die Art und Weise, wie sie Mittel aus dem ESF zum Aufbau dieser Netzwerke missbrauchen.

Der Beitrag von Folke Schuppert wird unterstützt durch einen Beitrag von Richard Rose, der seit nunmehr 25 Jahren nichts anderes tut als die Ursachen und Voraussetzungen für Korruption und Bestechlichkeit öffentlicher Amtsträger vornehmlich in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu untersuchen. Rose zeigt nicht nur, dass Korruption und Bestechlichkeit „normal“ sind, etwa in der Weise, in der Hans Haferkamp in den 1970er Jahre gezeigt hat, dass Kriminalität normal ist, er zeigt auch, dass das beste Mittel gegen Korruption die von Max Weber so heftig beworbene Standardisierung öffentlicher Leistungen ist. Standardisierung wiederum ist der Feind aller Selbstbedienungs-Netzwerke, weshalb es heutzutage so wichtig geworden ist, die Diversität oder die Intersektionalität gegen Standardisierung öffentlicher Leistungen in Stellung zu bringen.

Schließlich findet sich in den WZB-Mitteilungen ein Beitrag von Roel van Veldhuizen, in dem er zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit von Beamten, sich bestechen zu lassen, mit der Höhe des Gehalts der Beamten geringer wird. Wohlgemerkt, sie wird geringer, sie verschwindet nicht, so dass man der Ansicht sein könnte, nicht die Bezahlung, sondern die Gelegenheit sei das Problem. Beamte unterliegen eben auch der Versuchung, sich opportunistisch zu verhalten, und wenn sie die Gelegenheit zu einem Zuverdienst haben und die Gefahr einer Entdeckung gering ist, dann werden Sie die Gelegenheit auch nutzen.

Organized crimeDamit steht am Ende dieses Posts die alte Weisheit, dass gerade bei denjenigen, die von sich behaupten, sie seien so integer und würden nur für andere, nie aber für sich tätig sein, Vorsicht geboten ist. Als Politiker gelangen sie in Positionen, die kaum von der Öffentlichkeit kontrolliert werden können und ihnen die Möglichkeit geben, in die eigene und die Tasche politischer Freunde zu wirtschaften, als Beamte besetzen sie Positionen, die mit der Aura der „Staatsdienlichkeit“ ausgestattet sind und die es erlauben, z.B. dem befreundeten Bauunternehmer den Bauauftrag frei von jedem Verdacht und im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung dadurch zu verschaffen, dass ihm die Preise der Konkurrenten genannt werden. Korruption ist eben auch in vermeintlich demokratischen Systemen endemisch und „[e]inmal etablierten korrupten Praktiken ist nur schwer beizukommen“ (Folke Schuppert, 2013, S.9).

Folke Schuppert, Gunnar (2013). Schwer zu fassen, kaum zu verhindern. In der Parallelordnung der Korruption zählen Netzwerke und Beziehungen. WZB-Mitteilungen 140: 7-9.

Rose, Richard (2013). The Other Face of Bureaucracy. Perception of Bribery is Worse than Practice. WZB-Mitteilungen 140: 10-13.

van Veldhuizen, Roel (2013). Lohn und Preis der Bestechlichkeit. Ein Experiment legt nahe: Besser bezahlte Beamte dürften weniger korrupt sein. WZB-Mitteilungen 140: 17-19.

Privatschulen-Bashing – und plötzlich sind mehr Mädchen schlecht

wgvdlEin Beitrag von Holger im gelben Forum hat mich auf einen Text in der FAZ aufmerksam gemacht, in dem Lisa Becker „Privatschulen als Fluch und Segen für das Bildungssystem“ bezeichnet – ein klassischer Widerspruch bereits in der Überschrift. Das lässt nichts Gutes für den weiteren Text erwarten, und in der Tat, der Text hält, was die Befürchtung verspricht. Unter Bezug auf Manfred Weiß und dessen nicht näher bezeichnete Studien, berichtet Lisa Becker zum einen Unsinn, zum anderen soll wohl gezeigt werden, dass Privatschulen gar nicht gut, nein, schlecht sind, nein, eigentlich verboten werden sollten, denn sie spalten die Gesellschaft, ziehen eine selektive Schicht der Bevölkerung an und, naja, sind halt Privatschulen.

Bevor ich mich dem im Einzelnen widme, hier ein Beispiel für den Unsinn, den Lisa Becker verbreitet:

„Sein Ergebnis [Manfred Weiß‘]: In vielen Ländern kehrt sich der Leistungsvorsprung der Privatschüler in einen Nachteil um, auch in Deutschland. Das heißt, sie schneiden bei Pisa nur deshalb besser ab, weil sie und ihre Mitschüler aus bildungsnahen Elternhäusern kommen“.

FAzWie gesagt, der Widerspruch in der Überschrift hat schon Schlimmes vermuten lassen, und so kommt es: Offensichtlich schneiden Privatschüler in den PISA Studien und im Hinblick auf „literacy“ besser ab als Schüler in öffentlichen Schulen. Dieses bessere Abschneiden ist im Gehirn von Becker ein Vorteil. Aus dem Vorteil „besseres Abschneiden“ werkelt ihr Gehirn dann einen Nachteil, denn die Privatschüler sind alle aus „bildungsnahen Elternhäusern“. Ja. Verstehen Sie das? Ich nicht. Wie auch immer, „bildungsnahe“ Elternhäuser wirken auf Privatschulen zum Nachteil ihrer Kinder führen aber zu besseren Leistungen der Privatschüler im PISA Test. Es ist halt Unsinn, quadrierter Unsinn. (Als wir den Begriff „bildungsnah“ vor einiger Zeit auf ScienceFiles eingeführt haben, haben wir das als Reaktion auf den Begriff „bildungsfern“ getan und mit einem sarkastischen Hintergedanken, denn bildungsnah, ist ja auch nicht gebildet, sondern nur nah. Es ist schon lustig, welche Karrieren manche im Spaß kreierten Begriffe machen.)

Ich werde weiter unten auflösen, was Becker hier nicht verstanden hat. Nachdem ich den Text in der FAZ gelesen habe und froh darüber war, dass ich die FAZ nicht abonniert habe, sondern umsonst lesen kann (eigentlich müsste man noch etwas dazu bekommen, wenn man solchen Unsinn liest), habe ich mich auf die Suche nach den Werken von Manfred Weiß  gemacht, die in der FAZ zitiert, aber nicht angegeben werden. Gefunden habe ich u.a. eine Veröffentlichung der Friedrich-Ebert-Stiftung (wer hätte das gedacht), erschienen im Netzwerk Bildung und betitelt: „Allgemeinbildende Privatschulen in Deutschland. Bereicherung oder Gefärdung des öffentlichen Schulwesens“, von Manfred Weiß.

FES WeissDie Arbeit ist erstaunlich neutral und deskriptiv. Selbst die Zusammenfassung liest sich – trotz des Titels – über weite Strecken wie ein wissenschaftlicher Text, so dass man sich verwundert die Augen reibt und sich fragt, was bei der Friedrich-Ebert-Stiftung los ist. Aber das Wundern endet mit dem Erreichen von Kapitel 8: „Privatschulen aus systemischer Perspektive“. Die „systemische Perspektive“, das ist die Perspektive, die immer dann eingenommen wird, wenn man Individuen sagen will, dass das, was sie tun, für sie vielleicht einen Vorteil hat, aber systemisch betrachtet, verdammenswert ist, wobei die „systemische Betrachtung“ zumeist die ideologisch gewünschte Betrachtung ist. Man kann also bei „systemischen Betrachtungen“, die in einer Veröffentlichung der FES über Privatschulen angestellt werden, vorhersagen, dass sie für Privatschulen nicht positiv ausfallen werden. Und in der Tat, die Erwartung wird nicht enttäuscht.

Privatschulen selektieren die Bevölkerung negativ: Sie tragen dazu bei, dass „bildungsnahe“ (Ha!) Eltern ihre Kinder vermehrt auf Privatschulen schicken. Vor allem Mädchen finden sich häufiger auf Privatschulen. Das überlässt den benachteiligten öffentlich-rechtlichen Schulen die „bildungsfernen Kinder“ und die Jungen. Schon interessant, welche Wendung manche Diskurse so nehmen und wie sich plötzlich, wenn es ideologisch passt, die selbe Institution, die gegen die Anerkennung der Nachteile von Jungen im schulischen Bildungssystem heftig agitiert, also die FES, plötzlich die Vorteile die Mädchen auf Privatschulen haben, gar nicht mehr gut findet.

Privatschulen haben einen weiteren Nachteil, denn sie geben den Eltern eine Wahlmöglichkeit und führen entsprechend dazu, dass Eltern wählen. Ergebnis: Weniger Migranten auf Privatschulen, ein höherer Anteil von Migranten auf öffentlichen Schulen. Mehr noch: Eltern wollen ihren Kindern auf Privatschulen Vorteile durch Distinktion verschaffen. Unglaublich, wo wir doch alle im Einheitsbrei der öffentlichen Schulen versinken wollen.

Diese beschriebenen negativen Wirkungen von Privatschulen, die Deutschland auf den „Weg in eine neue Art von Klassengesellschaft“ schicken, sind bedenklich, wenn man Manfred Weiß folgt, und sie sind der Preis, der für die Existenz von Privatschulen nach seiner Ansicht zu zahlen ist. Das ist, was Weiß selbst am Ende seines Beitrags schreibt, und wäre er nicht so sehr darauf fixiert, den ideologischen Kanon der FES nachzubeten und etwas Schlechtes an den Privatschulen zu finden, er hätte vielleicht ein paar Möglichkeiten erwogen, die in den USA seit Jahrzehnten genutzt werden, um schlechte Lehrer an öffentlichen Schulen zu besserer Leistung zu zwingen.

schooling for moneyAber dazu gleich. Zunächst zum Weltbild des Herrn Weiß, in dem es Junk und nicht-Junk, nein, „bildungsnahe“ und „bildungsferne“ Kinder gibt. Die bildungsfernen Kinder und natürlich die Migranten, den Junk, die will niemand, nicht einmal öffentliche Schulen, aber sie enden mit ihnen, wenn Privatschulen die Sahne der „bildungsnahen“ Kinder abschöpfen. Nettes Weltbild! Die Leistungen einer Schule hängen also davon ab, welche Kinder die entsprechende Schule besuchen. Da stellt sich doch die Frage, was an Schulen anderes als das Zementieren sozialer Unterschiede erfolgt. Wenn man die Verbissenheit betrachtet, mit der „Bildungsforscher“ nach „bildungsnah“ und „bildungsfern“ selektieren, dann kann man nicht anders als heftigste Befürchtungen zu haben, besonders dann, wenn man der Ansicht ist, dass die schulische Vermittlung von Inhalten die Person und die sozialen Hintergründe eines Kindes nicht in Rechnung stellen soll, nein darf. In Deutschland ist wohl alles anders.

Gleichzeitig hat die Leistung, die Schüler erbringen, im Weltbild von Herrn Weiß offensichtlich überhaupt nichts mit der Leistung von Lehrern zu tun. Wäre dies anders, er käme vielleicht auf die Idee, das schlechte Abschneiden von bestimmten Schülern an öffentlichen Schulen hätte etwas mit der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Lehrer zu tun, und der Wettbewerb mit privaten Schulen wäre genau das, was genutzt werden könnte, um schlechte Lehrer loszuwerden und das Lehrniveau in öffentlichen Schulen zu steigern. Aber es geht ja nicht darum, Lehrniveaus zu steigern, sondern den Anteil von Junk-Schülern in Grenzen zu halten. Folglich kommt Weiß auf diese naheliegende Idee nicht.

Außerdem ist diese Idee, private Schulen würden durch Wettbewerb zu einem höheren Niveau des gesamten schulischen Bildungssystems beitragen, natürlich ideologisch nicht gewünscht, und wäre entsprechend und mit hoher Wahrscheinlichkeit von er FES-Redaktion gestrichen worden. Also besser, man hat solche subversiven Ideen erst gar nicht. Und demenstprechend endet Weiß seinen Beitrag mit einer Darstellung des schwedischen (!sic) Schulsystems, die nicht vorteilhaft für die Schweden ist. In Schweden, ja, im gleichheitsfanatischen Schweden, gibt es nämlich seit Jahren ein Schulsystem, in dem private und öffentliche Schulen miteinander konkurrieren. Schüler und Eltern erhalten Bildungsgutscheine und suchen sich eine Schule aus, von der sie sich eine gute Wissensvermittlung erwarten.

Gabriel Sahlgren hat für dieses schwedische Bildungssystem nicht nur nachgewiesen, dass  der Wettbewerb zwischen privaten und öffentlichen Schulen das Gesamt-Bildungsniveau der Schüler erhöht, sondern auch, dass der Wettbewerb dazu führt, die Lesitungsunterschiede zwischen Schülern aus der Unterschicht und Schülern aus der Mittel- und Oberschicht zu nivellieren, also genau das Gegenteil dessen, was Weiß als Folge der Privatschulen ausmacht, ist, was in Schweden durch Privatschulen erreicht wird. Wie nicht anders zu erwarten, fehlen die Arbeiten von Sahlgren in der Arbeit von Weiß. Entweder er kennt sie nicht oder er will sie nicht kennen.

weiss privatschulen

aus: Weiß, 2011, S.43

Bleibt noch auf den Unsinn von Lisa Becker zurückzukommen. Lisa Becker hat die neben stehende Abbildung nicht verstanden. Dort wird für Schüler aus unterschiedlichen Schulen versucht, die bessere Leistung von Schülern auf Privatschulen hinwegzurechnen. Dies geschieht dadurch, dass man private und öffentliche Schulen im Hinblick auf die soziale Herkunft ihrer Schüler und das Geschlecht ihrer Schüler standardisiert. Dann, wenn man dies tut, schneiden Schüler an öffentlichen Schulen immer noch schlechter ab als Schüler an privaten Schulen, ganz im Gegensatz zu dem, was Becker behauptet. Erst wenn die Nachbarschaft der Schulen einbezogen wird (warum man das tun sollte, weiß ich nicht), schneiden öffentliche Schulen besser als private Schulen ab, was kein Wunder ist, denn private Schulen finden sich eher nicht in Berlin-Prenzlauer Berg. Aber wenn es darum geht, öffentliche Schulen gut und private Schulen schlecht zu reden, dann ist offensichtlich jedes Mittel recht.

Weiß, Manfred (2011). Allgemeinbildende Privatschulen in Deutschland. Bereicherung oder Gefährdung des öffentlichen Schulwesens? Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, Schriftenreihe des Netzwerk Bildung.

Dazu auch unsere aktuelle Umfrage am rechten Rand in der Widget-Leiste.

ARD machts möglich: Mehr als 100% Nutzer

Die ARD ist immer für eine Überraschung gut. Die neueste Überraschung findet sich im Online-Angebot der ARD bei den Mediendaten, mit denen der öffentlich-rechtliche Sender sich und sein Programm für Sponsoren attraktiv machen will. Die folgende Tabelle habe ich unter den „Medien Basisdaten“ der ARD gefunden. Sie belegt sehr eindrücklich, dass man bei der ARD zwar mit Gebühreneinnahmen, nicht aber mit Zahlen umgehen kann.

ARD Murks

Angaben in Prozent, so heißt es verschwörerisch in der Unter-Überschrift. Es fehlt die Basis: Prozent wovon? Wäre der ARD-Zuständige Student in der Veranstaltung „Statistik für Erziehungswissenschaftler“, er wäre gerade durchgefallen. Aber es wird noch besser.

Egal, welche Prozentuierungsbasis, irgendwie müssen sich Prozentwerte auf 100% ergänzen. Betrachtet man die Zeilen und denkt z.B.: dargestellt ist die Entwicklung der männlichen Nutzer des Onlineangebots der ARD, dann ist schon nach drei Spalten Schluss: Mehr als 100% Männer geht nicht. Eine kombinierte Betrachtung von Zeilen- und Spaltenprozente führt auch nicht weiter: Ich habe zwar schon davon gehört, dass manche der Ansicht sind, es gäbe mehr als zwei Geschlechter, aber bei der ARD ist nicht einmal Platz für zwei Geschlechter, denn nach drei Spalten gibt es bereits mehr als 100% Männer, kein Platz mehr für Frauen. Das einzige mir bekannte Patriarchat besteht also bei der ARD. Das Patriarchat ist zugleich ein Matriarchat, denn nach vier Spalten (immer von links zählen) sind 100% der Nutzer des ARD-Onlineangebots weiblich, was zeigt, bei der ARD finden sich vornehmlich Transsexuelle, die jederzeit das Geschlecht wechseln können und überdies mehr als 100% der Nutzer ausmachen.

statistics for dummiesAber es kommt noch besser, betrachtet man die Prozente als Zeilenprozente; 100% der Nutzer des ARD Onlineangebots waren im Jahre 2010 zwischen 14 und 29 Jahre alt. Gleichzeitig waren 98,4% der Nutzer aber zwischen 20 und 29 Jahren alt und 89,9% der Nutzer waren zudem zwischen 30 und 39 Jahre alt, und im Rentenalter waren 28,2% der 100%, die zwischen 14 und 29 Jahren alt warfen. Dies ist insofern spannend als 44,7% der Nutzer des ARD-Onlineangebots nicht berufstätig waren, während 90,7% eine Berufstätigkeit vorgaben bzw. angaben, was notwendig dazu führt, dass in Deutschland und unter den Nutzern der ARD die Kinderarbeit endemische Ausmaße angenommen hat.

In den letzten Jahren ist mir häufig die Aussage begegnet, ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe. Zumeist sagen dies Leute, die keine Ahnung davon haben, wie man eine richtige Statistik erstellt. Keine Ahnung davon, wie man eine richtige Statistik erstellt, haben auch die Verantwortlichen bei der ARD und entsprechend lausig wären ihre Versuche, eine Statistik zu fälschen, sofern sie sie anstellen wollten, angestellt haben.

Was allerdings in hohem Maße bedenklich ist, ist die Tatsache, dass es eine ARD/ZDF Online Studie, ja Online Studien gibt. Erschreckend! Was die Verantwortlichen bei der ARD oder beim ZDF ausgewertet und zusammengerechnet haben, man wagt es sich kaum vorzustellen. In jedem Fall sind die Steuergelder gut angelegt: Das Niveau der „Forschungsabteilung“ bei der ARD entspricht offensichtlich dem Programm des Senders.

Nachtrag zu einigen Kommentatoren

Richtig, da steht: „Basis: Bis 2009 Deutsche ab 14 Jahren, ab 2010 deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahren“. Das habe ich nicht übersehen, aber es macht auch dann keinen Sinn, denn dann waren 2012 81,5% der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre männliche Nutzer des ARD Onlineangebots und 70,5% weibliche Nutzer. Wahlweise waren 100% der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren, 14 bis 29-jährige Nutzer des ARD Onlineangebots. Und wenn ich der ARD alles zu Gute halte, was hier einige Kommentatoren zu Gute halten und die Zahlen pro Jahr und für jede dargestellte Sub-Gruppe getrennt auf die angegebene Basis beziehe und als Ausschöpfungsquoten interpretiere (hätte man auch als solche in der Überschrift angeben können, aber das nur nebenbei), dann tut sich ein Graben voller neuer Probleme auf. So müsste die ARD zugeben, dass die Daten hochgerechnet wurden und Schätzungen darstellen, deren Qualität man nur beurteilen kann, wenn man die Grundgesamtheit kennt, was es wiederum erforderlich machen würde, die Anzahl der Befragten, für die hier Prozentwerte angegeben werden, zu nennen, also z.B. Grundlage 1000 Befragte im Alter von 14 bis 82 Jahre oder 175 Angestellte der ARD in Köln (ab 14 Jahren) oder was auch immer. Aber es ist wirklich interessant zu sehen, wie schnell manche Kommentatoren sich auf der Seite der „Institution“ einreihen und dieselbe von jedem Fehler freisprechen.

Oder wie Dr. Diefenbach gerade anmerkt: Es ist interessant zu sehen, wie schnell manche Kommentatoren bereit sind, auf den symbolischen Akt der Angabe einer „Basis“ zu reagieren und alles Nachdenken darüber, ob außer Symbolik auch Sinn vermittelt wird, einzustellen.

Erosion moralischer Werte durch Märkte oder durch Wissenschaftler?

Am 14. Juni 2013 ist auf dradio.de ein seltsames Interview unter dem Titel „Erosion moralischer Werte durch Märkte“ veröffentlicht worden. Ralk Krauter interviewt Armin Falk, der als Neuro-Ökonomie Professor vorgestellt wird. Sind viele Beteiligte im Spiel, so schwindet die Verantwortung, heißt es im Untertitel, und entsprechend habe ich mich schon an dieser Stelle gefragt, was das ganze mit Märkten zu tun haben soll, denn mehrere Beteiligte gibt es bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in der Planwirtschaft auch, und wenn die Menge der Beteiligten einen Schwund von Verantwortung auslöst, dann trifft dies auf alle Situationen zu, in denen mehrere Individuen miteinander interagieren. Aber dazu später.

Falk_Armin_webDas Interview beginnt damit, dass Armin Falk von einem Experiment erzählt, mit der er getestet haben will, ob Märkte „die Moral“ erodieren. Ich habe nicht verstanden, was er da erzählt und mich entsprechend auf die Suche nach dem wissenschaftlichen Artikel gemacht, in dem steht, was Falk im Interview zu erklären versucht. Gefunden habe ich ihn in Science, Volume 340 vom 10 Mai 2013, Titel: Morals und Markets, Autoren: Armin Falk und Nora Szech.

Die Lektüre dieses Artikels hat mich nicht an der Moral von Märkten, wohl aber an der Moral von manchen Wissenschaftlern zweifeln lassen. Ein besserer Titel für den Artikel von Falk und Szech wäre nämlich: Was ist das Leben einer Maus wert. Um es gleich vorwegzuschicken, im Verlauf des im folgenden berichteten Experiments wurden lebende Mäuse getötet. Aber dass man selbst das sinnlose Töten von Mäusen als heroisch humanitären Akt verkaufen kann, findet sich bereits auf der ersten Seite:

„As a consequence of our experiment, many mice that would otherwise have been killed right away were allowed to live for roughly 2 years“ (707).

white mouseWie nett: Also es geht hier um ein Experiment, in dem Moral getestet werden soll, und für diese Experiment wurden Mäuse gekauft, die gezüchtet wurden, um in Versuchsreihen gequält oder gleich getötet zu werden, die sich aber als für die Versuchsreihen als „unbrauchbar“ erwiesen haben. Entsprechend wären sie sofort getötet worden, hätten Falk und Szech sie nicht gekauft, um sie in ihrem Experiment einzusetzen. Im Verlauf dieses Experiments ist die Mehrzahl der gekauften Mäuse getötet worden, aber die, die überlebt haben, denen haben Falk und Szech nach ihrer Ansicht ein Leben von knapp 2 Jahren geschenkt. Auch eine Form von Moral. Ach ja, es geht um Moral im Experiment, und zwar in zwei Versuchsanordnungen:

Anordnung 1 stellt Probanden vor die Wahl: Du erhälst 10 Euro und eine Maus wird getötet oder Du erhälts keinen Euro und die Maus bleibt am Leben.

Anordnung 2 sieht die Probanden miteinander und über einen Computer handeln. Dieses Computerhandeln ist, was Falk und Szech als „Markt“ bezeichnen. Gehandelt wird um den Preis für das Leben einer Maus. Ein „Verkäufer“ bietet das Leben einer Maus feil und mehrere Käufer machen Gebote, wie viel ihnen das Leben der Maus wert ist. Der Verkäufer erteilt den Zuschlag wann immer er denkt, genug mit dem Leben der Maus verdient zu haben.

Wären Falk und Szech nicht „Neuro-Ökonomen“, sondern Soziologen, sie hätten sich das Morden von Mäusen sparen können, denn heraus kommt, was jeder Soziologe, der sein Geld wert ist und eine entsprechende Ausbildung hat, vorhergesagt hätte: Die Bereitschaft, die Maus zu töten, ist in Anordnung 2 höher als in Anordnung 1 und der Preis für das Leben einer Maus sinkt.

Esser Spezielle GrundlagenDieser Ausgang erklärt sich recht einfach: Versuchsanordnung 1 macht den Probanden direkt verantwortlich. Entscheidet er sich für das Geld und gegen das Leben der Maus, dann muss er das auf die eigene Kappe nehmen. Versuchsanordnung 2 bietet dagegen die Anonymität der „Masse“. Entsprechend kann derjenige, der den Zuschlag erhält, die Verantwortung abschieben und derjenige, der den Zuschlag erteilt, kann die Verantwortung auch weitergeben. Diese Form des Verantwortungs-Sharings bzw. diese Form der Unverantwortlichkeit ist ein Bestandteil des täglichen Lebens der meisten, die ihr Schnitzel essen und sich nur dann die Frage stellen, wo das Schnitzel eigentlich herkommt, wenn herauskommt, dass Pferd im Schnitzel war. Die Verschiebung von Verantwortung bzw. das Verschwinden in der „Gruppenverantwortung“ hat Le Bon bereits in seiner „Psychologie der Massen“ beschrieben, und sie ist die treibende Kraft hinter jedem Lynchmob. Die Erkenntnis, für die Falk und Szech Mäuse ermodert haben, ist demnach bereits vorhanden, das Morden also sinnlos.

Und was haben die Ergebnisse mit Märkten zu tun? Schlicht nichts, denn – wie gesagt – die Tatsache, dass Hemmungen fallen, wenn Anonymität zugesichert ist, hat überhaupt nichts mit Märkten zu tun, wie jeder täglich im Internet erfahren kann, in dem es normal ist, dass hinter einem Pseudonym sich Versteckende, die Gunst der Stunde nutzen, um andere zu beleidigen, etwas, das sie sich nie trauen würden, müssten sie mit ihrem Namen einstehen. Im Internet kann man das Versuchsergebnis von Falk und Szech also problemlos und vor allem ohne dafür zu morden täglich gewinnen.

Was die Moral angeht, so kann man sich beim alten Kant erkundigen, für den es ein Instrumentalisierungsverbot gab, das er allerdings nicht auf Tiere ausgeweitet hat, die ihm als Sache galten. Für Kant haben Tiere also nur vermittelt über die eigene Menschenwürde mit Moral zu tun und für viele Zeitgenossen ist das offensichtlich immer noch so, oder wie Falk zum Ende seines Interviews sagt: „Ein zweites Motiv ist…, dass die Wertschätzung für die Maus eben nicht so hoch ist“ (vor allem bei ihm). Ein wirklich radikales Ergebnis, auf das ein Wissenschaftler in einer Gesellschaft, der Massentierhaltung, in der das tierische Sterben zum Zwecke des Gefressen-Werdens oder um zu erproben, ob das neue Schampoo auch wirklich nicht die Augen reizt, eine Normalität ist, scheinbar nur kommen kann, wenn er Mäuse umbringt.

Le BonUnd damit komme ich zum letzten Punkt, der mich an dieser Forschung wütend macht. Falk will Ökonomieprofessor sein und ein Experiment konzipiert haben, das die Bedingungen auf einem Markt wiederspiegelt. Sein Markt ist von Verkäufern bevölkert, die ein Lebewesen anbieten, das für sie keine Kosten hat. Sie mussten die Maus nicht aufziehen, sie hatten keine Ausgaben für die Ernährung der Maus, sie hatten keinerlei Aufwand. Ähnliches gilt für die Käufer: Sie haben keine Kosten. Sie setzen kein eigenes Geld ein, sie kaufen nichts, was sich als problematisch herausstellt, der Handelsgegenstand, das Leben einer Maus, kann ihnen egal sein, sie haben nicht einmal Opportunitätskosten. Kurz: Das ganze hat mit einem Markt soviel zu tun, wie der Himalaya mit der Lüneburger Heide, wenn die Versuchsanordnung überhaupt etwas beschreibt, dann die Situation, in der sich Funktionäre finden, die sich um Dinge anderer kümmern, keine Kosten haben, wenn es um die Dinge anderer schlecht bestellt ist usw. Aber da es Mode ist, auf Märkte einzuschlagen, will scheinbar auch Armin Falk nicht abseits stehen und seine moralische Integrität dadurch beweisen, dass er sich am „Markt-bashing“ beteiligt, quasi als Form der liturgischen Reinigung, und für diesen moralisch integren Zweck kann man schon einmal ein paar Mäuse ohne Sinn und Zweck über die Klinge springen lassen.

Ich finde das alles einfach nur widerlich.

Falk, Armin & Szech, Nora (2013). Morals and Markets. Science 340, 10. May 2013.

Haften Gastwirte für ihre Gäste?

SSQAls Betreiber eines Wissenschaftsblogs will man sich zuweilen auch mit „leichterer Kost“ beschäftigen. Das heißt, eigentlich wollte ich über einen neuen Beitrag von Rodrigo Praino, Daniel Stockemer und Vincent G. Moscardelli schreiben, in dem die drei Autoren die Halbwertszeit von Skandalen untersuchen und sich fragen, wie lange muss ein Politiker auf Tauchstation gehen, ehe die Folgen eines Skandals, in den er verwickelt ist/war, abgeebt sind und er sich wieder Aussicht auf Wählerstimmen in nennenswertem Umfang machen kann. Und obwohl diese Fragestellung für all die Politiker relevant ist, die sich mit Plagiaten erst zum Doktortitel und dann aus der Politik befördert haben, müssen die Schavans, von Guttenbergs und wie sie alle heißen, noch etwas auf die Auflösung warten. Nur soviel: Es dauert einige Zeit, die kurze Verzögerung, die daraus entsteht, dass ich erst demnächst über den Beitrag von Praino et al. schreiben werde, fällt entsprechend nicht ins Gewicht.

Leichte Kost findet man in den unterschiedlichsten Quellen. Mich verschlägt es zuweilen zu openpr. Dort findet man die vielfältigsten Pressemeldungen und, was wichtiger ist, man findet Pressemeldungen von Institutionen, Organisationen, Unternehmen und Privatleuten, die man bei Agenturen wie DPA mit Sicherheit nicht findet. Und man findet bei openpr eine neue Gattung von Pressemitteilung, man könnte sie die Pressemitteilungs-Werbeanzeigen von Anwaltskanzleien nennen. Anwaltskanzleien dürfen ja bekanntlich nicht für sich werben, und deshalb werben sie auch nicht, sondern verbreiten Pressemitteilungen, z.B. auf openpr.

Besonders agil im Verbreiten von Pressemitteilungen sind die Rechtsanwälte Schutt und Waetke, und einen wahren Nugget an Pressemitteilung, erstellt von Thomas Waetke, Rechtsanwalt, habe ich für die Leser von ScienceFiles ausgewählt. Die Pressemitteilung trägt die Überschrift:

Straftaten durch Alkoholmissbrauch – die Verantwortung des Gastwirts?

wirtIst das nicht eine interessante Frage? Wenn ich in das Pub bei mir um die Ecke gehe, mich mit Felingfoel abfülle bis ich kaum mehr stehen kann und dann mit meinem Nachbarn in Streit darüber gerate, ob Gareth Bale oder Jürgen Klinsmann der beste Spieler ist, den Tottenham je hatte (alles rein hypothetisch), und im Verlauf des Streits beginnen wir damit, das Pub zu zerlegen und uns gegenseitig zu bearbeiten – ist dann der Wirt haftbar? Immerhin hat uns der Wirt mit Ale versorgt, bis wir den Zustand erreicht haben, den wir erreicht haben. Haftet also ein Wirt für seine Gäste, etwa in der Weise, wie Eltern für ihre Kinder haften? Diese Frage fragt sich Thomas Waetke, und er beantwortet sie zunächst mit einem „grundsätzlich“.

„Grundsätzlich“, so schreibt er, „kann der Gastwirt nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sein Gast sich bei ihm betrinkt, dann das Haus verlässt und irgendwo eine Straftat begeht“. Es ist dies ein juristisches „grundsätzlich“, und grundsätzlich bei Juristen heißt, es gibt Ausnahmen. Z.B., so erkennt Waetke, könnte man dem Gastwirt einen Strick daraus drehen, dass er an „erkennbar Betrunkene“ Alkohol ausgeschenkt habe, was ihm nach § 20 Nr. 2 des Gaststättengesetzes nicht erlaubt sei.

Wohlgemerkt, so fährt Waetke fort, es ist dem Gastwirt nicht erlaubt. Wenn also Schankhilfe Peter ausschenkt, dann ist der Wirt fein raus. Denkt man. Aber nein, sinniert Waetke weiter: Wenn der Wirt aus Gründen des Umsatzes seine Schankhilfe angewiesen hat, auch an Betrunkene auszuschenken, dann ist er wieder dran. Gibt es also eine entsprechende Schankpolitik, oder hängt an der Wand ein Plakat „Wir versorgen auch Besoffene mit Alkohol bis zum Abwinken“, dann ist der Wirt wieder in der Haftung.

Und weil es noch nicht reicht, überlegt unser Rechtsanwalt weiter, ob man nicht, angenommen ein Gastwirt hat eine entsprechende Schankpolitik und das entsprechende Plakat hängt an der Wand, dem entsprechenden Gastwirt gleich ganz das Handwerk legen könne, denn bei wiederholten Verstößen, so weiß er, „könnte … die zuständige Behörde ansetzen und dem Treiben Einhalt gebieten“. Das müsse allerdings auch politisch gewollt sein, ergänzt Waetke und endet mit der Feststellung, dass ein Ansatzpunkt die Unzuverlässigkeit des Gastwirtes sein könnte, die er durch hohe Steuerschulden oder wiederholte Verstösse gegen das Jugendschutzgesetz unter Beweis gestellt hat.

Wohlgemerkt (das ist jetzt mein wohlgemerkt), die Ausgangsfrage war: Haften Wirte für ihre betrunkenen Gäste, und zwar dann, wenn die betrunkenen Gäste eine Straftat begehen? Von dieser Ausgangsfrage hat es Rechtsanwalt Waetke in seiner Pressemitteilung doch weit getragen, so dass man fast den Eindruck haben könnte, er hat ein Problem mit Wirten, mag sie am Ende nicht. Aber das steht hier nicht zur Debatte, vielmehr ist die Pressemitteilung von Thomas Waetke aus mehreren Gründen sehr interessant.

modern drunkardZum einen zeigt sie, wie unstrukturiertes Denken, bei dem sich der vermeintliche Denker von einer Assoziation zur nächsten hangelt, von einer eng umrissenen Frage zu einer vollumfänglichen Abrechnung mit Gastwirten wird. Zum anderen zeigt sie, wie unstrukturiertes Denken, das scheinbar unter manchen Anwälten endemisch ist, dazu führt, dass die eigentlich interessante Frage, überhaupt nicht behandelt wird, denn Stratftaten sind als willentliche Akte definiert. Eine (nicht fahrlässige) Körperverletzung liegt doch wohl dann vor, wenn ich mit voller Absicht einem Kritiker an meinen Texten hier im Blog auf die Nase haue und ihm dabei das Nasenbein breche. Damit der Wirt zum Mittäter wird, müsste er entsprechend  ein fieses Kalkül verfolgen, denn er muss mich in der Intention mit Alkohol bewirten, dass ich, bin ich erst einmal betrunken, einem Dritten das Nasenbein breche. (Ob man aus Fahrlässigkeit als Wirt Beihilfe zu einer Körperverletzung leisten kann, will ich mir jetzt nicht überlegen, würde es doch bedeuten, dass Wirte gegenüber ihren Gästen einen Generalverdacht haben müssten, was dem Gasthausklima eher nicht förderlich wäre.)

Das ist eine doch sehr abstruse Konstruktion und zudem eine Konstruktion, die vermutlich auch den engagiertesten Staatsanwalt davor zurückschrecken lässt, eine Anklage wegen Beihilfe zur Körperverletzung gegen einen Wirt zu erheben. Es ist schon verwunderlich, dass Rechtsanwalt Waetke nicht auf diese doch naheliegende Antwort auf seine gestellte Frage gekommen ist. Es hat ihn wohl doch zu sehr weggetragen, so sehr, dass man sich fragt, ob die Pressemitteilungs-Werbeanzeige ihren Zweck der Vermittlung von Kompetenz und der Werbung von Klienten auch wirklich erfüllt.

Endlich bleibt mir noch festzustellen, dass die Tendenz, individuelle Verantwortung für individuelle Handlungen auf Dritte abzuwälzen, sich langsam in einer Weise auswächst, die erschreckend ist. Also: Wenn Rechtsanwalt Waetke mein Text nicht gefällt, dann muss er sich an die eigene Nase fassen, denn ohne seinen Text, hätte ich meinen Text nie geschrieben, kur: er ist für meinen Text verantwortlich, nicht ich – Juristen“logik“!

„Sei knorke“, sei MINT – Verzweiflung pur

Kennen Sie MINT? Nein, nicht PepperMINT und auch nicht SpearMINT. Wenn Ihnen eines von beidem oder beides beim Thema MINT einfällt, dann zeigt das nur, wie als Sie sind und dass Sie in Zeiten überdimensionaler Kaugummi-Packungen groß geworden sind. Aber trösten Sie sich, denn MINT sagt vielen nichts, vor allem sagt es nach wie vor den allermeisten weiblichen Abiturienten nichts, die doch partout lieber Grundschullehrer oder Sozialarbeiter oder Marketeer werden wollen, alles nur nicht MINT, so scheint es. Zeit aufzulösen, was die meisten eh schon ahnen:

MINT IST KEIN BERUF, MINT IST EINE PERSPEKTIVE

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Lust auf MINT?

Letztere Weisheit stammt von einer Webseite, für die das BMBF verantwortlich zeichnet, jenes Ministerium dessen Hauptaufgabe derzeit darin zu bestehen scheint, Männer an Hochschulen zu diskriminieren, und zwar im Rahmen des Professorinnenprogramms und Frauen eine Perspektive zu eröffnen, bei der sie nicht konkurrieren müssen, eine Perspektive „MINT“, zum Beispiel.

Komm‘ mach MINT, so heißt es dann auch auf einer anderen vom BMBF finanzierten Webseite, die ein „Nationaler Pakt für Frauen in Mint-Berufen“ betreiben soll. Und nun ist es an der Zeit „MINT“ vollständig aufzuklären:

MINT – das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Doch MINT ist mehr. Damit kannst du Flugzeuge noch höher fliegen lassen, Autos noch umweltfreundlicher machen und mit der ganzen Welt kommunizieren. Wie das geht? Ganz einfach, indem du MINT nutzt, um die Welt von morgen mit zu gestalten. MINT steckt überall. Finde es heraus…

mintLogoHat noch irgendwer Fragen zur geistigen Verfassung unserer Politiker und ihrer Berater? Wundert sich noch jemand, dass unsere Kanzlerin #Neuland betritt, wenn Sie das Internet aufruft, sofern ihr jemand die Maus führt, heißt das? Mit MINT kann man Autos umweltfreundlicher machen und Flugzeuge noch höher fliegen lassen, so hoch, dass Sie im All verschwinden vermutlich. Der „Nationale Pakt für mehr Frauen in Mint-Berufen“ macht keinen Hehl daraus, dass er sich entweder aus Behinderten zusammensetzt oder an Behinderte wendet.

Aber wir leben in despearten Zeiten und desperate Zeiten verlangen nach Verzweiflungsmaßnahmen. Desperat sind die Zeiten, weil sich einfach nichts ändern will. Da beschwören Genderisten seit Jahrzehnten die Andersartigkeit von Frauen, basteln an einem Rollenbild vom neuen Mann, der sorgt, hegt und pflegt, also dem Ideal entspricht, das Genderisten für Frauen überwinden wollen, und trotzdem will sich kaum eine Frau einen Beruf suchen, dessen Ausbildung aus kaltem, rational und logisch kalkulierendem Inhalt besteht, nichts mit Sorge und Pflege zu tun hat, sondern mit Auspuff und Benzin, mit Hangabtriebskraft und Reibung und, es wird immer schlimmer, mit Schrauben und zugehörigem Werkzeug.

Was machen die Genderisten nur falsch?

Was auch immer Sie falsch machen, sie machen etwas oder vieles falsch, wie man den neuesten Zahlen zu Studienanfängern an Universitäten entnehmen kann. Trotz aller Werbung für MINT Fächer, trotz aller Girls-Days, aller Versuche, Frauen für das zu begeistern, was als Männerberuf gilt und wie wir von Genderisten wissen, ist alles, was mit Männern in Verbindung steht, schlecht, gewalttätig, kühl, egoistisch und logisch-rational, trotz all dieser Versuche, ist der „Uni-Run“ weiblicher Studierende auf MINT-Fächer bislang ausgeblieben.

Studierende MINT

Wie der Abbildung zu entnehmen ist, hat die Anzahl der Erstsemester, die sich in einem MINT-Fach einschreiben, über die letzten 20 Jahre zugenommen. Wie die Abbildung aber auch zeigt, ist die Zunahme insgesamt mit 4302 Studierenden pro Semester deutlich höher ausgefallen als die Zunahme weiblicher Studierender, die mit 1016 im linearen Trend eher bescheiden ausfällt und sich in einem Bereich bewegt, den man über die zunehmende Anzahl von Studierenden über die letzten 20 Jahre erklären kann. Mit anderen Worten: Die Abbildung weist alle MINT Bemühungen, all den finanziellen Aufwand und all die verzweifelten Versuche, mehr weibliche Studienanfänger in MINT-Fächer zu kanalisieren als absoluten Fehlschlag aus. Auf jeden zusätzlichen weiblichen Erstsemester in einem MINT-Fach kamen über die letzten 20 Jahre betrachtet jährlich vier zusätzliche männliche Erstsemester in einem MINT-Fach, das Geschlechterverhältnis in MINT-Fächern hat sich somit trotz (oder gerade wegen?) aller Bemühungen zu ungunsten von weiblichen Studierenden entwickelt.

Vielleicht ist diese Entwicklung der Grund dafür, dass den verzweifelten Versuchen wie „Komm‘, mach MINT“, nunmehr noch verzweifeltere Versuche nachfolgen. So hat die Hochschule Koblenz gemeinsam mit der awk AUSSENWERBUNG GmbH (ob das Unternehmen hier wohl altruistisch ist und seine Werbeflächen umsonst bereit stellt – für den guten Zweck, meine ich?) eine Plakataktion gestartet. „Neun Quadratmeter, die man nicht übersieht“, so heißt es in der zugehörigen Pressemeldung der Hochschule Koblenz und weiter:

KnorkeDas Motiv „Sei knorke. Sei Ingenieurin.“ hatten die fünf Marketing-Studierenden Nils A. Hillert, Stefan Heßling, Lea Colbow, Franziska Girwert und Natalie Buchen im Rahmen der Vorlesung „Marketing Communications“ von Prof. Dr. Holger J. Schmidt entwickelt und sich damit in einem Wettbewerb gegen fünf andere Arbeitsgruppen durchgesetzt. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, bei der Klebung des ersten Plakates ihres Siegermotivs mit Hand anzulegen – ebenso wenig wie ihr Dozent und der Präsident der Hochschule, Prof. Dr. Kristian Bosselmann-Cyran. Unter Regie von Stefanie Probstfeld, Leiterin Unternehmenskommunikation der awk AUSSENWERBUNG Koblenz, griffen die beiden Wissenschaftler gemeinsam zu Kleisterrolle und Besen.

Für alle, denen es so geht wie mir, und die denken, „knorke“ sei so etwas wie „bescheuert“ oder „nicht ganz dicht“, hier die Erläuterung aus Wikipedia:

Knorke ist ein Wort der Umgangssprache und bedeutet so viel wie gut, ausgezeichnet, zufrieden, ähnlich dem heutigen Gebrauch von „cool“. Der etymologische Ursprung des Wortes ist ungeklärt. Möglicherweise steht es mit dem Ausdruck Knocke in Verbindung, der so viel bedeuten soll wie „eine Handvoll (und damit zufrieden)“. Das Wort ist seit 1916 in Berlin nachgewiesen und wurde rasch zum beliebten Modewort, auch im Zeitungsjournalismus, im Kabarett …

Na dann, wenn es „cool“ ist „MINT“ zu sein, dann werden die weiblichen Erstsemester im Wintersemester der Hochschule Koblenz natürlich die Bude einrennen, um sich in MINT zu üben, denn MINT sein ist cool. Ganz nebenbei erfährt man, dass es Marketing-Studenten, ja selbst Professoren gibt, die sich nicht zu schade sind, einen Pinsel und einen Besen in die Hand zu nehmen. Es ist wirklich erstaunlich, was manchen Miterarbeiter in Presseabteilungen von Hochschulen, in diesem Fall Christiane Gandner, berichtenswert ist oder, anders formuliert, wie fremd ihnen doch manche (handwerklichen) Tätigkeiten sind.

Ich für meinen Teil bin schon gespannt auf die nächste Schnellveröffentlichung des Statistischen Bundesamts mit den Zahlen der Studierenden in MINT. Ganz besonders genau werde ich mir die Zahlen für die Hochschule Koblenz ansehen, um zu sehen, ob die Plakataktion in „Koblenz, Neuwied, Lahnstein, Bendorf, Mülheim-Kärlich, Vallendar, Waldesch und Weißenthurm“ außer Kosten auch einen Nutzen produziert hat.

Vorsicht vor sozialen Medien

twitterFacebook und Twitter, die beiden Speerspitzen im Bereich sozialer Medien, so behaupten zwei neue Studien aus den USA, sind mit Vorsicht zu genießen. Von wegen „sozial“, so meine Zusammenfassung der Wertung der Inhalte beider Studien durch die jeweiligen Autoren: Facebook wirkt sich negativ auf junge Beziehungen aus und Facebook wie Twitter befördern die Selbstverliebtheit ihrer Nutzer. Auf den Punkt gebracht: Soziale Medien machen asozial oder haben das Potential dazu – so zumindest die Behauptung.

Die erste der beiden Untersuchungen stammt von Elliot T. Panek, Yiordis Nardis und Sara Konrath und wird in der Septemberausgabe von Computers in Human Behavior zu finden zu sein. Die Untersuchung trägt den Titel: „Mirror or Megaphone?: How Relationships between Narcissism and Social Networking Site Use Differ on Facebook and Twitter“. Die Untersuchung basiert auf zwei Experimenten, die die Nutzung von Facebook und Twitter von je 486 Studenten bzw. von 93 Erwachsenen analysieren. Interessiert haben sich die Autoren für die Verbindung von Narzismus, also von Selbstverliebtheit, die man in diesem Kontext wohl besser als Hang zur Selbstdarstellung bezeichnen muss und der Nutzung von Facebook und Twitter. Herausgekommen ist dabei:

  • Studenten, stellvertretend für junge Menschen, nutzen Twitter häufig um sich zu produzieren als Mittel, um die eigene angenommene Überlegenheit über andere in die Welt zu posaunen (das ist meine Übersetzung).
  • Junge Menschen, so schließen die Autoren, haben es demnach notwendig, das eigene Profil durch z.B. Twitter erst zu schaffen. Sie nutzen Twitter entsprechend, um ihre Egos zu befördern.
  • Erwachsene nutzen häufiger Facebook als Twitter, und sie benutzen Facebook eher als Spiegel. Sie polieren ihre Erscheinung in sozialen Netzwerken und versuchen, die eigene Erscheinung für andere zu optimieren.

Facebook und Twitter sind demnach Mittel des narzistischen Selbstauslebens: Twitter dient dabei mehr als Posaune, als Megaphone, wie die Autoren sagen, Facebook als Spiegel, den man täglich polieren muss.

savage narcissismBeides, Posaunen wie Polieren, benötigt Zeit, Zeit, die an anderer Stelle fehlt. Und wenn diese Zeit Personen fehlt, die gerade eine neue Beziehung eingegangen sind, wobei „gerade“ bedeutet, dass die Beziehung nicht älter als drei Jahre ist (Warum? Keine Ahnung, vermutlich ein Ergebnis aus der Kategorie „data-speek-to-me“.), dann sind soziale Netzwerke im Allgemeinen und dann ist Facebook im Besonderen häufig ein Beziehungskiller. Dieses Ergebnis steht am Ende einer Untersuchung von Russel B. Clayton, Alexander Nagurney und Jessica R. Smith, die zur Veröffentlichung in Cyberpsychology, Behavior and Social Networking ansteht.

Unter dem Titel „Cheating, Breakup, and Divorce: Is Facebook Use to Blame?“ haben die Autoren die Ergebnisse einer Untersuchung der Facebook-Nutzung von 205 Erwachsenen im Alter von 18 bis 82 Jahren veröffentlicht. Untersucht haben die Autoren, wie die Häufigkeit, sich mit seinem Partner zu streiten oder seinen Partner zu betrügen, mit der Häufigkeit der Aktivitäten auf Facebook zusammenhängt (warum auch nicht?). Dabei ist Folgendes herausgekommen:

Individuen, die viel Zeit in Facebook stecken, stehen in der Gefahr, ihre Partner zu vernachlässigen, sie stehen in der Gefahr, z.B. durch Facebook-Kontakte mit früheren Partnern Eifersucht bei jetzigen Partnern zu bewirken, und sie sind in der ständigen Gefahr, durch ihre jetzigen Partner und in Facebook überwacht zu werden.

vintage-social-networkingMan sieht, zuviel soziale Netzwerke sind nicht gut. Entweder machen Twitter und Facebook narzistisch oder beide werden vornehmlich von narzistischen Persönlichkeiten genutzt, so genau sagt Untersuchung 1 dazu nichts aus, oder Facebook gefährdet die Qualität und den Bestand der eigenen (jungen) Beziehung (Beziehungen, die älter als drei Jahre sind, sind offensichtlich Facebook-resistent). Und weil das alles noch nicht reicht, empfehlen Clayton, Nagurney und Smith Facebook-Nutzern, die sich in einer Beziehung von weniger als drei Jahren Dauer befinden, ihre Facebook-Nutzung zurückzufahren und sich nur moderat auf Facebook zu engagieren.

Ja. Wenn man diese Ergebnisse verdaut hat, dann kommen zunächst die folgenden Fragen: Wenn die Beziehungs-Probleme aus der Facebook-Nutzung, die in Untersuchung 2 beschrieben sind, hauptsächlich daraus entstehen, dass die Facebook-Aktivitäten eines Partners durch den anderen Partner überwacht werden, dann setzt dies logisch voraus, dass sich beide Partner mehr für Facebook als für ihren jeweiligen Partner interessieren, was an sich schon darauf hindeutet, dass die Partnerschaft nicht mehr so thrilling sein kann, wie sie einmal war, wenn sie es jemals war.

Im Hinblick auf Untersuchung 1 stellt sich die Frage, ob narzistische Selbstdarstellung etwas ist, das mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke auf uns gekommen ist oder ob es nicht etwas ist, das soziale Beziehungen zu allen Zeiten ausgemacht hat. Angesichts der Mühe, die sich Menschen geben, um z.B. ihre Nachbarn zu beeindrucken, scheint mir die Annahme, Twitter und Facebook seien etwas anderes als neue Medien, die zur Auslebung sozialer Bedürfnisse genutzt werden, mehr als naiv zu sein. Folglich bleibt von Untersuchung 1 nicht viel an Neuigkeitswert übrig, denn dass Menschen neue Möglichkeiten zur Selbstdarstellung nutzen, ist nun wirklich nicht überraschend. Es kann nur denjenigen überraschen, der entweder ein Mauerblümchendasein führt oder das Führen desselben von anderen erwartet, was wiederum die Frage aufwirft, was derjenige wohl denkt, was soziale Beziehungen ausmacht.

Beide Untersuchungen gehören in einen rasch wachsenden Korpus von Untersuchungen, die neue Medien und vor allem „neue soziale Medien“ problematisieren, denn offensichtlich ist die Form von Sozialität, die in neuen sozialen Medien stattfindet, für viele der zu diesem Korpus beitragenden Autoren die falsche Form von Sozialität. Falsch ist demnach, mit Freunden auf Facebook zu chatten, sich auf Twitter mit Neuigkeiten aus aller Welt zu versorgen, oder sich in sozialen Netzwerken um den Aufbau eines eigenen Profils, einer Form von Persönlichkeit zu bemühen. Richtig wäre wohl, im Kreis der (Groß-)Familie gepflegt über den Nachbarn zu tratschen oder sonstigen Gossip auszutauschen, die Neuigkeiten, die die ARD für berichtenswert hält, aus dem Fernsehen zu beziehen und sich ansonsten moderat gekleidet zum jährlichen Dorffest in der Turnhalle einzufinden – natürlich mit Partner und in gesicherter Beziehung, auch wenn dieselbe weniger als drei Jahre alt ist.

Offene GesellschaftOffensichtlich hadern die Autoren, die sich mit den vermeintlichen Problemen oder Gefahren sozialer Netzwerke auseinandersetzen, damit, dass sich die Welt ändert, dass alles im Fluss ist, ein Zustand, der schon Heraklit zuwider war. Und weil sich die Welt ändert, weil das, was gestern noch als die richtige Form, in der soziales Verhalten stattfindet, gegolten hat, morgen schon überholt sein kann, fürchten die entsprechenden Veränderungs-Ängstlichen, dass die Welt die sie kennen, in sich zusammenfällt, dass Beziehungen durch Facebook gefährdet werden, dass Selbstdarstellung in Twitter zum Lebenszweck werden kann oder dass Ehen geschieden werden, weil beide Partner mehr Zeit damit verbringen, sich auf Facebook gegenseitig zu überwachen als damit, miteinander zu reden.

Als in den 1960er Jahren das Fernsehen aufgekommen ist, haben damalige Kommentatoren das Ende der sozialen Beziehungen vorher gesehen und den Verfall der Formen des Zusammenlebens, wie sie sie bis dahin kannten, befürchtet. Heute wiederholt sich das Lamento im Hinblick auf das Internet und die Nutzung sozialer Netzwerke. Und dabei entpuppt sich dieses Lamento als nichts anderes als die Angst vor Veränderung, die all diejenigen regelmäßig befällt, die fürchten, auf der Strecke zu bleiben.

Clayton, Russell B., Nagurney, Alexander & Smith, Jessica R. (2013). Cheating, Breakup, and Divorce: Is Facebook Use to Blame? CyberPsychology, Behavior and Social Networking. Online First.

Panek, Elliot T., Nardis, Yiordyos & Konrath, Sara (2013). Mirror or Megaphone? How Relationships between Narcissism and Social Networking Site Use Differ on Facebook and Twitter. Computers in Human Behavor 29(5): 2004-2012.

Wird Sachsen-Anhalt zum Armenhaus in Deutschland?

DemographietypenDer demographische Wandel ist in vollem Gange: Die Bevölkerung Deutschlands wird nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamts (allerdings auf Basis veralteter Zahlen) bis zum Jahr 2030 auf rund 77,4 Millionen von derzeit rund 82 Millionen sinken (Da der neue Zensus gezeigt hat, dass in Deutschland schon heute rund 1,5 Millionen weniger Einwohner klumpen als angenommen, muss diese Prognose entsprechend angepasst werden.). Dabei zeigen sich regional durchaus unterschiedliche Entwicklungen, die die Bertelsmann-Stiftung dazu veranlasst haben, Kommunen in neun Demographietypen einzuordnen, die unterschiedlichen Schwächen und Stärken der jeweiligen Kommunen Rechnung tragen. Es ist sattsam bekannt, dass der demographische Wandel als Folge des Rückgangs bei Geburten und der steigenden Lebenserwartung eine immer älter werdende deutsche Bevölkerung produziert: „Die Hälfe der Bevölkerung wird im Jahre 2025 älter als 47 Jahre alt sein – in den ostdeutschen Bundesländern sogar älter als 53 Jahre. Im Jahr 2006 war noch jeder … Zweite jünger als 42 Jahre“ (Große Starmann & Klug, 2009, S.5).

Mit diesem demographischen Wandel kommen eine ganze Reihe von Veränderungen auf Deutschland und vor allem auf Länder und Kommunen zu. Der Bevölkerungsrückgang lässt Systeme der Wasserver- und entsorgung, des öffentlichen Personennahverkehrs, lässt Kinder- und Jugendhilfe, Sozialamt und Schulen überdimensioniert werden. Und während immer weniger Beitragszahler die Kosten für Straßen, Wasserversorgung und ÖPNV zu tragen haben, streiten sich immer mehr Jugendhelfer und Sozialarbeiter um immer weniger Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Während vor allem ländliche Gebiete und eine Reihe von Städten wie Halle, Magdeburg, aber auch Gelsenkirchen oder Hagen die Konsequenzen einer sinkenden Bevölkerung in ihren Haushalten zu spüren bekommen werden, und wohl oder übel Mitarbeiter entlassen und kommunale Serviceleistungen der sinkenden Nachfrage werden anpassen müssen, profitieren einige Städte wie Dresden, Leipzig, München oder Hamburg vom demographischen Wandel. Sie können sich quasi als Arbeitszentren etablieren, die einen positiven Wanderungssaldo aufzuweisen haben.

Ghost townDas generelle Bild für Deutschland weist jedoch einen Bevölkerungsrückgang und damit verbunden die Notwendigkeit für Kommunen auf, sich an den Wandel anzupassen und ihre Ausgaben und Leistungen entsprechend zu dimensionieren. Dabei zeichnen sich jedoch bereits heute für manche Bundesländer Entwicklungen ab, die darauf hindeuten, dass sie mit den Anpassungsnotwendigkeiten, die der demographischen Wandels mit sich bringt, besonders stark  konfrontiert sind, und  weil sie bereits heute über eine Vielzahl ungelöster struktureller Probleme verfügen in Gefahr stehen, den Anschluss zu verlieren, ja zum Armenhaus der Republik zu werden. Diese Gefahr besteht z.B. für Sachsen-Anhalt, das mit folgenden Randbedingungen konfrontiert ist:

  • Bis zum Jahr 2030, so zeigt eine Modellrechnung des Statistischen Bundesamts (2011, S.21) wird Sachsen-Anhalt im Vergleich zu heute rund 21,2% weniger Bevölkerung aufzuweisen haben. Damit liegt Sachsen-Anhalt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, der einen Bevölkerungsrückgang von 3,5% sieht.
  • Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) wird in Sachsen-Anhalt bis zum Jahr 2030 um rund 40% sinken. Als Folge werden auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 71 Personen im Alter von mehr als 64 Jahren kommen. Zum Vergleich: Baden-Württemberg wird ein Rückgang des Anteils der erwerbsfähigen Bevölkerung um rund 25% vorhergesagt, der Altenquotient soll 2030 51 Personen über 64 Jahre auf 100 Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren ausweisen.

Landkreise_Sachsen-Anhalt.svgDie beschriebenen Entwicklungen sind an sich schon erheblich, denn der überproportionale Rückgang erwerbsfähiger Personen in Sachsen-Anhalt macht das Land im Vergleich zu anderen Bundesländern als Standort unattraktiv und die Überalterung des Landes stellt die kommunalen Haushalte und den Landeshaushalt vor all die Probleme, die oben dargestellt wurden. Zu den beschriebenen Problemen kommen jedoch noch eine Reihe weiterer Probleme, die Sachsen-Anhalt zu einem dauerhaften Sorgenkind im deutschen Länderfinanzausgleich  machen können bzw. werden, z.B. (die im folgenden berichteten Daten entstammen dem Bundesland-Ranking von Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Wirtschaftswoche):

  • Die Anzahl der Schüler, die in Sachsen-Anhalt die Schule ohne einen Abschluss verlassen, ist mit 12,3% sehr hoch. Der Anteil der abschlusslosen Schüler ist nur in Mecklenburg-Vorpommern, wo 13,7% der Schüler ohne Schulabschluss bleiben, höher.
  • Die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt beträgt 11,6%. Sie ist nur in Mecklenburg-Vorpommern (12,5%) und Berlin (13,3%) höher.
  • Der Anteil der Arbeitslosengeld II Empfänger beträgt in Sachsen-Anhalt 10,1%. Ledinglich in Bremen (10,2%) und Berlin (12,4%) sind die Anteile höher.
  • Die Anzahl der privaten Schuldner ist mit 11,5% in Sachsen-Anhalt sehr hoch und lediglich in Berlin (12,3%) und Bremen (13,5%) höher.
  • Das durchschnittlich verfübare Jahres-Einkommen beträgt in Sachsen-Anhalt 16.757 Euro. Lediglich Mecklenburg-Vorpommern hat mit 15.935 Euro ein geringeres durchschnittilches Jahreseinkommen vorzuweisen.
  • Die durchschnittliche Kaufkraft je Einwohner ist in Sachsen-Anhalt mit 16.606 Euro so gering wie in keinem anderen Bundesland.

Auch mit Blick auf die wirtschaftliche Dynamik rangiert Sachsen-Anhalt unter ferner liefen:

  • Die Anzahl der Patente, die in Sachsen-Anhalt angemeldet werden, ist mit 13 auf 100.000 Einwohner rund 10mal geringer als in Baden-Württemberg und nur in Mecklenburg-Vorpommern (10) noch geringer.
  • Im Hinblick auf die Produktivität rangiert Sachsen-Anhalt auf Platz vier vom Ende der Rangliste aus betrachtet und lässt nur Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen hinter sich.
  • Das gleiche Bild ergibt sich im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt: Lediglich Brandenburg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern bleiben dieses Mal hinter Sachsen-Anhalt.
  • Dagegen florieren in Sachsen-Anhalt die öffentlichen Investitionen, die offensichtlich und vornehmlich der öffentlichen Verwaltung zu Gute kommen. Kein anderes Bundesland hat so viele öffentliche Bedienstete vorzuweisen wie Sachsen-Anhalt. Mit 173 öffentlichen Bediensteten auf 5000 Einwohner ist das Land einsame Spitze.

Die berichteten Daten sind mehr als bedenklich. Sie zeigen einerseits, dass Wachstum in Sachsen-Anhalt vor allem als eine Funktion der Schaffung von Stellen in der öffentlichen Administration stattfindet, dass das Land andererseits jedoch im Hinblick auf die meisten Kriterien, die von Unternehmen bei der Standortwahl zu Rate gezogen werden, weit hinter den meisten anderen Bundesländern zurückbleibt.

nachhaltiges WachstumDabei kann das Wachstumsmodell „Sachsen-Anhalt“, das wirtschaftlichen Erfolg durch ein Aufblähen öffentlicher Verwaltungen anstrebt, angesichts eines Bevölkerungsrückgangs, der in Deutschland seines gleichen sucht, kaum als – wie heißt es doch so schön: nachhaltig bezeichnet werden, In Sachsen-Anhalt wird derzeit offensichtlich wider jeglichen ökonomischen Sachverstand versucht, den erwerbstätigen Teil der Bevölkerung fast ausschließlich in öffentlichen Verwaltungen anzusiedeln, was angesichts der Tatsache, dass öffentliche Verwaltungen finanzielle Mittel fressen und nicht produktiv sind, ein zum Scheitern bestimmtes Unterfangen ist, dessen finanzielle Folgen, dem Länderfinanzausgleich sei Dank, jedoch nicht von Sachsen-Anhalt getragen werden müssen, sondern von den Netto-Zahlern im Länderfinanzausgleich: Baden-Württemberg und Bayern.

Somit bleibt abschließend festzustellen, dass Sachsen-Anhalt alles andere als gut aufgestellt ist, um die Probleme zu bewältigen, die durch den demographischen Wandel auf das Land zukommen. Wäre ich Ministerpräsident des Landes, ich könnte nicht mehr ruhig schlafen.

Große Starmann, Carsten & Klug, Petra (2009). Blick in die Zukunft. Deutschland verändert sich. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.). Wer, wo, wie viele? – Bevölkerung in Deutschland 2025. Gütersloh: Bertelsmann-Stiftung.