Erosion moralischer Werte durch Märkte oder durch Wissenschaftler?

Am 14. Juni 2013 ist auf dradio.de ein seltsames Interview unter dem Titel “Erosion moralischer Werte durch Märkte” veröffentlicht worden. Ralk Krauter interviewt Armin Falk, der als Neuro-Ökonomie Professor vorgestellt wird. Sind viele Beteiligte im Spiel, so schwindet die Verantwortung, heißt es im Untertitel, und entsprechend habe ich mich schon an dieser Stelle gefragt, was das ganze mit Märkten zu tun haben soll, denn mehrere Beteiligte gibt es bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in der Planwirtschaft auch, und wenn die Menge der Beteiligten einen Schwund von Verantwortung auslöst, dann trifft dies auf alle Situationen zu, in denen mehrere Individuen miteinander interagieren. Aber dazu später.

Falk_Armin_webDas Interview beginnt damit, dass Armin Falk von einem Experiment erzählt, mit der er getestet haben will, ob Märkte “die Moral” erodieren. Ich habe nicht verstanden, was er da erzählt und mich entsprechend auf die Suche nach dem wissenschaftlichen Artikel gemacht, in dem steht, was Falk im Interview zu erklären versucht. Gefunden habe ich ihn in Science, Volume 340 vom 10 Mai 2013, Titel: Morals und Markets, Autoren: Armin Falk und Nora Szech.

Die Lektüre dieses Artikels hat mich nicht an der Moral von Märkten, wohl aber an der Moral von manchen Wissenschaftlern zweifeln lassen. Ein besserer Titel für den Artikel von Falk und Szech wäre nämlich: Was ist das Leben einer Maus wert. Um es gleich vorwegzuschicken, im Verlauf des im folgenden berichteten Experiments wurden lebende Mäuse getötet. Aber dass man selbst das sinnlose Töten von Mäusen als heroisch humanitären Akt verkaufen kann, findet sich bereits auf der ersten Seite:

“As a consequence of our experiment, many mice that would otherwise have been killed right away were allowed to live for roughly 2 years” (707).

white mouseWie nett: Also es geht hier um ein Experiment, in dem Moral getestet werden soll, und für diese Experiment wurden Mäuse gekauft, die gezüchtet wurden, um in Versuchsreihen gequält oder gleich getötet zu werden, die sich aber als für die Versuchsreihen als “unbrauchbar” erwiesen haben. Entsprechend wären sie sofort getötet worden, hätten Falk und Szech sie nicht gekauft, um sie in ihrem Experiment einzusetzen. Im Verlauf dieses Experiments ist die Mehrzahl der gekauften Mäuse getötet worden, aber die, die überlebt haben, denen haben Falk und Szech nach ihrer Ansicht ein Leben von knapp 2 Jahren geschenkt. Auch eine Form von Moral. Ach ja, es geht um Moral im Experiment, und zwar in zwei Versuchsanordnungen:

Anordnung 1 stellt Probanden vor die Wahl: Du erhälst 10 Euro und eine Maus wird getötet oder Du erhälts keinen Euro und die Maus bleibt am Leben.

Anordnung 2 sieht die Probanden miteinander und über einen Computer handeln. Dieses Computerhandeln ist, was Falk und Szech als “Markt” bezeichnen. Gehandelt wird um den Preis für das Leben einer Maus. Ein “Verkäufer” bietet das Leben einer Maus feil und mehrere Käufer machen Gebote, wie viel ihnen das Leben der Maus wert ist. Der Verkäufer erteilt den Zuschlag wann immer er denkt, genug mit dem Leben der Maus verdient zu haben.

Wären Falk und Szech nicht “Neuro-Ökonomen”, sondern Soziologen, sie hätten sich das Morden von Mäusen sparen können, denn heraus kommt, was jeder Soziologe, der sein Geld wert ist und eine entsprechende Ausbildung hat, vorhergesagt hätte: Die Bereitschaft, die Maus zu töten, ist in Anordnung 2 höher als in Anordnung 1 und der Preis für das Leben einer Maus sinkt.

Esser Spezielle GrundlagenDieser Ausgang erklärt sich recht einfach: Versuchsanordnung 1 macht den Probanden direkt verantwortlich. Entscheidet er sich für das Geld und gegen das Leben der Maus, dann muss er das auf die eigene Kappe nehmen. Versuchsanordnung 2 bietet dagegen die Anonymität der “Masse”. Entsprechend kann derjenige, der den Zuschlag erhält, die Verantwortung abschieben und derjenige, der den Zuschlag erteilt, kann die Verantwortung auch weitergeben. Diese Form des Verantwortungs-Sharings bzw. diese Form der Unverantwortlichkeit ist ein Bestandteil des täglichen Lebens der meisten, die ihr Schnitzel essen und sich nur dann die Frage stellen, wo das Schnitzel eigentlich herkommt, wenn herauskommt, dass Pferd im Schnitzel war. Die Verschiebung von Verantwortung bzw. das Verschwinden in der “Gruppenverantwortung” hat Le Bon bereits in seiner “Psychologie der Massen” beschrieben, und sie ist die treibende Kraft hinter jedem Lynchmob. Die Erkenntnis, für die Falk und Szech Mäuse ermodert haben, ist demnach bereits vorhanden, das Morden also sinnlos.

Und was haben die Ergebnisse mit Märkten zu tun? Schlicht nichts, denn – wie gesagt – die Tatsache, dass Hemmungen fallen, wenn Anonymität zugesichert ist, hat überhaupt nichts mit Märkten zu tun, wie jeder täglich im Internet erfahren kann, in dem es normal ist, dass hinter einem Pseudonym sich Versteckende, die Gunst der Stunde nutzen, um andere zu beleidigen, etwas, das sie sich nie trauen würden, müssten sie mit ihrem Namen einstehen. Im Internet kann man das Versuchsergebnis von Falk und Szech also problemlos und vor allem ohne dafür zu morden täglich gewinnen.

Was die Moral angeht, so kann man sich beim alten Kant erkundigen, für den es ein Instrumentalisierungsverbot gab, das er allerdings nicht auf Tiere ausgeweitet hat, die ihm als Sache galten. Für Kant haben Tiere also nur vermittelt über die eigene Menschenwürde mit Moral zu tun und für viele Zeitgenossen ist das offensichtlich immer noch so, oder wie Falk zum Ende seines Interviews sagt: “Ein zweites Motiv ist…, dass die Wertschätzung für die Maus eben nicht so hoch ist” (vor allem bei ihm). Ein wirklich radikales Ergebnis, auf das ein Wissenschaftler in einer Gesellschaft, der Massentierhaltung, in der das tierische Sterben zum Zwecke des Gefressen-Werdens oder um zu erproben, ob das neue Schampoo auch wirklich nicht die Augen reizt, eine Normalität ist, scheinbar nur kommen kann, wenn er Mäuse umbringt.

Le BonUnd damit komme ich zum letzten Punkt, der mich an dieser Forschung wütend macht. Falk will Ökonomieprofessor sein und ein Experiment konzipiert haben, das die Bedingungen auf einem Markt wiederspiegelt. Sein Markt ist von Verkäufern bevölkert, die ein Lebewesen anbieten, das für sie keine Kosten hat. Sie mussten die Maus nicht aufziehen, sie hatten keine Ausgaben für die Ernährung der Maus, sie hatten keinerlei Aufwand. Ähnliches gilt für die Käufer: Sie haben keine Kosten. Sie setzen kein eigenes Geld ein, sie kaufen nichts, was sich als problematisch herausstellt, der Handelsgegenstand, das Leben einer Maus, kann ihnen egal sein, sie haben nicht einmal Opportunitätskosten. Kurz: Das ganze hat mit einem Markt soviel zu tun, wie der Himalaya mit der Lüneburger Heide, wenn die Versuchsanordnung überhaupt etwas beschreibt, dann die Situation, in der sich Funktionäre finden, die sich um Dinge anderer kümmern, keine Kosten haben, wenn es um die Dinge anderer schlecht bestellt ist usw. Aber da es Mode ist, auf Märkte einzuschlagen, will scheinbar auch Armin Falk nicht abseits stehen und seine moralische Integrität dadurch beweisen, dass er sich am “Markt-bashing” beteiligt, quasi als Form der liturgischen Reinigung, und für diesen moralisch integren Zweck kann man schon einmal ein paar Mäuse ohne Sinn und Zweck über die Klinge springen lassen.

Ich finde das alles einfach nur widerlich.

Falk, Armin & Szech, Nora (2013). Morals and Markets. Science 340, 10. May 2013.

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12 Responses to Erosion moralischer Werte durch Märkte oder durch Wissenschaftler?

  1. Eine der unzähligen Auswirkungen der “Kollektiven (Zivilisations-)Neurose”. Die Befallenen / Beeinträchtigten sind von demjenigen Teil ihres Bewußtseins, in dem die wahre Bewertung des Denkens / Handelns stattfindet, abgetrennt. Bzw. konnte es sich nicht angemessen entwickeln.

    In der zivilisierten Gesellschaft schließt sich dieser Teil des Bewußtseins – zum Teil schon sehr früh – in der Kindheit unter der Einwirkung von Deprivation, Schmerz, Leid, Angst, Traumata etc.

    Daraus folgt eine – “ganzheitliche”, auch gefühlsmäßige – Wahrnehmungsstörung und entsprechend: Lern-Störung. Übrig bleibt die Möglichkeit des “niederdimensionalen” rationalen Lernens, von Regeln, Gesetzen usw. über den Intellekt. Das ist aber kein angemessenes Lernen; es führt nicht zur wahren Lebenstüchtigkeit der Betroffenen.

  2. jck5000 says:

    Den grundsätzlichen Unsinn haben Sie ja schon beschrieben, aber: 10 Euro für ein Mäuseleben? Wenn ich zehn Euro nehme, den netten Herrn Falk eine Maus töten lasse und dafür 25 Labormäuse (http://bit.ly/TSFAsQ, man rechne: 1500 Euro für 4000 Mäuse = 37,5 Cent/Maus) und eine Kugel Eis kaufe und im Wald aussetze (also die Mäuse, nicht das Eis), bin ich dann unmoralisch?
    Das gilt dann erst recht bei 20 zu verteilenden Euro – für jede Nicht-Einigung in diesem Experiment sind die Opportunitätskosten der Pseudo-Händler 50 Mäuse (und 2 Kugeln Eis).
    Oder kann man den Wert eines Mäuselebens nicht gegen ein anderes Mäuseleben aufwiegen?
    Wie wäre es mit Menschenleben? 15 Euro an Unicef, und irgendein Kind in Afrika hat sein Leben lang sauberes Trinkwasser (http://bit.ly/11YqIaC). Dazu eine Labormaus und zwei Magnum Mandel.
    Herr Falk definiert aber genau die Menschen, die sich dagegen entschieden haben, Kindern in Afrika zu helfen, eine Labormaus vor den Qualen der Testindustrie zu retten und dazu ganz hedonistisch ein Eis zu essen als “moralisch gut”. Da bin ich doch lieber unmoralisch.

  3. Susanne says:

    Ein hervorragender Text, der die ganze Scheinmoralität und den damit verbundenen Unsinn entlarvt.
    @jck5000: Wer immer noch daran glaubt, dass es durch irgendeine Zahlung an Unicef einem Kind in Afrika wirklich besser geht, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Es sind Unmengen an Geldern in Hilfsorganisationen geflossen, demnach dürfte es gar keine Armut mehr geben. Helfen Sie lieber hier einem Kind direkt ohne die Zwischenschaltung irgend welcher “Organisationen”, die sich selber die Taschen voll machen. Aber der Text passt zu jemandem, der meint, mit 15 Euro im Monat das Gewissen auf seiner Seite zu haben.

    • jck5000 says:

      Damit mich hier niemand falsch versteht: Es ging mir nur darum, zu illustrieren, wie scheinheilig die dargestellte “Moral” ist. Mir sind sowohl die Mäuse als auch die Wasserversorgung der Kinder in Afrika egal. Ich finde aber Ihren Hinweis gut, dass Spendenzahlungen weitestgehend “versumpfen”.

  4. a.behrens says:

    Edit: Im vorherigen Posting fehlte etwas! Das hier ist korrekt:
    ————————————
    Markt ist für mich ein Platz, an dem Leistungen ausgetauscht werden. Jemand bietet etwas an, ein anderer kauft etwas. Ein Handel kommt dann zustande, wenn wechselseitig die erworbene neue Leistung höher bewertet wird, als der Weiterbesitz der alten Sache bzw. der Aufwand zur Erstellung des Handelsgutes. Der entscheidende Punkt an Märkten ist in meinen Augen, dass Fehlentscheidungen zu persönlichen Verlusten führt. Durch diese Verluste entsteht das Prinzip der persönlichen Verantwortung.

    Im Maus-Setting gibt es zwei Güter: Leben und Geld. Es gibt keinen Aufwand. Weil es keinen Aufwand gibt, gibt es kein Risiko und damit keine persönliche Verantwortung.

    Weil es keinen tatsächlichen _Austausch_ von Gütern gibt, keinen Erstellungsaufwand, kein Risiko und keine Verantwortung, gibt es somit auch keinen Markt. Die Grundthese ist dabei falsch.

    Ich überlege nun, was in Maus-Experiment statt dessen passiert.

    Die beiden Güter könnte man als Privilegien ansehen (Das Privileg zu leben und das Privileg sich für 10,- EUR etwas zu kaufen). Die Privilegien wurden wurden von jemand anderem erwirtschaftet (Die Mäuse wurden durch die Maus-Mama geboren, das zu verteilende Geld wurde vom Steuerzahler (oder dem Prof selbst?) erarbeitet. Die Testteilnehmer können die Privilegien nach freiem Gusto verteilen.

    Da es keine persönliche Verantwortung gibt (die Mäuse werden z.B. durch jemanden anderen gepflegt, der Pflegeaufwand der deutlich größer als 10,- EUR sein wird, wird durch andere getragen), gibt es kein Risiko und somit keine Fehlentscheidungen. Statt dessen passiert das typische kollektivistische / anti-liberale Muster “Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren”.

    Wenn keiner guckt, entscheiden sich mehr Teilnehmer für den persönlichen Gewinn, also Geld. Wenn die individuelle Entscheidung publik gemacht wird, entscheidet man sich für dafür, den Aufwand (also den Verlust) einer anonymen Gesellschaft zu überlassen und für sich selbst moralische Überlegenheit zu demonstrieren.

    Das Mausexperiment offenbart daher ungewollt typisch sozialistisch Handlungsweisen, wie sie zur genüge bei Behörden und Politikern beobachtet werden können. Etwa Sahra Wagenknecht: Auf einem Parteitag, wenn alle gucken, wird ‘mehr Geld für Arme’ gefordert, finanziert durch jemand anderem (also den ‘Reichen’). Wenn keiner guckt, bevorzugt sie den persönlichen Gewinn(1).

    Gibt es Widerspruch?

    (1) http://www.sueddeutsche.de/politik/sahra-wagenknecht-laesst-fotos-loeschen-die-schoene-sahra-und-die-hummer-affaere-1.342298

  5. Moin!

    Natürlich ist das kein Markt. Aber vielleicht wird man in zehn Jahren schon Professor, wenn man undifferenziert auf die neoliberalen Märkte schimpfen kann. Ökonomie wäre dann auch das passende Fach.

    So kommt man auch als Ökonomieprofessor zu Tierexperimenten. Was sagte denn die Ethikkommission dazu? Volksaufklärung geht vor Tierleben?

    Dafür gibt das Experiment einen Einblick in die Spendenindustrie. Apropos Spendenindustrie, da war doch was.
    Honigmann: Interview mit Herr Richter R. Heindl a.D. ( 4 )
    http://youtube.com/watch?v=qBw1qnaFL2A
    Minute 12 bis 19

    Carsten

    Rüttgers
    http://www.toonpool.com/user/64/files/laborunfall_845985.jpg

  6. Naja, die GEZ Zwangsenteignungsfinanzierten sind ja mittlerweile bekannt dafür, sich Marxschen Wiedergängern hinzugeben. Freie Märkte sind “böse”, weil ja Freiheit “böse” ist – oder vielleicht auch “nur” bei “Märkten”.

    Freie Märkte sind nur dann gegeben, wenn diese den Prinzipien der FDGO folgen – d.h. Freiheit erwächst aus Recht und Recht aus Gesetz wie der transparenten Gleichstellung vor jenem – insbesondere aber der Transparenz ebendessen. Transparenz bedeutet folglich auch, das man sich eben nicht so leicht in der Masse “verstecken” kann.

    Wer “freie Märkte” als “gesetzlose” und “intransparente” versteht, der versteht auch Freiheit als Rechtlosigkeit und wird sie ablehnen. Nur ist Freiheit eben nicht Mord und Totschlag, auch nicht das von Darwin fehlinterpretierte “Ueberleben des Stärkeren”.

    Aber all das, was nach Freiheit richt, riecht irgendwie nach Gefahr, nach Verantwortung – und als GEZler versteckt es sich doch viel besser prächtig im finanzstärksten Medienkonzern der Erde, dessen Einnahmen ohne Freiheit doch viel besser spriessen…

  7. Pingback: Regierungen, Staaten – Moral und Korruption | Kritische Wissenschaft - critical science

  8. Marie says:

    Hallo, ich interessiere mich auch für das Thema und haben den englischen Text vorliegen, da ich aber kein Englisch kann und ich schon durch diverse Übersetzungsprogramme und mit Hilfe von Wörterbüchern versucht habe, das alles zu verstehen, bin ich aber gescheitert. Wäre jemand so nett und könnte mir da weiterhelfen? Das wäre großartig! LG Marie

  9. Pingback: Forscher der Uni Bonn: Wir züchten den neuen, nein: den richtigen Menschen | ScienceFiles

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