Aufregung im Hühnerhaus? Nein! Bestenfalls ein Sturm im Zahnputzbecher!

von Dr. habil. Heike Diefenbach

eine Ergänzung zu Bewegung im Hühnerhaus

KoehnenManfred Köhnen – tut mir leid, dieser Name ist mir in meiner dekadenlangen Tätigkeit in der wissenschaftlichen community nicht begegnet und logischerweise dann auch nicht in Zirkeln, die sich mit Wissenschaftstheorie allgemein oder Poppers Wissenschaftstheorie speziell beschäftigen. Niemand der Kollegen scheint den Namen zu kennen, und wenn das anders wäre, hätte Herr Köhnen es vermutlich nicht nötig, seine Haut für die Böll-Stiftung zu Markte zu tragen.

Aber sei’s drum; auch wenn er nichts von dem versteht, worüber er sich äußern zu müssen glaubt, sollten ihm ein paar grundlegende Dinge verständlich sein. Also:

Herr Diplom-Soziologe Köhnen,

1. wer eine Ahnung von Poppers Wissenschaftstheorie oder auch nur von Wissenschaftstheorie allgemein eine Ahnung hat, wird mit Sicherheit nicht die Peinlichkeit begehen, der interessierten Leserschaft kund zu tun, dass er den Unterschied zwischen Objektivität und intersubjektiver Prüfbarkeit nicht kennt. Das ist Grundstudiums-„stuff“, Herr Köhnen!

Weitere Fehler, Irrtümer, Unterstellungen (jedenfalls: Peinlichkeiten), die Sie mit Bezug auf Popper begehen, hat Michael Klein bereits in seinem Kommentar genannt. Das ist, glaube ich, selbstredend und hinreichend.

Offene Gesellschaft2. Wenn Sie meinen, dass das Programm, das Michael Klein und ich formuliert haben und dem sich ScienceFiles verpflichtet fühlt, nichts mit Popper zu tun hat, dann meinen Sie das eben, aber ich sehe dessen Relevanz nicht, denn das spricht sachlich nicht gegen das Programm. Wie Sie vielleicht schon einmal gehört haben ist es ein logischer Fehlschluss (ad hominem), wenn Sie meinen, die Tatsache, dass Herr Klein und ich das Programm verfasst haben (mit oder ohne Anregung durch Popper), lasse auf eine mangelhafte Qualität des Programms schließen. Für den Fall, dass Sie um den Fehlschluss wissen, muss ich leider annehmen, dass Sie mich und Herrn Klein persönlich beleidigen möchten. Also gehe ich lieber und in Ihrem eigenen Interesse davon aus, dass Sie nicht nur keine Kenntnis von Herrn Poppers Arbeit haben, sondern auch über keine grundlegenden Kenntnisse der Logik verfügen.

3. Es mag Ihren Standards wissenschaftlichen Arbeitens entsprechen, „Offenheit“ dadurch zu heucheln, dass auf die Existenz anderer Standpunkte verwiesen wird (die dann pauschal in einem Satz diskreditiert oder wahlweise bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt dargestellt werden, in der Hoffnung, sie mögen sich dann selbst diskreditieren; so zuletzt passiert in Herrn Meusers Rezeption der Arbeit von Diefenbach & Klein 2002).

Wissenschaftlichen Standards (und meinen) genügt dies jedoch nicht. Ihnen entspräche es, sich mit ARGUMENTEN auseinanderzusetzen, die gegen vorher gemachte Aussagen/Argumente vorgebracht werden. Dummerweise können Genderisten in der Regel keine solchen Argumente vorbringen, so dass ich meine Offenheit in diesem Bereich nicht unter Beweis stellen kann. Und da Sie keine Argumente gegen das Programm vorbringen, sondern es Ihnen nicht gefällt und Sie im Übrigen meinen, Herr Popper hätte andere Dinge geschrieben als er geschrieben hat, kann ich meine Offenheit auch nicht Ihnen gegenüber zelebrieren; ich kann Sie leider nur belehren.

Im Ernst, Herr Köhnen: wären Sie wirklich schon zufrieden, wenn wir von uns aus in unserem Programm anmerken würden, dass man sich natürlich weltanschaulich auf die Seite der Feinde der offenen Gesellschaft (der Genderisten?) schlagen könnte? Hierfür besteht für uns bei ScienceFiles jedenfalls kein Anlass, und es wäre für die Rezeption der Inhalte auf ScienceFiles auch vollkommen irrelevant: es geht schließlich um die inhatllichen Argumente und die methodische Qualität, mit der Belege für diese Argumente oder Widerlegungen dieser Argumente gewonnen wurden.

Noch einmal in Kürze:
Logik f dummiesHerr Köhnen, Sie schreiben vollständig an der Sache vorbei. Das Programm ist das Programm von ScienceFiles und wurde von Michael Klein und Heike Diefenbach entworfen und formuliert (die sich dabei auf wissenschaftstheoretische Überlegungen gestützt haben, aber lassen wir das, das verstehen Sie offensichtlich nicht). Es mag Ihnen nicht gefallen, aber das interessiert nicht (zumindest uns nicht), denn unser Programm ist nicht geschrieben worden, damit es jemandem gefällt, sondern damit jeder Leser weiß, welche Kriterien wir unserer Arbeit auf ScienceFiles zugrunde legen. Wir legen diese Kriterien zugrunde, und die Qualität unserer Arbeit bemisst sich anhand dieser Kriterien, nicht anhand Ihres weltanschaulichen Gusto. Ich weiß nicht, wie Sie zu Ihrer Diplom-Urkunde gekommen sind, aber wenn Sie bei mir studiert hätten, wüssten Sie, was eine Beurteilung anhand eines Kriteriums ist!

Das genau ist das Problem mit den Genderisten: Sie verstehen nicht, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was einem gefällt, und dem, wohin man kommt, wenn man (intersubjektiv mitteilbare!) Kriterien anlegt.

Was kann zu Ihren Ein-/Auslassungen im Interesse der und unter Finanzierung durch die anscheinend genderistische Böll-Stiftung zusammenfassend gesagt werden?

Ich sage:

Nice try, Herr Köhnen, aber leider nicht einmal Grundstudiumsniveau. Wir sind gestandene Wissenschaftler; wenn Sie etwas gegen unser Programm vorbringen möchten (außer, dass es Ihnen nicht gefällt,) müssen sie deutlich früher aufstehen, wie man so schön sagt (und dafür voraussichtlich noch lange, lange üben).

Und weil ich gerne auf eine konstruktive Note ende, zweierlei:

Erstens will ich Ihnen den gut gemeinten Rat mit auf den Weg geben, sich zukünftig nicht mehr zum Wasserträger von Institutionen machen zu lassen; wenn Sie nicht verstehen, warum, dann lassen Sie mich die Vermutung aussprechen, dass Sie noch selbst bemerken werden, dass Insitutionen gerne im Hintergrund bleiben und die Verantwortlichkeit für Unsinn denjenigen Leuten überlassen, die Sie dafür bezahlen, dass sie diesen Unsinn propagieren, für den die Institution ihre Finanzierung erhält.

Zweitens: Bevor Sie sich wieder öffentlich äußern, arbeiten Sie die Liste durch, die Sie hier finden. Es wird daher etwas länger dauern, bis Sie sich wieder öffentlich äußern sollten, aber ein guter Beginn wäre in Ihrem Fall “w” – wishful thinking…

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4 Responses to Aufregung im Hühnerhaus? Nein! Bestenfalls ein Sturm im Zahnputzbecher!

  1. Pingback: Bewegung im Hühnerhaus – Wir liegen den Genderisten im Magen | Kritische Wissenschaft - critical science

  2. jck5000 says:

    Ich kommentiere einfach mal auf der neuesten Seite…

    In dem nahezu unerträglichen Pamphlet (das zitierte), das ich zu dieser Stunde nur ertrage, weil die Freude auf meinen morgen beginnenden Sommerurlaub viel positive Stimmung macht, steht doch eigentlich nur gehaltloses Blabla, was mit einer vorgefertigten Ausredenliste für sich-die-Ohren-zuhalten endet.

    Aber zumindest werden Sie beide auf S. 56 von Herrn Gärtner als “Wissenschaftskritiker[$#*_+~]Innen” bezeichnet. Ich hatte Sie bisher immer als kritische Wissenschaftler gesehen, die Unwissenschaft kritisieren – wie die Gender Studies, die sich de facto wissenschaftskritisch geben, dabei aber selbst unwissenschaftlich sind, was sie mit ihrer eigenen Wissenschaftskritik begründen…

    Wie unwissenschaftlich die Autoren bei ihrer “Kritik an der Kritik” dabei selbst vorgehen, zeigt Herr Köhnen aber nicht nur durch sein (von Ihnen wunderbar gezeigtes) Unwissen (ich bin aber jetzt auch kein Popper-Experte), sondern auch durch sein eigenes Vorgehen bei der Widerlegung der Kritiken. Nachdem er aber offensichtlich irgendwann eine Hochschule besucht hat, versteckt er das hinter vielen Anführungszeichen und schwurbeligen Formulierungen, die sicher nicht jeder verstehen wird. Beispiel?

    Er beginnt mit einem Zitat eines Herrn Knauß, der behauptet:
    “Auch Gender-Theoretiker, die auf naturwissenschaftliche Forschung eingehen, sind entweder offen biologiefeindlich oder wollen die Biologie im Dienste der eigenen Theorie uminterpretieren”

    So weit, so verständlich, aber um Herrn Köhnes Gegenposition zu verstehen, vereinfache ich das mal, und gebe mit einer parallelen Vereinfachung Herrn Köhnes Replik wider, um die bestechenden Logik des Herrn Köhnen deutlich zu machen (alles von S. 42).

    Wir beginnen also Mit Herrn Knauß, der jetzt behauptet:

    “Auch Gender-Theoretiker, die über Obst reden, mögen entweder offensichtlich keine Bananen oder wollen Bananen verbiegen.”

    Dazu also Herr Köhne:

    “Erstens ignoriert Knauß das Erkenntnisinteresse der Gender Studies, nämlich – je nach fachlicher Ausrichtung – Tomaten, Zucchini, Kartoffeln und Sellerie-Gender als Gemüse zu untersuchen. Warum sollte sich z. B. eine verschiedene Anbauarten und -regionen vergleichende Untersuchung über Sellerie-Gender auf dem Zucchini-Acker interdisziplinär mit Äpfeln auseinandersetzen?”

    Ja, das ist eine gute Frage. Hat das jemand verlangt? Aber weiter:

    Zweitens will Knauß selbst dort, wo Obstbauern wie Fine (2012) durch Untersuchungen an Äpfeln nachweisen, dass traditionelle Apfelbäume Sellerie-Gender erzeugen, dies nicht anerkennen, sondern spricht von Missbrauch durch «Uminterpretieren».

    Äh… an dem Punkt muss ich korrigieren: Frau Fine ist nämlich Psychologin, oder um in meiner Übersetzung zu bleiben, Gemüsebauer, genauer Selleriebauer. Das erklärt dann auch, wie sie den Sellerie gefunden hat. Ansonsten macht die Geschichte nämlich keinen Sinn. Oder ist da jemand anderer Meinung? Aber weiter:

    “Es geht hier offensichtlich nicht um die bessere Anbaumethode der Obstbauern, sondern darum, dass die Geschlechterordnung von Zucchini als unveränderliche Natur beschrieben werden soll.”

    Sieht irgendwer noch einen logischen Zusammenhang?

    “Damit erhält die Forderung nach gut schmeckendem, schadstoffreiem Obst eine normative Aufladung.”

    Ach? Ich verstehe die Kausalität nicht, aber die Forderung unterstütze ich.

    “Denn die Forderung, dass die Geschlechterordnung so bleiben solle, wie sie ist, ist ebenso normativ wie die feministische Forderung nach Veränderung der Geschlechterverhältnisse.”

    Das mag sein. Aber was hat das mit Obst und Gemüse zu tun?

    Insofern kann ich mich der Forderung, dass Genderforscher keine Bauern sind und sich deswegen aus der Landwirtschaft raushalten sollen, nur anschließen.

  3. Pingback: Wissenschaftsfeindlich und differentialistisch: Genderisten und ihr Verhältnis zur Wissenschaft und zu Andersdenkenden | Kritische Wissenschaft - critical science

  4. Hätt’ er sein Jodeldiplom gemacht, dann hätt’ er was anständiges.

    Carsten

    http://thumulla.com/artikel/schlimmer.mpeg

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